Mit 66 Jahren…

…sitzt Reno noch immer im Todestrakt von San Quentin. Heute ist sein Geburtstag, groß gefeiert wird der nicht, wie eigentlich jeder der vergangenen 32 Geburtstage. Im Todestrakt herrscht nie Partystimmung. Mehr als 600 Männer warten dort auf ihre Hinrichtung. Alte und junge, Schwarze, Weiße, Latinos, ein paar Asiaten. Gangmitglieder, Serienmörder, Kindermörder…jeder der hier einsitzt hat zumindest – offiziell – ein anderes Menschenleben auf dem Gewissen, und das mit einer erschwerten Schuld verbunden, also Vergewaltigung, Kidnapping, Raubüberfall oder ähnliches.

Reno sitzt also an seinem Geburtstag in seiner 1,50 Meter mal 2,60 Meter Zelle. Besuchen kann man ihn an diesem Tag nicht, Besuchstage sind nur Donnerstag, Samstag und Sonntag. Aber er hat angerufen, hatte zufällig das Telefon heute zur Verfügung. „Happy Birthday, how is the party going?“ „Well, nothing special, sleeping a lot.“ „Man, you’re getting old an fat“. „I am old and fat“, lacht er.

Seit 1995 kenne ich Reno. Damals lernte ich ihn während der Recherche für einen Artikel kennen. Erst Briefkontakt, dann meinte er, ich soll ihn doch mal besuchen. Mit mulmigem Gefühl fuhr ich schließlich nach San Quentin, stand dort am Eingang vor allem mit Frauen in einer Warteschlange, die eine Liebe hinter Gittern hatten oder gefunden haben. Nach der Anmeldung ging es durch zwei Metalldetektoren, dann den langen Weg entlang der Bay zum „East Block“, dem Besuchsraum des Todestrakts. Und dort wieder durch eine Sicherheitsschleuse in einen Warteraum, der auch eine Greyhound Bushaltestelle hätte sein können. Damals konnte man sich noch frei bewegen. Plastikstühle, Getränke- und Snackautomaten. Etliche Besucher und jeder der eine Blue Jeans trug, war ein verurteilter Mörder.

Irgendwann kam dann Reno aus dem hinteren Teil. Hallo und schön dich zu sehen….Cola und Popcorn…dann nebeneinander sitzen und sich über dies und das unterhalten. Reno malt, sehr farbenfroh und richtig gut. Einmal hat er in einem Lexikon ein kleines Bild der Nürnberger Altstadt gefunden, sich das einigermaßen eingeprägt und es dann auf Papier gebracht. Ein sehr schönes Geschenk, das hier noch immer hängt.

Nach eineinhalb Stunden Besuchszeit wurde mein Name ausgerufen. Abschied, wieder durch die Schleuse….Tief durchatmen…die San Francisco Bay vor mir, ein leichter Wind. Diesen ersten Besuch werde ich nie vergessen. Seitdem sind einige Jahre vergangen, unzählige Besuche liegen hinter mir. Drei Männer, die ich im Besucherraum von San Quentin kennenlernte, wurden hingerichtet. Für eine Exekution wurde ich als Medienzeuge geladen. Vier Ausstellungen mit seinen Bildern konnte ich mittlerweile organisieren, in Nürnberg, Iserlohn, Cottbus und Laholm, Schweden.

Und nun ist Reno 66 Jahre alt. Fast die Hälfte seines Lebens hat er in San Quentin verbracht. Noch immer sagt er, er habe die Tat nicht begangen, für die er hier ist. Und er hofft auch weiterhin, das Gefängnis eines Tages als freier Mann zu verlassen.

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