Der Blick in die Welt

Seit 1996 findet in San Francisco Jahr für Jahr das deutschsprachige Filmfestival „Berlin & Beyond“ statt. San Francisco ist eine Film- und Festivalstadt, hier trifft man auf ein Publikum, das den Blick hinter die Glanz- und Glimmerwelt Hollywoods wagt und wagen will. Ein Blick in die Welt. Das deutschsprachige Filmfestival mit Streifen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet genau das.

Doch „Berlin & Beyond“ war noch nie so wichtig, wie in diesem Jahr. Mit der Wahl von Donald Trump, mit seiner Bauchnabelschau, seinem „America First“ Ruf, seinem „Make America Great Again“ wird ein fataler Kurs in den USA eingeschlagen. Amerika wendet sich von der Welt ab und vergisst scheinbar dabei, dass dieses Land nicht der Mittelpunkt des Universums ist.

„Berlin & Beyond“ kommt daher mit einer vielseitigen Filmauswahl zur richtigen Zeit. Der Blick auf das Leben, die Kultur, die Probleme, den Humor, die Kreativität in einem Land, das der neue Präsident schon jetzt als „Gegner“ auserkoren hat. „Berlin & Beyond“ zeigt, dass uns alle viel mehr vereint als uns trennt. Ob hier in San Francisco, in Oklahoma City, in Flensburg oder Zwickau, der Alltag und seine Freuden und Sorgen ist überall gleich. Ein Donald Trump denkt in schwarz-weiß, doch die Welt ist bunt. Das klingt platt, aber wer die Filme dieses Festivals ansieht, der merkt sehr schnell, dass der Weg, auf den Donald Trump die USA bringen will, ein Irrweg ist. Denn, wie sang mal Udo Lindenberg; „Hinter’m Horizont geht’s weiter“.

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Weg sein – hier sein

Ich bin nur eine Generation von einem Flüchtling entfernt. Auch der Vater meines besten Freundes war ein Flüchtling. Sie kamen aus Schlesien und aus dem Sudentenland. Sie waren Deutsche, aber sie waren auch Flüchtlinge und das prägte ihr Leben, das prägte unser Leben. Und noch heute ist das, was da vor über 70 Jahren passierte, in vielen Familien, auch in meiner, gegenwärtig.

„Weg sein – hier sein“ heißt ein Buch aus dem Secession Verlag, in dem Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die aus Syrien, aus dem Jemen, aus dem Iran gekommen sind. Kommen mußten, auch sie sind Flüchtlinge. Sie schreiben über ihre Heimat, über das, was sie zurück gelassen haben, über das, was sie erlebt und gesehen haben. Über das Ankommen und Leben in einem neuen Land, einer neuen Kultur, einer neuen Sprache, im deutschen Exil.

Kalifornien war in den 30er und 40er Jahren so ein Exil für viele deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie fanden hier in der Fremde einen sicheren Ort. Keine neue Heimat. Weg sein – hier sein am Pazifik. Sie wurden nie ein Teil der amerikanischen Literatur, doch wer über die Literatur Amerikas schreibt, kommt an diesen Autorinnen im Exil nicht vorbei. An diesen deutschen und anderen aus aller Welt, denn die USA waren bis vor kurzem noch ein sicherer Hafen für viele Menschen auf der Flucht. Auch für Autoren aus Syrien, dem Jemen, dem Iran. Damit ist seit Freitag Schluß.

Deutschland ist so ein Exil geblieben, ein sicherer Hafen geworden. Das zeigt „Weg sein – hier sein“. Hier schreiben Autorinnen und Autoren, die fliehen mußten und nach Deutschland kamen. Texte aus Deutschland, die nicht immer leicht zugänglich sind, die jedoch andere, neue Bilder zeichnen. Es ist ein Blick in andere Länder, Kulturen, Sprachen, Gepflogenheiten, Denkweisen, Gefühlszustände. Es ist ein ehrliches Buch in einer Zeit, die von „Fake News“, Mauerbau und „Denkmal der Schande“ bestimmt wird. „Weg sein – hier sein“ ist ein mutiges Buch, von dem neben dem Verlag viele überzeugt waren, es unterstützt haben. Vor allem jene Frauen und Männer, die hier in Wort und Bild vorgestellt werden.

