Trump hebelt das Asylrecht aus

US-Präsident Donald Trump verschärft das Asylrecht und treibt damit seinen harten Kurs in der Zuwanderungspolitik voran. Die Änderung sieht vor, dass Migrantinnen und Migranten, die über die Südgrenze in die USA kommen, nur noch einen Asylantrag stellen dürfen, wenn sie über offizielle Einreisestellen ins Land gelangen. Dazu ein Interview:

Die Karawane der Angst. Foto: Reuters.

– Inwiefern erhofft sich Trump, mit dieser Änderung die illegale Einwanderung zu beschränken?

Ich bin mir da nicht sicher, ob er das überhaupt glaubt. Denn diese Entscheidung macht ja keinen Sinn, die Grenze ist damit nicht abgeriegelt und wer illegal ins Land kommen will, kommt auch so, denn der Großteil der Menschen beantragt ja kein Asyl. Die Entscheidung ist ganz klar eine politische für seine Basis. Den Mauerbau hat er bislang nicht durchsetzen können, mit den neuen politischen Machtverhältnissen in Washington wird das auch Wunschdenken von ihm bleiben. Nun macht er eben so weiter, die Armee an die Grenze schicken und das Asylrecht zu torpedieren. Also, bringen wird es nichts oder kaum etwas.

– Verschiedene Organisationen kritisieren den Entscheid aus dem Weissen Haus und wollen klagen. Sie sagen: Trump verstosse gegen US-Recht und auch gegen die Genfer Konvention. Richtig?

Ja, denn das US-Recht besagt, dass jeder und überall in den USA Asyl beantragen kann und darf, also nicht nur an offiziellen Grenzübergängen. Das heisst, auch wenn ich in Denver auf dem Marktplatz stehe und ich einen Polizisten anspreche, darf ich nach US Gesetz Asyl beantragen. Das ist nun mal so, und das kann Donald Trump mit einer präsidialen Anordnung nicht einfach so aussetzen.

– Aber es steht auch geschrieben, dass Migrantinnen und Migranten noch immer das Recht hätten, Schutz zu erhalten, wenn ihnen Verfolgung oder Folter drohe. Es gibt also durchaus Ausnahmen?

Das ist genau so ein Beispiel, wo es wieder zu Unklarheiten in der der Durchführung kommen wird, denn was heisst das genau….und vor allem, wer kann die Ausnahmen festlegen. Das ist die große Frage und wird sicherlich vor Gericht geprüft werden müssen.

– Kommt es jetzt auch zu einem juristischen Tauziehen wie damals beim sogenannten Muslim-Bann?

Ganz sicher sogar, denn Juristen, die sich schon lange mit den Immigrationsfragen beschäftigen sind darauf gut vorbereitet. Es hatte sich ja schon angedeutet, dass Trump hier etwas machen will. Also niemand ist hier aus allen Wolken gefallen. Es kommt also wieder ein Rechtsstreit und ein juristisches Nachspiel. Am Ende werden erneut die Richter entscheiden…

– Im Wahlkampf hat Trump diese Änderung des Asylrechts angekündigt. Er hat auch von der Errichtung von «Zeltstädten» gesprochen, in der die illegal Eingereisten warten müssen, bis ein Asylentscheid da liegt. Kommt da noch mehr?

Ich denke, das war sicherlich nicht das letzte, was Donald Trump bezüglich der Grenze und der Immigranten gemacht hat. Man darf nicht vergessen, seinen Mauerbau konnte er bislang nicht durchsetzen, mit der neuen demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus wird das auch nicht passieren. Und Trump ist im Dauerwahlkampf seit nunmehr vier Jahren. Seit Amtsantritt hat über 50 Wahlkampfveranstaltungen durchgeführt und ein Thema, das dabei immer wieder auftaucht ist die Grenze, der Mauerbau, illegale Immigration und seit einigen Wochen seine Angst-Karawane…er hat damit schon jetzt ein grosses Thema für seine Basis und seinen Wahlkampf gefunden.

– Wie gross ist das Problem der illegalen Einwanderung für die USA wirklich? Gibt es da aktuelle Zahlen?

