Bring me back to Sudan

Da sitze ich an einem Sonntagmorgen in meinem Büro in Oakland und lese mich durch die Nachrichten der vergangenen Tage. Klar, auch unterwegs warf ich immer mal wieder einen Blick auf verschiedene News Seiten und las auch, was Donald Trump da wieder per Twitter von sich gab. Doch das war irgendwie alles weit weg. Nun bin ich zurück, kein Weg führt mehr drum herum. Wir sind 13 Monate vom Wahltag entfernt und diese 13 Monate werden lang.

Was geht nur in diesem Kopf vor? Foto: Reuters.

Es ist schon faszinierend, wie ein selbstverliebter Präsident eigene Fehler umkehren und sich als Opfer einer Verschwörung darstellen kann. Kräfte im „Deep State“ versuchten ihn zu stoppen, so Trump. Seine Anfrage an den ukrainischen Präsidenten zur Aufnahme von Ermittlungen gegen die Biden Familie sei schließlich seine Pflicht im Kampf gegen Korruption. Das muss man können, Dinge so zu drehen, dass egal was, man immer als Opfer gesehen wird. Und Trump macht das nicht nur für sich, auch seine republikanischen Mitstreiter glauben dieses Tollhausmärchen. Das grenzt schon an eine Bananenrepublik.

Trump malt sich seine eigene Realität, die bekannte „Alternative Reality“, in der nur er recht hat, in der nur das zählt, was er sagt, in dem Fakten nur dann Fakten sind, wenn sie ein Trump-Siegel erhalten. Dass er bei der Wahl 2016 weniger Stimmen als seine Konkurrentin Hillary Clinton erhielt, wurmt ihn noch immer. Und auch, dass Mitt Romney bei der Wahl 2012 mehr Stimmen als er erhielt, kann er nicht abhaben. Beide geht er deshalb nach wie vor an. Und dann sind da eben auch noch diese unsäglichen Geistergeschichten von Verschwörungen, einem „Deep State“, einem langen Arm der Demokraten, einer korrupten Medienlandschaft, die ihm alle nur ans Fell wollen. Donald Trump das Opfer.

Er dreht die Dinge, wie sie gerade kommen und seine Anhänger und weite Teile seiner Partei folgen ihm kommentar- und kritiklos. Das macht die Sache nun gefährlich, denn falls Trump die Wahl verlieren sollte, werden viele in seinem Lager davon überzeugt sein, dass der Wahlausgang manipuliert wurde, dass der „erfolgreichste Präsident aller Zeiten“ (Trump über Trump) um seinen Wahlsieg gebracht wurde. In einem Land, das bis zu den Zähnen bewaffnet ist, sind das keine guten Aussichten, denn von Donald Trump wird man nicht erwarten können, dass er eine Niederlage eingesteht, still und leise aus dem Amt scheidet, Platz macht für seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger. 13 Monate werden sehr lang werden, am Ende wird in den USA nichts mehr so sein wie es einmal war. Über all diesen Irrsinn, die Halbwahrheiten, Vermutungen, Verschwörungen, Verleumdungen und Beleidigungen zu berichten, das steht nun an. Da wünsche ich mir eigentlich, wieder in den Sudan, nach Somaliland oder in den Niger zurückkehren zu können, um über wirkliche, reale Probleme berichten zu können. Goodnight, America!

Die Hoffnung ist da

Es war eine schnelle Reise einmal halb um die Welt. Von Kalifornien in den Sudan. Nun bin ich wieder zurück in Oakland. Der Sudan ist ein Land im Auf- und Umbruch. In der Hauptstadt Khartum wurde viel von der Revolution gesprochen, der friedlichen Revolution, die Vorbild für andere afrikanische Staaten sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster von meiner Unterkunft in Kassala.

Ich sprach in den vergangenen Tagen mit Journalisten und Radiomachern, mit jungen, engagierten Frauen, mit Musikern, Kulturschaffenden. Man hat Hoffnung in diesem Land nach der jahrzehntelangen Dikatur. Das ist zu sehen, das ist zu spüren. Selbst in einem Pizzaladen ist es entspannter geworden. Junge Frauen sitzen zusammen, lachen, machen „Selfies“ ohne Kopftuch, genießen den Tag. So etwas sei vorher nicht möglich gewesen, wurde mir gesagt. Im einzigen englischsprachigem Radiosender in Khartum, Capital 91.6 FM, blickt man optimistisch in die Zukunft. „The heart beat of Sudan“ ist der Slogan dieser Station und der dringt klar und deutlich nach draußen. Die schwierigen Zeiten während des Umbruchs sind vorbei. Deutliche Worte durfte man in der Übergangszeit on-air nicht finden, doch man bezog durch die Musikauswahl Stellung. Ein Lied, wie Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout a Revolution„, wurde da zu einer kraftvollen Aussage, bestätigt mir die Moderatorin Maya Gadir.