Joachim Zepelin vom Secession Verlag schreibt am Anfang des Buches, warum „Weg sein – hier sein“ veröffentlicht werden mußte. Und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen:

„Literatur erforscht Identitäten und formt und verstärkt sie dadurch gleichzeitig. Seit jeher erzählen wir Geschichten, um uns zu verstehen, um Grundlagen für ein gemeinsames Leben zu schaffen. Und je verschiedener der Nachhall der Begriffe ist, umso mehr Geschichten müssen wir uns voneinander erzählen…Diese Autoren sind die Geschichtenerzähler, die erklären können, wer da kommt und woher und mit welcher Geschichtee. Nicht etwa, um Fremdheit einzuebnen, sondern um Fremdheit festzustellen – und eben auch Gemeinsamkeiten.“

 

Auch dieser Opfer sollte man gedenken

Zum 75. Mal hat sich am 7. Dezember der Jahrestag des japanischen Angriffs auf den Seehafen Pearl Harbor gejährt. In vielen Veranstaltungen wurde der Opfer gedacht, daran erinnert, dass diese Attacke der Beginn des Krieges für die USA war. Doch der Angriff auf Pearl Harbor führte auch zu einer Jagd auf Japaner, Japan-Amerikaner, Deutsche, Deutsch-Amerikaner und Italiener im Land. Ihnen wurde pauschal vorgeworfen den „Feind“ zu unterstützen. Nur wenige Tage nach dem Angriff auf Pearl Harbor begannen die Pläne für eine umfassende Registrierung dieser Gruppen.

In den USA wird meist nur von den Lagern für die Japaner und Japan-Amerikaner gesprochen. Diese haben bereits in den 80er Jahren vom damaligen Präsidenten Ronald Reagan eine offizielle Entschuldigung und Entschädigungszahlungen für erlittenes Unrecht erhalten. Später entschuldigte sich Washington auch bei den Italienern.

Die zweitgrösste Gruppe an Internierten, die Deutschen mit rund 11.000 Betroffenen, mussten sehr lange warten, bis das Unrecht als Unrecht bezeichnt wurde. Fälschlicheweise werden in Beiträgen noch immer die internierten Deutschen als Kriegsgefangene oder Nazi-Schergen dargestellt. Kriegsgefangene wären jedoch in offizielle „Prisoner of War Camps“ gekommen und Nazi-Spione oder Saboteure bis zu ihrer Hinrichtung in Gefängnisse.

Das Tor zum Internierungslager Fort Lincoln, außerhalb von Bismarck, North Dakota.

Das Tor zum Internierungslager Fort Lincoln, außerhalb von Bismarck, North Dakota.

Jene Deutsche, die in den Camps, wie „Crystal City“ (Texas) oder „Fort Lincoln“ (North Dakota), endeten waren Auswanderer, die zum Teil schon lange Jahre in den USA lebten oder sogar vor Hitler flüchteten. Nachgewiesenermassen internierten die Amerikaner sogar deutsche Juden, die in den späten 30er Jahren noch Deutschland verlassen konnten. Familien, Geschäfte, ganze Lebensläufe wurden zerstört. Dieses Kapitel der deutsch-amerikanischen Geschichte klingt wie ein Hollywoodfilm, lange Zeit wurde darüber einfach geschwiegen.

Es geht in diesem Kapitel um die Allmacht der Ermittlungsbehörden und der Justiz, und die Verweigerung auf Verteidigung der Beschuldigten. Dieses Thema bleibt in den USA ein stets aktuelles, wie die Ereignisse nach den Terroranschlägen des 11. Septembers belegen. Wie auch die erneute Debatte über die Registrierung von Muslimen im Land zeigt. Dieses deutsch-amerikanische Kapitel handelt vom FBI, das in einer Nacht und Nebel Aktion Deutsche aus Südamerika verschleppte und in die USA brachte. Es handelt von deutsch-amerikanischen Familien, in denen der Vater noch deutscher Staasbürger war, die Kinder aber hier geboren und damit per Gesetz Amerikaner waren. Gesamte Familien wurden zum Austausch mit GIs nach Deutschland geschickt, also auch jene jungen amerikanischen Staatsbürger, deren Vater Deutscher war.