Das Problem ist ja nicht neu, es wird geschätzt, dass über 30 Millionen Menschen illegal in den USA leben. Seit Jahrzehnten wird schon eine Reform des Einwanderungsgesetzes gefordert, denn das ist schlichtweg eine Katastrophe. Als jemand, der selbst diesen Prozess mit Green Card und Einbürgerung durchlaufen hat, weiss ich, wie schwierig dieses Unterfangen ist. Und ich komme aus Deutschland, bin weiß und konnte mir eine rechtliche Beratung leisten. Für jemanden aus Mittelamerika oder Afrika ist das nahezu unmöglich. Das Problem ist also nicht neu, und mit der Spaltung im Land, wird es auch nicht so einfach zu lösen sein.

Ein Planet für die Tonne

„America First“, „Make America Great Again“, „Promises Made, Promises Kept“, das sind nur einige der Schlachtrufe, mit denen Donald Trump derzeit durchs Land tingelt und dafür von seinen Fans laut bejubelt wird. Sie sehen einen Präsidenten, der zu seinem Wort steht, der patriotisch und nationalistisch denkt, der Amerika über alles stellt. Auch über die Wissenschaft.

Lange Dürreperioden, wie hier in Somalia, sind Folgen des Klimawandels.

Im ganzen Getöse um die Benennung von Brett Kavanaugh zum Verfassungsrichter ging ganz unter, dass im Umweltministerium (Environmental Protection Agency – EPA) mal kurz der wissenschaftliche Beirat aufgelöst wurde. Braucht man nicht mehr. Lobbyisten in Washington wissen eh besser was Amerika braucht, als ein paar Wissenschaftler, die Entscheidungsträger fundiert beraten sollen. Vom Beginn der Trump Amtszeit ging es einzig und allein darum, Umweltschutzrichtlinien aufzukündigen, zu verwässern, umzuschreiben, in die Tonne zu kloppen. Wissenschaftler stören da nur.

Als Scott Pruitt als Umweltminister ins Amt kam, forderte er von seinem Ministerium, dass eine Namensliste erstellt wird, auf der zu sehen ist, welche Mitarbeiter in Sachen Klimawandel geschult wurden und sich fortbilden ließen. Die Absicht war klar, jene Mitarbeiter sollten nicht viel länger im Ministerium bleiben dürfen. Solch eine Namensliste konnte verhindert werden, nicht jedoch der offene Kampf gegen Klimaschutzprojekte. Und der wird nicht nur im Umweltministerium durchgeführt.

Unter Barack Obama waren die USA der größte Geldgeber für den „Green Climate Fund“, der Entwicklungsländer und Schwellenländer half, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen und auf erneuerbare Energien zu setzen. Obama versprach drei Milliarden Dollar, bis zum Ende seiner Administration wurde eine Milliarde Dollar ausgezahlt. Donald Trump hingegen sieht den Klimawandel als „Hoax“, als Schwindel an, als von den Chinesen erfunden. Kein Wunder also, dass er überhaupt keinen Dollar mehr für den „Green Climate Fund“ zur Verfügung stellt.

Nicht nur das, das Weiße Haus unter Donald Trump wollte den Haushalt für Umweltschutzprojekte der Entwicklungshilfebehörde USAID auf 200 Millionen Dollar reduzieren, eine Kürzung um 70 Prozent. Der republikanisch dominierte Kongress hat dem jedoch nicht zugestimmt. Noch nicht, befürchten Umweltschutzgruppen, denn Trump macht Druck diese Gelder einzusparen. Doch was Trump und seine Gang durchsetzen konnten, ist die Streichung aller Klimaprojekte in Afrika, Asien, Lateinamerika. USAID, die für die Verteilung von Entwicklungshilfegeldern zuständig ist, darf fortan solche Klimaprojekte nicht mehr finanzieren, daruner auch in Ländern wie Äthiopien und Mozambique, wo schon heute die dramatischen Folgen des Klimawandels zu sehen sind. Alles Humbug und damit Geldverschwendung, sagt der Präsident. Die Folgen der Trumpschen „America First“ Politik wird mehr als langfristige Folgen haben. Hier regiert ein Mann, der die Wissenschaft ablehnt und viel schlimmer noch, davon überzeugt ist, dass er alles besser kann, weiß und macht.