Im Impact Hub von Khartum sitzen vor allem junge Leute mit Ideen zusammen. Sie repräsentieren das neue Sudan, sind stolz auf ihre Revolution, die ein Land nach 30 Jahren brutaler Regierung durch Omar Bashir, auf einen neuen Kurs gebracht hat. Seitdem sind nur wenige Monate vergangen, vieles ist noch unklar und unsicher, doch die Hoffnung ist groß, dass der Übergang zu einer demokratischen Reform funktioniert, dass der Sudan, das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas, zu seiner Stärke findet, die er eigentlich auf dem Kontinent haben müsste. Hier treffe ich auch Emad Zakria, den Mitbegründer von Share Zone, einem Start-up aus Darfur. Auch das gibt es in dieser von Krieg und Gewalt geprägten Region Sudans. Emad will dabei mithelfen, dass die Jungen bleiben und nicht das Land verlassen. Es ist beeindruckend, zu erleben, zu hören, zu sehen, was gerade im Sudan passiert, Ein Land im Umbruch, im Aufbruch.

Als die Tür während des Interviews mit dem Dorfführer immer wieder aufging, zückte dieser kurzerhand sein Messer und verriegelte die Tür damit.

Und doch, da sind auch die bekannten Bilder. Ich bin mit CARE Deutschland in dieses Land am Nil gereist, die hier unter dem Namen „Care International Switzerland“ arbeiten. Der Grund für diese Reise waren nicht die Revolution, die Start-ups, die Aufbruchstimmung, es war das, was wir in Kassala, im Osten des Sudan, nahe der Grenze zu Eritrea sahen. Vergessene Dörfer, Unterernährung, Wasserknappheit, benachteiligte Mädchen und Frauen, Armut und auch Elend. CARE hat hier in dieser konservativen Region neue Projekte begonnen, gemeinsam mit einer lokalen NGO versucht man zu  helfen. Es ist nicht ganz leicht, denn alte Traditionen, religiöse Überzeugungen, die harten Lebensbedingungen und die Abgeschiedenheit mancher Dörfer lassen eine schnelle Hilfe nicht zu. Es braucht Zeit, Geld und Ausdauer hier Fortschritte zu erzielen. Khartum ist weit weg. Kassala ist eine Gegend, in der viele Flüchtlinge aus Somalia, Somaliland, Eritrea und Äthiopien durchziehen. Es liegt im Zentrum der Schmuggler. Hier ticken die Uhren anders.

Es war für mich die erste Reise in den Sudan und es war beeindruckend, tief bewegend. Die Landschaft, die Kultur, doch vor allem die Menschen, die ich treffen konnte, die mit mir sprachen, die Antworten auf meine vielen Fragen gaben. Die junge Feministin von Amna, der ältere Dorfanführer in Omraika, die ältere vollverschleierte Frau in Kifeteria, die eloquente Programmleiterin von CARE Sudan und viele mehr. Sie alle nahmen sich Zeit, meine Fragen zu beantworten, erklärten mir Umstände, Sachverhalte, kulturelle Gegebenheiten. Nach so einer Reise komme ich zurück, geerdet, dankbar, bereichert. Und ich weiß, ich habe einen wunderbaren Job, der mich in andere Länder, andere Kulturen führt, der mich Orte sehen lässt, die ich wohl nie besuchen würde. Der mich jedoch vor allem mit Menschen in Kontakt bringt, die ich nie getroffen und mit denen ich wohl nie gesprochen hätte. Nun geht es daran, das alles auszuwerten, was ich aufgenommen, gesehen und erlebt habe. Eine besondere Verpflichtung gegenüber all jenen, die ich getroffen habe.

Die AFD in Niamey?

