Dez

10

2011

Krasses Kariba

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Kultur, Reisen, Tiere, Wasser | 2 Kommentare

Ich fühlte mich an Höhen und Tiefen meiner Pubertät erinnert, als ich diese schwülen Tage mit den 40 Mädchen verbrachte. Das “krass” in der Überschrift des Beitrags rührt allerdings anderswo her. Mit “Krasses Varanasi” betitelte einst meine indienreisende Freundin ihre E-Mail aus der gleichnamigen heiligen Stadt am Ganges, in der strenggläubige Hindus baden und sterben. Ein Aufenthalt neben den Verbrennungsplätzen am Fluss gerät für so manchen keimfrei aufgewachsenen Europäer zum Schocker.

Die Verhältnisse am Kariba-See waren indisch in mehrfacher Hinsicht. Die Hitze versuchte uns zu ersticken, die improvisierte Massenunterkunft in einem Zwei-Mann-Priesterhaus raubte uns den letzten Quadratzentimeter Intimsphäre. Ich übte mich in der fast vergessenen Tugend der Langmut. Sagen wir es, wie es ist: Diese Reise geht in meine Annalen der schrecklichsten Tage und Nächte ein. Der Fahrer hingegen, der uns im Kleinbus zu Ausflugszielen chauffierte, ging am letzten Tag in eine Haftzelle hinein. Er besitzt keinen Führerschein. Nun zeigt sich die Polizei nicht mehr langmütig genug.

Sehr afrikanisch verhielt sich das Wasser, indem es uns ein ganz erstaunliches Paradox vorführte. Im Angesicht einer der weltgrößten von Menschenhand geschaffenen Wasserflächen verfügten wir am Ufer über so gut wie keinen Tropfen. Von den 180.600.000.000 Kubikmetern drang meist nichts in die Leitungen vor. Ebenso blieb es in der ärmlichen Gegend bis zuletzt unmöglich, ein Stück Fisch aufzutreiben. Obwohl wir doch dort unten jede Nacht unter den Sternen die Boote funkeln sahen.

Der Fischer muss aufpassen, dass er kein Happy Hippo angelt.

Die Pfadfinderinnen und unsere Mädchen aus dem Kinderheim hatten zum Glück ihren Spaß: Sie tanzten, angefeuert von ihrer Nonne und der Schuldirektorin, zu Hip-Hop-Videos im Reisebus wie in der Disco. Sie eroberten eine Riesen-Wasserrutsche und freuten sich über das Hähnchen-Grillfeuer und eine heimliche leichte Weinschorle am letzten Abend. Sie jubelten genauso wie wir Weißen über die Zebras am Straßenrand und die drei Elefanten, die wir in der Ferne unter einem Hochspannungsmast ausmachen konnten. Nur die aufdringlichen Paviane, die Spaghetti aus dem Kochtopf stahlen, waren ihnen auch aus Makumbi bekannt.

Wahrscheinlich war Nyaminyami an den Umständen schuld. So heißt das Seeungeheuer, das immer wieder Unheil anrichtet, weil die Stauseebauer das Vieh vor 50 Jahren von seiner Ehefrau im Sambesi-Fluss abtrennten. Man sollte Nyaminyami nicht zwingen, gefällig zu sein, indem man ihn um “Urlaub” wie an der Adria erpresst. Es geht in Kariba nur voran, wenn man nicht mehr daran glaubt. Unser Bus für die Rückfahrt holte uns nicht, wie ausgemacht, um 8 Uhr ab, sondern elf Stunden später.

“T-i-a”, sagte ein junger Jesuit zu Hause in Makumbi kopfschüttelnd nach unseren Erzählungen. “This is Africa!” Er stammt aus Simbabwe.

Ein Bus kann auch mal elf Stunden verspätet sein.

Nach Sambia kann man rüberlaufen: Mädchen aus dem Makumbi Children's Home mit Isabel und Hanna auf der Staumauer der Kariba-Talsperre.

An der Staumauer der Kariba-Talsperre. Nichts erinnert mehr daran, dass der Bau des monströsen Unterfangens seinerzeit knapp 100 Arbeiter das Leben kostete und die Umsiedlung von 60.000 Talbewohnern erzwang.