Das Trumpsche Zeitalter

Gerade hat Präsident Donald Trump seine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen beendet. Er sprach langsam, damit auch jedes Wort von ihm klar und deutlich genug übersetzt werden konnte. Und die Message kam an. Amerika unter Donald Trump ist nicht mehr das Amerika, was es war.

Donald Trump vor den Vereinten Nationen. Foto: AFP.

Trump brüstete sich mit seinen Scheinerfolgen, mit seiner starken Armee, redet von neuen und fairen Deals, die da bedeuten, wenn die USA Produkte im Wert von 100 Dollar importieren, dann müssen die USA auch Produkte im Wert von 100 Dollar exportieren. Eine Milchmädchenrechnung, die allerdings nicht aufgehen kann. Man denke nur an afrikanische Länder, die dringend Absatzmärkte für ihre Produkte brauchen und ganz und gar nicht von US Importen geflutet werden müssen. Aber genau das will Trump. Sein „America First“ ist kurzsichtig, denkt nur an seine Basis, nicht an die internationale Verantwortung und Rolle der USA.

Donald Trump hat an diesem Dienstagvormittag in New York klar gemacht, wohin die Reise geht. Amerika ist sich seiner starken Rolle bewusst und mit ihm als Präsidenten drohen die USA ganz offen anderen Ländern. Darunter Feindstaaten wie Iran und Venezuela, aber auch langjährigen Verbündeten wie Deutschland und Saudi Arabien. Trump macht da keinen Unterschied, wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, der wird bekämpft. Das ist die Verschärfung der Bush-Doktrin, das ist der neue amerikanische Extremismus.

Es kann einem nur angst und bang werden. Trump wendet sich von den internationalen Organisationen, wie der UN und dem internationalen Gerichtshof genauso ab, wie von wichtigen internationalen Verträgen, wie dem Iran Nuklear Deal oder dem Pariser Klimavertrag. Die USA unter seiner Administration wollen weltweites Vorbild, Leitfigur, ja, Leitkultur sein und gleichzeitig werden sie somit zu einem leuchtenden Beispiel dafür, wie es eben nicht sein sollte. Warum sollte ein mordender und vergewaltigender Milizionär im Ost-Kongo noch Angst vor dem ICC haben, wenn er sieht, dass dieser Gerichtshof nur ein Papiertiger ist? Warum sollte sich ein Land wie Saudi Arabien bei Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung im Jemen zurückhalten, wenn es keinen Einhalt aus den USA gibt und diese sogar noch die Kampflugzeuge der Saudis in der Luft betanken? Warum sollte sich Nordkorea um Menschenrechte im eigenen Land kümmern, wenn ein Donald Trump den „verehrten Vorsitzenden Kim“ lobt und preist für einen Deal, der nicht existiert?

Trump hat sich eine eigene Realität erschaffen. Was man bislang nur auf der nationalen Ebene deutlich sehen konnte, wurde heute auf der internationalen Bühne durchgespielt. Die Amerikaner unter diesem Präsidenten sind zu einer Gefahr geworden, denn sein überpatriotisches „America First“ Getue wird weitreichende Folgen für das Vertrauen, für den Austausch, für das Miteinander der Staatengemeinschaft haben. Die Wahl Donald Trumps wird für die Welt dramatischere Folgen als die Terrorangriffe des 11. Septembers 2001 haben. Mit seiner heutigen Rede vor der UN machte Trump unmissverständlich klar, dass die USA ein neues Zeitalter eingeläutet haben.

Der morgendliche Fussballwecker

Somaliländischer Fußball ist laut, vor allem um 6 Uhr morgens.

