Zum letzten Mal…

Am 20. Februar 2008 schrieb ich den ersten Beitrag in diesem Blog „If‘ you’re going to San Francisco – Arndt Peltner berichtet aus den USA“. Die Überschrift lautete „Obama Osama“ und es ging um den Wahlkampf 2008: „Ach wie peinlich…und schon wieder musste sich der Fernsehsender MSNBC öffentlich entschuldigen. In der Sendung „Hardball“ mit Moderator Chris Matthews wurde ein Bild von Osama bin Laden eingespielt, als Matthews über Barack Obama sprach.“ Das war damals ein Skandal!

Das liegt nun zwölfeinhalb Jahre und 3039 Beiträge zurück. Dieser hier ist der 3040te und wohl der letzte Blogbeitrag an dieser Stelle. Es ist Schicht im Schacht. Die redaktionellen Umstrukturierungen und Einsparungen im Pressehaus Nürnberg haben auch zu der Entscheidung geführt, dass die Blogs eingestellt werden. Was nun kommt ist noch nicht klar, aber ich soll wohl auf der nordbayern.de Webseite eine Möglichkeit für Berichte aus den USA erhalten. Genaueres weiß ich auch noch nicht.

Dieser Blog ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen. Ich habe nicht nur von der Politik, der Kultur, den Eigenheiten aus den USA berichtet, wo ich seit 1996 lebe, sondern auch von meinen Reisen nach Mexiko, Afghanistan und Ruanda, aus dem Kongo, Uganda, Burundi, Tschad, Niger, Somaliland, Puntland und Sudan. Es wurde ein Reiseblog der etwas anderen Art, in dem ich von Situationen, Begebenheiten, Menschen und Erfahrungen „on the road“ berichtete. Mal versuchte ich die Sprachlosigkeit auszudrücken, als ich an Orten des Massenmordes in Ruanda stand. Mal berichtete ich vom Leben in der gefährlichsten Stadt der Welt, Ciuadad Juarez. Mal vom Besuch bei einem Rebellenpräsidenten im Osten des Kongos, als vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer standen und wir im Haus vor dem Interview ersteinmal beteten und zu Mittag aßen. Ich hatte die Möglichkeit in diesem Blog über meine Reisen mit der Hilfsorganisation CARE zu schreiben, die ich in Länder begleiten durfte, in die ich sonst nie gekommen wäre. Im Süden des Tschads sass ich in einer kleinen Hütte einer Frau gegenüber, die auf der Flucht aus der Zentralafrikanischen Republik alles verloren hatte, auch ihre Kinder. Die von Gewalt und Vergewaltigung sprach, auf der Flucht und im Lager. Im südlichen Niger wurde mir ein Haus in einem kleinen Dorf angeboten. In Somaliland hatte ein lokaler Journalist wohl mein NZ Blog falsch übersetzt, fortan sollte ich aus Gründen der Sicherheit zeitversetzt bloggen. Interessanterweise hatte der Reporter kein Bild von mir im Internet gefunden und setzte stattdessen eines einer „Anne Peltner“ in seinen Artikel. Auch das sind unvergessene Erlebnisse.

Dann war da diese Geschichte über die weibliche Genitalverstümmelung in Somaliland. Dabei kam ich an meine journalistischen und auch persönlichen Grenzen, denn nichts, aber auch rein gar nichts rechtfertigt diese grundlose Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Ich sass da einer älteren Frau gegenüber, die erzählte, wie sie die Klitoris und die Schamlippen von kleinen Mädchen abschneidet und die Wunde anschließend mit Dornen schließt, während ihre Mutter und ihre Großmutter sie festhalten. Sprachlosigkeit!

Krieg, Hunger, Dürre, Elend, Armut, Gewalt, Tod, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit. All das habe ich zu Genüge auf diesen Reisen erlebt und auch an dieser Stelle hier darüber berichtet. Aber ich fand auch immer wieder faszinierende Geschichten vor Ort. Fussball in Puntland, Hip Hop in Ruanda, mutige Frauen im Sudan, Rückkehrer in Somaliland, die an ihr Land glauben und sich engagieren, wunderbare Musik im Niger.

In einem Flüchtlingslager im somalischen Puntland. Auch darüber schrieb ich im Blog.

Und immer waren da Menschen, mit denen man lachen konnte, die einen aufnahmen, mit denen man Geschichten teilte, die neugierig fragten, die bereitwillig antworteten, mit denen man sich hinsetzte und Tee trank. Das klingt banal, aber für mich wichtig, denn es ging mir nie nur darum, über ein Thema zu berichten. Und da hatte ich hier in diesem Blog die Möglichkeit den erweiterten Blick schweifen zu lassen, denn oftmals waren diese „anderen“ Geschichten in Redaktionen nicht gefragt. Ich erinnere mich noch an die Antwort eines Chefredakteurs eines Radiosenders, der mir nach meiner Rückkehr aus dem Tschad sagte, ja, die Flüchltingskrise im Süden des Landes sei sicherlich ein Thema, aber derzeit sei bei ihnen Afrika nur Ebola. Mehr Platz habe man nicht. Da kamen für mich immer diese Seiten zum Zuge, die mir ermöglichten das niederzuschreiben, was ich erlebt, gesehen, erfahren und auch gespürt habe.

Diese Reiseberichte waren für mich auch eine Abwechslung von meiner Arbeit hier in den USA. Gerade in den letzten Jahren mit Präsident Donald Trump war die US Berichterstattung eine große Herausforderung. Themen, die gab es genug, auch das Interesse daran. Doch selbst ich, der hier schon lange lebt, vergleichen und einordnen kann, der auch Amerikaner geworden ist, selbst für mich wurde es immer schwerer das zu erklären, was hier derzeit passiert.