Man erlebt auf solchen Reise, wie ich sie gerade mache, Dinge, die man schlecht einordnen kann, man sieht Sachen, die will man kaum glauben. So war das heute, als ich auf einem Musikfestival in Niamey, der Hauptstadt des Niger war. Tolle Musik und dann hängt da ein Banner, auf dem die Unterstützer dieses Festivals genannt werden. Gleich neben der Europäischen Union steht da „AFD“. Echt jetzt, die „Alternative für Deutschland“, die Partei von Alice Weidel und Bernd Höcke finanzieren hier in der Sahel Zone ein Musikfestival? Nach allem, was diese Leute über farbige Flüchtlinge in Deutschland gesagt haben und sagen, investieren sie hier ihre Parteieuros, um an einem Samstagabend die Hauptstadt des Niger zu beschallen? Oder steht „AFD“ doch eher für „Agence Française de Développement“? Hm, wahrscheinlich, aber man darf sich ja noch wundern.

Momente wie diese

Zweifel habe ich oft. Ob ich die Geschichte, über die ich berichten will, auch wirklich erzählen kann, ob ich die Interviews, die Töne, die Musik bekomme, die ich für ein klangvolles Feature brauche. Manchmal geht es einfach nicht voran, manchmal sehe ich den roten Faden nicht, der sich durch die Story ziehen soll, manchmal klappt hinten und vorne einfach nichts. Bei dieser Geschichte über die Bedeutung von Musik in Konfliktgegenden und Zeiten der Krise, an der ich gerade arbeite, ist das nicht anders. Ich musste meinen Flug nach Somaliland für 700 Euro umbuchen, weil derjenige, mit dem ich vor Ort unbedingt reden musste, der mir viele Interviewpartner vor Ort vermitteln wollte, mir wenige Tage vor dem Abflug in einer Mail schrieb, ich solle doch einen Tag vorher fliegen, da er an meinem eigentlichen Anreisetag nach London fliege. Es war kein Notfall und er wusste seit Mai, dass ich an diesem Tag im September ankomme.

Vieles was sein sollte, ergab sich dann nicht und ich begann innerlich etwas zu rotieren. Wie sollte ich die Geschichte nun erzählen? Ich suchte nach anderen Interviewpartnern in Somalia. Einer, der von sich behauptet, er setze sich sehr für die somalische Kultur ein, dafür, dass die Menschen in den westlichen Nationen Somalia und Somaliland verstehen lernen, ließ mir über seinen Manager in London mitteilen, dass er nur für einen Vorabbetrag von $400 mit mir sprechen würde. Soviel zum Kulturaustausch.

Ein musikaliscer Bilderbuchmorgen in Niamey.

Die Zweifel an dieser Story waren da, auch wenn ich wunderbare Menschen treffen und mit ihnen sprechen konnte, aber diese rote Linie fehlte noch für mich. Dann ging es weiter nach Niamey. Interviews und Eindrücke, die mir die Größe, diese Übergröße dieses Themas vor Augen führen, auch, dass ich das Thema nur ankratzen werde. Musik ist eine wunderbare Sprache, komplex, tief, vielseitig und vielleicht auch unbeschreibbar.

Gestern erlebte ich diese Augenblicke, die dann ganz anders waren. Am Morgen wurde ich quer durch die Stadt zu einem Grundstück gefahren, hohe Mauern, eine gewaltige Metalltür. Dahinter ein offener Platz, ein paar Zelte, Behausungen, ein Schaf blöckte laut, ein paar Ziegen liefen herum, Kinder spielten im Sand. Vom Nebenhaus war Gehämmere zu hören. Es war schon sehr heiß an diesem Morgen, mir lief der Schweiß runter. Eine Frau winkte uns heran, breitete unter einem niedrigen Dach aus Stroh zwei Matten aus, darauf legte sie eine Decke. Moussa, mein Begleiter, und ich setzten uns auf ein paar niedrige Stühle und warteten. Nacheinander kamen drei Tuareg Musiker, die mir Fragen beantworten und ein paar Lieder spielen wollten. Ich sass schließlich da und merkte mal wieder, dass ich einen wunderbaren Job habe, der mich in andere Länder bringt, der mir neue Kulturen zeigt, der mich zu Menschen führt, denen ich Fragen stellen kann, die oftmals beantwortet werden, dass ich Eindrücke erhalte, Augenblicke erlebe, die einzigartig, die bereichernd sind. So auch dieser auf diesem offenen Gelände unter dem Strohdach. Am Schluss noch ein Liedgeschenk, ein traditionelles altes Tuareglied.

Musik, Lagerfeuer, Wetterleuchten und frisch aufgebrühter Tee.

