Die Geister, die man rief

Thomas J. Brennan war ein US Marine, Finbarr O’Reilly ein Fotograf für die Nachrichtenagentur Reuters. Sie trafen sich auf einem Außenposten des US Militärs irgendwo im Niemandsland von Helmand, Afghanistan. Ein ungleiches Paar, hier der Soldat, da der Fotograf. Der Krieg brachte sie zusammen. Anfangs war da Mißtrauen, doch das wich im Laufe der Zeit. Brennan und O’Reilly wurden Freunde.

Was sie vor allem jedoch verbindet ist das, was sie aus den Kriegseinsätzen mit zurück in ihr Leben brachten, was sie nicht mehr los läßt. Bilder des Schreckens, traumatische Erlebnisse, PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) und im Fall von TJ Brennan eine Hirnverletzung nach einem Bombenanschlag. Beide Männer, nach außen hin die harten Kerle, mussten nach ihrer Rückkehr aus den Kampfgebieten ihr Leben neu ordnen und finden.

In dem gemeinsamen Buch „Shooting Ghosts“ beschreiben O’Reilly und Brennan ihren Kampf. Anfangs die Suche nach Antworten, ihr Unvermögen, das zu erkennen, was sie durch ihre Erfahrungen geprägt, was folgenreiche Spuren in ihrem Leben hinterlassen hat. Das Militär geht davon aus, dass die Soldaten zurück kommen und wer keine sichtbaren Verletzungen hat, soll sich zusammen reißen und weiter marschieren. Das ist das Credo der Marines. So beschrieb es schon General George S. Patton 1943: „It has come to my attention that a very small number of soldiers are going to the hospital on the pretext that they are nervously incapable of combat. Such men are cowards and bring discredit on the Army and disgrace to their comrades who they heartlessly leave to endure the danger of a battle which they themselves use the hospital as a means of escaping.“ Und was Patton vor über 70 Jahren sagte, hat heute noch immer seine Gültigkeit bei den Truppen. Viele Soldaten trauen sich nicht über das zu reden, was sie erlebt haben, anzusprechen, dass sie nach massiven Gehirnerschütterungen Probleme im Alltag haben, in ihrem Job, im Umgang mit anderen, mit ihren Familien. Wer Hilfe sucht, wird zu oft fallen gelassen, auch heute noch. „We support our troops“, dieser hehre, allgegenwärtige Spruch in den USA wird zum Hohn. Das erlebte TJ Brennan selbst.

Für Finbarr O’Reilly ist es nicht viel anders. Er kam „heil“ aus den Kriegen zurück, über die er berichtete, doch die Negative seiner Bilder brannten sich in sein Gedächtnis ein. Tod, Leid, Elend, Sinnlosigkeit, Todesangst, Hoffnungslosigkeit, wer all das erlebt und sieht und das immer und immer wieder, der kommt an seine eigenen Grenzen, überschreitet diese, wie es O’Reilly tat. Es ist dieses zurückkommen in den Alltag, die Sinnfrage, der Mangel an Worten, das zu beschreiben, was man gesehen, erlebt, erfahren hat. Die Einsamkeit des Helden.

Beide Männer erleben und durchleben Grenzerfahrungen und müssen mit den sinnlosen Kriegen unserer Gegenwart zurecht kommen. Sie schaffen es, finden einen Weg, auch gemeinsam in diesem Buch. Und doch da gibt es kein Ende, sie sind gezeichnet für ihr Leben. Andere kämpfen weiter, irren durch ihren Alltag. Soldaten und Journalisten gleichermaßen.

„Shooting Ghosts“ ist ein mutiges und trauriges Buch. Es beschreibt Männer, die als Krieger ausgebildet werden, Soldaten, die in Extremsituationen einen klaren Kopf behalten, wenn es sein muss töten können. Journalisten, die an vorderster Front über genau das berichten, ihre Bilder und Reportagen werden mit Preisen gefeiert. Auch sie gelten als die harten Kerle, die keiner Gefahr aus dem Weg gehen. Dieses Buch zeigt jedoch auch die Verletzlichkeit genau dieser Männer, die eigentlich keine Schwäche zeigen dürfen. Das macht „Shooting Ghosts“ zu einem mutigen und sehr lesenswerten Bericht.

Doch die Schattenseite ist die, dass wir alle mit den Kriegen in dieser Welt leben, zu leben gelernt haben. Soldaten werden in die Schlachten geschickt, die nicht zu gewinnen sind. Journalisten versuchen in all diesem Irrsinn Sinn zu finden. Der Preis dafür sind Generationen an jungen Männern und Frauen, gezeichnet fürs Leben, in Gesellschaften, die nicht bereit sind, denen zu helfen, die sie in den Alptraum Krieg geschickt haben.

