Alles beginnt und endet im Kentucky Club

Everything begins and ends at the Kentucky Club.

Nur die Santa Fe Bridge trennt El Paso in den USA von Ciudad Juarez in Mexiko. Früher war es ganz einfach und ganz normal über die Brücke zu gehen, um in der Nachbarstadt billiger einzukaufen, die Bars und Restaurants zu besuchen. Juarez war die Partymeile für die Amerikaner aus dem Norden. Dann begann 2008 ein blutiger Drogenkrieg zwischen dem Sinaloa und dem Juarez Kartell, Tausende von Menschen wurden umgebracht, es wurde zu gefährlich, um die paar Meter von El Paso nach Juarez zu gehen. Die Besucher, die Touristen, die Feiernden blieben weg. Juarez versank in einer Gewaltspirale, im Chaos. Dazu produzierte ich vor einigen Jahren das Feature „The perfect storm“.

Nur etwa 50 Meter hinter der Santa Fe Bridge, auf der rechten Seite liegt der Kentucky Club. Hier soll Elizabeth Taylor ihre Scheidung von Eddie Fisher mit Freidrinks gefeiert haben, hier trafen sich Musiker, Autoren, Künstler, Kulturschaffende, Trinker. Es ist eine einfache Kneipe. Eine lange Theke, weiter hinten eine kleine Küche, links Tische und Stühle. Seit der Gewalt auf den Straßen von Juarez kommen weitaus weniger Gringos hierher.

Benjamin Saenz lebt und arbeitet als Autor in El Paso. Er unterrichtet an der dortigen University of Texas. Er liebt den Kentucky Club: „Das ist wahrscheinlich die bekannteste Bar in Juarez. Sie ist legendär, denn sie repräsentiert irgendwie die Geschichte der Avenida Juarez und der Nachtclubszene, die es hier gab. Es zeigt noch etwas nostalgisch das, was Juarez einmal war, für was es stand und für was es noch immer steht.“

Alles beginnt und endet im Kentucky Club.

Sein jüngstes Buch heißt “Everything begins and ends at the Kentucky Club” und wurde mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Darin sieben Geschichten, die an irgendeinem Punkt im Kentucky Club ankommen. Die Shortstories drehen sich nicht um die Bar, nur die Handelnden kommen mal so ganz nebenbei vorbei, um einen Drink zu genießen. Man wartet beim Lesen richtig auf den Moment, an dem es passiert.

Saenz‘ Erzählungen in “Everything begins and ends at the Kentucky Club” sind traurige, teils düstere Lebensgeschichten. Es geht um Sucht und Liebe, um die Suche nach der Sinnfindung. Die Stories gehen nahe, sind teils brutal, emotional, schockierend. Und doch Saenz hat eine weiche, gefühlvolle Sprache gefunden, die den Leser erfasst. Seine Geschichten, so meint er selber, seien voller Tragik. Saenz macht aus der Gewalt in Juarez keine dramatischen Action Stories, es gibt keine Helden, keine Lösungsvorschläge. Der Autor beschreibt vielmehr das normale Leben der Menschen, diesseits und jenseits der Grenze, die gelernt haben, damit zu leben. Man wird als Leser zum Zuschauer, zum stillen Beobachter eines Alltags, der zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen so ganz anders ist, und doch eigentlich tagtäglich auch so in unserem Leben stattfindet. Wir wissen wenig über die Menschen, denen wir begegnen. Drogensucht, Kindesmißbrauch, Gefühlskälte, Gewalt, das findet man in Juarez, in El Paso, in Nürnberg.

Benjamin Saenz Sprache ist persönlich und überzeugend, auch, wenn er betont, dass nichts davon ihn beschreibt. Doch trotz aller Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, der tiefen menschlichen Abgründe, die Saenz in diesen Geschichten aufzeigt, es ist immer auch Hoffnung, Nähe und ja, auch Wärme zu spüren. “Everything begins and ends at the Kentucky Club” ist ein lesenswertes Buch, im Original bei “Cinco Puntos Press” in El Paso erschienen. Seit September auch in deutscher Übersetzung im Ripperger & Kremers Verlag erhältlich.

 

Das Säbelrasseln beginnt

Präsident Barack Obama im Interview mit dem Fernsehsender NBC.

