Wie sieht die Situation bei Dir aus?

Von einer ehemaligen Kollegin, die für einen fränkischen Privatsender arbeitet, wurde ich gebeten ein paar Fragen zur aktuellen Lage in den USA zu beantworten. Es war für mich mal wieder was anderes, mich kurz und knapp zu halten.

Wie ist die aktuelle Situation bei Dir vor Ort?
Hier in Oakland und der gesamten San Francisco Bay Area wurden die Ausgangsbestimmungen bis zum 3. Mai verlängert und auch verschärft. Das öffentliche Leben soll weitgehend herunter gefahren werden. Ein Mundschutz soll ab morgen getragen werden, aber eben keiner, der von Pflegekräften benötigt wird. Da kann man also Kreativität zeigen. Die Supermärkte kontrollieren, wie viele Leute in den Laden dürfen, in den noch offenen Geschäften ist ganz klar der Abstand zum Vordermann vorgeschrieben. Dazu wurden nun noch mehr Parks geschlossen. Die Leute werden wirklich dazu angehalten daheim zu bleiben. Ein allgemeines Ausgangsverbot gibt es aber noch nicht.

Wie sieht es in den Krankenhäusern aus?
Da sieht es nicht viel anders als in Deutschland aus, wobei hier eine einheitliche Linie fehlt und wohl auch die Schutzmassnahmen, wie Masken und Schutzkleidung langsam aber sicher ausgehen. Das hört man aus den verschiedenen Regionen und Einrichtungen. Dazu kommt, dass die Beatmungsgeräte Mangelware sind. Da kann der Präsident noch so viel beschönigen, wie er will, Tatsache ist, es gibt massive Versorgungsprobleme. Die Bundesstaaten werden hier von der Bundesregierung quasi allein gelassen, sie sollen sich selbst welche besorgen. Das ist natürlich keine Lösung und führt auch nicht gerade zu einer Einheit in dieser Krise im ganzen Land.

Was ist mit den Obdachlosen?
Na, die Hotels sind derzeit leer, da hat nun der Staat eine Möglichkeit gefunden, Obdachlose unterzubringen und sie und auch die Allgemeinheit zu schützen. Die Frage ist, wie dieses gewaltige Problem der Obdachlosigkeit in Kalifornien nach der Krise gelöst werden soll. Aber derzeit versucht man alles, um die Leute von der Straße zu bekommen.

Weißt Du, wie es neben New York und New Orleans in den anderen Bundesstaaten aussieht?
Du hast schon New Orleans erwähnt, Louisiana entwickelt sich zu einem Problemstaat. Und das hat Auswirkungen auch auf die umliegenden Bundesstaaten, die alle eine ziemlich schlechte Gesundheitsversorgung und Infrastruktur in diesem Bereich haben, also ich rede von Mississippi, Tennessee, Alabama. Das wird Probleme geben, denn klar ist, nach den Städten und Ballungsräumen in den USA werden auch die ländlichen Gegenden im Mittleren Westen und den Südstaaten davon betroffen sein. Große Probleme gibt es nach wie vor in Washinton State, aber auch Illinois…und auch Florida mit seinen vielen Rentnern, die dort leben, entwickelt sich zu einem deutlichen Krisengebiet.

Wie reagieren die Einheimischen?
Das ist vergleichbar mit der Situation bei Euch. Die einen reagieren, wie sie reagieren sollten. Ziehen sich zurück, befolgen die Anweisungen. Andere wieder machen genau das Gegenteil, meinen sie sind davon nicht betroffen…also da unterscheiden sich die Deutschen kaum von den Amerikanern. Aber ja, der Großteil hält sich schon daran….sagen wir es so, normalerweise bräuchte ich im Berufsverkehr von meinem Haus bis nach San Francisco etwa eineinhalb Stunden…derzeit kann ich zur gleichen Zeit die Strecke in 20 Minuten schaffen. Das zeigt schon, dass hier das öffentliche Leben deutlich und erfolgreich runtergefahren wurde.

Welche Prognosen haben die Fachleute bisher veröffentlicht und inwieweit deckt sich das mit den Prognosen des Weißen Hauses?
Na ja, es wird von Tag zu Tag schlimmer. Anfangs meinte ja Präsident Trump, das sei alles kein Ding, 15 Tote und dann sei die Sache vorbei….Nur wenige Tage später sind wir soweit, dass hier von vielleicht 200.000 Toten in den USA gesprochen wird….Die Prognosen sind derzeit alles andere als gut….für die Amerikaner genauso wie für die amerikanische Wirtschaft.

