„Burning Man“ – Wüstenerlebnis der anderen Art

BM16.jpg„Don’t drink and drive“ meinte der verstaubte Mitzwanziger am Eingang mit einem breiten Grinsen. Die Haare, das Gesicht und die Klamotten total weiss vom Sand. Dann ging es in das riesige Areal von Black Rock City, einem ausgetrockneten Seebett inmitten von Nevada. Für eine Woche wird Black Rock City die siebtgrösste Stadt im Bundesstaat sein. Fast 50.000 Menschen zieht es Jahr für Jahr hierher, um etwas zu erleben, was man kaum in Worte fassen kann. BM8.jpg

„Burning Man“ ist ein Festival der Andersartigkeit. Es geht um neue Formen des miteinander Lebens, es geht um Kunst, um Selbstdarstellung. Nichts muss, aber alles geht…alles ist denkbar. Wenn man nackig durch die Gegend laufen will, dann tut man das. Wenn man als rosa Häschen verkleidet durch den Sand hüpfen möchte, dann hält einen niemand und nichts zurück. Man findet wahrscheinlich sogar noch weitere Teilnehmer an dieser Bunny-Hüpf-Parade.

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„Burning Man“ wurde vor 22 Jahren in San Francisco gegründet. Irgendwann Anfang der 90er zog man in die Wüste an diesen Ort, der etwas Spirituelles hat. Es ist ein Kampf der Extreme. Die Hitze, der Sand….soweit das Auge reicht nur Sand. Umrandet ist das Seebett von einer Bergkette. Man muss alles mitbringen, es gibt nichts zu kaufen. Vom Wasser bis zum Essen, von Sonnencreme bis was man eben so braucht, alles muss eingepackt werden. Und das ist nur, wenn man als „Normalo“ dabei sein will. Die Kunstprojekte, Pyro-Shows, Tanztempel, ausgefallene Projekte, auch das muss alles rangekarrt werden. Es gibt keine Strom- und Wasserversorgung, daran muss man vorher denken. Und hier in Black Rock City teilt man, wird eingeladen, tauscht man, alles ohne Geld.BM6.jpg

An Duschen ist nicht zu denken, man versucht sich mit etwas Wasser zu reinigen, aber auch das wird nach ein paar Tagen müssig. Irgendwie wird man eins mit dem Sand und dem Staub, der überall ist….

Doch genug von dem harten Umfeld…“Burning Man“ ist ein Festival der Superlative…es ist wie eine Mischung aus „Mad Max Movie“, „Love Parade“ und einem schrillen Zirkus in der Nacht vor dem Weltuntergang. Gefeiert wird rund um die Uhr. Doch vor allem nachts ist es ein Erlebnis. Überall bunte Lichter, Light Shows, Pyro Performances. Ich musste ständig daran denken, wie passend es wäre, wenn Rammstein hier auf einem Tieflader abrocken und den Nachthimmel mit ihrer Flammenshow erhellen würden. BM23.jpg

Es hat etwas Surreales an sich, wenn man sich da mal inmitten der Nacht in die Mitte der Playa setzt. Über einem der klare Sternenhimmel und dazu die lauten, harten Beats der Musik. Lichter blinken, Flammen zucken. Immer mal wieder kommt ein skuriles Fahrzeug vorbei, von dem einem freundliche Menschen zuwinken. Eine Woche vorher war nichts hier, und in einer Woche wird nichts mehr von all dem da sein. Zum Beispiel der zehn Stockwerke hohe „Tower of Babel“, eine Stahlkonstruktion, von der man einen Wahnsinnsausblick hat. Oder der Tempel, der aus Recyclingmaterialien entstanden ist und am Ende abgefackelt wird. BM18.jpgOder die gewaltigen Technodome, die lautstark die „Burner“ beschallen. Oder die Bar in drei Meter Höhe, die man nur besuchen kann, wenn man auf Stelzen läuft.

