Dem Henker von der Schippe springen

Die Hinrichtungskammer in San Quentin. Foto: Reuters.

Was sagt man einem Mann, der seit 1978 in der Todeszelle sitzt und sterben will? Der Staat Kalifornien könnte schon bald wieder mit Hinrichtungen beginnen. Im vergangenen Jahr stimmte eine knappe Mehrheit der Wähler dafür, die Einspruchsmöglichkeiten von zum Tode Verurteilten zu verkürzen. Das kalifornische Verfassungsgericht hat vor ein paar Wochen dieses Gesetz weitgehend für rechtens befunden. Damit ist für 18 Todeskandidaten das Ende in Sicht.

Mehr als 750 Häftlinge warten im berüchtigten East-Block von San Quentin auf ihre Hinrichtung. Viele von ihnen schon seit Jahrzehnten. Einen davon kenne ich sehr gut. Er ist einer von denen, die kaum noch legale Möglichkeiten haben. Ein Gericht entschied nun in seinem Fall, dass keine neuen Anträge der Anwälte mehr angenommen werden können, da diese Anträge eigentlich in der Hauptverhandlung hätten gestellt werden müssen. Aber die Pflichtverteidiger damals versäumten dies. Es geht also am Ende nicht mehr um Schuld und Unschuld, sondern um ein rechtliches Gerangel über Formalitäten und Fristen.

„Ich muss mit Dir reden“, meinte er am Telefon. Am Sonntagmorgen sass ich dann mal wieder in diesem kleinen Stahlkäfig. Er genoss sein Sandwich, ich kaute auf Popkorn rum, dazu Coca Cola und Mountain Dew. In den Nebenkäfigen wurde gebetet, geredet, gegessen. Ende des Jahres könnte der Staat, so die einhellige Meinung auf Death Row, mit dem Abarbeiten der langen Liste beginnen. Er wolle sich nicht vom Staat hinrichten lassen und werde vorher eine Lösung finden. Und dafür wolle er mich fragen, ob ich als sein Fürsprecher eintreten würde, falls bei seinem Weg etwas schief laufen sollte. Was das heißt war mir gleich klar.

Vor ein paar Jahren meinte er einmal, ob ich zu seiner Hinrichtung kommen würde. Er dürfte jemanden dazu einladen, so steht es im Gesetz und dem Ablaufprotokoll für Exekutionen. Damals schluckte ich und überlegte, ob ich so etwas sehen möchte, aber ich willigte ein. Von daher kam die Frage nun nicht überraschend. Am Ende, nach den langen Jahren in einer kleinen Zelle im ältesten Staatsgefängnis von Kalifornien, will er entscheiden, wie er geht. Er sagt, er habe die Tat, für die er hierher gebracht wurde, nicht begangen. Von daher wolle er es nicht zulassen, dass der Staat, der ihn einkerkerte ihn auch noch ins Jenseits befördert. Diesen letzten Gang will er alleine und selbstbestimmt gehen.

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