Im Namen der Pressefreiheit

Heute ist „World Press Freedom Day“. Es spricht für sich, dass es diesen Tag überhaupt geben muß. Doch die Pressefreiheit ist unter Beschuß. Klar, man denkt da sofort an die eingeforderte Hofberichterstattung von Donald Trump. Er tut kritischen Journalismus als „Fake News“ ab und untergräbt damit die Arbeit von Journalisten weltweit.

Doch über Trump und sein gestörtes Verhältnis zu den Medien sollte es an diesem Tag nicht gehen. Vielmehr möchte ich an die Journalistinnen und Journalisten erinnern, die ich auf vielen meiner Reisen getroffen habe. In Afghanistan und Ruanda, im Niger und im Tschad. Ich denke an A. in Ciudad Juarez, als die mexikanische Grenzstadt zu El Paso 3400 Morde pro Jahr hatte, Drogenkartelle und ihre verbündeten Gangs sich offen Straßenkriege lieferten. Die Stadt glich gerade nachts eine Geisterstadt, ein öffentliches Leben gab es nicht mehr. Doch A. blieb, um über das zu berichten, was dort passierte. Auch als er Morddrohungen erhielt.

Besuch bei NIYYA FM in Maradi, Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Oder Adam Al Sanosi in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, der über die Revolution 2018/19 berichtete. Sich von Drohungen nicht einschüchtern ließ und einfach weitermachte. Da ist Maya Gadir, Moderatorin bei Capital Radio in Khartum. Der Sender blieb während den stürmischen Umbruchzeiten on-air und sendete weiter. Um nicht abgeschaltet zu werden, sprach man nichts deutlich an, doch positionierte sich zum Teil durch die Musikauswahl. Gadir spielte Lieder von der tunesischen Revolution oder auch „Talkin‘ about a Revolution“ von Tracey Chapman.

In Somaliland und Puntland traf ich auf junge, begeisterte Radiomacher, die ihre kleinen Freiheiten in einer sich langsam öffnenden Gesellschaft nutzten. Über Themen sprachen, die bislang kaum angesprochen wurden, darunter auch der Kampf gegen die weitverbreitete Genitalverstümmelung. Und ich denke an diesem Tag an den Studentensender in Goma, im Ost-Kongo. Studierende, die in ihren Sendungen darüber berichten, was wirklich vor Ort passiert, aber auch, wie reichhaltig die Kultur des Kongos ist. Die deutsche Journalistin Judith Raupp, die seit langem in Goma lebt und dieses Projekt begleitet, brachte mich mit den Radiomachern zusammen. Und ich konnte vor einigen Jahren die Verbindung zu multicult.fm in Berlin herstellen. Dort wird noch immer einmal im Monat „Ngoma“ ausgestrahlt, die Sendung aus Goma. Eine wichtige und ungefilterte Stimme.

Und auch hier in den USA gibt es so viele wunderbare Community Stationen, fernab des Mainstream, die den verschiedensten ethnischen Gruppen, Fremdsprachensendungen und Kulturschaffenden aller Art eine Möglichkeit bieten zu senden, sich auszudrücken, sich zu präsentieren. Das ist alles gelebte Pressefreiheit, die geschützt und behütet werden soll.

Vieles stört mich an Donald Trump, politisch sind wir sicherlich nicht auf einer Wellenlänge. Doch das ist nun mal so. Was ich ihm jedoch besonders vorwerfe ist, dass er die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft untergräbt, ja, unterminiert. Und dazu gehört eine freie Presse. Wenn schon in den USA Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet werden, wenn kritische Berichterstattung als „Fake News“ abgetan wird, dann kann man sich vorstellen, wie in Ländern wie Somalia, Tschad, Kongo, Ruanda und Sudan, Niger, Mexiko und Afghanistan, Uganda und Burundi gegen Journalisten vorgegangen wird. Dort schauen Regierungen auf Amerika und finden ein Argument dafür, gegen all jene vorzugehen, die nachfragen, Kritik äußern, über Mißstände und Fehlverhalten von Mächtigen berichten. Deshalb gibt es diesen „World Press Freedom Day“. Und er ist heute notwendiger als je zuvor.