Was schätzt Du, wie es in den nächsten Wochen weiter gehen wird und wie die Aussichten sind?
Wenn ich das wüßte?….man muss nur zwei, drei, vier Wochen zurückblicken, dann weiss man, wie falsch alle mit ihren Prognosen gelegen haben, vor allem an ganz obiger Stelle…man kann nur hoffen, dass sich die Menschen an diese Ausgangsbeschränkungen halten und dann sehen, ob es hilft….was ich sehe ist auch, dass derzeit in den USA eine einheitliche Linie fehlt, weil Donald Trump das alles als Wahlkampfspektakel nutzt, man muß nur seine täglichen sogenannten „Pressekonferenzen“ ansehen, die zu einer Trump-Show verkommen sind. Das macht es nicht leicht, wenn man den Verdacht hat, dass er den Staaten mehr hilft, die für ihn bei der Wahl im November mehr Bedeutung haben.

Coronaamerika

Ich mußte heute mal raus. Zuerst in die Bank, parkte mein Auto am Rande der Geschäftsstraße in Oakland-Montclair, um einfach mal in aller Ruhe zu sehen, was da gerade passiert oder eben auch nicht. Die meisten Läden sind geschlossen. Pete’s Coffee Store hat zwar offen, aber niemand darf in den Verkaufsraum. Ein Tisch an der Tür, dort kann man seine Bestellung aufgeben und nur mit Kreditkarte bezahlen. Die Bänke vor den Läden und Cafés sind verwaist, Schilder weisen darauf hin, dass niemand hier sitzen darf.

Nur wenige Restaurants sind geöffnet, und auch nur dann, wenn sie „Take out“ anbieten. Drogerien und Supermärkte haben auf. Und in der Bank, die ich besuchen mußte, wurde das Thermometer hochgefahren, wohl in der Absicht jegliche Viren zu bekämpfen. Auf dem Boden Abstandshalter, um dem Vordermann nicht zu nahe zu kommen, doch es sind kaum Leute in der Bank. Ich sitze schließlich der Managerin in ihrem Büro gegenüber, die im Vergleich zu ihren Mitarbeitern am Schalter hinter dickem Panzerglas weder Mundschutz noch Latexhandschuhe trägt und auch sonst keinerlei Distanzprobleme hat.

Nach gefühlt-geschwitzten 50 Minuten in der überheizten Bank fahre ich zu Trader Joe’s, der Aldi Tochter, eigentlich der Supermarkt meiner Wahl. Doch seit hier die Krisenzeiten ausgebrochen sind, vermeide ich ihn, denn vor dem Laden bildet sich jedesmal eine lange Schlange, sie lassen nur eine bestimmte Anzahl von Leuten hinein. Doch heute bin ich da, um für eine ältere Nachbarin einzukaufen, ich hatte ihr das schon vor einer Woche anbeboten, heute morgen hat sie mich beim Rundgang mit Käthe darauf angesprochen. Also Trader Joe’s…. Die Warteschlange zieht sich um den Laden herum, jeder hält fast zwei Meter Abstand zum Vordermann/frau. Die Frau vor mir blickt sich ständig mit panischem Gesichtsausdruck nach mir um, ob ich ihr auch ja nicht zu nahe komme. Am Eingang sprüht sie sich gleich mehrmals Desinfektionsmittel auf die Hand. Nach zehn Minuten bin ich schließlich drinnen. Die Regale sind voll, bis auf Toilettenpapier, Nudeln, Reis und Bohnen in Dosen. Anscheinend ist das nicht nur ein deutsches Problem.

Einige im Laden sind freundlich, lächeln, andere schauen einen grimmig an, als ob man ein wandelnder Virus sei. Die Mitarbeiter sind mehr als hilfreich, fragen nach, wenn man suchend umherblickt. Sie versuchen wohl die Kunden so schnell wie möglich wieder nach draußen zu bekommen, denn die Schlange vor der Tür wird nicht kürzer. Der Supermarkt liegt gleich neben der Bart Station „Rockridge“, die erhöht zwischen den Autobahnspuren des 24er liegt. Darunter der Parkplatz, der eigentlich immer überfüllt ist. Ich schätze, zwischen 600 und 800 Autos haben dort Platz, heute parkten gerade mal sieben Wagen dort. Skateboarder nutzen die Chance, um sich etwas auf der Freifläche auszutoben.