„Shooting Ghosts“, Thomas J. Brennan, Finbarr O’Reilly, Viking.

„Hell Yeah“ – KMFDM sind zurück

Es wurde auch langsam Zeit! Im November wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt und nun endlich ist es so weit. Gespannt wie ein Flitzebogen habe ich auf die neue KMFDM Platte gewartet. Darauf, wie Sascha Konietzko auf die politische Lage in seiner zeitweiligen Wahlheimat reagieren wird. Der Hamburger legt mit „Hell Yeah“ nun das 20. Studioalbum der Band vor.

Es ist erneut ein brachiales Industrial-Metal Werk, ohne Raum für Kompromisse zu lassen. Die zum Teil hochpolitischen Texte machen deutlich, dass hier ein Angriff auf all das kommt, für was Amerika in diesen Tagen steht: Fake News, Gelaber, Geschichtsverfälschung, eine Verletzung der Grundwerte und Grundrechte. Unterlegt ist das lautstark, mit harten Gitarrenriffs, viel Elektronik und einem typisch-mitreißenden KMFDM Beat. Hier spielt eine Band, die nicht Schönwetter macht, vielmehr den Alltag in seiner ganzen Brutalität widerspiegelt.

KMFDM sind bekannt dafür, das auszusprechen, oder besser hinauszuschreien, was andere nur denken. Als Präsident George W. Bush ins Kriegshorn gegen Afghanistan und Irak blies und viele Künstler aus Angst vor Repressalien still blieben, antwortete Konietzko unmissverständlich mit „WWIII“, ein hochpolitisches, ein mehr als wichtiges Album in der Bandgeschichte. Damals lebte er noch in Seattle, eine Stadt, die ihn und die Band prägte. KMFDM heute sind vor allem das Duo Sascha Konietzko und Lucia Cifarelli, nicht nur musikalisch sind sie ein Paar. Und diese künstlerische Nähe spürt man. Es ist eine Ergänzung durch und durch.

KMFDM wurden 1984 am Rande einer Kunstausstellung gegründet. Seitdem brettert Sascha Konietzko unaufhaltsam voran: „KMFDM never stops“ heisst es in einem Lied. Die Band ist international eine der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Acts. Auch wenn man im eigenen Land den Einfluss von KMFDM nicht erkennt und zu schätzen weiß, viele Bands in den härteren Genres sehen die Gruppe als wichtigen Meilenstein im Musikzirkus. In den USA haben sie Kultstatus, das wird man bald wieder auf der kommenden Tour durch die (Nicht)Vereinigten Trumpschen Staaten erleben können. „Hell Yeah, se Tschörmans are coming!“

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Die amerikanischen Sklavenkinder auf dem Mars

Vor einigen Jahren habe ich mit einer Frau gesprochen, die schon mehrmals auf dem Mars war. Sie erzählte, wie sie immer wieder in der Nacht von Aliens abgeholt und zum „Mother Ship“ gebracht wurde. Damit ging es dann schwuppdiwupp zum roten Planeten, auf dem die Auserwählte untersucht wurde. Pünktlich zum Sonnenaufgang war sie wieder daheim, damit niemand in ihrem Umfeld etwas von ihren nächtlichen Entführungen bemerkte.

So ein Interview ist für einen Journalisten nicht leicht, denn während man fragt und zuhört muss man versuchen sachlich und ernst zu bleiben. Aber die Frau war sich ihrer Geschichte ganz sicher. Ihre Zuhörer auf dem Kongress waren begeistert von ihren Erzählungen, ein weiterer Beweis dafür, dass Aliens schon lange unter uns sind, Dinge kontrollieren, die Menschheit versklaven wollen, die Weltregierung Realität ist.

Zwischen Märchenerzähler und Verschwörungstheoretiker – Alex Jones. Foto: AFP.