Die Mauer muss weg

Donald Trump spricht gerne von seinem Lieblingsprojekt, der Mauer an der Grenze zu Mexiko. Um ganz genau zu sein, es ist keine Mauer, es ist eine Stahlkonstruktion, die teils bis zu zehn Meter hoch ist und überall da errichtet wird, wo es bislang keinen Grenzzaun zwischen den beiden Ländern gab. Im Wahlkampf 2016 und auch nach wie vor in seinen Wahlkampfveranstaltungen lässt er gerne den Ruf „Build that wall“ erklingen. Früher kam noch seine Frage „And who’s gonna pay for that wall?“ und die Menschenmasse rief zurück „Mexico“. Doch Mexiko weigert sich nach wie vor hartnäckig einen Scheck nach Washington zu schicken. Vielmehr haben die beiden Länder mit Kanada einen neuen Handelsdeal ausgehandelt. Für alle Parteien zur vollsten Zufriedenheit.

Grenze zu Mexiko.

Trump liebt jedoch seine Mauer. Sie solle schöner und höher und sicherer als alle anderen Mauern werden. Und da gibt es ja viele historische Beispiele, wir feiern ja gerade den 30. Jahrestag vom Ende der Berliner Mauer. Die sollte dann auch noch 50 und 100 Jahre existieren, wie Erich Honecker noch im Januar 1989 erklärte, aber daraus wurde dann ja nichts. Nun allerdings wurde berichet, dass die so sichere „Wall“ zwischen den USA und Mexiko gar nicht so sicher und undurchlässig ist, wie Trump es gerne darstellt. Mit einer mobilen Säge aus einem Baumarkt und ein paar Spezialblättern haben Schmuggler es geschafft, innerhalb von wenigen Minuten ein Loch in den Zaun zu sägen, um danach einen der Metallpfeiler zu verschieben. Damit war ein Durchgang offen für Drogenkuriere und Menschenhändler.

Die Border Patrol ist alarmiert und hofft, dass mit dem Einsatz von Bewegungsmeldern dieses Durchlöchern verhindert werden kann, aber fest steht schon jetzt, auch diese „Mauer“ ist durchlässig. Der Präsident wird dazu nicht viel sagen, denn es passt nicht so in seinen großen Wahlkampfplan zuzugeben, dass die vielgepriesene „Wall“ nicht nur nicht von Mexiko bezahlt wird, damit dem amerikanischen Steuerzahler schon jetzt zehn Milliarden Dollar Kosten aufgebrummt werden. Nein, auch die vermeintliche „Sicherheit“ an der Grenze ist alles andere als gegeben. Dennoch wird Trump die Mär von der großen Mauer weitererzählen und seine Trumpianer wollen genau das hören, ein weiteres Lügenmärchen.

Der Anti-Muslim Kampf geht weiter

Donald Trump kann es einfach nicht lassen. Erst baute er seinen Wahlkampf damit auf und nun regiert er in Washington mit Hass, Hetze und Lügen weiter. Erst die Ankündigung eines allgemeinen Einreiseverbots für Menschen aus muslimischen Ländern. Dann die Durchsetzung seines „Travel Bans“, seine Twitter Nachrichten über nicht nachweisbare Zellen des Islamischen Staates in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez, die unbemerkt in die USA eindringen. Und nun tweetet er, dass unter den Immigranten aus Honduras, Guatemala und El Salvador erneut „unknown Middle Easterners“ seien. Belege und Beweise für solche Angstszenarien muss ein Donald Trump nicht vorlegen.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist zu einem der größten Hassprediger unserer Zeit geworden. Er regiert mit Angst und Schrecken. Nicht, dass er nachts Sturmtruppen aussendet, die Kritiker mundtot machen sollen. Nein, das nicht, auch wenn sich rassistische und ausländerfeindliche Gruppen durch ihn, seine Worte und seine Handlungen bestärkt fühlen und Übergriffe gegen Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religionen, anderer Sexualität, anderer Überzeugungen als Einladung zur Gewalt sehen. Trump kreiert eine Welt, in der man Angst haben sollte vor Immigranten, Muslimen, Andersdenkenden. Belegen braucht er seine Anschuldigungen und Behauptungen nicht. „People are talking“, das ist sein Argument. Seine Basis glaubt ihm kritik- und kommentarlos.

