Dem Henker von der Schippe springen

Die Hinrichtungskammer in San Quentin. Foto: Reuters.

Was sagt man einem Mann, der seit 1978 in der Todeszelle sitzt und sterben will? Der Staat Kalifornien könnte schon bald wieder mit Hinrichtungen beginnen. Im vergangenen Jahr stimmte eine knappe Mehrheit der Wähler dafür, die Einspruchsmöglichkeiten von zum Tode Verurteilten zu verkürzen. Das kalifornische Verfassungsgericht hat vor ein paar Wochen dieses Gesetz weitgehend für rechtens befunden. Damit ist für 18 Todeskandidaten das Ende in Sicht. weiter lesen

Alcatraz, San Quentin, Angola

Gestern in Alcatraz, heute mit San Quentin gesprochen, morgen geht es nach New Orleans, um mit einem ehemaligen Häftling zu sprechen, der über 40 Jahre in Einzelhaft im berüchtigten Gefängnis Angola untergebracht war.

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4 qm Leben

Sonntagmorgen 8 Uhr. Ich habe einen Besuchstermin für San Quentin. Seit nunmehr 21 Jahren besuche ich regelmäßig einen Gefangenen auf „Death Row“, dem kalifornischen Todestrakt im ältesten Gefängnis des Bundesstaates. Am Donnerstag noch ließ ich mir telefonisch den Termin geben, „Lock Down“ sei so gut wie vorbei, hieß es. „Lock Down“ heißt, das gesamte Gefängnis oder ein Teil davon ist unter Verschluß. Die Gefangenen bleiben in ihren vier qm Zellen und die werden eine nach der anderen total umgekrempelt auf der Suche nach verbotenen Gegenständen, wie Waffen, Drogen, nicht Erlaubtes.

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Weniger Henkersmahlzeiten in den USA

Es gibt auch noch gute Meldungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vor kurzem verkündete zwar der Bundesstaat Arkansas, dass man innerhalb von 11 Tagen acht Exekutionen durchführen wolle, was international zu einem großem Aufschrei führte. Der Grund für die Fließbandhinrichtungen war ein Betäubungsmittel, dessen Haltbarkeitsdatum auslief. Arkansas setzte sich am Ende vor den Gerichten durch und ließ den Henker walten.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht. Foto: Sam Robinson.

Doch diese Nachricht widerspricht dem Trend in den USA. Wurden 1999 noch 98 Menschen in den USA hingerichtet, waren es 2016 „nur“ noch 20. So wenig, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und auch die Todesurteile verringerten sich dramatisch. Im vergangenen Jahr sprachen Geschworene im ganzen Land 30 Höchststrafen aus, 1996 waren es noch 315. Ist das ein Umdenken in der amerikanischen Bevölkerung? Ja, sagt das Pew Research Center, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage heraus fand, dass zum ersten Mal in 50 Jahren weniger als 50 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe sind.

Die Death Rows in den Bundesstaaten leeren sich trotz der verringerten Hinrichtungszahlen stetig. Immer mal wieder müssen Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, weil die Urteile nachweislich falsch waren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Todeskandidaten dem Henker durch einen natürlichen Tod von der Schüppe springen. Auch die Selbstmordzahlen in den abgeschotteten Hochsicherheitstrakts bleibt hoch. Die Zahl der Death Row Inmates ist von 3500 im Jahr 2000 auf 2881 im Jahr 2015 gefallen.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Zahl der „Lifers“, der zu lebenslanger Haft Verurteilten, ohne Aussicht auf Begnadigung. 161.000 Männer und Frauen haben diese Strafe erhalten. Hinzu kommen weitere 44.000 Personen, die durch lange Haftstrafen von zig Jahrzehnten quasi lebenslang hinter Gittern bleiben werden. Die Hälfte der über 200.000 inhaftierten „Lifers“ sind Afro-Amerikaner, auch das ist eine klare Aussage über die amerikanische Gesellschaft. Insgesamt ist die Gefängnisindustrie in den USA ein lukratives Geschäft. Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen sitzen in amerikanischen Prisons, so viel, wie nirgends sonst auf der Welt. Das waren dann also die schlechten Nachrichten zum Schluß dieses Blogeintrags, Amerika ist einfach ein Land voller Widersprüche.