Nach einem halben Dutzend Muezzin Rufen gegen halb fünf am Morgen döste ich nochmal weg. Nur kurz, denn ab sechs Uhr versammelte sich unterhalb meines Fensters auf einem leeren Grundstück eine Gruppe von Jugendlichen. Lautstark schrien sie durcheinander. Ich hatte keine Ahnung was da nun abging, hörte mir das eine Weile an, stand schließlich auf und schaute raus. Das gute Dutzend Jungen versuchte mit Geschrei Fußballmannschaften zu formen. Um sechs Uhr morgens!

Und dann spielten sie da draussen lautstark auf dem Sandplatz. Meine Nacht war damit vorbei und ich schaute mir das ein paar Minuten in aller Ruhe an. Ein Hin und ein Her, dabei wurde kreuz und quer geschrien. Eine ordentliche Abwehr gab es nicht, jeder versuchte sich mit fragwürdigen Dribbelkunststückchen auf dem Sandplatz durchzutanken. Es ging eigentlich nur um den Torschuss. Ansonsten ein wildes Gebolze. Und das am sehr frühen Morgen, ausgerechnet vor meinem Fenster. Ohne Kaffee!

Am Vorbend traf ich Guuleed, einen 34jährigen Somaliländer, der im Alter von vier Jahren nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Somaliland nach Deutschland kam, dort aufwuchs und über England vor einem Jahr zurückkehrte. Ich lernte Guuleed vor ein paar Tagen am Flughafen kennen, dort betreibt er mit seinem Partner einen kleinen Verkaufsstand mit Produkten aus Somaliland. Er spricht mit einem rheinischen Dialekt, Guuleed wuchs in Leverkusen auf. Er erzählte mir von seinen Plänen, von seinen Ideen hier. Und wir vereinbarten, dass wir uns nach meiner Rückkehr aus Puntland nochmal treffen würden.

Es gibt Hoffnung für die karge Landschaft am Horn von Afrika.

Gestern wartete ich also im Maansoor Hotel auf ihn. Mit einiger Verspätung kam er. Er fiel gleich auf. Hochgewachsen und in Basketballshorts, dazu eine T-Shirt „Straight Outta Hargeisa“ stand darauf. Guuleed ist voller Energie, redet im 180 Tempo, lacht viel, holt aus, spricht von seinem Land Somaliland. Er hat große Pläne, die nicht einfach so dahin geredet sind. Kurz telefonierte er, lud noch seinen Businesspartner und einen Bekannten von einer deutschen NGO ein, damit die mir ihre Geschäftsidee besser erklären könnten.

Und sie kamen und was ich hörte war mehr als beeindruckend. Ein einfaches Konzept könnte weitreichende Auswirkungen auf Somaliland und die Region am Horn von Afrika haben. Es geht um einen Baum, der hier von einem „Devil’s Tree“ zu einem „Angel’s Tree“ umgewandelt werden soll. Zumindest in den Augen der Viehzüchter und Bauern. Das ist möglich und machbar. Mit Beschneiden und Verwerten wird aus einer Gefahr für Natur und Tiere eine Nutzpflanze. Eine Businessidee würde somit Hoffnung und viele Arbeitsplätze schaffen. Ich war so begeistert, dass ich wohl schon bald wieder zurück nach Hargeisa reisen werde, um mir die Ergebnisse der ersten Testphase genauer anzusehen. Es gibt Hoffnung, eine Aufbruchstimmung, ein Blick nach vorne in Somaliland. Das ist für mich eine ganz neue Erkenntnis am Ende einer weiteren teils sehr anstrengenden und nahegehenden Reise.

Von Airportpiraten und Pantherschildkröten

Piraten, so haben mir zwei Minister in Garowe, der Hauptstadt Puntlands, versichert, gibt es in den Gewässern vor Puntland nicht mehr. Die Rechtlosigkeit auf hoher See habe ein Ende genommen. Auf dem Meer vielleicht, aber das Piratentum lebt in Puntland weiter. Man muss nur über den neuen Flughafen Garowe fliegen, der ganze Stolz der Regierung im autonomen Teilstaat Somalias. Es fängt mit den 60 $ bei der Einreise für ein Visum an, dafür kriegt man seinen Pass gestempelt und hingeworfen.