Vor ein paar Jahren produzierte ich zu dem Thema ein Hörfunkfeature für den Bayerischen Rundfunk. Dafür interviewte ich Kurt Peters in Seattle und Max Ebel in New Hampshire, die beide bereits verstorben sind und bis zuletzt auf eine Entschuldigung hofften. Den Beitrag können Sie hier hören:

      Feature
"Enemies" von John Christgau beschreibt die Internierung der Ausländer im Zweiten Weltkrieg.

„Enemies“ von John Christgau beschreibt die Internierung der Ausländer im Zweiten Weltkrieg.

2010 war es dann endlich soweit. Fast unbemerkt von der amerikanischen Öffentlichkeit wurde unter ein dunkles Kapitel der deutsch-amerikanischen Geschichte ein Schlussstrich gezogen. Die Senatoren Feingold, Kennedy und Grassley brachten ihren parteiübergreifenden Gesetzesvorschlag im US-Senat ein. Darin erkennen die Vereinigten Staaten erstmals an, dass sie den während des Zweiten Weltkriegs in den USA lebenden und teils internierten Deutschen Unrecht zugefügt haben. Die Vereinigten Staaten gestehen in der  Novelle auch ihr Fehlverhalten an jüdischen Flüchtlingen ein, die an ihren Grenzen abgewiesen wurden. Senator Feingold erklärte, dass mit dieser Gesetzesgebung auch dazu beigetragen werden soll, „dass Amerikaner das Unrecht verstehen, das gegen Europäer in den USA, Europäer in Südamerika und europäische Flüchtlinge geschah.“

Die Geschichte der Internerierung der Deutschen in den USA kann man auf der Webseite der Koalition der Deutsch-Amerikanischen Internierten nachlesen.

Für Interessierte kann ich noch ein hervorragendes Buch mit dem Titel „Enemies“ empfehlen. Autor ist John Christgau, der südlich von San Francisco lebt und die umfangreichste und erste Archivsuche überhaupt zu diesem Thema durchführte. Über seine Webseite kann man mit ihm in Kontakt treten.

Ein Erlanger ist unter den Toten in Oakland

36 Menschen starben bei dem verheerenden Feuer in einem umgewandelten Lagerhaus in Oakland. Einer der Verstorbenen ist ein Franke. Wolfgang Renner aus Erlangen ist mit 61 Jahren das älteste Opfer, das bei dem Brand ums Leben kam.

Das Gebäude 1305 31st Avenue, bekannt als "Ghostship" brannte völlig aus. Foto: AFP.

Das Gebäude 1305 31st Avenue, bekannt als „Ghostship“ brannte völlig aus. Foto: AFP.

Am Freitagabend fand in dem Gebäude 1305 31st Avenue, bekannt als „Ghostship“, eine Rave-Party statt. Aus bislang noch ungeklärten Gründen brach das Feuer gegen 23:30 Uhr aus, ein Großteil der Besucher im ersten Stock hatte keine Chance sich zu retten. Das Feuer brach im Erdgeschoss aus, als der dicke Qualm in das obere Stockwerk drang, war es zu spät. Die selbstgebaute Treppe aus Holzpaletten und Sofas stand zu diesem Zeitpunkt wohl schon in Flammen, einen Notausgang, Rauchmelder und Sprinkleranlagen gab es in der Lagerhalle nicht.

Wolfgang Renner lebte schon seit Jahren in Oakland. Freunde und Bekannte beschrieben ihn auf der facebook Gedenkseite für die Opfer der Katastrophe als „warmherzig, offen, charmant, intelligent, etwas verrückt“ und als einen „freien Geist“. Er soll laute Musik, Ausdruckstanz und schräge Klänge geliebt haben. Der 61jährige sei wie viele auf der Party selbst Musiker gewesen. Mit Aushilfsjobs hielt er sich über Wasser, um so seine elektronischen Musik zu finanzieren und zu verbreiten. Hin und wieder komponierte er Musik für Laienschauspielgruppen in der Bay Area. Mit ihm starb seine Lebensgefährtin Michelle Sylvan.

 

An Lebkoung am Golden Gate

lebkoungIch gebe zu, ich musste jetzt kurz suchen, wie man Lebkuchen auf Fränkisch schreibt: Lebkoung. Ich bin zwar in Würzburg geboren und in Nürnberg aufgewachsen, aber das Fränkische ging irgendwie an mir vorbei. Deshalb musste ich nun mal nachlesen, wie man das leckere Weihnachtsgebäck aus Franken im Dialekt schreibt.

