Sep

13

2012

Kirchenkritik muss sein

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Afrika, Freiwilligenarbeit, Kirche, Missionare | 4 Kommentare

Bald nach meiner Rückkehr lud mich das Bamberger Bistum zu einer Gesprächsrunde der "Missionare auf Heimaturlaub" mit Erzbischof Ludwig Schick (r.) ein. Für katholische Selbstkritik war leider keine Gelegenheit. Foto: Erzbistum Bamberg

Wir erinnern uns: Meine Aufgabenfindung als Volunteer gestaltete sich zunächst schwierig. Zu den vielen unerwarteten Dingen, die ich dann doch in Makumbi gelernt habe, zählte auch das Whiskeytrinken. Außerdem die Kunst, große Insekten ohne Zögern mit dem Pfannenwender zu erschlagen, und wie man ein Visum für die USA online beantragt. Es empfiehlt sich übrigens, dies alles gleichzeitig zu tun, dann ist es weniger schlimm. Und sonst?

Meine selbst gewählte Hausaufgabe, mich mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen, erwies sich als die härteste. Gelöst habe ich sie noch nicht. Das liegt eigentlich nicht am Schreckenswort „Mission“. Die weißen Feldzüge zur „Rettung der armen Negerseelen“ sind als geschichtliche Bewegung wenn nicht gutzuheißen, so doch zu begründen. Diese „Mission“ ist Vergangenheit, die Gegenwart schwarz. Die letzten verbliebenen Jesuitenmissionare aus Europa übergeben jetzt ihre Arbeit aus Altersgründen in afrikanische Hände.

Die Kirche der Makumbi-Mission ist eine unverzichtbare Anlaufstelle für die Region geworden.

Ich konnte mich in Simbabwe überzeugen, dass die katholische Kirche heute verlässliche, unverzichtbare Sozialarbeit leistet. Sie trägt unverhältnismäßig viele Schulen, Krankenhäuser und Hilfsprojekte in dem maroden Staat, der das Gemeinwohl mit Füßen tritt. In der Makumbi-Mission sieht man das schon auf einem 50 Meter kurzen Spaziergang. Direkt neben den adretten Backsteingebäuden liegt ein Krankenhaus, das in Kürze auseinanderfallen wird. Die Backsteinhäuser sind jesuitisch, das heillose Krankenhaus staatlich. Die Mission stützt eine ganze Region.

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Was ich dem Bischof sonst erzählt habe, ist hier nachzulesen.

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Zehn Prozent der Simbabwer sind Katholiken – von einer Machtposition kann bei diesen Größenverhältnissen ohnehin nicht die Rede sein. Es sind andere Glaubensgemeinschaften aus der evangelikalen Bewegung, die lautstark um Mitglieder buhlen. Und die Jesuitenmission Deutschland, die uns Freiwillige entsendet, ist ein modernes Hilfswerk, nichts anderes. Das Waisendorf von Makumbi bestünde sonst nicht.

Was mich vielmehr zurückstieß, sind die Abgründe zwischen der Selbstdarstellung der katholischen Kirche und der Realität ihres Personals. Damit sich der Papst über den wachsenden Priesterzulauf auf dem afrikanischen Kontinent freuen kann, wird mit aller Kraft verschwiegen, dass hier besonders häufig der Zölibat gebrochen wird. Auch der Jesuitenorden leidet unter einer hohen Verfehlungs- und Austrittsquote. Ich habe Fälle solcher jungen Männer kennengelernt und kann sie, bei aller Dreistigkeit, sogar verstehen. Der Klerus bietet in einem Entwicklungsland unvergleichliche Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. In diesem Stand gibt es auch mehr Autos, mehr Handys und mehr Kuchen. Da beginnt man zu tricksen, um ein unheiliges Leben als heilig erscheinen zu lassen. Das Armutsgelübde ist schnell mal vergessen. „Ich bin frei, solange ich Gott nicht beleidige“, so windelweich versuchte mir einmal ein junger Jesuit seinen Hang zur Libertinage zu rechtfertigen.

Nicht anfreunden konnte ich mich dagegen mit den konservativen bis fundamentalistischen Einstellungen etlicher Priester und Nonnen. Manch einen beschäftigte es stärker, dass ich eine tägliche Frühmesse schwänzte, als dass draußen auf dem Kirchplatz ein Vater mit einem behinderten Kind nach Hilfe fragte. Andere beten auf jeder Autofahrt Rosenkränze, beantworten Fragen der Jugendlichen jedoch mit Schlägen. Von der unentschlossenen Aids-Präventionspolitik mal abgesehen. So stelle ich mir die doppelmoralischen Zeiten meiner Urgroßeltern vor.

Aber ich stamme auch aus einer zutiefst kirchenkritischen Gesellschaft. Meinen eigenen Glauben muss ich davon trennen. Ich fasse es zusammen mit einem Absatz aus einem Artikel, in dem ich in einem katholischen Magazin auf meinen Aufenthalt zurückblicke:

„Die freie Zeit füllte sich wie von selbst. Zum Beispiel mit dem Besuch von Gottesdiensten, die im Missionsalltag eine Selbstverständlichkeit sind. Für mich wurden sie auch zur Geduldsprobe, und nicht nur, weil ich das Shona nicht verstand. So beeindruckt ich mich vom Gotteslob der himmlisch singenden Gemeinde sah, so enttäuscht fühlte ich mich von vielen unglaubwürdigen Kirchenvertretern. Sei es, weil manchem Geistlichen Dogmen mehr bedeuteten als Sozialarbeit, sei es, weil andere, anscheinend ungeniert, das Zölibat missachteten. Vor einer Verklärung der Weltkirche, wie sie bei deutschen Bischöfen oft zu hören ist, hüte ich mich seither.“

Szenen aus Gottesdiensten in Makumbi. Die Kirche zeigt sich feierlich, jung, hingebungsvoll. Und für meinen Geschmack oft auch scheinheilig.

