Ein Fest des Lesens

An diesem Wochenende findet in Berkeley das Bay Area Book Festival statt. In Downtown, gleich neben dem Rathaus, sind Dutzende Stände von zumeist kleinen Verlagen und Buchläden und einige weitere, teils obskure, Angebote aufgebaut. Lesungen, Vorträge, ein Treffen rund ums Buch.

Das „Wunderbar Together“ Zelt.

Mit dabei in diesem Jahr auch ein über das Deutschlandjahr des Auswärtigen Amtes finanziertes „Wunderbar Together“ Projekt. Dabei stellt der Auslandssender Deutsche Welle gemeinsam mit dem Goethe-Institut eine Liste von 100 deutschsprachigen Büchern vor, die man gelesen haben sollte. Es ist keine Bestenliste, es gibt keine Rangordnung, es sind Bücher, die alle im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden und Lust aufs Lesen machen sollen. Eine der Bedingungen für die List war, dass das jeweilige Buch auch auf Englisch zu erhalten ist. Einiges auf dieser Liste kenne ich, vieles jedoch muss ich mir mal genauer ansehen. Umrahmt wird diese Buchpräsentation von Autorenlesungen aus Deutschland und der Schweiz. Dazu noch Konzerte im eigenen „Wunderbar Together“ Zelt.

Unter den zahlreichen Ständen im Martin Luther King Jr. Civic Center Park fand ich auch für mich ein paar Bücher. Passend zum deutschsprachigen Zelt, ein wunderschöner „used“ Bildband von Käthe Kollwitz, deren tiefe, dunkle und intensive Grafiken, Zeichnungen, Poster und Holzschnitte in den USA sehr geschätzt werden. Und dann erwarb ich auch noch zwei Bücher zum Thema Musik. „The Big Red Songbook“, 250 Liedtexte und die dazugehörigen Geschichten der „International Workers of the World“ und „The explosion of deferred dreams“, Musik in den stürmischen Zeiten San Franciscos zwischen 1965 – 1975. Der Samstagabend ist noch jung, also mache ich mich mal ans Schmökern.

Zum Schluss ein Prost und „Apple Pie“

John Christgau kennen wahrscheinlich nur wenige meiner Leser. Die, die mit dem Namen etwas anfangen können, wissen, dass er der erste war, der über die Internierung deutscher Staatsbürger in den USA ein Buch geschrieben hatte. „Enemies“ heisst es und erzählt die Geschichte eines amerikanischen Kapitels, das noch nicht geschlossen ist. Denn eine Verhaftungs- und Internierungswelle wäre wieder in den USA möglich. Genau so, wie es sie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor gegen Hundertausende Japaner, Deutsche, Italiener und Amerikaner mit japanischer Herkunft gegeben hat.

Gestern war der „Memorial Service“, die Gedenkveranstaltung, für John Christgau im „Community Center“ Belmont, südlich von San Francisco. John war vor ein paar Monaten gestorben. Weit über 200 Frauen und Männer kamen. Familie, Freunde, Nachbarn, Wegbegleiter, ehemaliger Schüler. John war bis zu seiner Pensionierung ein High School Lehrer, der, wie es etliche Redner erklärten, ihr Leben verändert hat. Denn er war jemand, der sich einsetzte, der zuhörte, der Geschichten erzählen konnte, der ehrlich, offen und voller Humor war.

Ich traf ihn mehrmals für Interviews zum Thema der Internierung der Deutschen, brachte ihn mit dem deutschen Generalkonsulat zusammen, denn die Geschichte, die er in seinem Buch erzählte, war und ist den meisten unbekannt. Wir blieben bis zu seinem Tod in Kontakt. Und er war ein besonderer Mensch, der einem immer das Gefühl gab, etwas besonderes zu tun und zu machen. Er fragte nach, zeigte Interesse, bestärkte mich darin, diese Geschichte zu erzählen, gab mir bereitwillig seine Kontakte. Damals reiste ich für ein Feature nach Seattle, nach New Hampshire und nach Arizona, um vor Ort teils sehr emotionale Interviews mit ehemaligen Internierten zu führen. Denn sie sprachen oftmals zum ersten Mal ganz ausführlich über ihre Erlebnisse, die sie vergessen wollten, doch nie vergessen haben. Daraus entwickelten sich Freundschaften, die noch immer anhalten. Auch dafür sei John Christgau gedankt.

Als Journalist trifft man über die Jahre viele Menschen an vielen Orten in vielen Situationen. Wenn ich an die Gespräche mit John denke, dann muss ich lächeln. Er war besonders, allein durch seine Art, seine Offenheit, sein Engagement. Daran dachte ich, als ich gestern seinen ehemaligen Schülerinnen und Schülern, seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, seinen Töchtern zuhörte. Zum Abschied gestern gab es Apfelstrudel, auf Wunsch von John. Fast 20 verschiedene Kuchen standen da, gebacken von seinen Freunden….seine Tochter sagte es am Schluss mit seinen Worten: „Let’s have some piiiieeeee“.