Schlimmer ist es da schon, wenn man ausreist. Nach der ersten Sicherheitskontrolle stand gleich einer da und verlangte eine 20 Dollar Gebühr für die Sicherheitskontrolle. Also, ich zahle quasi dafür, dass ich gefilzt und ziemlich ruppig von der Seite angequatscht werde. Kaum war ich zehn Schritte weiter, hatte den Koffer eingecheckt (umsonst), die Passkontrolle erledigt (auch umsonst) stand so ein kaum 20jährger mit Sonnenbrille und hochgestelltem Hemdkragen da und faselte was von Gebühr. Wie jetzt, ich habe doch gerade schon eine Sicherheitsgebühr gezahlt!? Nein, nein, meinte er, das sei jetzt eine Reinigungsgebühr. Ich wollte meinen 50jährigen Ohren nicht trauen und fragte nach: Reinigungsgebühr? Ja, so David-Hasselhoff-Light, der Flughafen müsse ja sauber gehalten werden und dafür müssten die Passagiere zahlen. Ich blickte mich um, der Boden sah so aus, als ob er schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war, aber gut, so viele Menschen fliegen wohl nicht über den Airport Garowe, da häufen sich Staub und Schlieren schon an. Also zahlte ich die drei Dollar und erhielt dafür sogar eine Quittung. Mal sehen, ob ich die auf meiner nächsten Steuererklärung für berufliche Ausgaben geltend machen kann.

Zwei Meter weiter, ich will gerade in die Abflughalle abbiegen, ruft mir einer hinterher, ich solle zurückkommen. Was will der nun? Etwas von oben herab meinte er, ich müsse noch die Exit-Gebühr in Höhe von 60 Dollar zahlen. Exit-Gebühr, was bitte schön soll das sein? Vor allem, ich bin schon mehrmals aus Puntland ausgereist und habe diese „Fee“ noch nie berappen müssen. Tja, meinte er, ihm egal, ich müsse zahlen. An dem Punkt hatte ich den Hals dick und wurde lauter. Das könne nicht sein, hier komme eine Gebühr nach der anderen, was das denn solle? Und überhaupt, wenn ich mich so umblicke, verlangen sie diese sehr fragwürdigen Gebühren nur von den „Muzungus“, den Weißen. Geht’s noch!!! Auf einmal stand ein anderer Mitarbeiter da und fragte, ob ich die Quittung von der Einreise bei mir hätte. Natürlich habe ich die noch, sagte ich und kramte in meinem Rucksack. Dann sei ja alles gut. Gute Reise. Was mein Einreisevisum nun mit einer „Exit-Gebühr“ zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Aber dicker Hals zahlt sich manchmal wohl doch aus. Über Galkayo und Bossasso ging es dann mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen zurück nach Hargeisa, einmal kreuz und quer über Puntland. Die Landschaft trocken, sandig, heiss. Die Küste ein einziger Traum, grünes, klares Wasser, lange, endlose Sandstrände ohne irgendeine Menschenseele.

Am Flughafen in der Hauptstadt Somalilands wieder ein Problem. Die äußerst unfreundliche Frau an der Passkontrolle wollte mich nicht durchlassen und meinte, ich solle da drüben warten. Andere Passagiere wurden abgestempelt, nach dem letzten erhob sich die Immigrationsbeamtin und ging. Und ich stand da. Und da. Und da. Nach ein paar Minuten fragte ich einen Flughafenmitarbeiter, was nun los sei, wie lange ich hier und vor allem auf was ich hier warten sollte. Er ging zum Büro der Einwanderungsfachangestellten und kam mit der Mitteilung zurück, ich hätte nur eine Kopie des Einreisevisums, ich bräuchte allerdings ein Original. Guter Mann, wie soll ich denn ein Original haben, wenn ich eine pdf Datei als Email Anhang zugeschickt bekomme. Ja, sagte er, sie brauche das Original, ich solle jemanden anrufen. Wen denn und vor allem wie, denn weder AT&T noch Aldi-Talk funktionieren meines Wissens in Somaliland. Ich fragte, ob er nach draußen gehen könne, denn ich werde abgeholt und vielleicht hat der Fahrer das Original bei sich.

