Mit Klagen gegen die Waffenflut?

Gestern Abend debattierten erneut die beiden demokratischen Kandidaten Hillary Clinton und Bernie Sanders. Diesmal ging es etwas heftiger zu, aber es blieb fair. Es gab keine persönlichen Anfeindungen, keine Beleidigungen, es wurden einfach die unterschiedlichen Meinungen herausgestellt.

In der Debatte ging es auch um die Waffengewalt in den USA. Hillary Clinton erklärte, sie schließe sich dem Vorhaben von Eltern der ermordeten Kinder in der Sandy-Hook-Elementary-School an, die Waffenproduzenten und -händler zu verklagen, von denen die Knarren des Täters stammten. Damit wachse der Druck auf die „Gun-Lobby“. Bernie Sanders widersprach dem, er meinte, Klagen gegen die Hersteller und „Gun Shops“ würden nichts bringen, denn erstens werden Schußwaffen in den USA legal hergestellt und zweitens meistens legal verkauft.

Und auch wenn ich seit Jahren über die ausufernde Waffengewalt berichte, ich schließe mich Bernie Sanders‘ Argument an. Nicht die Hersteller von Knarren sind das Problem, nicht das viele Geld, das in den USA mit Schußwaffen verdient wird. Das eigentliche Problem in Amerika ist gesellschaftlich. In den USA gibt es ein vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz, das wird allgemein akzeptiert, auch wenn die Gründungsväter wohl mit dem Recht auf Waffenbesitz etwas anderes im Sinn gehabt haben, als nahezu 15.000 jährliche Mordopfer.

Mit einer 10mm Glock 20SF schuß der Täter um sich.

Mit einer 10mm Glock 20SF schuß der Täter um sich.

Aber selbst dieses „Grundrecht“ auf eine Knarre kann noch nicht erklären, warum Jahr für Jahr in den USA die Einwohner einer Stadt wie Forchheim durch Schußwaffen sterben müssen, Morde und Selbstmorde zusammen gerechnet. Klagen gegen die Hersteller der Pistolen und Gewehre werden da zu nichts führen, denn sie haben nichts falsch gemacht, außer ganz legal ein tödliches Produkt auf den Markt zu bringen. Der Staat, die Gesellschaft ist dafür verantwortlich, wer und wie leicht der Kauf ermöglicht wird. Es käme einer Klage von Angehörigen eines Todesfahrers gegen einen Autohersteller gleich, der sich einen zu schnellen Wagen gekauft hatte und diesen anschließend vor die Wand fuhr. Wenn in der Technik kein Produktionsfehler nachzuweisen ist, liegt die Schuld beim Fahrer.

Doch genauso, wie man durch Gesetze und Geschwindigkeitsbegrenzungen tödliche Unfälle durch Raser verhindern will, müsste man auch in den USA den Zugriff auf Waffen beschränken. Das jedoch ist nicht möglich. Die Waffen-Lobby in den USA hat so viel Einfluss und Macht auf die Politik, dass offizielle Zahlen und Untersuchungen ganz fehlen. Sie werden im Kongress von NRA-freundlichen Abgeordneten blockiert. Das heißt, niemand kann genau sagen, wie viele Schußwaffen überhaupt im Umlauf sind. Die Zahlen variieren zwischen 300 und 500 Millionen. Auch Untersuchungen, den sozialen Ursachen für die verstärkte Waffengewalt in den USA nachzugehen, werden unterdrückt. Gegen diese allgemein bekannte Lage, wird nichts unternommen. Die Lobbyisten arbeiten weiter, die amerikanische Gesellschaft akzeptiert den jährlichen Massenmord in ihren Nachbarschaften.

Und es gibt noch viel mehr, was in Sachen der Waffenpolitik in den USA schief läuft. Amerika ist eine Gesellschaft, in der Gewalt in der eigenen Geschichte nie richtig aufgearbeitet wurde. Der Krieg ist das Mittel, ausgedrückt in einer starken und schwer bewaffneten Armee. Im Wahlkampf hört man die Töne, dass die USA wieder aufrüsten müssen, denn somit tanze niemand mehr „God’s country“ auf der Nase herum. „We make America great again“, ist eine klare Ansage. Auch Eigenverantwortung zählt nicht viel, immer ist ein anderer für mein eigenes Falschverhalten und selbst verschuldete Unfälle haftbar zu machen. Davon lebt hier eine ganze Rechtsanwaltsindustrie.

Warum der 20jährige Todesschütze Adam Lanza am 14. Dezember 2012 in Newtown, Connecticut, 20 Kinder und sechs Erwachsene in der Sandy-Hook-Grundschule erschoss, ist nach wie vor unfassbar. Erklären wird man es wohl nie können. Doch eins ist klar, eine Klage gegen die Hersteller der benutzten Schußwaffen wird eine Bluttat wie diese auch in Zukunft nicht verhindern. Eine Klage ist da nur eine Art Augenwischerei, man tut ja was. Amerika hat gelernt mit Amokläufen, Massenschiessereien, den täglichen Mordnachrichten im Abendprogramm zu leben. Entsetzen, ein Aufschrei, Schock, auch das gehört dazu. Das ist die traurige Realität.