Deutsche Internierte im Zweiten Weltkrieg     

Nazis in den USA

20.000 Anhänger des German-American Bund kamen im Februar 1939 in den Madison Square Garden.

Am 20. Februar 1939 war der Madison Square Garden Schauplatz eines gewaltigen Nazi-Aufmarsches. Es war als „Pro American Rally“ angekündigt, doch hier marschierte der BUND, eine von Deutschland aus gesteuerte US Nazi-Organisation, die im ganzen Land aktiv war. Die Machtdemonstration in New York City sollte die Amerikaner beeindrucken und sie für die Politik Hitlers gewinnen. Doch es hatte Konsequenzen für alle Deutschen, die in den USA lebten.

 

Die deutschen Vereine zwischen New York und San Francisco waren nach der Anti-Deutschen Stimmung in den Jahren 1914 bis 1918 kaum wieder erstarkt, hatten wieder zueinander gefunden, waren erneut im öffentlichen Leben von San Francisco mit Festen, Umzügen und Veranstaltungen präsent, als mit der Machtübernahme Hitlers 1933 eine deutliche Zeitenwende eingeläutet wurde. Gerade die politischen Vereine, wie der Arbeiterbildungsverein San Francisco waren davon betroffen. In der vereinseigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen, kontroversen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen. Befeuert wurde der auch von organisierten Auslandsdeutschen, die ihre Befehle direkt aus Berlin erhielten.

Knute Berger ist Journalist in Seattle, für das Newsmagazin “Crosscut”, er hat intensiv über die Aktivitäten der Nazis in den 1930er Jahren an der Westküste recherchiert: „Mir wurde gesagt, dass es einen Generationenschnitt gab. Jene Deutsche, die vor dem ersten Weltkrieg gekommen waren, waren nicht unbedingt für Hitler. Einige der Jüngeren glaubten an diese Idee des neuen Deutschlands an die wirtschaftlichen Fortschritte, die gemacht werden. Da gab es sicherlich einen Bruch.“

Karl Hartmann kam kurz nach dem Ende es zweiten Weltkrieges nach San Francisco und war langjähriger Präsident des Arbeiterbildungsvereins. Er lernte noch viele der alten Mitglieder kennen und hörte, was sie über diese schwierige Zeit im Verein berichteten: „Das war auch das Ende vom Arbeiterbildungsverein, von seiner Blütezeit. Denn von ’33 an, da ist das nur noch ein Vegetieren gewesen. Da haben ja die meisten Angst gehabt. Ein Freund von mir, ich weiss, der war beim BUND, der war immer stolz, dass er im Madison Square Garden reinmarschiert ist, in seinem weißen Hemd und der Hakenkreuzbande. Genau wie bei der SA. Ich fragte ihn, wie viele seid ihr denn gewesen und er: 20.000. Ich sag, du hast doch einen Vogel. 20.000, sagt er, glaub es oder nicht, was denkst du, wie wir marschiert sind, was da los war.“

Bereits im Mai 1933 gab Rudolf Hess Heinz Spanknöbel den Auftrag in den USA eine Nazi-Organisation aufzubauen. Spanknöbel kam 1929 als Pastor der Adventisten in die USA. Er gründete die “Freunde des Neuen Deutschland”, die dann im März 1936 in den “Amerikadeutschen BUND” übergingen. Deren Bundesführer wurde Fritz Julius Kuhn, der in 20er Jahren in die USA kam und 1934 amerikanischer Staatsbürger wurde. Kuhn versuchte, die deutschen Vereine in den USA zu einen und auf Kurs für Hitler-Deutschland zu bringen. Mit Paraden und Massenveranstaltungen wollte man die Deutschen begeistern. Und nicht nur in New York marschierte der BUND ganz im Sinne der Nazis auf. Auch in San Francisco war man aktiv. Unterstützung bekamen sie direkt aus dem Deutschen Generalkonsulat, wie Knute Berger berichtet: „In den späten 30ern, ungefähr 1937, gab es einen Generalkonsul in San Francisco, der auch noch weitere Kollegen in anderen Westküstenstädten hatte. Er hieß Manfred Freiherr von Killinger und war ein erklärter Nazi der ersten Stunde. Er unterstützte die engen Verbindungen zwischen Nazi-Deutschland und dem Deutsch-Amerikanischen Bund. Einige warfen ihm vor, das zu aggressiv betrieben zu haben. Das San Francisco Konsulat war auch für die Spionage im gesamten Westen der USA bis nach Salt Lake und runter an die mexikanische Grenze zuständig. Und man warb für Gruppen wie den Bund, die “Silver Shirts” und in Mexiko die “Gold Shirts”, alles Braunhemden. Das jedoch führte zu Widerstand. Von Killinger wurde vorgeworfen zu weit zu gehen und den Bund in eine Richtung zu drängen, was dazu führte, die Loyalität vieler Deutsch-Amerikaner zu hinterfragen und den Bund nicht als kulturelle sondern als politische Gruppe zu sehen.“