Ja, auch hier am Pazifik findet man echte Nürnberger Lebkuchen. Ich war heute bei Trader Joe’s, der 100prozentigen Tochter von Aldi, und die hatten wieder eine ganze Palette geliefert bekommen. Es sind zwar nicht die feinen, saftigen Elisenlebkuchen, aber hier drüben, neun Zeitzonen hinter Nürnberg auf der anderen Seite der Weltkugel, darf man nicht wählerisch sein. Da muß eben diese eher staubig-trockene Variante schmecken.

Geht alles, und ja, als Nürnberger im selbstgewählten Exil, freue ich mich jedes Jahr darauf, wenn ich Ende November hier im Laden echte Nürnberger Lebkuchen finde. An der Kasse wurde ich wieder mal gefragt, ob ich die schon mal hatte. „Yes, I had them before. They’re from my hometown.“ Und der volltätowierte Bartträger meinte dann ganz begeistert: „Really! I gotta try them myself“, so, als ob ich ein bekannter fränkische Konditormeister sei. Ich habe es mir dann doch verdrückt ihm zu sagen, die Dinger heißen im Original „Lebkoung“. Ich glaube, das hätte ihn dann „weihnachtstechnisch“ etwas überfordert.

Auch Goethe würde Radio hören

      Radio Goethe Station ID

rg_karteVor 20 Jahren fing das mit Radio Goethe an. Am 23. November 1996, einem Samstagmorgen, ging ich zum ersten Mal auf KUSF 90.3 fm „on air“. Das war nur ein paar Monate nach meinem Umzug von Nürnberg nach San Francisco. KUSF war damals der Collegesender der Stadt. Er gehörte der jesuitischen „University of San Francisco“. Doch das Uniradio war mehr als nur Unifunk. KUSF war ein wichtiger Communitysender in der Stadt, der offen war für viele Minderheiten, ethnische Gruppen und die etwas anderen Programme. Da gab es eine finnische Show, eine türkische, Radiotheater und Sendungen von Behinderten, die Show eines schwulen Pastors. Radio Goethe wurde zwischen die armenische und die persische Sendung gepackt. Hier auf der 90.3 fm hörte man die Welt. Und mein Freund Ramon Montana lieferte mir die Verpackungselemente und Station IDs, die auf KUSF sofort auffielen. Der Sender war eine der wichtigsten Collegestationen in den USA und hatte viele bekannte Musiker und Bands gefördert, darunter Metallica, Nirvana, Tom Waits, PJ Harvey uva.

      Radio Goethe Station ID

Anfangs sendete ich auf Deutsch, später dann zweisprachig und schließlich ganz auf Englisch. Radio Goethe heißt übrigens Radio Goethe, weil ich keinen besseren Namen wußte. Damals ging ich zum Goethe-Institut und fragte, ob sie die 40 Dollar Sendekosten pro Sendung übernehmen würden. Der damalige Direktor willigte ein, fragte mich, ob ich schon einen Namen für die Sendung hätte. Als ich verneinte, schlug er Radio Goethe vor. Dabei blieb es, auch wenn kaum ein Amerikaner Goethe kennt und erst recht nicht aussprechen kann. Station IDs von Sammy Hagar oder anderen Rockgrößen klangen dann mehr nach Gothic Radio oder Radio Gute.

      Sammy Hagar Station ID

rgm_button2Egal, ich sendete jeden Samstagmorgen live. Um halb elf gab es dann noch einen Nachrichtenblock, selbst gelesen oder wenn ich Praktikantinnen bei meinem Job mit der Neuen Presse hatte, übernahmen die die Rolle der Nachrichtensprecherin. Die News fielen dann irgendwann ganz weg, ich sendete fortan am Donnerstagabend. KUSF war einer der ersten Sender, die auch im Internet ausstrahlten. Und auf einmal bekam ich Rückmeldungen von Hörern außerhalb des eigentlichen Sendegebietes. Die Vorstellung begeisterte mich, dass diese Idee des Lokalfunks total aufgehoben wurde. Mit einer Projektidee wandte ich mich an das deutsche Generalkonsulat San Francisco. Ich wollte Radio Goethe ausbauen, anderen College- und Communitystationen in den USA und Kanada anbieten. Das GK stimmte nach Absprache mit der deutschen Botschaft in Washington zu und so begann die Ausbreitung von Radio Goethe mit einer extra produzierten Sendung. Das ist etwas, was wohl so nur in den USA möglich war. Collegesender, die die musikalische Welt in ihre Städte und Gemeinden holen wollten.