Trump ist gefährlich, nicht nur weil er die Gesellschaft spaltet, staatliche und gesellschaftliche Instanzen unterminiert, die Demokratie aushöhlt. Er ist gefährlich, weil er Hass und Hetze als den „normalen“ Ton präsentiert. Keine Rücksicht auf Konsequenzen, auf die langfristigen Folgen seiner Worte. Ich dachte immer, man könne zu meinen Lebzeiten Amerika in die Zeit vor und nach den Terrorangriffen des 11. Septembers 2001 einteilen, denn 9/11 war ein Scheidepunkt für die USA. Der Terror der Al-Qaida führte dazu, dass Amerika nach 9/11 zusammenrückte, in der Katastrophe sah man sich geeint. Zumindest für eine kurze Zeit. Doch mit Trump hat sich erneut die Zeitrechnung verändert. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.

Donald Trump hat eine Alternative Realität erschaffen, in der Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie, Angriffe auf Andersdenkende und Andersgläubige hoffähig geworden sind. Trump tritt vor seine Wählerinnen und Wähler, attackiert unter dem Jubel der tobenden Menge die Medienvertreter, verharmlost Gewalt gegen Reporter, beschimpft die politische Opposition, beleidigt Menschen in Not, droht, lügt, wütet. Wohin dieser eingeschlagene Weg führen wird ist noch nicht klar, aber eine Rückkehr zu einem zivilen Umgang scheint undenkbar geworden zu sein.

Die Lage südlich der „Mauer“

Feature - The Perfect Storm     

Eine alltägliche Szene in Juarez.

2009 reiste ich zum ersten Mal nach Ciudad Juarez. Damals tobte ein Drogenkartellkrieg in der Nachbarstadt von El Paso, Texas. Tausende von Menschen wurden Opfer des brutalen Straßenkrieges. Die Touristen blieben aus, Restaurants, Kneipen, Läden machten dicht, wurden mit Brettern vernagelt. Juarez versank im Chaos, glich nachts einer Geisterstadt. Mit Maschinengewehren bewaffnete und vermummte Polizisten patroullierten auf Pick Up Wagen durch die Stadt. Das Sinaloa Kartell kämpfte gegen das Juarez Kartell um die wichtigen Drogenrouten in die USA.

Nach ein paar Jahren stabilisierte und beruhigte sich die Lage wieder, das Sinaloa Kartell hatte den Krieg gewonnen. Die Mordrate sank von über 3000 im Jahr 2009 auf rund 500. Ciudad Juarez rutschte auf der Weltrangliste der gefährlichsten Städte von Platz 1 ins Mittelfeld ab.

Doch die Ruhe in Mexiko war nur von kurzer Zeit, wie die jüngste Statistik der 50 gefährlichsten Städte der Welt zeigt. Hier werden die Morde pro Einwohnerzahl gemessen. 12 der Städte liegen in Mexiko, unter den Top Ten sind sogar fünf mexikanische Städte zu finden: Platz 1 Los Cabos, Platz 3 Acapulco, Platz 5 Tijuana, Platz 6 La Paz, Platz 8 Victoria. Und Ciudad Juarez liegt auf dem 20. Platz mit einer Entwicklung nach oben, sprich die 1000er Mordrate in diesem Jahr ist schon jetzt fast erreicht. Mexiko und gerade auch die Touristenziele Los Cabos und Acapulco versinken in einem Blutbad. Die Gewaltspirale dreht sich erneut beim südlichen Nachbarn der USA.

