Zum letzten Mal…

Am 20. Februar 2008 schrieb ich den ersten Beitrag in diesem Blog „If‘ you’re going to San Francisco – Arndt Peltner berichtet aus den USA“. Die Überschrift lautete „Obama Osama“ und es ging um den Wahlkampf 2008: „Ach wie peinlich…und schon wieder musste sich der Fernsehsender MSNBC öffentlich entschuldigen. In der Sendung „Hardball“ mit Moderator Chris Matthews wurde ein Bild von Osama bin Laden eingespielt, als Matthews über Barack Obama sprach.“ Das war damals ein Skandal!

Das liegt nun zwölfeinhalb Jahre und 3039 Beiträge zurück. Dieser hier ist der 3040te und wohl der letzte Blogbeitrag an dieser Stelle. Es ist Schicht im Schacht. Die redaktionellen Umstrukturierungen und Einsparungen im Pressehaus Nürnberg haben auch zu der Entscheidung geführt, dass die Blogs eingestellt werden. Was nun kommt ist noch nicht klar, aber ich soll wohl auf der nordbayern.de Webseite eine Möglichkeit für Berichte aus den USA erhalten. Genaueres weiß ich auch noch nicht.

Dieser Blog ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen. Ich habe nicht nur von der Politik, der Kultur, den Eigenheiten aus den USA berichtet, wo ich seit 1996 lebe, sondern auch von meinen Reisen nach Mexiko, Afghanistan und Ruanda, aus dem Kongo, Uganda, Burundi, Tschad, Niger, Somaliland, Puntland und Sudan. Es wurde ein Reiseblog der etwas anderen Art, in dem ich von Situationen, Begebenheiten, Menschen und Erfahrungen „on the road“ berichtete. Mal versuchte ich die Sprachlosigkeit auszudrücken, als ich an Orten des Massenmordes in Ruanda stand. Mal berichtete ich vom Leben in der gefährlichsten Stadt der Welt, Ciuadad Juarez. Mal vom Besuch bei einem Rebellenpräsidenten im Osten des Kongos, als vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer standen und wir im Haus vor dem Interview ersteinmal beteten und zu Mittag aßen. Ich hatte die Möglichkeit in diesem Blog über meine Reisen mit der Hilfsorganisation CARE zu schreiben, die ich in Länder begleiten durfte, in die ich sonst nie gekommen wäre. Im Süden des Tschads sass ich in einer kleinen Hütte einer Frau gegenüber, die auf der Flucht aus der Zentralafrikanischen Republik alles verloren hatte, auch ihre Kinder. Die von Gewalt und Vergewaltigung sprach, auf der Flucht und im Lager. Im südlichen Niger wurde mir ein Haus in einem kleinen Dorf angeboten. In Somaliland hatte ein lokaler Journalist wohl mein NZ Blog falsch übersetzt, fortan sollte ich aus Gründen der Sicherheit zeitversetzt bloggen. Interessanterweise hatte der Reporter kein Bild von mir im Internet gefunden und setzte stattdessen eines einer „Anne Peltner“ in seinen Artikel. Auch das sind unvergessene Erlebnisse.

Dann war da diese Geschichte über die weibliche Genitalverstümmelung in Somaliland. Dabei kam ich an meine journalistischen und auch persönlichen Grenzen, denn nichts, aber auch rein gar nichts rechtfertigt diese grundlose Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Ich sass da einer älteren Frau gegenüber, die erzählte, wie sie die Klitoris und die Schamlippen von kleinen Mädchen abschneidet und die Wunde anschließend mit Dornen schließt, während ihre Mutter und ihre Großmutter sie festhalten. Sprachlosigkeit!

Krieg, Hunger, Dürre, Elend, Armut, Gewalt, Tod, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit. All das habe ich zu Genüge auf diesen Reisen erlebt und auch an dieser Stelle hier darüber berichtet. Aber ich fand auch immer wieder faszinierende Geschichten vor Ort. Fussball in Puntland, Hip Hop in Ruanda, mutige Frauen im Sudan, Rückkehrer in Somaliland, die an ihr Land glauben und sich engagieren, wunderbare Musik im Niger.

In einem Flüchtlingslager im somalischen Puntland. Auch darüber schrieb ich im Blog.