Ich habe die Leserinnen und Leser dieser Zeilen mit ins Staatsgefängnis von San Quentin genommen, sie begleiteten mich auf meinen Fahrten quer durchs Land, ich habe ausgefallene Musik vorgestellt, versuchte stets den Alltag in einem Land zu beschreiben, das ähnlich, doch auch wieder ganz anders ist. Und das eben aus meiner Perspektive, von einem, der aus Nürnberg in die San Francisco Bay Area zog, drei Jahre bleiben wollte, dann länger blieb, sesshaft wurde und schließlich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Die Sichtweise eines Journalisten, der irgendwie dazwischen hängt, nicht richtig weg und auch nicht richtig angekommen ist. An dieser Stelle Danke an alle, die über die Jahre mitgelesen haben, mir schrieben, mir Rückmeldungen gaben, mir das Gefühl vermittelten, dass das, was ich hier in diesem Blog mache, irgendeine Bedeutung hat. Danke! Von daher, auf bald an anderer Stelle.

Eine Stimme der Hoffnung

Emel Mathlouthi lebt in New York. Ich erreiche sie telefonisch in Paris. Sie ist für ein paar Konzerte in Europa, Kopenhagen, Stockholm, Barcelona. Die in Tunesien geborene und aufgewachsene Emel legt nun mit „The Tunis Diaries“ ein ganz besonderes Album vor. Es ist ein Doppelalbum, das ersteinmal nur als Download erscheinen wird.

Sie selbst bezeichnet die beiden Seiten als Tag und Nacht. Der Tag sind ihre eigenen Lieder, die sie neu und „unplugged“ einspielte. Auf die Idee für dieses Album kam sie, als sie nach einem Konzert in Jena Anfang März kurz ihre Familie in Tunis besuchen wollte. Aus ein paar Tagen wurden Monate. Emel war gestrandet, nichts ging mehr. Sie nahm es anfangs gelassen, half ihrem Vater, räumte auf, spielte mit ihrer Tochter und mistete alte Kartons mit Tapes und Schulbüchern aus. Doch dann kam der Punkt, wo sie merkte, die Musik ruft. Sie begann zum ersten Mal vor der Kamera zu spielen und zu singen, alles wurde im Internet gestreamt. „Ich nahm mich auch selbst auf, um zu sehen, was ich falsch mache. Aber mir gefielen einige der Songs richtig gut und ich dachte, ich habe noch nie Lieder akustisch eingespielt und aufgenommen, alles war bislang produziert und arrangiert. Ich dachte mir, das ist vielleicht gute Möglichkeit, produktiv zu bleiben, aber auch mich zum ersten Mal ganz allein aufzunehmen, wie es eben kommt.“

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Die Sängerin und Musikerin, die 2006 von Tunis nach Paris zog, nachdem die tunesische Regierung ihre Lieder im Radio und Fernsehen verboten hatte, genoss die Zeit in ihrer Heimat. Sie ist eine bedeutende Stimme in Tunesien, die immer wieder zurückkam und sich mit ihren Liedern in den arabischen Frühling in Tunesien einmischte. Ihre Lieder wurden zu Hymnen. Im März 2011 sang sie während der Proteste im Herzen von Tunis “Kelmti Horra”, My Word is free. Und dann nahm sie den Joan Baez Song „Here’s to you“ auf Arabisch auf und widmete ihn Mohamed Bouazizi, dem Straßenhänder, der sich nach der willkürlichen Beschlagnahmung seiner Waren im Dezember 2010 in Brand setzte und so die breiten Proteste in Tunesien lostrat, die zum „Arabischen Frühling“ in der Region führten. Musik als Zeichen der Hoffnung.

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Emel ist eine wichtige Stimme zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen. Sie singt auf Arabisch, auf Französisch, auf Englisch und auf der neuen Platte auch auf Deutsch, ein Lied von Rammstein (Frühling in Paris). Nicht nur, dass sie ihre eigenen Songs auf „The Tunis Diaries“ neu betrachtete und aufnahm, sie hörte sich durch alte Platten und kam auf die „Nacht“ Idee, den zweiten Teil dieses Albums: „Ich habe bewußt mal die Songs rausgesucht, die für mich wichtig waren, die mich als Sängerin und Musikerin beeinflusst haben. Für mich war diese Covid-Zeit genau das, ein Wiedersehen mit all den wichtigen Gefühlen und menschlichen Emotionen. Ich wollte dabei kreativ bleiben, aber auch den Grund der Songs finden. Nach drei veröffentlichten Alben, war ich da, wo ich nicht wusste, was mit der Welt passiert. Ich glaube, ich habe da für mich eine sehr gesunde Plattform gefunden.“ Sie nahm neben dem Rammstein Song auch Lieder von David Bowie, Nirvana, Placebo, Leonard Cohen, Jeff Buckley, The Cranberries, System of a Down und Black Sabbath auf. Gerade „Sabbath Bloody Sabbath“ ist ein unglaublicher Hörgenuss.

Es ist ein bewegendes und sehr nahegehendes Album. Emel schafft es aus diesen bekannten Songs etwas ganz neues zu machen. Ihre Art der Herangehensweise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erinnerte mich an Johnny Cash und seine „American Recordings“. „Stripped down versions“, die ganz neue Seiten eines Liedes offebaren. „The Tunis Diaries“ ist ein mehr als hörenswertes Ergebnis einer gestrandeten Musikerin. Es zeigt vielmehr eine bedeutende, kraftvolle Stimme, die in diesen verrückten Zeiten Hoffnung gibt.

