F… Corona, es ist Wahlkampf!

Noch immer haben die USA ein massives Problem mit dem Corona Virus. Weit über 1,5 Millionen Menschen wurden in den Vereinigten Staaten bislang positiv getestet, rund 90.000 Amerikanerinnen und Amerikaner starben aufgrund ihrer Infektion. Es ist eine absolute Katastrophe, doch der Präsident macht Wahlkampf, quasi auf dem Rücken der allgemeinen Gesundheit.

Seine Söhne, Eric und Donald Jr., verbreiten über ihre Twitter Accounts Verschwörungstheorien. Da wird Joe Biden als Pädophiler gebrandmarkt, als dement hingestellt, als Teil einer korrupten Regierung unter Barack Obama. Und Corona wird mal einfach so als demokratische Erfindung abgetan, denn der von Demokraten unterwanderte und kontrollierte „Deep State“ wolle nur die Massenveranstaltungen von Donald Trum verhindern. Nach der Wahl, so die Söhne des Präsidenten, werde das Virus ganz plötzlich und unerwartet verschwinden. Corona sei also eine Wahlkampfstrategie der Demokraten, um Donald Trump zu schaden.

Präsident Trump selber läuft derzeit zur Hochform auf. Er teilt wie ein Besessener über Twitter Verschwörungstheorien, falsche Behauptungen, Anschuldigungen und Lügen. Und zwischendurch einfach mal ein „Obamagate“. Trump will ablenken, Unruhe stiften, wieder die Mär vom „Deep State“ verkaufen. Zumindest sollen die Wählerinnen und Wähler am Ende sagen, „na ja, vielleicht ist ja doch was dran“. So will Trump die Mehrheiten in den heiß umkämpften Swing States gewinnen.

Die Frage ist, wie von Seiten der Demokraten darauf reagiert werden kann und soll. Michelle Obama meinte auf dem Parteitag 2016 in ihrer vielbeachteten Rede für die Kandidatin Hillary Clinton: „If they go low, we go high“. In diesem Moment wünschten sich viele in den USA, dass sie die Kandidatin der Partei sei, um erfolgreich Donald Trump in die Knie zu zwingen. Das Ergebnis ist bekannt, aber Michelle Obamas Worte hallen noch immer nach. Doch können sie gegen einen Kandidaten wie Donald Trump noch gelten, der nachweislich in seiner Amtszeit fast 20.000 Lügen und Unwahrheiten verbreitet hat. Der den fiesen, hinterhältigen und unwahren Wahlkampf liebt. Für ihn zählt nur der Sieg, wie er das schafft, ist ihm gleich. Nachtreten, die Schwächen des anderen brutal ausnutzen, Verwirrung stiften, keine Fehler zugeben, ablenken, Schuld auf andere schieben, Tiefschläge sind willkommen. Trump spielt dieses Spiel königlich. Biden ist dem sicherlich so nicht gewachsen, die Frage ist, ob die Wählerinnen und Wähler das dummdreiste und hohle „Gschmarri“ von Trump glauben oder es durchschauen.

„If they go low, we go high“, ein edler Ansatz, gerade in der Politik. Die Obamas halten sich daran, nach wie vor. Von ihnen hört man nicht täglich, was Trump da macht, eigentlich bewerten sie gar nicht, wie Trump alles, was mit Obama zu tun hat, vergessen machen will. Während #45 an diesem Wochenende Dutzende von Tweets seiner rechtsaußen Basis „retweetet“, haben die Obamas all den High School Absolventen gratuliert und gedankt, die in diesem Jahr stillschweigend ihren Abschluß erhielten. Keine Abschlußfeier, kein Tanz, keine großer Zeremonie. „Prom Night“ ist ein großes Ding in den USA. Daran erinnerte Barack Obama. Das ist präsidial. Oder schauen wir einfach mal auf die beiden Fotos, die Trump und Obama oben auf ihren „Twitter Accounts“ stehen haben. Sie alleine sagen alles über diese beiden Männer und Präsidenten aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Jahr ist das am 3. November.

 

Darauf ein Glas Wein

Gestern war ich in Sonoma County, um meine „Futures“ bei meinem Lieblingsweingut abzuholen. Wein, den ich im letzten Jahr im Fass probiert und dann bestellt hatte. Nun abgefüllt, gelagert, „ready to drink“. Die „Tasting Rooms“ sind ja derzeit geschlossen, die Krise trifft die Region hart. Nach den gewaltigen Bränden im letzten Jahr, die damit verbundenen Schließungen ist nun erneut ein Nullpunkt erreicht.

In einem Lagerhaus in Windsor holte ich meine Kisten ab, mit Mundschutz und auf Distanz wurde alles in den VW Bus eingeladen. Wir standen dann noch zusammen und unterhielten uns. Es sieht nicht gut aus, für die kalifornische Weinindustrie. Einige „Tasting Rooms“ werden nicht mehr öffnen, hieß es, viele der Angestellten mußten entlassen werden, Weingüter sind bereits in finanzielle Schieflage geraten. Das Ende sieht nicht gut aus.

