Ein Kraftwerker packt aus

Eigentlich will Karl Bartos gar nicht mehr groß darüber reden. Immerhin ist er schon seit über 25 Jahren nicht mehr Teil einer der wohl bedeutendsten Gruppen überhaupt. Und doch, alles, was er heute musikalisch und visuell macht, wird mit dem „Output“ seiner einstigen Band verglichen. Kraftwerk wurde für Karl Bartos zum Segen und zum Fluch. Nach 25 Jahren Ausstieg aus der legendären Gruppe legt er nun seine Autobiografie vor, die eine umfangreiche Klangbiografie geworden ist. Eine wahrhafte Spurensuche in der Hörwelt.

Es ist ein gewaltiger Schmöker, den Karl Bartos da veröffentlicht hat. Auf nahezu 600 Seiten beschreibt er in „Der Klang der Maschine“ seinen musikalischen Lebenslauf. Von den Anfängen in diversen Cover-Combos in Düsseldorf, über sein klassisches Musikstudium, bis hin zu seinen jüngsten Soloalben. Was sicherlich am interessantesten für viele Leser ist, sind seine Jahre bei den legendären Kraftwerk. Bartos präsentiert einen genauen Einblick in die Arbeitsweise und die musikalische Vision der legendären Elektro-Pioniere. Er kann das nur zu gut, denn Karl Bartos war zwischen 1975 und 1991 Mitglied der Band und damit ein massgeblicher Teil in den wohl wichtigsten Jahren von Kraftwerk.

Der heute 65jährige drückte Kraftwerk auch seien musikalischen Stempel auf. Wer von Ralf Hütter und Florian Schneider spricht, sollte Karl Bartos nicht außen vor lassen. Das wird ganz klar nach dem Lesen dieses sehr persönlichen Rückblickes. Manchmal ist „Der Klang der Maschine“ etwas langatmig, sehr detailorientiert, etwas zäh sich hinziehend. Und doch, man spürt, dass sich Karl Bartos hier durch all seine Aufzeichnungen gearbeitet hat, seine Tage- und Notzibücher, seine Notenschriften, seine musikalischen Aufnahmen in den diversen Formen, Artikel und Interviews auswertete. Es war für ihn wichtig, das wird mehr als deutlich, seine Sichtweise der Dinge endlich einmal darzulegen, klar zu machen, niederzuschreiben.

Der Klang der Maschine“ ist ein Blick hinter die Kulissen der sterilen Kraftwerkwelt. Von einem Bandprojekt mit Proben zu einer fast wissenschaftlichen Herangehensweise. Schneider und Hütter hatten dabei alles unter Kontrolle, sahen die Mitstreiter Karl Bartos, Wolfgang Flür und viele andere im Kraftwerkumfeld eher als Angestellte, als Zulieferer, als Befehlsempfänger an. Damit räumt Karl Bartos in seiner Klangbiografie auf. Er zeigt, dass Kraftwerk kein Duo waren, sondern vielmehr ein Zusammenkommen vieler Visionäre, die vor allem in den 1970er Jahren sich aufmachten, neue Klangufer zu entdecken, auszukundschaften, zu erobern.

Kraftwerk sind Pioniere der Musikwelt. Ihre 70er Alben sind ein Muss für jeden Musikbegeisterten, denn darauf wurden bahnbrechende Sounds und Lieder veröffentlicht, die Musiker über alle Genres hinweg beeinflusst haben. Für mich ist die Platte „Die Mensch-Maschine“ noch immer eine der besten Alben in meinem duchaus umfangreichen Platten-/CD-Schrank. Ein Album, das nicht alt wird, zeitlos gut ist und auch heute noch begeistern kann. Karl Bartos war Teil dieses legendären Line-ups. „Der Klang der Maschine“ ist ein mehr als lesenswertes Buch für alle, die mehr wissen wollen über die wohl bedeutendste deutsche Band, einen ihrer Visionäre und die 70er Jahre, eine Zeitepoche, die lange Zeit nur belächelt wurde, doch heute im Rückblick zumindest aus deutscher-musikalischer Sicht ganz neu bewertet werden muss. Karl Bartos war und ist Teil von Kraftwerk. Fluch und Segen. Seine zwei Solo-Alben „Communications“ und „Off the record“ belegen dies, doch zeigen auch, dass Karl Bartos den unter Kraftwerk eingeschlagenen Weg alleine klanglich beeindruckend weiterführen kann.

Hier ist ein Interview mit Karl Bartos zu hören:

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