Jun

8

2012

Simbabwe, deine Künstler (II)

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Kinder, Kultur, Simbabwe | 1 Kommentar

Simbabwische Bildhauer in Harare arbeiten an Shona-Skulpturen. Die genießen auch außerhalb Afrikas einen exzellenten Ruf.

Wieder was gelernt: Lange Wollunterhosen sind in Simbabwe nützlich. Der berüchtigte Winter ist ausgebrochen. Nachts fällt die Temperatur auf drei Grad, die Innenräume nähern sich Kühlschränken an. Ich pfeife auf die Ästhetik, im Moment trage ich zum Beispiel sechs Oberteile übereinander, und auch die Nonnen garnieren ihre Ordenstracht mit Ringelsocken, Anoraks, Winterstiefeln und notfalls einem Badehandtuch.

Wärmen wir uns also an der Kunst. Ist sie ein sinnloser Luxus in diesem Land mit einem gordischen Knoten aus wirtschaftlichen und sozialen Problemen? Ich behaupte: Nein. Wenn ich sehe, wie dankbar der helläugige Sean, die stille Valerie oder der ungezügelte Tinashe – sie sind echte Zeichentalente – Farben in die Hand nehmen, liegt die Antwort für mich auf der Hand. Ich bin der festen Überzeugung, dass zur Herausbildung einer reifen Persönlichkeit auch Kunst nötig ist. Bilder zu betrachten und zu gestalten, was letztlich nichts anderes ist als Materie zu strukturieren, erweitert die Hirnwindungen und schult den Erfindergeist.

Zum Glück geben mir da sowohl Lehrer als auch Schüler Recht. „Thank you, Sisi Isabel!“ Danke, Schwester, so bedanken sich die Kinder nach der Stunde im Chor, und vor der nächsten stürmen sie mir wie eine Hundemeute entgegen. (Ich leide wie jeder zu freundliche Hilfslehrer unter der Geißel der Disziplinlosigkeit. „Bestraf‘ sie! Sonst kannst du sie nicht kontrollieren“, raten mir die Klassenlehrer achselzuckend und legen ihre Gummiriemen auf dem Pult zurecht.) Kunstunterricht steht zwar im Stundenplan, aber nur als Platzhalter. Er fällt in der Praxis ständig der Materialknappheit und dem Nachholbedarf im Grasmähen und Rechnen zum Opfer.

Immerhin hat Simbabwe bei seiner ästhetischen Erziehung einen Ruf zu verlieren. Simbabwische Shona-Skulpturen, nach dem Volk benannt, stehen weltweit in Museen und Galerien. Diese traditionell von Männern betriebene Steinbildhauerei bringt sowohl abstrakte als auch naturalistische Figuren mit dezenten afrikanischen Anklängen hervor. Simbabwe ist im letzten Jahrzehnt so schnell und tief abgestürzt wie kein anderes Land der Welt. Da finde ich es beruhigend, dass es sich wenigstens noch Künstler leisten kann. Zumindest mit Augenwischerei kann man das behaupten. Jene, die von der Bildhauerei leben können, beziehen ihre Einnahmen maßgeblich aus dem Ausland. Sie reisen auf Einladung von Galeristen und Kulturbehörden nach München, Düsseldorf, in die Schweiz und in die USA.

Und kurioserweise in meine Heimat Mittelfranken: zu Fritz Meyer in die Galerie „Into Africa“ bei Georgensgmünd. Hier, zwischen Rapsfeldern und Landgasthöfen, habe ich genau vor einem Jahr meine ersten Kontakte nach Simbabwe geknüpft. Meyers Sommergastkünstler waren meine ersten Shona-Lehrer für den wegweisenden Satz: „Wo ist die Toilette?“ („Chimbuzi iri kupi?“)

Jetzt habe ich sie in Harare wiedergetroffen. An der Straße zum Flughafen arbeiten sie auf einem baumbestandenen Grundstück in einer herrlich wilden Open-Air-Werkstatt. Perlagia, die einzige Frau unter den 80 Bildhauern dort, stellte Hanna und mich ihren Kumpels vor. Alle äußerten ein bisschen freundlich-verwundertes Mitleid, dass wir in unserer abgeschiedenen Mission so katholisch leben müssen. Die Künstler zeigten uns die Serpentin-Steine, ließen uns die Feile ausprobieren, erklärten uns, wie Bodenwachs einer Skulptur Glanz gibt. Die, die schon im Norden waren, schwärmten uns von deutschen H&M-Läden und Discos vor. Wir hörten Musik aus dem offenen Auto, spielten ein Kronkorken-Brettspiel, aßen gemeinsam aus einem Topf mit den Fingern und saßen auf zerfallenden Autositzen. Irgendwann fuhr an der Flughafenstraße mal wieder der Präsidentenkonvoi vorbei. Sie lästerten, wir lachten.

Isabel mit ein paar Steinmetz-Künstlern an der improvisierten Mittagessens-Tafel.

Fast vergessen waren die umständlichen Gepflogenheiten aus dem Landleben von Makumbi, das mich regelmäßig daran erinnert, wie ich mir Deutschland vor 100 Jahren vorstelle. Die Tage mit Perlagia wurden die unkompliziertesten in Simbabwe.


Perlagia und ein paar Kollegen sind mir schon nach Franken vorausgereist. Man kann sie und ihre Arbeit kennenlernen, wenn die Galerie „Into Africa“ in Wernsbach/Georgensgmünd (Landkreis Roth) vom 29. Juni bis zum 1. Juli ihr Sommerfest feiert. Bei „Zimbabwe meets Wernsbach“ sind Shona-Skulpturen zu sehen, es gibt täglich Bildhauer-Schnupperworkshops, afrikanische Musik sowie fränkisch-afrikanische Speisen und Getränke. Der Eintritt ist frei.

1 Kommentar zu “Simbabwe, deine Künstler (II)”
  1. blog@netz10.de 8th Juni 2012 10:00

    Vielen Dank für dieses großartige Blog, das ich regelmäßig verfolge, weil es exklusive Einblicke über Simbabwe erlaubt. Grüße aus dem fernen Nürnberg!

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