Wie einfach kann doch wählen sein?

Einfach dann, wenn man in Deutschland lebt. Da kriegt man seine Wahlkarte, da geht man zum Wahllokal und macht sein Kreuzchen oder schon daheim am Wohnzimmertisch. Eingetütet und ab die Post, schon nimmt man aktiv an der Demokratie teil. Ganz anders ist das hier drüben. Am 3. Juni steht wieder ein Wahltag auf dem Kalender, meine erste Stimmabgabe als US Bürger.

Und was man da alles wählt? Es geht um die Vorwahlen für den November. Das reicht vom Gouverneur bis zum „Member, State Board of Equalization“ und „Auditor-Controller/Clerk-Recorder“ (was auch immer der oder diejenige macht). Und das sind alles nur die Vorwahlen, also ein Entscheid, wer es eigentlich auf den Wahlzettel für November schafft.

Hinzu kommen sogenannte „Measures“, politische Entscheidungen auf kalifornischer und auf Kreisebene. Die haben es allerdings in sich. Ich als Wähler soll über Finanzierungen für Veteranen- und Obdachlosenunterkünfte abstimmen. Über ein Volumen von 600 Millionen Dollar. Daneben gibt es „Measure 42“, irgendwas mit „public records“, „open meetings“, „state reimbursement to local agencies“, „legislative constitutional amendment“. Ich habe keinen Plan, was das ist, da muß ich noch meine Hausaufgaben als frisches Mitglied der amerikanischen Wählerfamilie erledigen. Und dabei stelle ich mir die Frage, warum man überhaupt für Abgeordnete wählt, die doch eigentlich über so etwas abstimmen sollten, wenn mir danach solch komplizierte Sachverhalte in zwei Sätzen vorgeknallt werden?

Auf Kreisebene dreht sich eine Entscheidung am Wahltag um die weitere Bereitstellung eines Trauma Centers in der Region, also einem spezialisierten Krankenhaus für absolute Notfälle, wie Schußwunden, Schwerverletzte etc. Gefragt wird, ob die Wähler diese Finanzierung bis 2034 (!) übernehmen.

Ich sitze hier jeden Tag am Computer. Nachrichten sind mein Geschäft. Und dennoch ist diese erste Abstimmung in den USA eine Herausforderung für mich. Viele der Kandidaten und ihre Jobs sind mir unbekannt. Die Sachthemen sprengen meinen Wissensstand. Ich frage mich ernsthaft, wie darüber jemand abstimmen will und kann, der ein, zwei harte Jobs zum Überleben und sicherlich nicht die Zeit für die eigene Recherche hat. Kein Wunder also, dass schon jetzt von einer äußerst niedrigen Wahlbeteiligung am 3. Juni ausgegangen wird. Amerika ist schon eine seltsame Demokratie. Hier die Spaßgesellschaft bis zum Abwinken, dort das Einfordern eines umfassenden politischen und gesellschaftlichen Wissens. Irgendwie geht das doch nicht zusammen.

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