Dokumentarfilm über einen Schlesier

Chris Strachwitz ist „one of a kind“. Der schlesische Einwanderer hat wohl mehr für die amerikanische Roots Musik getan, als viele seiner Zeitgenossen. Strachwitz reiste in den frühen 60er Jahren in den US amerikanischen Süden, zu einer Zeit, als die Bürgerrechtsbewegung an Fahrt aufnahm und Schwarze offen gegen Diskriminierung und brutale Segregation auf die Straße gingen. Ihn hielt nichts zurück, Chris Strachwitz suchte die Bars und Tanzlokale der Afro-Amerikaner auf, um genau dort deren Musik live aufzunehmen. „The crazy German“ wollte einfach dabei sein, aufnehmen, genießen. Angst kannte er keine.

Chris Strachwitz hat Musiker und Musik aufgezeichnet, die ohne seinen Einsatz heute längst vergessen wären. Sein im kalifornischen El Cerrito beheimatetes „Arhoolie Label“ ist eine Schatztruhe der amerikanischen Roots Musik. Blues, Country, Gospel, Cajun, Zydeco, Tejano, seine Liebe zur Musik trieb ihn an. Ein Aufnahmestudio wollte er nie haben, er nahm die Musiker da auf, wo sie spielten. In verrauchten Clubs, in Tanzhallen, auf Straßenfesten, in Küchen und auf Veranden.

Die Filmemacher Maureen Gosling und Chris Simon sind derzeit an der Produktion einer Dokumentation über das Schaffen des im niederschlesichen Groß Reichenau geborenen Immigranten. Der Arbeitstitel lautet „No Mouse Music“. Und dazu suchen sie noch über Kickstarter finanzielle Unterstützer. Die ersten Ausschnitte dieses Filmes versprechen eine beeindruckende Dokumentation über diesen Ausnahme Audiosammler zu werden.

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Deutscher Grammy Sieger

Chris Strachwitz wurde in Schlesien geboren und kam nach dem Weltkrieg in die USA. Dort im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten fand er seine Faszination für den Blues. In den 50er Jahren fing er damit an, vor allem schwarze Musiker aufzunehmen. Strachwitz reiste immer wieder unter erschwerten Bedingungen in den Süden der USA, um dort „seine“ Musik live einspielen zu lassen. In Clubs genauso wie in Wohnzimmern und Küchen. Das alles zu einer Zeit, als in den Südstaaten der USA die Bürgerrechtsbewegung tobte. Doch die Unruhen und Auseinandersetzungen hielten ihn nicht ab, ganz selbstverständlich fuhr der blonde „German“ durch die Gegend und in abgelegene Dörfer, um seine „Field Recordings“ zu bekommen und wurde dabei immer mit offenen Armen empfangen. Gerade weil er keinen Unterschied zwischen den Hautfarben machte und Musik ihn mit den Musikern verband.

Chris Strachwitz hat diese Aufnahmen auf seinem eigenen Label „Arhoolie Records“ herausgebracht. Noch heute ist er aktiv. „Arhoolie Records“ steht für diese frühen „Field Recordings“, für den Blues, für Cajun Musik, für Country und Folk, für einen Mann, der seine Leidenschaft und seine Liebe zur Musik zu seinem Lebensinhalt machte. Chris Strachwitz hat mit seinen „Recordings“ wichtige Tondokumente geschaffen, Stimmen, Musiker, Lieder wurden so für spätere Generationen bewahrt. Vor ein paar Jahren traf ich ihn für ein Interview, den Artikel dazu kann man hier nachlesen. In den 60er Jahren nahm Strachwitz in seiner Wahlheimat Berkeley all jene Musiker auf, die später die Hippie und Flower Power Bewegung beeinflussten.

Bei der Grammy Verleihung in Los Angeles erhielt nun die Arhoolie-Box „Hear Me Howling!: Blues, Ballads & Beyond As Recorded By The San Francisco Bay By Chris Strachwitz In The 1960s“ einen Grammy. Ein fantastisches und historisch wertvolles Album, das nicht nur die einzigartige Arbeit von Chris Strachwitz widerspiegelt, sondern auch die musikalische Energie der Zeit. Gratulation für diese Auszeichnung an Arhoolie und Chris Strachwitz!