Pantherschildkröten leben mitten in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Und so war es auch, keine fünf Minuten später trat die Immigrationssonderbeauftragte für schwere Fälle aus ihrem Büro, trat nach wie vor gelangweilt und mich keines Blickes würdigend in das Abfertigungskabüffchen, griff sich das – wohlgemerkt – Original Visum und meinen Pass, blätterte durch die Seiten und stempelte schließlich alles ab. Danach durfte ich erneut 60 Dollar zahlen. Der Tag war nicht gerade preiswert.

Am Abend dann in Hargeisa lief ausgerechnet zu dem Zeitpunkt eine ziemlich große Schildkröte an dem Gästehaus vorbei, in dem ich untergebracht bin, als ich auf dem Dach stand und den Straßenklang des Abends und den Ruf der Muezzine zum Gebet aufnahm. Der Rekorder lief auch ohne mich, also hastete ich die Treppe runter, nicht dass mir die Schildkröte entläuft. Ein Riesentier, etwa 50 cm lang, zog sie den Kopf sofort ein, als ich auf zwei Meter heran kam. Die hier in Somaliland lebende Pantherschildkröte fauchte mich gleich an, alles klar, nur ein paar Fotos, so etwas sieht man ja nicht alle Tage, vor allem nicht in Nürnberg oder in Oakland.

Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

12 Stunden Müllfahrt

Somaliland ist landschaftlich eine beeindruckende Region. Ein fließender Übergang von sattem Grün zu karger Steppe und sandigem Wüstenboden, manchmal noch umrahmt von Bergketten. Auf der 12stündigen Fahrt zurück nach Hargeisa mußte ich oftmals an den Südwesten der USA denken, an Arizona, New Mexico, Nevada und auch Südkalifornien. Ein weiter, nicht endenwollender Blick in die Ferne. Hier könnte man auch problemlos einen Spaghetti Western drehen.

Doch egal wo und wie schön die Landschaft auch ist, überall liegt Müll herum, vor allem leere Plastikflaschen und Plastiktüten. Ganze Büsche waren vom Abfall übersät. Doch hier scheint das niemanden zu stören, es gehört einfach dazu. Der Blick über den Müll ist wie bei uns das Überhören von Lärm. Man lebt damit, man hat sich daran gewöhnt, man kennt es nicht anders. Ziegen, Esel, Kamele fressen den Abfall, der Plastikmüll sammelt sich an den freien Wasserstellen, so gelangen kleinste Teilchen in die Nahrungskette. Darauf weisen Hilfsorganisationen in einfachsten Hygieneseminaren auch hin, doch auch das hat bislang kaum etwas am Verhalten geändert.

Selbst am breiten Sandstrand von Berbera, direkt am Golf von Aden gelegen, ist alles mit Plastikflaschen verdreckt. Hier sitzen viele gemütlich am Strand, einige verschleierte Frauen waten durchs seichte Wasser, andere im Burkini sind mit ihren Männern etwas weiter draußen, springen in die Wellen. Taucher genießen das warme Wasser auf ihrer Unterwassersuche. Sehen werden sie bestimmt auch Plastikmüll, der einfach ins Meer geweht wird.

Somaliland und Somalia hoffen auf gute, auf friedliche Zeiten, auf Auslandsinvestitionen, auf Tourismus. Beim Durchfahren des Landes, in den Bergen oder am Strand denkt man unweigerlich daran, dass das Horn von Afrika ein unglaubliches Reiseziel sein könnte, wenn sich die Sicherheitslage deutlich verbessern würde. Landschaftlich und kulturell gibt es hier viel zu entdecken, die Menschen offen und freundlich. Doch das Müllproblem könnte da noch zu einem riesigen Problem werden, falls es nicht bald angegangen und gelöst wird. Die Somalier haben noch einen langen Weg vor sich.

Die Folgen des Hungers

Camale im Osten Somalilands.

Es ging am Morgen zwei Stunden lang, erst über eine Schlamm- und dann über eine Staubpiste, in das Dorf Camale. 1300 Menschen leben hier, davon sind fast 300 Flüchtlinge aus anderen Teilen im Osten Somalilands. Sie wurden im vergangenen Jahr nach der verheerenden Dürre von ihrem Land vertrieben. Es gab nichts mehr für sie, nachdem ihre Tiere verhungert, ihre Ernten verdorrt waren.

