„San Quentin you’ve been living hell to me“

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Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin

Gestern war ich im Knast. Nein, ich hatte keinen Mist gebaut. Nach einem langen hin und her war es endlich soweit. Ich bekam für ein Feature eine ausgiebige Tour durch das Staatsgefängnis von San Quentin. Zuerst ging es ins kleine Museum, das man als San Francisco Reisender durchaus mal besuchen sollte. Es ist zwar auf dem Gelände des Gefängnisses, doch für die Öffentlichkeit geöffnet. Es lohnt sich, wenn man etwas über die Geschichte dieses ältesten kalifornischen Gefängnisses erfahren will. Zu sehen sind viele Bilder, viele Exponate, wie der Galgenstrick, an dem der letzte Gehängte in San Quentin baumelte, oder etliche selbstgefertigte Waffen von Infaftierten.

Von dort ging es in den eigentlichen Gefängnistrakt, eine weitere Schleuse, ein Stempel, ohne den kommt man nicht mehr raus. Gleich links der „Adjustment Center“ in dem die schlimmsten der kalifornischen Gewalttäter einsitzen. Sie werden nur in Hand- und meist auch Fußfesseln aus ihren Zellen gelassen. Bevor sie jedoch rausdürfen müssen sie sich in ihren Zellen nackt ausziehen, ihre Kleidung durch einen Schlitz reichen, die dann von zwei Strafvollzugsbeamten nach Waffen durchsucht wird. Anschließend dürfen sie sich anziehen, die Hände auf dem Rücken durch den Schlitz in der Tür reichen, um mit Handschellen gefesselt zu werden. Einige der Gefangenen müssen sich dann auch noch hinknien, Rücken zur Tür, bevor sie geöffnet wird. Ein Wärter legt dem Gefangenen dann noch Fußfesseln an. Wir reden hier nicht von einem Bankräuber, sondern von Mördern, die nicht mal mit der Wimper zucken würden, um einem anderen die Kehle durchzuschneiden. San Quentin, das merkt man hier, ist kein Spielplatz.

Der riesige Außenhof für die „main population“ teilt sich nach Hautfarbe auf. Da hinten die Schwarzen. Dort die Mexikaner, daneben die Weißen. Und weiter hinten die Asiaten und die „Native Americans“. Und all diese Gruppen sind nochmals aufgeteilt in Nord- und Südkalifornier. Wer hier zurecht finden, nein, wer hier überleben will, muß eine Anleitung bekommen, was er tun darf und was er lieber sein lassen sollte. Es gibt ungeschriebene Gesetze in San Quentin, an die sollte man sich halten.

In San Quentin werden die Möbel für staatliche Einrichtungen in Kalifornien gefertigt. Vom Sessel im Wartezimmer des Gouverneurs bis hin zum Bett im Studentenwohnheim der staatlichen Universitäten. Eine lockere Atmosphäre herrscht in den Werkstätten. Gleich daneben Ausbildungsorte für verschiedene Handwerke. Durch eine weitere Schleuse geht es in einen weiteren Hof, um den Massenunterkünfte mit jeweils rund 100 Betten angelegt sind. Neuere Bauten, aber alles offen. Toiletten, Duschen, Sitzgelegenheiten, auf beiden Seiten dann zehn Reihen mit Stockbetten. Privatsphäre gibt es hier nicht.

Wir laufen über den großen Außenhof. Ein paar Gänse und Möwen ruhen sich auf dem Baseballfeld aus. Gefangene laufen um den Platz. Viele treiben Sport. Liegestützen, Klappmesser, Basketball, Tennis und auch Fußball wird gespielt. Alles erscheint friedlich, doch alles ist irgendwie hier geregelt. Regeln, die ich als Besucher nicht durchschauen kann. Es geht in den Nordtrakt, der gleich neben der Death Row liegt. Dort kommt man nur mit besonderer Genehmigung von ganz oben rein. Der Nordtrakt ist ein vierstöckiges Gebäude. Zweimannzellen, die sehr klein sind. „4 x 9 Feet“ wird mir gesagt, 1,20 x 2,70 Meter. Ein Stockbett, ein Regal darüber. Am Kopfende eine kleine Toilette und ein kleines Waschbecken. Auch darüber ein Regal. Zwei Lampen, die aus der Vorzeit der Energiesparlampen kommen müssen, verbreiten ein Dämmerlicht in der Zelle. Meine Schultern berühren das Stockbett und die Wand, wenn ich mich dazwischen stelle. Hier sind „Lifers“, zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilte, untergebracht.

Alfredo Santos' Wandbild in San Quentin

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Der Nordtrakt ist friedlich, die Zellen sind offen, die Gefangenen laufen herum. Am Kopfende des Zellentrakts die Duschen, alles offen, auch hier keine Privatsphäre. Wir laufen an duschenden Männern vorbei. An einer Zelle sprechen wir mit einigen Gefangenen, die mir alles zeigen, was sie haben dürfen. Es ist vollgepackt, man muss sich arrangieren. Auch hier ungeschriebene Regeln.

Es geht weiter in einen der Speisesäle. Hier an diesem Ort spielte Johnny Cash sein berühmtes San Quentin Konzert. Ein riesiger Raum, kahl, gefließt, Sitzbänke mit Tischen aus Stahl im Boden eingelassen. Hier wurde Musikgeschichte geschrieben, doch nichts deutet darauf hin. Im nächsten Speisesaal das beeindruckende Wandbild von Alfredo Santos. Ein Meisterwerk hinter Gittern. Santos malte als Gefangener in den frühen 50er Jahren dieses Monumentalwerk, in dem die Geschichte Kaliforniens nacherzählt wird. Wir gehen zum nächsten Block, dort sind die Frischankömmlinge untergebracht, die noch nicht eingestuft wurden. Sie tragen Orange. Es ist laut, ein Geschrei. Gespräche, die über mehrere Zellen hinweg geführt werden. Hier werde ich demnächst wohl eine Schicht mitbegleiten dürfen.

San Quentin ist ein Ort des Schreckens und der Kreativität. Fast 70 Programme werden angeboten, einzigartig im Strafvollzug. Das reicht von Ausbildungen bis zu Baseball, Yoga, Shakespeare Theater, einer eigenen Zeitung. Hier sind die Todeszellen, hier gibt es noch eine funktionierende Gaskammer, in der zum Tode Verurteilte hingerichtet werden, wenn sie sich für diese Todesart entscheiden.

Nach dieser langen Tour trete ich durch das Tor, vor mir die San Francisco Bay. Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht. Und ganz unbewußt atmet man tief durch.

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