Aug

6

2012

Foto mich! (II)

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Landschaft, Simbabwe | 1 Kommentar

Wo auch immer man hinläuft - Zeit für Smalltalk muss sein. Die weiß Gewandeten gehören einer ursprünglichen simbabwischen Religionsgemeinschaft an, einer sogenannten apostolischen Kirche. Deren Mitglieder glauben an Propheten und Heiler aus ihren eigenen Reihen, integrieren aber auch christliche Elemente. Ihre Zeremonien finden in der freien Natur statt.

Man soll es nicht glauben, aber ich habe längst nicht alles fotografiert, was ich fotografieren wollte. In der Missionsstation läuft ein schönes Ausbildungsprojekt für Behinderte, die nähen oder schustern lernen. Die Teilnehmer forderten die üblichen Porträts von mir ein, vor Palmen und Blumen wollten sie posieren, und dabei vergaß ich, wie viel natürlicher sie an ihren Singer-Nähmaschinen ausgesehen hätten. Schlimmer aber waren die Holz-Phantome. So nannte ich irgendwann die Menschen, die nahezu freihändig große, selbstgesammelte Bündel aus Feuerholz auf dem Kopf nach Hause transportieren. Ein großartiges Motiv, es erzählt viel über die Lebensumstände in einem Land. Doch es begegnete mir immer zu spät. Die Holz-Gespenster versteckten sich hinter Lastwagen und in Gebüschen. Falls das nicht ging, schlugen sie Haken, um mir zu entkommen. Das Gleiche passierte mit den Autoreifenverkäufern am Straßenrand, die gern in ihren Autoreifen ein Nickerchen halten. Näherte ich mich ihnen in einem Fahrzeug, gab dieses plötzlich besonders stark Gas. Auf diese Weise entstanden wirklich viele Gras-Studien.

Heute nun der zweite Teil meiner Bilder-Auslese nach dem Memory-Prinzip. Zum Vergrößern einzeln anklickbar.

Aug

1

2012

Was die Geheimkamera hergab

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Harare | 2 Kommentare

Die Einfahrt und die Straße zum State House, dem Amtssitz des Präsidenten Robert Mugabe. Sagen Sie jetzt bloß nicht, das seien aber schlechte Bilder.


Spion ist in Simbabwe ein beliebter Beruf. Allerdings weniger unter auswärtigen Gästen als unter Einheimischen. Man kann nie wissen, welcher Schulfreund in Diensten der Central Intelligence Organisation steht. Auch einen ehemaligen Jesuiten kann die Karrierechance ereilen, und er lässt sich vielleicht anwerben und achtet künftig darauf, ob seine Gesprächspartner lauthals lachen, wenn wieder jemand behauptet, der Präsident sitze in seinem Konvoi nicht in der Limousine, sondern liege längst im Schlussfahrzeug, dem Krankenwagen.

Im Hinblick auf diese nette Nachbarschaft reagiert man im öffentlichen Leben hin und wieder so allergisch auf Fotografen, wie ich es beschrieben habe. In meinem ersten Blogbeitrag über die Hauptstadt Harare faselte ich deshalb von der Notwendigkeit einer James-Bond-Kugelschreiberkamera. Noch belustigt von meiner Science-Fiction-Idee, stand mir vor Staunen der Mund offen, als mein Vater – technisch offensichtlich weniger rückständig als ich – mir meinen Wunsch erfüllte. Er fand das Wundergerät auf einer Reise nach Dubai und schickte es nach Makumbi. Zum Hohn entdeckte ich es vor ein paar Tagen auch im Katalog eines Nürnberger Elektronik-Fachmarkts, allerdings viel teurer.

Das Spielzeug funktioniert tadellos. Seine Ausbeute, ich gebe es unumwunden bekannt, ist indes bescheiden. Aus Lieschen Müller wird so schnell keine Agentin. Ich müsste wohl noch mehrere Jahre üben, bis die Perspektive stimmt und der Finger das richtige Knöpfchen drückt. Oder ist das etwa eine aussagekräftige Straßenszene?

Und das?

Nun, es wurde besser mit der Zeit.

In einer Apotheke: Gratis-Frauenkondome.

Am Busbahnhof: fliegende Händler.

Manchmal kann man den Menschen auch deshalb nicht sehen, weil er zwei riesige Säcke mit Plastikflaschen schleppt.

Hier sieht man wiederum, warum der US-Dollar keine gesunde Währung für Simbabwe ist.

Ich bin bei den wenigen Schnappschüssen wohlgemerkt kein Risiko eingegangen. Doch abgesehen davon, dass man Mitmenschen nicht einfach einen schwarz-goldenen Kugelschreiber vor die Nase halten kann, ohne dass diese sich stark wundern oder gar hineinbeißen, ist die Bedienung trickreich. Während sich die Kamera in der Straße schnell abschaltet, so dass man vergebens auslöst, schießt sie umso lieber Darkroom-Fotos aus dem Inneren der Handtasche.

