12431 Tage auf Death Row

Heute morgen auf der Fahrt nach San Quentin dachte ich daran, was ich früher an einem Sonntagmorgen gemacht habe. Handball gespielt, damals kannte ich alle Sporthallen im Großraum Nürnberg. An diesem Sonntagmorgen fuhr ich frühmorgens rüber nach San Quentin. Von Oakland kommend auf dem 80er entlang der spiegelklaren San Francisco Bay an Emmeryville und Berkeley vorbei, dann auf den 580er  durch Richmond und auf die Brücke Richtung San Rafael. Links dahinter sieht man schon das Staatsgefängnis von San Quentin. Abfahrt rechts, links abgebogen und im Schritttempo fährt man auf das große Stahltor zu.

Vor dem Besuchereingang stehen rund 15 Frauen. Links vor der Tür ist die Reihe für Besucher des normalen Strafvollzugs. Rechts die für den East-Block, für die „Condemned“, die zum Tode Verurteilten. Schon ein paar Tage vorher mußte ich anrufen und hatte seit langem mal wieder Glück, dass überhaupt jemand den Hörer abnahm und mir diesen Besuchstermin gab. Auf einer Liste wird mein Name abgehakt, dann geht es durch einen Metalldetektor, jeder Besucher bekommt noch einen Leuchtstempel auf die Handgelenkinnenseite und dann darf man weiter. Entlang der Bay läuft man auf das Hauptgebäude des San Quentin State Prisons zu, das vor einem wie eine mittelalterliche Festung liegt.

Dort geht es wieder durch eine doppelte Schleuse, aus ein paar Automaten hole ich ein Sandwich, Popkorn, Cola und was Süßes. Schnell zur Mikrowelle und dann werde ich mit Reno in einem Stahlkäfig eingesperrt. Er freut sich über den Besuch, ist schon länger her, dass ich hier war. Wir sprechen zwar regelmäßig am Telefon, doch hier zu sein, Umarmung am Beginn und am Ende des Besuchs, direkt zu sprechen, sich zu sehen ist nochmal was ganz anderes. Während er sein Sandwich isst, reiße ich die Popkorntüte auf. Wir unterhalten uns über alles mögliche. Auch über die verlorene Wahl der Todesstrafengegner in Kalifornien. Reno ist froh über den Ausgang, wie er sagt eigentlich alle auf Death Row. Denn als zum Tode Verurteilter hat man noch rechtliche Mittel für einen Einspruch zur Verfügung, die weg wären, wenn der Volksentscheid anders ausgegangen wäre und alle Todesstrafen in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung umgewandelt worden wären.

Die Todesstrafe ist eigentlich eine Farce in Kalifornien, hier wird seit Jahren nicht mehr hingerichtet. Sowieso sind nur eine Handvoll von Verurteilten seit der Wiedereinführung der Höchststrafe exekutiert worden. Es sterben mehr Häftlinge auf Death Row eines natürlichen Todes als durch den Henker. Die Death Row verschlingt Unmengen an finanziellen Mitteln, die woanders fehlen. Doch selbst dieses Argument konnte den Großteil der kalifornischen Wähler nicht überzeugen.

Eineinhalb Stunden reden wir. Über alles, auch über seinen Fall. Lachen, scherzen, erzählen. Seit nunmehr 18 Jahren kenne ich Reno, seit 16 Jahren besuche ich ihn regelmäßig. Er ist alt geworden. 67 Jahre alt ist er nun. Er sagt, er ist unschuldig, er habe die Tat, für die er verurteilt wurde nicht begangen. Sein Anwalt kämpf um einen neuen Prozess. Wenn es klappen sollte und sich für Reno die Gefängnistüren öffnen sollten, was wird er dann machen? Zum ersten mal überhaupt meint er in einem Nebensatz, er wisse gar nicht, ob er hier eigentlich weg wolle. Überraschend kommt das, gleich darauf sagt er, doch, er wolle raus.

Die Zeit ist um, wir verabschieden uns. Er wird in Handschellen abgeführt, eine schwere Stahltür öffnet sich, er wird  in den hinteren Teil des Besucherbereichs gebracht, dort durchsucht, bevor er zurück in sein „Haus“, seine Zelle gebracht wird. 2,80 Meter mal 1,60 Meter. Seit 12431 Tagen.

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