Dez

30

2011

Mais ist mein Gemüse

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Essen, Kultur, Landwirtschaft | 4 Kommentare

Nationalgericht Simbabwes: Aus dem "Gold der Armen" wird der Maisbrei namens Sadza zubereitet. Jeden Mittag. Und Abend. Und immerzu.

Hannas Eltern haben für den Silvesterabend ein Käsefondue in petto. Aber womit aufsaugen – etwa mit labbrigem Toastbrot? In Simbabwe isst und trinkt man ordentlich, aber nicht aufregend und schon gar nicht genussreich. Das hat ausnahmsweise nichts mit Geld zu tun. „Wir können nicht kochen“, hatte mich meine erste Shona-Lehrerin noch in Franken informiert. Die Auskunft verwundert wenig, da das Land einst von den Briten besetzt war. Nach allem, was die Missionars-Pioniere in ihren Aufzeichnungen hinterließen, steht jedoch zu vermuten, dass auch der vorkoloniale Speiseplan kaum Höhepunkte enthielt. Von ungesalzenem Fleisch berichten die Brüder, und das in übelriechendem Wasser angerührte Maismehl machte ihnen mehr Probleme als das Fieber.

Wie das Plakat zeigt, sind Raupen (madora) und Termiten (ishwa) in der Ernährungstafel selbstverständlich enthalten.

Die indigenen Gerichte konnten mich noch nicht überzeugen. Muss man die gebratenen geflügelten Termiten (ishwa) und die schwarzen getrockneten Raupen (madora) probieren, um ein guter Freiwilliger zu sein? Noch konnte ich die Insekteneuphorie aussitzen, und die Termiten schwärmen nur abends durch die Fensterritzen in mein Zimmer hinein. Es bleibt mir auch ein Rätsel, wie der Schleim aus gekochten Okra-Schoten und der braune, sandige, ungewürzte Brei aus Grassamen namens Rapoko jemals in einen Teller finden konnten. Rapoko sieht schlimmer aus als Flussschlamm. Viel schlimmer. Wer gerne isst, weiß, wie viel Optik und Konsistenz zum Geschmack beitragen.

Proteine mit sechs Beinen: Eben sind die Termiten noch herumgeflattert, nun warten sie nach der Pfannenröstung auf den Verzehr.

Simbabwer lieben Brei. Zum Frühstück essen sie Porridge. Zum Mittag- und Abendessen nehmen sie Maisbrei (sadza), also 730 Mal im Jahr, und wahrscheinlich steckt er sogar in ihren Kopfkissen. Die stichfeste Masse wird mit Hilfe eines Holzstabs aus Maismehl und Wasser gekocht. Salz kommt nicht hinein. Interessant wird dieser weißgelbe Berg dann durch pikante Beilagen wie spinatähnliches Gemüse mit Erdnussbutter, rote Bohnen, Kürbis, Kohl, Tomatensoße, Rindergulasch, Schweinskotelett oder meist frittiertes Hühnchen. Dessen Füße und Köpfe werden mitverzehrt, dem ängstlichen Murungu jedoch erspart. Je vornehmer die Gesellschaft, desto mehr Bandbreite. Manchmal finden dann Kartoffeln, Reis, Nudeln und Sadza gleichzeitig statt. Vor- und Nachspeisen sind unüblich. Getrunken werden Wasser oder Softdrinks. Der Kaffee ist Instant, das Brot Sandwich, das Fett Margarine. Gewürze stammen aus Knorr- und Maggi-Fertigmischungen. Es ist eine erdige Küche zum Sättigen, ohne Experimente. Dazu passt, dass Männer wie Frauen kräftig rülpsen dürfen.

Kinder verkaufen Mashanje-Früchte an den Straßen. Diese wilden Mispeln mit dicken Kernen und gelbem, nassem Fruchtfleisch muss man auslutschen. Zum Jahresende gehen sie zur Neige.

Meine kulinarischen Vergnügungen kommen von oben. Dicke Avocados erster Klasse fallen von einem haushohen Baum in unseren Garten herab. Die Zwergbananen daneben schmecken so köstlich wie die goldenen Früchte des Dezember: Kugelige wilde Mispeln (mashanje) und kleine Mangos haben ein unvergleichliches Aroma. Und manchmal leistet sich die Ordensgemeinschaft Überraschungen aus dem Supermarkt. Da tauchten schon eine Schwarzwälder Kirschtorte, Räucherwurst und Rotwein aus Südafrika auf. Auf der Torte stand zur Sicherheit, damit auch ich den künstlichen Kirschgeschmack deuten konnte, “Blackforestcake”.

In Deutschland wäre die Ladung dieses Pickups ein Vermögen wert. In Harare kann man für sechs Dollar einen mittelgroßen Eimer süßester Mangos kaufen.

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