Doch wie einst George W. Bush sieht auch Donald Trump das Problem in Mexiko selbst. Für Trump gilt, der Mauerbau würde – zumindest für die USA – alles lösen. Den Drogenfluss von Süd nach Nord, den Waffenfluss von Nord nach Süd und schließlich auch nocht die mexikanischen „Bad Guys“, „Rapists“ und „Criminals“ draußen lassen. Mexiko solle sich gefälligst um die eigenen Probleme kümmern. Das ist die Logik, die schlichtweg falsch ist. Die Gewalt in Mexiko hängt nach wie vor eng mit dem größten Drogenmarkt und den liberalsten Waffengesetzen der Welt zusammen. Die USA sind gefordert mit Mexiko zusammen zu arbeiten, um die erneute Gewaltwelle unter Kontrolle zu bringen. Doch das ist Wunschdenken in einer Zeit, in der eine Hunderte Meilen lange Mauer als Lösung für nationale Probleme gesehen wird.

Denk‘ ich an Amerika in der Nacht…

Donald Trump will die Mauer. Eine schöne Mauer soll es sein, sagt er, seine Anhänger jubeln. Trump sieht das und labt sich an der Reaktion der Menge und setzt noch einen drauf. Die Mauer, so Trump, werde eine hohe sein, so eine, über die man nicht einfach klettern kann. Und wieder jubelt die Menge, Trump freut es.

Donald Trump winkt der Menge am Ende eines Auftritts. Foto: Reuters.

Ein wahrlich blödes Bild, dass einem da im Wahlkampf immer und immer wieder über die Mattscheibe beschert wurde. Ich ertappte mich oft dabei, dass ich glaubte, das kann doch nicht wahr sein. Irgendwann werde Trump sagen: Alles nur Verarsche. Ihr seid wirklich doof, dass Ihr glaubt, ich meine das ernst. Aber leider kam es nicht so. Trump gewann die Wahl mit seinen platten Sprüchen, fiesen Attacken und absoluten Hirngespinsten, die, das muss man betonen, wahrlich unamerikanisch sind.

Und nun? Und nun sind viele in diesem Land paralysiert. Wie geht es weiter unter einer Trump-Administration? Die Zeichen sind alles andere als beruhigend. Trump hat eine Garde zusammengestellt, die nichts Gutes verspricht. Zumindest nicht für jenen Teil Amerikas, die nicht für seine (Un)Werte stehen. Und das ist die Mehrheit. Trump macht da weiter, wo er im Wahlkampf aufgehört hat. Er beschimpft, pöbelt und schikaniert. Sogar große Unternehmen, wie GM und Ford, sind vor ihm nicht sicher. Natürlich ist es gut, wenn solche Firmen nicht ins Ausland gehen, hier weiter produzieren und Arbeitsplätze halten. Doch die Art und Weise, wie Trump das durchzieht ist besorgniserregend. Er droht und das über Twitter in 140 Zeichen. Damit setzt er den Ton für seine Amtszeit.

Was dieser Mann, den man durchaus als „Bully-President“ bezeichnen kann, vergisst, ist, dass er mit seiner Androhung Arbeitsplätze aus Mexiko zurückzuholen eine neue Flüchtlingswelle entstehen lässt. Der Norden Mexikos ist der Hinterhof der US amerikanischen Wirtschaft. Hier produzieren fast alle Unternehmen mit Hauptsitz USA, produzieren billig, was die Aktionäre und die Konsumenten gleichermaßen verlangen. Die Arbeitslosigkeit in diesem Teil Mexikos ist niedrig. Trump fordert nun neben seinem Mauerbau auch, dass die amerikanischen Unternehmen wieder nördlich der Grenze ihre Produkte herstellen sollen. Was das zur Folge hätte wäre ein Anstieg der Arbeitslosigkeit südlich der Grenze und damit der Beginn einer breiten Flüchtlingsbewegung Richtung Norden. Trump könnte zwar mit seinen groben Armdrückermethoden aus Zöllen, Tarifen und schlechter Presse die US Firmen unter Druck setzen, doch letztendlich würde er damit die Probleme in der Region nur vergrößern. Amerika kann und darf nicht isoliert betrachtet werden, wie das Donald Trump macht. „America first“, „Let’s make America great again“ sind ein deutlicher Wandel von „Hope“ und „Change“ und „I believe“ der nun abgelaufenen Obama-Jahre. Die USA sind Teil Nordamerikas, Donald Trump sollte das endlich begreifen.