Das öffentliche Leben wird immer weiter eingeschränkt, Teile der Parks und Parkplätze werden geschlossen, um alles zu entzerren, noch offene Läden und Restaurants müssen schließen. Fast täglich erhalte ich Mails und Anrufe mit der Aufforderung daheim zu bleiben. Unterdessen fabuliert der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika von vollen Kirchen am Ostersonntag. Wissenschaftler, bekannterweise nicht gerade die Freunde von Donald Trump, schlagen darüber nur die Hände über den Kopf. Das ist der Alltag im heutigen Amerika.

Coronajagd in Chinatown

Chinatown in San Francisco und Chinatown in Oakland sind eigentlich sehr lebendige und vielbesuchte Stadtteile. Gerade das Chinatown in San Francisco, das älteste Chinesenviertel in den USA, ist beliebter Anlaufpunkt für die unzähligen Touristen die alljährlich in die „City by the Bay“ strömen. Doch das hat sich nun geändert.

Covid-19, das Corona Virus, tauchte zuerst in Wuhan, China auf. Tausende von Meilen entfernt. Doch alleine, dass es in China ist, führt dazu, dass viele nun meinen, sie müssten Chinatown meiden. Denn irgendwie hängen die Chinesen wohl mit dem Virus zusammen, so die Überzeugung vieler. Die Straßen sind leer, viele Geschäfte geschlossen, die, die offen haben, darunter auch viele Restaurants und Cafes, sind gähnend leer. Von Touristen kaum etwas zu sehen. Für die vielen kleinen Läden zwischen dem „Chinese Gate“ an der Ecke Bush/Grant und der Columbus Street sind schwierige Zeiten angebrochen. Und wer unterwegs ist trägt Mundschutz. Nicht anders ist es in Oakland, gleich auf der anderen Seite der Bay. Chinatown ist in diesen Tagen verwaist. Und nicht nur das, die Nachrichten nehmen zu, dass asiatisch aussehende Menschen Opfer von Hetze, Hass und Gewalttaten werden.

Quarantäne am Golden Gate. Foto: Reuters.

Vor der Küste liegt ein Kreuzfahrschiff und darf nicht ankern, denn die Corona-Gefahr reist mit an Bord. Auf der vorhergehenden Cruise nach Mexiko war ein Mann, der mit Symptomen die „Grand Princess“ verließ und mittlerweile verstorben ist. Die jetzige Cruise ging nach Hawaii, unklar ist, ob es unter den Passagieren zu Ansteckungen kam. Bis Klarheit herrscht, darf das Schiff nicht in den Hafen einfahren. Und die Corona Panik hat auch einen deutschen Club in der Bay Area erreicht. Zwanzig Mitglieder von ihnen waren auf der Schifffahrt nach Mexiko. Sie alle wurden anschließend benachrichtigt und mussten in ihren eigenen vier Wänden in Quarantäne bleiben, dazu kamen weitere Menschen, mit denen sie nach dem Verlassen des Schiffes in Kontakt kamen.

Auch wenn Präsident Donald Trump die Gefahr und die Auswirkungen des Corona Viruses herunterspielt, in diesen Tagen herrscht nirgendwo mehr Normalität. Nicht nur in Chinatown, auch hier in meinem lokalen Supermarkt wird man mehr als schief angeschaut, wenn man mal husten muss. Gegrüßt wird nicht mehr per Handschlag sondern nur noch per Ellbogenkick. Die langfristigen Folgen sind noch nicht absehbar, die Panik vor einer Ansteckung an sich hat schon genug Angst, Schrecken und finanzielle Sorgen ausgelöst.

Auf den Spuren von Jack London

4,4 Millionen Dollar kostet das Anwesen, in dem Jack London im Sommer 1903 sein Buch „The Sea Wolf“ geschrieben hat. Das Haus in Glen Ellen in Sonoma County gehörte einst seiner Agentin, Netta Eames. Die war nicht nur eine frühe Förderin des Schriftstellers, sondern stellte ihm auch ihre Nichte, Charmain Kittredge, vor, die London später heiratete.

Sowieso sind die Spuren von Jack London in der San Francisco Bay Area reich. Auch in Oakland, kann man auf die Suche gehen und findet schnell wichtige Orte. Ein deutscher Immigrant hat sogar die Weichen für den Erfolg des Schriftstellers – zumindest – mitgestellt. Es muss um 1893 gewesen sein, der junge Jack London vertrieb sich nach der Schule die Zeit in Johann “Johnny” Heinolds “First and last chance” Bar direkt im Hafenbereich von Oakland. An einem Tisch machte er seine Hausaufgaben und hörte den Geschichten der Seemänner zu. Die Abenteuerlust packte den damals 17jährigen.