Das „Dry Creek Valley“ per Fahrrad erleben.

Der „County“, der Bezirk, hat nun angekündigt, nach Wochen der Schließung wieder langsam zu öffnen. Wie das aussehen soll, ist allen noch unklar. „Wine Tasting“ mit Maske, mit Distanz, mit Latexhandschuhen und Desinfektionsmitteln? „Well, I don’t have an answer?“, wurde mir gesagt. Abwarten, sehen, was passiert, hoffen, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle und erneuten Totalschließungen kommen wird.

Vom Lagerhaus fuhr ich nach Downtown Healdsburg, der Kleinstadt im Zentrum des Weinanbaugebietes in Sonoma County. Am zentralen Platz, an dem riesige Redwoods aufragen, war alles leer. Nur wenige Geschäfte hatten geöffnet. Ich parkte meinen Wagen, holte mein Fahrrad raus und fuhr los Richtung „Dry Creek Valley“, von dort kommen „meine“ Weine, dort gibt es den besten Zinfandel. Eine 30 Kilometer Rundfahrt, entlang der Reben, vorbei an geschlossenen Weingütern, der Himmel war bewölkt. Wenig Verkehr, ein paar Arbeiter zwischen den Rebstöcken. Das Valley ist ganz besonders, eine schöne, ruhige Atmosphäre und ideal für den Weinanbau, denn es wird tagsüber oft heiß, doch nachts zieht eine Nebeldecke vom Pazifik kommend kühlend über die Landschaft.

An einigen Stellen kann man noch Schilder finden, auf denen den Einsatzkräften nach den Feuern gedankt wurde. Damals konnte durch den schnellen und kontrollierten Einsatz der Feuerwehren schlimmeres für das Valley verhindert werden. Doch wochenlang hing eine dicke Rauchglocke über der Region, der 101 war geschlossen, weite Teile des Counties evakuiert und natürlich war die Weinindustrie davon besonders betroffen. Gestern lag das Tal ganz friedlich vor mir. Ich radelte voran und dachte mir „strange times“. Später dann, ein Glas Wein auf die kalifornischen Winzer. Zumindest kann man sie so etwas in all dem Irrsinn unterstützen. Cheers!

This is the land of confusion

Amerika ist das Land der Verschwörungstheorien. Hier kann jeder denken was er will und davon überzeugt sein, es wird sich immer jemand anderes finden, der genauso denkt. Vor etlichen Jahren war ich mal auf einem UFO Kongress, habe dort eine Frau kennengelernt, die mir erzählte, sie sei schon mehrmals auf dem Mars gewesen. Wie sie denn dorthin gekommen sei, wollte ich wissen, und sie antwortete, nachts habe sie das „Mothership“ abgeholt. Sie erinnere sich noch, dass ein Lichtstrahl sie aus dem Bett gehoben habe. Es sei nicht bedrohlich gewesen, ganz im Gegenteil, alles sei ihr friedlich und sanft vorgekommen.

Über den Extraterrestrial Highway zur Area 51.

Ein „Doktor“ berichtete davon, dass er fremdartige, nicht irdische Metalle aus den Körpern von Menschen operiere. Er sei sich sicher, dass diese Einpflanzungen unter die Haut von Außerirdischen durchgeführt wurden, um die Menschheit zu beobachten, zu kontrollieren, mehr über sie herauszufinden. Ob er mir solche Metalle mal zeigen könne, fragte ich ihn. Leider nein, er nehme diese nie mit, habe sie an einem sicheren Ort verwahrt. Zum Schutz vor Diebstahl.

Andere Redner und Interviewpartner sprachen von den „Black Helicopters“, den Kornkreisen, den Außerirdischen, die schon lange unter uns und mit uns leben. Auf meine Fragen erhielt ich Antworten, dieser UFO-Kongress war ein Treffen all jener, die an mehr glaubten, als das, was als „normal“ gilt. Sie suchten sich und sie fanden sich. Kurz darauf fuhr ich zum ersten Mal zur Area 51, interviewte dort Ufologen, sprach auch mit einer Frau, die mich ganz intensiv anblickte und mich dann allen Ernstes fragte, ob ich ein Außeridischer sei. Ich schaue so intensiv, meinte sie.

Heute ist das alles anders. Man muß nicht mehr auf Kongresse fahren, um Gleichgesinnte zu treffen, man ist nur ein paar Klicks von „Communities“ entfernt, die genauso denken wie man selbst und Geschichten als Tatsachen verbreiten, die eigentlich absurd sind. „Qanon“ und „Deep State“, Zwangsimpfungen durch Bill Gates, Entwaffnung aller Amerikaner und so weiter und so fort. Da ist ein deutscher „Doktor“ in den USA, der von sich behauptet Krebs heilen zu können und dann Videos online stellt, die da heißen: „Eilmeldung – Das rettet euer Leben vor Bill Gates Impfung“. Und das wird tausendfach gesehen.