Am späten Nachmittag brachte mich Moussa dann zu seiner Band. Junge Leute sassen in einem Hof zusammen und spielten, sangen, jammten. Unglaublich, welche Kraft Musik ausdrücken kann. Danach fuhren alle raus aus der Stadt zu einem Seitenarm des Niger, unterwegs hielten wir noch an, um Mehl, Wasser und Holz einzukaufen. Auf einer Sandbank dann wurden kleinere Lagerfeuer entfacht, eins zum Tee kochen, eins zum Brot backen, eins für eine Fleischsoße. Während alles zubereitet wurde, griffen zwei zu Gitarren und begannen zu spielen, einer nutzte eine Kalebasse als Percussioninstrument, es wurde gesungen, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Am Himmel braute sich ein Unwetter zusammen, ein gewaltiges Wetterleuchten erhellte die sich auftürmenden Wolken, doch es blieb trocken, der aufkommende Wind war angenehm bei dieser drückenden Hitze. Ich legte mich zurück und ließ die Musik einfach wirken. Irgendwo im Niger lag da ein zufrieden lächelnder Berufszweifler, der in diesem Moment erkannte „life’s good“.

 

Der Niger tönt

Ich bin in Niamey, der Hauptstadt des Niger. Es ist heiß, ich weiss gar nicht, wie ich immer noch Flüssigkeit in mir haben kann, denn hier ist Dauerschwitzen angesagt. Selbst am Abend kühlt es nicht viel ab. Gestern sass ich nach meiner Ankunft noch in einer Bar, direkt am Niger und ölte nur so vor mich hin bei einem kühlen Bier aus Burkina Faso.

Heute morgen dann im Garten von Sakina, der quasi Managerin von Studio Shap Shap. Dort, unter einem Pavillon aus Holz und Stroh, stand heute eine Bandprobe an. Eine entspannte Atmosphäre mitten im Grünen. Eine Ente watschelte durchs Bild, eine Henne grub sich ein Loch und legt sich hinein, der Straßenlärm versank in der Ferne. Und dann begann die Band zu spielen. Traditionelle Instrumente aus dem Niger, ein E-Bass, ein unglaublicher Percussionist, der seine Kalabassen mit Händen und Füßen bearbeitet, Sound Einspielungen vom Laptop und ein Synthesizer. Das alles geht im Klang von Studio Shap Shap auf, ein offenes Bild, zwischen Tradition und Moderne entsteht.

Die Band ist untypisch für den Niger, auch wenn bekannte musikalische Anspielungen einfließen. Doch das ist ganz bewusst so gehalten, es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen im Niger. Dazu noch die der Expats. Und das ergibt diese unglaubliche Mischung zwischen Verweilen und vom Rhythmus mitgerissen zu werden. Und das ganze hier in Niamey live zu erleben, in diesem Garten, in dieser Hitze, öffnet die Musik noch einmal ganz neu für mich. Direkt vor mir wird der Sound zu einem spürbaren Erlebnis.

Am Nachmittag ein Besuch im „Centre de Formation et de Promotion Musicales“, ein Interview mit dem Direktor der Institution. Er erzählt über den Vielvölkerstaat Niger und die Bedeutung der Musik in dieser Gesellschaft, die Rolle der Musiker in der Übergangszeit von der einstigen französischen Kolonie zur Unabhängigkeit. Ein spannendes Gespräch, in dem ich meinem Thema wieder ein Stückchen näher komme. Morgen stehen dann eine weitere Bandprobe und etliche Interviews an. Ich hoffe, ich zerfliesse hier nicht.

Goodbye Somaliland

Eine Woche Recherche in Somaliland neigen sich dem Ende zu. Es ging um die Musik, um die Kultur in dieser Region am Horn von Afrika. Eigentlich dachte ich, ich müsste für dieses Thema auch nach Mogadischu reisen, denn die Hauptstadt Somalias galt gerade in den 1970er Jahren als ein Zentrum der Musik. Hier kamen Einflüsse aus Afrika, der arabischen Welt, aus Europa, Indien und China zusammen und vermischten sich mit dem, was die somalische Musik seit Jahrhunderten ausmacht.

Laufen ist nicht einfach in Hargeisa, Bürgersteige gibt es kaum. Und wenn da ein Weißer durch die Gegend läuft, ist das mehr als auffalend.