Die Gefahren und der Mut von Männern durchzieht Londons Werk. Und Jack London, so ist es überliefert, erzählte Johnny Heinold davon, dass er überlege an der University of California zu studieren und Schriftsteller zu werden. Heinold war begeistert und lieh dem Jungen das Geld für das Studium.

Jack London kam auch als namhafter Schriftsteller immer wieder zurück in seinen “First and last chance” Saloon. In seinem Roman “John Barleycorn” wird die Bar ganze 17mal erwähnt. Hier lernte er den Seemann Alexander McLean kennen, den er als Vorbild für seinen “Wolf Larsen” in “Der Seewolf” nahm. Und mit Johann Heinolds Hilfe wurden an dem kleinen Tisch in der Bar die Verträge für drei weitere Jack London Romane unterzeichnet. Noch heute ist die Bar und auch derselbe Tisch an dem der Schüler seine Hausaufgaben machte und der Schriftsteller seine Notizen schrieb an der gleichen Stelle zu finden, am “Jack London Square” in Oakland.

Das ist nur eine kleine Anekdote am Rand in der Geschichte Jack Londons und der deutschen Immigranten am Golden Gate. Als ich von dem Hausverkauf in Glen Ellen erfuhr, mußte ich allerdings daran denken, denn der Saloon ist ein interessanter Ort. Eine alte Kneipe, die zum Teil im Laufe der Jahre abgesunken ist und zwischen all den Neubauten am Jack London Square mehr als auffällt. Wer also San Francisco besucht, sollte mit der Fähre vom Ferry Building am Ende der Market Street zum Jack London Square nach Oakland fahren, ein kleiner Spaziergang entlang des Wassers, um im Außenbereich des „First and last chance“ Saloons ein Bier zu trinken. Ich empfehle ein KSA, ein Kölsch, lokal gebraut von der Fort Point Brewery, eine Brauerei, die sehr stark vom deutschen Brauwesen beeinflusst wird.

Man spricht Deutsch

Während in Hollywood auf die Oscars hingefiebert wird, wird am Golden Gate von San Francisco der deutschsprachige Film gefeiert. Zum 24. Mal findet in diesem Jahr das größte Filmfestival seiner Art außerhalb des deutschsprachigen Raumes statt. Und es hat sich viel getan in all den Jahren.

Als 1997 mit dem Filmfest begonnen wurde, war der deutsche Film ein ganz anderer als heute. Damals kamen viele Zuschauer, die von Wim Wenders, Werner Herzog oder Rainer Werner Fassbinder begeistert waren. Anfangs waren die Filme bei „Berlin & Beyond“ dunkler, düsterer, im Rückblick überwiegt für mich der Grauton, die Schwere des Themas. Gestern auf einem Empfang im deutschen Generalkonsulat sprach ich mit einer Vertreterin des Excelsior Centers, einem deutschen Kulturverein in der Bay Area, der als wichtiger Sponsor des Festivals auftritt. Schon damals unterstützte der Verein „B&B“, aber wollte Filme präsentieren, die mehr ein modernes Deutschland darstellten. „Da war aber nichts“, meinte sie mit einem Lachen. Das sei heute ganz anders.

Und der Blick auf das diesjährige Programm macht das deutlich. „Der Vorname“, „Der Junge muss an die frische Luft“, „Kirschblüten und Dämonen“, „Berlin Bouncer“, „Gypsy Queen“ oder auch der Eröffnungsfilm „Was gewesen wäre“ zeigen ein ganz anderes Deutschland, eine ganz andere, erfrischende, selbstbewußte Filmlandschaft in den deutschsprachigen Ländern, denn auch schweizer und österreichische Produktionen werden präsentiert. 18 Filme, dazu etliche Kurzfilme werden gezeigt und das im historischen Castro Theatre von San Francisco, einem Art Deco Kulturtempel im Herzen des Gay Distrikts der Stadt.

„Berlin & Beyond“ ist sicherlich kein politische Festival. Und doch, in diesen amerikanischen Tagen wird schon der Blick nach draußen zu einem wichtigen Statement. Amerika ist auch deshalb ein so reiches Land, weil hier die Kulturen, die Sprachen, die Menschen von überallher aufeinander treffen, ihre Geschichte und ihre Geschichten, ihre Gepflogenheiten, ihre Unterschiede teilen und miteinander feiern. Das wird seit ein paar Jahren gerne übersehen. Der deutschsprachige Film spielt sicherlich keine große Rolle im Movie-Land Amerika. Dieses Festival bietet für alle, die es sehen wollen, ein wichtiges Fenster nach draußen. Wünschenswert wäre es daher, dass solche Filme in Butte, Idaho Springs, Tucson oder an anderen Orten jenseits des Golden Gate laufen würden.