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Maulkorb für die Nation

Gerade passiert hier etwas in den USA, was keiner richtig wahrnimmt. Die amerikanischen Medien berichten nicht darüber. Kein Wunder, es ist Wahlkampf, Ruth Bader Ginsburg ist verstorben, das Corona Virus bestimmt vieles im Land, die Feuer und andere Naturkatastrophen lassen Menschen ums nackte Überleben kämpfen. Doch man sollte genauer hinsehen, was Donald Trump da am 22. September angeordnet und unterschrieben hat. Denn hier wird Geschichte neu geschrieben.

Wer meine Beiträge hier regelmäßig mitliest oder auch mal eines meiner Features gehört hat, wie kürzlich „Bittere Pillen„, eine Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Bettina Rühl in Nairobi, der weiß, dass die „Mexico City Policy“ oder auch „Global Gag Rule“ genannt ein immer wiederkehrendes Thema in meiner Berichterstattung ist. Dabei geht es um eine Verschärfung einer Richtlinie in der amerikanischen Außenpolitik, die nach dem Schulterschluss von Donald Trump mit der Christlichen Rechte in den USA umgesetzt wurde. Keine amerikanischen Gelder dürfen seit Amtsantritt Donald Trumps für Beratung, Vermittlung und Durchführung von Abtreibungen eingesetzt werden. Doch nicht nur das, selbst wenn eine Klinik für diese Art der Familienplanung aus den, beispielsweise, Niederlanden Geld bekommt, werden ihr für andere Projekte, wie Malaria oder AIDS Bekämpfung US Gelder gestrichen. Die würden erst wieder freigegeben werden, wenn die Klinik sich verpflichtet ganz auf Beratung und/oder Durchführung von Abtreibung als Familienplanung abzulassen. Das hat Folgen für das gesamte Gesundheitswesen in Entwicklungsländern und greift darüberhinaus in die Entwicklungsziele anderen Nationen ein.

Diesen Hintergrund muss man kennen, um die Dimension zu erfassen, die Trump und seine Geschichtsverfälscher aus dem rechten „White Supremacy“ Lager mit dieser neuen Anordnung nun im eigenen Land durchsetzen wollen. „Executive Order on Combating Race and Sex Stereotyping“ ist ein Angriff auf die aktuelle und überfällige Debatte in den USA um den systemischen Rassismus. Damit wollen Trump und seine MAGA-Freunde verhindern, dass die USA als ein Land dargestellt werden, in dem der Rassismus und Sexismus tief verwurzelt sind. Jeder und jede, die mit öffentlichen Geldern unterstützt und gefördert werden, dürfen in Zukunft, so diese präsidiale Anordnung, nicht mehr darüber sprechen, dass die Vereinigten Staaten eine problematische Geschichte haben, die nie richtig aufgearbeitet wurde.

Das ist ein Schlag ins Gesicht, für all jene, die den tief verankerten und verwurzelten Rassismus in den USA als eine „public health“ Krise sehen. Man denke nur daran, dass in dieser Corona Pandemie vor allem die „black and brown Communities“ im Land betroffen sind. Hier in East-Oakland, einem afro-amerikanischen Stadtteil, der aufgrund des gechichtlichen „Red Lining“, einer virtuellen Stacheldrahtziehung entstanden ist, liegt die Covid-19 Infektionsrate bei nahezu 12 Prozent. Im Vergleich dazu die nur vier Prozent im gesamten Bezirk Alameda, in dem Oakland liegt. Der Grund für die hohen Zahlen in East-Oakland liegt eben auch darin, dass über Jahrzehnte dieser Stadtteil aufgrund einer gezielten Ausgrenzung von Schwarzen und Latinos aus den weißen Nachbarschaften benachteiligt wurde. Doch dieser Grund, so Trump in seinem Erlass, dürfe fortan nicht mehr von jenen Organisationen angesprochen werden, die vor Ort arbeiten und eben dafür auch finanzielle Unterstützung aus Washington erhalten.

Donald Trump verhängt einen geschichtlichen Maulkorb. Das Ziel ist, die USA nur noch als größte Nation in der Welt darzustellen, in dem jeder seinen „American Dream“ leben und erleben kann, egal welche Hautfarbe man hat, welches Geschlecht oder sexueller Orientierung man auch angehört. Das ist eine Weißwaschung Amerikas. Wer Kritik an diesem Geschichtsbild äußert, wer darauf nur hinweist, dass Afro-Amerikaner eben nicht dieselben Chancen in diesem Land haben, bekommt fortan keine Förderung mehr. Falls Donald Trump also am 3. November wiedergewählt werden sollte und dieser Erlass auf breiter Flur durchgesetzt wird, wird die Geschichte der USA ganz neu geschrieben. Dann fehlt nur noch, dass auch die Geschichtsbücher in den Schulen geschwärzt oder geschönt werden und am Ende der großartige Führer dieser Nation von jedem verpflichtend gepriesen werden muss. Die Vereinigten Staaten sind auf einem sehr gefährlichen Kurs!

Es geht nicht um Qualität

Richard Grenell wurde Botschafter in Berlin, nicht weil er ein guter Diplomat, ein Kenner Deutschlands oder Europas, ein Verteidiger der transatlantischen Partnerschaft war, sondern weil er ein 150prozentiger Unterstützer von Donald Trump ist. Blind, gehorsam, kritiklos, einfach abnickend und lauthals verteidigend, was der Boss im Oval Office vorgibt. Und genauso macht man Karriere in der Trumpschen Welt. Um Vorwissen, Einfühlungsvermögen oder gar eine Ausbildung geht es nicht.