Der Bär ist los

Es kommt ja nicht so oft vor, dass Deutsche für einen Grammy nominiert werden. Und dann auch gleich noch für zwei, also das ist schon einen Blogeintrag wert. Bear Family Records hat seine Zentrale in einem kleinen Dorf nördlich von Bremen. Und von dort aus wurde in den letzten 36 Jahren die amerikanische Country und Folk Musik quasi eigenhändig gerettet. Als viele US Plattenfirmen vor allem auf neue Künstler setzten, fing Oberbär Richard Weize damit an, die Archive der amerikanischen Labels zu durchstöbern, um an die Originalbänder von Musiker und Gruppen zu gelangen, die in den 30er, 40er, 50er und 60er Jahren ihre Musik aufnahmen. Mit Liebe zum Detail wurden dann diese „Recordings“ neu veröffentlicht.

Heute zählt Bear-Family Records zu den wichtigsten Plattenfirmen weltweit, die sich auf Wiederveröffentlichungen spezialisiert  haben. Und nicht nur das, die Musiker selbst sehen es als Auszeichnung an, im Bear Family Katalog zu erscheinen. Die riesigen Vinyl- und CD Boxen des Labels findet man in guten Sammlerplattenläden zwischen Los Angeles und Tokio…Hier in San Francisco gehe ich bei Amoeba Records immer mit einem Lächeln am Country/Folk Regal vorbei: „Die habe ich auch“.

Im Mai hatten wir in der NZ eine der außergewöhnlichen Bear-Family CD Boxen vorgestellt: „The Bristol Sessions – The Big Bang of Country Music“. Eine Songsammlung, die den Urknall der amerikanischen Country Musik mit Künstlern wie der Carter Family oder Jimmy Rodgers beschreibt. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1927, liegen hier aber in bester Qualität vor. Ein beeindruckendes historisches Musikdokument, begleitet von einem umfangreichen Buch.

Und genau diese Box wurde nun gleich für zwei Grammys nominiert. Einmal in der Kategore „Bestes Historisches Album“ und einmal für „Beste Liner Notes“. Eigentlich halte ich nicht viel von der Grammy Verleihung, denn immer wieder werden in den Hauptkategorien nur die selben Verdächtigen mit ihrem Bla-Bla-Bla Geschunkele ausgezeichnet. Allerdings hat die „Recording Industry“, die die Grammys verleiht, in der Vergangenheit immer wieder in diesen von der Masse weniger beachteten Nebenkategorien das richtige Ohr bewiesen. Die Nominierungen für „The Bristol Sessions“ ist dafür ein weiteres Beispiel. Gratulation nach Holste-Oldendorf und ich werde am 12. Februar die Daumen drücken. Die Verleihung findet im Staples Center von Los Angeles statt.

Und hier kann man den Sound von Bear Family hören, im eigenen „Bear-Family Radio„.

Obama mit Gossensprache

Im amerikanischen Internet kursieren derzeit ein paar Soundfiles, die dem neuen Präsideten so gar nicht gefallen werden, auch wenn er sie selbst eingesprochen hat. Barack Obama hatte sein Bestseller Buch „Dreams from my father“ auch als Audiobuch eingesprochen und darin kamen u.a. ein paar Szenen mit einem Schulkameraden Baracks vor, die es in sich haben. Lange Zeit fiel das keinem so richtig auf, doch nun mit Präsident Barack Obama im Amt ist alles anders:

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„This shit’s getting way too complicated for me“

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„There are white folks and than there are ignorant Motherfuckers like you“

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„That guy ain’t shit. Sorry ass motherfucker got nothing on me, right..nothing“

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„Sure, you can have my number baby!“

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„You ain’t my bitch, nigga. Buy your own damn fries“

Besuch am Hindukusch – Reise in ein unbekanntes Land

Welcome to TermezEine für mich einmalige Reise! So kann ich zumindest den Versuch starten, das in Worte zu fassen, was ich in diesen paar Tagen erlebt habe. Mit einer Idee fing alles an, als im amerikanischen Wahlkampf immer wieder aufs Neue davon geredet wurde, die NATO Partner im Afghanistan Einsatz müssten mehr eingebunden werden. Amerika klotzt und die Verbündeten zögern, hiess es immer wieder. Klar wurde dabei, die amerikanische und auch kanadische Öffentlichkeit weiss so gut wie nichts davon, dass Deutschland in Afghanistan präsent ist, mit derzeit 3500 Soldaten und Soldatinnen, das drittstärkste Kontingent stellt und im Norden einen Weg geht, der durchaus empfehlens- und auch nachahmungswert ist – nämlich Partnerschaft und Kooperation.