Einmal aber kam der große Moment für den Stift. Ich saß im Sammeltaxi zufällig an der Heckscheibe, als sich der Präsidentenkonvoi ankündigte. Das würde die Feuerprobe! Fieberhaft drückte ich den Auslöser ein paar Mal, als die schwarze Sause kam. Und alles, was der Kugelschreiber später hergab, waren diese beiden Motive:

Ich denke, die Autos fuhren mit Lichtgeschwindigkeit. Mugabe weiß sehr gut, wo er abgebildet werden möchte und wo nicht. Solange gilt für mich: Die Kandidatin ist für Spionage untauglich.

Jul

22

2012

Foto mich! (I)

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Landschaft, Simbabwe | 5 Kommentare

Ist das noch romantisch oder schon kitschig? Die Kirche von Makumbi im Abendrot.

Also doch: Ich bin ein Messie. Einer dieser wahnsinnigen Sammler, die zum Beispiel unpassend viele Haustiere um sich scharen, was man dann „Animal Hoarding“ nennt. Mein Problem heißt „Picture Hoarding“. Ich schwimme in Fotos. Die machen soweit zum Glück keinen Dreck, doch sie sind eitel und wollen alle angesehen werden. In meinen Computerverzeichnissen aus Simbabwe befinden sich jetzt etwas über 11 000 Fotos. Ich bin dem Rat meines treuesten Kommentators Charlie gefolgt und habe meine kleine Digitalkamera als Tagebuch benutzt, anstatt schriftlicher Aufzeichnungen. Je mehr Leute mich dabei sahen, desto mehr wollten sich fotografieren lassen. „Take me a picture“, „Photo me“, baten sie in krummem Englisch. „Isa, foto mich!“ Bei Gelegenheit schenkte ich ihnen Abzüge von ihren Babys, Arbeitsplätzen und coolen Posen. Dazu kamen die fotografischen Erträge von Hanna und ihrer Familie, von Freunden und Kollegen, die mich besucht haben. Nun kann ich Diavorträge bis zum Untergang der Welt veranstalten. Die nächsten Blog-Einträge zeigen eine Auslese der besten, noch unveröffentlichten Fotos. Heute: Motive in Pärchen, ein bisschen wie bei „Memory”. Alle sind natürlich vergrößerbar.

Jun

13

2012

Grundkurs Korruption

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Afrika, Brauchtum, Geld | 6 Kommentare

Isabel in Weltuntergangsstimmung am Grenzübergang Südafrika-Simbabwe. Der Bus ist weg, das Visum ist in Gefahr.

Lesen, Leute, ihr müsst jetzt schneller lesen. Ich komme nämlich in Kürze nach Hause: schon in den letzten Junitagen, vier Wochen früher als geplant. Mein Blog steht unter Zeitdruck, ich noch viel mehr. Und das in Afrika, wo es doch angeblich keine Hektik gibt. Neulich hat mich der Mann im Postamt am Samstag damit vertröstet, dass es Briefmarken erst wieder am Montag gibt. Der Fronleichnamsgottesdienst am nächsten Tag dauerte, neuer Rekord, viereinhalb Stunden.

Für den simbabwischen Staat aber ist die Zeit, die sich ein europäischer Besucher für das Land nimmt, viel zu lang. Jetzt kann ich es ja rauslassen: Meine Mitbewohnerin und ich hatten kontinuierlich Probleme mit unserer Aufenthaltsgenehmigung. Aus Sambia und Südafrika konnten wir nur unter Auflagen wieder zurückkehren, die uns Sorgenfalten machten. Zuletzt hatte ich, wie man so schön sagt, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mein Besuchervisum war immer nur 30 Tage gültig, und jetzt gab es plötzlich keine Verlängerung mehr.


„Die Sprache der Bestechung ist ganz einfach, sagt mir der findige Missionsmitarbeiter, der uns einst auf unserer Reise zu den Victoria-Fällen durch den Slalom der Polizeikontrollen half. „Ich sage ein paarmal, dass ich die geforderte Strafhöhe nicht bezahlen kann. Brother, sage ich, schau mal, ich hab’s nicht. Ich kann nicht. Das verstehst du doch bestimmt. Wir haben beide ein Geldproblem.”

Dem Besitzer dieses Autos bleibt wenigstens die Plage der Polizeikontrollen erspart.

Als Hanna und ich uns nach der Rückfahrt von Johannesburg in der bedauerlichen Schweißausbruchsklemme sahen, binnen zwei Werktagen entweder Simbabwe endgültig zu verlassen oder eine 500 Dollar schwere Arbeitserlaubnis vorzulegen, mussten die Jesuiten für uns kämpfen. Der erprobte Gladiator war ein Priester, der einen wiederum erprobten Kontaktmann in die Einwanderungsbehörde schickte.


„Notfalls erzähle ich noch ein paar Geschichten, dass das nur das geborgte Auto meines Chefs ist oder dass ich ein Priester bin, der eilig zur Messe fahren muss. Ich habe es auch schon geschafft, vor der Polizei mein Autowachs als Feuerlöscher auszugeben. Hör’ mal, was kann ich denn dafür, wenn mir der China-Laden die Flasche als Feuerlöscher verkauft hat, habe ich den Beamten wütend gefragt. Wer sagt denn, dass das Wachs kein Feuer löschen kann? Kannst du das Gegenteil beweisen? Und überhaupt, wo ist denn euer eigener Feuerlöscher? Den will ich sehen!”