      T.C.Boyle Station ID

Heute, 20 Jahre später, ist die Sendung auf rund 40 Stationen zu hören. Sender kamen, Sender gingen. Über die Jahre war und ist Radio Goethe terrestrisch in den USA, Kanada, Neuseeland, Namibia, Irland, Polen, Tschechien, Slowenien, Dänemark, Österreich, Schweiz und Deutschland zu hören (gewesen). Hinzu kommen allwöchentlich Hörerinnen und Hörer, die sich online zuschalten, das Podcast abonniert haben. Die Live-Sendung gibt es nicht mehr. Die Jesuiten der „University of San Francisco“ haben vor ein paar  Jahren die Frequenz 90.3 fm für viel Geld verkauft und damit die wichtige Community Station KUSF zerschlagen.

      Oliver Stone Station ID

rgm_button1Radio Goethe war und ist eine „One Man Show“. Eine Einstundensendung, die Woche für Woche an die Stationen überspielt wird. Ich brauche meine Playlist mit niemandem abzustimmen, ich brauche keine Werbung schalten, ich verdiene keinen Cent mit der Show. Radio Goethe ist mein Ding, und ich weiß, mein Geschmack ist nicht der von vielen. Es ist Minderheitenradio, Radio für Musikinteressierte und -begeisterte, für all jene, die offen sind, mir einfach mal zuzuhören. Es macht Spaß, noch immer, deshalb mache ich weiter. Ich spiele, was mir gefällt. Natürlich habe ich musikalische Vorlieben, natürlich hat sich mein Geschmack über die Jahre verändert. Heute kann ich aus den vollen Regalen greifen, es hat sich viel angehäuft. Damals, an diesem ersten Samstag im November 1996, hatte ich nur ein paar CDs bei mir. Viel hatte ich damals nicht in meinen zwei Koffern mit in die USA bringen können. Aber es war ein Anfang, das Archiv von KUSF bot mir noch weitere deutsche Acts, darunter DAF, die Einstürzenden Neubauten, Faust, Kraftwerk und viele der eher abgefahreneren Bands der 70er und 80er Jahre.

      Herbert Grönemeyer Station ID

rgembassyIm Rückblick gibt es viele Highlights, von denen ich berichten kann. Viele schöne Interviews mit Musikern, Musikerinnen und Bands, Schauspielerinnen und Schauspieler, Politikerinnen und Politiker, einen Radiopreis für das auf Radio Goethe ausgestrahlte Feature über das Lied der Moorsoldaten, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für meine kulturelle Arbeit im Ausland, „Radio Goethe Magazine“ eine Zusammenarbeit mit deutschen Uniradios, Live-Präsentationen an Unis, High Schools, in der deutschen Botschaft in Washington und sogar im ruandischen Butare, die Vermittlung von Infamis an Wim Wenders…

      Extrabreit Station ID

rg_buttonDoch was für mich vor allem wichtig war und ist, sind die vielen Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Freundschaften mit Musikerinnen und Musikern, Promotion- und Labelvertretern…ihr wisst, wer ihr seid. Und dann auch mit Hörerinnen und Hörern, die im ganzen Land zu finden sind. Als ich noch die Live-Sendung auf KUSF hatte, diskutierte Woche für Woche am Donnerstagabend eine Gruppe von ihnen online über das, was ich da sendete. Oder beim Kraftwerk Konzert in Oakland. Ich hatte meine vom Höchstadt gedruckte Radio Goethe Jacke an (Danke Atze), stand da und wartete auf den Beginn des Konzerts. Auf einmal sprach mich jemand an und fragte, woher ich die Jacke habe, er höre regelmäßig Radio Goethe. Ich sagte „I am Radio Goethe“. Aus diesem Treffen wurde eine Freundschaft.

      Nena Station ID

Ich weiß, ich kann es nie allen recht machen. In einer Stunde kann man nur soviel Musik spielen, und ja, ich habe meine Lieblingsbands, die da immer wieder auftauchen. Bands, die mir gefallen, am Herzen liegen, die mir sehr viel bedeuten. Meine Verbindung zu Nürnberg und Franken kommt auch immer wieder durch. Zuletzt mit der Straßenkreuzer CD (Danke Martin) oder auch mit Fiddler’s Green, mit denen mich seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet (Danke Stefan).