Und immer waren da Menschen, mit denen man lachen konnte, die einen aufnahmen, mit denen man Geschichten teilte, die neugierig fragten, die bereitwillig antworteten, mit denen man sich hinsetzte und Tee trank. Das klingt banal, aber für mich wichtig, denn es ging mir nie nur darum, über ein Thema zu berichten. Und da hatte ich hier in diesem Blog die Möglichkeit den erweiterten Blick schweifen zu lassen, denn oftmals waren diese „anderen“ Geschichten in Redaktionen nicht gefragt. Ich erinnere mich noch an die Antwort eines Chefredakteurs eines Radiosenders, der mir nach meiner Rückkehr aus dem Tschad sagte, ja, die Flüchltingskrise im Süden des Landes sei sicherlich ein Thema, aber derzeit sei bei ihnen Afrika nur Ebola. Mehr Platz habe man nicht. Da kamen für mich immer diese Seiten zum Zuge, die mir ermöglichten das niederzuschreiben, was ich erlebt, gesehen, erfahren und auch gespürt habe.

Diese Reiseberichte waren für mich auch eine Abwechslung von meiner Arbeit hier in den USA. Gerade in den letzten Jahren mit Präsident Donald Trump war die US Berichterstattung eine große Herausforderung. Themen, die gab es genug, auch das Interesse daran. Doch selbst ich, der hier schon lange lebt, vergleichen und einordnen kann, der auch Amerikaner geworden ist, selbst für mich wurde es immer schwerer das zu erklären, was hier derzeit passiert.

Ich habe die Leserinnen und Leser dieser Zeilen mit ins Staatsgefängnis von San Quentin genommen, sie begleiteten mich auf meinen Fahrten quer durchs Land, ich habe ausgefallene Musik vorgestellt, versuchte stets den Alltag in einem Land zu beschreiben, das ähnlich, doch auch wieder ganz anders ist. Und das eben aus meiner Perspektive, von einem, der aus Nürnberg in die San Francisco Bay Area zog, drei Jahre bleiben wollte, dann länger blieb, sesshaft wurde und schließlich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Die Sichtweise eines Journalisten, der irgendwie dazwischen hängt, nicht richtig weg und auch nicht richtig angekommen ist. An dieser Stelle Danke an alle, die über die Jahre mitgelesen haben, mir schrieben, mir Rückmeldungen gaben, mir das Gefühl vermittelten, dass das, was ich hier in diesem Blog mache, irgendeine Bedeutung hat. Danke! Von daher, auf bald an anderer Stelle.

Im Namen der Pressefreiheit

Heute ist „World Press Freedom Day“. Es spricht für sich, dass es diesen Tag überhaupt geben muß. Doch die Pressefreiheit ist unter Beschuß. Klar, man denkt da sofort an die eingeforderte Hofberichterstattung von Donald Trump. Er tut kritischen Journalismus als „Fake News“ ab und untergräbt damit die Arbeit von Journalisten weltweit.

Doch über Trump und sein gestörtes Verhältnis zu den Medien sollte es an diesem Tag nicht gehen. Vielmehr möchte ich an die Journalistinnen und Journalisten erinnern, die ich auf vielen meiner Reisen getroffen habe. In Afghanistan und Ruanda, im Niger und im Tschad. Ich denke an A. in Ciudad Juarez, als die mexikanische Grenzstadt zu El Paso 3400 Morde pro Jahr hatte, Drogenkartelle und ihre verbündeten Gangs sich offen Straßenkriege lieferten. Die Stadt glich gerade nachts eine Geisterstadt, ein öffentliches Leben gab es nicht mehr. Doch A. blieb, um über das zu berichten, was dort passierte. Auch als er Morddrohungen erhielt.

Besuch bei NIYYA FM in Maradi, Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Oder Adam Al Sanosi in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, der über die Revolution 2018/19 berichtete. Sich von Drohungen nicht einschüchtern ließ und einfach weitermachte. Da ist Maya Gadir, Moderatorin bei Capital Radio in Khartum. Der Sender blieb während den stürmischen Umbruchzeiten on-air und sendete weiter. Um nicht abgeschaltet zu werden, sprach man nichts deutlich an, doch positionierte sich zum Teil durch die Musikauswahl. Gadir spielte Lieder von der tunesischen Revolution oder auch „Talkin‘ about a Revolution“ von Tracey Chapman.

In Somaliland und Puntland traf ich auf junge, begeisterte Radiomacher, die ihre kleinen Freiheiten in einer sich langsam öffnenden Gesellschaft nutzten. Über Themen sprachen, die bislang kaum angesprochen wurden, darunter auch der Kampf gegen die weitverbreitete Genitalverstümmelung. Und ich denke an diesem Tag an den Studentensender in Goma, im Ost-Kongo. Studierende, die in ihren Sendungen darüber berichten, was wirklich vor Ort passiert, aber auch, wie reichhaltig die Kultur des Kongos ist. Die deutsche Journalistin Judith Raupp, die seit langem in Goma lebt und dieses Projekt begleitet, brachte mich mit den Radiomachern zusammen. Und ich konnte vor einigen Jahren die Verbindung zu multicult.fm in Berlin herstellen. Dort wird noch immer einmal im Monat „Ngoma“ ausgestrahlt, die Sendung aus Goma. Eine wichtige und ungefilterte Stimme.