Es ging nicht nach Mogadischu, auch wenn es eine dieser Städte ist, in die ich gerne reisen würde. Doch jeder, mit dem ich sprach, riet man davon ab. Es sei zu gefährlich, vor allem für einen „Westener“ und außerdem sei das, was ich finde wollte, in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands zu finden. Einiges fand ich, anderes nicht. Musik ist wichtig in der somalischen Kultur, aber eben auch nicht so wichtig, dass man dafür zahlt. Aber vielleicht ist das auch nur ein westliches Denken. Die Wertschätzung ist da, unbezweifelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Somaliland bin. Doch diesmal erlebte ich vieles ganz neu. Bekam Einblicke in das Leben, auch das Privatleben der Menschen hier. Immer wieder stieß ich auf freundliche Menschen, die das Gespräch suchten, die Fragen hatten, oftmals meine Antworten aber nicht verstanden. Sprache kann eine ziemliche Barriere sein. Mit viel Lachen wurde das allerdings übergangen.

Wenn man in solche Länder reist, die nicht zu den typischen Reisezielen gehören, dann ist es oftmals sehr schwer, das zu beschreiben, was man sieht, erfährt, riecht, schmeckt, erlebt. Es sind tiefe Eindrücke von Menschen und Situationen, Lebensumständen und Gegebenheiten. Von Hoffnung genauso wie vom Schicksal. Hier wird vieles im Vorfeld oder auch nachdem es schon passiert ist mit „Inschallah“ erklärt, so Gott will. Die Verantwortung wird abgegeben, man fügt sich in das, was war, ist und sein wird. Das kann charmant sein, das kann aber auch verstörend wirken, wenn es um Lebensveränderungen geht, die man selbst in der Hand hat.

An den Müll, der überall herumliegt, werde ich mich auch nie gewöhnen können.

Ich stoße hier in Somaliland oftmals an meine Grenzen. Wie das verarbeiten, was ich sehe und erlebe, wie darüber schreiben, berichten, es erzählen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, es nie ganz zu schaffen, das alles in Worte auszudrücken. Man hilft sich hier, doch dann sind da die Cousins, Onkel, die sehr weitgefasste Familie, zu der man gehört. Ein Sicherheitsnetz, doch auch eine deutliche Abschottung. Das zu durchdringen und zu verstehen ist nicht gerade eine leichte Herausforderung. Hier der Reichtum so einiger, da die bittere Armut anderer. Und dann sind da die Tiere. Wie mit Hunden, Katzen und Eseln umgegangen wird, das ist – zumindest für mich – sehr nahegehend, macht mich betroffen, berührt mich sehr tief. Ich habe hier schon Leute lautstark angesprochen, die mit Steinen auf Hunde und Katzen schmissen und bekam nur ungläubige Blicke als Antwort. Was will der schwitzende Weiße denn von uns? Ich musste mitansehen, wie Esel vollbepackt mit einem unglaublichen Gewicht mit harten und brutalen Schlägen zum schneller Laufen angetrieben wurden. Solche Erfahrungen treffen mich in all der menschlichen Not und dem Elend, die ich hier auch sehen muss.

Heute geht es weiter nach Niamey. Ein anderes Land, eine andere Kultur, eine andere Musik. Ich bin gespannt, doch ich weiß, auch dort warten viele Bilder und Eindrücke, die ich nicht so leicht erklären kann, für die es Zeit braucht….vielleicht daheim in Oakland bei einem Spaziergang mit meinem Hund unter den Redwoods.

Es geht nach Agabar

Über zwei Stunden sind es mit dem Auto von Hargeisa nach Agabar. In zwei Stunden könnte man auch von Nürnberg nach Frankfurt fahren, doch hier sind es nur 52 Kilometer, die man hinter sich bringt. Die Straße ist eine Sandpiste, nach dem Regen der vergangenen Nacht auch stellenweise noch matschig und ausgewaschen. Man rumpelt sich voran.

Agabar ist eine kleine Gemeinde in einem weitläufigen Tal. Eine Hauptstraße führt vorbei an einem geschlossenen Hotel, dem Gemeindezentrum mit dem Büro des Bürgermeisters hin zum Dorfkern. Dort ist ein kleines Restaurant, draußen wird gekocht, es riecht gut. Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensoße. Nur einen Steinwurf davon entfernt ein selbstgebauter Ofen, in dem Brot gebacken wird. Die Öffnung ist eine Autofelge. Unweit davon eine Schule, daneben ein Fußballplatz, auf dem eine laute Gruppe von Jungs hinter einem Ball herläuft. Sie beachten gar nicht den Weißen, der da an ihnen vorbei- und auf einen nahegelegenen Hügel zuläuft.

Prosopis ist eine Umweltgefahr für Somaliland.