„Es ist entsetzlich“, sagte der Priester und fuhr mit uns durch die halbe Stadt, „Korruption ist im letzten Jahrzehnt ein paralleles System geworden.“ Im Auto lief coole Musik, mit seiner schwarzen Sonnenbrille sah er plötzlich aus wie einem Agentenfilm entsprungen. Wer sich in Simbabwe wundere, warum er mysteriöserweise auch beim zwölften Anlauf in der Führerscheinprüfung durchfalle, habe das noch nicht verstanden, erzählte der wackere Mann. Ohne Bestechung bekomme niemand mehr die Fahrerlaubnis. Simbabwer mit ausländischen Wurzeln müssten derzeit Tausende von Dollar in die Klärung ihrer Staatsangehörigkeit investieren. „Wir empören uns, aber jeder muss mitmachen. Es kann nur noch dadurch gestoppt werden, dass eine neue Regierung dem Spuk ein Ende macht.”


„,Was sollen wir denn dann tun?’ Wenn der Polizist dich das fragt, kündigt er an, dass er bereit ist für einen Deal. Du darfst nie offen das Schmiergeld ansprechen. Ich sage: Ich kann dir fünf Dollar zahlen, mehr habe ich nicht dabei. Er sagt, das ist zu wenig. Ich sage: fünf, mehr kann ich nicht. Er sagt: Ich kann aber keinen Strafzettel über fünf Dollar ausstellen. Ich: Macht nichts, machen wir es ohne Strafzettel. Wir machen es ohne Strafzettel, und er steckt das Geld ein.” Die Polizisten haben von ihrer Dienststelle übrigens den Auftrag, pro Straßenkontrollposten eine bestimmte Summe am Tag einzutreiben. 2000 Dollar zum Beispiel. Die werden dann aufgeteilt. Schöne Dienstwagen können davon angeschafft werden; der Polizist darf das Auto als Teil seiner Pension in den Ruhestand mitnehmen. Seit ich das weiß, sehe ich beim Vorbeifahren die Geldbündel in seiner Hand.

Wir hielten auf dem Parkplatz eines Fleischfirmengeländes. „Habt ihr die Scheine da?”, fragte der Sonnenbrillenpriester. Draußen stand der Kontaktmann des Kontaktmanns. Ein paar Stunden später bekamen wir unsere Reisepässe zurück, darin der teuerste Stempel weit und breit, gültig für 30 neue Tage. Aber für die Jesuiten noch billiger als die Arbeitserlaubnis.

Für uns war das eine nachhaltige Lektion über das Wesen der Diktatur. Wo sich Geldgier mit dem Stolz einer anarchischen Verwaltung paart, wo Propaganda Helfer als Spione und Ausbeuter verleumdet, da sollte man sich zunächst nicht zu unmoralisch fühlen und dann besser den Rückzug antreten.

Schade, sehr schade, sagen viele Leute in Makumbi.

Simbabwe erscheint mir wunderschön. Vielleicht umso schöner, desto mehr es auf den Abschied zugeht.

Jun

8

2012

Simbabwe, deine Künstler (II)

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Kinder, Kultur, Simbabwe | 1 Kommentar

Simbabwische Bildhauer in Harare arbeiten an Shona-Skulpturen. Die genießen auch außerhalb Afrikas einen exzellenten Ruf.

Wieder was gelernt: Lange Wollunterhosen sind in Simbabwe nützlich. Der berüchtigte Winter ist ausgebrochen. Nachts fällt die Temperatur auf drei Grad, die Innenräume nähern sich Kühlschränken an. Ich pfeife auf die Ästhetik, im Moment trage ich zum Beispiel sechs Oberteile übereinander, und auch die Nonnen garnieren ihre Ordenstracht mit Ringelsocken, Anoraks, Winterstiefeln und notfalls einem Badehandtuch.

Wärmen wir uns also an der Kunst. Ist sie ein sinnloser Luxus in diesem Land mit einem gordischen Knoten aus wirtschaftlichen und sozialen Problemen? Ich behaupte: Nein. Wenn ich sehe, wie dankbar der helläugige Sean, die stille Valerie oder der ungezügelte Tinashe – sie sind echte Zeichentalente – Farben in die Hand nehmen, liegt die Antwort für mich auf der Hand. Ich bin der festen Überzeugung, dass zur Herausbildung einer reifen Persönlichkeit auch Kunst nötig ist. Bilder zu betrachten und zu gestalten, was letztlich nichts anderes ist als Materie zu strukturieren, erweitert die Hirnwindungen und schult den Erfindergeist.

Zum Glück geben mir da sowohl Lehrer als auch Schüler Recht. „Thank you, Sisi Isabel!“ Danke, Schwester, so bedanken sich die Kinder nach der Stunde im Chor, und vor der nächsten stürmen sie mir wie eine Hundemeute entgegen. (Ich leide wie jeder zu freundliche Hilfslehrer unter der Geißel der Disziplinlosigkeit. „Bestraf‘ sie! Sonst kannst du sie nicht kontrollieren“, raten mir die Klassenlehrer achselzuckend und legen ihre Gummiriemen auf dem Pult zurecht.) Kunstunterricht steht zwar im Stundenplan, aber nur als Platzhalter. Er fällt in der Praxis ständig der Materialknappheit und dem Nachholbedarf im Grasmähen und Rechnen zum Opfer.

