Maulkorb für die Nation

Gerade passiert hier etwas in den USA, was keiner richtig wahrnimmt. Die amerikanischen Medien berichten nicht darüber. Kein Wunder, es ist Wahlkampf, Ruth Bader Ginsburg ist verstorben, das Corona Virus bestimmt vieles im Land, die Feuer und andere Naturkatastrophen lassen Menschen ums nackte Überleben kämpfen. Doch man sollte genauer hinsehen, was Donald Trump da am 22. September angeordnet und unterschrieben hat. Denn hier wird Geschichte neu geschrieben.

Wer meine Beiträge hier regelmäßig mitliest oder auch mal eines meiner Features gehört hat, wie kürzlich „Bittere Pillen„, eine Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Bettina Rühl in Nairobi, der weiß, dass die „Mexico City Policy“ oder auch „Global Gag Rule“ genannt ein immer wiederkehrendes Thema in meiner Berichterstattung ist. Dabei geht es um eine Verschärfung einer Richtlinie in der amerikanischen Außenpolitik, die nach dem Schulterschluss von Donald Trump mit der Christlichen Rechte in den USA umgesetzt wurde. Keine amerikanischen Gelder dürfen seit Amtsantritt Donald Trumps für Beratung, Vermittlung und Durchführung von Abtreibungen eingesetzt werden. Doch nicht nur das, selbst wenn eine Klinik für diese Art der Familienplanung aus den, beispielsweise, Niederlanden Geld bekommt, werden ihr für andere Projekte, wie Malaria oder AIDS Bekämpfung US Gelder gestrichen. Die würden erst wieder freigegeben werden, wenn die Klinik sich verpflichtet ganz auf Beratung und/oder Durchführung von Abtreibung als Familienplanung abzulassen. Das hat Folgen für das gesamte Gesundheitswesen in Entwicklungsländern und greift darüberhinaus in die Entwicklungsziele anderen Nationen ein.

Diesen Hintergrund muss man kennen, um die Dimension zu erfassen, die Trump und seine Geschichtsverfälscher aus dem rechten „White Supremacy“ Lager mit dieser neuen Anordnung nun im eigenen Land durchsetzen wollen. „Executive Order on Combating Race and Sex Stereotyping“ ist ein Angriff auf die aktuelle und überfällige Debatte in den USA um den systemischen Rassismus. Damit wollen Trump und seine MAGA-Freunde verhindern, dass die USA als ein Land dargestellt werden, in dem der Rassismus und Sexismus tief verwurzelt sind. Jeder und jede, die mit öffentlichen Geldern unterstützt und gefördert werden, dürfen in Zukunft, so diese präsidiale Anordnung, nicht mehr darüber sprechen, dass die Vereinigten Staaten eine problematische Geschichte haben, die nie richtig aufgearbeitet wurde.

Das ist ein Schlag ins Gesicht, für all jene, die den tief verankerten und verwurzelten Rassismus in den USA als eine „public health“ Krise sehen. Man denke nur daran, dass in dieser Corona Pandemie vor allem die „black and brown Communities“ im Land betroffen sind. Hier in East-Oakland, einem afro-amerikanischen Stadtteil, der aufgrund des gechichtlichen „Red Lining“, einer virtuellen Stacheldrahtziehung entstanden ist, liegt die Covid-19 Infektionsrate bei nahezu 12 Prozent. Im Vergleich dazu die nur vier Prozent im gesamten Bezirk Alameda, in dem Oakland liegt. Der Grund für die hohen Zahlen in East-Oakland liegt eben auch darin, dass über Jahrzehnte dieser Stadtteil aufgrund einer gezielten Ausgrenzung von Schwarzen und Latinos aus den weißen Nachbarschaften benachteiligt wurde. Doch dieser Grund, so Trump in seinem Erlass, dürfe fortan nicht mehr von jenen Organisationen angesprochen werden, die vor Ort arbeiten und eben dafür auch finanzielle Unterstützung aus Washington erhalten.

Donald Trump verhängt einen geschichtlichen Maulkorb. Das Ziel ist, die USA nur noch als größte Nation in der Welt darzustellen, in dem jeder seinen „American Dream“ leben und erleben kann, egal welche Hautfarbe man hat, welches Geschlecht oder sexueller Orientierung man auch angehört. Das ist eine Weißwaschung Amerikas. Wer Kritik an diesem Geschichtsbild äußert, wer darauf nur hinweist, dass Afro-Amerikaner eben nicht dieselben Chancen in diesem Land haben, bekommt fortan keine Förderung mehr. Falls Donald Trump also am 3. November wiedergewählt werden sollte und dieser Erlass auf breiter Flur durchgesetzt wird, wird die Geschichte der USA ganz neu geschrieben. Dann fehlt nur noch, dass auch die Geschichtsbücher in den Schulen geschwärzt oder geschönt werden und am Ende der großartige Führer dieser Nation von jedem verpflichtend gepriesen werden muss. Die Vereinigten Staaten sind auf einem sehr gefährlichen Kurs!