Mit dieser Idee und meiner Möglichkeit durch Radio Goethe vor allem junge Hörer in Nordamerika zu erreichen, wollte ich mir den Einsatz der deutschen Soldaten mal selbst ansehen. Über das Auswärtige Amt kam ich mit dem Verteidigungsministerium in Verbindung und nach etwas hin und her stand der Termin. Eine Woche Afghanistan, zu den Einsatzorten Mazar-e Sharif und Kunduz. Und was ich in diesen paar Tagen sehen konnte, war vielfältig, war neu, war alles hoch interessant. Schon die Anreise über Termez in Usbekistan. Man kommt am Abend mit einem Airbus aus Köln auf einem Flugfeld an, bleibt dort über Nacht, untergebracht in Zelten, und fliegt am Tag darauf mit einer Transall weiter nach Mazar-e Sharif in Afghanistan. Zwanzig Minuten Flug, etwas steil geht es dann runter. Eine riesige Anlage haben sich die Deutschen da aufgebaut. Auch andere Truppen der ISAF sind im Lager zu sehen. Kroaten, Schweden, Norweger, Amerikaner, Engländer, Ungarn, Franzosen…

Für alles ist gesorgt, eine kleine Stadt neben der eigentlichen Stadt wurde aufgebaut, denn der Grossteil der Soldaten, darf im viermonatigen Einsatz, die Kaserne überhaupt nicht verlassen. Nur jene Kräfte, die dienstlich raus müssen, können raus. Die meisten der Deutschen werden von Afghanistan keine grossen Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Am ersten Tag fuhr ich mit ein paar Journalisten Kollegen im Taxi in die Stadt Mazar-e Sharif, um die “Blaue Moschee” zu besuchen, DIE Sehenswürdigkeit in der Gegend. Das Glaubenshaus lag unter einer dicken Schneedecke. Noch kurz eine Einkaufsstrasse gesehen und schon ging es vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Auf der verschneiten Strasse blockierten plötzlich mehrere Autos die Fahrbahn, sofort kamen einem alle Horrogeschichten hoch, die man in den letzten Wochen und Monaten gehört hatte. Doch es war nur ein liegengebliebenes Fahrzeug, nichts besonderes, etwas ganz normales bei den Strassenverhältnissen. Allerdings merkten wir, dass wir in Afghanistan angekommen waren, die innere Spannung hatte sich aufgebaut.

Im Lager ist man in Containerbarracken untergebracht. Nicht komfortabel, aber weitaus besser als in Zelten. Alle, bis auf die Ausnahme der Lagerleitung, aber auch höhere Dienstgrade, sind zu dritt auf den kleinen Zimmern untergebracht. Es besteht keine Privatsphäre, nicht beim Schlafen, nicht beim Duschen, nicht auf den Toiletten. Und auch die Büros sind gut besetzt. Gearbeitet wird sieben Tage die Woche, nur am Freitagmorgen hat man frei. Vier Monate lang ohne mal alleine zu sein zehrt. Klar, sagt jetzt der eine oder andere, die Soldaten haben gewusst, auf was sie sich da einlassen. Ich stimme Ihnen zu, allerdings sollte man die Diskussion über den Einsatz in Afghanistan nicht auf der Basis führen, ob ein finanzieller Zuschlag von derzeit 92 Euro pro Tag und Kopf gewährleistet sei und, ob zwei Dosen Bier für die Soldaten pro Tag gerechtfertigt ist. Ich habe in meiner Zeit dort keinen einzigen betrunkenen und/oder aggressiven Soldaten gesehen und habe vielmehr vollen Respekt davor bekommen, was die Angehörigen der Bundeswehr dort machen. Journalisten werden dort durchgeschleust, jeden Tag. Und dennoch waren alle freundlich, stets hilfsbereit und offen, von ihrer Arbeit und den Eindrücken zu berichten.

