Unter Mördern, Gangstern und Homeboys

Ich falle schon alleine deshlb auf, weil ich keine Tätowierung habe. Und wir reden hier nicht vom Namenszug der ersten Freundin, von einem keltischen Symbol, einem chinesischen Schriftzug oder dem ollen Anker eines alten Seemanns. Ich stehe im Gebäude von Homeboy Industries, einer Organisation im Herzen Los Angeles, die Gangmitgliedern den Ausstieg und eine Zukunft bieten will. Gegründet Anfang der 90er Jahre von „Father G.“ ist Homeboy zu einem Zentrum der präventiven Gangarbeit geworden.

Um mich herum stehen und sitzen harte Jungs, tätowiert bis über die Ohren, muskelbepackt. Auf den Armen, im Gesicht, im Nacken kann man die Initialien ihrer Gangs lesen und sehen. Doch hier ist „Peace“, wer zu Homeboy kommt, will aussteigen, hat genug vom Leben auf der Einbahnstraße, will einen neuen Anfang, ein neues Leben. Hier wird beraten und geholfen, Jobs angeboten und vermittelt und Gangtätowierungen kostenlos und unter Schmerzen beseitigt. Da ist der junge Jose, der gleich auf mich zukommt, mir die Hand schüttelt und mich fragt, was ich hier mache. Ein Interview mit Father G. „Er ist der beste. Wie ein Vater zu mir. Ohne ihn wäre ich nicht hier“. Die harten Jungs werden weich bei Father G., der fast 60jährige Jesuit hat für jeden ein offenes Ohr, hilft, macht Dinge möglich. Und dabei wird er nicht müde.

Jose will aus der Gang aussteigen. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten ist seine Freundin schwanger geworden, er will sich der Verantwortung stellen, ein neues Leben. Er hat mit der schmerzhaften Prozedur des Tätowierentfernens angefangen. Sein Gesicht hat schon die Spuren der Gang verloren, dank Father G. „Yo man, he’s the best.“

In Venice treffe ich mich mit Marvyn, einem der Co-Gründer der „V2K Helper Foundation“. Er hat zum Gespräch seine Kollegen eingeladen. Es stellt sich raus, dass sie alle frühere Gangmitglieder der Crips in Venice waren. Nach zum Teil 20jähriger Haftstrafe wegen Mordes haben sie wieder zueinander gefunden. Nun sind sie als friedliche „Botschafter“ in diesem Gang-Präventiveinsatz aktiv.

Am Morgen saß ich in einer Schulung für Gangintervention, in Echo Park, einem „harten“ Stadtteil der Stadt. Ehemalige Gangmitglieder werden geschult für die Arbeit auf der Straße. Und sie alle wissen, von was sie reden. Sie kennen die Brutalität der Straße. Mord, Todschlag, Gang-Vergewaltigungen, man wird sprachlos und taub allein vom Zuhören.

In ein paar Wochen geht es weiter auf den Spuren der Gangs in Los Angeles.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um zu überprüfen, dass Sie eine reale Person und kein Spam-Roboter sind, lösen Sie bitte vor dem EINTRAGEN die nachfolgende kleine Rechenaufgabe, das sogenannte CAPTCHA *