Gewaltfrage

Luis Solari

Luis Solari war 37 Jahre alt, als er am Mittwochabend auf der Autobahn I-280 in San Francisco erschossen wurde. Er war nach einem langen Arbeitstag auf dem Weg seine Frau von ihrem Job abzuholen. Im Auto waren auch seine zwei Jungs, die er vorher noch von der Tagesbetreung einsammelte.

Und irgendwas passierte dann auf dem Freeway. Die Polizei geht nach ersten Ermittlungen davon aus, dass Solari einen anderen Fahrer schnitt. In dem Wagen waren nach Aussagen einer der Söhne drei Männer, die auf einmal neben Luis Solaris Auto fuhren, böse herüber schauten und plötzlich aus einer Handfeuerwaffe schossen. „Einer der Männer steckte seine Hand aus dem Fenster und schoss Daddy in den Bauch. Er betete und fiel dann um. Er atmete noch kurz und hörte dann auf. Ich schaute auf seinen Bauch, der blutete. Und dann kam Blut aus seinem Mund“. So beschrieb der 7jährige Lorenzo die Szene. Luis Solaris Wagen schlitterte über die gesamte Fahrbahn und kam schliesslich am rechten Rand zum Stehen. Die beiden Jungs blieben unverletzt.

Innerhalb einer Woche gab es drei Schiessereien auf Freeways in und um San Francisco. Eine weitere Frau erlitt dabei tödliche Verletzungen, ein Mann musste mit schweren Verwundungen ins Krankenhaus gebracht werden. Und auch im Grossraum Los Angeles ballern erneut aufgebrachte Fahrer durch die Gegend.

Es ist ein komisches Gefühl, hier auf der Autobahn zu sein und zu wissen, dass einige um einen herum bewaffnet sind und keinen Spass verstehen oder vermeintliche Fahrfehler anderer nicht akzeptieren können. Die Gewalt ist präsent in den USA und auch in so liberalen und waffenfeindlichen Gegenden wie der San Francisco Bay Area. Hier in Oakland ist das Thema Gewalt präsent. Jahr für Jahr liegt die Mordrate nahezu bei 150 Opfern. Es konzentriert sich auf zwei Stadtteile, East- und Wes-Oakland, die von Banden- und Beschaffungskriminalität geplagt sind. Seit nunmehr neun Jahren lebe ich in dieser Stadt, gleich gegenüber von San Francisco. Und seit neun Jahren erlebe ich die Diskussionen, wie man das Problem in den Griff bekommen will. Es ist eine schleppende und unsägliche Debatte, wer für was verantwortlich ist. Keiner ergreift die Führungsrolle, um endlich dem Morden hier auf den Strassen ein Ende zu setzen. Tatsache ist, dass es für Kinder und Jugendliche in Teilen dieser Stadt einfacher ist, an der Strassenecke für 30 Dollar eine Knarre zu kaufen, als Bleistifte für die Schule zu bekommen. Dafür müssen sie in einen Bus steigen und in ein nahegelegenes Einkaufszentrum fahren.

Oakland hat in der jüngsten Vergangenheit mit dem früheren kalifornischen Gouverneur, Präsidentschaftskandidaten und jetzigem kalifornischen Oberstaatsanwalt Jerry Brown und dem einflussreichen und ehemaligen Kongressabgeordneten Ron Dellums gleich zwei führende Demokraten als Bürgermeister gehabt. Und beide hatten sich im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben, das Gewaltproblem in den Griff zu bekommen. Doch mehr als schöne Worte und ein paar nette Photogelegenheiten kamen dabei nicht heraus. In den ersten Monaten erlebte Oakland eine Spirale der Gewalt in der etliche junge Menschen starben, darunter auch Unschuldige, die einfach zur falschen Zeit am falsche Ort waren.

Gewalt scheint in den USA dazu zu gehören und eigentlich hat man sich an diese Kapitel des amerikanischen Alltags gewöhnt. Traurig aber leider wahr.

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