Oder die Bowling Bahn „Dust Bowl“, oder das Audio-Projekt von zwei jungen Deutschen, die seit Jahren hierher kommen und einmal selbst mit einem Kunststück vor Ort sein wollten. Sie erklärten mir, ihre Idee war, etwas mit Sound zu machen…und es war klasse. Ein Experiment aus Frequenzen und Tönen, gespeist mit Solarenergie. Und mitten auf der Playa, hoch oben, der „Burning Man“, der am Ende in Flammen aufgehen wird. Von überallher ist er sichtbar, wacht über dem ganzen.BM1.jpg

„Burning Man“ ist ein Erlebnis der Sinne, unbeschreiblich und überwältigend. Die Eindrücke stürzen auf einen herab und egal wohin man sich dreht, es gibt immer neues zu sehen und zu erleben. Dort ein gespanntes Seil, über das man balancieren kann. Da drüben ein „Barbie Concentration Camp“ („We put the BARbie in BBQ“), bei dem rund eintausend Barbiepuppen in einen aufgestellten Ofen wandern. Und da hinten ein riesiges Stahlkonstrukt, eine Hand, die man mit der eigenen Hand bewegen kann. Es gibt viel ausgefallene Kunst, teils faszinierend, beeindruckend und wunderschön. Teils natürlich auch etwas zu ausgefallen für meinen Geschmack. Aber Kunst ist nicht alles, was „Burning Man“ ausmacht, ist vor allem das Miteinander.

BM19.jpgUnvergesslich der Moment an einer aufgestellten Bar, die ganz am Rande, fernab des Trubels aufgestellt war. Die Theke war leer, schien wie vergessen. Ein einmaliger und ungestörter Blick auf die Weite des Seebetts und die Berge drum herum. Ich setzte mich hin, so als ob ich einen Drink bestellen wollte, aber es war ja keiner da. Nicht weit davon entfernt stand ein Mann mit einer Frau, die einen Bollerwagen und darauf eine Kühlbox dabei hatten. „Willst Du einen Drink?“. „Klar, was gibt es denn“. Ich wollte nicht nach Tequila fragen, denn danach war mir gerade, aber wer hat schon Tequila hier in der Pampa….“Ich habe hier einen extraguten Tequila, wäre das was?“ Und er öffnete die Kühlbox, holte ein kleines Eichenfässchen heraus und kam zur Theke, schenkte mir ein Gläschen ein und wir tranken auf diesen ungewöhnlichen Moment. Man muss dazu sagen, er gehörte nicht zu diesem „Thekenprojekt“. Die beiden zogen einfach mit ihrem Bollerwagen durch die Gegend und luden Menschen zum Tequila trinken ein. Sie waren aus Manhattan Beach bei Los Angeles, das zehnte mal schon bei „Burning Man“ und genossen diese friedliche Umgebung. BM26.jpg

Solche Augenblicke sind „Burning Man“. Man bekommt überall ein Lächeln, nette Worte, hin und wieder auch Umarmungen….einfach so. Obwohl man hier in der prallen Hitze vom Staub umgeben ist, ständig Durst hat und schon nach kurzem alles andere als frisch wirkt, es ist ein einmaliges Erlebnis, das einen total ausfüllt. Klar, man freut sich auf der Nachhausefahrt auf eine Dusche, sein Bett, aber die Eindrücke kommen hoch, immer wieder…und auch hier, während ich das schreibe, ist es schwer, das Erlebte in Worte zu fassen, denn es passiert bei „Burning Man“ so viel auf ganz verschiedenen Ebenen.

BM9.jpgEs gibt noch so vieles darüber zu berichten….z.b. keine Firmenlogos oder Sponsoren sind erlaubt. Oder am Ende wird alles wieder aufgeräumt, keine einzige Zigarettenkippe bleibt zurück. Die Wüste wird danach wieder so leer sein wie vorher. Und auch, dass „Burning Man“ eine eigene Stiftung gegründet hat, mit der verschiedene Kunstprojekte finanziert und realisiert werden…Ich denke, ich werde nochmal drüber schreiben. Aber ich muss ja auch noch einen Radiobeitrag produzieren, den man hier hören kann. BM7.jpg

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