Es ist heiß in Agabar, die Sonne ist hier intensiv. Überall kann man Prosopis entdecken, eine Pflanze, die in den 60er Jahren hierher gebracht wurde, um die Wüstenbildung zu verhindern, doch die nun eines der großen Probleme Somalilands geworden ist. Denn Prosopis unterdrückt durch seine langen Wurzeln das Wachstum anderer Pflanzen und wird von den grasenden Tieren nicht angerührt. Somit verödet das Land und ist in weiten Teilen nicht mehr für die Land- und Viehwirtschaft zu nutzen. Doch es gibt Möglichkeiten, diese Katastrophe für die Region in eine Erfolgsgeschichte umzuwenden, denn Prosopis zerhäckselt und zermahlen ist guter Dünger und nahrhaftes Viehfutter. Dazu kommt, dass Prosopis, in Europa, Nord- und Südamerika als Mesquite bekannt, ideal durch seine Rauchbildung zum BBQ geeignet ist. In den USA gilt es als „Premium Wood“ und wird teuer verkauft. Und genau hier liegt eine Möglichkeit, lokale Gemeinden zu unterstützen, ihnen Zugang zu regionalen und internationalen Märkten zu verschaffen. Prosopis der Alptraum könnte eine „money machine“ werden, zumindest eine, die vor Ort hilft und Bauern und Viehzüchtern ihr Land zurückgibt.

Die Menschen, die ich in dieser abgelegenen Region treffe sind äußerst nett und zuvorkommend. Sprechen können wir kaum miteinander und doch kommunizieren wir mit Händen, Mimik, ein paar Brocken Englisch und viel Lachen. Kaum sitze ich da, bringt mir jemand einen Mangosaft, dann eine grüne, doch gereifte Orange, später werde ich zum Essen eingeladen, bevor es auf der Huckelpiste zurück nach Hargeisa geht. Somaliland ist ein schönes, ein beeindruckendes Land, das entdeckt werden will.

Auf der Suche nach dem Buch

Dieses Reisestipendium, das ich erhalten habe heißt „Grenzgänger„. Dort heißt es: „Das Programm Grenzgänger fördert internationale Rechercheaufenthalte von Autoren, Filmemachern und Fotografen, die relevante gesellschaftliche Themen und Entwicklungen aufgreifen und sich differenziert mit anderen Ländern und Kulturen auseinandersetzen wollen.“ Organisiert wird es vom Literarischen Colloquium Berlin und finanziert von der Robert Bosch Stiftung.

Kein Schild am Eingang deutet auf die Nationalbibliothek Somalilands hin.

In meiner Bewerbung erklärte ich, dass Musik eine wichtige Sprache gerade in Zeiten der Krise und in Konftliktregionen war und ist. Lieder in der somalischen Musik entstehen meist auf Grundlage eines Gedichts. Um die Worte wird die Musik gelegt. Das schien die Jury überzeugt zu haben. Nun bin ich also schon ein paar Tage in Somaliland, am Sonntag geht es weiter in den Niger. Somalia, so wurde mir mehrfach erklärt, ist eine „oral culture“, das gesprochene Wort ist hier wichtig, nicht so viel wurde niedergeschrieben. Lieder, Geschichten, Gedichte und Erzählungen wurden in der Vergangenheit vor allem mündlich weitergegeben.

Als ich erfuhr, dass es eine „National Library“ in Hargeisa gibt, die 2016 eröffnet wurde, wollte ich unbedingt dahin. Doch keiner wusste so richtig, wo sie ist. Nur grob, sie liege an der Hauptstraße 1, hieß es. Nach mehrmaligem um den Block fahren, stieg ich schließlich aus und machte mich zu Fuss in der brütenden Hitze auf die Suche. Nichts war da zu finden, wo sie sein sollte. Auf meine Fragen, wo denn die Bibliothek sei, wurde entweder der Kopf geschüttelt „sorry“ oder in eine Richtung gezeigt, aus der ich gekommen war.

Im Lesesaal der Nationalbibliothek Somalilands.