Die Trumpistin Merritt Corrigan arbeitet nicht länger für USAID. Foto: AFP.

Merritt Corrigan ist ein anderes Beispiel. Sie wurde im Frühjahr von Trump bei der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation USAID als Verbindungsperson zum Weißen Haus eingesetzt. Kein Spur davon, dass sie eine Ahnung von Entwicklungs- oder Außenpolitik hat. Corrigan arbeitete zuvor für die republikanische Partei und auch in der amerikanischen Botschaft in Budapest. Da fiel sie auf, dass sie den ungarischen Präsidenten Victor Orban „the shining champion of Western civilization“ nannte. Schon zuvor wetterte sie gegen Feminismus, Flüchtlinge und liberale Werte. Corrigian selbst sieht sich als christliche Kämpferin, die diese Grundhaltung auch an ihren Arbeitsplatz bei USAID mitbrachte. Mit Unterstützung der fundamentalistischen Evangelikalen in den USA trat sie ihren Job an, denn die hatten mit Mike Pence eine „christian warrior“ im Weißen Haus, der fortan die Entwicklungshilfe der USA auf ihren Kurs brachte – gegen Abtreibung, gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, für christliche Familienwerte.

Doch bei USAID flog Merritt Corrigan nun nach nur wenigen Monaten raus. Immer wieder kämpfte sie gegen Projekte der Behörde an, wie sie es auch in einem Tweet darlegte: „Gay marriage isn’t marriage Men aren’t women US-funded Tunisian LGBT soap operas aren’t America First“. Und weiter „The United States is losing ground in the battle to garner influence through humanitarian aid because we now refuse to help countries who don’t celebrate sexual deviancy. Meanwhile, Russia and China are happy to step in and eat our lunch.“

Ihre Anti-LGBTQ Haltung wurde ihr nun zum Verhängnis. Seit Montag 15 Uhr ist sie nicht länger bei USAID angestellt, verkündete die Entwicklungshilfeorganisation. Doch Corrigan will sich damit nicht abfinden. Sie kündigte für Donnerstag eine Pressekonferenz an, um, wie sie sagt, die anti-christliche Politik und Vorgehensweise von USAID offenzulegen. Sie beschuldigt die Medien und Politiker der Demokraten einer Schmierenkampagne gegen sie. Sie werde sich nicht „radikalen, anti-christlichen Linken“ unterwerfen. Noch hat Donald Trump nicht auf den Rauswurf seiner Frau in der Behörde reagiert, aber das ist nur eine Frage der Zeit, denn verschiedene evangelikale Gruppen im Land fordern Konsequenzen nach dem Rauswurf ihrer Frau bei USAID.

 

Als die Perle noch glänzte

Mogadischu mit Blick Richtung Triumphbogen, ca. 1982. Foto: Duwendag.

Es gibt diese Städte, die ich gerne einmal besucht hätte, bevor sie zerstört wurden. Beirut, Kabul und eben Mogadischu. Städte, die in ihren Hochzeiten kulturelle Hochburgen waren. Gerade arbeite ich an einem Manuskript über die Bedeutung der Musik in der somalischen Kultur. Mogadischu war so eine Stadt am Indischen Ozean, in der Einflüsse von überallher zusammen kamen. Aus Indien, der arabischen Halbinsel, aus den früheren Kolonialmächten Italien und England, aus den Nachbarländern Äthiopien, Kenia, Sudan und natürlich nicht zu vergessen die musikalischen Einflüsse der Schwarzen in Amerika – Funk, Reggae, R&B.

Hier traf sich die Welt, Mogadischu wurde ein Treffpunkt der Kulturen. Zu hören ist dies auf den unglaublich kraftvollen Alben „Sweet as broken dreams“ von Ostinato Records und „Mogadisco“ von Analog Africa. Sie lassen eine Stadt erklingen, die so ganz anders ist, als das was wir heute von Mogadischu kennen, hören, sehen. Diese Alben könnten auch durchaus der Soundtrack für das neue Buch von Hans-Ulrich Duwendag sein – „Mogadischu, als die Perle noch glänzte„.

Lokomotive auf Drehscheibe am neuen Hafen in Mogadischu, November 1933. Foto: Duwendag.

Duwendag ist ein ehemaliger Diplomat des Auswärtigen Amtes. Er arbeitete Ende der 80er Jahre bis zum Sturz des Diktators Siad Barre in der deutschen Botschaft in Mogadischu, mußte dann, nur mit seinem Hemd am Körper und einer leichten Aktentasche überstürzt das Land verlassen. Und wie überall auf seinen Posten zuvor fotografierte Duwendag das Leben in seinem Einsatzort. Darüberhinaus suchte er auch dort den Kontakt mit Missionaren, die seit Jahrzehnten vor Ort lebten. Sie hatten ein „einzigartiges Archiv mit Dokumenten und Fotos aus der italienischen Kolonialzeit“ erstellt und bewahrt. Der deutsche Diplomat erhielt Zugang und durfte sogar 1989 einen Koffer voll mit Negativen für einen Heimaturlaub mit nach Deutschland nehmen, um dort Papierabzüge von den Negativen machen zu lassen. Nach der Rückkehr notierte der Archivar, Pater Venanzio, auf den Rückseiten der Fotos all das, was darauf zu sehen war. Ulrich Duwendag erwies Weitsicht, als er die nun beschrifteten Bilder der deutschen Botschafterin auf ihrer Reise nach Deutschland mitgab, wo sie anschließend gelagert und so vor der Vernichtung 1991 bewahrt wurden.  Aufgrund all dem konnte Duwendag einen historischen Fotoschatz zusammentragen und sichern, der eine faszinierende Stadt, die Perle am Indischen Ozean, vor ihrer totalen Zerstörung zeigt. All diese Bilder und seine Berichte kann man in diesem Buch, erschienen im agenda Verlag, finden.

