35 Jahre San Quentin

1994 lernte ich Reno kennen. Damals war ich noch in Nürnberg und schrieb ihn an. Nach ein paar Wochen kam die Antwort. Absender San Quentin State Prison. Reno wurde 1978 verhaftet, sitzt seitdem im Todestrakt des Staatsgefängnisses von San Quentin. In diesem Oktober jährt es sich zum 35. mal. Eine kleine Zelle ist sein „Haus“, wie er die 2,4 x 1,6 Meter große Zelle beschreibt.

Heute morgen war ich mal wieder dort. Ein schöner, sonniger und warmer Morgen. Die kleine Gemeinde San Quentin lag friedlich vor mir, als ich vom 580er runter und direkt zum Parkplatz des Gefängnisses fuhr. Am Ende der einzigen Straße stößt man auf das Gefängnistor, daneben gleich die Post, Postleitzahl 94964. Die San Francisco Bay war spiegelglatt, keine Welle planschte gegen die Betonblöcke, kein Lüftchen wehte. Vor dem Eingang standen schon rund ein Dutzend Frauen in der Schlange, viele von ihnen in hohen High Heels, engen Röcken, stark geschminkt. Eine willkommene Abwechslung für die Inhaftierten. Langsam wurde eine nach der anderen abgefertigt, dann kam ich dran. Ausweis vorlegen, Taschen leeren, das Innenfutter nach außen ziehen. Eindollarnoten sind erlaubt, für die Fünfdollarnote mußte ich mir „Quarters“, 25 Cent Stücke, am Automaten wechseln. Danach zur Metallkontrolle, Schuhe aus, Gürtel herausziehen….“like at the airport“, meinte der Wärter.

Danach lief ich entlang der Bay auf das Haupthaus von San Quentin zu, einem gelblichen alten Gebäude aus den Endtagen des 19. Jahrhunderts, das an eine mittelalterliche Burg erinnert. Vom Wachturm wird man beobachtet bist man schließlich durch eine elektronische Schiebetür aus Stahl in eine Schleuse tritt. Vor einem Panzerglas, dahinter ein Wärter, der freundlich grüßt. Dort wird der Ausweis und das Formular mit den Angaben des Gefangenen abgegeben, das man draußen am Eingang erhält. Noch einmal öffnet sich eine Stahltür und dann ist man drin im Besucherraum des „East Blocks“, des Todestraktes. 10 weiße Stahlkäfige sind dort im Boden verankert. Links ein paar Automaten mit Getränken, Süßigkeiten und Speisen, wie Hamburger, Sandwiches und Buffalo Wings. Zwei Mikrowellen stehen zum Aufwärmen der Speisen bereit. Nach einem kurzen Einkauf wird man in einen Käfig gesperrt. Reno war heute schon da und wartete, deshalb mußte er sich wieder Handschellen durch einen Schlitz im Stahlnetz anlegen lassen und dann den Käfig auf der anderen Seite verlassen. Erst nachdem ich drin, die Tür auf meiner Seite  zu und das Schloß eingerastet ist, darf er wieder hinein.

Und dann umarmt man sich kurz, sitzt sich gegenüber, isst, trinkt und plaudert über dies und das. 35 Jahre sind eine lange Zeit. Und noch immer hat er die Hoffnung, dass er als freier Mann San Quentin verlassen kann. Doch was dann?

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