Immerhin hat Simbabwe bei seiner ästhetischen Erziehung einen Ruf zu verlieren. Simbabwische Shona-Skulpturen, nach dem Volk benannt, stehen weltweit in Museen und Galerien. Diese traditionell von Männern betriebene Steinbildhauerei bringt sowohl abstrakte als auch naturalistische Figuren mit dezenten afrikanischen Anklängen hervor. Simbabwe ist im letzten Jahrzehnt so schnell und tief abgestürzt wie kein anderes Land der Welt. Da finde ich es beruhigend, dass es sich wenigstens noch Künstler leisten kann. Zumindest mit Augenwischerei kann man das behaupten. Jene, die von der Bildhauerei leben können, beziehen ihre Einnahmen maßgeblich aus dem Ausland. Sie reisen auf Einladung von Galeristen und Kulturbehörden nach München, Düsseldorf, in die Schweiz und in die USA.

Und kurioserweise in meine Heimat Mittelfranken: zu Fritz Meyer in die Galerie „Into Africa“ bei Georgensgmünd. Hier, zwischen Rapsfeldern und Landgasthöfen, habe ich genau vor einem Jahr meine ersten Kontakte nach Simbabwe geknüpft. Meyers Sommergastkünstler waren meine ersten Shona-Lehrer für den wegweisenden Satz: „Wo ist die Toilette?“ („Chimbuzi iri kupi?“)

Jetzt habe ich sie in Harare wiedergetroffen. An der Straße zum Flughafen arbeiten sie auf einem baumbestandenen Grundstück in einer herrlich wilden Open-Air-Werkstatt. Perlagia, die einzige Frau unter den 80 Bildhauern dort, stellte Hanna und mich ihren Kumpels vor. Alle äußerten ein bisschen freundlich-verwundertes Mitleid, dass wir in unserer abgeschiedenen Mission so katholisch leben müssen. Die Künstler zeigten uns die Serpentin-Steine, ließen uns die Feile ausprobieren, erklärten uns, wie Bodenwachs einer Skulptur Glanz gibt. Die, die schon im Norden waren, schwärmten uns von deutschen H&M-Läden und Discos vor. Wir hörten Musik aus dem offenen Auto, spielten ein Kronkorken-Brettspiel, aßen gemeinsam aus einem Topf mit den Fingern und saßen auf zerfallenden Autositzen. Irgendwann fuhr an der Flughafenstraße mal wieder der Präsidentenkonvoi vorbei. Sie lästerten, wir lachten.

Isabel mit ein paar Steinmetz-Künstlern an der improvisierten Mittagessens-Tafel.

Fast vergessen waren die umständlichen Gepflogenheiten aus dem Landleben von Makumbi, das mich regelmäßig daran erinnert, wie ich mir Deutschland vor 100 Jahren vorstelle. Die Tage mit Perlagia wurden die unkompliziertesten in Simbabwe.


Perlagia und ein paar Kollegen sind mir schon nach Franken vorausgereist. Man kann sie und ihre Arbeit kennenlernen, wenn die Galerie „Into Africa“ in Wernsbach/Georgensgmünd (Landkreis Roth) vom 29. Juni bis zum 1. Juli ihr Sommerfest feiert. Bei „Zimbabwe meets Wernsbach“ sind Shona-Skulpturen zu sehen, es gibt täglich Bildhauer-Schnupperworkshops, afrikanische Musik sowie fränkisch-afrikanische Speisen und Getränke. Der Eintritt ist frei.

Mai

15

2012

Harare in Bildern

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Fotos, Harare | Kommentar hinterlassen

I love Harare. Und woher kommst du?

Ich fotografiere gern. Im Schnitt dreimal im Monat habe ich etwas in Harare zu erledigen. So hatte ich also schon mehr als 20-mal die Gelegenheit, in der Stadt Fotos zu machen. Ich nehme meine kleine Digitalkamera auf jedem, wirklich jedem noch so kurzen Spaziergang mit, seitdem ich mich schon in sämtliche Körperteile beißen wollte, als mir just in den Momenten ohne Fotoapparat die süßesten Kinder in Schubkarren und die Frauen mit den buntesten Gewändern begegneten.

Doch trotz der Vielfalt meiner Streifzüge durch Simbabwes schwarzes Herz kann man die guten Schüsse an einer Hand abzählen. Dieses seltsame, nirgends niedergeschriebene Bilderverbot stresst mich so, dass der Auslöseknopf zur Mutprobe wird. Vielleicht ohne Not, aber es wimmelt in den Straßen von Polizisten, die sich vermutlich der staatlichen Paranoia verpflichtet sehen, Ausländer grundsätzlich für Spione, Ausbeuter oder unregistrierte Journalisten zu halten. Und dann gibt einfach so viele Szenen, die man aus Takt nicht fotografieren kann: ein Baby, das am Straßenrand abgelegt wurde, bettelnde Kinder an der Kreuzung, der vor Musik dröhnende Männerfriseurladen.

Manchmal frage ich Leute, ob sie sich fotografieren lassen. Der Mann mit dem obercoolen „I love Harare“-T-Shirt hat mitgemacht, auch die Verkäuferinnen auf dem Altkleider-Flohmarkt. Den Getränkeverkäufer am Minibus-Bahnhof habe ich nicht gefragt. Prompt drehte er sich empört um und drohte mir eine Tracht Prügel an. Bei einer anderen Straßenszene sprach mich eine Frau an und fragte förmlich, ob ich eine Fotografier-Erlaubnis für diesen Platz eingeholt habe. Ich gab mich unschuldig, zum Glück ging sie weiter.

Letztlich aber verhält es sich sowieso wie mit jeder Großstadt: Das echte Lebensgefühl lässt sich nicht ablichten. Die Harare-Mischung aus brennend, schwitzig, stinkig, schreiend, schnieke, überlaufen, matschig, improvisiert und widersprüchlich ist unfotografierbar.

