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2011

Mädchenträume

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Allgemein, Kinder, Kommunikation, Kultur, Musik | 14 Kommentare

Mein Tun als Freiwillige werde weniger aus messbarer Arbeit als aus Begegnungen bestehen, legt mir Pater Heribert dar. Die bisher warmherzigste Sozialkontakt fand mit den Teenager-Mädchen aus dem Waisendorf statt. “Abhängen” könnte man das nennen, was wir an einem Samstagnachmittag gemeinsam taten. Ich aus Verlegenheit, sie mangels Beschäftigungsmöglichkeiten.

Diese Jugendlichen sind zum Bravsein verdonnert. Als Älteste in ihrer Wohngruppe helfen sie der Hausmutter beim Waschen und Kochen und erziehen selbstverständlich die Kleinkinder mit. Ihre Zimmer sind karg: ein Bett, ein verschlissener Schrank, Schulhefte aus rissigem Altpapier. Welches Taschengeld sollten sie ausgeben? Wo sollten sie Zigaretten, Lidschatten oder ein Hobby hernehmen? Wie sollten sie es direkt neben dem Nonnenkloster einfädeln, einen Boyfriend zu finden? Wobei sie damit ohnehin warten wollen, wie sie sagen. Man müsse auf der Hut sein vor den vielen unredlichen Boys. Aus Angst vor der Zukunft tun sich viele von ihnen gegen Ende der Schullaufbahn schwer mit dem Absprung aus dem Heim. In Simbabwe wird die Arbeitslosigkeit gar nicht mehr erfasst. Sie soll bei 80 Prozent liegen. Ich empfinde ehrliches Mitleid mit dieser Jugend.

Ich weiß nicht, ob diese Mädchen von Discos etwas wissen. Mit etwas Glück ergattern sie irgendwo eine Musik-DVD und tanzen dazu im Wohnzimmer vor dem Bügeltisch. Als Schmuck verwenden sie Rosenkränze aus Plastikperlen. Eine 14-Jährige ist im Besitz von Stöckelschuhen. Beyoncé sei ihre Lieblingssängerin, erzählen sie mir. Auch Rihanna und Alicia Keys. Ich solle ihnen ein gutes deutsches Lied beibringen, wünschen sie sich, und wir reden über mein Leben in Deutschland. Aber zuerst singen sie für mich. Drei der Mädchen nehmen mich auf einen Spaziergang mit. Auf einer Hügelkuppe im Sonnenuntergang sitzend, singen sie mir auf Shona vor. Ein rührendes Lied über den besten Freund und ein Kirchenlied über Jesus. X-mal wollen sie zum Abschluss vor meiner Kamera posieren. Ich muss es irgendwie schaffen, ihnen diese Porträts abziehen zu lassen. Was sie dringend brauchen, ist ein gutes Bild von sich selbst.

14 Kommentare zu “Mädchenträume”
  1. Christina 3rd November 2011 00:04

    80 Prozent Arbeitslose – meine Güte!! Können wir uns überhaupt ansatzweise vorstellen, was das mit den Menschen längerfristig macht?! Es ist schon verdammt schwer, aus so einer Lage heraus Eigeninitiative zu entwickeln, respektive daran zu glauben, dass Bemühungen, in welche Richtung auch immer, Sinn machen… Ein Teufelskreis!

  2. Hörnchen 3rd November 2011 10:42

    Liebe Isa,
    vielen Dank, dass du uns mit deinen wunderbar-rührenden aber auch aufschüttelnden Geschichten an Makumbi teilhaben lässt! Fast kommt es mir so vor, als wäre ich selbst schon mal dagewesen. Hanna und du, ihr seid bestimmt eine Wahnsinnsbereicherung für die Kinder und Jugendlichen. Auch wenn die sicherlich vieles nicht so traurig macht, wie wir Europärer die Kargheit empfinden. Ob vor 100 Jahren die Kinder bei uns mehr hatten? Als Mama kann ich nur sagen: wenig Dinge braucht ein Kind um glücklich zu sein, aber unendlich viel Zuwendung.
    Ich drück dich, meine liebe Isa.
    H.

  3. Tamara Dotterweich 3rd November 2011 14:40

    Liebe Isa,

    schön, Deine Berichte aus Simbabwe. Und natürlich auch ein bisschen zum Schlucken, in verschiedener Hinsicht . . . Grade, wenn man selbst schon so gut wie auf dem Weg dorthin ist. Afrika wird wohl immer eine ambivalente Erfahrung sein, schon meine Gefühle vor dem Abflug sind gemischt: Unsicherheit, Unwohlsein, aber auch die Einsicht, dass solche Erfahrungen gerade aus Europa heraus eigentlich unverzichtbar sind; deshalb auch Neugierde und Spannung bis Vorfreude. Alles in allem scheinst Du Dich gut akklimatisiert zu haben. Hier in Deutschland ist übrigens schönster warmer Frühherbst, schon seit Tagen. Kleine Entschädigung für den ausgefallenen Sommer. Bei uns geht es am Montag los, sei herzlich gegrüßt von Tamara

  4. Hadenkupf 3rd November 2011 18:28

    Liebste Lauerin, deine Berichte sind wirklich extrem anrührend. Ein gutes Bild von sich brauchen die Mädels dort ganz sicher. Mach aber fei bloß keinen Fehler, wenn du ihnen deutsches Liedgut beibringst: “Drah die net um”-Texte von Falco sind erstens österreichisch und damit hast du außerdem schon mich traumatisiert! ;-) Ich übelege, den schweinsrosaroten Kassettenrekorder in mein Gepäck zu stopfen…Bis zum Live-Besuch freue ich mich auf deine tollen Berichte!