Man kann solche Geschichten als Irrsinn und Gschmarri abtun, aber Amerika lebt von solchen Stories. Einer, der das tagtäglich verbreitet ist Alex Jones mit seinen „Info Wars„, einer Webseite, einer Radiosendung, einer Fernsehsendung. Jones erreicht damit Millionen von Lesern, Zuhörern und Zuschauern. Es geht um Verschwörungen, um geheime Absprachen, um den Masterplan. Einer der ihn so richtig gut findet ist Präsident Donald Trump. Gleich mehrmals war Trump im Wahlkampf zu Gast in Jones‘ Sendung, nach seinem Wahlsieg dankte er Alex Jones und dessen Fans für ihre Unterstützung. „Dein Ruf ist unglaublich. Ich werde Dich nicht enttäuschen“, meinte Trump. Und Jones erklärt immer wieder, dass der Präsident ihm zuhöre, er seine Hinweise auf Verschwörungen und „Deep State“ Stories ernst nehme. Jones ist auch derjenige, der im Wahlkampf mit der Posse vom millionenfachen Wahlbetrug anfing. Trump glaubte ihm. 9/11 war für Jones ein „Insidejob“. Er verbreitete die „Pizzagate“ Story, in der Hillary Clinton mit einem Kinderpornoring in Washington in Verbindung gebracht wurde. Trump glaubte auch das…“people are talking“. Und jüngst meinte Jones, der Amoklauf in Newtown an der „Sandy Hook Grundschule“ sei nur ein Theater gewesen, kein Kind sei gestorben. Die damalige Regierung unter Präsident Obama habe das nur initiiert, um strengere Waffengesetze durchzusetzen. Trump widersprach nicht.

Die jüngste Story, die von Trumps Freund in die Welt gesetzt wurde geht da noch ein paar Schritte weiter. Auf dem Mars, so Jones‘ Gast Robert David Steele, werden entführte Kinder gehalten und versklavt, um deren Körper für Verjüngungskuren zu verbrauchen. Moderator Alex Jones widersprach seinem Gast nicht, sondern heizte dieses Thema nur noch mehr an: „Wir wissen ja nicht, was wirklich auf diesen strenggeheimen Missionen passiert“. Verwundern täte es nicht, wenn Donald Trump demnächst eine Untersuchungskommission in Sachen „Kindersklaven auf dem Mars“ einsetzen würde

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Ein Nazi Gedenkstein im Wald von Washington

Auf einem Regal im Archiv des National Park Service in Maryland liegt ein Gedenkstein, der so ganz anders ist, als das, was man in so einem Archiv erwartet. Gefunden wurde der 200 Pfund schwere Granitstein nach Jahrzehnten in einem Waldstück im Südwesten von Washington DC. Darauf steht: Im Gedenken an Agenten der deutschen Abwehr, hingerichtet am 8. August 1942. Dann die Namensliste von sechs zum Tode verurteilten Saboteuren. Darunter, gestiftet von der N.S.W.P.P., was für die längere Schreibweise der „American Nazi Party“ steht – „National Socialist White People’s Party“.

Entdeckt wurde der ungewöhnliche Gedenkstein von Mitarbeitern einer Stromversorgungsfirma vor ein paar Jahren, als sie zufällig an dem „Memorial“ vorbei kamen. Danach zog es seine Kreise, bis man sich schließlich dazu entschloss, den Stein nicht einfach zu vernichten und in den nahegelegenen Fluss zu werfen, sondern abzutransportieren und zu lagern.

Die sieben Militärichter am dritten Tag des Prozesss gegen die deutschen Saboteure: Foto: Library of Congress.

Hinter der Geschichte steht eines der Kapitel aus dem Zweiten Weltkrieg, das Amerika seinerzeit tief bewegt hat. Sechs deutsche Saboteure wurden mit U-Booten nach Jacksonville, Florida und Long Island, New York gebracht. Dort sollten sie auf zwei Deutsch-Amerikaner treffen, die schon länger in den USA lebten, George John Dasch und Ernst Peter Bunger. Doch Dasch hatte nicht vor, die Sabotageaktionen zu unterstützen, er lieferte die Deutschen vielmehr ans FBI aus. Das versprochene Geld für seine Hilfe, 82.000 Dollar, behielt er, konnte sich aber nicht lange darüber freuen, denn der FBI Direktor, J. Edgar Hoover, präsentierte der Öffentlichkeit acht Spione. Von der Mithilfe Daschs war da nicht mehr die Rede. Sechs wurden schließlich hingerichtet, Dasch und Burger erhielten langjährige Haftstrafen, wurden allerdings 1948 nach Deutschland, in die amerikanische Besatzungszone abgeschoben. Die Folgen waren fatal für Deutsche, die in den USA lebten. Nicht nur, dass nahezu 12.000 Deutsche interniert und die Bewegungsfreiheit deutscher Staatsbürger eingeschränkt wurden, die Anti-Deutsch Stimmung ging in den USA so weit, dass es Deutschen nicht mehr erlaubt war in Restaurants als Kellner und Tellerwäscher zu arbeiten, da Dasch und Bunger in diesen Jobs tätig waren.

