Ein Land voller Schmerzen

Drei Buchstaben sind es: FGM. Sie stehen für „Female Genital Mutilation“, übersetzt wird das fälschlicherweise oftmals mit weiblicher Beschneidung. Doch das trifft es nicht, ganz und gar nicht. Wenn man von Beschneidung spricht, denkt man an die Beschneidung eines Jungen, wie es bei Juden, Muslimen und auch in den USA ganz normal ist. Die Vorhaut wird dabei abgetrennt, ein kleiner chirurgischer Eingriff. „Female Genital Mutilation“ ist dagegen Genitalverstümmelung. Zumeist Mädchen im Alter zwischen 5-10 Jahren werden dabei ein Leben lang gezeichnet.

Dabei werden vier Typen unterschieden, Typ I ist die Entfernung der Klitoris, Typ II die Entfernung der Klitoris und der Schamlippen. Typ IV alles was nicht unter I, II oder III fällt. Die schlimmste Methode ist die Infibulation nach Typ III, oder auch „pharaonische Beschneidung“ genannt. Und die ist am weitesten verbreitet am Horn von Afrika.„Die Beine des Mädchens werden von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die Wunde heilen kann. Die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre wächst zusammen und verschließt den Scheidenvorhof. Lediglich eine kleine Öffnung für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete wird geschaffen, indem ein dünner Zweig oder Steinsalz in die Wunde eingefügt wird. Durch diese Behinderung kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass die Vulva wieder aufgeschnitten werden muss, um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginalöffnung mit einem scharfen Gegenstand erweitert werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. Manchmal wird an unbeschnittenen schwangeren Frauen vor der Entbindung eine Infibulation durchgeführt, weil geglaubt wird, dass Berührung mit der Klitoris zu Fehlgeburten führt. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.“ (Quelle Wikipedia).

Die Stiftung Weltbevölkerung hat es mir ermöglicht, auf diese Reise nach Somaliland zu gehen. Eine Reise, die mich oftmals an Grenzen gebracht hat. Es ist ein Thema, über das kaum jemand sprechen will. In Deutschland und den USA, jene Länder, in denen ich mich bewege, ist nicht viel bekannt über FGM, meist nur, dass aus religiösen Gründen die Klitoris abgeschnitten wird. Der Islam wird dabei verflucht, was für eine Religion sei das, die so etwas zulässt, wird abgeurteilt.

Ich gebe zu, ich habe auch nicht viel darüber gewußt, bis ich 2014 mit CARE in den Tschad und im letzten November hier ans Horn von Afrika reiste. Das Thema kreuzte immer wieder unseren Weg. In den Flüchtlingslagern im südlichen Tschad, in Somaliland und Puntland in den Gesprächen in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Doch das ganze Ausmaß dieses barbarischen Aktes hatte ich auch nicht vor Augen.

"Female Genital Mutilation" geschieht nicht im Namen des Islam.

„Female Genital Mutilation“ geschieht nicht im Namen des Islam.

Schon am ersten Tag, kurz nach meiner Ankunft, stand das erste Interview an. Edna Adan, ausgebildete Krankenschwester, hat hier ein Hospital eröffnet. Seit 40 Jahren ist sie eine der wohl bekanntesten Kämpferinnen gegen FGM. Auch sie ist betroffen, wie eigentlich jede Frau, die ich hier im Laufe meines Aufenthaltes getroffen habe. Um das Krankenhaus aufzubauen, spendete die Witwe des früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, ihre Pension und ihr Vermögen. Ganz ruhig und sachlich berichtete sie von ihrem fast aussichtslos erscheinenden Kampf gegen tief verwurzelte Überzeugungen, eine Kultur des Schweigens, gegen scheinbar unüberbrückbare Fehlinformationen. Die fast 78jährige ist dennoch voller Energie. Mehr und mehr Mistreiterinnen und Mitstreiter findet sie für diesen Kampf.

Am Tag danach saß ich mit Frauen im Büro von Nagaad zusammen. Vertreterinnen der Frauenrechtsorganisation, die schon 1997 gegründet wurde, und Frauen aus einem Flüchtlingslager am Rande der Stadt. Sie alle arbeiten daran, die hohe Rate von weiblicher Genitalverstümmelung in Somaliland zu senken. Und die ist hoch, weit über 90 Prozent. Alle Frauen, die im Kreis in diesem kargen Raum um mich herumsaßen waren Betroffene. Eine 70jährige berichtete davon, dass sie noch immer massive Gesundheitsprobleme habe. Und dennoch, sie selbst hat ihre Töchter und Enkelinnen „beschnitten“. Das verlangte ihre Religion, glaubte sie. Zumindest sei sie davon über all die Jahre überzeugt gewesen. Erst vor kurzem hat sie gelernt, dass im Koran nichts von dieser frauenfeindlichen und schmerzhaften Prozedur steht. Die Vertreter ihrer Religion hätten sie enttäuscht und betrogen. Ein Leben lang. Als sie das begriff ging sie zu ihren Töchtern und bat um Vergebung für das, was sie ihnen angetan hatte.

Persönliche Geschichten und Erfahrungen wie diese sind kein Einzelfall. Die Frauen erzählen bereitwillig, denn sie wissen, der Deckmantel des Schweigens ist ein Grund dafür, warum diese gewaltsame Prozedur noch immer in ihrem Land, in ihrer Kultur und vermeintlich im Namen ihrer Religion durchgeführt wird.

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