Ich bin bislang nur mehrmals nach Somaliland und Puntland gekommen, jeder riet vor einer Reise nach Mogadischu ab. Auch für mein aktuelles Thema hieß es, in Mogadischu würde ich kaum noch was finden, vieles von dem, was ich suchte, könnte ich in Hargeisa, der Hauptstadt S0malilands entdecken. Es lohne sich nicht, die Mühen und die Gefahren eines Trips nach Mogadischu auf sich zu nehmen. Doch die Fotos von Hans-Ulrich Duwendag schüren nur erneut meine Neugier auf eine Stadt, die es so schon lange nicht mehr gibt.

Der Tanz mit den Teufeln am Horn von Afrika

Wenn man an das Horn von Afrika denkt, dann fallen einem vor allem Krieg, Chaos, Terror, Hunger und Seepiraten ein. Die Hochzeiten der Kulturmetropole Mogadischu sind lang her, lang vergessen. An eine spannende, reiche und vielseitige Musikszene in der Region denkt wohl kaum jemand. Doch die gibt es, wie das neue Album von Ostinato Records “The Dancing Devils Of Djibouti” zeigt

Neun von zehn Befragten haben noch nie etwas von Dschibuti gehört, der kleinen Republik am Horn von Afrika, zwischen Eritrea, Äthiopien und Somaliland gelegen. Das kleine Land mit noch nicht einmal einer Million Einwohnern liegt strategisch, wie es Vik Sohonie von Ostinato Records beschreibt: „Wenn wir an Dschibuti denken, dann an die Militärbasen. Daran, dass die USA von dort ihre Drohnen starten, um Somalia zu bombardieren.“

Vik Sohonie hatte zuvor mit seinem Label Ostinato Records die Platte “Sweet as broken Dreams” veröffentlicht, Musik aus der boomenden somalischen Metropole Mogadischu, bevor sie zerstört wurde. Dafür waren er und sein Mitstreiter wochenlang vor Ort, hörten sich durch Klangarchive bei Radiosendern und Kultureinrichtungen und suchten auf den Märkten der Region alte Kassetten. Und bei den Recherchen stießen sie auch auf die Musik im Nachbarland Dschibuti, am Golf von Aden gelegen, einem Knotenpunkt der Schifffahrt. „Ähnlich wie das auch in Somalia war, trafen und vermischten sich hier die verschiedenen Kulturen der Händler, denn ist so ein strategischer Punkt der Welt. Wenn man das alles zusammenfasst, dann versteht man, dass Dschibuti nicht nur heute ein Ort des globalen Interesses ist. Vielmehr ist es ein Ort, an dem sich all diese Kulturen von überallher trafen.“

Vik Sohonie und sein Label Partner reisten erneut nach Dschibuti, um dort Musik ganz neu aufzunehmen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Musikindustrie in dem kleinen Land wird seit der Unabhängigkeit 1977 staatlich kontrolliert. Und alles wurde im Studio des Nationalen Rundfunks aufgenommen. Es ging den beiden diesmal nicht darum, einfach nur Archivmaterial zu kopieren und zu veröffentlichen. Sie wollten an diesem Ort, in diesem alten Studio alte Songs ganz neu aufnehmen. Nach langem hin und her bekamen sie die Erlaubnis zehn Songs aufzuzeichnen, die nun auf dem Album “The Dancing Devils of Djibouti”, eingespielt von der Groupe RTD, zu finden sind. „Als wir die Band zum ersten Mal hörten, war das in diesem Aufnahmestudio. Hier hatte zuvor jeder gespielt, hier wurden Tausende von Songs eingespielt. Da ist diese Energie im Raum, diese historische Energie, auch wenn das Studio nicht mehr im besten Zustand ist. Aber da ist auch eine grandiose Akustik. Wenn die Band da spielt, ist es einfach atemberaubend.“

Es ist wahrlich ein musikalischer Schatz, der hier gehoben wurde. Musik zwischen Funk und Reggae, Harlem Jazz, indischem Bollywood und arabischen Einflüssen. Eine mitreißende Mischung, die bislang kaum bekannt war und nun sicherlich ein ganz neues Interesse finden wird. Und das mehr als verdient. Zehn Songs, die den musikalischen Reichtum dieser Region ausdrücken. Für Vik Sohonie drückt ein Lied das besonders aus, das übersetzt “You Are the One I Love” heißt: „Er gibt sehr gut dieses Ost-Afrika Gefühl wieder. Über diesen Song bekommt man einen Einstieg in die Musik Dschibutis. Da ist amerikanischer Funk und Jazz, ein bißchen Äthiopisch, ein bißchen Somalia, ein bißchen Indisch, ein bißchen von allem…. I think it’s the perfect stew for people to appreciate the music of Djibouti.”


Auf der Bandcamp Seite des Labels kann man schon mal in zwei Songs reinhören.