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„On the air“ in Amerika

Seit über 23 Jahren bin ich nun „on the air“ in den USA. Angefangen hat alles auf KUSF 90.3 fm, dem einstigen College Radio mit UKW Frequenz der University of San Francisco. Doch die Jesuiten Uni-Leitung brauchte Geld und verkaufte 2011 für mehrere Millionen Dollar die 90.3 Frequenz an ein nicht-kommerzielles Klassikradio-Network aus Südkalifornien. Schon damals deutete sich an, dass KUSF nicht der einzige Collegesender in den USA bleiben würde, dessen Frequenz verhökert werden oder der ganz verschwinden würde. Weitere folgten, Collegeradio, einst ein wichtiger Part und Trendsetter in der amerikanischen Rundfunklandschaft, wurde immer mehr beschnitten.

Heute las ich von KMSM, dem Uniradio in Butte, Montana, auf dem auch mehrere Jahre meine Sendung „Radio Goethe“ ausgestrahlt wurde. Nach 45 Jahren „on the air“ wird der Sender abgewickelt. Studierende der Montana Tech Hochschule erklärten in einer Umfrage, dass sie kein großes Interesse an der Station hätten. Die Uni-Leitung nahm das zum Anlass den Stecker zu ziehen. Doch sie hat schlichtweg übersehen, dass dieser Collegesender eine wichtige Community Station ist, dessen Hörerschaft weit über den Campus hinausreicht. So war es auch bei KUSF in San Francisco. Der Sender war über die Jahrzehnte eine gewachsene College Station, die auf der einen Seite Bands wie Metallica, Nirvana, Faust unterstützten und förderten und auf der anderen Seite Stimmen in der San Francisco Bay Ara on air brachte, die woanders nicht zu hören waren. Es gab 16 fremdsprachige Programme, von den Armeniern bis zu den Finnen, dazu Kultursendungen, die einzigartig waren. All das verschwand aus der Medienlandschaft San Franciscos als die Jesuitenführung der USF einen schnellen „Buck“ machen wollte.

Collegeradio ist sicherlich nicht mehr das, was es einmal war. Die Streaming Dienste, das Online Hören, der Zugang zu Musik, ja, die Wertschätzung der Musik, all das hat über die letzten Jahre die Hörgewohnheiten dramatisch verändert. Und dennoch, es gibt sie noch diese Oasen im Hörfunk. Das konnte ich am Mittwochmorgen wieder feststellen, als ich meine erste Nachtsendung auf KKUP in San Jose moderierte. Die Musikwahl war…sagen wir eklektisch. Etliche der Musiker und Bands veröffentlichen nur auf Vinyl und das in einer Auflage von 50+. Doch auch, wenn das keine Massenware, keine hitverdächtigen Charterfolge sind, so gibt es doch unzählige von Hörerinnen und Hörern, die genau diese Art von Musik entdecken wollen. Selbst ein Klaus Schulze, einer der wohl wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik, der weltweit seine Fans und Bewunderer hat, ist im „normalen“ Radio kaum zu hören.

In Sendungen, wie dieser, die ich nun monatlich auf KKUP moderieren werde, wird genau für solche Musikerinnen, Musiker und Gruppen Platz zur Verfügung gestellt. Ich weiss, damit erreiche ich nur jene wenigen, die entweder in der Bay Area nachts nicht schlafen können oder die morgens in Deutschland online keinen Dudelfunk mit den ewig gleichen Songs hören wollen. Aber gerade deshalb gibt es Sender wie KKUP, die „non-commercial“ sind, die Musik und Stimmen „on air“ haben, die man woanders nicht hören kann. Musik, die anders ist, den klanglichen Horizont erweitert, die herausfordernd sein kann, die herkömmliche Hörgrenzen versetzt. Das ist für mich eine Bereicherung, zu wissen, dass es da noch immer solche Stationen gibt, die diese Art von Sendungen möglich machen. Ja, die mir ermöglichen Musik zu teilen, die mich bewegt.