Interessanterweise wurden die Beschuldigten 1942 von sieben Generälen in einem militärischen Geheimgericht abgeurteilt. Das geschah auf Drängen von Präsident Franklin Roosevelt. Die Generäle sprachen alle Angeklagten schuldig, überließen dem Präsidenten jedoch das Strafmaß. 59 Jahre später nahm Präsident George W. Bush genau diese Geheimgerichte als Vorbild für die Aburteilung von Terrorverdächtigen im Militärlager von Guantanamo Bay.

Wer genau den Gedenkstein im Wald von Washington aufgestellt hat, seit wann er dort zu finden war, das ist alles nicht bekannt. Klar ist nur, dass es regelmäßige Besucher gab, die Kerzen aufstellten, den Stein säuberten und dort auch Gedenkveranstaltungen durchführten.

Hinsehen, Hinhören, Erkennen

„Portraits of Courage“ heißt das Buch von George W. Bush. Im Untertitel steht „A Commander in Chief’s tribute to America’s Warriors“. Darin präsentiert sich der frühere Präsident als durchaus talentierter Maler. Solch ein Buch würde es allerdings in Deutschland nie geben. Portraits von Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan und Irak verwundet wurden, schwer verletzt und gezeichnet zurück kamen. Viele von ihnen verloren im Einsatz Arme, Beine, ihren Glauben. Noch Jahre danach kämpfen sie sich durch das tägliche Leben. Ihre Geschichte, ihr Kampf, ihr Neuanfang wird neben den Bildern beschrieben.

George W. Bush war ein Präsident, der seinerzeit mehr als umstritten war. Er eskalierte die Kriege in Afghanistan und im Irak, umgab sich mit Falken in Washington, wie Cheney, Rumsfeld, Ashcroft, er stand für einen christlich-fundamentalistischen Rechtsruck in den USA. Doch Bush im Rückblick, gerade in der jetzigen Zeit, erscheint als mitfühlender, gemäßigter, offener Staatsmann. Das wird in diesem Buch ganz deutlich. Hier spricht ein Mann, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Verantwortung gegenüber jenen, die ihr Leben gaben, die schwer verwundet und verstümmelt wurden, die für die USA in den Krieg, in seinen Krieg, zogen. Bush beschreibt seine Arbeit mit den Veteranen, seine Gespräche mit den Kriegsinvaliden, sein Hinsehen, sein Unterstützen, seine aufbauenden Worte. Und die sind nicht einfach so gesagt, George W. Bush und seine Frau Laura Bush hatten schon immer ein Ohr für die US Veteranen. Sie luden sie auf ihre Ranch ein, um gemeinsam mit ihnen mit dem Mountainbike unterwegs zu sein. Bush spielte Golf mit ihnen. Das mag klein und lächerlich klingen, doch es waren und sind wichtige Etappen auf dem Weg der Besserung, der Heilung, der Sinnfindung.

Dieses Buch „Portraits of Courage“ ist keine Entschuldigung für die historischen Fehler, die gemacht wurden. Es bietet keine Erklärungen, keine neuen Denkansätze, es zeigt vielmehr die ganze Brutalität der Kriege in Afghanistan und Irak auf. Hier werden Lebensgeschichten erzählt, die unglaublich sind. Es geht um persönliche Niederlagen, um Schicksalsschläge, um Schmerz, um Hoffnung, um ein Wiederaufstehen. Es geht auch um Patriotismus. „We support our troops“ ist eine Grundaussage in den USA, die man so in Deutschland nicht kennt. In diesem Buch wird sie verständlich gemacht, zumindest ansatzweise. George W. Bush zeigt in seinen gemalten Portraits die Gesichter der verwundeten Soldaten, berichtet von ihrer Verwundung, von ihrem anschliessenden Lebensweg, von ihrem schmerzvollen Weg zurück in den Alltag, von ihren Gesprächen. „Portraits of Courage“ ist ein bewegendes Buch, mehr als wichtig in dieser Zeit mit einem selbstverliebten Präsidenten im Weißen Haus. Bush schreibt unter dem Bild von Juan Carlos Hernandez, der in Afghanistan sein rechtes Bein verlor: „He became an American citizen in May 2009 – at Bagram Airfield in Afghanistan. Juan’s story is one example of the countless ways that immigrants make America great. And I am honored and humbled to call Juan Carlos Hernandez my fellow citizen.“

 

Leben mit dem Terror

Berlin, Breitscheidplatz. Der Terror trifft die deutsche Hauptstadt. Kein militärisches, kein politisches Ziel, vielmehr das alltägliche Leben. Viele fragen, wo kann man noch sicher sein, wenn nicht unbekümmert und feiernd, einen Glühwein trinkend auf einem Weihnachtsmarkt?