Und auch hier in den USA gibt es so viele wunderbare Community Stationen, fernab des Mainstream, die den verschiedensten ethnischen Gruppen, Fremdsprachensendungen und Kulturschaffenden aller Art eine Möglichkeit bieten zu senden, sich auszudrücken, sich zu präsentieren. Das ist alles gelebte Pressefreiheit, die geschützt und behütet werden soll.

Vieles stört mich an Donald Trump, politisch sind wir sicherlich nicht auf einer Wellenlänge. Doch das ist nun mal so. Was ich ihm jedoch besonders vorwerfe ist, dass er die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft untergräbt, ja, unterminiert. Und dazu gehört eine freie Presse. Wenn schon in den USA Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet werden, wenn kritische Berichterstattung als „Fake News“ abgetan wird, dann kann man sich vorstellen, wie in Ländern wie Somalia, Tschad, Kongo, Ruanda und Sudan, Niger, Mexiko und Afghanistan, Uganda und Burundi gegen Journalisten vorgegangen wird. Dort schauen Regierungen auf Amerika und finden ein Argument dafür, gegen all jene vorzugehen, die nachfragen, Kritik äußern, über Mißstände und Fehlverhalten von Mächtigen berichten. Deshalb gibt es diesen „World Press Freedom Day“. Und er ist heute notwendiger als je zuvor.

Und der Strom ist weg

Gestern Abend dann um kurz nach 23 Uhr gingen die Lichter aus. Das sind die USA, das ist Kalifornien, das ist die vielgepriesene High Tech Gegend um das Silicon Valley herum. Drei Millionen Menschen seien von diesem „Black Out“ betroffen, wird berichtet. Und ich bin einer davon. Bei mir heißt das nun nicht nur keinen Strom im Haus zu haben und das für bis zu 48 Stunden, nein, auch die Cell Phone Towers wurden wohl abgestellt, telefonisch bin ich also auch nicht erreichbar, auch kein Internet, um mal zu sehen, wie die allgemeine Lage im brennenden Sonoma oder im stromlosen Oakland ist.

Auch aus dem Auto läßt es sich bloggen.

Gerade sitze ich im Auto rund fünf Kilometer von meinem Haus in den Oakland Hills entfernt. Hier ist die mobile Verbindung einigermaßen gut, also versuche ich mein Feature-Skript über den Hotspot rauszuschicken. Mit der Produktion morgen wird es dann wohl nichts werden. Ohne Strom läuft kein Mischpult, kein Computer, kein Mikrofon. Soviel zu Amerika im Jahr 2019.

Falls man mir anmerkt, dass ich einen dicken Hals habe. Stimmt, den habe ich. Und ja, es könnte schlimmer sein, wenn ich nur an die Brände in Sonoma denke. Die Bilder sind verheerend, mehrere Freunde mussten gestern Abend noch evakuieren, einiges schnell zusammenpacken und raus. Weite Teile des Bezirks sind nun leer, das Feuer konnte bislang nur zu etwa 11 Prozent unter Kontrolle gebracht werden. Am Abend und in der Nacht nahmen die Winde wieder zu, bis zu 90 Meilen pro Stunde nahmen sie Geschwindigkeit auf. Und einzelne Funken können da bis zu zwei Meilen weit mitgetragen werden und an ganz anderer Stelle neue Brandherde entstehen lassen.

Die Situation hier ist kritisch, angespannt, surreal und auch hausgemacht. Kalifornien ist ausgedorrt, der Klimawandel ist deutlich zu spüren. Dazu noch eine vealtete Infrastruktur und ein Stromversorger, der in den letzten Jahren mehr an seine Aktionäre gedacht hat, als an Investitionen in das eigene Netzwerk. Wer mir in den kommenden Monaten nochmal damit kommt, dass das hier „the best nation on earth“ ist, der soll sich warm anziehen. Derzeit reihe ich die USA in eine Liste mit Puntland, Ruanda, Kongo, Tschad, Niger und Sudan ein, denn überall dort, in diesen Entwicklungsländern, habe ich Stromausfälle erlebt. Also nichts mehr mit „America First“, eher wohl, zumindest in bestimmten Bereichen, „America Last“.