Präsident Barack Obama im Interview mit dem Fernsehsender NBC.

Es geht wieder los. Seit Wochen schon warnen republikanische Scharfmacher vor einer nicht näher identifizierten Terrorzelle in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. Dort würden, in Zusammenarbeit mit den Drogenkartellen, gezielte Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen vorbereitet. Präsident Barack Obama erklärte am Wochenende in einem Interview mit dem Fernsehsender NBC erneut, dass keine direkte Gefahr von der Terrororganistation „Islamischer Staat“ auf die USA ausgehe. Das heißt, den Geheimdiensten liegen derzeit, so der Präsident, keine Anhaltspunkte vor, dass „IS“ schon an der Santa Fe Bridge lauert.

Obama allerdings kommt der Jahrestag der Terroranschläge zum 11. September sehr gelegen. Am Dienstag wird er sich mit Vertretern des Abgeordnetenhauses und des Senats zusammen setzen, um über die weitere Strategie im Kampf gegen die „IS“ Milizen zu reden. Einen Tag später, am Vorabend von 9/11, wendet er sich an die Fernsehnation. Der von seinem Vorgänger ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ geht in die dritte Runde, quasi „War on Terror 2.1“. Was Bush im Irak verbockt hat, muß nun Obama richten. Dabei sollte man nicht übersehen, dass Barack Obama selbst an der jetzigen Situation in Syrien und im Irak eine heftige Mitschuld trägt. Zu lange konzentrierte er sich lediglich auf einen Abzug der US Streitkräfte aus dem Irak. Dabei wurde übersehen, dass sich ein Machtvakuum in der Region bildete, in das die Extremisten nur zu gerne vorstießen. Die katastrophale Situation im Irak ist also schon lange nicht mehr „nur“ George W. Bush unterzuschieben. Der Friedensnobelpreisträger Obama wird ebenfalls als Kriegspräsident in die Geschichtsbücher der USA eingehen.

Barack Obama hat in den letzten Wochen keine gute Figur im Umgang mit den „IS“ Terroristen abgegeben. Sein langes hin und her, ob und wie und überhaupt, wurde von den Republikanern und von Teilen seiner eigenen Partei als Planlosigkeit ausgelegt. Und dann sein Golfspiel nur wenige Minuten nachdem er Stellung zur Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley bezogen hatte. Die Bilder des lachenden Präsidenten auf dem Grün stießen vielen auf. Im NBC Interview entschuldigte sich Obama für diese Fotos.

Nun also will Obama wieder das Ruder übernehmen, ganz den Kapitän in der stürmischen Außenpolitik spielen. Seine Aussagen sind jedoch weiterhin nebelig. „No boots on the ground“, gezielte Luftangriffe auf Stellungen der „IS“ Milizen im Irak, eventuell werden diese noch ausgeweitet auf syrisches Gebiet. Und Obama will nicht alleine losziehen. Es ist mal wieder die Rede von einer „Koalition der Willigen“. Mit Spannung kann man also auf die Rede am Mittwochabend warten, vor allem darauf, ob Obama, anders als Vorgänger George W. Bush, neben den Marshall Islands auch noch schlagkräftigere Koalitionspartner für seinen neuen „Krieg gegen den Terror“ überzeugen konnte.

America Under Attack!

In knapp zehn Wochen wird in den USA gewählt. Das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Teil des Senats werden neu besetzt. Die Republikaner erhoffen sich, einen deutlichen Sieg einzufahren, ihre Mehrheit im „House“ auszubauen und gleichzeitig die Kontrolle über den Senat zu übernehmen. Damit würde Präsident Obama in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit endgültig ausgebremst werden und die GOP könnte bereits jetzt mit der Beseitigung des „politischen Flurschadens“ beginnen, wie sie die Politik Obamas sehen. Alles ist möglich am 4. November. Um sicher zu gehen, dass die republikanischen Wähler auch ihre Stimme abgeben, wird nun – mal wieder – ein Wahlkampf voller Angst vom Zaun gebrochen. Und im Angstschüren sind die Republikaner Weltmeister.