Lange Zeit schauten die Amerikaner dem offenen Treiben der Nazis einfach zu. Zu sehr glaubte man an die größere Gefahr durch die Unterwanderung der Kommunisten. Die marschierenden BUND Anhänger, ihre Jugendlager ganz im Sinne der HJ, auch in den Oakland Hills wurde gecampt, wurden einfach nicht richtig ernst genommen. In San Francisco wuchs jedoch der Widerstand gegen die Aktivitäten des BUND und des Generalkonsuls und Hitlervertrauten von Killinger. Gerade auch, weil die deutsche Gemeinde in der Stadt groß und einflussreich war. Das Deutsche Haus im Zentrum, unweit der City Hall gelegen, war vielen ein Dorn im Auge. Sie fragten sich, was spielt sich eigentlich hinter den Mauern dieses Gebäudes wirklich ab. Die Musiker Gewerkschaft in San Francisco, die “American Federation of Musician’s Local Six”, verabschiedete in ihrer Sitzung vom 9. Juni 1938 die folgende Resolution. Interessant dabei ist, dass viele der Mitglieder der Musikergewerkschaft, darunter auch ihr Präsident Walter A. Weber, selbst Immigranten aus Deutschland waren.

Angesichts dessen: In Europa gibt es mehrere Länder, deren Systeme direkt unserer Theorie von Demokratie entgegen stehen, in denen Arbeitnehmervertretungen aufgelöst und verboten wurden und Eigentum beschlagnahmt wurden; und
Angesichts dessen: In etlichen dieser Länder wird gegenwärtig eine Kampagne geführt, die auf religiöser Intoleranz, Rassenhass und Verbitterung basiert; und
Angesichts dessen: In San Francisco soll während des Memorial Day Wochenendes ein Treffen des Deutsch-Amerikanischen Bundes, einer Nazi Organisation in diesem Land stattfinden; und
Angesichts dessen: Organisationen wie die “American Legion”, “Veterans of Foreign Wars”, verschiedene jüdische und andere religiöse Gruppen haben gegen dieses Treffen der Embryo “Sturmtruppen” protestiert und ihre Ablehnung veröffentlicht; und
Angesichts dessen: Der San Francisco Gewerkschaftsbund hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt, man ist gegen jegliche Form von ausländischen “isms”, die eine Bedrohung für unsere amerikanische Demokratie sind, deshalb soll es sein
Beschluss: Der San Francisco Gewerkschaftsbund spricht sich gegen dieses Treffen aus und erneuert seinen Eid für den Kampf um den Erhalt der amerikanischen Demokratie; und weiterhin
Beschluss: Dass Kopien dieser Resolution an die Presse von San Francisco weitergegeben werden.

Die Deutschen in der San Francisco Bay Area versuchten gegenzusteuern, zu zeigen, dass sie zwar deutsche Wurzeln haben, ihre Sitten und Gebräuche pflegen, aber dennoch Amerikaner sind. Im Protokoll der Sitzung der Hermann Söhne, einer einflussreichen und alten Loge deutscher Einwanderer, heisst es vom 12. Mai 1941:

“Resolution: Eine der ersten Handlungen der Grossloge war die Annahme der folgenden Resolution, die für sich selbst spricht:
Be it resolved that we, the Order of Hermann Sons, an American Organization, in existence One Hundred years do hereby reaffirm our support of our Federal Government, our Constitution and our American way of life.
Be it further resolved that our Order condemns all un-American activities and pledges its united support in stamping out such activities.
Be it further resolved that we, the members of the Order of Hermann Sons, using our rights as free men and women citizens of the United States of America, respectfully protest against any actions which may involve us in the present European conflict, thus endangering our freedom and peace.
Be it further resolved that copies of the foregoing resolution be forwarded to the members of Congress and to the press.

Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass die Hermann Söhne ihre Veranstaltungen immer auf Deutsch abhielten und auch ihre Protokolle auf Deutsch verfassten. Hier jedoch wurde ganz bewusst eine Ausnahme gemacht, das Englische gewählt, um deutlich zu machen, wo man sich als deutscher Immigrant in den USA positioniert.

Mit dem Angriff der Japaner auf den Militärstützpunkt Pearl Harbor und der anschließenden deutschen Kriegserklärung gegen die USA vier Tage später, am 11. Dezember 1941, änderte sich das Leben für die Deutschen im ganzen Land, vor allem jedoch in den Küstenregionen. Mit Hilfe eines Gesetzes, das bis ins Jahr 1798 zurückreicht, könnten bei der Gefahr einer Invasion Amerikas, die Staatsbürger von verfeindeten Nationen verhaftet und für die Dauer des Krieges interniert werden. Im Bundesanzeiger, dem Federal Register, ließ Roosevelt die verstärkte Kontrolle von Japanern, Italienern und Deutschen verkünden. Dabei berief er sich auf das 143 Jahre alte Gesetz. Die Japaner und Japan-Amerikaner traf es deutlich stärker als die Deutschen. Weit über 100.000 wurden interniert. Doch das FBI verhaftete in den Folgemonaten auch Tausende von Deutschen, insgesamt etwa 12.000, die in den USA, in Mexiko und sogar Mittelamerika lebten und brachte sie in Internierungslager in die USA, darunter Crystal City, Texas, Fort Lincoln, North Dakota und auch Pacifica, südlich von San Francisco. Die Bewegungsfreiheit von Deutschen am Golden Gate wurde eingeschränkt, tägliche Kontrollen zur Normalität. Erneut brach eine Hysterie im ganzen Land aus. Im Staatsgefängnis von San Quentin wurde sogar von den Gefangenen ein massives Stahlnetz konstruiert, dass vor die Golden Gate Bridge gehangen wurde, um so eine Abwehr gegen deutsche U-Boote zu bieten.