Am zweiten Tag in Mazar-e Sharif gingen wir auf eine Patrouille, die uns in ein kleines Dorf führen sollte. Mit drei “Dingos” ging es los, schwergewichtige und gepanzerte Fahrzeuge, die problemlos die Winterlandschaft durchquerten. Am Rande der kleinen Ansiedlung wurde angehalten, Splitterwesten angelegt und der Kommandoführer mit ein paar Soldaten (und drei Pressevertretern im Schlepptau) liefen auf eines der Häuser zu. Draussen positionierten sich mehrere Soldaten. Wir wurden ins Haus eingeladen, sassen auf dem Boden und hörten zu, was der “Malek”, der Bürgermeister des Dorfes, zu berichten hatte. Er sprach von Projekten, die bereits mit Hilfe der Deutschen angegangen wurden, was noch ansteht, aber auch, dass er nun ein “Hadschi” sei, ein Gläubiger, der gerade von seiner Reise nach Mekka zurück gekehrt war. Und auch meine Fragen beantworteten die Afghanen geduldig. Mich interessierte vor allem, wie sie es empfinden, dass die Deutschen hier im Raum mit Splitterwesten und zum Teil bewaffnet sitzen und gleichzeitig über Möglichkeiten der Winterhilfe sprechen, Kinderkleidung und Holz für das Dach der Moschee besorgen wollen. Ich weiss nicht, ob die Männer im Raum anders geantwortet hätten, wenn die Bundeswehrangehörigen nicht dabei gewesen wären, aber sie erklärten, dass Deutschland und Afghanistan schon sehr lange eine enge Beziehung verbinde. Und sie verständen gut, dass man sich in diesen Zeiten schützen müsse, also mache es ihnen nichts aus, dass bewaffnete Soldaten im Zimmer seien. Einer der Alten griff bei diesen Ausführungen des Bürgermeisters, die Splitterbrille des Truppführers und setzte sie auf. Alle mussten bei diesem Anblick lachen, eine sehr lockere und entspannte Atmosphäre herrschte im Zimmer. Tee und Brot, Plätzchen, Nüsse und Süsses wurde gereicht.

Nach einer halben Stunde ging es wieder los. Draussen warteten zahlreiche Kinder, die uns mit den Alten verabschiedeten. Die Kleinen trugen Jacken mit dem ISAF Logo, ein Zeichen dafür, dass einiges der Hilfe ankommt. Auch wenn mir im Laufe der Reise mehrere Gesprächspartner erklärten, dass in diese Region bereits mehr als 100 Milliarden Dollar geflossen seien, doch nach wie vor rund 1,2 Millionen Afghanen von direkter Nahrungsmittelhilfe abhängig sind. Der letzte kalte und schneereiche Winter hatte zu starken Ernteausfällen geführt, was zur Folge hat, dass in diesen Wochen die deutschen Patrouillen den Kontakt zu lokalen Bürgermeistern suchen, um herauszufinden, was gebraucht wird. Ganz direkt, ganz unkompliziert.

Wo ist Zuhause, Mama?

…so heisst eine Platte vom Münchner Label Trikont, eine sehr schräge aber dennoch sehr empfehlenswerte Mischung der etwas anderen deutschen Musikszene. Seltsamer Titel für einen Blogeintrag, aber ich bin gerade aus Nürnberg zurück nach Kalifornien gekommen, also auch eine kleine Reise zwischen meinen Welten. Zwei Wochen Deutschland, viele Termine erledigt, viele Freunde gesehen, mit meiner Familie Heiligabend genossen. Und nun atme ich mal durch und lasse alles noch einmal, manches mehr, manches weniger, vorbeiziehen.   Was ich sehr interessant auf dieser Reise fand war, wie mittlerweile die englische Sprache in Deutschland benutzt wird. Also, das hat wirklich sehr fragliche Ausmasse angenommen. In Berlin sah ich die Schaufensterwerbung eines Geschäftes „The best gift forever“. Also, meine Eltern würden das nicht verstehen. Aber die wohnen ja auch im Tillypark, wo derzeit neue Wohnungen unter „Tillypark Living“ angeboten werden. Ich habe wahrlich nichts gegen die Benutzung von englischen Wörtern, wenn es denn Sinn macht. Also „Computer“ oder „Email“ sind eingedeutscht, aber warum kann man nicht mehr „Geschenk“ oder „Leben“ sagen, warum muss alles auf einmal so international klingen? Die deutsche Sprache ist doch reich und vielseitig genug, die Dinge und Gefühle auszudrücken.   Ganz schlimm ist es, wenn man fern sieht. Mit einem Jetlag (!) im Nacken klickt man sich nachts durch die Programme und da erlebt man wahrlich die Vergewaltigung der deutschen und auch der englischen Sprache. Da ist dann schon mal ein junger Zeitgenosse „total gechillt“, eine Star- und Sternchen Reporterin berichtet von dem „extrem relaxten“ Hollywoodpärchen zur „X-Mas Zeit“ und eine Kneipe heisst ja nun auch nicht mehr so, sondern ist zu einer „angesagten Location“ geworden. Bei aller Liebe zur englischen Sprache, die ich nun wirklich habe, bei solchen Wortkonstruktionen bin ich dann alles andere als „extreme easy“, denn das ist „voll uncool“, gibt mir den totalen „Horrorflash“ und beschert mir voll die „Stomachprobleme“. Man wundert sich bei all diesen (un)kreativen Sprachtyrannen nur, dass die so unbehelligt ihre Verblödung der deutschen Sprache verbreiten dürfen.