Praise the Lord, Halleluja!

Wer gerade nachts in den USA fern sieht und über die Kanäle surft, der wird auf alle Fälle irgendwann auf einen Fernsehprediger oder -predigerin stoßen. Einige Networks sind sogar ganz für das “Wort Gottes” bestimmt. Doch beim genaueren Hinhören wird schnell klar, dass diese “Televangelists”, wie sie in den USA genannt werden, wenig mit den Übertragungen der Gottesdienste am Sonntagmorgen in Deutschland zu tun haben.

YouTube Preview Image

Dr. Gene Scott, legendärer Televangelist in den USA. Er sendete Nacht für Nacht zwischen den 70er und späten 90er Jahren seine religiösen Sendungen. Bekannt wurde er durch seinen exzentrischen Stil, er beschrieb Wandtafeln mit Originaltexten, setzte sich aber auch schon mal stillschweigend und Zigarre rauchend vor die Kamera, bis seine Fernsehgemeinde 1000 weitere Dollar gespendet hatte.

LeAnn Flesher ist Vize-Präsidentin des “American Baptist Seminary of the West”, einem Priesterseminar in Berkeley. Für sie muß man eines in dieser Diskussion um Fernsehprediger beachten: „Ich würde nicht sagen, dass jeder Gottesdienst online den Fernsehpredigern gleichzusetzen ist. Diese “Televangelists” sind etwas eigenes. Viele, die meisten sogar, haben keine Gemeinde, keine Kirche an einem Ort. Sie machen nur Fernsehen.“

YouTube Preview Image

Derzeit wird im amerikanischen Fernsehen öfters das Wunderwasser von Peter Popoff beworben. Popoff wurde 1946 in Ost-Berlin geboren und war schon in den 80er Jahren durch seine Wunderheilungen im Fernsehen berühmt-berüchtigt. Er flog auf wegen Betrugs, doch das stoppte ihn nicht. Popoff ist zurück auf der Mattscheibe und sammelt erneut Spenden ein. Pete Evans arbeitet für die christlichen Organisation Trinity Foundation mit Sitz in Dallas, Texas. Seit vielen Jahren sammelt die Organisation Informationen über das unregulierte Treiben der Televangelists. Die Ergebnisse ihrer Ermittlungen geben sie an den US Kongress genauso weiter, wie an die Medien. Doch selbst, wenn es mehr als offensichtlich ist, dass diese Fernsehpriester nur die Gutgläubigkeit von notleidenden, kranken und nach einem Sinn suchenden Menschen ausnützen, bislang konnte ihnen kein Riegel vorgeschoben werden. Viele von ihnen fliegen weiter in von Gläubigen finanzierten Jets durch die Weltgeschichte:

YouTube Preview Image

Genaue Zahlen gibt es nicht, doch Pete Evans von der Trinity Foundation schätzt, dass die Fernsehprediger zwischen 6 und 9 Milliarden Dollar im Jahr umsetzen. Es sei wie Darwinismus unter den Predigern, der größte Gauner setze sich am Ende durch: „Grundsätzlich müssen alle Televangelists für ihre Sendezeit auf christlichen Sendern bezahlen. In der Prime Time liegt das bei ungefähr $20,000 für jede Stunde. Die Fernsehprediger, die also überleben und erfolgreich sind, sind die, die das meiste Geld aus den Leuten herausbekommen, denn damit wird auch die Sendezeit bezahlt, neben den Jets und den Bentleys, den Aston Martins, den Luxuswagen und so weiter.“ Und LeAnn Flesher ergänzt: „Sie sind nicht dazu da Seelen zu retten, sie verstehen das “Seelenretten” vielmehr ganz anders. Einige eben so: “Bete das Gebet, schick mir Geld”.