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

In irgendeinem Hinterzimmer der Parteizentrale muß sich folgendes zugetragen haben. Ein paar kluge Köpfe überlegten sich, wie man am besten die Emotionen der Wähler bedienen kann. Einer meinte, man müsse im Wahlkampf mehr auf die Grenzsituation eingehen, denn die sei ja löchrig wie ein Schweizer Käse. All die Illegalen kommen so ins Land, nehmen den hartarbeitenden Amerikanern die Jobs weg, plünderten das Sozialnetz und sowieso seien viele von ihnen auch noch Schwerkriminelle und Bandenmitglieder. Die anderen nickten wohlwollend. Toller Plan.

Der neben ihm saß meinte nur, vielleicht sollte man auch noch die mexikanischen Drogenkartelle mit in dieses Szenario aufnehmen, denn die seien ja wie die Mafia, unkalkulierbar, das schüre Ängste. Alle nickten, guter Plan.

Der Dritte im Bunde überlegte etwas und erklärte dann, die größte Gefahr bliebe dennoch der internationale Terrorismus. ISIS und Al-Qaida, das seien Dauerbrenner. Und sowieso habe die GOP schon mehrere Wahlkämpfe mit diesen Schreckgespenstern des Terrors gewonnen.

Und dann meldete sich der Vierte im Raum. Warum verbinde man nicht all diese Szenarien, das wäre doch dann der SuperGAU des Angstschürens: Die Kämpfer von ISIS, eigentlich im Irak und Syrien aktiv, sind schon in Mexiko gelandet, haben sogar schon eine Terrorzelle in der Grenzstadt Ciudad Juarez aufgebaut. Natürlich ging das nur mit Zustimmung der dort aktiven Drogenkartelle. Nicht genannte Mitarbeiter der Geheimdienste hätten Telefonate, Emails und SMS Botschaften abgehört und abgefangen, in denen ganz deutlich würde, dass ISIS, Ortsgruppe Juarez, Bombenanschläge auf Grenzposten und Einrichtungen im Grenzbereich auf amerikanischer Seite durchführen will. Die Grenzen sind ja durchlässig, von daher ein Klacks für die Islamisten und ihre Kumpels von den Kartellen. America Under Attack!

Ich weiß nun nicht, ob dieses Hinterzimmergespräch tatsächlich so stattgefunden hat. Denkbar wäre es, denn das Horrorszenario, das hier beschrieben wird, ist tatsächlich die Wahlkampfstrategie der Republikaner. Genau so und in dieser Deutlichkeit. In den konservativen Medien von FOXNews und Breitbart bis hin zu Kommentatoren, wie Allen B. West, wird dieser Terrorplan Tag für Tag Zuschauern, Zuhörern und Lesern dargeboten und nimmt immer haarsträubendere Formen an. Ich denke, bis zum Wahltag werden die ISIS Kämpfer auch noch mit nordkoreanischen oder pakistanischen Nuklearwaffen bewaffnet sein. Es sind ja noch knapp zehn Wochen. Alles ist möglich, man muß es nur glauben.

 

Auf „La Bestia“ ins gelobte Land

Poster der US Kampagne

Poster der US Kampagne zum Schutz von Minderjährigen.

Zehntausende von Kindern und Jugendlichen aus Guatemala, El Salvador und Honduras sind in den letzten Monaten illegal in die USA gekommen. Ihre Familien haben bis zu 7000 Dollar an Schlepper gezahlt, die die Minderjährigen ins gelobte Land bringen sollen.

Der Weg ist lang, beschwerlich und gefährlich. Gangs kontrollieren die Routen, rauben die Migranten aus, vergewaltigen Mädchen, rekrutieren auf dem Weg neue Gangmitglieder. Die Kinder reisen auf Güterzügen durch Mexiko, auf „La Bestia“, Richtung Norden.

Hungrig, halb verdustet und ausgemergelt kommen sie meist in den USA an, um dort von der Grenzpolizei aufgegriffen zu werden. Die versprochene Aufenthaltsgenehmigung erhalten sie nicht. Die USA haben nun eine Kampagne gestartet, Radio- und Fernsehspots und ein Ohrwurm, mit denen man die Familien in Mittelamerika erreichen will. Die Botschaft ist eindeutig: Schickt nicht Eure Kinder.

Dazu der aktuelle Audiobeitrag.