Nun leben sie hier in einer Gegend, die selbst mit einem Geländewagen nur sehr schwer zu erreichen ist. Camale ist steinig. Ziegen streifen durchs Dorf. Von einem Hügel aus kann man Kinder in der Ferne Fußball spielen sehen, ein paar Kamele, Pferde und Esel grasen. Hier gibt es seit ein paar Jahren eine Gesundheitseinrichtung, in der nicht viel zu finden ist. Ein paar Stühle, zwei Schreibtische, eine Waage, ein Metermaßband, ein paar Pillen und Salben. Viel darf hier nicht passieren, sonst muss man über die zweistündige Huppelpiste in die nächste Stadt fahren, wenn man überhaupt ein Auto besorgen kann.

Grün, gelb, rot erzählen eine lange Geschichte.

In diesem Gebäude führt die Hilfsorganisation Care Schulungen für Mütter durch. Es geht um richtige Ernährung und Hygiene für die Kleinen. An diesem Morgen werden einige Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren gewogen, untersucht und ihr Ernährungszustand mit einem Oberarmband gemessen. Die Hungerkrise der vergangenen Jahre wirft einen langen Schatten.

Derzeit ist Regenzeit. Wasser wird in dieser entlegenen Region in Speichern gesammelt, um für die kommenden Monate bis zur nächsten Regenzeit gewappnet zu sein. Denn eins ist klar, es wird am Horn von Afrika wieder zu einer Dürrekatastrophe kommen. Die Infrastruktur fehlt, Investionen sind für die international nicht anerkannte Republik kaum vorhanden, es gibt nur zwei ausländische Hilfsorganisationen, die hier überhaupt aktiv sind und sowieso ist Somalia nicht gerade im Blickfeld der Weltgemeinschaft. Und hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Hierher sollten jene Kritiker kommen, die im Weißen Haus sitzen oder die verschiedensten Verschwörungstheorien darüber verbreiten. Der Osten Afrikas ist schon jetzt vom „Climate Change“ betroffen. Es ist also nicht eine Frage ob, sondern wann die nächste Dürre kommen wird.

Es grünt und regnet in Somaliland

Quer durchs Land in den Osten. Nun sitze ich in Erigavo, Sanaag, einer Region, die sehr stark von der Dürre betroffen war. Aber das ist vorbei. Heute auf unserer Fahrt regnete es, ein Straßenabschnitt war sogar überflutet. Sowieso ist die Anreise in diesen Teil von Somaliland mehr als beschwerlich. Für 320 Kilometer braucht man mehr als sieben Stunden. Die Landstraße ist nur zu einem kleinen Teil geteert, meist ist es Schotter auf dem gefahren wird. Ein paar Stellen gibt es von der wichtigen Süd-Nord-Verbindung gar nicht mehr, so dass man auf offenes Land ausweichen muss.

Ich bin erneut mit der Hilfsorganisation Care unterwegs. Zahlreiche Projekte konnte ich schon sehen, morgen geht es dann weiter. Gestern schauten wir uns ein Wasser-Solar Projekt an. Ein Techniker wurde in der Hauptstadt Hargeisa ausgebildet, um in seinem Dorf eine Wasserpumpe zu betreiben, die mit Solarstrom betrieben wird. Und der Solarstrom wird an kleine Geschäfte im Dorf verkauft, so finanziert sich das Projekt, so wird der Techniker bezahlt, so wird die Pumpe und die Solaranlage instand gehalten.

Danach ein Besuch bei den Frauenspargruppen, die kleinere Kredite an Frauen im Dorf vergeben, ohne Zinsen. Das Dorf ist durch dieses einfache Projekt enger zusammen gerückt. Startkapital gab es von Care nicht, nur die Anleitung vor zwei Jahren, wie man es macht.  Jede Frau zahlt monatlich etwas ein, einen winzigen Betrag. Gemeinsam entscheidet man dann, welche Projekte von den Frauen in der Gruppe unterstützt werden. Und es klappt. Warum habt Ihr das nicht schon früher gemacht? Alina schaut mich fragend an, lacht und meint, vorher hat jede Frau sich nur um ihre Küche gekümmert. Sie wisse es auch nicht, warum man so lange damit gewartet hat.