Professor William Insel von der San Francisco State University, der viel über die Immigranten in San Francisco geforscht hat, beschreibt die Loyalitätsfrage in jenen Tagen so: „Ich habe das einmal von einem Italiener gehört, der 1889 in Piedmont, Italien geboren wurde, als 11jähriger nach San Francisco kam, 1915 nach seinem Studienabschluss als Rechtsanwalt Amerikaner wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er vom FBI überprüft, denn man warf ihm vor ein faschistischer Agent zu sein. Das Tenney Kommittee, die kalifornische Version der Anti-Amerikanischen Aktivitäten, fragte ihn, ob er Amerikaner oder Italiener sei. Und er antwortete, “schauen Sie, ich denke über Amerika und Italien genau so wie ich über meine Frau und meine Mutter denke. So lange meine Frau und meine Mutter sich vertragen, so lange muss ich nicht an sie denken. Aber wenn sie sich streiten, oder schlimmer, wenn sie nicht mehr miteinander reden und zu Feinden werden, dann halte ich zu meiner Frau, nicht zu meiner Mutter. Denn meine Frau ist heute und in Zukunft.” Das war seine Erklärung, wie er sich im Zweiten Weltkrieg verhalten würde, nach dem 10. Dezember 1941, als Italien den USA den Krieg erklärte. Und dieser Frage mussten sich auch deutsche Einwanderer im ersten Weltkrieg und einige auch im zweiten Weltkrieg stellen.“

Die deutschen Gemeinden und Vereine haben sich nie mehr so richtig von dieser zweiten Anti-Deutschen Bewegung in den USA erholt. Man zog sich zurück, pflegte die Sprache, die Kultur, die gemeinsamen Feste. Doch politisch traten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr auf. Damit verschwand auch der Einfluss und die Bedeutung der deutschen Immigranten in den USA.

Community Radio – abseits des Mainstream

Heute ist es mal wieder so weit. Eine weitere Live-Sendung auf dem Community Sender KKUP in San Jose steht an. KKUP wird im Mai 47 Jahre alt, das heißt, 47 Jahre an Radioprogrammen, die nicht kommerziell sind, von Ehrenamtlichen moderiert und produziert werden, es keine Werbung gibt, der Sender vielmehr durch die Spenden der Hörerinnen und Hörer finanziert wird.

Das ist möglich und es macht einfach Spaß, mit einer Tasche voller CDs die gute Stunde von Oakland nach San Jose zu fahren, um Musik zu spielen, die man sonst wohl auf keiner anderen Station hören kann. Einige, die mich und meinen Musikgeschmack kennen werden sagen, das ist wohl auch gut so, dass man das nicht auf anderen Sendern hört, aber heute habe ich Lust auf eine elektronische Show zwischen Klaus Schulze, Bernd Kistenmacher, Adalbert von Deyen und so einiger wiederveröffentlichter Perlen auf Bureau-B Records. Und für diesen Sound gibt es durchaus viele Fans, gerade auch in der San Francisco Bay Area.

KKUP sendet im Großraum San Jose. Das Programm lässt sich bis runter nach Monterey, im Silicon Valley und hoch bis Oakland und South San Francisco hören, also ein riesiges Sendegebiet. Und ich werde von 15-17 Uhr (PST) „on-air“ sein, um den Sonntagnachmittag mit einer besonderen Musikmischung zu beschallen.

Community Radio in den USA ist etwas Besonderes. Es ist ein wichtiger Teil des öffentlichen Rundfunks. Neben den NPR, den Pacifica und College Stationen, gibt es da auch noch diese Sender, die aus der Community heraus gewachsen sind, von der Community unterstützt werden und für die Community senden. Und da ist wirklich alles dabei, von Klassik bis Country, von Weltmusik bis Punk. Das Angebot ist grenzen- und genrelos und genau darauf kommt es an. Radio ohne Format, ohne einengende Playlist eines Musikchefs. Zu hören ist, was eben zu hören ist, was ein Moderator oder DJ eben an diesem Tag und für seine Show auswählt. Zu hören sind die vielen Stimmen der Menschen, die um uns herum leben, mit ihrem Hintergrund, ihrem Wissen, ihren Besonderheiten. Von daher, einfach mal reinhören, vielleicht heute Nachmittag/heute Nacht….von 00:00 – 2 Uhr deutscher Zeit KKUP einschalten.

Bombenanschlag im Hafen von Oakland

Die Vancouver auf Fahrt.