Das Lied von „La Bestia“

Werbekampagne der USA südlich der Grenze.

Werbekampagne der USA südlich der Grenze.

Sie kommen aus Guatemala, Honduras, El Salvador und Mexiko. Illegal kommen sie über die Grenze, in der Hoffnung in den USA das gelobte Land zu finden. Arbeit, Sicherheit, eine Zukunft. Zehntausende sind es schon und Tag für Tag werden es mehr. Irgendwie hat sich in diesen Ländern die Nachricht verbreitet, wer kommt darf bleiben. Vor allem Minderjährige würden nicht zurück geschickt werden, heißt es. Die Menschen fliehen aus wirtschaftlichen Gründen und vor der eskalierenden Gewalt in den mittelamerikanischen Ländern.

Die Konservativen in den USA haben die Grenzfrage zum Wahlkampfthema gemacht, so, als ob Barack Obama alleine für die Situation an der „Border“ verantwortlich ist. Doch die Krise hat schon lange vor der Amtsübernahme Obamas begonnen. Doch nun demonstrieren bewaffnete Milizen und „aufgebrachte“ Bürger entlang der Grenze gegen die Aufnahme der Flüchtlinge, schreien ihnen lauthalts entgegen: „Geht zurück, woher ihr kommt“. Obama besteche durch Abwarten, Passivität, durch politisches Kalkül, heißt es. Er wolle durch sein Nichtstun erreichen, dass die Latinos im Land in Zukunft die Demokraten wählen, so der Vorwurf der Schreihälse.

Schon seit Wochen wird allerdings gehandelt. Eine umfassende Einwanderungsreform wird im republikanisch dominierten Kongress zwar ausgebremst. Lieber schimpft man, als zu handeln. Doch die USA sind in den betroffenen Ländern aktiv. Es gibt Gespräche auf politischer Ebene, Angebote des FBI, im Gangkrieg zu helfen, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Und man fährt eine massive in Washington produzierte Werbekampagne, die besagt, kommt nicht in die USA. Es gibt weder eine Amnestie für Illegale, noch eine Aussicht auf Asyl und auch Kinder und Jugendliche würden zurück in ihre Heimatländer geschickt werden. Darüberhinaus ist der Weg Richtung Norden viel zu gefährlich, vor allem für unbegleitete Minderjährige, wird in der Kampagne immer wieder betont. Dafür wurden Anzeigen in Zeitungen geschaltet, Werbespots und Lieder produziert. Der Song „La Bestia“, der Güterzug auf dem die Flüchtlinge gegen Norden fahren, wurde sogar zu einem Hit. Doch all das hat die Zahlen der Illegalen nicht nach unten gedrückt. Sie hören die Message der Amerikaner, doch hören auf die Geschichten und Berichte derjenigen, die es in die USA geschafft haben. Der Menschenstrom Richtung Norden geht unvermindert weiter.

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Handschlag mit dem Teufel

Für einen Handschlag komme er nicht raus zum Flughafen nach Austin. Kurz und knapp verneinte Texas Gouverneur Rick Perry die Einladung, Barack Obama bei seiner Ankunft in Texas zu begrüßen. Perry schlug vor, dass der Präsident sich Zeit für ein ausgiebiges Gespräch nehmen sollte, um über die katastrophale Lage an der Grenze zu Mexiko zu sprechen.

Gouverneur Rick Perry will sich nicht mit Präsident Obama treffen.

Rick Perry will sich nicht mit Präsident Obama treffen.

Barack Obama kommt jedoch noch aus politischen Gründen in den „Lonestar State“. Er reist nach Texas, um dort an gleich mehreren Veranstaltungen für demokratische Kandidaten teilzunehmen, sprich Geld in die Wahlkampfkassen zu fluten. Die Tagespolitik bleibt da außen vor. Zwar erklärte das Büro von Obama, man werde bei einem runden Tisch auch über die Grenzfrage sprechen und dazu würde man Rick Perry gerne einladen, doch das scheint Perry nicht genug zu sein.