Klar, es gibt solche Stationen nicht nur in den USA. Auch in Deutschland sind zahlreiche offene Kanäle, Uniradios und auch Sender, wie max neo oder auch Radio Z in Nürnberg zu finden. Sie bereichern die Radiolandschaft durch eine andere Musikauswahl, durch andere Sichtweisen und Blickwinkel. Auch wenn manche das als Minderheitenradio abfällig abtun, das, was man da hören kann ist dennoch ein Ausdruck der Vielfalt einer Gesellschaft. Von daher gilt es, diese Radiooasen zu schützen und auch zu unterstützen.

Es ist nicht alles Trump

2019 habe ich viel über Donald Trump geschrieben. Wahrscheinlich zu viel. Oft genug wurde ich gefragt, warum schreibst Du ständig über den? Man kommt als Korrespondent in den USA nicht um Trump herum. Das steht fest. Doch ich habe im vergangenen Jahr über viel mehr berichtet als nur über den „Tweeter in Chief“.

Vor genau einem Jahr lief meine Lange Nacht über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco. An der Dreistundensendung „Aufbruch in ein neues Leben“ habe ich lange gearbeitet und konnte Aufnahmen der letzten 20 Jahre neu verarbeiten. Im Januar folgten dann zwei Musikgeschichten, eine über die Musik App von Neil Young, die andere über die Digitalisierung von Schellack Platten. Musik begleitet mich immer und ich bin froh darüber, dass ich da manchmal wunderbare Musik finden und vorstellen kann.

Im Februar jährte sich dann zum 50. Mal das legendäre Konzert von Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin. Und San Quentin habe ich über die Jahre bei zahlreichen Besuchen mehr als gut kennengelernt. Mehrmals stand ich genau in jenem Speisesaal, wo Cash im Februar 1969 spielte. Und dort im ältesten Knast von Kalifornien sind auch Hexen im Einsatz. Es herrscht Religionsfreiheit, von daher bekommen Anhänger von Wicca regelmäßig Besuch von Hexen. Sowieso ist die San Francisco Bay Area ein Zentrum des Wicca Glaubens. Auch darüber berichtete ich in einem längerem Beitrag.

Eines meiner größeren Features in diesem Jahr war „Patriotismus made in USA“, der Kampf um den „American Dream“. Das war für mich auch ein persönliches Thema, denn seit 23 Jahren lebe ich in den USA, habe die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und hänge dennoch irgendwie zwischen den Kulturen und Sprachen. Auf der einen Seite wird man als Immigrant Willkommen geheißen, auf der anderen Seite hat sich das Klima gegenüber Fremden grundlegend verändert.

Mit CARE war ich im Sudan unterwegs. Ein Land voller Geschichten, die erzählt werden wollen.

Ich berichtete auch über den Roadtrip von Michel Foucault ins Death Valley, über die John Coltrane Church in San Francisco, die veränderte Museumslandschaft in den USA, ging der Frage nach, wie die Cola koscher wurde, besuchte den spirituellen Ort Ojai in Südkalifornien, sprach über die Rolle der Deutschen vor und während der Völkermorde an den Armeniern am Anfang und in Ruanda am Ende des 20. Jahrhunderts. In Kalifornien ließ der Gouverneur Gavin Newsom die Hinrichtungskammer abbauen und setzte alle Todesurteile aus, darüber redete ich mit dem Schauspieler und Anti-Death Penalty Aktivisten Mike Farrell.

Musik war auch in diesem Jahr immer ein wichtiger Part meiner Arbeit. Da ging es um die Wiederveröffentlichung einer Platte von „Gastarbeitern“. Grup Doğuş hatte in den 1970er Jahren einen mitreißenden Beat. Das Folkways Label brachte dann noch eine umfangreiche Box über die Musik aus Bulgarien heraus, auch die konnte ich besprechen. Und ich durfte mit einer Sendungsreihe Teil des Deutschlandjahres in den USA sein, das vom Auswärtigen Amt ausgerufen worden war. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ produzierte ich sechs musikalische Themensendungen die Deutschland und die USA verbinden.

Am intensivsten waren aber wohl meine Reisen nach Somaliland, in den Niger und in den Sudan, alles in einem Zeitraum von vier Wochen. Es ging um Musik, um Hoffnung, um den Blick nach vorne, ohne die eigene Geschichte zu vergessen. Gerade die Rolle der Frauen während und nach der Revolution im Sudan beeindruckte mich zutiefst. Ohne sie wäre der Regimewechsel wohl nicht möglich gewesen.