Wir alle leben schon sehr lange mit der Angst vor der Gewalt. Nicht erst seit dem 19. Dezember 2016, nicht erst seit dem 11. September 2001. Auch wenn es so scheint, der Terror ist nicht neu in unserem Leben. Die „University of Maryland“ sammelt seit Jahren in ihrer „Global Terrorism Database (GTD)“ die Daten und Fakten von Terroranschlägen rund um den Globus. Mehr als 150.000 Vorfälle zwischen Januar 1970 und Dezember 2015 wurden darin aufgelistet. In Europa waren es in diesem Zeitraum 18.803 Terroranschläge bei denen 10.537 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Anschläge nahm nicht zu, allerdings stieg 2014 und 2015 die Zahl der Todesopfer auf einen Höchststand seit 2004.

Wir leben schon lange mit dem Terror: Foto: Reuters.

Zwischen den 70er und 90er Jahren war der Terror für Europa eher ein nationales Problem. Die IRA bombte in England und Irland, die ETA in Spanien, die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Action Directe in Frankreich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verrutschte auch der Schwerpunkt der Angriffe auf der Landkarte des Terrors Richtung Osten. Plötzlich gab es Anschläge in Russland, der Ukraine, im Kaukasus. Der Terror hat dann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch noch einen anderen, einen neuen und nicht weniger brutalen Anstrich bekommen. Statt Bomben und Blut für vermeintliche politische Ziele, wurden nun auch noch die Menschen im Namen Allahs terrorisiert.

Es sind bedrückende Zahlen, die man in diesen trockenen Statistiken lesen kann. Auch jene, die beschreibt, dass im Zeitraum zwischen Januar 2015 und Juni 2016 in Europa und Amerika 658 Menschen bei 46 Terroranschlägen ihr Leben verloren. Im Nahen Osten, Afrika und Asien gab es im gleichen Zeitraum 50mal mehr Todesopfer. 20.031 Menschen starben bei 2.063 Angriffen. Das Blutbad reicht um den Globus.

Wir leben mit der Terrorgefahr und das schon lange. Der gewaltsame Versuch einiger weniger, das Leben der Mehrheit zu verändern ist Teil des Alltags geworden. In den USA, im Irak, in Somalia und auch in Deutschland. Die Art und Weise, die Intensität der Anschläge und die Zahl der Todesopfer hat zugenommen. Mit dem Anschlag von Berlin werden wir wachgerüttelt, dass es hier „auch“ passieren kann. Obwohl wir das schon lange wissen und damit leben, damit zu leben gelernt haben.

Wie ist das nun mit der Registrierung von Muslimen?

Im Wahlkampf trat Donald Trump nicht gerade als ein Freund des Islam auf. Seine provokanten Kommentare und Forderungen, wie die, nach einem Einreiseverbot aller Muslime in die USA, bestimmten die Diskussionen, die Debatten, die Berichterstattung. Und nun, nachdem alles vorbei ist, wie steht der gewählte Präsident zu seinen eigenen Aussagen, die von seinen Anhängern lautstark bejubelt wurden?

Ist die Internierung der Japaner und Japan-Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs ein "Präzedenzfall"?

Ist die Internierung der Japaner und Japan-Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs ein „Präzedenzfall“?

Aus dem Trump-Tower heißt es nun, der Donald habe niemals eine Registrierung von Muslimen im Land gefordert. „President-elect Trump hat sich nie für eine Registrierung oder ein System eingesetzt, mit dem man Individuen aufgrund ihrer Religion verfolgen kann, und etwas anderes zu behaupten ist komplett falsch.“ Das stimmt so nicht, denn Trump wurde mehrmals nach seinen provokanten Aussagen zum Einreiseverbot von Muslimen gefragt, ob er einer Registrierung im Land zustimmen würde. Trump verneinte dies nie, erklärte vielmehr, das sei ein guter Gedanke, man müsse darüber nachdenken.

Auch haben einige seiner Berater diese Grundidee aufgegriffen. Kris Kobach, seines Zeichens Außenminister des Bundesstaates Kansas, Berater von Trump und lange Zeit heißer Kandidat für das Amt des Justizministers in einer Trump-Adminstration, erklärte in der vergangenen Woche gegenüber der Presseagentur Reuters, dass man im Trump-Umfeld nun auch darüber spreche eine Registrierung von Immigranten aus muslimischen Ländern umzusetzen.

Nur wenige Tage später sprach der Trump-Vertraute Carl Higbie auf FOX News von einem „Präzedenzfall“, den es hinsichtlich solcher Registrierungspläne bereits in den USA gebe: die Internierungslager für die Japaner und Japan-Amerikaner während des Zweiten Weltkrieges in den USA. Solche Überlegungen gab es auch schon im Bush-Lager nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001.