Der Kartellkrieg beginnt erneut

Drogenkartellkrieg in Ciudad Juarez     
Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Es geht wieder los. 257 Morde in den ersten acht Monaten dieses Jahren, 47 davon allein im August, so viele in einem Monat, wie seit dem Dezember 2013 nicht mehr. Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez steht erneut vor einem Drogenkartellkrieg. Die Verhaftung von Joaquin ‚El Chapo‘ Guzmán, dem Boss des Sinaloa Kartells, hat zu einer Aufspaltung der eigenen Reihen und zu einem Erstarken verfeindeter Kartelle geführt. Nach dem brutalen Straßenkrieg vor ein paar Jahren (Audio-Feature oben) war die Nachbarstadt von El Paso fest in der Hand von Guzmáns Gruppe. Doch nun, nach dessen Festnahme, hat sich das Sinaloa Kartell gespalten, mehrere Fraktionen kämpfen um die Führungsrolle innerhalb des Drogenimperiums.

Und diese Bauchnabelschau nutzen andere Gruppen, um das Sinaloa Kartell herauszufordern. Allen voran das wiedererstarkte Juarez Kartell, das die wichtigen Wege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, zurück gewinnen will. 47 Morde in einem Monat deuten auf den Beginn eines neuen Blutbades hin. Es geht um Macht, um Geld, um Einfluß. Und nichts wird die Gangs und Kartelle da aufhalten. Schwerbewaffnet suchen sie den Kampf mit ihren Kontrahenten und mit der Polizei. Die sieht sich derzeit einer Armee gegenüber, bestens ausgerüstet, bereit für einen erneuten Straßenkrieg. La Linea ist die Einsatztruppe des Juarez Kartells. Im April wurde eine Zelle der Bande ausgehoben, die Polizei fand zahlreiche Sturmgewehre und sogar eine Flugabwehrrakete. Seitdem sind die offiziellen Stellen in der Grenzstadt gewarnt.

Ciudad Juarez hatte sich langsam vom blutigen Straßenkrieg der Kartelle zwischen 2009 und 2011 erholt. Damals starben nahezu 10.000 Menschen im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Die einstige Party-Stadt Juarez wurde in dieser Zeit zur gefährlichsten Stadt der Welt. Touristen und Besucher blieben weg, Restaurants, Kneipen wurden geschlossen, das öffentliche Leben fand nicht mehr statt. Nach Einbruch der Dunkelheit glich Juarez einer Geisterstadt. Nach dem blutigen Sieg des Sinaloa Kartells nahmen auch die Morde ab. In den letzten Jahren erholte sich Juarez, die Menschen genossen in vollen Zügen den „Mexian Way of Life“. Damit scheint nun wieder Schluß zu sein. Die nächste Welle der nicht endenwollenden Gewalt rollt heran. Ausgang und Länge noch ungewiss.

Der Ton macht es aus

Letzte Woche malten die Republikaner in Cleveland den Teufel an die Wand. Nach all den Redebeiträgen hatte ich das Gefühl, ich muss langsam doch mal meine Haustüre abschließen, denn anscheinend warten da draußen bewaffnete Übeltäter und Terroristen, um mich abzuknallen. Wenn man den Republikanern und allen voran Donald Trump Glauben schenken möchte, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann ich, unbewaffnet und naiv, zum Opfer werde. Krisen- und Kriegsgebiete habe ich überlebt, auch mehrere Aufenthalte im Drogenkartellsumpf von Ciudad Juarez, aber die USA scheinen die „Frontline“ im Krieg gegen alles und nichts zu sein. Und dann ist da Trump, der als starker Führer die Amerikaner vor ihrem Weltuntergang retten wird. Es wunderte mich schon, dass in der „Quicken Loans Arena“ nicht einige lautstark „Heil Donald“ riefen.

