Der Multikulti-Klang Khartums

In Zeiten von Fake News, Onlinebullying, anti-muslimischer Hetze erscheinen die Platten eines kleinen Indie-Labels aus New York wie das berühmte gallische Dorf im römischen Reich. Die Musikveröffentlichungen von Ostinato Records sind zwar ein Kampf gegen die übermächtigen Windmühlen, aber sie sind dennoch ein wunderbar kraftvoller Ausdruck dafür, dass noch nicht alles verloren ist.

Nach „Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes from the Horn of Africa“ erscheint nun „Two Niles to Sing a Melody – the violins & synths of Sudan“. Ein Album mit Musik aus einem Land, dass man seit Jahrzehnten nur mit Krieg, Hunger, Menschenrechtsverletzungen und einem Präsidenten in Verbindung bringt, der mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wird. Ostinato Records hat auf dieser jüngsten Platte Musik zwischen den 70er und den 90er Jahren zusammen getragen, die gleich drei Episoden der sudanesischen Musikszene umfassen. Zum einen die Hochzeit Khartums in den 70ern, als der Ruf der sudanesischen Musiker vom Roten Meer bis an den Atlantik reichte. Man sprach vom sudanesischen Gürtel, der von Somalia und Dschibuti bis in den Senegal und Kamerun langte.

Der zweite Teil von „Two Niles to Sing a Melody“ dreht sich um die Musik nach der Einführung der Scharia 1983, als man als Musiker in Khartum vorsichtiger vorgehen und schließlich ganz das Land verlassen musste. Unter ihnen auch der legendäre muslimisch nubisch-sudanesische Sänger und Songwriter Mohammed Wadi. Der dritte Part dieser Dreifach-LP und Doppel-CD ist Musik aus dem Exil, denn die Stimmen wurden zwar außer Landes gezwungen, doch verstummten nie.

Die Lieder erzählen für sich die Geschichte einer vielschichtigen, offenen und selbstbewußten sudanesischen Musiklandschaft, die ohne Einflüsse aus anderen Kulturkreisen auskommt. Der Sudan als ein reiches Kulturland.

Ostinato Records ist erneut ein wichtiger Blick hinter die Schlagzeilen, die Nachrichten, das tagtägliche Getöse geglückt. Khartum wird durch die Musik ein Stück näher gebracht, so, wie es das Label mit Mogadischu auf „Sweet as broken dates“ schaffte. Hinter all dem Krieg und dem Horror blühte einst eine klangvolle und vielseitige Kulturlandschaft. Und wieder wird dabei deutlich, dass Musik die wohl einzige internationale Sprache ist, die uns alle verbindet. Auch wenn man die Worte nicht versteht, man wird auf eine besondere Reise entführt, die neugierig macht auf ein für mich bislang unbekanntes Land.

Weblink: Ostinato Records

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um zu überprüfen, dass Sie eine reale Person und kein Spam-Roboter sind, lösen Sie bitte vor dem EINTRAGEN die nachfolgende kleine Rechenaufgabe, das sogenannte CAPTCHA *