  5. Glamourbabe81 3rd November 2011 19:46

    Hey, so von Charity-Girl zu Charity-Girl: Lässige Aktion, diese Makumbi-Reise. Sag mal, ist denn da für die Freiwilligen gutes Nightlife geboten. Ich meine, so im Sinne: Gutes tin, okeee, aber der Lohn soll für uns Charries schon auch passen, oder ;->

  6. Christina 3rd November 2011 21:13

    @Hasenkupf: Vom schweinchenrosanen Kassettenrekorder wurde mir auch schon berichtet, allerdings weniger im Zusammenhang mit Falco, als eher mit “The King of Pop”. Das (rosa) Relikt der Achtziger könnte doch in Simbabwe auf wunderbarste Weise wiederbelebt werden! :-)

  7. Monty 3rd November 2011 21:39

    Liebe Isa, ich sende Dir ganz viele liebe Grüße, eine feste Umarmung – und meinen Respekt. Es ist schön, dass es Menschen wie Dich gibt und berührend, wie Du uns daran teilhaben lässt. Pass auf Dich auf!!!!

  8. Georg Leitner 4th November 2011 15:12

    Hallo Isa!

    Als Freund der Familie Breitenstein nehme ich Anteil an Hannas und deinem Aufenthalt in Simbabwe. Heute ich habe ich deine Artikel gelesen und möchte mich dafür bedanken und ich ermutigen genauso weiterzuschreiben. Es ist gleichzeitig nüchtern und mit großer Anteilnahme, ernüchternd und manchmal auch ermutigend, sachlich und bewegend. Toll. Die lebendigen Fotos bereichern den Text.
    Vielen Dank.

    Georg Leitner aus Würburg

  9. Die Peses 4th November 2011 20:15

    Liebe Isa,
    jeden Tag sind wir gespannt wenn sich unser Browser öffnet, dein Blog erscheint und sich ein neues Foto und mit ihm auch ein neuer Artikel öffnet. Aus einer Welt, die unserer so fremd ist, berichtest Du so gutmütig, anrührend, mitfühlend und echt, dass uns unsere westlichen Luxusproblemen mehr und mehr beschämen. Wie wichtig ist es schon, über figurformende Unterwäsche zu reden, sich mit selbstreinigenden Dachziegeln zu beschäftigen und ungeduldig eine Minute auf eine verspätete S-Bahn zu warten? Liebe Isa, wir sind echt stolz auf Dich und freuen uns darüber hinaus, Dir durch Deine Texte so nah zu sein. A&S

  10. Der_JP_Minister 5th November 2011 11:15

    Als stiller Leser seit dem ersten Eintrag stelle ich immer wieder fest, dass ich allein durch die Lektüre einen Kulturschock bekomme… Kein Wunder, bei den Texten – so nah dran ohne vor Ort zu sein, immer wieder erstaunlich. Weitehrin alles Gute verbunden mit den besten Wünschen aus der Büchergruft!

  11. MC Nasdash 5th November 2011 11:31

    Yo! Habe gerade einen kreativen Durchhänger, keine Sorrows, bald gehts wieder weiter und IHR seid live dabei bei der Entstehung eines Welthits!

    mC NNNNNazzzzzz!

  12. Angelika 6th November 2011 16:06

    Was könnte man denn von hier aus tun, um diesen Mädchen konkret zu helfen? Wenn Sie länger dort sind und eine Idee haben, vielleicht kann man ja etwas in die Wege leiten.
    Nichts gegen die Padres, aber ob die nun für heranwachsende Mädels das richtige Programm haben …

  13. Vorstopper 6th November 2011 22:43

    Liebste Isa,

    ich glaube fest an die positive Wirkung der Sitzdisko (respektive hier Stehdisko)!!!! Brauchst du Nachschub?

    Herzlich,
    der Vorstopper

    isa Reply:

    Sitzdisco muss hier unbedingt eingeführt werden, lieber Vorstopper. Ich spüre schon die Vibrations. Ich kann im Moment nur die Frage noch nicht lösen, wie das ohne Stromzufuhr gehen kann. Kannst du kommen und nen Fahrraddynamo treten? Im Rhythmus zu “Bad Romance”? Aber mal im Ernst: Gebrannte CDs jeder Art wären echt der Hit!

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