20 Jahre Radio Goethe, ich hätte nie gedacht, dass das mal so lange läuft. Aber es ist für mich zu einem Selbstläufer geworden, Woche für Woche Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu präsentieren. Zum Schluß dieser Zeilen ein herzliches Dankeschön an alle, die „den da drüben in Kalifornien mit seinem Radio“ unterstützt haben. Mit Musik, mit dem Zuhören, mit den Rückmeldungen. Ohne Euch wäre schon längst die letzte Sendung gelaufen.

      Stendal Blast Station ID

Nach 33 Jahren das erste Konzert

      Nena im Interview

Irgendwie ist man das von deutschen Bands gewohnt. Kraftwerk brauchten zwischen ihren Studioalben „Computer Welt“ und „Tour de France Soundtracks“ schlappe 22 Jahre. Nena übertrifft das noch deutlich. Sie brauchte 33 Jahre, nachdem ihr Hit „99 Luftballons“ auf Platz 2 der amerikanischen Billboard Charts landete, um ihr erstes Konzert, überhaupt ihren ersten Live-Auftritt in den USA zu geben.

„99 Red Balloons“ wird noch immer im US-Radio gespielt. Hier in der San Francisco Bay Area ist es KOSF 103.7 fm, auf dem man die englische Version des Hits hören kann („Ich mag die englische Version nicht“, so Nena). Daneben tauchen auch noch Peter Schilling mit „Major Tom“, Trio mit „Da Da Da“ und Falco mit „Der Kommissar“ im Radio auf.

Nena etwas verwackelt in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Nena etwas verwackelt beim ersten US Konzert in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Aber Nena gilt als das „One-Hit-Wonder“, als das deutsche Fräulein der 80er Jahre in den USA. Nach 33 Jahren stehen nun drei Konzerte an, San Francisco war der Startpunkt. Es war ein Familienausflug für die 56jährige Hamburgerin. Zwei ihrer Kinder standen mit auf der Bühne, Freundinnen und Nachbarn begleiten die berühmte Tochter Hagens auf ihrer ersten Mini US-Tournee. Schon Tage vorher reiste die Gruppe an, radelte durch die Stadt und über die Golden Gate Bridge, tauchte unerkannt ein in die nordkalifornische Metropole.

Als „Germany’s Queen of Rock“ wurde sie angekündigt und die Fans kamen. Mehr als 60 Prozent im gut gefüllten Regency Ballroom waren Deutsche oder mit deutschem Hintergrund. Das hörte man, als Nena ihre Klassiker wie „Nur geträumt“, „Leuchtturm“, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, „Wunder gescheh’n“ und natürlich die deutsche Version von „99 Luftballongs“ präsentierte. Es wurde lautstark mitgesungen, mitgefeiert, mitgetanzt, so nah war man dem deutschen Superstar noch nie.

Nena ist eine Frohnatur, das kommt nicht nur im Interview rüber, das zeigte sie auch auf der Bühne. Sie war begeistert vom Empfang in San Francisco, lachte, tanzte, suchte das Gespräch mit den Fans und am Ende schien sie überwältigt zu sein, was da gerade in diesem altehrwürdigen Ballsaal an der Van Ness Avenue passiert war. 33 Jahre liegen zwischen ihrem Riesenhit und dem ersten US-Konzert. Vielleicht dachte sie da am Schluß, als sie sich mit ihren Musikern auf der Bühne verneigte: „ich hätte doch mal früher kommen sollen“. Wobei, vielleicht kann sie gerade erst jetzt, im gesetzten Alter, mit all den Erfolgen, Erfahrungen und Erkenntnissen, entspannt und auch mit dem für sie etwas ungewöhnlichen Lampenfieber dieses neue Kapitel in ihrer langen Karriere genießen. „Irgendwo, irgendwie, irgendwann“ kommt alles dann doch mal zusammen.

Nach über 30 Jahren kommt die Tour

      Nena in ihrer Hamburger Küche
Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Platz 2 in den Billboard Charts und das mit einem deutschsprachigen Song. Das Lied verkaufte sich allein in den USA über eine Million Mal. „99 Luftballons“ machte das Hagener Mädchen Nena zum Weltstar. Na ja, nicht ganz, denn eigentlich gilt sie außerhalb des deutschsprachigen Raumes als „One-Hit-Wonder“. Gerade in den USA mag es daran liegen, dass Nena mit ihrer Band nie über den großen Teich kam, auch damals nicht, als der Anti-Kriegs-Song zur Hochzeit des Kalten Krieges die amerikanischen Hitparaden eroberte.

