Ein kultureller Schatz – Geschichte zum Hören.

Eine lange Anreise war das. Von San Francisco ging es über Frankfurt nach Addis Abeba und dann weiter nach Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Vor genau einem Jahr war ich das letzte Mal hier. Viel hat sich nicht verändert, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Straßen sind weiterhin eine Katastrophe, Schlagloch folgt auf Schlagloch, es wird nach wie vor viel gehupt, am Straßenrand schlafen Straßenhunde, Ziegen fressen Gräser oder kauen auf Plastikmüll herum, es ist wie immer heiß in der Stadt, ein starker Wind bläst dazu und auch schon die obligatorische Kamelherde überquerte vor mir die Straße.

Geschichte zum Hören.

Mein erstes Interview für diese Geschichte über die Bedeutung und die Kraft der Musik in schwierigen Zeiten ist geführt. Mit dem Leiter des „Hargeisa Cultural Centers„, Jama Musse Jama, habe ich über Musik in Somalia und Somaliland gesprochen. Er hat hier eine umfassende Sammlung somalischer Musik angehäuft, die auf beeindruckende Weise genau das widergibt, nach dem ich suche. Alles ist auf Kassetten festgehalten, nur ein Teil davon bislang digitalisiert. 14.000 Kassetten sind es insgesamt, ein kultureller Schatz der, wenn er nicht bald festgehalten wird, verschwindet. Es ist ein langsamer und kostspieliger Prozess. Und doch, hier ist etwas aufbewahrt, was viel über dieses Land und seine Kultur erzählt. Wie haben Musikerinnen und Musiker wichtige Themen in der Gesellschaft aufgenommen, verarbeitet und weitergegeben?

Man denke nur an Lieder wie „We shall overcome“ oder auch an die „Moorsoldaten“, Lieder, die herausstechen, die Hoffnung gaben und geben, die verbinden, die eine unglaubliche Kraft ausdrücken. Solche Lieder gibt es auch in Somalia, gibt es wohl in jeder Gesellschaft, in jedem Kulturraum. Songs, die nach der Bombardierung Hargeisas durch die Truppen des somalischen Präsidenten und Diktators Siad Barre Ende der 80er Jahre entstanden. Damals führte der eigene Präsident Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Somaliland. 90 Prozent von Hargeisa wurden total zerstört, in der nächstgrößeren Stadt Burao waren es 70 Prozent. Die Welt blickte damals mal wieder weg.

Es entstanden Lieder in den Flüchtlingslagern im Osten Äthiopiens von denen, die der Gewalt entkommen konnten. Später dann entstanden Songs nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands, der Entwaffnung, der politischen und militärischen Spannungen am Horn von Afrika, der Zerstörung Mogadischus, dem Konflikt mit der Terrororganisation al-Shabaab. Die somalische Musik ist dabei oftmals ein Zusammenspiel zwischen einem Dichter und einem Musiker. Musik als Ausdruck des Gegenwärtigen, als Verarbeitung des Geschehenen, als Zeichen der Hoffnung.

Und dabei kratze ich hier nur an der Oberfläche eines so tiefen und komplexen Themas. Allein schon die Sprachbarrieren sind immens und kaum zu überwinden. Die Auswertung all dieser Tapes, die hier zu finden sind, wäre ein umfassendes Recherche, die vor allem viel Zeit benötigt. Der Anfang im HCC ist jedoch gemacht und es wird weitergehen, vielleicht auch mit internationaler Unterstützung. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung eines Teilstücks der somalischen Kulturgeschichte, die hier auf diesen teils billigen Kassetten zu finden und zu hören ist.

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