Der Gouverneur hat für sich die offene Grenze als offene Wunde Obamas definiert und bohrt darin fast täglich genüßlich herum. Am Sonntag erklärte er in der Sendung „This Week“ auf ABC: „Ich glaube, ihn (Obama) kümmert es nicht besonders, ob die Grenzen der Vereinigten Staaten gesichert sind“. Rick Perry, der 2012 als republikanischer Präsidentschaftskandidat gleich mehrere Aussetzer im Wahlkampf hatte und frühzeitig die Segel streichen mußte, positioniert sich derzeit. Alles sieht danach aus, dass er erneut ins Rennen ums Weiße Haus gehen will. Die illegalen Immigrantenströme aus dem Süden sind dabei ein Thema, das die Republikaner vereint. Und er als Gouverneur eines betroffenen Grenzstaates schafft es derzeit fast jeden Tag in die nationalen Medien zu kommen. Ein Handschlag mit dem „Teufel Obama“, wie ihn die politische Rechte in der GOP nennt, wäre da ein falsches Bild.

Die illegale Einwanderungswelle aus dem Süden treibt zur Zeit die verschiedensten politischen Wahlkämpfe an. Demokraten und Republikaner gleichermaßen haben überhaupt kein Interesse der Situation Herr zu werden. Sie setzen auf Zeit und spielen damit mit der Not und dem Leid Zehntausender, die in den USA (noch immer) das gelobte Land sehen.

 

 

Borderland außer Kontrolle

In Washington weiß man, dass man etwas tun muß. Doch nichts passiert. Zumindest nicht bis zur Kongresswahl im November und wahrscheinlich auch nichts mehr in der verbleibenden Amtszeit von Präsident Barack Obama. Eine Reform der Immigrationspolitik ist überfällig, doch beide Seiten können und wollen sich nicht einigen, sie schlachten vielmehr die katastrophale Lage an der Grenze zu Mexiko politisch für sich aus. Jeder auf seine Weise, Demokraten sind da nicht besser als die Republikaner. Das alles auf dem Rücken von Tausenden illegaler Einwandererr. Von Amerikanern, die im Grenzgebiet leben und sich von ihrer Regierung im Stich gelassen fühlen. Von Border Patrol Agents, die sich tagtäglich fragen müssen, was sie hier eigentlich machen.

Alter Grenzzaun an der US-Mexiko Grenze. Dahinter der neue Schutzwall, der jedoch nicht durchgängig ist.

Alter Grenzzaun an der US-Mexiko Grenze. Dahinter der neue Schutzwall, der jedoch nicht durchgängig ist.

Die Situation spitzt sich zu. Die Grenze ist nur an Teilstücken gesichert. Dort steht dann ein fünf Meter hoher Doppelzaun, Drohnen, Patrouillen, Kameras und Bewegungsmelder machen einen illegalen Grenzübertritt fast unmöglich. Doch etwas abgelegener von den Grenzstädten, mitten in der Wüste, findet man nur einen verrosteten Drahtzaun, der kein Hindernis darstellt. Aber je weiter man in die Wüste vordringt, umso gefährlicher wird die Reise Richtung Nordn. Allein zwischen Oktober und Mai sind 47.000 Minderjährige illegal in die USA gekommen. Im kommenden Jahr rechnen die amerikanischen Behörden mit fast 140.000 Kindern und Jugendlichen, die sich ohne Eltern ins „gelobte Land“ im Norden aufmachen. Und Washington handelt nicht. Man schiebt sich lieber gegenseitig den schwarzen Peter zu. Es ist eine humanitäre Krise riesigen Ausmaßes. Geld, Mittel und die Infrastruktur fehlen an allen Ecken und Enden, um diesen Menschenstrom zu versorgen. Notunterkünfte, Verpflegung, sanitäre Anlagen, nur wenig ist davon vorhanden.

Und nun ziehen auch noch amerikanische Milizen an die Grenze, um ihre „patriotische“ Aufgabe zu erfüllen. „All Texas & National Militia Available Please Converge Immediately“ war der Aufruf an Militia Gruppen in verschiedenen Internetforen. Bewaffnet wollen sie nun illegale Grenzgänger abschrecken, zurück schicken, verhaften. Die Situation an der 3145 Kilometer langen Grenze ist unüberschaubar geworden. Und der Ruf wurde gehört. Gleich an mehreren Teilstücken der Grenze wurden die ersten „Patrioten“ mit Knarren gesichtet. Wenn Washington nicht bald handelt, könnte es sehr schnell zu einer eskalierenden Lage an der Grenze kommen. Doch anscheinend will man genau das erreichen. Es paßt ins politische Kalkül.

