„America First“ ist nichts Neues

Vor ein paar Wochen sah ich auf Facebook einen hochpolitischen Cartoon von Dr. Seuss, der eigentlich mehr für seine Kinderbücher bekannt ist. „America First“ war da auf der Brust einer Großmutter zu lesen, die ihrer Enkelin und ihrem Enkel aus dem Buch „Adolf + The Wolf“ vorlas. Darüber die Textzeile: „…und der Wolf frass die Kinder und spuckte die Knochen aus… Aber es waren „ausländische Kinder“ und deshalb machte es nichts aus.“ Ich musste zweimal hinsehen und recherchierte ein bisschen, um sicher zu gehen, dass das wirklich von Dr. Seuss mit dem „America First“ gezeichnet worden war. Und es stimmte. Bevor Dr. Seuss – geboren als Theodor Geisel, seine Großeltern waren Immigranten aus Deutschland – Erfolge mit seinen skurilen Figuren und Geschichten haben konnte, zeichnete er hochpolitische und kritische Cartoons für die New Yorker Tageszeitung „PM“. Und die hatten es in sich.

Wenn man sich heute diese Bilder ansieht, erkennt man zum einen sehr deutlich, in welche Richtung sich Dr. Seuss künstlerisch in den Folgejahren weiterentwickelte. Schon hier tauchten einige der späteren Kinderbuchcharaktere auf. Doch diese Cartoons sind aus heutiger Sicht, im „America First“ Zeitalter von Präsident Donald Trump, mehr als schockierend, denn sie zeigen genau auf, wohin diese Art der Politik führen kann. Isolation, Grenzschließung, Wegsehen, den eigenen Bauchnabel streichelnd, das war schon damals der falsche Weg und kostete vielen Menschen in Europa das Leben. Menschen, die vor dem Nazi-Terror fliehen wollten und keine Einreiseerlaubnis in die USA bekamen. Die USA sahen sehr lange darüber hinweg, was da in Europa passierte, denn auch damals gab es mit den Diktaturen in Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien gute Geschäfte zu machen.

Dr. Seuss Cartoons in der „PM“ sind verstörend, eben weil sie so aktuell und dadurch zeitlos sind. Was damals ab 1941 von ihm zu Papier gebracht wurde, könnte heute ohne weiteres in einer Tageszeitung erscheinen und die derzeitige politische Situation in den USA beschreiben. Die Folgen der Außenpolitik, die Verbindungen zu Diktatoren, die Gleichgültigkeit gegenüber Not und Elend in der Welt. Ich weiß, historische Vergleiche sind gewagt. Der Dauerwahlkämpfer und Präsident Donald Trump lädt allerdings richtiggehend dazu ein, dass man zumindest den Versuch unternimmt, seine Politik historisch zu deuten, einzuordnen. Und dabei stößt man fast ganz automatisch auf ein sehr dunkles Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Ein dunkles Kapitel auch für die USA. Genau das belegen diese Cartoons von Dr. Seuss aus den frühen 1940er Jahren.

 

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