Es heißt, damals hätte ein DJ eines großen Senders in Los Angeles auf einer Reise nach Deutschland die Single gehört, gekauft und mitgebracht. Und damals in den 80ern durften DJs noch selbst ihre Playlisten bestimmen. Der weltoffene Mischpultmeister spielte also „99 Luftballons“ und die Hörer klingelten an, was das denn für ein neuer und ungewöhnlicher Sound sei. Und so kam das Lied aus Hagen in die Rotation des großen LA-Senders. Da andere Stationsmanager ihren Praktikanten auftrugen hinzuhören, was da bei der Konkurrenz im Programm läuft und immer wieder läuft, wurde Nena schnell auch bei anderen Sendern gespielt. Der Rest ist Geschichte. „99 Luftballons“ wurde 1983/84 zum Hit in den Vereinigten Staaten und wird noch heute, allerdings auf Englisch, auf zahlreichen Stationen gespielt, die Programme für die Menschen 40+ formatieren. Neben „99 Red Balloons“ haben auch die guten alten NDW-Klassiker „Der Kommissar“, „Major Tom“ und „Da Da Da“ auf Englisch im US-Radiogeschäft überlebt.

Nun, nach über 30 Jahren kommt Nena endlich in die USA. Die ersten Konzerte, drei an der Zahl, in San Francisco, Los Angeles und New York City. Eigentlich sollte sie in San Francisco im Bimbo’s spielen, doch der Raum war zu klein. Nun tritt Nena zum ersten Mal überhaupt in den USA am 30. September im „Regency Ballroom“ auf. Gestern wurde ich dafür zu einem telefonischen Pressegespräch mit Nena eingeladen. Das lief dann so ab, dass ich eine Nummer wählen musste, dann einen Code eingeben und drei weitere Journalisten warteten mit mir auf die Zuschaltung von Nena aus Hamburg. Die meldete sich aus ihrer Küche, lachend, wie man sie kennt. Jeder von uns durfte „nur“ zwei Fragen stellen und auf Englisch. Als letzter kam ich dran:

„Nena, „99 Red Balloons“ was a big hit in the US. Over here, people think you are a one-hit-wonder. Do you regret or do you think you missed a chance not to tour over here back than?“

      Nena zur verpassten Chance

„Your musical colleague, Hebert Grönemeyer, recently toured as well  for the first in the US. He also released an English language album. Are you also testing the waters, like he did, are there any plans for you to release an album over here?“

      Nena zu Plattenplänen

 

I’ve been looking for freedom

"The Hoff" in meiner Hosentasche.

„The Hoff“ in meiner Hosentasche.

Als Deutscher in den USA wird man oft gefragt, warum die Deutschen David Hasselhoff lieben? In zahlreichen Comedy Sendungen, wie auch auf Saturday Night Live, ist das ein „Running Gag“. Die Deutschen haben eh keinen Musikgeschmack, weil sie „The Hoff“ lieben. Hasselhoffs größter Hit „I’ve been looking for freedom“, die Hymne des Mauerfalls, war in den USA kein großer Hit. Der Bay-Watch-Star ist ja noch immer davon überzeugt, dass er und sein Lied zum „Fall of the Berlin Wall“ beigetragen haben.

Nun bin ich hin und wieder in Südkalifornien und dort auch viel am Strand unterwegs. Joggen, mit dem Hund spazieren gehen. Und auf einem dieser Spaziergänge kam ich am Haus vom „Hoff“ vorbei, der lebt nämlich da unten. Er stand auf seiner Terrasse und winkte freundlich, ich winkte etwas überrascht zurück.

Und nun bekam ich ein sehr schönes, verspätetes Geburtstagsgeschenk: „The Hoff Schlüsselanhänger“. Auf Knopfdruck sechs nette Sprüche von David, wie gemacht für einen Deutschen in den USA.