 

„Breaking Bad“ in California

Wenn man durchs Central Valley von Kalifornien fährt, dann ist man froh im Süden die Tehachapi Berge oder im Norden den Altamont Pass zu erreichen. Interstate 5 ist die Hauptverkehrsader in Kalifornien, schnurgerade durch Farmland gebaut. Im Sommer ist es extrem heiß, im Winter wabern hier undurchsichtige Nebelbänke herum. Und ansonsten herrscht Langeweile, wenn man da auf offener Strecke eine Meile nach der anderen abfährt.

Das Central Valley wurde bekannt für Farmproteste und seine Bakersfield Country Music Szene. Ansonsten gibt es nicht viel im Gemüsegarten Amerikas. Doch hier hat sich seit Jahren auch eine weitverzweigte Gangkultur breit gemacht. Banden, zwischen Los Angeles und der San Francisco Bay Area mit engen Kontakten zu den Drogensyndikaten in Nordmexiko nutzen die verschlafene Ruhe für sich aus. Der Interstate 5 ist auch zu einer Ader zu den Drogenbaronen südlich der Grenze geworden. Und das hat sich immer mehr zu einem Problem in Kalifornien entwickelt. Die Drogenfahnder griffen durch und konnten so unzählige an Meth Laboren ausfindig machen, in denen die Crystals, ganz in „Breaking Bad“ Manier gekocht wurden.

Beschlagnahmte "Tequila" Flaschen mit Meth-Flüssigkeit.

Beschlagnahmte „Tequila“ Flaschen mit Meth-Flüssigkeit.

Die Kartelle haben darauf allerdings reagiert und das lukrative Business in den Süden verlegt, auf die andere, die sichere Seite der Grenze. Dort wird gekocht und alles verflüssigt. Das Meth wird dann in Tequila- und Saftflaschen gefüllt und harmlos verpackt über die Grenze nach Norden gebracht. Im Central Valley wird dann in Kleinstlabors, meist mitten in Wohngebieten, die Flüssigkeit in die verkaufsfertige Droge umgewandelt.

Immer öfters finden daher Polizisten und Ermittler in Kofferräumen von Autos Richtung Norden ganze „Tequila“ Kisten. Auch die Grenzbeamten ziehen an den Übergängen mehr und mehr Schmuggler in den Warteschlangen raus, die mit verdächtigen Flaschen auffallen. Im vergangenen Jahr stoppte die Border Patrol einen 16jährigen am Grenzübergang in San Diego, der erklärte, die Gallone bei sich sei wirklich Apfelsaft. Um das zu prüfen nahm er einen kräftigen Schluck und schrie sofort auf vor Schmerzen. Nach einigen qualvollen Stunden verstarb der Jugendliche.

Die mexikanischen Drogenkartelle kontrollieren das lukrative Geschäft im Norden. Über das Central Valley wird der gesamte amerikanische Westen abgedeckt. Man kann heute ohne Zweifel sagen, dass der in dern 80er Jahren ausgerufene „War on Drugs“ eine Totalniederlage für Amerika ist. Eine Verschwendung von Geldern, Energie und Ressourcen und obendrein noch eine Kriminalisierung weiter Teile der US Bevölkerung. Gebracht hat er so gut wie gar nichts. Bloß, das will niemand so offen eingestehen.

Obama ist mal wieder an allem schuld

Amerika erlebt Tag für Tag eine humanitäre Krise im eigenen Land. Und es geschieht nichts. Allein in diesem Jahr sind bereits 47.000 Minderjährige illegal über die Grenze von Mexiko in die USA gekommen. Jugendliche, Kinder und Kleinkinder. Und kein Ende ist in Sicht, denn in Washington sitzen Politiker beider Parteien die Katastrophe aus, schieben sich tagtäglich den schwarzen Peter zu und glänzen durchs Nichthandeln. Die Gouverneurin des Grenzstaates Arizona, Jan Brewer, hat mal wieder Obama als Schuldigen ausgemacht. Ihr Bundesstaat ist besonders von der illegalen Einwanderung betroffen. Brewer forderte die Bürger nun auf, die Obama Adminstration zu fragen, „warum es diesen massiven Zuwachs an illegaler Grenzüberschreitung gibt und was das den Steuerzahler kostet, der am Ende mit dieser Krise umgehen muß, die der Präsident geschaffen hat“.