Politische Beobachter und Kommentatoren blicken nun gespannt auf das, was Donald Trump umsetzen wird. Welche seiner Wahlkampfforderungen werden zu politischen Realitäten in den USA? Doch vor allem, wie wird sich die Situation von Muslimen im Land verändern? Klar ist derzeit nur, dass niemand ihn so richtig einschätzen kann. War alles nur Getöse oder liegt hinter den Provokationen ein genauer Plan? Abwarten wird zum Tagesgeschäft.

„Wo warst Du an 9/11?“

9/11 - Der Tag, an dem sich alles änderte. Foto: Reuters.

9/11 – Der Tag, an dem sich alles änderte. Foto: Reuters.

Diese Frage hat jeder schon gehört: Wo warst Du am 11. September 2001? Klar, niemand hat das vergessen, wo er zum ersten Mal die Bilder von den brennenden Türmen des World Trade Centers gesehen hat. Ich war daheim und wurde von Antenne Thüringen geweckt: „Sag mal, was ist denn da los bei Euch?“ Zu dem Zeitpunkt war erst einer der Flieger in die Türme geknallt. Als ich dann den Fernseher anmachte, flog gerade das zweite Flugzeug ins WTC. Damit war klar, alles wird sich ändern.

Amerika stand auf einmal im Krieg, wurde angegriffen und vorgeführt von einer Handvoll Terroristen. Die stärkste Armee der Welt hilflos, das große Ego gekränkt, der Glaube an die Unverwundbarkeit Amerikas fand ein jähes Ende. Seitdem ist alles anders. Die USA haben nicht nur Billionen an Dollar im Krieg gegen den Terror verpulvert, sie haben auch ihre Leichtigkeit verloren. Von den Folgen der militärischen Einsätze in Afghanistan und im Irak brauche ich nicht reden, darüber wurden viele Bücher und Artikel geschrieben und in den sozialen Medien hat jeder eine Meinung über deren Sinn und Unsinn.

Was ich mit 9/11 verbinde, sind vor allem die Veränderungen, die diese Attacken mit sich brachten. Seit diesem Tag im September 2001 bestimmt die Angst die amerikanische Politik und das Leben in diesem Land. Überall, so scheint es, lauern die Bösen, nur darauf wartend, endlich loszuschlagen. Im derzeitigen Wahlkampf sieht man ganz deutlich, was 9/11 mit den USA gemacht hat. Der republikanische Kandidat, Donald Trump, baut seine gesamte Kampagne auf die Angst vor den anderen auf. Er will Amerika abschotten, sichern, das Militär stärken, Muslime nicht ins Land lassen. Er schürt die Angst vor den Fremden, den Ausländern, redet davon, Amerika wieder „great“ zu machen. Was er damit meint ist unklar. Zumindest ist es nicht das, für was Amerika einmal stand, einmal vor 9/11: Jene Leichtigkeit, Lockerheit, leben und leben lassen, die den „American Way of Life“ ausmachten

Die Angst vor den Terroristen ist sicherlich real und dann doch auch so abstrakt. Es lähmt das Leben hier, es bestimmt den Alltag. Eigentlich überall. Wohin man auch geht und fährt und reist wird man an die Terrorgefahr erinnert. Nicht nur auf den Flughäfen der Metropolen, sondern selbst in abgelegenen Kleinstädtchen, die kein Terrorist je auf einer Landkarte finden würde wird vor der Terrorgefahr gewarnt. Sogar in entlegenen Nationalparks habe ich Warnschilder gesehen. Macht das Sinn? Nein, macht es nicht. Aber das ist nun das Leben im Post-9/11 Alltag der USA.

Der Präsident im Verschwörungstheoretikerclub

Hitler lebt noch, die Mondlandung gab es nie, die Außerirdischen sind unter uns. Und hinter allem steckt die geheime Weltregierung, die uns nicht die Wahrheit sagen will. Ich weiß nicht, wie Donald Trump die gerade genannten Beispiele bewertet, aber er ist mit Sicherheit einer der größten Verschwörungstheoretiker, dem zugehört und auch noch applaudiert wird.

Donald Trump weiß auf alles eine Antwort. Foto: AFP.

Donald Trump weiß auf alles eine Antwort. Foto: AFP.