Am 3. November 1938 explodierte eine Bombe am Rumpf des „Nazi-Steamers“ Vancouver im Hafen von Oakland und lief auf Grund. Das Schiff war mit einer Stunde Verspätung ausgelaufen und verhinderte somit eine Katastrophe auf offener See. Der damalige deutsche Generalkonsul, Baron Manfred von Killinger, ein Vertrauter Adolf Hitlers, erklärte, dass hinter dem Anschlag nur Kommunisten stecken könnten. Beweise dafür legte er nicht vor. Die Hintermänner der Explosion wurden nie gefunden. Taucher untersuchten das Loch im Rumpf und erkannten gleich, dass der Stahl nach innen gedrückt worden war, damit war klar, es war zweifellos ein Anschlag. Vier der Seeleute wurden verletzt, der Maschinenraum stand unter Wasser. Und die Vancouver war fahruntüchtig. Aus Deutschland mussten Ersatzteile geliefert werden.

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Die Vancouver war am 17. Februar 1939 wieder seetüchtig, doch geriet in die Wirren des Zweiten Weltkrieges. Am 31. August wurde dem Schiff mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges in Curacao die Ausfahrt verweigert. Im Mai 1940 beschlagnahmte die holländische Regierung die Vancouver und taufte sie in Curacao um. 1946 kam das Schiff schließlich zur Holland-Amerika-Linie und wurde in Duivendyk umbenannt. 13 Jahre später wurde das Schiff in Tokio abgewrackt.

Einer jedoch, der auf dem Versorgungsschiff für die Vancouver in Richtung San Francisco an Bord war, war Hans Bartsch. Ihn lernte ich vor fast 15 Jahren kennen, als ich an einem Sonntagmorgen in der „Peter Buhrmann Radioshow“ aushalf und das „Schlesier Lied“ spielte. Hans rief an und den Tränen nahe, dass er dieses Lied aus seiner alten Heimat noch einmal hören konnte. Ich erzählte ihm von meinem Vater, der in Glogau zur Schule ging. Hand lud mich zu sich ein und wir wurden trotz des Altersunterschieds enge Freunde. Hans erzählte gerne vom alten San Francisco, von den vielen deutschen Läden und Handwerkern, von den Festen in der „California Hall“ und auch von seiner eigenen Geschichte.

Auf dem Schiff, mit dem er nach San Francisco kam, geriet er mit einem Offizier aneinander. Der Satz, der Führer sollte das mit den Juden nicht machen, wurde Hans zum Verhängnis. Nach der Abfahrt aus der San Francisco Bay nahm ihn ein anderer Offizier zur Seite und erklärte, ihm drohe in Deutschland ein Gerichtsverfahren wegen Beleidigung Adolf Hitlers. Es sei besser, wenn er von Bord ginge. Und das tat Hans auch. Bei der Durchfahrt des Panama Kanals sprang er über Bord, blieb erst in Panama und ging dann nach Costa Rica, als mit dem Kriegsausbruch eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich war.

Mit dem japanischen Angriff auf den Marine Stützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii, änderte sich das Leben für ihn genauso wie Tausende Deutschen und Japaner in Mittel- und Südamerika. In einer Nacht- und Nebelaktion verhaftete das FBI mit Zustimmung der jeweiligen Regierungen viele der Staatsangehörigen der nun verfeindeten Nationen. Einer von ihnen war Hans Bartsch, der zuerst in ein Lager nach Pacifica, südlich von San Francisco, gebracht wurde. Dort schaffte er es, den Beamten glaubhaft klar zu machen, dass er eigentlich vor dem Zugriff der Nazis geflohen war. Hans wurde mit der Auflage freigelassen, dass er nach Kriegsende die USA verlassen würde.

Und genau so kam es. Nach der deutschen Kapitulation reiste er kurz nach Kanada, um dann erneut und legal in die USA einzuwandern. In San Francisco warteten sein Job als Mechaniker, seine Wohnung und seine Freunde auf ihn. Hans blieb Deutscher, bis zu seinem Tod 2008. Er war ein eigenwilliger Mann voller spannender, interessanter und witziger Geschichten, der bis zuletzt seinen schlesischen Kopf durchsetzen wollte.

Bayern so nah und doch so fern

Während in Bayern geweint und gelacht wird an diesem Wahltag, feiert man in Petaluma, rund eine Autostunde nördlich von San Franciso Oktoberfest. Das Wahldebakel der einen, das historische Ergebnis der anderen und der erstmalige Einzug der Rechtspopulisten in den bayerischen Landtag kommt hier nicht zur Sprache. Die „Steve Balich Band“ spielt zum Tanz auf, die Schuhplattler der Nature Friends bringen etwas Folklore in den Saal, bei Bratwurst, Bier und Bienenstich lässt es sich feiern.

Oktoberfest am Golden Gate. Die Schuhplattler in der Festhalle der Hermanns Söhne in Petaluma.