Grenze zu Mexiko

Grenze zu Mexiko

Man kann ja von Obama halten was man will, aber er ist sicherlich nicht für die derzeitige Krise verantwortlich. Denn sie ist keine „derzeitige Krise“. Amerika hat ein Problem mit der illegalen Zuwanderung. Offiziell heißt es, rund 12 Millionen Illegale leben in den USA. Inoffizielle Zahlen gehen sogar von nahezu 30 Millionen Menschen aus, die ohne Papiere in den USA leben. Brewer hat eine Abneigung gegen Präsident Obama, das ist noch milde ausgedrückt und nichts neues, aber diese Schuldzuweisung ist schlichtweg falsch. Insgesamt sind in den letzten Jahren die Zahlen nach unten gegangen, „dank“ der Militarisierung an der Grenze durch George W. Bush, aber das ändert nichts daran, dass eine Einwanderungsreform dringend notwendig ist. Bislang versuchte man mit einem hohen Zaun, mehr Grenzpatrouillen und mehr High Tech die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Das kostet die USA Jahr für Jahr rund 18 Milliarden Dollar, mehr als die Gesamtausgaben für alle anderen Bundespolizeieinheiten. Doch all das hat wohl nicht den eigentlichen Zweck erfüllt. Eine politische Lösung wurde immer und immer wieder auf die lange Bank geschoben, von einer Administration an die nächste weiter gereicht.

Seit Jahrzehnten schon kommen illegale Einwanderer aus Mexiko, Guatemala, El Salvador, Honduras und anderen Ländern in die USA. Man schätzt 57 % aus Mexiko, 24 % aus lateinamerikanischen Ländern, 9 % aus Asien, 6 % aus Europa und Kanada und 3 % aus Afrika. Nun erlebt man eine Welle von Minderjährigen, die illegal in die USA kommen. Und keiner weiß, wie man damit umgehen soll. Viele der Kinder haben Eltern und Verwandte in den USA, die versuchen, ihre Sprößlinge nachzuholen. Andere flüchten vor der Gewalt in Ländern wie Mexiko oder El Salvador, in der Hoffnung im „gelobten Land“ im Norden eine Zukunft zu finden.

In Washington hängt im Senat eine „Immigration Reform“, geschrieben von den Demokraten. Die jedoch wird von den Republikanern im Abgeordnetenhaus nicht angefasst. Sie verlangen zuallererst die Sicherung der Grenze, eine Abschiebung von Illegalen und keine Abkürzung für illegale Einwanderer zu einer US Staatsbürgerschaft. Ein Kompromiss ist Welten entfernt. Der aktuelle Kongress ist nur noch wenige Wochen vor der Sommerpause in Washington. Danach beginnt die heiße Wahlkampfphase für den November Wahltermin. Bis zur Pause, davon kann man ausgehen, wird die dringend notwendige Reform nicht mehr kommen. Es werden also weiter Männer, Frauen und Kinder illegal die Grenze in die USA überschreiten. Einige werden bei dem Versuch in der Wüste sterben, andere halb verdurstet und ausgemergelt von Grenzbeamten aufgegriffen werden, um dann in Lager gebracht zu werden, die „menschenunwürdig“ sind, wie es immer wieder heißt.

Doch aufregen kann man sich darüber eigentlich nicht. Was derzeit vor den südlichen Toren Europas passiert, ist auch nicht gerade Ausdruck einer humanen Flüchtlingspolitik. Man schaut hin. Man schaut weg. Wie wird morgen das Wetter?

 

 

Das ist richtiges “Reality TV”

“Al Jazeera America” setzt ganz neue Maßstäbe. Der Nachrichtenkanal aus Katar ist vor Ort und präsentiert in seinen Programmen ein Bild, dass von dem, was CNN, MSNBC und FOXNews zeigen, Welten entfernt ist. Hier schreien sich keine erzkonservativen Obamahasser an wie auf FOXNews, hier türmt man nicht eine nach der anderen Verschwörungstheorie auf, um auf den Grund des verschollenen malaysischen Airliners zu kommen. Al Jazeera zeigt die Welt hinter den amerikanischen Grenzen, berichtet mit eigenen Korrespondenten aus Afrika, Asien, Südamerika, ist präsent und vor Ort.