Country Musiktipps

Ich bin an meiner Country/Folk/Americana Sendung für die Lufthansa dran. Dafür suche ich nach Musikern und Bands fernab der Country Charts. Und immer mal wieder stösst man auf wahre musikalische Perlen. Country hat in Deutschland einen ziemlich schlechten Ruf, geprägt von Bands wie „Truck Stop“ und „…der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an“. Doch so einfach ist es dann doch nicht. In den USA gibt es ein „Revival“ des klassischen Americana Sounds. Vielleicht liegt das am Erfolg der „American Recordings“ von Johnny Cash. Seine Versionen, produziert von Rick Rubin, haben dem Country eine ganz neue Richtung gegeben. Viele junge Musiker erkannten und entdeckten die musikalischen Wurzeln des „Sound of the West“. Eine wahre Flut von hervorragenden Veröffentlichungen kam in den letzten 10-15 Jahren heraus und fand ihr dankbares Publikum. Für die neue Sendung stiess ich auf Richard Shindell und sein Album „South of Delia“. Er selbst ist ein begnadeter Songwriter, doch für diese Platte nahm er sich Songs anderer vor und interpretierte sie ganz neu. „Born in the U.S.A.“ von Bruce Springsteen oder „Mercy Street“ von Peter Gabriel bekommen so einen total neuen Anstrich. Shindell singt im Country-Stil, viele seiner Versionen sind schlicht gehalten, und gerade das eröffnet dem Hörer die teils bekannten Songs auf eine neue Weise. Sehr nahegehend, sehr gefühlvoll.ANTI ist das Label auf dem Tom Waits seit ein paar Jahren veröffentlicht. Es gehört zum Punk Label Epitaph, das, wie es heisst, eines Tages von Waits angesprochen wurde mit der Frage, ob sie nicht seine Musik herausbringen wollten. Epitaph erkannte eine Chance sondergleichen, sagte umgehend zu und gründete ein Unterlabel, ANTI. Und ANTI entwickelte sich zum Sammelbecken hervorragender Musiker. Nicht nur, dass einige neue Künstler und Bands hier Möglichkeiten bekamen, auch ein paar alte Granden wurden neu entdeckt. Man denke nur an Ramblin‘ Jack Elliott und Porter Wagoner, der leider kürzlich verstarb. Elliott und Wagoner waren jahrelang ohne Plattenvertrag und wurden bei ANTI mit offenen Armen aufgenommen. Und beide legten 2007  faszinierende Alben vor. Ramblin‘ Jack Elliott „I stand alone“ und Porter Wagoner „Wagonmaster“.Vor ein paar Monaten sah ich Ramblin‘ Jack Elliott in Nicasio, eine Zehnhäusergemeinde nördlich von San Francisco. Dort ist „Rancho Nicasio“, ein Restaurant mit kleiner Bühne und genau dort spielte Tom Russell. Er lud mich ein zu kommen und ich bereute die lange Anfahrt nicht. Alles hat so ein bisschen Skihütten Atmosphäre, viel Holz und Vorhänge an den Fenstern. Und dann stand Tom Russell dort auf der Bühne und spielte nur mit einer Gitarre bewaffnet. Er sang von Highways und Hobos und vom Wahnsinn eines langen Zaunes entlang der mexikanischen Grenze. Und im Publikum war eben auch Ramblin‘ Jack Elliott. Tom, der ihn gut kennt, holte ihn auf die Bühne, den kleinen Mann mit grossem Cowboyhut und vom Whiskey leicht beschwipst. Beide spielten auf und begeisterten, holten musikalisch aus und hatten sichtlich Spass an dieser Jam Session.Und eben dieser Ramblin‘ Jack Elliott, der schon mit Woody Guthrie zusammen lebte und spielte, hat mit seiner auf ANTI veröffentlichten Platte einen Grammy gewonnen. Und auch „Wagonmaster“ von Porter Wagoner ist so ein Ausnahmealbum, das zeigt, dass im Country und Folk das Alter so gar keine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil, diese Musik braucht brüchige Stimmen, Geschichten von Erlebtem und den Spagat zwischen damals und heute. Hier geht es nicht um pompöse Light- und Danceshows, hier geht es um eine ganz intime Stimmung, um einen der mit seiner Gitarre ein Feuer entfachen und Geschichten erzählen kann. Es lohnt sich wirklich den Country ganz neu zu entdecken – ich habe das für mich gemacht.