In der Festhalle der Hermanns Söhne von Petaluma findet das alljährliche Oktoberfest statt. Es ist schon lange Tradition, dass dieses eigentlich urbayerische Fest hier gefeiert wird. Alle helfen mit, egal, woher sie ursprünglich auch aus Deutschland sind. Und überhaupt werden deutsche Feste hier gefeiert, wie sie fallen. Seit 1931 steht die Halle der Hermanns Söhne, dekoriert mit den Wappen der Bundesländer. Zum Fahneneinmarsch wird erst die deutsche Nationalhymne und dann „The Star Spangled Banner“ gesungen. Irgendwie ist man hier zwischen Heimat und Daheim, die kulturellen Wurzeln werden gepflegt.

Lederhosen und Dirndl, Alt und Jung feiern gemeinsam. Und doch, das hohe Alter vieler Mitglieder und Besucher ist auffallend. Die Hermanns Söhne sind eine in die Jahre gekommene Organisation, die viel zur Geschichte der Deutschen in der San Francisco Bay Area beigetragen hat. Früher gab es Dutzende von Logen im ganzen Bundesstaat, heute sind nur noch ein paar wenige übrig geblieben. Doch deutsch ist man im Herzen geblieben, auch wenn all die Mitglieder, mit denen ich gesprochen habe, schon 50, 60 und mehr Jahre hier in den USA leben, schon lange amerikanische Staatsbürger sind. Es ist der Zusammenhalt, die gleiche Herkunft und vor allem die gleiche Sprache, die man spricht, wird mir erklärt. Auf den Versammlungen der Loge wird noch immer Deutsch gesprochen, darauf wird großer Wert gelegt.

Es sind beeindruckende „Stories“, die ich für die Recherche zur deutschen Geschichte in der San Francisco Bay Area höre. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles zu Papier bringen soll, wie das alles am Ende in der „Langen Nacht“ klingen wird. Drei Stunden sind viel Zeit und dann auch wieder nicht. Immerhin wird der Bogen vom Goldrausch bis zum High Tech Boom, 150 lange Jahre später gespannt. Und ein bisschen wird auch vom Oktoberfest in Petaluma zu hören sein, an diesem „historischen“ Wahltag in Bayern.

 

Die California Hall in San Francisco

1910 wurde es geplant und 1912 die Eröffnung gefeiert. Das deutsche Haus, oder auch California Hall an der Ecke Polk und Turk Street, unweit des Rathauses von San Francisco. Ein gewaltiger Prachtbau, in dem für Jahrzehnte die deutsche Community am Golden Gate zusammen kam, feierte, Kulturveranstaltungen durchführte. Es war das Zentrum der Deutschen in der Stadt, in der Polk „Straße“, auf der damals viele „Germans“ ihre Läden und Werkstätten hatten.

Viele ältere Deutsche, die ich hier kennenlernte, schwärmten von ihrer California Hall. „Oh, die Feiern dort waren einmalig und gingen bis in die frühen Morgenstunden“, erzählte mir vor über zehn Jahren der damals 92jährige Hans Bartsch. In den alten Protokollbüchern des Arbeiterbildungsvereines wurde der volle Saal in den späten 1920er Jahren beschrieben, als sozialdemokratische Gastredner aus Deutschland ans Golden Gate gereist waren. Doch das ist alles lange her.

Das Haus steht noch immer und hat einige Wandel erlebt. In den 1960er Jahren war die Polk Street das Zentrum der Gay Bewegung. Und die California Hall wurde Teil der Geschichte für Gleichberechtigung in der Stadt. Am Silvestertag 1964 löste die Polizei eine Veranstaltung mehrerer Schwulenorganisationen auf, die genau dort feiern wollten. Die Polizei fotografierte die Teilnehmer auf offener Straße, um sie bloßzustellen. Das war der Beginn einer breiten Kampagne für die Rechte von Homosexuellen in San Francisco.

Die California Hall wurde in den 1960ern auch eine Konzerthalle, in der u.a. Jefferson Airplane, Grateful Dead und Ike and Tina Turner auftraten. Am 15. Mai 1967 erlebte die California Hall sogar eine Party der Hells Angels. Auch U2 spielten 1981 im Festsaal der California Hall, damals um ihr zweites Studioalbum „October“ zu promoten. Das markante Gebäude ist auch in etlichen Hollywoodstreifen zu sehen, darunter eine Szene im Dirty Harry Film mit Clint Eastwood. In den 1980er und 90er Jahren war das Haus im Besitz der „California Culinary Academy“, von den Deutschen war da auf der Polk Street schon lange nichts mehr zu sehen.

Heute ist das Haus 625 Polk Street ein „San Francisco Landmark“, ein Gebäude, das geschützt werden muss. Nicht nur wegen seiner architektonischen Schönheit, sondern auch weil sich hier ein wichtiger Teil der Geschichte der deutschen Immigranten am Golden Gate abspielte, weil hier viele der legendären San Francisco Bands auftraten, weil hier auch ein wichtiges Kapitel der San Francisco Gay Szene geschrieben wurde. In diesen Mauern lebt Geschichte.

Deutsche Internierung im 2. Weltkrieg

Deutsche Internierte im Zweiten Weltkrieg     

John Christgau wurde nach seinen Recherchen zur deutschen Internierung auch nach Washington DC eingeladen.

