Rot ist der Wein

Kalifornien ist mehr als nur Strand, Hollywood, Silicon Valley und Körperkult. „It’s Barrel tasting weekend“! Wein vom Fass gab es, und das zu genüge. Zwar hatte ich kein offizielles Ticket erworben, aber einige mir bekannte Winzer luden mich dennoch zur Weinprobe auf ihre kommenden Weine ein: Zinfandel, Petite Sirah, Cabernet, Claret u.a.

Volle Fässer auf dem Hawley Weingut im Dry Creek Valley.

Das Weinanbaugebiet im Napa Valley ist bekannt. Mich zieht es jedoch immer wieder nach Sonoma, nach Healdsburg, ins Dry Creek Valley. Es liegt näher an der Küste, das Klima ist etwas rauer, ideal für einen guten Tropfen Zin. Und es nicht so touristisch überlaufen und vor allem auch noch nicht so teuer. Klar, die Preise hier kann und darf man nicht mit denen in Deutschland vergleichen. Wenn ich mit Besuchern nach Sonoma fahre, sind sie von den Flaschenpreisen und dem hohen Alkoholwert in den Weinen überrascht.

Über die Jahre in Nordkalifornien habe ich auch hier im „Wine Country“ die Veränderungen miterlebt. Da wurde von sehr reichen Zeitgenossen, sehr viel Geld investiert. Weinanbau wurde zum Hobby für Superreiche, damit zogen die Preise an. Jüngstes Beispiel ist der Verkauf eines Weinberges mit dem Namen Ponzo. Von dort kamen die Trauben für einzigartigen Zin von Hawley, Shippey und Hart’s. Ein wunderbar voller, fruchtiger und rundum perfekter Zinfandel. Ponzo wurde von einem dot.com Millionär aufgekauft, die Preise pro Tonne um 1000 Dollar erhöht, was es für die Familienunternehmen unmöglich machte, weiterhin Ponzo Grapes zu erwerben. Und ganz schlimm, der neue Besitzer bekam seine Trauben nicht mehr los. Anstatt den Preis zu senken liess er den „Old Wine Zinfandel“, 100 Jahre alte Reben, rausreissen, um Platz für einen Modewein zu schaffen. Am besten zitiere ich hier einen der Winzer, der mir gestern sagte: „What a fuckin‘ asshole!“.

Die Veränderungen sind also zu spüren, und doch es gibt auch eine Rückbesinnung auf das, was diese Region und die Menschen hier ausmacht. Das „Barrel Tasting“ Wochenende ist in den letzten Jahren zur Party Meile verkommen. Eigentlich ging es immer darum, neuen Wein zu probieren, mit den Farmern zu sprechen, „Futures“ zu kaufen, die dann meist im Laufe des kommenden Jahres abgefüllt und ausgeliefert werden. Doch diese Wochenenden wurden immer zu Saufgelagen, ganze Reisebusse mit zumeist jungen, kreischenden Frauen kamen angefahren und „überfielen“ die kleinen und überforderten Weingüter. In einem „Tasting Room“ war es einmal so rappelvoll, dass man kaum an die Theke kam, um den roten Tropfen zu kosten. Als ich da stand und mich mit dem Winzer über seinen jüngsten Petite Sirah unterhielt, drängelte sich eine junge Frau nach vorne und meinte, sie brauche etwas Wein. „Was kann ich Ihnen anbieten? Wir haben neuen Zin oder Cab oder Petite Sirah?“ „Mir egal“, meinte sie, „Just poor me some red!“ Die Konsequenz aus diesen Erfahrungen ist, dass immer weniger Weingüter an den offiziell von der „Wine Road“ organisierten Veranstaltung teilnehmen.

Das ist auch der Grund, warum ich nun kein „Wine Road Ticket“ mehr für diese Veranstaltung kaufe und lieber gezielt jene Weingüter ansteuere, die ich kenne, schätze und vor allem als sehr lecker befinde. Und nein, ich bin kein „Wine Snob“, schmecke meist nicht das heraus, was mir da auf den Beschreibungen zu den Weinen erzählt wird. Ich mag Wein, ich mag kalifornischen Wein, ich mag die Geschichten der Winzer, den persönlichen Touch, den direkten Kontakt. Von daher zieht es mich immer wieder nach Sonoma, und ganz nebenbei, die Landschaft ist wunderschön. Ich kann nur jedem und jeder empfehlen, die nach San Francisco reisen, durch das Dry Creek Valley zu fahren, irgendwo an einem Weingut anzuhalten, etwas Wein zu probieren, eine Flasche Wein zu kaufen und von hier dann rüber an die Küste zu „cruisen“. Dort ein schönes Plätzchen zu finden, das Fläschchen zu öffnen und den Sonnenuntergang am Meer zu genießen. Das ist dann das Kalifornien, was ich so sehr liebe.

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