Der Ausverkauf von San Francisco

Seit 1987 kenne ich San Francisco. Anfangs für ein paar Jahre als regelmäßiger Tourist, dann als Jahrespraktikant in einer Einrichtung für mißhandelte und sexuell mißbrauchte Kinder am Alamo Square. Danach kam ein dreimonatiges Praktikum bei einer deutschsprachigen Zeitung und schließlich zog ich im Sommer 1996 ganz in die „City by the Bay“. In all den Jahren habe ich viele Stadtteile kennen und lieben gelernt, erlebt und durchlebt. Haight/Ashbury, die Mission, Outer Richmond, Sunset, Castro, Tenderloin, South of Market.

Anfang der 90er Jahre tauchte ich voll ins Bar und Clubleben der Mission ein. Das waren die Zeiten der irrwitzigen „Open Mic Poetry Readings“, als Mike Boner nur in Nylonstrumpfhose auf der kleinen Bühne der „Chameleon Lounge“ auf der Valencia stand und seltsame Sachen vortrug. Danach einer, der im Alkoholsuff ein Gedicht schrieb, doch dann seine eigene krakelige Handschrift nicht mehr lesen konnte. San Francisco war wild. Überall passierte etwas. Dann kam der DotCom Boom und viele Künstler, Musiker, Autoren zogen weg. Teils nach Oakland, teils in andere Teile der USA, teils sogar nach Berlin. Damals gab es eine enge Verbindung zwischen der nordkalifornischen Metropole und der deutschen Hauptstadt.

Das Lucky 13 auf der Market Street soll schon bald nicht mehr sein.

Das Lucky 13 auf der Market Street soll schon bald nicht mehr sein.

Ich wohnte Ende der 90er Jahre schon in Oakland, aber war wöchentlich mit Freunden unterwegs. Wir zogen durch die Dive Bars, die noch da waren. Ich weiß gar nicht, wie der Club in Chinatown hieß, doch dort spielte der „Extreme Elvis“ ein denkwürdiges Konzert. Oben eine chinesische Bar, hinten ging dann eine enge Treppe in den Keller runter. Die Decke war niedrig, von Brandschutz hatte hier noch niemand gehört. Und dann kam er, der „Extreme Elvis“. Ein sehr beleibter Elvis Imitator, der schon nach wenigen Minuten nackt auf der kleinen Bühne stand und dann seinen schwitzigen Körper durch die Menge schob, vor allem auf kreischende Frauen zu.

Ich fühle mich schon fast dazu hingerissen zu schreiben „waren das noch Zeiten“. Aber damit klingt man so altklug, und das will ich mit fast 47 ja nun wirklich noch nicht sein. Doch San Francisco hat sich verändert, erneut verändert. Mit dem Wirtschaftscrash vor ein paar Jahren erholte sich die Lage leicht, doch damit ist nun Schluß. Die Mieten und Grundstückspreise steigen ins Unvorstellbare. Für eine Einzimmerwohnung zahlt man mittlerweile 3600 Dollar Monatsmiete, so viel wie nirgends sonst in den USA. Für leere Grundstücke in einigermaßen guten Gegenden legen Investoren auch schon mal 1,3 Millionen Dollar auf den Tisch, um darauf sündhaft teure Luxus Condos zu bauen.

Der Wohnraum ist knapp in San Francisco, das Geld liegt auf der Straße, noch nie lebten hier so viele Millionäre wie heute. Es ist eine neue Goldgräberzeit angebrochen. Einige machen richtig fett Kohle mit Vermietungen, Hauskäufen, Renovierungen und Neubauten. Klar, dass da nach jeder Möglichkeit gesucht wird. Wer hier und heute seine Wohnung verliert, findet in San Francisco keine Bleibe mehr. Eine Bekannte von mir muß nach 25 Jahren in San Francisco wegziehen, da ihr Vermieter Eigennutzung angemeldet hat. Sie hat keine Chance eine neue Wohnung zu finden.

Der Trend macht auch vor alteingesessenen Kneipen nicht halt. In der Mission mussten vor kurzem gleich zwei Bars dichtmachen, der „Lexington Club“ und „Esta Noche“. Der Besitzer des Hauses, in dem der „Elbo Room“ an der Valencia Street untergebracht ist, hat beantragt, das Haus abreißen zu dürfen, um Luxuswohnungen bauen. Und nun die Nachricht, dass auch das „Lucky 13“ verschwinden soll. Der Grundstücksbesitzer will das Haus aus dem Jahr 1906 platt machen lassen, um hier neu zu bauen. Das „Lucky 13“ fällt jedem deutschsprachigen Touristen gleich auf, der mit einer der historischen Straßenbahnen die Market hoch zum Castro Viertel fährt. Draußen am Haus hängt das gelbe Umleitungsschild aus Deutschland.

Der „Elbo Room“ auf der Valencia ist ein bekannter Musikclub, unten eine Bar, oben Konzerte. Und „Lucky 13“ ist so eine Dive Bar, wie man sie sich vorstellt. Die Jukebox hat nur Punkplatten, eine lange Theke, gutes Bier, alles wirkt etwas schmudellig, aber so passend für San Francisco. Hier legten auch immer die KUSF DJs ihre schräge Mischung auf. Ob das „Lucky 13“ nun weichen wird ist noch nicht ganz klar, das Haus könnte unter Denkmalschutz stehen. Doch die Richtung ist klar, alles wird erneuert, anders gemacht, um möglichst viel Profit zu erzielen. San Francisco verliert sich derzeit im Geldsegen. Am Ende wird eine begradigte und beschönigte Glanz- und Glittermetropole bleiben, in der die wenigsten nur noch leben können, die diese Stadt ausmachte und noch ausmacht. Man wird wehmütig, wenn man an die vielen Geschichten aus längst vergangen Tagen denkt. Oh weh!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um zu überprüfen, dass Sie eine reale Person und kein Spam-Roboter sind, lösen Sie bitte vor dem EINTRAGEN die nachfolgende kleine Rechenaufgabe, das sogenannte CAPTCHA *