So ganz anders klingt es bei den Demokraten. Die hatten am Montag ersteinmal mit sich selbst zu kämpfen, denn nach dem Datenklau und den veröffentlichten Emails, in denen deutlich wurde, dass die Parteiführung sich schon frühzeitig auf Hillary Clinton festgelegt hatte, war erst einmal Rambazamba in Philadelphia angesagt. Die Bernie Sanders Anhänger protestierten lautstark und verlangten Konsequenzen. Und die Partei lieferte, u.a. damit, dass die Vorsitzende der Partei, Debbie Wasserman Schultz, mit sofortiger Wirkung ihren Job abgab. Das musste auch sein.

Und dann kam First Lady Michelle Obama auf die Bühne, danach Senatorin Elizabeth Warren und schließlich Bernie Sanders selbst. Es wurden innerparteiliche Brücken gebaut und Bernie zeigte seine wahre Größe in diesem Wahlkampf. Monatelang predigte er von der politischen Revolution, am Montagabend forderte er seine Unterstützer auf, Hillary Clinton zu wählen, denn der Gegner sei bei allen Kontroversen und unterschiedlichen Ansätzen nicht Clinton sondern Trump. Sanders führte auf, in welche Richtung sich die USA bewegen würden, wenn Trump ins Weiße Haus einziehen würde. Allein dieses Bild sollte viele davon überzeugen, dass im November mehr auf dem Spiel steht als nur ein gekränktes Ego. Und Bernie Sanders machte es vor. Nun ist es an der Partei selbst, die Reihen zu schließen und den Alptraum Donald Trump als Präsident zu beenden. Trump hat im Vorwahlkampf schon genügend Schaden angerichtet, nicht vorzustellen, was auf nationaler und internationaler Ebene passieren würde, wenn dieser Egomane im Oval Office Platz nimmt.

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„The most dangerous place in the world“

Ich war in der mexikanische Grenzstadt Ciuadad Juarez zu Fuß unterwegs, als dort im Jahr 3600 Menschen ermordet wurden.

Besuch in Ciudad Juarez     

Mit der Bundeswehr war ich zweimal in Afghanistan. Nach der Landung in Kunduz bekam ich gleich eine kugelsichere Weste und einen Stahlhelm verpasst, im gepanzerten Fahrzeug ging es die kurze Strecke vom Flughafen in die Kaserne der Deutschen. Ich reiste in den Ostkongo, um über die dortige Krise zu berichten, sprach im Rebellengebiet der M23 mit dem Präsidenten, während vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehren und Raketenwerfern standen.

Besuch im Ostkongo     

Es ging in den Tschad. Im Süden des Landes herrschte eine Flüchtlingskrise, das Chaos aus der benachbarten Zentralafrikanischen Republik drohte in den Tschad überzuschwappen.

Besuch im Tschad     

Dann ging es nach Somalia, ans Horn von Afrika. Einen funktionierenden Staat gibt es dort nicht mehr, seit 25 Jahren ist das Land gespalten, Teile versinken im Chaos, werden von Terrorgruppen, wie der Al-Shabaab Miliz, tyrannisiert.

Besuch in Somalia     

Ach ja, und hier drüben war ich auch mal in Los Angeles unterwegs, um dort auf Spurensuche nach den Gangs zu gehen, denn LA gilt als die Hauptstadt der Banden und kriminellen Organisationen in den USA.