Und dann traf ich Ahmed, der mich hinführen wollte. Auf dem Weg dahin fragte er nach Angela Merkel und dem Brexit, wer deutscher Fußballmeister werden wird und wie ich denn Hargeisa so fände. Wir sprachen auf Englisch, Ahmed war interessiert, wollte sich schließlich noch per facebook mit mir verbinden. Von der Haupstraße gingen wir in eine buckelige Nebenstraße, entlang einer Mauer. Dann noch rechts und wir standen vor einem Eisentor. Kein Schild deutete daraufhin, dass das hier die nationale Bücherei sein soll. Mitten auf dem Areal stand ein nicht gerade ansehnliches Gebäude. Innen dann reihenweise Regale, auf denen vor allem englischsprachige Bücher zu finden waren. Doch es gab auch eine Sammlung mit somalischer Literatur, ein paar Kinderbücher, Erzählungen, vor allem in somalischer Sprache. Nur wenig ist davon übersetzt, doch das, was es gibt, zeigt Autoren, Dichter und Denker, die ganz bewusst, kritisch und mit Stolz auf ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Leben blicken. Ich kramte durch das Regal und fand ein paar Übersetzungen.

Und diese Bibliothek ist nicht die einzige in Hargeisa. Auf einem viel kleineren Niveau kann man auch im Kulturzentrum von Hargeisa Bücher finden. Auf zwei Stockwerken ist Literatur aufgereiht, auch hier sind somalische Werke zu finden. Und dann ist da auch noch die Bibliothek auf dem Uni-Gelände, etwas durcheinander sind hier Bücher auf den Regalen gestapelt, man braucht Zeit, um sich durch zu suchen. Auch hier ist der Großteil der Literatur englischsprachig. Das ist erstaunlich, denn nur wenige Somaliländer, die man trifft, sprechen Englisch. Aber Hunger nach Wissen ist groß.

Ein besonderer musikalischer Abend

Es ist wie ein Pflichtbesuch, wenn man nach Hargeisa kommt. Erst recht, wenn man über die somalische Musik berichten will: Hiddo Dhowr. Ein Restaurant und ein Kulturort, an dem somalische Tänze, Musik, Kunst und Kultur gefeiert werden. Vor einigen Jahren eröffnete die Musikerin Sahra Halgan diese Themenrestaurant, um so, nach vielen Jahren im französischen Exil, einen, ja, ihren Teil zum Aufbau Somalilands beizusteuern.

Sahra Halgan beeindruckt mit ihren Songs.

Gestern Abend war der Saal gut gefüllt. Verschiedene Sängerinnen und Sänger präsentierten somalische Songs, begleitet von zwei Ouds und einem Schlagzeug. Immer mal wieder gab es tranditionelle Tanzeinlagen. Auch Sahra Halgan selbst stand auf der Bühne und begeisterte durch ihren Gesang die Besucher. Die waren größtenteils jung, meist unter 30 und gehörten zweifellos der Elite Hargeisas an. Die Frauen in feinsten, edlen und sichtbar teuren Stoffen, Kleidern und Kopftüchern gekleidet. Sowieso war hier alles etwas anders, als Tagsüber auf den Straßen Hargeisas. Kopftücher und Schals, die durchsichtig waren, Haut und Haare erkennen ließen. Auch rutschte hin und wieder mal ein Kopftuch runter, das dann mit etwas Verzögerung wieder langsam hochgezogen wurde. Somaliländische Frauen spielen durchaus mit ihren Reizen, was von den zahlreichen jungen Männern registriert wurde. Man spürte deutlich, dass das hier ein ungewöhnlicher Ort in diesem ungewöhnlichen Land ist. Auf der eine Seite das Feiern der somalischen Kultur. Auf der anderen Seite ein paar Stunden weniger restriktive Gesellschaftsordnung.

Und genau das stört die religiösen Führer in Somaliland, die diesen Kulturtempel als Dorn im Auge sehen. Musik, gemeinsamen Singen, Freizügigkeit, und sei es nur das Zeigen von Frauenhaar, sei gegen den Islam, heißt es. Hier sieht man das anders. Sahra Halgan kämpft für die somalische Kultur, Musik sei eine wichtige Sprache in der somalischen Kultur. Schon immer gewesen, wie sie im Interview betont. Hiddo Dhowr ist beliebt, ein entspannter Ort, an dem der eine Weiße am Abend kaum wahrgenommen wird, immer mal wieder gibt es sogar ein Lächeln für mich. Vielmehr singt und klatscht man mit, als auf der Bühne gesungen wird. Und dann kommt das Highlight des Abends, ein Moderator läuft mit einem Mikrofon durch die Publikumsreihen, fordert den und die zum Vorsingen auf. Es wird gelacht, geklatscht, einige singen mit leiser, leicht verschämter Stimme, andere werden zu einer Zugabe aufgefordert. Es ist ein feiner, kultureller Freiraum, in dieser vom Islam bestimmten Welt, der hier entstanden ist und gefeiert wird. Die Kraft der Musik ist an diesem Abend deutlich zu spüren.

