Nov

27

2011

Afrika-Krise: Folge zwei

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Freiwilligenarbeit, Gesundheit, Kinder, Kultur | 9 Kommentare

Der Tag fing schlecht an, und er ging fürchterlich weiter. Die Vorschullehrer ließen mich diesmal mit den 150 Schülern gleich ganz allein. Einer musste in einer lehrerlosen Klasse aushelfen. Die zwei anderen gingen für eineinhalb Stunden Töpfe abspülen. Die Kinder, die an mir hochsprangen, verstellten nun den Blick auf jene, die ich vom Prügeln abhalten wollte und beim Bodenwischen beaufsichtigen sollte. Das Wischen wiederum ist sinnlos. Sekündlich entsteht neuer Dreck. Es gibt Staubstraßen, Enge, Reis und Chips, aber keine Abfalleimer. In diesem Lärmorchester meinte ich die Trompeten von Jericho herauszuhören.

Schläge sind hier die finale Waffe des Lehrers – da mache ich aber nicht mit. Meine Friedensverhandlungen gedeihen leider kaum. Denn immer kommt mir der übliche Erwachsene dazwischen, der einen Streit folgendermaßen schlichtet: Er fordert den Verprügelten auf, dem Schläger zur Vergeltung eins auf den Kopf zu hauen.

Mein Unmut über diese Zwangslage fand indes ein jähes Ende, als mir ein Mädchen mit blutbespritztem Kleid entgegenkam. Knapp über ihrem Auge: eine knochentief klaffende Wunde. Später stellte sich heraus, dass sie von der Eisenschaukel verursacht worden war – nur zwei Tage später wurde ein Junge an derselben Stelle getroffen. Mir fiel die Aufgabe zu, das Mädchen in das staatliche strom- und wasserlose Krankenhaus zum Nähen zu begleiten. Ich bin in medizinischen Dingen nicht zartbesaitet. Aber dort hielt mich vom Kollaps nur die Angst ab, selbst behandelt werden zu müssen. Ich habe von so vielen Fehlbehandlungen gehört, dass mich der Kerzenschein am Bett gar nicht mehr schrecken würde. Erschütternd daran ist wieder einmal, dass Simbabwe einst ein funktionierendes Gesundheitswesen besaß, es aber binnen kurzem aufgab.

Es soll in Makumbi einen Arzt geben, aber gesehen wird er selten. Schwestern gibt es genügend, doch die tragen nur ihre Popos und Frisuren spazieren. Eine bürstete draußen die Wiese. Sie agierten in einer Langsamkeit, als wären sie in Kältestarre gefallen. Kurz: Es ist schon viel Blut an ihnen vorübergeflossen. „Ich gehe jetzt zum Tea“, sagte eine zu mir. „Bis in einer Stunde.“ Wie zum Hohn hing hinter ihr, neben Tuberkulose- und Aids-Informationen, ein handgeschriebenes Plakat mit einem Ehrenkodex der Krankenschwestern. Unter bösen Blicken von 40 wartenden Patienten bestand ich dennoch auf vorgezogene Behandlung. Sie erfolgte nach einer Stunde brutalstmöglich. Die Schwester sprach kein Wort und setzte die dicke Nähnadel an, noch bevor die Betäubung wirkte. „Sorry“, sagte sie dann, „sorry.“ Das kleine Mädchen weinte so bitterlich vor Schmerzen, dass ich auch zu stöhnen begann. Verständigen konnten wir uns nicht. Ich blies ihm zur Belohnung einen Luftballon auf, das schuldete ich ihm. Die Leute runzelten die Stirn.

Mein neues Problem bestand nun darin, die Kleine nach Hause zu bringen. Der schweigsame Bruder, der die Eltern verständigen hätte sollen, blieb auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Nach 50 Minuten Fußmarsch kamen wir in einem Talgrund an. Die Mutter saß auf dem Boden, der Vater hackte Holz. Sie hielten nicht inne und stellten keine Fragen. Kaum ein Wort des Dankes oder der Zuwendung. Es sind schon sieben Kinder da, auffallend wortkarg alle, die Frau ist wieder schwanger. Der Mann lebt in Polygamie, erfuhr ich. Das ist auf dem simbabwischen Land eine respektierte Lebensform, die meist mit dem Bekenntnis zu einer traditionellen Religion einhergeht.

Ich erklärte den Eltern, dass sie dem Krankenhaus drei Dollar schuldeten und ihre Tochter nun täglich zum Verbandswechsel bringen müssten. Und ich wusste im selben Moment, dass sie es nicht tun würden. Wer hat hier schon drei Dollar zurückgelegt? Und wer würde meine heimische Definition von „Kindeswohl“ überhaupt nachvollziehen können?

Ich war tieftraurig. Auf dem Rückweg machte ich auf dem Krankenhausgelände ein Landschaftsfoto. Ein Mann trat auf mich zu und wies mich zurecht, dass ich nicht fotografieren dürfe. Man wisse schließlich nicht, wozu ich die Informationen verwende. Da hat er natürlich Recht.

Ich verwende sie nur für diese Aussage: Es ist nicht nur schön, eine andere Kultur zu entdecken. Man fühlt sich dann erschöpft und sehr deutsch. Bitte lass’ mich bei einem Notfall nie in dieses Krankenhaus bringen, sagte ich zu Hanna.

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