Dunkle Wolken am Horn von Afrika

Somalia ist ein Land, das seit nunmehr drei Jahrzehnten keine Ruhe findet. Der Großteil der Bevölkerung ist mit Krieg, Chaos, Konflikten, Hunger, Vertreibung und Elend aufgewachsen. Die Region ist hart vom Klimawandel betroffen und derzeit ziehen gewaltige Heuschreckenschwärme über die Länder am Horn von Afrika. Die Ernte ist in Gefahr.

Covid-19 trifft am Horn von Afrika auf eine unvorbereitete Bevölkerung.

Doch das ist noch nicht alles. Wie die Hilfsorganisation CARE berichtet, sind die Infektionszahlen von Covid-19 alarmierend. Am 5. Mai wurden 756 Fälle gemeldet, darunter 35 Tote. Es gibt nicht genügend Tests in Somalia, das zeigt diese Zahl ganz deutlich. Doch was aufhorchen läßt ist, dass 60 Prozent der Getesteten positiv sind. Das bedeutet, auf das Land und die gesamte Region rollt eine Krankheitswelle zu, die kaum noch zu kontrollieren ist. Im Vergleich, in den USA wurden rund sechs Millionen Menschen auf Covid-19 getestet, davon waren 17 Prozent positiv. Und das in einem Land, das das „beste Gesundheitssystem der Welt“ hat, so Präsident Donald Trump.

In Somalia sind weniger als 20 Prozent der Kliniken und Gesundheitszentren mit dem nötigen Equipment und Schutzmaterial für Ärzte und Pflegekräfte ausgestattet. Sauberes Wasser, Seife, Hygieneartikel sind in vielen Teilen des Landes nicht oder nur mangelhaft vorhanden. Somalia hat mit rund 2,6 Millionen inländisch vertriebenden Menschen (IDPs) ein riesiges Problem, denn viele von ihnen sind in Flüchtlingslagern oder bei Verwandten untergekommen.

Hilfsorganisationen, wie CARE, versuchen nun Materialien ins Land zu bringen, doch das ist angesichts der fehlenden Flüge und der internationalen Einschränkungen nicht ganz so einfach. Während man in Europa, in Asien und Nordamerika wieder vorsichtig zu einer Normalität zurückkehren will und kann, beginnt die Krise erst so richtig in Ländern wie Somalia. Es ist erneut eine fast vergessene Krise, weit weg, aus dem aktuellen Blickwinkel. Dazu kommt, dass viele in den USA und Europa in diesen Zeiten eine Bauchnabelschau veranstalten, was jenseits der Grenzen passiert interessiert nicht. Schon gar nicht, wenn die Grenzen weit weg sind. Man sollte daher jetzt auf die lauten Rufe von Hilfsorganisationen hören, denn sie sind noch immer im Einsatz „on the ground“. CARE ist gut vernetzt in der Region, einige der Projekte, gerade im Hygienebereich (WASH), konnte ich in der Vergangenheit besuchen.

Weitere Infos zur Arbeit von CARE in Somaliland, Somalia und anderen Ländern in Covid-19 Zeiten kann man hier finden.

Im Namen der Pressefreiheit

Heute ist „World Press Freedom Day“. Es spricht für sich, dass es diesen Tag überhaupt geben muß. Doch die Pressefreiheit ist unter Beschuß. Klar, man denkt da sofort an die eingeforderte Hofberichterstattung von Donald Trump. Er tut kritischen Journalismus als „Fake News“ ab und untergräbt damit die Arbeit von Journalisten weltweit.

Doch über Trump und sein gestörtes Verhältnis zu den Medien sollte es an diesem Tag nicht gehen. Vielmehr möchte ich an die Journalistinnen und Journalisten erinnern, die ich auf vielen meiner Reisen getroffen habe. In Afghanistan und Ruanda, im Niger und im Tschad. Ich denke an A. in Ciudad Juarez, als die mexikanische Grenzstadt zu El Paso 3400 Morde pro Jahr hatte, Drogenkartelle und ihre verbündeten Gangs sich offen Straßenkriege lieferten. Die Stadt glich gerade nachts eine Geisterstadt, ein öffentliches Leben gab es nicht mehr. Doch A. blieb, um über das zu berichten, was dort passierte. Auch als er Morddrohungen erhielt.

Besuch bei NIYYA FM in Maradi, Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Oder Adam Al Sanosi in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, der über die Revolution 2018/19 berichtete. Sich von Drohungen nicht einschüchtern ließ und einfach weitermachte. Da ist Maya Gadir, Moderatorin bei Capital Radio in Khartum. Der Sender blieb während den stürmischen Umbruchzeiten on-air und sendete weiter. Um nicht abgeschaltet zu werden, sprach man nichts deutlich an, doch positionierte sich zum Teil durch die Musikauswahl. Gadir spielte Lieder von der tunesischen Revolution oder auch „Talkin‘ about a Revolution“ von Tracey Chapman.

In Somaliland und Puntland traf ich auf junge, begeisterte Radiomacher, die ihre kleinen Freiheiten in einer sich langsam öffnenden Gesellschaft nutzten. Über Themen sprachen, die bislang kaum angesprochen wurden, darunter auch der Kampf gegen die weitverbreitete Genitalverstümmelung. Und ich denke an diesem Tag an den Studentensender in Goma, im Ost-Kongo. Studierende, die in ihren Sendungen darüber berichten, was wirklich vor Ort passiert, aber auch, wie reichhaltig die Kultur des Kongos ist. Die deutsche Journalistin Judith Raupp, die seit langem in Goma lebt und dieses Projekt begleitet, brachte mich mit den Radiomachern zusammen. Und ich konnte vor einigen Jahren die Verbindung zu multicult.fm in Berlin herstellen. Dort wird noch immer einmal im Monat „Ngoma“ ausgestrahlt, die Sendung aus Goma. Eine wichtige und ungefilterte Stimme.