Die Zukunft heißt Bildung

Die Förderklasse in der Schule.

Dienstagmorgen kurz nach 9 Uhr. Zwischen einer Tankstelle und einigen Verkaufsständen geht eine staubige Straße links ab. Nach etwa 30 Metern eine hohe Mauer und ein Stahltor. Dahinter liegt ein riesiger Platz umrahmt von etlichen Klassenzimmern. Hier werden 1383 Schulkinder von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtet. Die Schule platzt aus allen Nähten, unterrichtet wird in zwei Schichten. Alles andere als ideale Bedingungen.

Gegenüber des kleinen Büros der Direktorin, das auch das Lehrerzimmer für 42 Lehrkräfte ist, werden zwei neue Schulräume gebaut. Links davon ein weiterer Raum für Mädchen mit dahinter liegenden Toiletten und einem Waschbereich. Die Hilfsorganisation CARE ist hier mit deutschen Entwicklungshilfegeldern aktiv. Damit soll etwas Abhilfe geschaffen werden, doch es fehlt an allen Ecken und Enden. In den Klassenzimmern sitzen die Kinder zu dritt, manchmal zu viert auf einer Schulbank. Unterrichtet wird in einem Zimmer Geschichte, im anderen Englisch, im dritten Mathematik. Die ganz Kleinen lernen fleißig ihr ABC und schauen den etwas anders aussehenden Besucher mit großen Augen an. Und es gibt auch eine Förderklasse für Kinder mit Lerndefiziten an dieser Schule.

Gleich an mehreren Schulen in der Haupstadt Hargeisa werden solche Baumaßnahmen von CARE durchgeführt. In den Städten wird die Schulpflicht umgesetzt, die Fehlrate oder Schulabbrecherquote liegt bei 5-10 Prozent. Das ist wenig im Vergleich zum ländlichen Raum in Somaliland. Dort geht rund die Hälfte der Kinder nicht zur Schule, sie müssen ihren Familien auf den Feldern oder bei der Viehhütung helfen. Das sei ein großes Problem, wird mir gesagt. Was in diesen „rural areas“ benötigt werde, seien „Flexi Classes“, flexible Schulangebote für Kinder, die eben in ihrer Familie schon früh mitarbeiten müssten. Auch in den Städten würden sich solche Nachmittags- und Abendklassen anbieten, doch dafür fehlt das Geld und der Raum.

In Hargeisa gibt es neben den öffentlichen Schulen auch private Schulen, doch die können sich nur die Reichen leisten. Für die meisten der Kinder auf den „public schools“ ist nach der achten Klasse Schluss. Eine fortführende Schulbildung oder gar ein Studium kann sich hier kaum jemand leisten, denn dafür muss gezahlt werden. Die Nachfrage nach Stipendien ist daher groß und könnte hier mit wenigen finanziellen Mitteln zahlreiche Kinder fördern.

Kinder sind Kinder überall.

Der Staat selbst kann das nicht leisten. Somaliland geht seit 1991 seinen eigenen Weg. Und das ohne internationale Anerkennung. Warum, werde ich hier immer wieder gefragt, wird Somaliland nicht anerkannt? Das Land sei friedlich, es gebe demokratische Wahlen, man sehe sich nicht als Teil Somalias. Diese Frage stellte ich dem Auswärtigen Amt in Berlin. Schriftlich wurde mir erklärt, dass das nicht passieren wird, denn man wolle keine „Balkanisierung“ des Horn von Afrikas. Wenn ich diese offizielle Antwort gebe, schüttelt man hier nur den Kopf. Verstehen kann das niemand.

In der Grundschule wird an diesem Morgen mit einem Metallschlagen das Ende der Pause eingeläutet. Nach einem kurzen Fussballkick, Fangen, im Sand spielen, Unterhaltungen, viel Lachen geht es wieder zurück in die kleinen Klassenräume, ganz so, wie es Schulkinder auch in Nürnberg oder Oakland tun. Nur hier scheinen die Kinder wissenshungriger zu sein, irgendwie kommt es mir sogar so vor, als ob sie wissen, dass Bildung ihre – vielleicht einzige – Chance ist. Doch die Aussichten nach der Schule Erfolg zu haben, sich weiter bilden zu können sind mehr als schwierig. Mit wenig könnte man hier viel erreichen. Das habe ich auf diesen Reisen immer wieder sehen und erfahren können. Es braucht nicht viel, es braucht vielleicht nur den Willen helfen zu wollen.