 

6 Kommentare in “Mit Klagen gegen die Waffenflut?

  1. Offizielle Zahlen fehlen? Komisch, das FBI veröffentlicht ständig offizielle Zahlen. Und diese Zahlen besagen, dass seit Jahren die Gewaltkriminalität kontinuierlich sinkt, trotz – oder wegen – der jährlich neuen Verkaufsrekorde bei Waffen und Munition.

    Für die übrigens nicht die böse Waffenlobby sorgt, sondern Präsident Obama durch seine ständigen Verbotsankündigungen. Die erst treiben die Leute in die Waffenläden, um sich vorsichtshalber mit allerlei Schießeisen einzudecken, bevor es vielleicht verboten wird.
    Und die vorbestraften Kriminellen, die sowohl die Masse der Opfer als auch Täter stellen, beziehen ihre Waffen ohnehin illegal, weil sie legal keine Waffen besitzen dürfen.

    Schade, dass USA-Korrespondenten vor Ort genau die gleichen oberflächlichen Allgemeinplätze verbreiten, wie man sie auch aus Redaktionsstuben aus der tiefsten deutschen Provinz kennt.

    • Da muss ich Ihnen leider in gleich mehreren Punkten widersprechen. Ich lebe hier seit 20 Jahren, bin also etwas mehr als nur ein zeitweiser Korrespondent. Dann zeigen Sie mir doch bitte mal die Zahlen aller im Umlauf befindlichen Waffen in den USA. Die gibt es nicht. Natuerlich werden vom FBI die Zahlen der Neukaeufe veroeffentlicht, aber das ist ja nicht alles, was sich ueber die Jahre und Jahrzehnte angesammelt hat. Und Ihre These, dass Barack Obama fuer die Verkaufsrekorde verantwortlich ist, ist auch unhaltbar. Niemand, weder ein Barack Obama noch eine Hillary Clinton, wuerde sich an eine Streichung des vermeintlichen Grundrechts auf Waffenbesitz heranwagen. Das ist unverhandelbar. Doch jedesmal, wenn es zu einer Massenschiesserei, wie in Newton oder kuerzlich in San Bernardino kommt, schnellen die Waffenkaeufe innerhalb von 24 Stunden nach oben. Ohne, dass auch nur ein Gesetz veraendert oder auch nur eine Ankuendigung einer Gesetzesnovelle bekannt wurde.
      Nach Ihrer Logik nutzen Waffengesetze und eine strengerer Zugang zu Knarren nichts, da die Kriminellen ja zumeist die Taeter und Opfer sind. Wenn ich mir die Mordrate allein in Oakland ansehe, dann gibt es hier in jedem Jahr Dutzende von unschuldigen Passanten, die getroffen werden.
      Und keine Sorge, es wird sich nichts in den USA aendern. Wenn man sich ansieht, dass der Amoklauf in einer Grundschule und in einer Kirche nichts veraenderte, dann liegen die Erwartungen fuer die hier Lebenden sehr niedrig. Derzeit geht es eigentlich nur darum, dass niemand legal eine Waffe kaufen kann, der sie nicht haben sollte oder darf: Vorbestrafte, Auffaellige, Verrueckte. Doch selbst das wird von der Waffenlobby in den USA blockiert. Eigentlich sollte dagegen, auch von Ihrer Seite, nichts einzuwenden sein….oder doch?

  2. Selbst in Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen zur Anzahl der im Umlauf befindlichen Schusswaffen. Wo sollen diese Zahlen denn auch herkommen? Feuerwaffen für patronierte Munition gibt es seit ca. 150 Jahren, der Erwerb bzw. Besitz war über Jahrzehnte gar nicht reglementiert und bei entsprechender Pflege funktionieren die Dinger eine kleine Ewigkeit. Spätere Reglementierungen haben stets nur einen kleinen Teil des vorhandenen Bestandes erfasst und die Schätzungen, wie viele nicht registrierte, erlaubnispflichtige Waffen in Deutschland vorhanden sind, reichen von unter zehn bis weit über 30 Millionen. Es ist schlichtweg unmöglich, eine OFFIZIELLE Zahl ALLER im Umlauf befindlichen Waffen zu nennen und deshalb beschränken sich Zahlenangaben stets auf die legalen, im Nationalen Waffenregister erfassten Feuerwaffen. Alles andere sind Schätzungen. Und in den USA gibt es kein solches Register. Registriert werden bestenfalls Verkäufe von Händlern, aber niemand weiß z. B., wie viele Waffen alleine als „Erinnerungsstück“ bzw. Kriegsbeute nach dem 2. WK aus Europa eingeführt und irgendwann weiterveräußert wurden.