So biete ich heute eine Zufallsauswahl aus unfertigen, unscharfen, bisweilen auch gelungenen Ansichten der Hauptstadt Simbabwes, der es geht wie dem ganzen Land: Sie lebt von der Substanz. Sie ist verlebt und sieht nur noch deshalb so jung aus, weil es so wenige alte Menschen gibt.

Ob mir die James-Bond-Geheimkamera im Kugelschreiber, die sich mittlerweile zu meinem Besitz gesellt hat, weitergeholfen hat, berichte ich ein anderes Mal.

Zum Vergrößern einzeln anklicken.

Mit Fotobeiträgen von Roland Fengler.

Apr

1

2012

Die Trauer der weißen Farmer

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Landwirtschaft | 3 Kommentare

Frauen jäten das Unkraut im Erdnussfeld mit der Hand. Landwirtschaftliche Maschinen dagegen sind in Simbabwe kaum mehr im Einsatz.

„Die leben noch in der Steinzeit.“ Brian, der das sagt, ist ein korpulenter weißer Mann. Er stammt aus Südafrika und wuchs in Simbabwe auf. Von Schwarzen hält er: nichts. Wir trafen ihn im Dezember. Er hilft in einer Hotelanlage mit und nahm uns, da er schon lange keinen Touristen mehr gesehen hatte, auf einen Spaziergang mit seinen überfütterten Hunden mit. Sein Ausspruch war genauso böse gemeint, wie er klang. Ja, es gibt noch Rassismus. Auf beiden Seiten.

Brian hat allerdings auch miterlebt, wie das Farmland seiner Familie nach der Enteignung verfiel. Damit war auch sein Job weg. Als ungelernter Hilfsarbeiter hatte er keine Chance auf einen Neuanfang. Wir saßen auf einer Felsspitze mit Panoramablick über eine weite, stille Baumlandschaft. Da unten, das alles war einmal Weideland, sagte er. Bitter klang es, als er von Rhodesiens alter Wirtschaftskraft schwärmte. Der Simbabwe-Dollar sei einmal stärker als das britische Pfund gewesen.

Sojabohnenfeld bei Chinhoyi. Obwohl der Boden mit Fruchtbarkeit gesegnet ist, gibt es kaum noch intensive Landwirtschaft in Simbabwe. Dabei ist der Sektor politisch streng reglementiert.

Auf der Anreise tags zuvor waren wir 300 Kilometer weit schnurgerade durchs Land gefahren. Zahllose Lastwagen mit Importwaren kamen uns aus Südafrika entgegen. Eine einzige Farm war groß genug, dass wir sie unterwegs bewusst wahrnahmen. Der Rest: grün, fruchtbar – und verwildert. Bis weit in die 1990er Jahre hinein exportierte Simbabwe mit stolzen Wachstumsraten Lebensmittel und Pflanzen ins ganze südliche Afrika. Von Erdbeeren über Kaffee und Zucker bis Weizen, von Tabak über Baumwolle bis zu Fleisch. Rund 4500 von 20.000 Bauern waren damals weiße Siedler und ihre Nachfahren. Die Weißen besaßen auch fast 20 Jahre nach der Unabhängigkeit das fruchtbarste und am besten bestellte Land.

Der Traktor wurde durch den Ochsenkarren ersetzt.

In später Rache am Kolonialismus, aber vor allem, um politisch seine Haut zu retten, setzte Präsident Robert Mugabe um das Jahr 2000 eine Landreform zu Gunsten der Schwarzen durch. In Wirklichkeit wurde daraus eine Umverteilung in die Hände seiner Genossen, begleitet von Gewalt, Rechtsbrüchen und Plünderungen. Haus und Hof der weißen Landwirte wurden beschlagnahmt. Schätzungsweise die Hälfte von ihnen blieb trotzdem in Simbabwe und etablierte sich neu. 300 arbeiten heute noch im Agrarsektor. Die Parteigenossen aber sind nur Wochenendgärtner. Ohne Produktionsmittel, ohne Unternehmergeist und Wissen verwandelten sie die Landwirtschaft, das Rückgrat dieser Volkswirtschaft, in eine gigantische Brache. Wenn ein Staatsmann, Polizeichef oder Armeefunktionär seinen Posten räumen muss, wird manchmal die Anzahl seiner Farmen und Autos bekannt, die er dann abzugeben hat. Oft ist sie zweistellig. Mugabe selbst soll mehr als 30 Ländereien halten.

Nun könnte man diese Unterbewirtschaftung zweckoptimistisch als Genügsamkeit interpretieren – wer sagt schon, dass Schweinemastbetriebe und Monokulturen der Schöpfung gut tun. Die Rechnung geht nur leider nicht auf. Die Ernte macht die Simbabwer schon lange nicht mehr satt. 1,8 Millionen Tonnen Mais verzehren sie jährlich, doch nur 700.000 Tonnen produzieren sie wohl in dieser Saison. Der Rest kommt aus Nachbarländern und von Hilfsorganisationen. Jedes Jahr schrumpft die Bilanz auf einen neuen historischen Tiefststand, während der Bierkonsum weiter steigt. Hier in Makumbi werden die Einwohner in diesen Wochen regelmäßig frustriert, wenn die hungrige Pavianhorde durch ihre Felder fegt. Ist es doch sowieso schon fraglich, ob ihnen die Kolben, die da im Moment an den Stengeln trocknen, bis zum Jahresende reichen.

