4 qm Leben

Sonntagmorgen 8 Uhr. Ich habe einen Besuchstermin für San Quentin. Seit nunmehr 21 Jahren besuche ich regelmäßig einen Gefangenen auf „Death Row“, dem kalifornischen Todestrakt im ältesten Gefängnis des Bundesstaates. Am Donnerstag noch ließ ich mir telefonisch den Termin geben, „Lock Down“ sei so gut wie vorbei, hieß es. „Lock Down“ heißt, das gesamte Gefängnis oder ein Teil davon ist unter Verschluß. Die Gefangenen bleiben in ihren vier qm Zellen und die werden eine nach der anderen total umgekrempelt auf der Suche nach verbotenen Gegenständen, wie Waffen, Drogen, nicht Erlaubtes.

Um 6 Uhr war ich aufgestanden, schaute auf die Webseite von San Quentin, kein Wort von „Lock Down“, ich rief dort an, keiner nahm ab, also, dachte ich mir, fahr ich mal von Oakland nach San Quentin, entlang der Bay. Zum Glück ist am Sonntagmorgen kein Verkehr in der Bay Area, eine der seltenen Zeiten.

Dort angekommen warteten schon rund ein Dutzend Frauen auf Einlass. Ich war der einzige in der Reihe für den East-Block, dem Todestrakt. „East-Block is on lock down“, meinte eine Afro-Amerikanerin zu mir. Als die Besuchertür sich öffnete und eine Frau abgefertigt werden sollte, steckte ich schnell meinen Kopf rein und fragte den Strafvollzugsbeamten hinter dem Schreibtisch, ob das stimme und er meinte nur „yes“….“damned“, war meine knappe Antwort.

Seit zwei Wochen nun ist „Death Row“ damit abgeriegelt. Vier Quadratmeter Leben für die Häftlinge. Sie essen, schlafen, verbringen ihre Zeit dort. Die Zellentür öffnet sich in der Zeit nicht, nur wenn mehrere Beamte ihr „House“ auseinander nehmen, auf der Suche nach unerlaubten Gegenständen.

R. habe ich 1994 kennengelernt, ihn aus Nürnberg angeschrieben, er antwortete. R. wurde 1978 verhaftet, seit 1980 sitzt er im Todestrakt von San Quentin. Nach meinem Umzug in die San Francisco Bay Area, 1996, begann ich mit den regelmäßigen Besuchen, lernte dabei drei Männer kennen, die schließlich hingerichtet wurden. Zur letzten angesetzten Hinrichtung war ich als Medienzeuge geladen. Viel und oft habe ich in all den Jahren über San Quentin berichtet. Im letzten Jahr wertete ich all diese Aufnahmen einmal für eine „Lange Nacht“ auf Deutschlandfunk aus. Stimmen, Geschichte, Töne, Musik, Kunst und Kultur aus dem ältesten Staatsgefängnis in Kalifornien. Zwischen „Death Row“, Johnny Cash und einem der beeindruckendsten Wandbilder, die keiner in der freien Welt je sehen wird. „San Quentin, you’ve been living hell to me“….

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