Und nein, ich will hier keine Lobhudelei auf einen Sender loswerden, ich werde nicht von ihnen bezahlt, obwohl ich durchaus gerne für Al Jazeera arbeiten würde. Aber gestern Abend sah ich eine Sendung auf “Al Jazeera America”, die einfach großartig war. Nicht nur, dass damit das Thema der illegalen Einwanderung anders, einleuchtend, verständlich vermittelt wurde. Die Produzenten schafften mit “Borderland” auch eine grundlegende Kritik am amerikanischen Fernsehen. Seit Jahren schon nerven mich diese “Reality Shows” im Fernsehen. Da werden irgendwelche Hampelmänner und –frauen auf Südseeinseln oder in sonst einen Busch geschickt, um zu “überleben”. Andere lassen sich in Container einsperren, um den “Big Brother” nachzuspielen, unter den Augen der Öffentlichkeit wird dann “alles gezeigt”. Dann diese dämlichen Sendungen mit irgendwelchen Hausfrauen aus Beverly Hills oder sonst einem reichen Vorort. Nicht auszuhalten. Und das deutsche Fernsehen ist ja nicht besser. Da sucht ein Bauer eine Frau und die Zuschauer ergötzen sich an einem seltsamen Schauspiel, dass an Fremdschämen nicht zu überbieten ist. Außer man mag “Stromberg”, aber das ist im Vergleich gutes deutsches Fernsehen.

Und nun also Al Jazeera mit einer neuen Sendung, die, man kann es nicht anders sagen, brillant ist. Sechs Personen, Männer und Frauen, werden in “Borderland” zu einem Leichenschauhaus in Pima County gebracht. Dort Regale voller Leichen in “bodybags”, die in der Wüste gefunden wurden. Illegale Grenzgänger. Und hier beginnt diese Form von “Reality TV”. Jeweils zwei Kandidaten bekommen ein Bild und einen Namen von einem Toten und reisen in die Gemeinden. Nach Guaetemala, nach Südmexiko, nach Des Moines, Iowa. Und dort sprechen sie mit Verwandten und Freunden, erfahren mehr über diejenigen, die in der Wüste verendet sind, folgen ihren Spuren, erleben, was sie auf sich genommen haben, um in das gelobte Land nördlich der Grenze zu kommen. Die Gruppe der “Borderland Kandidaten” ist eine Mischung aus Menschen, die zum einen sagen, macht die Grenze dicht, lasst niemanden mehr herein. Und dem anderen Teil, die erklären, Grenzen sind unsinnig, Menschenleben werden so nur unnötig gefährdet. Doch beide Seiten müssen im Zuge ihrer neuen Erfahrunge ihre Haltung von grundauf überdenken, denn Al Jazeera geht in dieser Fernsehserie nicht nur auf die illegalen Einwanderer ein, die in den USA arbeiten wollen. Die Produzenten berichten auch vom brutalen Drogenkurierdienst durch die Wüste von Arizona, kontrolliert von den mexikanischen Kartellen. Sie bringen die Gruppe zu Farmern im Grenzland, die ihnen von ihren Problemen, Ängsten und ihrer allgemeinen Siutation berichten. Von gewaltbereiten Drogenschmugglern, die schneller schießen als Hallo zu sagen.

“Borderland” ist TV, wie man, wie ich es mir wünsche. Nah dran, gut recherchiert, kontrovers, zum Nachdenken anregend, neu….eben nicht nur eine dumme Berieselung und ein Vorgegaukel an Problemen, die eigentlich keine sind. “Al Jazeera America” läuft in den USA auf einem Kabelkanal, den man extra abonnieren muß. Das ist der eigentliche Skandal hier, denn eine Sendung wie “Borderland” gehört ins freie Abendprogramm zur besten Sendezeit. Denn, wenn mehr Amerikaner das sehen würden, könnte eine “Immigration Reform” nicht länger auf die lange Bank geschoben werden.

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