Der Bauchnabel in der Krise

Donald Trump streichelt sich gerne um den Bauchnabel herum. So zumindest lassen sich seine Tweets lesen. An diesem Morgen in nur wenigen Stunden nahezu 30 an der Zahl, Tweets und Re-Tweets. Vor allem seine Verschwörungstheorie „Obamagate“ beschäftigt den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Wort zu dem, was in Minneapolis passiert ist und wieder passiert.

Proteste in Minneapolis nach dem Tod von George Floyd. Foto: Reuters.

In der Nacht erneut Ausschreitungen, die Folge des brutalen und tödlichen Polizeieinsatzes gegen George Floyd. Das Video des knienenden Polizisten auf dessen Hals ging um die Welt, schockierte zutiefst und nicht nur in den USA. Ein Ladenbesitzer hatte die Polizei wegen eines gefälschten Geldscheines verständigt. Die kam, verhaftete den 46jährigen. Mit Handschellen auf dem Rücken lag er auf dem Straßenboden und ein Polizist setzte sein Knie minutenlang auf die Halsschlagader von George Floyd. Sein Flehen „I can’t breathe“ wurde einfach ignoriert. Selbst als der zweifache Vater schon regungslos auf dem Asphalt lag, kniete der Polizist noch immer auf ihm. Seine drei Kollegen schritten nicht ein.

Die Bilder sind verstörend. Die vier Polizisten wurden aus dem aktiven Dienst entlassen. Minneapolis brennt. Erneut starb ein Schwarzer nach einem unverhältnismäßigen und überbrutalen Polizeieinsatz. Diesmal vor laufender Kamera. Es herrschte keinerlei Gefahr für die Beamten. Vielmehr zeigen diese Bilder, wie tief der Rassismus in den USA noch immer verwurzelt ist. Ich spreche immer wieder im Bekanntenkreis und auch dienstlich mit Afro-Amerikanern und Latinos. Ihre Schilderungen von persönlichen Erfahrungen machen sprachlos. Ich erinnere mich an die Erzählung eines Freundes, Professor an der University of California in San Francisco, ein mehr als friedliebender Mensch, der mir schilderte, dass er schon mehrfach auf dem Nachhauseweg von der Polizei kontrolliert wurde, einmal sogar nur wenige Meter von seinem Haus entfernt. Sie glaubten ihm nicht, dass er dort wohne. Er mußte sich auf den Bürgersteig legen, Hände auf dem Rücken bis geklärt wurde, dass er in dem, in seinem Haus wohnt.

Das passierte in Berkeley, in der liberalsten Stadt in den USA. Das passiert tagtäglich überall in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Ausgang solcher Polizeikontrollen kann durchaus tödlich sein, wie man jetzt wieder in Minneapolis sehen konnte. Auch an den Ratschlag meines Freundes an seinen Sohn erinnere ich mich. Wenn die Polizei ihn kontrollieren wolle, solle er sich bloß nicht widersetzen. Das sind die USA im 21. Jahrhundert.

Und was fehlt, ist ein Präsident, der genau das zum Thema macht, zur Chefsache. Wir alle erinnern uns an den Wahlkampf 2016, als Donald Trump Footballspieler, wie Colin Kaepernick, angriff, weil diese während der Nationalhymnen vor den Spielen niederknieten, als eine Form des Protests gegen Polizeigewalt. Trump beschimpfte sie als „Hurensöhne“, als „unamerikanisch“, als „Vaterlandsverräter“, sie sollten einfach das Land verlassen. Unter dem Jubel seiner Anhänger schrie er das ins Mikrofon, so, als ob dieser Protest eine Staatskrise sei. Und jetzt ein erneuter Kniefall, ein etwas anderer, ein tödlicher und Trump schweigt. Er hat zwar das FBI eingeschaltet, aber das war es dann auch schon. Keine großen Worte, keine Versuche die Situation zu befrieden, keine Attacken gegen die brutalen Polizisten. Trump fehlt genau das, was in diesen Zeiten, in diesem tief gespaltenen Land mehr als wichtig wäre – Führungsstärke. Was noch schlimmer ist, der Präsident der Vereinigten Staaten treibt die Spaltung der USA nur noch weiter voran, in dem er nur Politik macht, die ihn, seine Familie, seine Freunde und seine Basis betreffen. Die „black and brown communities“ im Land zählen nicht dazu. Und so wird es wieder passieren, unbewaffnete Schwarze, die nach einem Polizeieinsatz sterben. Amadou Diallo, Trayvon Martin, Sean Bell, Eric Garner, Michael Brown, Freddie Gray….George Floyd. Wer ist der Nächste?

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