Besuch in Los Angeles     
Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Das sind nur ein paar der „Reiseziele“, die ich in den letzten Jahren angesteuert habe. Waffen, Gewalt, Not und Elend gab es auf all diesen Trips zu sehen. Doch anscheinend hätte ich für den „Nervenkitzel“ gar nicht so weit fahren müssen, denn der angehende republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump erklärte nun in seiner allumfassenden Kenntnis des amerikanischen Alltags in einem Interview mit der New York Times: „There are places in America that are among the most dangerous in the world. You go to places like Oakland, or Ferguson. The crime numbers are worse. Seriously.“ Oakland ist, laut Trump, also vergleichbar mit den Krisenherden dieser Welt.

Was stimmt, meine neue Heimatstadt in Kalifornien hat ein Gewaltproblem. Die FBI Statistik für 2014 belegt, dass es in dem Jahr 6900 Gewaltverbrechen in Oakland gab, darunter 80 Morde. Doch das ist nichts besonderes für die USA. Vergleichbare Städte, wie Miami oder New Orleans, liegen noch darüber. Oakland ist also nicht gefährlicher als andere US Städte.

Die Reaktion in Oakland ließ nicht lange auf sich warten. Bürgermeisterin Libby Schaaf, geboren und aufgewachsen in Oakland und eine erklärte Hillary Clinton Unterstützerin, twitterte und postete diese Nachricht auf facebook: „Let me be clear, regarding @nytimes story, the most dangerous place in America is Donald Trump’s mouth.“ Dazu muß ich glaube ich nichts mehr hinzufügen!

Gefahr ist relativ

Gestern erst schrieb ich über meine bevorstehende Reise nach Somalia. Ich bekam einige nette Mails und Kommentare von Freunden und Bekannten, die meinten, ich solle bloß aufpassen und heile zurück kommen. Auf der Webseite des amerikanischen Außenministeriums wird in deutlichen Worten vor einer Reise in die Region am Horn von Afrika gewarnt.

Oakland ist nicht Mogadischu. Foto: Reuters.

Oakland ist nicht Mogadischu. Foto: Reuters.

Und nun sitze ich hier und lese die Nachrichten. Gestern Abend gab es in Oakland den 80. Mord in diesem Jahr. Ein Mann stand in West-Oakland an einem Auto, in dem bereits zwei Frauen und ein Kleinkind saßen. Ein noch Unbekannter eröffnete das Feuer, der 38jährige starb, die zwei Frauen wurden schwer verletzt, das Kind wurde nicht getroffen.

Es gibt zwar keine Reisewarnung für inneramerikanische Städte, aber statistisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit wohl höher, irgendwo im amerikanischen Downtown, oder hier in Oakland an- oder erschossen zu werden, als in Somalia, Kongo, Afghanistan oder anderen Gegenden, in denen ich mich in den letzten Jahren so rumgetrieben habe. Das soll nicht heißen Oakland ist Klein-Mogadischu, auch nicht, dass hier die Anarchie, das Gesetz der Straße herrscht. Vielmehr frage ich mich, warum man im State Department Amerikaner vor Reisen in Krisengebiete warnt, wenn es im eigenen Land Opferzahlen gibt, die jedes Krisengebiet in den Schatten stellen. Die Untätigkeit der amerikanischen Politik ist fragwürdig.

Jedes Jahr werden in den USA weit über 10.000 Menschen ermordet. Und nichts geschieht. Städte, wie Oakland, werden allein gelassen, selbst eine Lösung für dieses akute und alltägliche Problem zu finden. Wichtige Resourcen auf der lokalen Ebene und große Teile des städtischen Haushalts werden für die Gewaltbekämpfung gebraucht. Die Polizei wird in den USA von den Kommunen selbst finanziert.

Von daher ist die Gefahr wohl relativ, wenn man als Amerikaner in Krisengebiete fährt. Anders ausgedrückt. In zehn Jahren, in denen die Bundeswehr in Afghanistan eingesetzt war, starben 54 deutsche Soldaten. Im gleichen Zeitraum wurden in Oakland nahezu 1000 Menschen umgebracht.

Alles beginnt und endet im Kentucky Club

Everything begins and ends at the Kentucky Club.