Das Problem ist aber nicht, dass es solche abstrusen und abgedrehten Theorien überhaupt gibt, die gab es schon immer, die wurden auch teils gerne gelesen. Man denke nur an die wöchentliche „Weekly World News“ mit Artikeln über „Big Foot“, „Bat Boy“, Außerirdische und auch, dass Adolf Hitler noch am Leben sei, wenn er nicht schon gestorben wäre. Schlimm ist vielmehr, dass diese Verschwörungstheorien in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und sich dort massiv verbreiten. In diesen Corona Tagen bekomme ich regelmäßig von Bekannten Videos zugeschickt, mit der Aufforderung mir das mal anzusehen. Eins schlimmer als das andere, nicht zu glauben, totaler Blödsinn. Wenn ich das dann sage, kommen verschiedene Reaktionen. Einmal wurde mir gesagt, ich solle nicht so klug tun, ich wüßte es ja auch nicht besser. Ein anderesmal meinte jemand, ja, das sei schon extrem, aber irgendwas sei schon dran, die Wahrheit liege wohl in der Mitte. Welche Mitte bitte, wenn da von einer Weltregierung, einer totalen Kontrolle, einer Zwangsimpfung und dem Ende der Demokratie gesprochen wird.

Einer, das muß auch erwähnt werden, der auf Verschwörungstheorien ganz besonders abfährt, ist der amerikanische Präsident Donald Trump. Er teilt nur zu gern solche Videos, Artikel und Kommentare, heizt damit diese Themen nur noch weiter an, denn immerhin hat Trump fast 80 Millionen „Followers“ auf Twitter. Irgendwo und irgendwie wird das dann auch schon hängen bleiben, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Tweets teilt, in denen führende Demokraten in die Nähe von Pädophilenkreisen gebracht werden. Da wünsche ich mir meine Frau vom Mars zurück, die einfach interessant und unterhaltsam erzählte, wie sie da schon mehrmals in der Nacht abgeholt wurde. Ganz friedlich und sanft. „The truth ist out there“.

Journalistischer Corona Alltag

Ich weiß, ich kann mich in diesen Tagen und Wochen glücklich schätzen. „Home Office“ ist für mich seit fast 25 Jahren ganz alltäglich und normal. Für mich wäre es wohl eine große Umstellung, wenn ich nun jeden Morgen in ein Büro fahren müsste. Von Daheim zu arbeiten hat für mich den Vorteil, dass ich mir die Zeit selbst einteilen kann. Auch mal frühmorgens, abends oder am Wochenende arbeite, dafür dann sonnige Tage für lange Spaziergänge nutzen kann.

Auch sind die Restriktionen nicht so groß in Oakland, ich kann also noch jeden Tag mit meinem Hund die Wege und Pfade im East Bay Regional Park unsicher machen. Viel hat sich also für mich in diesen Corona Zeiten nicht geändert, zumindest vom täglichen Ablauf her.

Thematisch sieht das ganz anders aus. Einige Features wurden verschoben oder angefragt, ob ich die auf die aktuelle Situation umschreiben könnte. Das geht nicht so einfach, denn oftmals hängen damit ja auch Reisen zusammen. Sowieso muß derzeit alles irgendwie einen Corona-Dreher bekommen. Ein anderer Beitrag, über die Zusammenarbeit eines Tierheims in Marin County und dem Staatsgefängnis von San Quentin, ist derzeit überhaupt nicht zu realisieren, denn Töne vor Ort kann ich nicht aufnehmen. Das Gefängnis steht unter Lock-Down, keine Besucher sind erwünscht.

Milizen in den USA sind im Wahljahr 2020 ein aktuelles Thema. Foto: AFP.

Sowieso ist das derzeit mehr als schwierig. Rausgehen, Interviews vor Ort führen, Feldaufnahmen machen, sich einen eigenen Eindruck schaffen. Ich hatte Glück, dass ich vor der Krise und den Ausgangsbeschränkungen noch einiges hier auf dem Schreibtisch hatte, was ich abarbeiten konnte. Nun kam vor kurzem eine größere Anfrage vom Bundesamt für politische Bildung für ein Podcast zum Thema Milizen in den USA. Eigentlich war eine Veranstaltung über Freiräume rechter Gruppen geplant, doch die mußte abgesagt werden. Stattdessen wird nun alles in Podcasts aufgearbeitet. Da ich schon mal ein längeres Feature über die Milizen in den USA produziert habe, wurde ich angefragt. Ein paar aktuelle Interviews kann ich über What’s App Audio oder Skype führen, viele der Töne für solch eine Sendung habe ich bereits vorliegen.

Hinzu arbeite ich noch an Musikbeiträgen, gehe Stories nach, die ich eventuell aktualisieren könnte und überlege, wie ich trotz Corona an Töne, Aufnahmen, Interviews vor Ort komme, denn nur per Telefon, Skype und andere Audiodienste…das ist nicht so ganz das Wahre. Zumindest nicht für mich. Und ich spreche noch nicht einmal von meinen Reisen in Gegenden, von denen ich hier in diesem Blog immer wieder berichtet habe. Es sind seltsame Zeiten und die Aussicht auf das, was da kommt oder kommen mag, sind ungewiss. Auch, wie sich das alles noch auf meine Arbeit, auf den Journalismus allgemein auswirken wird.