    Fakt ist, dass Obamas Versuche, bestimmte Waffentypen (z. B. AR-15) zu verbieten, stets einen Run auf genau diese Selbstlader ausgelöst hat und auch die passende Munition gebunkert wurde, was teilweise dazu geführt hat, dass populäre Sorten auch in Deutschland nicht oder nur mit langen Lieferzeiten erhältlich sind bzw. waren und die Preise enorm gestiegen sind. Und da hat mit dem Kauf keiner gewartet, bis tatsächlich ein entsprechendes Gesetz in Kraft tritt, die haben gekauft, weil es VIELLEICHT so kommen könnte.

    Dass die Demokraten jedes Mass Shooting zu Waffenrechtsverschärfungen nutzen und politisches Kapital daraus schlagen möchten (wie Hillary Clinton nach San Bernardino) ist bekannt, diesem populistischen Aktionismus folgt jedesmal ein Kundenansturm auf Waffengeschäfte.

    Bemerkenswert ist doch eigentlich, dass der Waffenbestand in den USA in den letzten zehn Jahren um 100 Millionen (?) Stück gestiegen, die Gewaltkriminalitätsrate auf den tiefsten Stand seit 40 Jahren ist. Trotzdem predigen die Waffengegner ihr Mantra, wonach jede Waffe mehr angeblich zu mehr Mord und Totschlag führen würde. Das Gegenteil ist der Fall, jedenfalls in der Realität.

    • Bemerkenswert ist der Rueckgang der hohen Mordraten aus den 80er und 90er Jahren sicherlich, aber der Grund ist dabei nicht, dass mehr Waffen im Umlauf sind. Und wir reden hier nach wie vor von einer sehr hohen Mordrate und einem sehr hohen Schusswaffengebrauch. Seit 2013 gab es alleine 170 Schiessereien an Schulen. Nennen Sie das normal? Bitte kommen Sie nun nicht mit dem Argument, man sollte Lehrer bewaffnen fuer den Falle der Faelle.
      Allein in dieser Stadt, in der ich lebe, werden jaehrlich nahezu eintausend Schuesse registriert. Dieses Argumentieren mit einer gefallenen Gewaltkriminalitaetsrate, nach dem Motto „was habt ihr denn, Knarren sind doch gut“ ist etwas seltsam fuer meinen Geschmack. Ich lebe in einem Land, in dem es zu viele Waffen gibt und man hier in Situationen kommt, auf die ich verzichten haette koennen und kann. Der Zugang zu Schussswaffen ist hier zu einfach. Und die Frage ist, warum man als Normalbuerger ein von ihnen gepriesenes AR-15 zu Hause haben muss, dass urspruenglich fuer die US-Army entwickelt wurde?

  3. Es gab keine 170 „Schießereien“ an Schulen. Diese Zahl stammt von einer Gun-Control-Seite und ist vollkommen unseriös und nach willkürlichen Kriterien zusammengeschustert. Dort werden Schussabgaben ohne Opfer auf einem Parkplatz mit Suiziden, versehentlichen Schussabgaben etc. munter addiert.
    Oakland ist eine der Kriminalitätshochburgen der USA, die weitaus größte Zahl der Opfer sind kriminelle Gangmitglieder, genau wie bei den Opfern und die verwendeten Tatwaffen dürften allesamt illegal im Besitz der Gangster gewesen sein.

    Das AR-15 ist eine vielfältig einsetzbare, sehr präzise Jagd- und Sportwaffe und nicht gefährlicher als andere Selbstladebüchsen im Kaliber .223 Rem., nur weil ihr äußeres Erscheinungsbild dem vollautomatischen Sturmgewehr M 16 gleicht. Aus technischen und ergonomischen Gründen ähneln sich ohnehin alle Schusswaffen in Aufbau und Funktion. Ob ein Gewehr in schwarzer Kunststoff- oder handverschnittener Wurzelholzschäftung kommt, ist völlig unerheblich.Aus diesem Grund wurde sogar in Deutschland vor 13 Jahren der Anscheinsparagraf §37 abgeschafft und seitdem dürfen auch hierzulande AR-15 wieder aussehen wie AR-15 und müssen nicht mehr in Bahnschwellenoptik daherkommen.

    • Bei den 170 Schiessereien an Schulen dreht es sich nicht um Massenschiessereien wie an der „Sandy-Hook-Elementary-School“. Vielmehr wurden in 170 Faellen Schuesse an Schulen abgefeuert. Was das zeigt ist, der Zugang zu Waffen ist zu leicht, wenn sogar Kinder mit einer Knarre in die Schule kommen koennen.
      Das mit den kriminellen Opfern erzaehlen Sie hier bitte mal den Angehoerigen und den Opfern von Schiessereien. Tatsache ist leider, dass jegliche Waffenkontrolle in den Großstaedten von der Waffenlobby, der NRA, blockiert wird.
      Fuer mich gibt es kein Grund, warum jemand ein Sturmgewehr daheim haben muss. Mal ehrlich, die Zeit der Jaeger und Sammler liegt schon lange hinter uns. So viele Menschen, gerade in den Großstaedten Amerikas, gehen nicht mehr selbst in den Wald, um ihr Abendessen zu erlegen.

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