Nur die Santa Fe Bridge trennt El Paso in den USA von Ciudad Juarez in Mexiko. Früher war es ganz einfach und ganz normal über die Brücke zu gehen, um in der Nachbarstadt billiger einzukaufen, die Bars und Restaurants zu besuchen. Juarez war die Partymeile für die Amerikaner aus dem Norden. Dann begann 2008 ein blutiger Drogenkrieg zwischen dem Sinaloa und dem Juarez Kartell, Tausende von Menschen wurden umgebracht, es wurde zu gefährlich, um die paar Meter von El Paso nach Juarez zu gehen. Die Besucher, die Touristen, die Feiernden blieben weg. Juarez versank in einer Gewaltspirale, im Chaos. Dazu produzierte ich vor einigen Jahren das Feature „The perfect storm“.

Nur etwa 50 Meter hinter der Santa Fe Bridge, auf der rechten Seite liegt der Kentucky Club. Hier soll Elizabeth Taylor ihre Scheidung von Eddie Fisher mit Freidrinks gefeiert haben, hier trafen sich Musiker, Autoren, Künstler, Kulturschaffende, Trinker. Es ist eine einfache Kneipe. Eine lange Theke, weiter hinten eine kleine Küche, links Tische und Stühle. Seit der Gewalt auf den Straßen von Juarez kommen weitaus weniger Gringos hierher.

Benjamin Saenz lebt und arbeitet als Autor in El Paso. Er unterrichtet an der dortigen University of Texas. Er liebt den Kentucky Club: „Das ist wahrscheinlich die bekannteste Bar in Juarez. Sie ist legendär, denn sie repräsentiert irgendwie die Geschichte der Avenida Juarez und der Nachtclubszene, die es hier gab. Es zeigt noch etwas nostalgisch das, was Juarez einmal war, für was es stand und für was es noch immer steht.“

Alles beginnt und endet im Kentucky Club.

Sein jüngstes Buch heißt “Everything begins and ends at the Kentucky Club” und wurde mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Darin sieben Geschichten, die an irgendeinem Punkt im Kentucky Club ankommen. Die Shortstories drehen sich nicht um die Bar, nur die Handelnden kommen mal so ganz nebenbei vorbei, um einen Drink zu genießen. Man wartet beim Lesen richtig auf den Moment, an dem es passiert.

Saenz‘ Erzählungen in “Everything begins and ends at the Kentucky Club” sind traurige, teils düstere Lebensgeschichten. Es geht um Sucht und Liebe, um die Suche nach der Sinnfindung. Die Stories gehen nahe, sind teils brutal, emotional, schockierend. Und doch Saenz hat eine weiche, gefühlvolle Sprache gefunden, die den Leser erfasst. Seine Geschichten, so meint er selber, seien voller Tragik. Saenz macht aus der Gewalt in Juarez keine dramatischen Action Stories, es gibt keine Helden, keine Lösungsvorschläge. Der Autor beschreibt vielmehr das normale Leben der Menschen, diesseits und jenseits der Grenze, die gelernt haben, damit zu leben. Man wird als Leser zum Zuschauer, zum stillen Beobachter eines Alltags, der zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen so ganz anders ist, und doch eigentlich tagtäglich auch so in unserem Leben stattfindet. Wir wissen wenig über die Menschen, denen wir begegnen. Drogensucht, Kindesmißbrauch, Gefühlskälte, Gewalt, das findet man in Juarez, in El Paso, in Nürnberg.

Benjamin Saenz Sprache ist persönlich und überzeugend, auch, wenn er betont, dass nichts davon ihn beschreibt. Doch trotz aller Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, der tiefen menschlichen Abgründe, die Saenz in diesen Geschichten aufzeigt, es ist immer auch Hoffnung, Nähe und ja, auch Wärme zu spüren. “Everything begins and ends at the Kentucky Club” ist ein lesenswertes Buch, im Original bei “Cinco Puntos Press” in El Paso erschienen. Seit September auch in deutscher Übersetzung im Ripperger & Kremers Verlag erhältlich.