Trumps Wahlkampf ist von unzähligen unsäglichen Theorien durchzogen. Nach wie vor glaubt er nicht, dass Barack Obama in den USA geboren wurde. Man erinnere sich an die Geburtsurkundenepisode von 2008. Doch das ist nur ein kleiner Nebenschauplatz für Donald Trump. Er hinterfragt alles, auch wenn es noch so absurd ist. Der König der Tweets erklärte: „Die USA müssen sofort alle Flüge aus EBOLA infizierten Ländern stoppen oder die Seuche wird sich innerhalb unserer Grenzen ausbreiten. Sofort!“. Danach dann die Ergänzung: „EBOLA verbreitet sich leichter als CDC und Regierungsvertreter zugeben“. CDC sind die „Centers for Disease Control“, eine Einrichtung für die öffentliche Gesundheit in den USA. Trump will hart durchgreifen, auch wenn das bedeutet hätte, dass keine Hilfsflüge mehr für die Menschen in Guinea, Sierra Leone und Liberia möglich gewesen wären. EBOLA hätte sich ungebremst ausbreiten können.

Das ist nicht der einzige Fall, in dem der Immobilienmogul Trump den Wissenschaftlern und Experten Unvermögen, Unkenntnis und Untätigkeit vorwirft. „Ein gesundes Kind geht zum Arzt, wird vollgepumpt mit mehren Spritzen an Impfstoffen, fühlt sich danach nicht gut und anders – Autismus“, so Trump auf der Wahlkampfbühne. „Die Ärzt lügen.“ „So viele Leute mit autistischen Kindern haben mir gedankt – unglaubliche Resonanz. Sie wissen es besser als gefälschte Berichte“.

Donald Trump weiß es einfach besser, er weiß es immer besser, er hat auf alles und auf jeden eine Antwort. Und sei sie noch so balla-balla. Die mexikanische Regierung schicke „die ganz schlimmen Verbrecher über die Grenze, denn sie wollen nicht selbst dafür zahlen“, meinte er und führt als Quelle seiner Information Grenzbeamte an, „die lieber nicht namentlich genannt werden wollen“.

Sowieso hat der Millardär kein Problem dubiose Quellen für seine Verschwörungstheorien anzugeben. So erklärte er im Wahlkampf, „Tausende von Moslems“ hätten von New Jersey aus, jubelnd den einstürzenden Türmen des World Trade Centers zugesehen. Diese Information habe er von der Webseite Infowars, die von Alex Jones geführt wird, einem der größten Verschwörungstheoretiker in den USA. Jones meint ganz offen, dass die US Regierung selbst hinter den 9/11 Anschlägen steht. Trump ist das nicht zu doof und ergänzte sogar, im Falle seines Wahlsieges werden wir alle „erfahren, wer wirklich das World Trade Center zum Einsturz gebracht hat“.

Trump kommentiert alles und immer mit einem Fragezeichen am Ende. Zum Tod des politisch eher rechts orientierten Verfassungsrichters Antonin Scalia bestach der Donald mit seiner eigenen Sicht der Dinge: „Sie sagen, man habe ein Kissen auf seinem Gesicht gefunden, was ein ziemlich ungewöhnlicher Ort ist, ein Kissen zu finden“. Hinter diesem Satz steckt die Anschuldigung, dass liberale Kräfte im Land, dem verhassten Verfassungsrichter das frühzeitige Ende gebracht haben. Egal, ob die Ermittlungen der Polizei und des FBI zu einem anderen Ergebnis kommen und von einem natürlichen Tod sprechen.

Donald Trump will Amerika wieder „great“ machen. Falls er wirklich den Sprung ins Oval Office schaffen sollte, dann werden die kommenden Jahre mehr als „unterhaltsam“. Als Korrespondent wird es mir dann mit Sicherheit nicht langweilig werden.

Deshalb brauchen wir Amerika

Das erste Mal bin ich vor 30 Jahren geflogen. Das war von Nürnberg nach Istanbul. 1987 stand dann der erste Flug in die USA an, damals noch mit PanAm. Mein Bruder und ich wollten mit unseren Rucksäcken quer durchs Land reisen, waren also demnach leger gekleidet und wurden dennoch in die Business Klasse gesetzt. Die Economy war überbucht. „That’s the way to fly“, dachte ich mir damals noch auf Deutsch. In den folgenden Jahren ging es immer wieder hin und her über den Atlantik und den nordamerikanischen Kontinent. Die Flüge waren ok, ich hatte immer viel Platz, manchmal sogar eine ganze Sitzreihe, konnte mich ausstrecken, schlafen, unbehindert bewegen.

