Röcke bis zum Knie

98 Frauen, zwei Männer, so ungefähr sieht die Warteschlange an diesem Sonntagmorgen am Eingang von San Quentin aus. So ist es immer, viel mehr Frauen als Männer besuchen die Häftlinge. Die Regeln sind strikt, was man anziehen darf, gerade für die Besucherinnen (siehe unten). Und doch, bei allen Restriktionen, wie lang der Rock, wie eng die Bluse, wie tief der Ausschnitt sein darf, wird versucht, die Grenzen des Erlaubten auszutesten und auszutricksen.

Oftmals, wie auch heute, drücken die „Correctional Officers“ nicht beide Augen zu. Vor mir eine etwas fülligere Frau mit einer Freundin. Sie trägt nur ein gelbes, etwas fleckiges T-Shirt, das eng anliegt und einen tiefen Einblick gewährt. Dazu sehr enge Leggings. Blickfang ist ihr Tattoo genau im Ausschnitt. Sie wird aufgefordert die Sweat Shirt Jacke ihrer Begleiterin anzuziehen und bis oben hin zuzuziehen. Dass ihr die Jacke mindestens eine Nummer zu klein ist, interessiert die CDC-Officer nicht.

Auf was man als Besucher achten muss, wenn man jemanden in San Quentin besucht, ist vor allem die Farbe der Klamotten. Keine blaue Jeans, kein blaues Hemd, keine blaue Jacke. Blau ist die Farbe der Häftlinge. Auch Grün darf nicht getragen werden, das ist die Farbe der Wärterinnen und Wärter. Dazu kein Orange, das tragen jene Häftlinge, die im Außenbereich arbeiten. Die Regeln, was angezogen werden darf, werden ständig verändert und erweitert. Vieles macht keinen Sinn und ich selbst hatte schon oft genug am Eingang Debatten darüber, dass meine graue Hose grau sei und nicht blau. Dann hängt es von dem Officer ab, der einen kontrolliert, ob er oder sie päpstlicher als der Papst sind oder an diesem Tag Gnade ergehen lassen.

San Quentin ist eine Welt für sich. Ein kleines Dorf direkt an der San Francisco Bay und an der Richmond-San Rafael Bridge gelegen. Eine Straße führt hinein und die direkt auf das Tor von San Quentin zu. Links davor geht es auf den Besucherparkplatz, von dem man einen wunderbaren Ausblick auf die „Bastille by the Bay“, auf Tiburon, Angel Island, Oakland und San Francisco in der Ferne hat. Nach fast 25 Jahren regelmäßiger Besuche im Todestrakt des kalifornischen Staatsgefängnisses ist das Prozedere für mich zur Normalität geworden. Die Kleidungsbestimmungen, die strikten Kontrollen, teilweise das Rumgebläke der Officers. Ich habe gelernt, nichts zu den teilweise schikanösen Behandlungen und Anweisungen zu sagen. Nur hier trinke ich Dr. Pepper und esse Mikrowellenpopkorn am Morgen. Es wird viel geredet, gelacht. Einige berühren sich, andere weinen. Für die Gefangenen sind solche Besuche allerdings ein Stück Freiheit, ein Stück Normalität in einem unwirklichen, surrealen und vor allem gefährlichen Alltag.

 

 

 

 

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