 

Die Nürnberger San Quentin Connection

Die Welt ist kleiner geworden. Samstagmorgen kalifornischer Zeit und ich höre auf der Autofahrt nach San Quentin der Live–Übertragung der Fußballbundesliga auf B5 Aktuell zu. Vorbei an Downtown Oakland, Blick auf San Francisco und die Golden Gate Bridge, über die Richmond-San Rafael Bridge und schon bin ich auf dem Parkplatz des legendären und ältesten Gefängnisses von Kalifornien. Auf der anderen Seite der Bay liegen Tiburon und Belvedere, eine sündhaft teure Gegend in der Region. Hier lebten Steffi Graf und Andre Agassi, bis sie ihr Anwesen für etwas über 20 Millionen Dollar verkauften und nach Las Vegas zogen. Dort lebte auch Robin Williams bis zu seinem Freitod.

San Quentin hat eine Traumlage mit Blick auf die Bay, der Nebel, der durch das Golden Gate strömt, lässt das Staatsgefängnis oftmals links liegen. Das sehe ich auch wieder, als ich an diesem Morgen mit Reno in einem kleinen Stahlkäfig eingesperrt werde. Er ist braungebrannt vom vielen Scrabble Spiel auf dem Hof des „East-Blocks“, der Death Row in San Quentin. In aller Ruhe schmiert er sich Ketchup und Mayonnaise auf das Sandwich und den Burger aus den Automaten, die ich noch in der Mikrowelle aufgewärmt habe, dazu zwei Dosen Coca Cola, Popkorn und ein Milky Way, denn das gab es diesmal mit dunkler Schokolade.

Die Zellen im East-Block von San Quentin. Foto: Reuters.

Ein Besuch wie so viele zuvor. Im Käfig gegenüber ein Mitglied der Aryan Nation. Glatzkopf, langer weißer Bart, ein eindeutiges Tattoo am Hals. Der Mittfünfziger beobachtet uns mit ernstem Blick. Er wartet und wartet und wartet. Nach 50 Minuten wird er wieder mit Handschellen und Kette um den Bauch in seine Zelle zurück gebracht, sein angekündigter Besucher kam nicht. In den weiteren Käfigen Gefangene und Frauen, die sie besuchen. Sowieso fällt man hier als männlicher Besucher auf. Es gibt wohl eine Faszination von Frauen für Häftlinge mit einer aussichtslosen Haftstrafe. Und die hier ist noch härter als lebenslang, denn im normalen Strafvollzug kann man „private“ Besuche mit der Frau oder Freundin bekommen. Auf Death Row ist gerade mal ein Begrüßungs- und Abschiedskuss erlaubt. Während des Besuches müssen die Hände sichtbar, also auf der Tischplatte sein. Und doch all diese Einschränkungen und Aussichten schrecken Frauen nicht ab, ernsthafte Beziehungen mit Todeskandidaten einzugehen. Eine davon lebt sogar in Nürnberg. Sie hat einen „Death Row Inmate“ in San Quentin geheiratet. Nach einer Brieffreundschaft ging man den Bund der Ehe ein. Nun ist es eine Fernbeziehung zwischen Nürnberg und San Quentin. Ein paar Besuche im Jahr, Briefe und fast tägliche Telefonanrufe um die halbe Welt.

Ich sitze mit Reno fast zwei Stunden an diesem Tisch, draußen fliegen die Möwen vorbei, die Fenster sind mit einem Stahlgitter ausbruchssicher gemacht. Wir reden über alles mögliche, klar, auch der neue Präsident ist ein Gesprächsthema. „Ich schalte immer gleich weg, wenn er im Fernsehen kommt“, meint Reno. In seiner 1,20 x 2,60 Meter kleinen Zelle schaut er lieber Motorrennsport und träumt von alten Zeiten, als er in den 60er und frühen 70er Jahren auf seiner Harley durch die Gegend tuckerte. Lang ist es her. 1978 wurde er verhaftet, 1980 zum Tode verurteilt. Seitdem ist viel Wasser durchs Golden Gate rein und wieder raus geflossen. Ebbe und Flut kommen und gehen, in San Quentin ist ein Tag wie der andere. Der fast 72jährige ist schon über die Hälfte seines Lebens hinter Gittern. Im Hochsicherheitstrakt der „Death Row“ mit strengen Regeln und Abläufen sind Besuche mehr als willkommene Abwechslungen. Sie sind, trotz der offensichtlichen Umstände, ein stückweit normales Leben. Eine Umarmung, relativ schmackhaftes Essen von draußen, Lachen, Geschichten von der Außenwelt. Nicht viele der etwa 750 Todeskandidaten haben diese Möglichkeit. Die meisten von ihnen sind mit ihrer aussichtslosen Verurteilung und über die Jahre vergessen worden.