Eine lange doch unvollständige Liste von Themen, die ich in diesem Jahr bearbeiten konnte. Das alles war nur ein Teil der Arbeit eines freien Korrespondenten. Und doch, sie zeigt, wie vielseitig, spannend, interessant diese Arbeit sein kann. Ich lerne Leute kennen, darf Fragen stellen und bekomme meistens Antworten darauf. Sehe Orte, an die ich sonst nie kommen würde. Und wie gesagt, es ist nicht alles Trump in diesen Zeiten. Die Welt um mich herum birgt so viele wunderbare, faszinierende und erlebnsreiche Geschichten. Die sollten nicht übersehen und überhört werden. Auch und gerade im Trump-Zeitalter.

Weit über den Wolken

Die gewaltige Stahlkonstrukution von Hangar One aus den 1930er Jahren steht noch immer und ist weithin zu sehen.

In den letzten 25 Jahren bin ich oft auf dem 101 an dem grossen Hangar in Mountain View vorbei gefahren. Moffett Field ist ein abgeschirmter Flughafen, der von der NASA und dem US-Militär genutzt wird. Und auch Präsidentenmaschinen landen und starten dort, wenn der „Commander in Chief“ San Francisco und die Bay Area besucht. Der große Hangar wurde in den 30er Jahren errichtet, entworfen von dem deutschen Ingenieur Karl Arnstein. Es ist eines der weltweit größten, freistehenden Gebäude. Heute ist nur noch das Stahlgerüst übrig, der High Tech Gigant Google hat vor einiger Zeit angeboten, eine neue Umschalung zu finanzieren, doch darauf wartet man noch. Auf der anderen Seite von Moffett Field sind zwei weitere gigantische Hangars zu sehen, doch auch diese werden nicht mehr benutzt. Sie wurden aus Redwood Holz gebaut und sind nun wegen Feuergefahr gesperrt.

Gestern konnte ich mir endlich mal das Gelände jenseits des Zaunes ansehen. Der Grund war ein Besuch im Forschungsjet von SOFIA, des „Stratospheric Observatory For Infrared Astronomy“, einem deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekt. Und das läuft trotz aller diplomatischer und politischer Schwierigkeiten auch nach über 20 Jahren noch immer gut. NASA und DLR arbeiten hier in Mountain View und am weiteren Standort Palmdale hervorragend zusammen. Von der wissenschaftlich begleitenden Universität Stuttgart kommen immer wieder junge Studierende hierher, um an diesem Stratosphären-Unternehmen mitzuarbeiten und mitzuhelfen. Der Jet wurde einst von den Amerikanern umgebaut, das Teleskop wurde von den Deutschen geliefert, ein Zusammenspiel zahlreicher Unternehmen.

Ich hatte das Glück von einem der führenden und langjährigen Wissenschaftler im SOFIA-Team durch das Flugzeug und über das Areal geführt zu werden. Die Boeing war direkt neben Hangar One geparkt. Das besondere an diesem SOFIA Flugzeug ist das Infrarot Teleskop, das im hinteren Teil des Jets verankert ist. In 12 Kilometern Höhe wird das Teleskop freigelegt, die Decke des Flugzeugs in diesem Teil wird aufgeschoben, der Blick in die Weiten des Universums kann dann ungehindert beginnen.

Es ist ein spannendes Projekt, das trotz politischer Schwierigkeiten und der immer neuen Frage nach der weiteren Finanzierung Bestand hat. Nahezu zweimal in der Woche startet der SOFIA Jet von Palmdale aus, um weitere Bilder und Daten in höchster Höhe zu sammeln. Mal sehen, was ich aus dieser Geschichte noch machen kann.

Im SOFIA Jet. Im Hintergrund das Teleskop, vorne die Überwachungsschaltplätze.

 

Musik, die verbindet

Das Auswärtige Amt hat dafür ein Deutschlandjahr in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Überall im Land wird daran erinnert, was uns verbindet. Die Projekte reichen von gemeinsamen Festen über Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen bis hin zu Radiosendungen mit Musikthemen, wie ich sie hier präsentiere. Neben AFN, Rammstein, Bear Family Records, den Einstürzenden Neubauten, den zeitlosen Liedern über die Moorsoldaten und Lili Marleen ist nun das wohl wichtigste Thema in dieser Sendereihe dran: die Musik der deutschen Einwanderer.

