„The day the music died“

So genau, kann man den Tag wohl nicht festlegen. Auch nicht, ob er in der Vergangenheit, der Gegenwart oder Zukunft liegt. Aber irgendetwas hat sich verändert im Musikgeschäft. Ich klinge da wohl nostalgisch, zeige mein Alter, wenn ich davon spreche, wie ich als Jugendlicher durch die Nürnberger Innenstadt von einem Plattenladen zum nächsten lief, auf der Suche nach Schallplatten und nach den besten Preisen dafür. Adler, Montanus, Phonac, Musik Shop, Francoise, Goofy. Bei Hertie kaufte ich meine erste LP. All die Läden gibt es schon lange nicht mehr.

Viel Wasser ist seitdem die Pegnitz runter und durchs Golden Gate geflossen. Musik ist noch immer meine große Leidenschaft. Selbst auf Reisen in exotische Länder und in Konfliktgegenden versuche ich Musik „einzufangen“. Mein Geschmack hat sich über die Jahrzehnte sicherlich verändert und ich denke auch erweitert, ich höre nun mehr schräge und „disturbing“ Sachen, aber einige meiner alten Heroen sind noch immer bei mir.

Was sich allerdings im Großen verändert hat ist die Art des Hörens und die Wertschätzung der Musik. Das musste ich gestern leider wieder schmerzhaft erfahren. Vor etlichen Jahren lernte ich in San Francisco die Musikerin Rykarda Parasol kennen. Ihr Name allein ist schon Musik in meinem Ohren. Eine Musikerin, die im Alternative Country anzusiedeln ist, eher auf der düsteren Seite wandelt. Damals produzierte ich noch meine Sendung auf KUSF San Francisco, wir trafen uns in einem Café unweit des Campus.

Später wurde ihre Musik auch ein Teil meiner Country/Folk/Americana Shows auf einer großen deutschen Airline. Rykarda stand auf ihre Weise für einen Part des Klangbilds dieser Sendung. Abseits der Charts, Independent Artist, Alternative Country, Musik, die mich sehr ansprach und berührte. Ich konnte Rykarda sogar an Glitterhouse Records vermitteln, aber daraus wurde bedauerlicherweise keine langfristige Partnerschaft.

Nun hatte ich mal wieder Kontakt mit ihr und leider schrieb sie mir: „I’ve decided to retire from music …. I can no longer afford to record“. Das ist mehr als traurig, denn es beendet nicht nur die musikalische Karriere einer, wie ich finde, Ausnahmemusikerin. Es zeigt auch den Zustand des heutigen Musikgeschäftes. Ein paar verdienen sehr gut, der Großteil der Musiker geht jedoch unter. Independent Artists zahlen drauf oder können nur noch mit Live-Konzerten überleben. Die Plattenverkäufe sind verschwindend, Downloads und Streamingdienste geben vielen Künstlern den Rest.

Natürlich hat das Internet und die technische Entwicklung viel gebracht. Musiker können viel einfacher aufnehmen, sich selbst promoten, den Kontakt zu Fans halten. Für jemanden wie mich hat es noch einmal eine ganz neue Welt abseits der Plattenregale in den Läden eröffnet. Radio Goethe wäre ohne Internet nicht möglich gewesen, einen Großteil meiner Platten und CDs, die ich in den letzten 10-15 Jahren gekauft habe, hätte ich ohne die Möglichkeiten des weltweiten Webs nicht gefunden. Musik aus Afrika, obskure Veröffentlichungen, Bands und Musiker, die ohne Plattenvertrag hervorragende Musik in Eigenregie produzieren.

Doch dann sind da auch Musikerinnen wie Rykarda Parasol, die an dieser Schwelle verharren, Erfolg haben, aber nicht genug und auf längere Sicht hinaus, um davon leben zu können. Das ist alles nichts neues, das war und ist wohl das Schicksal eines Independent Musikers. Doch es hat heutzutage auch damit zu tun, dass die Musik nicht mehr die gleiche Wertschätzung erhält wie früher. Eine Platte wird kaum noch als Gesamtwerk wahrgenommen, schon gar nicht mehr in voller Länge gekauft. Musik wird „gestreamt“, wird zur Beschallung, zur Untermalung, als Beiprodukt des Alltags genutzt und das ohne die Musikerinnen und Musiker, ihre Kunst wirklich wahrzunehmen.

Die Musik wird nicht sterben, es wird sie immer geben. Aber man wird den Preis dafür zahlen müssen, dass sich Musikerinnen, wie Rykarda Parasol, eingestehen, nicht länger Musik produzieren zu können, weil sie es sich mit dem Anspruch, den sie haben, nicht länger leisten können. Und ich finde, dieser Preis ist mehr als hoch.

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