Auf dem Weg nach draußen und zurück zum Parkplatz treffe ich den Pressesprecher von San Quentin. Mit ihm war ich mehrere Male im Gefängnis unterwegs, verbrachte viele Stunden mit ihm. „Hey, how you’re doing? Good to see you.“ „Doing well, how yourself?“ Ein bißchen Smalltalk am Rande der Bay. Ein neues, größeres Thema schwirrt mir durch den Kopf, Arbeitstitel: 24 Stunden auf Death Row. Die Genehmigung könne er mir nicht erteilen. Das müsse ganz oben im kalifornischen Justizministerium entschieden werden und das würde dauern. Zeit, das habe ich über die Jahre gelernt, ist nicht das Problem, wenn man sich mit der Todesstrafe und der Death Row in San Quentin beschäftigt.

Todeskandidaten gegen die Abschaffung der Todesstrafe

Am 8. November wird in den USA gewählt. Und hier stimmt man nicht nur für Donald oder Hillary ab, in Kalifornien sollen oder können wir 41 Mal unser Kreuzchen machen, sprich unsere Linie zwischen zwei Punkten ziehen. Es geht neben der Präsidentenwahl auch um Abgeordnete, Senatoren, Mitglieder verschiedener öffentlicher Unternehmen, Stadträte, Richter und dann noch allerhand „Volksentscheide“ auf staatlicher, kommunaler und Bezirksebene.

Vor mir liegt ein umfangreiches Heft, so dick wie DER SPIEGEL in guten Zeiten, zugeschickt von der Wahlbehörde. Darin die Auflistung all dieser Entscheide, das Für und Wider. Als Wähler muß man hier seine Hausaufgaben machen, wobei viele wohl nur ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten abgeben werden. Wer weiß schon, welche Qualitäten ein Richter oder ein Aufsichtsratsmitglied für das lokale UBahn-System, den Park Service oder die Schulbehörde mitbringt.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

Zwei der Volksentscheide befasssen sich auch mit der Todesstrafe in Kalifornien. „Prop. 62“ sieht die Abschaffung der „Death Penalty“ und die Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung vor. „Prop. 66“ hingegen will eine Beschleunigung der Verfahren durch eine Beschneidung der Einspruchsmöglichkeiten und eine zusätzliche Verpflichtung von Rechtsanwälten erreichen. Beide Initiativen führen an, dass ihr jeweiliger Ansatz massiv Steuergelder einsparen würde.

Interessanterweise werden beide „Propositions“ im Todestrakt selbst abgelehnt. Das zumindest erklärten mir gleich mehrere zum Tode Verurteilte. Klar, „Prop/ 66“, die Beschleunigung des Verfahrens, stößt nicht auf viel Zustimmung auf der „Death Row“. Die Abschaffung der Höchststrafe, „Prop. 62“ kommt allerdings auch nicht gut an, denn mit der Verlegung in andere Gefängnisse und in den allgemeinen Strafvollzug, würden ein paar der Privilegien wegfallen, die die Todeskandidaten in San Quentin derzeit haben.

Ein ganz wichtiger Vorteil sind die Einzelzellen, in denen sie untergebracht sind. Diese sind zwar nur 1,40 Meter x 2,60 Meter groß, allerdings sind im normalen Strafvollzug in San Quentin zwei Häftlinge in solchen Zellen eingepfercht, heißt, wenn einer steht, muß der andere auf seinem Bett sitzen. Wenn einer die Toilette am Kopfende benutzt, geschieht das gleich neben dem Zellengenossen. Hinzu kommt mit einer Verlegung in andere und auch modernere kalifornische Gefängnisse ein Verlust von vielen Sozial-, Kunst- und Freizeitprogrammen. Im ältesten Knast Kaliforniens, direkt im Ballungsraum an der San Francisco Bay gelegen, gibt es mehr als 70 solcher Angebote, die vor allem von Freiwilligen von draußen durchgeführt werden. Darunter eine Uni, Yoga Klassen, Musik-, Kunst-, Bildungs- und Kulturangebote. Darüberhinaus würde mit einer Umwandlung in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung für einige Todeskandidaten die Tür nach draußen endgültig geschlossen sein. Mit dem Ende der Einspruchmöglichkeiten wäre ihr Lebenslauf abgeschlossen, sie wären vergessen hinter dicken Mauern. Es gibt sie, die Häftlinge, die nach wie vor behaupten, sie seien unschuldig oder hätten nicht mit dem Tod bestraft werden sollen. Einzig die Hoffnung hält sie in San Quentin am Leben, ein Leben auf „Death Row“.

