Ungleiche Gegner, ungleiche Mittel

Mazar-e Sharif ist eine pulsierende Stadt. Der Verkehr ist chaotisch, alles wuselt durcheinander, Autos und Tuck-Tucks – Motorräder mit einer Passagierkabine – knattern vorbei ohne jeglichen Ansatz von Ordnung. Wenn es auf der verschneiten Strasse nicht weiter geht, wird auch schon mal auf den Bürgersteig ausgewichen. Der Wintereinbruch scheint hier nicht viel auszumachen. Manche laufen noch in normalen Klamotten herum, nur die wenigsten sind dick vermummelt. Kinder spielen auf den Strassen, bekleidet mit leichten Schuhen, zumeist ohne Socken. Die Blaue Moschee liegt im Zentrum, ein stolzes Gotteshaus inmitten einer Parkanlage. An den Zugängen ist bewaffnete Polizei positioniert, die aber kaum die Vorbeieilenden ins Auge fassen. Ausblick
Gerne wäre ich noch etwas länger durch die Stadt gelaufen, doch zu mehr als einem kurzen Spaziergang in eine Einkaufsstrasse langte es nicht. Wir mussten vor Einbruch der Dunkelheit zurück ins Lager.
Die Pressebetreuer der Bundeswehr hatten für mich ein sehr enges und interessantes Programm zusammen gestellt, waren rund um die Uhr ansprechbar. Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet und so etwas in all den Jahren meiner hauptberuflichen journalistischen Arbeit auch noch nicht erlebt. Ich hatte den Eindruck, dass man soweit wie möglich mit offenen Karten spielt. Neben Interviews mit Lagerkommandanten, Vertreter von Radio Andernach, dem BW-Krankenhaus, der Militärpolizei, dem zivilen Aufbauteam standen auch Soldaten Rede und Antwort. Mir ging es bei dieser Reise um einen Einblick in die Arbeit der Bundeswehr in Afghanistan, was die Deutschen dort am Hindukusch machen, und der wurde mir auf breiter Ebene gewährt.
Am Abend kam man in den Betreuungseinrichtungen ins Gespräch und natürlich wurden da auch kritische Stimmen lauter. Eines wurde immer wieder und von ganz verschiedener Seite erklärt. Der Einsatz in Afghanistan ist ein langfristiger. Deutschland wird noch lange Jahre im Land sein. Und, das wurde auch mehrmals unterstrichen, wenn man das Ziel des ISAF-Auftrags erreichen möchte, dann müsste man die Kräfte im Bereich der Bundeswehr und Polizei ausbauen. Was jetzt vor Ort sei, kann nur als Anfang gesehen werden. Doch ohne eine personelle Aufstockung würden die Sicherheits- und Aufbauziele, gerade bei der Polizei, Infrastruktur, Gesundheit und Bildung, nicht realisiert werden können. Diese Einschätzung kommt von jenen, die den Überblick haben, die täglich mit Afghanen im Kontakt sind, die sehen, was gebraucht und was geboten wird.
Flugfeld Mazer-e Sharif Werden diese Stimmen gehört, wird sich etwas ändern? Wohl eher nicht, darüber ist man sich auch bei den Truppen im klaren. Der Afghanistan Einsatz ist ein Einsatz, der nicht so einfach zu beschreiben ist. Der in Mazar-e Sharif anders ist als in Kunduz. Im deutschen Hauptlager geht es um eine Stabilisierung des Landes, um die Organisierung des ISAF Kontingents. 40 Prozent der Aufklärungsluftbilder über Afghanistan stammen von deutschen Tornados, die in Mazar-e Sharif stationiert sind. Rund den selben Anteil haben die Deutschen an den Transportflügen für das Gesamtkontingent der ISAF-Truppen am Hindukusch. In Kunduz hingegen herrscht Krieg. Alles andere ist Augenwischerei. Der Gegner ist klar, das Ziel der rund 130 Talibankämpfer in der Gegend auch. Sie greifen gezielt Bundeswehrangehörige und afghanische Polizei an. Mit Raketenbeschuss, Selbstmordanschlägen und ferngezündeten Sprengsätzen. Bislang machte man auch vor zivilen Opfern keinen Halt, doch mittlerweile hat sich die Strategie der Taliban-Terroristen geändert. Wie es heisst, wurden sogar Flugblätter verteilt, in denen Schwarz auf Weiss steht, man werde fortan nur noch die Deutschen und die afghanische Polizei zum Ziel haben. Das Problem bei all dem ist, dass man im Bundeswehrlager – Bundesnachrichtendienst, Militärische Aufklärung und Feldaufklärung sind vor Ort – genau weiss, wer der Gegner ist. Doch die internationalen Verträge lassen es nicht zu, dass man von Seiten der Bundeswehr direkt zugreift. Man ist auf die Unterstützung und Kooperation der afghanischen Armee und Polizei angewiesen. Und gerade letztere, die am Ende den Zugriff durchführt, gilt nach wie vor als äusserst korrupt. Ein Polizeibeamter verdient lediglich 70 Dollar im Monat, Hinweise auf bevorstehende Einsätze entlohnen die Taliban gut. Was das bedeutet ist klar, verdeckte Zugriffe sind nur schwer möglich. Die Bundeswehr steht also vor einem Problem. Man hat die Informationen aus der eigenen Aufklärung, darf aber nicht so handeln wie man wollte und auch sollte. Stattdessen ist man im Lager Kunduz ständig auf weitere Raketenangriffe und Anschläge gefasst. Ein Zustand, der so, gerade für die Soldaten im Einsatz, unhaltbar ist.

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