      The Hoff in your pocket

Auf den Spuren der Deutschen

Egal wohin ich in den USA auch reise, ich suche immer Antiquariate und Second-Hand Plattenläden auf. In den Buchläden stöbere ich vor allem nach lokaler deutscher Geschichte oder eben alten Büchern, die deutsche Immigranten mit in die Neue Welt brachten. Heute war ich erneut in Calumet, durch dichten Nebel und Nieselregen ging es an Houghton und Hancock vorbei in diese einstige „Boom-Town“, in der vor 100 Jahren sogar eine Straßenbahn fuhr. Doch vom früheren Ruhm dieser Stadt ist nicht mehr viel übrig geblieben. Man muß schon wissen, wohin man hier will, sonst ist man schneller durchgefahren als erwartet.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Mich zog es auf die Fifth Street zu „Artis Books“, die Parallelstrasse zur eigentlichen Main Street, auf der Kneipen, das alte Theater, die Feuerwehr zu finden sind. Auf der Fifth ist auch die lokale Kaffee-Rösterei, Keweenaw Coffee. Ein Pfund „dark roasted“ musste ich einfach mitnehmen, denn in den Supermärkten hier gibt es nicht gerade den besten Kaffee zu kaufen. Etwa 150 Meter weiter ist dann der Buchladen. Eine schwere Eingangstür und dahinter öffnet sich eine fantastische Buchwelt. Über eine knarzige Treppe ging ich in den Keller, in dem die deutschsprachigen Bücher auf einem Eckregal standen. Ein paar Romane, alte deutschsprachige Bibeln, Sachbücher und dann auch ein paar Kuriositäten, wie „Die Gegenvorschläge der Deutschen Regierung zu den Friedensbedingungen“ und die „Antwort der alliierten und assoziierten Mächte“, veröffentlicht 1919. Und auch die „Betrachtungen zum Weltkriege“ aus demselben Jahr von Theobald von Bethmann Hollweg standen da auf dem Regal.

Im Nebenzimmer des Kellers dann allerhand Fotobände, Romane, Kunstbücher. Ich entschied mich schließlich für „The World Encyclopedia of Cartoons“, ein wunderbares und umfangreiches Nachschlagwerk, auch wenn der Fokus etwas zu stark auf dem nordamerikanischen Raum liegt. Zur Geschichte der deutschen Einwanderer fand ich ein kleines Büchlein über die Bosch Brauerei, gegründet von Joseph Bosch, der 1850 in Baden geboren wurde. Sein Vater war Brauer in Wisconsin, bevor die Familie nach Lake Linden in Michigan zog. Anfangs arbeitete der junge Bosch als Bergarbeiter, doch er wollte wie sein Vater Brauer werden. Schließlich ging er nach Milwaukee, um dort an der Schlitz Brauerei das Handwerk zu erlernen. 1876 eröffnete Joseph Bosch dann in Lake Linden, Michigan, die „Torch Lake Brewery“, die 1896 schließlich in „Bosch Brewery Company“ umbenannt wurde. Um die Jahrhundertwende war die Brauerei die größte in der „Upper Peninsula“ von Michigan, mit einer jährlichen Produktion von 60.000 Fässern. Zu dieser Zeit brummte die „UP“. Der Bergbau war der Motor der Region, die durstigen Kumpels tranken den „German“ Gerstensaft nur zu gern.

Mit der Prohibition 1919 stand die Brauerei allerdings vor dem Aus. Erst 1933 wurden die Sudkessel wieder zum Kochen gebracht, Gründer Joseph Bosch verstarb vier Jahre später, seine Kinder übernahmen den Betrieb. Der Höhepunkt für die „Bosch Brewing Company“ kam Mitte der 50er Jahre mit einem jährlichen Ausstoß von gut 100.000 Fässern. Bosch Bier war fest verankert in der „UP“. Doch mit dem Verlust von mehr und mehr Arbeitsplätzen in der Region und der Abwanderung vieler „Yoppers“ aus ihrer angestammten Heimat, wurde Anfang der 70er Jahre auch das Ende der „deutschen“ Brauerei erreicht. Bosch konnte nicht länger mit den Großbrauereien aus Detroit, St. Louis und Milwaukee konkurrieren. Am 28. September 1973 wurde das letzte Fass an Schmidt’s Corner Bar in Houghton ausgeliefert. Die Bude war rappelvoll, wie es heißt, jeder wollte noch einmal einen Schluck des beliebten lokalen Biers nehmen. Zum Ende erhallte ein lautstarkes Cheers, Prost, Skål, Kippis.