Von Huttwil in der Schweiz nach Wisconsin, von Trossingen in Schwaben nach Michigan, von St. Pölten in Niederösterreich nach Illinois: Mit den deutschsprachigen Einwanderern kam Anfang des 20. Jahrhunderts auch ihre Musik und ihre zünftige Art zu feiern in die USA. Spuren dieser Musik sind bis heute in der US-Volksmusik zu finden. Schweizer, Deutsche und Österreicher zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin – «Swissconsin» wie der «deutscheste» aller Bundesstaaten auch gerne genannt wurde. Österreicher liessen sich in Chicago nieder und bildeten dort die grösste österreichische Gruppe im Ausland.

All die Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern wurden kurz „Germans“ genannt. Sie kamen nicht nur zum Arbeiten, sie wollten sich in der Neuen Welt eine neue Heimat aufbauen und brachten ihre Kultur, ihre Lebensweise, ihre Eigenarten mit. Und feiern das konnten sie. Die Feste der „Deutschen“ waren beliebt und sind es bis heute noch. Mit Bier, Tanz und vor allem der zünftigen Musik wurde ausgelassen gefeiert.

Mit dem Beginn der Plattenindustrie in den USA, wurden auch mehr und mehr „ethnic“ Schallplatten veröffentlicht, darunter viele mit Jodlern, Blaskapellen, Chören. Die großen deutschsprachigen Gemeinden brachten sich nicht nur ein in den „Melting Pot“ USA, sondern sie beeinflussten auch auf ihre Weise die amerikanische Musik. Man denke an den Country, den Blues, Hillbilly und Cajun. Und genau diesen Spuren geht diese Radio Goethe „Wunderbar Together“ nach. Und wohl keine andere Episode in dieser Sendereihe zeigt besser auf, wie sehr Deutschland mit den USA verbunden ist.

 

Die Einstürzenden Neubauten im Deutschlandjahr

Der Name ist kein Sinnbild für die deutsch-amerikanischen Beziehungen – Einstürzende Neubauten. Deutschland und die USA verbindet vielmehr sehr viel. Historisch, kulturell, politisch. Da kann kein Präsident etwas daran ändern. Und doch, manchmal ist es notwendig, auf die engen Beziehungen, die Verbindungen, die Partnerschaft hinzuweisen.

Genau das passiert zur Zeit in den USA. Davon bekommen die meisten Deutschen gar nichts mit. Das Auswärtige Amt hat das sogenannte „Deutschlandjahr“ in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ werden Projekte realisiert, die die Nähe und die tiefe Verbundenheit beider Länder darstellen sollen.

Als jemand, der sich seit 23 Jahren – vielleicht etwas eigenwillig – mit der kulturellen Arbeit im Ausland beschäftigt, beteilige ich mich natürlich auch und sehr gerne an diesem Jahr. Klar, bei mir geht es um Musik. Musikthemen, die Deutschland und die USA verbinden. Von Jahrhundertliedern wie „Lili Marleen“ und die „Moorsoldaten“, über Rammstein, Bear Family Records und AFN Radio bis hin zur Geschichte der Einstürzenden Neubauten, der neuesten Ausgabe in dieser Serie. Dafür habe ich ausführlich mit Alexander Hacke und Danielle de Picciotto gesprochen. Zwei weitere Sendungen kommen auf alle Fälle noch hinzu, Kraftwerk und die Musik der Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern und ihr Einfluss auf die amerikanische Musik.

Die Einstürzenden Neubauten haben die Musikgrenzen verschoben. Ihr Ansatz, Musik ganz neu zu definieren, machte sie schon früh in ihrer Karriere in den USA zu ganz besonderen Live-Gästen. Blixa Bargeld erzählte mir einmal, dass sie ihre Tourneen meist in San Francisco anfingen. Am Flughafen teilte sich die Band auf. Ein Teil übernahm die Koffer und das Einchecken im Hotel. Der andere Teil machte sich gleich auf den Weg, um auf einem Schrottplatz die passenden Schlagwerkzeuge für die schrill-schräg-schönen Konzerte der Band zu finden. Die Neubauten sind seit 40 Jahren unterwegs und mittlerweile in den Hochkulturtempeln, wie der neuen Philharmonie in Hamburg angekommen. Oftmals haben sie die Hörgewohnheiten ihres Publikums getestet, doch, wer sich auf die Band und ihre Soundideen einlässt, der wird, so finde ich, reich belohnt. Auch den musikalischen Weg versuche ich in dieser „Wunderbar Together“ Ausgabe über die Einstürzenden Neubauten nachzuzeichnen. Von den Anfangsjahren bis hin zur aktuellen Soundwelt. Einfach mal reinhören!