Das alles änderte sich mit dem 11. September 2001. Danach war nichts mehr so, wie es einmal war. Am Flughafen wird man seitdem erst einmal als potenzieller Terrorist eingestuft. Regeln, Gesetze, ein Verhaltenskodex ist vorgeschrieben, wer dagegen verstößt macht sich gleich verdächtig. Beschweren oder mal nach dem Sinn von bestimmten Abläufen zu fragen, ist nicht erwünscht. Als Beispiel sei hier das berühmte Schweizer-Mini-Taschenmesser am Schlüsselbund angeführt. Das ist nicht mehr erlaubt an Bord. Und dann sitzt man da und bekommt seine Mahlzeit mit Metallbesteck, Glasflaschen, Aluminiumdosen und man fragt sich ernsthaft, wer sich diese bescheuerten anti-terroristischen Fluggastschutzmaßnahmen ausgedacht hat. Und das ist nur ein Beispiel.

Diese Sitze sieht man in den Werbeclips der Airlines nie. Warum nur?

Diese Sitze sieht man in den Werbeclips der Airlines nie. Warum nur?

Doch zurück zum eigentlichen Thema, dem Sitzplatz im Flieger. Nach dem 9/11 sank nicht nur die persönliche Freiheit in den Airlines, sondern auch die Freiheit fürs Gesäß und Beine. Die Sitze schienen zu schrumpfen, jedesmal etwas mehr. Nicht nur das, die Flugzeuge waren immer ausgebucht, überfüllt, rappelvoll. Egal wie man sich heutzutage über den Wolken bewegt und dreht, immer stößt man an einen Mitreisenden, ob man das nun will oder (meistens) auch nicht. Tatsächlich sind die Gangreihen in der Economy Class seit der Deregulierung der Flugindustrie in den 70er Jahren von fast 89 cm auf etwa 78 cm geschmälert worden. Die Sitze selbst wurden von nahezu 46 cm auf nun 41 cm zusammengeschrumpft. Hinzu kam, dass die Sitzpolster- und Rückenlehnendicke ebenfalls verdünnt wurde, um zum einen Gewicht zu sparen, zum anderen Platz zu schaffen für noch mehr Sitzreihen. Meine Knie können ein Lied dazu singen.

Nun könnte sich das allerdings ändern, denn der demokratische Abgeordnete Steve Cohen aus Tennessee hat im Kongress das sogenannte „Seat Egress in Air Travel (SEAT)“ eingebracht, dass die Flugaufsichtsbehörde „Federal Aviation Administration (FAA)“ zum Handeln auffordern soll. Die hatte sich bislang aus der Diskussion rausgehalten, doch damit scheint nun Schluß zu sein. Cohen argumentiert, dass enge Sitze und zu volle Flieger eine schnelle Evakuierung im Notfall verhindern. Deshalb müsse die FAA klare Richtlinien setzen, angedacht sind wieder Sitze in der Größenordnung von 46 cm und eine Gangbreite von 89 cm.

Die Lobbyisten der Airlines sehen das natürlich anders und erklärten umgehend, dass der Markt die Regeln bestimme. Wer als Kunde mehr Platz brauche, könne sich ja ein teureres Ticket kaufen. Die vollen Flugzeuge zeigen jedoch, dass die Passagiere mit dem Sitzplatzangebot zufrieden seien. Ha-ha, sage ich da nur, guter Witz. Bei derzeit durchschnittlichen 1500 Dollar für einen Economy-Flug SFO – NUE, habe ich keine große Alternative. Denn für einen Platz in der Businessklasse müsste ich mindestens das Dreifache hinblättern. Das, und ich denke der Großteil der Reisenden, kann ich mir nicht leisten.

Cohens Ansatz könnte durchaus Erfolg haben, denn Sicherheitsbestimmungen werden in den USA sehr ernst genommen. Und wer nun meint, das ist Amerika, das geht uns ja in Deutschland nichts an, liegt da  falsch. Man denke nur an das Rauchverbot in Flugzeugen. Ich erinnere mich noch an die hinteren Reihen, in denen die Rauchschwaden in der Luft hingen. Alles hat bei den amerikanischen Airlines angefangen, es ging damals nicht um einen allgemeinen Nichtraucherschutz für Passagiere, sondern um eine arbeitsrechtliche Maßnahme, Flugbegleiter hatten das Recht in einer rauchfreien Umgebung zu arbeiten. Das wurde durchgesetzt und hatte Auswirkungen auf die gesamte, weltweite Flugindustrie. Die FAA hat sich bislang noch nicht zu den angedachten Änderungen geäußert, doch das war nicht zu erwarten. Wichtiger ist viel mehr, dass die Chancen gut stehen, dass die Initiative von Steve Cohen in eine gesetzliche Anweisung an die Behörde enden wird. Es ist zu hoffen.