„San Quentin you’ve been living hell to me“

Ein Samstagmorgen in San Quentin, an einem Wochenende, an dem meine Lange Nacht über das älteste kalifornische Staatsgefängnis auf Deutschlandradio Kultur und dem Deutschlandfunk läuft. Seit 1980 sitzt Reno dort auf Death Row, 1978 wurde er verhaftet. Heute ist er ein alter Mann, er sitzt im Rollstuhl, kann sich kaum erheben, als ich mit einigen Sandwiches, Cola und Popkorn in dem „Besucherkäfig“ eingesperrt werde, in dem er schon wartet.

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin.

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin.

8:30 ist mein Termin, vor ein paar Tagen hatte ich angerufen und nachgefragt, ob am Wochenende noch ein Besuchertermin offen sei. Am Eingang von San Quentin warten Dutzende Frauen auf den Einlass. Ich bin der einzige Mann, der in der Besucherreihe steht. Kontrolle, Metalldetektor und dann der lange Spaziergang zur „Bastille by the Bay“. Wie oft bin ich diesen Weg schon in den letzten 20 Jahren gegangen? Damals, 1996, war alles noch neu, ein komisches Gefühl im Bauch begleitete mich auf diesem ersten Besuch. Heute ist alles Normalität, man grüßt „Correctional Officers“ und andere Besucher. Ich weiß, nach was ich in den Automaten für Reno suchen muß, wie die Mikrowelle funktioniert, ein kleiner Plausch noch mit dem zuständigen Strafvollzugsbeamten, bevor der mich dann in den Käfig einsperrt. Reno, der schon drin ist, muß die Hände durch einen kleinen Schlitz stecken, ihm werden Handschellen angelegt, dann wird die stählerne Stahlschiebetür geöffnet, ich darf eintreten, die Stahltür schließt sich mit einem lauten Krachen. Anschließend die gleiche Prozedur, die Handschellen werden abgenommen. Eine kurze Umarmung, „Hello, here I am“.

Wir reden über alles mögliche, wir lachen, scherzen, essen und trinken gemeinsam. Reno fragt viel nach, will wissen, wen ich wählen werde. Ich erzähle ihm von meinen anstehenden Reisen, von dem, was ich gerade mache, von meinem Hund. Ein paar Stunden Unterhaltung, bevor ich zurück nach Oakland fahre, um mir das DFB Pokalfinale im Internetradio anzuhören und er zurück in seine 1,40 x 2,30 Meter große Zelle geht. Alltag in San Quentin.

Nur einer ist gegen die Todesstrafe

In all den Jahren als Korrespondent in den USA, habe ich ein Thema immer wieder aufgegriffen; die Todesstrafe. Vielleicht liegt es daran, dass das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin mit seiner „Death Row“ fast vor meiner Haustür liegt und ich Häftlinge im dortigen Todestrakt persönlich kenne. Doch vor allem liegt es wohl daran, dass im amerikanischen Strafvollzug all die Ungerechtigkeiten, all die Probleme, all die Fehler der amerikanischen Gesellschaft zu finden sind. Rassismus, soziale Ungleichheit, eine verschrobene Justiz, ein kaputtes Wahlsystem, fehlende soziale Einrichtungen, ein hohes Gewaltpotenzial…. ich könnte weiter ausholen. Und dann sind da genügend Fälle, die deutlich machen, dass im Namen des Volkes Unschuldige in den USA hingerichtet wurden.

Hillary Clinton und Bernie Sanders am Abend in New Hampshire. Foto: AFP.

Hillary Clinton und Bernie Sanders am Abend in New Hampshire. Foto: AFP.