Und auch hier in den USA gibt es so viele wunderbare Community Stationen, fernab des Mainstream, die den verschiedensten ethnischen Gruppen, Fremdsprachensendungen und Kulturschaffenden aller Art eine Möglichkeit bieten zu senden, sich auszudrücken, sich zu präsentieren. Das ist alles gelebte Pressefreiheit, die geschützt und behütet werden soll.

Vieles stört mich an Donald Trump, politisch sind wir sicherlich nicht auf einer Wellenlänge. Doch das ist nun mal so. Was ich ihm jedoch besonders vorwerfe ist, dass er die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft untergräbt, ja, unterminiert. Und dazu gehört eine freie Presse. Wenn schon in den USA Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet werden, wenn kritische Berichterstattung als „Fake News“ abgetan wird, dann kann man sich vorstellen, wie in Ländern wie Somalia, Tschad, Kongo, Ruanda und Sudan, Niger, Mexiko und Afghanistan, Uganda und Burundi gegen Journalisten vorgegangen wird. Dort schauen Regierungen auf Amerika und finden ein Argument dafür, gegen all jene vorzugehen, die nachfragen, Kritik äußern, über Mißstände und Fehlverhalten von Mächtigen berichten. Deshalb gibt es diesen „World Press Freedom Day“. Und er ist heute notwendiger als je zuvor.

Wo ist eigentlich Barotseland?

Wenn man an Musik aus Afrika denkt, dann vor allem an West-, Nord- und Südafrika. Doch auch fernab der bekannten Musikzentren wie Lagos, Kinshasa oder Johannesburg, läßt sich eigentlich überall hervorragende und mitreißende Musik auf dem Kontinent finden, das habe auch ich überall hören können. In Somalia, Tschad, Niger und Ruanda. Das kleine holländische Independent Label SWP-Records hat sich daher schon seit vielen Jahren dem Sound im Südosten Afrikas verschrieben.

Die aktuelle Musikreise geht nach Barotseland, in den Westen der Republik Sambia. Barotseland war einst ein 400 Jahre altes Königreich, das später als britische Kolonie Teil von Nordrhodesien wurde. Und genau dort wurde 1954 Michael Baird geboren. Im Alter von 10 Jahren, nach der Unabhängigkeit Sambias von Großbritannien, zog seine Familie nach Europa. Doch Michael Baird kehrt seit Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu seinen musikalischen Wurzeln zurück und die sind, so sagt er, in Sambia. „Da ich schon in anderen Teilen von Sambia und auch in Simbabwe und Lesotho aufgenommen habe, wollte ich auch endlich in die westliche Provinz, so nennt die Regierung in Lusaka diese Region, sie weigern sich es Barotseland zu nennen. Sie versuchen so, den Ruf nach einer nationalen Identität zu verhindern, denn sie haben Angst, dass Sambia sich spalten könnte.“

Es gibt in Barotseland durchaus eine Unabhängigkeitsbewegung, doch aufgrund der abgeschiedenen Lage der Region an der Grenze zu Angola wird sie kaum wahrgenommen und von der Regierung in Lusaka auch unterdrückt. Selbst der legendäre Musikethnologe Hugh Tracey, der über Jahrzehnte Musik in verschiedenen afrikanischen Ländern aufnahm, kam nie in diese abgelegene und schwer zu erreichende Gegend. „Er nahm zwar Lozi Musik aus der Gegend auf“ so Michael Baird, „aber die wurde von jenen gespielt, die in den Kupfer- und Kohleminen im damaligen Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe arbeiteten. Er war nie da und auch heute gibt es nur eineinhalb Straßen dorthin. Es ist eine sehr interessante Musik mit einer interessanten Geschichte, die auch die nationale Barotse-Identiät widergibt, das kann man auch in der Musik hören.“

Die Musik, so Baird, sei unpolitisch, aber sie halte die kulturellen Wurzeln durch die überlieferten Texte und die traditionellen Instrumente am Leben. „Am meisten wird in Barotseland das Silimba Xylophon gespielt, es ist ein sehr großes Xylophon, zweieinhalb bis drei Meter lang. Und es wird von zwei Leuten gespielt, einer an der unteren Seite, der andere an der oberen. In einigen Dörfern findet man sogar Riesen Silimba Xylophone, die rund fünf Meter lang sind. Die werden dann von vier, fünf Männern gespielt.“ Die Begeisterung ist ihm anzuhören. Er ist selbst Musiker. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, dass es für ihn wichtig ist, all jene zu bezahlen, die er mit seinen Mikrofonen vor Ort aufnimmt und auf SWP veröffentlicht. Und oftmals überrascht er sie alle mit seiner Begeisterung für ihre Musik: „Es ist ganz speziell für diesen Teil Afrikas und ja, auch eher unbekannt. Niemand kennt wirklich diese Region Afrikas. Ich hoffe, mit dieser Veröffentlichung kann man hören, dass die Musik einfach unterschätzt wird, denn sie ist wirklich gut.“

Die Geschichte des Barotselandes und die Reise von Michael Baird dorthin wird in diesem Klangbuch ausführlich in einem umfangreichen Booklet mit zahlreichen Fotos erzählt. Die Musik-Aufnahmen, die auf zwei Trips 2016 und 2018 entstanden sind, belegen einmal mehr, dass es noch so viel wunderbare Musik fernab der Metropolen, Charts und herkömmlichen Genres zu entdecken gibt.

