Wie überlebt man Isolation?

Nach 44 Jahren kam die Freiheit. Körperliche Freiheit, betont Albert Woodfox. Denn im Gefängnis sei sein Geist nie eingesperrt gewesen. Gestern sass ich mit dem 70jährigen auf seiner Veranda in seinem Haus in New Orleans. Wir unterhielten uns über sein Leben, das vor allem hinter Gittern in einer kleinen Zelle stattfand. Albert Woodfox war einer der „Angola Three“, drei Häftlinge, die Jahrzehnte im „Louisiana State Penitentiary“ in Einzelhaft verbracht haben für einen Mord, den sie nicht begangen haben.

Albert Woodfox in seinem Haus in New Orleans.

Albert Woodfox gründete in den 70er Jahren hinter Gittern mit Robert King und Herman Wallace ein Chapter der „Black Panther Party“, die einzige Gefängnisgruppe der afro-amerikanischen Politbewegung in den USA. Und als Black Panther schulten und unterrichteten sie ihre Mitgefangenen, zeigten ihnen, dass die Mauern keine Grenzen sind, um selbst zu wachsen. Das ist, was Woodfox meint, wenn er sagt, frei war er schon lange, längst bevor sich die Gefängnistore für ihn öffneten. Er spricht ruhig, schildert die Zeit auf engstem Raum, beschreibt ein unvorstellbares Leben und strahlt dabei eine Ruhe und Kraft aus, wie man sie selten spürt

Wir sprachen über Politik, über das Überleben hinter Gittern, darüber, dass sich für Afro-Amerikaner in den USA nicht viel verändert hat in all den Jahren seiner Haftzeit. Noch immer gibt es offenen Rassismus im Land, die Wahl von Donald Trump habe das ganz klar gezeigt, meint Woodfox. Sei sein Kampf gescheitert, sei er frustiert darüber, dass so wenig aus dem geworden ist, was die Black Panther Party erreichen wollte? Nein, sagt Woodfox, er habe vielen Männern in Angola das Lesen und Schreiben beigebracht, sie zum Denken und Nachdenken geführt, ihnen Zusammenhänge erklärt. Das allein war es wert, diesen Kampf geführt, diese langen Jahre durchlebt zu haben. An seinem Leben würde er nichts ändern. Aufgrund all dieser Erfahrungen sei er der, der heute hier mit mir sitzt.

In seiner Zelle unterrichtete er sich selbst, las philosophische, historische und politische Bücher. Tauschte sich mit seinen engen Vertrauten Robert King und Herman Wallace darüber aus. Gemeinsam schulten sie sich in Rechtsfragen, wälzten Gesetzestexte, schrieben Eingaben, klagten gegen das Gefängnis und gegen den Bundesstaat Louisiana. Manchmal mit, manchmal ohne Erfolg. Aufgeben war jedoch nie eine Frage für ihn und die anderen. Immer wieder wurde versucht sie zu brechen, am Ende siegten die drei. Ihre Unschuld wurde nachgewiesen. Robert King wurde entlassen und lebt heute in Austin. Herman Wallace kam frei und starb als „free man“, wie Albert Woodfox betont. Für ihn selbst öffneten sich im Februar 2016 die Gefängnistore. Sein Kampf geht nun weiter, sagt er zum Ende unseres Treffens. Und ich glaube ihm.

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