Aus all diesen Gründen und noch vielen mehr lehne ich die Todesstrafe ab. Sie kann nicht gerecht sein. Für mich, der seit 20 Jahren hier drüben lebt, und nun seit ein paar Jahren auch in den USA als Bürger wählen darf, ist es immer wieder erstaunlich, wie weit verbreitet die „Rübe ab“-Mentalität, das Eintreten für die Höchststrafe bei Politikern verbreitet ist. Und ich rede hier nicht nur von Republikanern, sondern auch von Demokraten.

Im derzeitigen Wahlkampf sind auf republikanischer Seite alle Kandidaten für die Todesstrafe. Bei den Demokraten erklärte heute Abend Hillary Clinton in einer Fernsehdebatte auf MSNBC, dass sie bei bestimmten Fällen die Todesstrafe unterstütze. Also, ein Ja mit Einschränkungen. Aber eben ein Ja. Genau so ein Ja, wie es auch Barack Obama im Wahlkampf vertrat. Auch Bill Clinton war für die Todesstrafe.

Nur Bernie Sanders, der Senator aus Vermont, ist da anderer Meinung, er sagte: die Todesstrafe sei falsch, eben weil sie nicht gerecht sein kann und weil Unschuldige in den USA hingerichtet wurden. Da ist jemand, der Klartext redet, ohne Rücksicht auf Verluste. Der keinen Negativwahlkampf führen will, der komplizierte Sachverhalte anspricht, sie erklärt, seinen Standpunkt vertritt. Doch vor allem ist da einer, der ehrlich ist. Er redet für niemanden, nur für sich selbst.

Gestern im „Town Hall Meeting“ wurde Sanders gefragt, ob er religiös im Sinne von organisierter Religion sei. Sanders überlegte kurz und meinte dann, seine Religion sei hinzuschauen, wenn Kinder in den USA in Armut leben, wenn heimkehrende Veteranen obdachlos seien, wenn die Einkommensschere in diesem Land immer weiter auseinander geht. Das zu Erkennen treibe ihn an. Was daran „populistisch“ sein soll, kann ich nicht sagen. Vor allem nicht in einem Land wie den USA. Doch als „Populisten“ bezeichnete DIE ZEIT-Herausgeber Josef Joffe Bernie Sanders in der aktuellen Ausgabe auf der Titelseite und nannte ihn in einem Satz mit Donald Trump und Ted Cruz. Auch eine Meinung, Herr Joffe, die ich mit einem leichten Kopfschütteln einfach mal so stehen lassen möchte.

Das Wort Gottes hinter Gittern

Grelles Neonlicht, eine Madonna Statue, ein Kreuz, ein Altar. Links vorne spielt eine Band, singt ein Chor. Rund 100 Männer sind in der „Chapel“ von San Quentin zusammen gekommen, um an diesem Sonntagmorgen den katholischen Gottesdienst zu feiern. Zweisprachig wird gebetet, gesungen, gepredigt. Die Männer in Jeanshemd und -hose sind alles Häftlinge des ältesten Gefängnisses in Kalifornien.

Der Gottesdienst beginnt etwas später, da durch den Sturm und den starken Regen viele erst verspätet von ihren Zellen hierher kommen konnten. Die Gebetsräumlichkeiten sind in einem Innenhof von San Quentin untergebracht. Gleich nach der Schleuse in den inneren Bereich, gegenüber des SHU, des „Security Housing Units“, dem Gefängnis im Gefängnis.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

John ist ein „Lifer“, ein Lebenslänglicher. Er begrüßt am Eingang alle Ankommenden per Handschlag, die Mitgefangenen und die wenigen Gäste von draußen. Einige Katholiken aus benachbarten Gemeinden kommen immer mal wieder vorbei, um hier mit den Insassen den Gottesdienst zu feiern, erklärt mir Father George. Er ist der katholische Priester, der auch beratend für alle andere Religionen zuständig ist. In einem Interview erklärte mir Father George, dass dieser Job hier in San Quentin für ihn wie ein Ruf an die Harvard University gewesen ist. Er liebe seine Aufgabe hinter Gittern, auch, wenn er sich in den Zellblöcken nur mit schußsicherer Weste, zum Schutz vor Stichwunden, bewegen kann. Auch, wenn er im East-Block, dem Todestrakt, den Gottesdienst in einem separaten Käfig, getrennt von den Todeskandidaten feiern muß. Hier, so Father George, sehe und erlebe er jeden Tag Gott.

