„On the air“ in Amerika

Seit über 23 Jahren bin ich nun „on the air“ in den USA. Angefangen hat alles auf KUSF 90.3 fm, dem einstigen College Radio mit UKW Frequenz der University of San Francisco. Doch die Jesuiten Uni-Leitung brauchte Geld und verkaufte 2011 für mehrere Millionen Dollar die 90.3 Frequenz an ein nicht-kommerzielles Klassikradio-Network aus Südkalifornien. Schon damals deutete sich an, dass KUSF nicht der einzige Collegesender in den USA bleiben würde, dessen Frequenz verhökert werden oder der ganz verschwinden würde. Weitere folgten, Collegeradio, einst ein wichtiger Part und Trendsetter in der amerikanischen Rundfunklandschaft, wurde immer mehr beschnitten.

Heute las ich von KMSM, dem Uniradio in Butte, Montana, auf dem auch mehrere Jahre meine Sendung „Radio Goethe“ ausgestrahlt wurde. Nach 45 Jahren „on the air“ wird der Sender abgewickelt. Studierende der Montana Tech Hochschule erklärten in einer Umfrage, dass sie kein großes Interesse an der Station hätten. Die Uni-Leitung nahm das zum Anlass den Stecker zu ziehen. Doch sie hat schlichtweg übersehen, dass dieser Collegesender eine wichtige Community Station ist, dessen Hörerschaft weit über den Campus hinausreicht. So war es auch bei KUSF in San Francisco. Der Sender war über die Jahrzehnte eine gewachsene College Station, die auf der einen Seite Bands wie Metallica, Nirvana, Faust unterstützten und förderten und auf der anderen Seite Stimmen in der San Francisco Bay Ara on air brachte, die woanders nicht zu hören waren. Es gab 16 fremdsprachige Programme, von den Armeniern bis zu den Finnen, dazu Kultursendungen, die einzigartig waren. All das verschwand aus der Medienlandschaft San Franciscos als die Jesuitenführung der USF einen schnellen „Buck“ machen wollte.

Collegeradio ist sicherlich nicht mehr das, was es einmal war. Die Streaming Dienste, das Online Hören, der Zugang zu Musik, ja, die Wertschätzung der Musik, all das hat über die letzten Jahre die Hörgewohnheiten dramatisch verändert. Und dennoch, es gibt sie noch diese Oasen im Hörfunk. Das konnte ich am Mittwochmorgen wieder feststellen, als ich meine erste Nachtsendung auf KKUP in San Jose moderierte. Die Musikwahl war…sagen wir eklektisch. Etliche der Musiker und Bands veröffentlichen nur auf Vinyl und das in einer Auflage von 50+. Doch auch, wenn das keine Massenware, keine hitverdächtigen Charterfolge sind, so gibt es doch unzählige von Hörerinnen und Hörern, die genau diese Art von Musik entdecken wollen. Selbst ein Klaus Schulze, einer der wohl wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik, der weltweit seine Fans und Bewunderer hat, ist im „normalen“ Radio kaum zu hören.

In Sendungen, wie dieser, die ich nun monatlich auf KKUP moderieren werde, wird genau für solche Musikerinnen, Musiker und Gruppen Platz zur Verfügung gestellt. Ich weiss, damit erreiche ich nur jene wenigen, die entweder in der Bay Area nachts nicht schlafen können oder die morgens in Deutschland online keinen Dudelfunk mit den ewig gleichen Songs hören wollen. Aber gerade deshalb gibt es Sender wie KKUP, die „non-commercial“ sind, die Musik und Stimmen „on air“ haben, die man woanders nicht hören kann. Musik, die anders ist, den klanglichen Horizont erweitert, die herausfordernd sein kann, die herkömmliche Hörgrenzen versetzt. Das ist für mich eine Bereicherung, zu wissen, dass es da noch immer solche Stationen gibt, die diese Art von Sendungen möglich machen. Ja, die mir ermöglichen Musik zu teilen, die mich bewegt.

Klar, es gibt solche Stationen nicht nur in den USA. Auch in Deutschland sind zahlreiche offene Kanäle, Uniradios und auch Sender, wie max neo oder auch Radio Z in Nürnberg zu finden. Sie bereichern die Radiolandschaft durch eine andere Musikauswahl, durch andere Sichtweisen und Blickwinkel. Auch wenn manche das als Minderheitenradio abfällig abtun, das, was man da hören kann ist dennoch ein Ausdruck der Vielfalt einer Gesellschaft. Von daher gilt es, diese Radiooasen zu schützen und auch zu unterstützen.

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