Schreikrampf am Prenzlberg
7. Oktober 2009 von isi
Irgendetwas mache ich falsch: Neulich war ich in Berlin und durfte am Prenzlauer Berg logieren, mittenmang im Szeneviertel. Da schlenderte ich vormittags bei Sonnenschein die Straßen entlang – und alle Cafes waren voll. Jeder besprach sein “aktuelles Projekt”, sein “neues Biz”. Vor winzigen Läden, in denen drei Röcke, fünf Hosen und zwei Blusen hingen, saßen trendige Prenzlberg-Frauen, rauchten und tranken Latte Macchiato. Wie können sich solche Leute die horrende Miete leisten? Ich mache definitiv etwas falsch.
Überhaupt sind die Menschen aus PB ja total anders: Sie tragen Leggings, darüber ein Fetzenkleidchen, einen langen Schal, Stiefelchen (Frauen), löchrig-labbrige Jeans, Kapuzenpullis und knallbunte Turnschuhe (Männer). Allen gemeinsam sind Pilotenbrillen mit farbigem Gestell – am besten in Neonfarben. Nach zwei Stunden Spaziergang hätte ich jedem mit dieser Brille dieselbe am liebsten von der Nase geschlagen. SIE SEHEN ALLE GLEICH AUS! Fällt das niemandem dieser super-alternativen Szene auf? Wenn ich dort hinziehen würde, würde ich mir erstmal ein rosafarbenes Lacoste-Poloshirt, eine Perlenkette, Joker-Jeans und Tod`s-Loafer zulegen, wenn ich dann noch in einem schwarzen Mini-Cabrio mit Starnberger Kennzeichen vorfahren würde, wäre ich sozial erledigt. Aber anders. Wirklich alternativ.
Manchmal wird es auch richtig peinlich: Die erfreuliche Anzahl vegetarischer und veganer Lokale treibt ihre Blüten. Eine Kollegin berichtete mir, dass auf einem Schild “veganes Zitronensorbet” angepriesen wurde. Aber das ist doch immer vegan! Ist aber irgendwie cooler, wenn man das nochmal betont. Natürlich wollte auch ich dort shoppen, es gibt ja viele coole Läden. Allerdings ist das oft mehr Schein als Sein: Schaut man sich die Ware genauer an, ist das oft Plunder, nur auf retrocool getrimmt. “Nanunana für Besserverdienende” nannte das ein Kollege.
Was war ich froh, als ich endlich die Kiezgrenze zu Kreuzberg überschritt: Leute mit Aldi-Tüten in Jogginghosen, das ganze Wende-Unglück im Gesicht. Menschen mit echten Problemen! Oder in Mitte: Menschen in Anzügen, mit richtigen Jobs. Ganz normale Menschen! Naja, in Mitte gibt es noch Reste der megacoolen Szene, aber die fallen da nicht mehr so auf.
Für alle, die wissen wollen, wie es ist: das Video von den Durags. Danke, Leute! Ditt is Berlin! 
1 Kommentar zu “Schreikrampf am Prenzlberg”

Kenn mich jetzt nicht so aus, aber in einem Zitronensorbet könnte je nach Rezept schon Eiweis, Honig oder vielleicht sogar Gelantine sein. Und damit wäre es nicht mehr vegan. Macht als schon Sinn darauf hinzuweisen denke ich.