Die Landbevölkerung hält sich Ziegen zur Selbstversorgung.

Die Bloggerin Cathy Buckle, die ihr Heimatland Simbabwe seit 13 Jahren in wöchentlichen Wutbriefen durch die Krise begleitet, hat das Versorgungsdrama neulich aufgegriffen. Sie hat Kekspackungen in ihrem Supermarkt gezählt und festgestellt: Von 32 gängigen Marken stammten 25 aus Südafrika, drei aus Griechenland und vier aus Simbabwe. Nur zwei von acht Marmeladen und eine von zehn Nudelpackungen waren simbabwisch. Einheimische Milch und Sahne gab es überhaupt nicht, ebenso keinen Kaffee. Die zwei von 15 Frühstücksflocken-Produkten, die aus Simbabwe stammten, waren teurer als die Importe. Eine „nationale Schande” sitze da in den Regalen, stellt Buckle fest.

„Exporte sind Güter, die wir an andere Länder verkaufen", lernen simbabwische Schüler unverdrossen. Die Wahrheit müsste lauten: „Exporte sind das, was unser Land einmal zum Blühen gebracht hat und womit uns heute Südafrika aus der Patsche hilft".

Gerade ist wieder Nicole, eine weiße Ex-Farmerin, in der Mission zu Gast. Manchmal erzählt sie von der traumatischen Erinnerung, als 2002 die Landvollstrecker mit Maschinenpistolen kamen und ihnen 24 Stunden Zeit zur Räumung gaben. Die Farm ihres Mannes erbrachte ein Viertel der landesweiten Weizenernte. Die Familie war aus Mauritius nach Afrika übergesiedelt. Manche Verwandte kehrten Simbabwe nach der Landreform den Rücken, andere konnten zeitweise Güter zurückleasen. Nicole blieb, investierte in Immobilien und kann sich heute einen Kleinwagen und eine hübsche Seniorenresidenz leisten. Ehrenamtlich betreut sie Behinderte, die in Makumbi und Harare bei der Existenzgründung als Schneider unterstützt werden.

Die sanftmütige Frau scheint das Land von seinem Leader getrennt sehen zu können. Sie betrachtet die Schikane aus der Distanz – im Vordergrund liebt sie Simbabwe, das zu ihrer Heimat wurde. Dieses Gefühl teilt sie mit Brian. Doch Nicole würde nie mit „Steinzeit”-Beleidigungen poltern. Auf ihrem alten Grund und Boden steht heute nur hohes Gras. „Der Mann, der unser Land stahl, produziert nichts. Aber ich konnte sehen, dass unser Haus inzwischen eine Schule ist, das freut mich richtig.”

Sie hat Lebensmittel mitgebracht. Weintrauben und Cracker aus Südafrika. Und Bohnenkaffee – aus Simbabwe. Freudestrahlend erzählt Nicole von der anderen Farmerin aus Mauritius, die ihn inzwischen wieder erfolgreich anbaut. Man findet die Marke nur in wenigen Supermärkten, teuer ist sie auch. Aber dieser Kaffee schmeckt so gut, dass Nicole sich gleich drei Löffel in die Tasse schaufelt. Er schmeckt wohl nach Heimat.

Bescheidene Ernte: Vor so manchem Hauseingang wird die Tomaten- oder Bananen-Ausbeute aus dem Garten in der Hoffnung auf einen Dollar angeboten.

Mrz

24

2012

Halbzeitpause mit Karl

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Jesuiten | 3 Kommentare

Schon das Gesicht erzählt Geschichten: der Jesuitenpater Karl Steffens.

In so einer Auszeit soll man ja angeblich sich selbst besser kennenlernen. Das ist so aufregend aber auch wieder nicht, bisweilen sogar eintönig, weil man schon im Voraus weiß, dass einen die tagelange Abwesenheit von Strom nervt und nicht beglücken wird. Lohnenswerter ist es, andere Menschen zu treffen, die man in einer deutschen Fußgängerzone nie finden würde, weil die schlicht der unpassendste Aufenthaltsort für sie wäre.

Karl Steffens ist so ein Mensch. Die Faszination beginnt damit, dass dieser Mann flucht wie ein Bierkutscher und doch ein ordentlicher Priester ist. Er kann auch gut singen. „Heute blau, morgen blau und übermorgen wieder“ zum Beispiel. Karl Steffens lebt mit 75 Jahren noch ohne angezogene Handbremse. Er streut Cayennepfeffer auf sein morgendliches Wurstbrot und reitet seinen alten Landrover wie ein Cowboy beim Rodeo. Was er über den Vatikan, über Mugabe oder über seine Hüftoperation zu berichten weiß, hat Kabarettstandard. Als Mugabe noch ein Freiheitskämpfer war, war Steffens übrigens einmal sein Gefängnisseelsorger.

Es wurde also eine skurrile, jedoch würdige Feier der Halbzeit meines Aufenthalts, als Hanna und ich ein Wochenende bei diesem Jesuitenpater in der kleinen Missionsstation Banket in Nordsimbabwe verbrachten. Es gab viel zu sehen, angefangen bei den Tütenlampen und Sixties-Möbeln. Im Flur parkte Steffens’ Motorrad, das BWM-Geländemodell „Paris – Dakar”. Auch Klaus war da, Karls nicht minder liebenswürdiger Freund aus Deutschland; er besuchte das Kinderzentrum, das er mit aufgebaut hat. Die beiden waren etwas aufgeregt und hatten extra noch ein Bett und Eiscreme für uns gekauft. Dann servierten sie uns Bratkartoffeln und Brandy und fuhren uns durch den Busch.

