Die Faszination der Reise

Mir fällt gerade ein Lied von Marius Müller-Westernhagen ein: „Jetzt sitz‘ ich hier, bin etabliert und schreib‘ auf teurem Papier…“. Ja, ich sitze hier, im Garten des Hotels in Somaliland, schreibe nicht auf teurem Papier, tippe dafür in meinen Laptop, und etabliert, na ja, das wohl auch nicht. Es ist mehr das hier sitzen, nachdenken, das Erlebte zu verdauen. Die Reise nach Somaliland neigt sich dem Ende zu. Aus verschiedenen Gründen ging es nicht nach Puntland, aber das war am Ende für die Recherchen auch nicht mehr notwendig.

Solchen Dornen werden eingesetzt.

Solchen Dornen werden eingesetzt.

In den letzten Tagen habe ich viel gesehen, viel gehört. Frauen haben mir detailreich von ihrer Genitalverstümmelung erzählt. Noch Jahre, noch Jahrzehnte später können sie sich an diesen Tag in ihrer Kindheit erinnern. Ohne Narkose, an das Rasiermesser, an die Dornen. Am Ende durften sie sich nicht bewegen, für Tage, bis die offene Wunde verheilt, ihre Scheidenöffnung fast ganz verschlossen war. Nur ein kleines Loch blieb offen. Die Schmerzen waren damit nicht zu Ende.

Ich habe hier mit religiösen Führern gesprochen, mit Vertreterinnen der Regierung, mit Aktivistinnen und auch mit Frauen, die diese Prozedur für ihren Lebensunterhalt durchführen. Für ein paar Dollar kommen sie ins Haus und machen genau das, was die Eltern verlangen. Typ I, Typ II, doch meistens Typ III. Mit einem Rasiermesser schneiden sie die Klitoris, die äußeren, manchmal auch die inneren Schamlippen ab und „nähen“ dann die offene Wunde mit gespitzten Dornen zu.

Nach solchen Tagen, nach solchen Erzählungen, bin ich gerne durch Hargeisa gelaufen oder habe hier im Hotel in einem veralteten Fitnessraum rostige Gewichte gestemmt. Ein Weg, den Kopf freizubekommen. Es ist ja nicht so, dass das alles, was ich auf solchen Reisen erlebe, sehe, höre, einfach wegstecke, so, als sei es nur ein Job, eine Pressekonferenz, ein Bericht und das war es dann. Punkt.

Ganz im Gegenteil, der schlimme Teil kommt noch einmal, wenn ich mich Zuhause hinsetze und all die Interviews abtippe, die Artikel und Manuskripte schreibe, die Radiobeiträge produziere. Ich weiß, ich habe ein gutes Leben. Ich reise wieder ab, in meine Welt, in mein Haus in Oakland. Werde mit meinem Hund durch die Wälder streifen, laut Musik hören, ein gutes Glas Wein genießen. Hier im Hotel am Abend sitze ich im Garten, trinke einen somalischen Tee und weiß auch, dass ich ein sehr reiches Leben habe. Ich habe die Möglichkeit zu reisen, Menschen und Länder und Kulturen kennenzulernen. Vor allem habe ich die Möglichkeit zu fragen, zuzuhören, vielleicht auch mal Antworten zu finden. Das ist ein reichhaltiger und tiefer Blick auf die Probleme dieser Welt. Sei es die weltweite Flüchtlingskrise, die Kriege, die Ausbeutung in den Entwicklungsländern oder auch eben FGM, „Female Genital Mutilation“. Was ich aber vor allem schätze, sind die Menschen, die ich auf diesen Reisen kennenlerne, die mir einen Blick in ihre Welt erlauben. Das ist ein unglaublicher Schatz in meinem Leben. Das soll jetzt ganz und gar nicht pathetisch klingen. Für mich ist all das oftmals nur eine Erdung.

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