Nov

8

2011

Sommerregen

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Allgemein, Landschaft, Wasser, Wetter | 17 Kommentare


Pünktlich mit den ersten Novembertagen ist der Regen gekommen. Viel, sehr viel Regen. Heftige Wolkenbrüche übergießen an manchen Nachmittagen die Savanne, die seit Mai kein Wasser mehr gesehen hat. Zart sprießt Grünes hervor. Möge der Mais auf den Äckern wachsen. Das Wort für “Sommer” und für “Regenzeit” lautet auf Shona “zhizha”. Spricht sich wie “Wasserpfeife” aus. Etwa so dampfig fühlt es sich auch an. Und der Blick aus dem Fenster sieht fast so aus wie in Deutschland.

Okt

30

2011

Strom aus dem Wasserhahn

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Allgemein, Elektrizität, Kultur, Wasser | 3 Kommentare

In nur wenigen Metern Entfernung organisieren die Menschen ihre Hausarbeit ausschließlich mit Tageslicht und Handarbeit. Sie kochen in Rundhütten auf Feuerstellen und schöpfen Wasser aus Bohrlöchern. Die Missionsstation ist im Vergleich dazu in den letzten paar Jahren technisch respektabel aufgerüstet worden. Am Direktionsgebäude gibt es einen Drahtlos-Internetzugang per Satellitenempfang. Bald soll die Region richtig ans Netz gehen; der Mast dafür ist auf dem Berg schon errichtet. Handys sind für die Einheimischen sehr erschwinglich geworden. In vielen Shops und Ständen am Straßenrand kann man sich Telefoniereinheiten auf kleinen Papierstreifen kaufen. Ein großer Generator versorgt Makumbis Schulhäuser, und teilweise schließt Solarstrom die Lücken. Das Wasser für das Missionsgelände wird aus einem Stausee durch ein Filtersystem heraufgepumpt. Auch “Murungus”, wie die Weißen mit ihren Prinzessinnen-Magen heißen, vertragen es, ohne es abkochen oder filtern zu müssen. Den strengen Geschmack kann man mit einem Spritzer Sirup tarnen.

Soweit die Theorie. In der Praxis muss jeder Deutsche mit Kummerfalten rufen: Wo sind die Ingenieure? Wie kann Afrika unter der Knechtschaft der fehlerhaften Technik jemals produktiv werden? Früher oder später frustriert es jeden Zugewanderten, warum der Kontinent aus eigener Kraft nichts dagegen unternimmt, höre ich in Gesprächen. Elektrizität und Wasser kommen und gehen wie Launen. Beim Strom ist das auf staatliche Rationierung zurückzuführen. Beim Wasser ist es das mysteriösere Schauspiel. Man kann den Hähnen in unseren Wohngebäuden nie ansehen, welcher etwas abgeben möchte. Mal lässt sich der linke zögerlich melken, mal der rechte. Heiß und kalt fließen im munteren Wechsel. Die Klospülung stagniert ebenso unberechenbar. Die Leitungen führen wohl ein Eigenleben, wie Brother Ben aus der Jesuiten-Kommunität leidgeprüft bezeugt: Er hat an seinem Waschbecken einen Stromschlag erhalten. Man behilft sich also mit Reserve-Eimern. Handwäsche ist mein tägliches Geschäft, denn die Waschmaschine ist den Festtagen vorbehalten, an denen Strom und Wasserdruck zusammentreffen. Ich gestehe: Man kann ohne Strom und fließendes Wasser vorübergehend gut zurechtkommen. Zusatzerkenntnis: Dies trifft nicht zu, wenn man sich mitten in der Nacht übergeben muss.

Mein Schlafraum ist großzügig mit sieben Steckdosen ausgestattet, aber aus verschiedenen Gründen hat keine von ihnen Saft. Herr Chanu, der Elektriker, war da. Er wand sich etwas. Man müsse, sagte er, leider alles so lassen. Neues Material könne er weder auftreiben noch finanzieren. Aber er habe eine gute Idee: Er wird die kaputte Steckdose im Wohnzimmer gegen die funktionstüchtige austauschen, die ungünstig unterm Schreibtisch angebracht ist. Die kaputte würde dort unten dann nicht weiter stören. Wir gingen beschwingt auseinander.

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