Ganz großes Kino – die neue Platte von „Dirtmusic“

Als George W. Bush am 29. Januar 2002 in seiner „State of the Union“ Rede von der „Axis of Evil“ sprach, war die Welt entsetzt. Hier wurde ein neuer Ton in der amerikanischen Außenpolitik angeschlagen. Die Folgen dieser Neuausrichtung spüren wir noch heute. Ja, der derzeitige Amtsinhaber Donald Trump hat diesen vielbeachteten Satz von „W“ sogar noch verschlimmert. Die Achse der „bösen“ Länder wurde dramatisch erweitert. Einreiseverbote, Mauern, Aufkündigung internationaler Verträge und Abkommen, eine sehr beschränkte Sichtweise auf die Welt sind die Folgen dieser Politik.

Und dann liegt da dieses Album im Briefkasten. „Bu Bir Ruya“, die neue Platte von Dirtmusic. Für mich die beeindruckende, emotionale und passende Antwort auf die Engstirnigkeit so mancher Politiker hier in den USA, in Deutschland, der Türkei und an vielen anderen Orten. Chris Eckman und Hugo Race hatten fünf Jahre nach Bushs Rede „Dirtmusic“ gegründet, damals noch mit dem „Codeine“ Schlagzeuger Chris Brokaw. Anfangs war die Band auf den Spuren des weiten Americana Sounds unterwegs. Lange mentale Highways wurden da bereist. Mit den folgenden Alben gingen Eckman und Race jedoch neue Wege, sie arbeiteten in Bamako, Mali, mit malischen Musikern zusammen und schufen so einen weltoffenen Sound.

Nun liegt das fünfte Album von „Dirtmusic“ vor. Diesmal zog es Chris Eckman und Hugo Race nach Istanbul. Im Dezember 2016, nach dem Putsch in der Türkei und dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA, kamen sie in der Stadt am Bosporus mit Murat Ertel von Baba Zula zusammen, die 2017 auf dem Nürnberger Bardentreffen zu hören waren.

Murat Ertel, Chris Eckman, Hugo Race. Foto: Glitterbeat.

„Bu Bir Ruya“ ist keine politische Platte und doch hochpolitisch. Gerade weil sie Grenzen öffnet und überschreitet. Für mich klingt die Platte wie die musikalische Antwort auf die politische Engstirnigkeit und den dümmlichen Nationalismus unserer Tage. Hier und da. Auf „Bu Bir Ruya“ kommen Musiker aus verschiedenen Welten zusammen. Der Amerikaner Chris Eckman, Gründungsmitglied der Folk-Rock Band „The Walkabouts“, der heute im slowenischen Ljubljana lebt. Der Australier Hugo Race, der ein musikalischer Weltenbummler sondergleichen ist, der schon in London, Berlin und Prag lebte und jüngst hervorragende Kollaborationen mit der Belgierin Catherine Graindorge und dem Italiener Michelangelo Russo vorlegte. Und da ist Murat Ertel, der Kopf der Gruppe „Baba Zula“, die seit 1996 den Klang des Orients mit Rockmusik verbinden und international gefeiert werden. Hinzu wurden noch einige Gastmusiker eingeladen.

Es ist ganz großes Kino, was auf dieser Platte entstanden ist. Americana trifft auf den Orient, die San Francisco Bay zu Gast am Bosporus. Hier kommt die Welt zusammen. Auch wenn „Bu Bir Ruya“ nicht als politische Platte gedacht war, sie ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was in Gefahr ist verloren zu gehen, wenn sich nationalistische Tendenzen durchsetzen, wenn in der Welt neue physische und mentale Mauern gebaut werden, wenn kleinkarierte Politiker ohne Weltsicht und Sachverstand die Oberhand bekommen. Musik ist eine universelle Sprache. Eckman, Race und Ertel lassen daran auf dieser neuesten „Dirtmusic“ Platte keinen Zweifel aufkommen.

Erschienen ist „Bu Bir Ruya“ auf dem Weltmusiklabel Glitterbeat. Auf der Bandcamp Seite von „Dirtmusic“ kann man einige der Songs hören

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