Als ich 1996 von Nürnberg nach San Francisco zog, um hier für ein paar Jahre als freier Korrespondent zu arbeiten, musste ich meine Themenlücke finden. Damals begann es im Silicon Valley und in San Francisco zu brodeln, das Internetzeitalter begann. Als jemand, der sich kaum für Computer und Technologie interessierte hielt ich mich von diesen Themen bewusst fern. Hinzu kam, dass damals rund drei Dutzend deutsche Korrespondenten in der Gegend lebten und arbeiteten, die sich fast alle auf die High Tech Industrie stürzten.

Für mich waren andere Themen interessanter und spannender, darunter die deutsche Geschichte in den USA, in Kalifornien und der San Francisco Bay Area. Und mehr durch Zufall stieß ich auf das fast völlig unbekannte deutsch-amerikanische Kapitel der Internierung deutscher Staatsbürger im Zweiten Weltkrieg, vor allem nach dem japanischen Angrif auf die Navy Base Pearl Harbor auf Hawaii. Es handelte sich dabei nicht um Kriegsgefangene und nicht um Nazi Sympathisanten. Vielmehr waren es deutsche Immigranten, die in den USA mit einem deutschen Pass lebten. Viele der 12000 Betroffenen hatten Familien, deren Kinder in den USA geboren wurden, damit amerikanische Staatsbürger waren. Doch auch sie wurden in Familienlager, wie Crystal City in Texas, interniert. Im Zuge meiner Recherchen lernte ich John Christgau kennen, der eines der wenigen Bücher über dieses Thema geschrieben hatte. „Enemies“ ist ein ganz wichtiges Geschichtsbuch, denn es beschreibt, wie die Amerikaner nach Pearl Harbor zu einem Rundumschlag gegen Japaner, Italiener und eben auch Deutsche im Land ausholten. Es herrschte Panikstimmung in den USA. Und nicht nur das, die Agenten des FBI schwärmten aus, um deutsche und japanische Staatsangehörige in Mittel- und Südamerika zu verhaften und in Internierungslager in den USA zu bringen.

John Christgau erzählte diese spannende deutsch-amerikanische Geschichte, die die meisten Amerikaner und Deutsche gar nicht kennen. Er selbst hörte auch durch Zufall davon, als er bei einem Nachbarn war. John lud mich zu sich nach Belmont ein, wir trafen uns gleich mehrmals für dieses Feature, das man oben im Audioplayer hören kann. Er vermittelte mir weitere Ansprechpartner, ich flog für Interviews mit ehemaligen Internierten nach Seattle, nach Arizona und nach New Hampshire. Diese Geschichte war so aufregend und beeindruckend, dass ich John mit dem deutschen Generalkonsulat in Verbindung brachte. Auch dort hatte man von der deutschen Internierung kaum etwas gehört. Nach dieser Recherche blieben wir in Kontakt. John lud mich immer mal wieder zu Lesungen ein. Er war ein rastloser Schreiber, der Geschichten aufsog und erzählte und ein gutes Dutzend Bücher veröffentlichte. Ein Meister des Wortes, der ein hervorragender Interviewpartner war, denn er dachte genau darüber nach, was er sagen wollte und konnte.

Der 84jährige John Christgau verstarb nun unerwartet. Noch vor kurzem hatte er mich zu einem Theaterstück eingeladen. Natürlich zu einem von ihm selbst geschrieben. Im kommenden Frühjahr soll es eine Gedenkveranstaltung für ihn geben, passend in der städtischen Bibliothek von Belmont.

Spurensuche in Petaluma

Im Dezember wird alljährlich der Christkindlmarkt in Petaluma gefeiert.

Durch den großen Saal, dann die knarzende Holztreppe hinauf, vorbei an aufgehängtem Weihnachts- und Oktoberfestschmuck. Andy Christiansen holt einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und sperrt drei Schränke auf. Vor mir ist das Archiv der Hermann Söhne, eine der wohl ältesten deutschen Verbindungen in den USA und auch hier in der San Francisco Bay Area.

Ich bin in der Hermann Sohn Halle in Petaluma. Diese Loge ist als eine der wenigen noch aktiv. Zur Hochzeit der deutschen Einwanderung gab es rund 90 Logen in ganz Kalifornien. Mehrere Dutzend allein im Großraum San Francisco, darunter auch eine „Albrecht Dürer Loge No. 42“, gegründet am 21. Januar 1916. In dem kleinen Museum im Erdgeschoss und hier in dem Archiv der Hermann Söhne im Lagerraum im ersten Stock kann man die lange Geschichte, den Einfluss und die Größe dieser Verbindung noch erahnen.

In den Protokollbüchern der Hermann Söhne wurden alle Aktivitäten, Ausgaben und Anliegen festgehalten.