Viele Gefangene schütteln mir die Hand, wünschen mir „Peace“. Einige harte Kerle, denen man ihr früheres Leben durchaus ansieht. Tätowierungen am Hals und an den muskulösen Unterarmen sprechen eine eindeutige Sprache. Aber hier sei man Familie, sagt John nach dem Gottesdienst. Das frühere Leben aus Gewalt, Kriminalität, Gottlosigkeit liege hinter ihnen, meint er. Als ich ihn frage, wie lange er noch habe, sagt er, das kann er nicht sagen, er sei „Lifer“. Vor ihm liegen lange Jahre in einer 2,40 x 1,20 Meter großen Zelle, denn lebenslänglich heißt in Kalifornien lebenslänglich. Er wird San Quentin nur auf einem Weg verlassen.

Der Glaube ist hier eine Stütze, das meint auch Mike, auch er sitzt eine lebenslängliche Haftstrafe ab. Man tausche sich aus, man helfe sich, meint er. Die Stimmung ist freudig an diesem 3. Advent. Die drei Kerzen brennen vorne, dafür braucht es eine Sondergenehmigung. Es wird für die Verstorbenen und die Kranken im Gefängnis gebetet, für die Opfer von Terror und Gewalt draussen. Der Gottesdienst wird aufgezeichnet und später für die anderen Gefangenen, die es hören wollen, über den Gefängnis eigenen Audiokanal ausgestrahlt.

Die Männer lachen viel vorher und nachher, umarmen sich, genießen diese Gemeinsamkeit in der Kapelle von San Quentin. Hier sind sie alle gleich; Weiße, Schwarze, Latinos, ein paar Asiaten. Junge und Alte. Der Glaube versetzt hier wahrlich Mauern. Der Glaube ist hier, das verstehe ich an diesem Morgen, eine wirkliche Sinnfindung in einem ausweglosen Zustand.

 

Im Käfig predigen

Gestern besuchte ich mal wieder San Quentin. Diesmal für ein Interview mit dem katholischen Seelsorger, Father George Williams. Anfangs sass ich noch vor dem Tor und wartete, die Sonne schien, ein schöner und warmer Tag. Es war Schichtwechsel, Autos fuhren rein und raus. Die rauskamen mußten ihren Kofferraum öffnen, um sicherzugehen, dass niemand unentdeckt das Gefängnisgelände verlässt. Ein älteres Paar kam und wollte das San Quentin Museum besuchen. Ein paar Freiwillige des „Prison University Projects“ trugen sich in Listen ein und gingen dann zu ihren Studenten hinter Gittern.

Schließlich wurde der Pressesprecher von San Quentin telefonisch erreicht und auch ich durfte durch das Tor laufen. Alles hat hier seine Ordnung. Mit Sam Robinson ging es dann in den inneren Bereich des Gefängnisses. Eintragen in ein großes Besucherbuch, einen Leuchtstempel auf den rechten Unterarm, Stahltüren gingen auf, Stahltüren knallten hinter mir laut ins Schloß. Und dann stand ich wieder im Innenhof, links von mir der „SHU“, Security Housing Unit, das Gefängnis im Gefängnis mit den ganz harten Jungs und Fällen. Rechts die Gebetsräume. Father George wartete schon.

Das Gespräch drehte sich um seine Arbeit, seinen „Dreamjob“, wie er es nannte. Gott habe ihn hierher geführt. Für ihn sei San Quentin ein Zuhause geworden. Er berichtete von seinen vielen Gesprächen mit Gefangenen und Mitarbeitern und beschrieb den wohl seltsamsten Gottesdienst, den man sich vorstellen kann; auf Death Row in San Quentin. Die gläubigen Todeskandidaten werden in einer umgebauten Sammeldusche in einen Käfig gesperrt, darin ein paar Bänke. Father George ist nicht bei ihnen, sondern wird in einen Extrakäfig gesperrt, dort ein kleines Buchregal, das als Altar dient. Er habe sich an diese Art Gottesdienst erst gewöhnen müssen, gibt er zu. Aber aus seinen Erzählungen wird deutlich, dass die Gefangenen dankbar sind, dass er da ist. Und wie ich von Todestraktinsassen weiß, ist Father George ein Mann mit offenen Ohren, der gerne im East-Block von San Quentin gesehen wird. Er hat immer Zeit für einen und hört zu, so heißt es. Glaube ist wichtig, meint der Jesuit. Er schenke jedem in San Quentin Hoffnung, egal was er getan, warum er hier ist und welcher Religion er auch angehört.