Die Front bröckelt

Ann Coulter ist sicherlich niemand, die im November Joe Biden wählen wird. Die erzkonservative Kommentatorin fand anfangs Trumps Ziele und Vorschläge gut, darunter auch den Bau einer Grenzmauer zu Mexiko. Doch diese Vorschusslorbeeren für den frischgewählten Präsidenten verblühten schnell. Coulter wurde zu einer mehr als kritischen Stimme im konservativen Lager, erinnerte Trump immer wieder daran, dass er nicht das einhalte, was er versprochen hatte.

Und Ann Coulter ist nicht die einzige, die sich mittlerweile offen gegen Trump wendet. Sie selbst hat rund 2,2 Millionen Followers auf Twitter. Zwar betont der Präsident alle paar Tage, dass er 96 Prozent Unterstützung in den eigenen republikanischen Reihen habe, aber das sind Zahlen, die an Diktaturen erinnern. Realistisch sind sie nicht. Innerhalb der GOP hat sich eine Widerstandsfront gebildet, darunter Alt-Republikaner, Kommentatoren, konservative Intellektuelle, die den eingeschlagenen Kurs ihrer Partei für untragbar und gefährlich halten. William Kristol, der den „Weekly Standard“ gründete, in zwei republikanischen Administrationen mitwirkte und nach wie vor seine konservative Stimme einbringt, erklärte in einem Interview mit der Washington Post: „We’re really going to pay a price for this terrible failure in leadership“.

In dem Gespräch warf er den Republikanern im Kongress eine totale Kapitulation vor. Lange habe es noch geheißen, was viele Republikaner öffentlich und privat sagten, sei ein Unterschied, so Kristol. Doch darauf könne man keinen Wert legen, wenn sie tatenlos zusehen, wie Trump nicht nur die Partei, sondern auch die Gesellschaft zutiefst verändert.

Es gibt in den Reihen der Konservativen durchaus kritische Stimmen, die sogar so weit gehen, eine Abwahl von Trump zu fordern. Dessen aggressiver, egozentrischer Stil, sein Ton, sein nicht gerade präsidiales Vorgehen, sein Heruntermachen von Gegnern, seine Schuldzuweisungen, all das läßt die Stimmen lauter werden. Doch noch kann sie Trump auf Abstand halten, sie als Teil des „Deep State“ darstellen, als Verräter bezeichnen, gerade auch, weil es noch zu wenige sind, die den Mut aufbringen aufzustehen. Als warnendes Beispielt gelten John McCain und Mitt Romney, die sich gegen Trump stellten und von ihm und seinem Lager regelmäßig angegangen wurden und werden. Die Worte Trumps, der sich selbst mit fadenscheinigen Gründen vor dem Militärdienst in Vietnam drückte, John McCain sei kein Held, denn er bevorzuge Helden, die nicht gefangen genommen werden, hallt noch nach. Als Trump das sagte, erklärten zwar einige in der Partei, das hätte er nicht sagen sollen, aber es gab keine Konsequenzen. Trump hatte allein mit dieser Aussage die Stimmung und seine Macht in der GOP ausgelotet. Nach diesen folgenlosen Worten war er der unumstrittene Führer in der Partei. Er regierte mit brutaler Härte, Gegner wurde angefeindet und abgedrängt und das eben mit Kopfnicken und Gehorsam der Parteisoldaten im Kongress.

Genau das kreiden Konservative wie Kristol an, die den Republikanern vorwerfen, kein Rückgrat zu zeigen. Wie Trump in den letzten vier Jahren die Partei verändert hat, wirft auch die Frage auf, was nach ihm kommt? Kann die GOP all das vergessen machen, zur Vor-Trump Zeit zurückkehren? Oder wird dieser Weg der innerparteilichen Tyrannei weiter gegangen. Die Republikaner stehen vor wichtigen Fragen, die am Ende sogar zu einer Spaltung führen könnten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um zu überprüfen, dass Sie eine reale Person und kein Spam-Roboter sind, lösen Sie bitte vor dem EINTRAGEN die nachfolgende kleine Rechenaufgabe, das sogenannte CAPTCHA *