Ich lebe auf der Insel

Seit nun fast einem Jahr tobt der amerikanische Wahlkampf. Er ist laut, brutal, fies, dreckig und dennoch so unterhaltsam. So etwas hat selbst Amerika noch nicht gesehen. Jegliche Wahlkampfplanung steht Kopf. Das liegt sicherlich an Donald Trump, der republikanische Fernsehdebatten zu Live-Events gemacht hat. Politische Diskussionen erreichen derzeit höhere Einschaltquoten als Sportveranstaltungen. Die Networks lieben den Donald, bieten ihm bereitwillig eine Plattform. Trump bekommt die Sendezeit, die er will, ohne dafür auch nur einen Cent auszugeben. Belohnt werden die Nachrichtenkanäle mit deutlichen Worten, verbalen Tiefschlägen, Schockforderungen und am Ende steht: „We will make America great again“. Was soll man da noch zu sagen?

Die republikanischen Kandidaten bekriegen sich im Vorabendprogramm. In unbedeutenden Kleinststaaten, wie Iowa und New Hampshire, sind wichtige Entscheidungen getroffen worden, ernstzunehmende Kandidaten mit konservativen Visionen und Programmen schieden nach den dortigen Vorwahlen aus. Und das, obwohl nur ein paar tausend Wähler überhaupt ihre Stimme abgaben.

Wir hier in Kalifornien bekommen am Ende meist nur noch das Recht eingeräumt, den auserwählten Kandidaten abzunicken. Erst im Juni in einer der letzten Vorwahlen wird im bevölkerungsreichsten Bundesstaat gewählt. Doch dann steht meist schon eine Entscheidung auf einen Kandidaten fest. Ein Scott Walker, ein Rick Perry, ein Chris Christie, ein Jeb Bush und zahlreiche andere sind dann schon lange nicht mehr auf den Wahlzetteln zu finden. Eigentlich wären die Vorwahlen bis zum Urnengang im Juni gelaufen, doch auch das scheint diesmal anders zu sein. Bei den Republikanern droht ein Fiasko, denn keiner der Kandidaten, auch selbst ein Donald Trump nicht, werden die notwendigen Delegiertenstimmen bis zum Parteikonvent im Juli erhalten. 1237 Stimmen müssen es sein. Trump wird wohl die Mehrheit der Stimmen bekommen, aber eben nicht die Marke überspringen, um so die Nominierung abzusichern. Was droht, ist ein Parteitag, auf dem sich offen gefetzt wird. Die Fernsehnation wird live dabei sein.

Bernie Sanders Schilder im Vorgarten.

Bernie Sanders Schilder im Vorgarten.

Diese Aussicht macht Kalifornien für die Kandidaten interessant, denn hier werden 172 Delegiertenstimmen vergeben. Das wäre kurz vor dem Parteitag noch ein deutliches Signal an das Establishment der Partei, keine Hinterzimmerdeals zu schließen und einen Drittkandidaten zu nominieren.

Bei den Demokraten sieht ebenfalls alles nach einem langen Wahlkampf aus. Bernie Sanders will im Rennen bleiben, seine „Message“ bis zum Parteitag nach Philadelphia tragen. Und hier in Kalifornien kann der Senator aus Vermont noch einmal so richtig punkten. In der San Francisco Bay Area trifft Sanders auf große Unterstützung. An vielen Autos sieht man Autoaufkleber „Feel the Bern“, in den Vorgärten die Schilder „Bernie 2016“. In den progressiven Medien-Outlets der Region, wie KPFA und KALW, hofft man auf den Erfolg von Sanders und darauf, dass die demokratische Partei auch unter einer Kandidatin Hillary Clinton einen deutlichen Linksrutsch durchführt.

In meiner Nachbarschaft, in Oakland-Montclair, scheint ein Cluster von Bernie Sanders Unterstützern zu leben. Straßenschilder, Aufkleber und selbst in den Cafés und bei Spaziergängen mit meinem Hund im Wald höre ich, wie über Bernie Sanders gesprochen wird. Am letzten Wahltag war ich nachmittags mit Käthe draußen und gleich mehrere Vorbeikommende fragten, ob ich schon wüßte, wie Bernie abgeschnitten habe.

Die Bay Area ist eine politische Insel, die sicherlich nicht den Rest Kaliforniens und der USA spiegelt. Aber mal ehrlich, gerade das macht diese Region auch so attraktiv, spannend, interessant. Wer will schon in Kansas wohnen, neben einem Nachbarn, der ein Ted Cruz Rasenschild im Vorgarten stehen hat?

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