Heute ging es weiter in den Osten nach Ainabo, in ein IDP Camp, ein Flüchtlingslager für „internal displaced people“, Inlandsflüchtlinge, die vor allem Opfer der Dürre wurden. In diesen Camps geht es für Care um die Wasserversorgung und um die Hygiene. Scheinbar einfache Projekte, die jedoch in einer unterversorgten Region alles andere als problemlos sind. Von dort ging es weiter Richtung Norden nach Sanaag, hier ist Care eine von zwei internationalen Hilfsorganisationen. Eine teils gut ausgebaute, teils sehr löchrige, teils überhaupt nicht vorhande Landstraße zog sich durch eine wunderschöne Landschaft. Vorbei an Dörfern, Ziegen- und Kamelherden. Mehrmals musste ich daran denken, dass diese Region am Horn von Afrika ein wunderbares Urlaubsziel sein könnte. Vielleicht eines Tages, man kann es nur hoffen.

 

Amerika am Horn von Afrika

Landeanflug auf Hargeisa.

Ankunft in Somaliland. Nach einem Nachtflug, der mit einer Bahnfahrt von Nürnberg nach Frankfurt begann und von dort über Addis Abeba weiterging, kam ich schließlich am späten Vormittag in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland an. Vom Flugzeug aus sah man, dass es in den vergangenen Monaten geregnet hatte, etliche grüne Streifen konnte man in der braunen Landschaft ausmachen. Vor eineinhalb Jahren war ich das letzte Mal hier, damals traf eine unglaubliche Dürre die Region. Millionen von Vieh verendete, es drohte eine gewaltige Hungerkatastrophe.

Das Horn von Afrika ist eine geschundene Region. Der Klimawandel macht alles nicht einfacher. Regenzeiten bleiben aus, das karge Land dorrt noch weiter aus. Auch darum geht es bei dieser neuerlichen Reise nach Somaliland und Puntland. Die größere Geschichte, die ich jedoch erzählen möchte, dreht sich um die amerikanische Außenpolitik unter Donald Trump. Sein Handeln, sein Nicht-Handeln, seine Militarisierung der Außenpolitik zum einen und sein Verschieben der US „foreign policy“ aus dem State Department hin zur Christlichen Rechte in den USA hat fatale Auswirkungen und langfristige Folgen für Afrika. Somaliland und Somalia sind davon massiv betroffen.

Kurz nach der Ankunft gab es das obligatorische Sicherheits-Briefing, danach wurde durchgesprochen, welche Projekte wir besuchen, welche Interviewpartner zur Verfügung stehen. Morgen geht es zuerst einmal mit dem Auto in den Osten des Landes. Einige Straßen sind so schlecht, dass wir lange Umwege fahren müssen. Am Golf von Aden streifen wir dabei nur vorbei. Leider bleibt keine Zeit für einen Sprung ins erfrischende Wasser, es ist brütend heiß in Somaliland.

Gerade sitze ich total übermüdet auf dem Dach vor meinem Zimmer. Bauarbeiter hämmern vor sich hin, Autos hupen, Ziegen mähen unten auf der Straße, spielende Kinder sind zu hören, ein paar Wolken ziehen am sonst klaren, blauen Himmel friedlich vorbei. Hargeisa ist eine boomende Stadt, die mehr und mehr wächst. Die unabhängige Republik Somaliland wird von keinem anderen Staat anerkannt. Irgendwie wurstelt sich die für autonom erklärte Region dennoch so durch, ohne große Hilfe aus dem Ausland und das seit gut 27 Jahren. Der Traum von der Unabhängigkeit scheint hier noch lange nicht ausgeträumt zu sein. Auch wenn es schwierig ist und bleibt, die Hoffnung auf eine eigene Zukunft für Somaliland lebt.