Halleluja in Elvis‘ Geburtsstadt

Elvis ist überall zu sehen in Tupelo.

Von Oakland nach Memphis und von dort nochmal eineinhalb Stunden mit dem Auto Richtung Osten, dann ist man in Tupelo, Mississippi. Ich muß da immer an den Film „Mississippi Burning“ mit Gene Hackman denken, der sich um FBI Ermittlungen nach einem Mord an schwarzen Bürgerrechtlern in den 60er Jahren dreht. An einer Stelle fragt Hackman: „What has for „i’s“ (eyes) and can’t see?“ „Mississippi“. Tupelo ist vor allem als Geburtsort von Elvis Presley bekannt. Und an Elvis kommt in der 30.000 Einwohner Stadt niemand vorbei.

Tupelo ist so ein ganz anderes Amerikas, als ich es von Oakland kenne. Mississippi ist „deep red“, ein republikanisch dominierter Bundesstaat. Konservativ, man kann eigentlich an jeder Ecke eine Kirche sehen. Und hier sind auch die Headquarters der „American Family Association“ und des Radionetzwerkes „American Family Radio“. Schon einmal war ich hier, das war 2008, als der Vorwahlkampf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama tobte. Damals positionierten sich Don Wildmon, der Gründer von AFA und AFR, und sein Sohn Tim Wildmon ganz deutlich gegen Hillary Clinton. Ihr Radio Network aus 180 Stationen im ganzen Land wurde zu einem Sprachrohr in der „Stop Hillary“ Kampagne. Direkt politisch durfte man nicht on-air sein, doch man sprach vielmehr über Hillary, ihre politischen Aussagen und ihre „Leichen im Keller“.

2012 sah sich AFA und AFR vor einem Problem. Der Kandidat der Republikaner wurde Mitt Romney, ein Mormone. Mehr schlecht als recht unterstützte man ihn gegen Barack Obama. Und dann kam 2016 mit Donald Trump ein Kandidat, der auf dem ersten Blick so gar nicht in das Bild der Christlichen Rechte passte. Tim Wildmon erzählte mir am Dienstagmorgen, dass er in den republikanischen Vorwahlen 2016 erst auf den texanischen Senator Ted Cruz setzte. Doch dann setzte sich Donald Trump durch und die konservativen Christen unterstützten dessen Wahlkampf aktiv. Das verwunderte viele, denn Trump, der mehrmals geschieden war und wie Tim Wildmon erklärte, das Leben eines Playboys geführt hatte, war nicht gerade einer aus der christlichen Mitte. Doch er versprach viel von dem, für was die „Christian Right“ in den USA kämpfte.

Und Trump hielt Wort. Er setzte nur Richter ein, die „das Recht auf Leben“ unterstützten, sprich gegen Abtreibungen sind. Das war für viele in der Bewegung ein Litmustest. Trump war für „Country, Borders, Security“ und auch da setzte er seine Wahlkampfversprechungen um. Und Trump unterstützte die Freiheiten der christlichen Gruppen und Organisationen. Er war, trotz seiner unchristlichen Vergangenheit, einer, den sie unterstützen konnten und den sie 2020 wieder unterstützen werden.

Im AFR Studio in Tupelo. Rechts Tim Wildmon.

Offen Wahlwerbung können sie nicht machen, das verbieten die Auflagen der FCC, aber die Themenauswahl und die Themenbehandlung ist eindeutig. Wie man auch in dem Mitschnitt der Sendung „

Today's Issues     
“ hören kann, in der ich mit im Studio sass. „American Family Association“ und „American Family Radio“ sehen sich als „Cultural Warriors“, als Kämpfer im Kulturkrieg der USA, als Soldaten Gottes. Trotz aller offensichtlicher Differenzen luden sie mich ein, nach Tupelo zu kommen. Das rechne ich ihnen hoch an, denn andere christlich-fundamentalistische Gruppen sagten gleich ab, reagierten erst nach mehrmaligen Anfragen und dann negativ. Bei AFA hatte ich zumindest das Gefühl „we agree to disagree“ und das in einer freundlichen, respektvollen Umgebung.

Mein Besuch in Tupelo war Teil einer größeren Geschichte über die Auswirkungen der Trumpschen Außenpolitik auf afrikanische Länder. Donald Trump hat die sogenannte „Mexico City Policy“ nicht nur wieder eingeführt, er hat sie auch ausgeweitet. Was bedeutet, dass zahlreichen Gruppen und Hilfsorganisationen in mehreren afrikanischen Ländern Gesundheitszentren und -kliniken schließen mussten und schließen werden, denn die USA sind weltweit der größte Geldgeber im internationalen Gesundheitsbereich. Auch, wenn sie nicht direkt Abtreibungen durchführen. Alleine schon die Beratung zu diesem Thema ist unter Trump tabu geworden. Die Folgen sind, dass in einigen Regionen, die HIV/Aids Beratung, Ausgabe von Verhütungsmitteln, Familienplanung, Impfungen und die medizinische Versorgung ganz wegfallen. Und dann ist da noch eine Tatsache, die erschreckend wirkt. Die Anzahl der Abtreibungen steigt, wenn diese Politik umgesetzt wird, das hat eine Studie der Stanford Universität ergeben. Trump und seine christlichen Soldaten erreichen also genau das Gegenteil von dem, was sie durchsetzen wollen. Es geht ums Prinzip und am Ende kostet dieses Prinzip viele Menschenleben.