Mit Klaus und Karl ...

... durch weite Landschaften ...

... vom Morgen ...

... bis zum Abend.

Karl Steffens zeigte uns das Kreuz des Südens am Sternenhimmel (größer als gedacht) und Elefanten in freier Wildbahn (auch größer als gedacht). Er führte uns in seine Stammkneipe aus, ein verwaistes Motel, das indes noch schläfrige Kellner, Bier sowie Hähnchen mit Pommes aufbietet. Die Grillen zirpten, und im Mondschein redete Karl, wie wir längst sagten, über Gott. Seine naiv wirkende, aber tiefgründige Freude darüber, „dat dat Bier und die Chips so gut schmecken und mir hier miteinander quatschen können“, wurde auch für mich – ja, zu einem Gottesbeweis. Es sprach mich spirituell an wie wenig sonst. Endlichkeit, Ungerechtigkeit, Lebensangst, alles kein Problem mehr? “Some more drinks?”, fragte der schläfrige Kellner. Auf der Heimfahrt sangen Klaus und Karl für uns. „Heidewitzka, Herr Kapitän”, „Karamba, Karacho, ein Whiskey”, „Heia Safari”. Ich kann jetzt Trink- von Soldatenliedern unterscheiden.

Was für ein Wochenende, an dem man Elefanten in die Augen sieht.

Die Herde ist an Menschen gewöhnt, so dass man auch die Babys betrachten darf.

Die Männer in Blau nennen den großen Grauen hinten "Rambo". Wir fühlten uns eher wie "Bambi".

Pater Steffens im Gottesdienst in einem Klassenzimmer.

Karl Steffens, der sich als „nur ein Buschtheologe” bezeichnet, ist ein Jesuit der alten Garde. Eigenwillig, klug, zupackend, großzügig. Er hat für die Armen gekämpft. Wäre er nicht in den Orden eingetreten, hätte man den einst erfolgreichen Läufer für die Olympischen Spiele aufgestellt. In Simbabwe dann, das in den letzten 45 Jahren zu seiner Heimat wurde, entging er sportlich so einigen Lebensgefahren. Im Unabhängigkeitskrieg Ende der 70er Jahre erlebte er das Grauen, als Weiße zu Mordopfern wurden, ganz gleich, ob sie auf der Seite der unterdrückten Schwarzen standen oder nicht. Steffens verlor Weggefährten und erzählt noch heute, wie er mit dem Motorrad über verminte Straßen fahren musste, „immer schön durch die Mitte zwischen den Fahrspuren”.

Was soll’s, eigentlich kann man Karl nicht beschreiben. Er ist das Abenteuer, das er in Afrika fand. Nur insoweit vielleicht: 48 Stunden mit Karl, und die Welt erscheint größer, das Leben leichter. Auf Karlisch heißt Leben übrigens „das Gekraxel auf diesem buckligen Ding namens Globus”.

**** TERMINHINWEIS ****

Der Beweis, dass der Jesuitenorden noch mehr interessante Mitglieder hat, ist am Freitag, 13. April, in Nürnberg zu sehen. Da kann man Pater Heribert Müller in den Räumen der Jesuitenmission, Königstraße 64 (Zugang neben Pforte Caritas-Pirckheimer-Haus), treffen. Mein Chef verlässt kurz nach Ostern die Makumbi-Mission für einen Heimaturlaub. In Nürnberg macht er den Auftakt zur neuen Veranstaltungsreihe „Nice to meet you!“, in der Vertreter aus Einsatzorten der Jesuiten über ihre Arbeit berichten. Heribert Müller lebt seit Ende der 1980er Jahre in Simbabwe.

Alle meine Leser sind herzlich eingeladen, aus erster Hand etwas über Afrika und das heutige Verständnis von „Mission“ zu erfahren. Und natürlich können sie Pater Müller auch fragen, ob der Unsinn stimmt, den Frau Lauer in ihrem Blog verzapft. Beginn ist um 18.30 Uhr. Um 17.45 Uhr geht eine Abendmesse in St. Klara voraus. Die Teilnahme ist kostenlos.
P.S.: Ich komme nicht mit.

Mrz

11

2012

Die schönen Seiten der Regenzeit

Veröffentlicht von isa in der Kategorie Afrika, Fotos, Landschaft, Wetter | 4 Kommentare

Jungen baden in einem Teich am "Berg der Trommelschläge".

Der Mais ist jetzt größer als der Mensch.

Und auch das Gras ist dabei, alles grün einzukleiden.

Die Hütten sehen jetzt wie Berge aus.

In der Schule kann es vorkommen, dass ein ungeliebtes Fach entfällt, weil zuerst der Sportplatz mit dem menschlichen Rasenmäher gesenst werden muss.

Frau Lauer macht immer noch mehr Fotos.

Zum Beispiel von dramatischen Regenwolken und einer Kuh als Torwart.

Oder von noch mehr badenden Kindern.

Und von gebadeten Kindern.

Auch von fußbadenden Kindern.

Im Gewitterregen fällt zwar der Sportwettkampf aus, aber man kann sich immer noch unterhalten.

Die Mangobäume protzen herum.

Gleichzeitig reifen heimlich im Boden die Nüsschen heran. Der Anblick lehrt den Botanik-Deppen, woher die Erdnuss ihren Namen hat.

Regen ist Segen. Die Landschaft blüht auf.

Und sieht fast so aus wie in Deutschland. Oder?

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