Auf diesen Regalen, in einigen Kartons und Mappen liegt nicht nur ein wichtiger Teil der Geschichte der deutschen Einwanderer in Kalifornien. Hier ist auch ein Stück der kalifornischen Geschichte zu finden, einem Bundesstaat, der von Einwanderern aufgebaut wurde. Die Deutschen spielten einen wichtigen Part in der Entwicklung des Golden State. Sie waren vernetzt und in allen Gesellschaftsbereichen vertreten. In den Vereinsbüchern sind die Berufe der Mitglieder angegeben, vom Arzt bis zum Elektriker ist alles vertreten. Und auch die Festschriften zu den jährlich abgehaltenen Großveranstaltungen spiegeln die Breite der Mitgliederschaft wider. Darin kleine Anzeigen von Läden, Handwerkern, Ärzten, Versicherungsvertreter, Anwälten bis hin zu Kulturveranstaltungen. Die deutsche Gemeinde in und um San Francisco war vielschichtig, aktiv und lebendig.

Viel ist nicht mehr geblieben. Das deutsche Haus in San Francisco ist schon lange verkauft, die vielen Geschäfte und Handwerkershops gibt es nicht mehr, die großen Feste werden auch nicht mehr gefeiert. Vor etlichen Jahren bin ich mal mit einem älteren deutschen Freund durch die Stadt gefahren. Er kam 1942 nach der Verhaftungswelle in Mittel- und Südamerika durch das FBI nach San Francisco, kannte jeden deutschen Laden, jedes deutsche Restaurant, jedes deutsche Delikatessen Geschäft und war auf allen Tanzveranstaltungen und deutschen Feiern zu finden. Er zeigte mir, wo was und wer war, berichtete von den vielen Festen und der aktiven deutschen Community in und um „the city by the Bay“.

Gerade auch deshalb sollten Archive wie dieses hier von den Hermann Söhnen in Petaluma langfristig bewahrt, ausgewertet und digitalisiert werden. Denn viel zu viele deutsche Vereine und Organisationen in der Bay Area gingen einfach sang- und klanglos unter, wurden vergessen, eben auch, weil sich niemand um das eigene Vereinsarchiv gekümmert, es gesichert und weitergegeben hatte. Doch solche Unterlagen belegen, welche bedeutende Rolle die deutschen Einwanderer einnahmen, wie sie sich einmischten und auch Teil Kaliforniens wurden. Die Geschichte der deutschen Immigranten wurde viel zu lange übersehen.

Auf deutscher Spurensuche

Der „deutsche Friedhof“ außerhalb von Calumet.

In einem Antiquariat in Calumet fragte mich ein Mann, der mitbekommen hatte, dass ich nach Büchern über die deutsche Geschichte suchte, ob ich schon den „German cemetery“ besucht hätte. Einen deutschen Friedhof hier oben in der Upper Peninsula von Michigan? Ja, meinte er, nur ein paar Meilen nördlich auf dem Highway 41 und dort auf der linken Seite, der Friedhof sei total überwachsen.

Das wollte ich sehen, denn ich bin ja immer, egal wo ich bin, auf der Suche nach Spuren deutscher Einwanderer. Ich wusste davon, dass zahlreiche deutsche Emigranten in die Region kamen, um im Kupfer Bergbau zu arbeiten oder in den damals boomenden Gemeinden der Region Arbeit zu finden. Natürlich brachten die Deutschen auch ihre Kultur mit, deutsche Vereine und Brauereien, wie die „Bosch Brewing Company“ von Joseph Bosch wurden gegründet. Doch das ist alles lang her. Die UP von Michigan liegt seit nahezu 100 Jahren im Dornröschenschlaf. Seit der Schließung der Minen, dem Abzug der Industrie ziehen die meisten der jungen Leute irgendwann weg. Es bleiben die Alten und die Erinnerungen an eine Zeit, als Calumet eine „Boom Town“ mit Straßenbahn, Theatern und einem Nachtleben war. Beinahe wäre Calumet sogar Hauptstadt von Michigan geworden, aber nur eben beinahe. Wenn man heute durch die Straßen dieser Stadt läuft, kann man noch etwas vom einstigen Glanz Calumets an den Fassaden der Gebäude ablesen.

Gleich mehrmals fuhr ich an dem Friedhof vorbei, der auch auf keiner Karte verzeichnet ist. Schließlich fand ich ihn hinter einem weißen Zaun. Auf einem Schild stand „Schoolcraft Cemetery“, kein Wort davon, dass das hier ein „deutscher Friedhof“ sei. Und es war wirklich alles wild überwachsen, mannshohe Sträucher, Farne, Birken und Nadelbäume. Dazwischen Grabsteine, teils umgefallen. Und tatsächlich, auf etlichen standen deutsche Namen und Schriftzüge, wie auf dem von Katharina Messner, geboren 1850, gestorben 1890. „Hier ruht in Gott – Ruhe sanft in Frieden“.

Ein kleiner Friedhof am Rande einer einstigen Bergmannsgemeinde, vergessen von den Menschen und von der Natur zurückgeholt. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte, die man wohl nie wieder hören wird, die aber vielleicht von den harten Zeiten jener Immigranten erzählen würde, die ihre eigene Heimat verlassen haben, um im fernen Amerika Arbeit, ein neues Zuhause und eine bessere Zukunft zu finden. Einwanderer wie Katharina Messner haben dieses Land groß gemacht.