Doch es geht nicht nur um Geld, es geht auch um Macht und da sieht Pete Evans einen gefährlichen Schulterschluß: „Es ist eine Ehe, die in der Hölle geschlossen wurde, zwischen der christlichen Rechte und der rechtsaußen Politik, genauer gesagt, der republikanischen Partei. Viele dieser Televangelists unterstützen die Theorie oder besser die These, dass Präsident Trump von Gott gesandt wurde.“ Eine, die sich ganz deutlich zu Donald Trump bekennt, ist Paula White, die von Präsident Donald Trump zur offiziellen Beraterin in Glaubensfragen berufen wurde, ihn schon mehrfach im Weißen Haus besuchte, vor dessen Präsidentschaft mit Geldern ihrer Gläubigen ein Luxusapartment im Trump Tower in New York gekauft hatte und auch auf Trump Veranstaltungen, wie hier im Video zu sehen, auftritt.

YouTube Preview Image

In den Auftritten der Televangelists, der Fernsehprediger, geht es um Wunder, um eine Stütze im Alltag, um die Auslegung von Gottes Wort, dem Allmächtigen, der gerade in der Krise gesucht wird. Im Fall des 83jährigen Kenneth Copeland, der geschätzt ein Vermögen von rund einer halben Milliarde Dollar erpredigt haben soll, geht diese Interpretation dann doch mal ganz seltsame Wege, wie selbst Pete Evans erstaunt erzählt: „Kenneth Copeland stand im April vor der Kamera. Er sprach stundenlang zu den Zuschauern und meinte, Gott werde das Virus verschwinden lassen, ganz schnell. Gott werde eine Hitzewelle schicken, die das Virus verbrennen lassen wird. Einfach weg, und dann zeigt er, wie Gott die Hitzewelle und das Virus einfach fortbläst.“

Sehen kann man das in dem folgenden Video bei Minute 27:08. Klar ist, die Televangelist sind ein fester Bestandteil der amerikanischen Fernsehlandschaft, “big business”, unterhaltsam, aber eben auch unkontrolliert und für manchen labilen und suchenden Zuschauer durchaus gefährlich.

YouTube Preview Image

Es geht mal wieder um Abtreibung

Eine verkorkste Reaktion auf die Pandemie interessiert nicht. Ein brutal durchgeführter Photoshoot mit einer verkehrt herum gehaltenen Bibel vor einer Kirche, auch das interessiert nicht. Tausende von Lügen, Falschaussagen, Beschimpfungen und Verunglimpfungen, das wird ihm nachgesehen. Seine persönlichen Fehler und Fehltritte über Jahrzehnte, kann man übersehen. Was zählt ist seine Haltung zur Abtreibung.

Die Wahl ist auch wieder für oder gegen Abtreibung. Foto: Reuters.

Die christlich-evangelikale Basis im Land macht mobil. 2016 stimmten 85 Prozent der Fundamentalisten für Donald Trump. Das soll auch 2020 so sein und nun haben sie einen Schlachtruf erhalten. Das Verfassungsgericht stimmte heute mit einer 5:4 Mehrheit gegen die strengen Abtreibungsgesetze in Louisiana. Zuvor hatte die Christliche Rechte noch den ersten „abtreibungsfreien Bundesstaat“ gefeiert. In dem Gesetz hieß es, ein Arzt, der eine Abtreibung in einer entsprechenden Klinik durchführt, müsse auch an einem Krankenhaus in einem Umkreis von 30 Meilen als Arzt eingeschrieben und tätig sein. Dagegen klagten Befürworter von Abtreibungen und sie bekamen nun recht.

Doch die Evangelikalen im Land schauten ganz genau hin und sahen, dass die beiden Verfassungsrichter, die Donald Trump eingesetzt hat, Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh, für das Louisisana Gesetz gestimmt hatten, also ganz auf ihrem Kurs waren. Damit ist klar, dass sie nun die eigenen Reihen mobilisieren wollen, denn Abtreibung ist das Thema, was sie beschäftigt. Corona, systemischer Rassismus, Klimawandel, Umweltzerstörung, Korruption, Aufrüstung,… all das fällt in der Entscheidung der Evangelikalen in den USA nicht weiter ins Gewicht. Für sie steht fest, Donald Trump setzt Richter ein, die gegen Abtreibung stimmen werden. Das große Ziel ist es, das Recht auf Abtreibung in den USA, das seit 1973 nach einem Verfassungsgerichtsurteil – Roe vs. Wade – gilt, auszuhebeln. Dafür wird alles in Kauf genommen, eben auch ein Präsident, der eigentlich nicht gerade so sehr für die christlichen Werte steht, die gerne von Fundamentalisten propagiert werden.

Aber es gibt auch eine Gegenbewegung innerhalb der christlichen Gemeinde in den USA. Die ist laut und stark und organisiert derzeit alles, um die Abwahl von Donald Trump zu ermöglichen. Amerika im Kulturkrieg, im Religionskrieg, im Krieg der Auslegung von Verfassung und Bibel.