Die Kraft der Musik

Im September will ich nach Somalia, in den Niger und in den Kongo reisen, um der Frage nachzugehen, welche Rolle und welche Bedeutung Musik in Krisen- und Konfliktgegenden hatte und hat. Auf meinen Reisen stieß ich immer wieder auf Musiker und Musikerinnen, auf Geschichten rund um die Musik, die mich faszinierten, die mir zeigten, welche Kraft in den Songs liegt, welche Bewegung durch ein Lied entstehen kann.

Nun liegt hier die jüngste Veröffentlichung von Smithsonian Folkways: „The Social Power Of Music„, eine vier CDs umfassende Box, in dem genau dieser Frage nachgegangen wird. Musik aus den USA, aus Nicaragua, dem Libanon, Vietnam, Angola, Chile, Südafrika und vielen anderen Ländern. Es ist eine bewegende Sammlung, die man hier hören kann. Dazu ein umfassendes Buch mit Hintergrundinformationen zu jedem einzelnen Lied, alles reich bebildert. Folkways kommt hier erneut dem eigenen Grundsatz sehr nahe: „Music of, by, and for the people“.

Für das Label scheint es ein leichtes Unterfangen zu sein, solch eine umfangreiche Box zusammen zu stellen. Das Archiv von Folkways ist ein Klangschatz sondergleichen, man kann aus dem Vollen schöpfen. Und doch, hier zeigt sich, welche Bedeutung dieses einzigartige Label hat, thematisch Musik vorzustellen, die Kraft und die Bedeutung der Lieder zu präsentieren. Songs der Civil Rights Bewegung, der Freiheitskämpfe rund um den Globus. Lieder, die mehr sind als nur ein Musikstück. Das spürt man beim Zuhören, oftmals bekommt man Gänsehaut bei dieser Klangreise.

Kann ein Lied etwas verändern? Viele meinen nein, einige meinen ja. Eine klare, eindeutige Antwort gibt es da wohl nicht. Aber Songs können bestärken, Mut machen, Hoffnung geben. Und sie vereinen über Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg. Musik als universelle Sprache ist ein etwas abgenutzter Begriff und doch, es stimmt wohl. Das lässt sich auch auf „The Social Power of Music“ deutlich hören. Lieder können Geschichten, Beschreibungen, Beobachtungen, Zeugnisse einer Epoche sein. All die hier aufgeführten Songs auf diesen vier CDs sind kraftvoll, stehen teils für eine unglaubliche soziale Sprengkraft. Viele der Sprachen, die gesungen werden, verstehe ich nicht und doch kann ich bei vielen diese ganz besondere Energie ausmachen. „The Social Power Of Music“ ist eine beeindruckende, tief bewegende Box, die mich neugierig auf das macht, was ich auf meinen kommenden Reisen finden werde.

Partei ergreifen

Was darf und soll man als Journalist tun und unterlassen? Über was darf und soll man berichten? In diesen Zeiten von konstanter Medienschelte, „Fake News“ und überhetzter Berichterstattung wird man sogar dafür kritisiert, dass man mit einer Hilfsorganisation unterwegs ist und über ihre Arbeit berichtet. Man könne es nicht mehr objektiv bewerten, wie diese Nothilfe und längerfristige Hilfsmaßnahmen einzuschätzen sind. Man sei zu nahe dran, beeinflusst und voreingenommen. Dem widerspreche ich, gerade aufgrund meiner Erfahrungen über all die Jahre. Ich kann sehr wohl sehen und bewerten, was eine Organisation vor Ort tut, für was sie Gelder ausgibt, wie sie verwurzelt und verankert ist, welche Projekte wo und wie umgesetzt werden. Auch und gerade wenn ich mit einer Organisation reise, die mir den uneingeschränkten Zugang zu einer Story und damit zu den Menschen in anderen Ländern und Kulturen ermöglicht.

Die Situation in Mosambik ist verheerend. Foto: CARE.

Eine Organisation, mit der ich durchaus nur gute Erfahrungen gemacht habe ist CARE, deren Arbeit ich im Kongo, im Tschad, im Niger, in Somaliland und Puntland beobachten, deren vielseitigen Projekte ich besuchen konnte. Ja, ich ergreife Partei für eine Organisation, die sich einsetzt, die hilft, die Probleme vor Ort erkennt und sie lösen will, die auch noch da ist, wenn die Fernsehkameras nach einer großen Katastrophe abgeschaltet wurden, der Blick woanders hin fällt. Die vor Ort in Ländern ist, in denen vieles mehr als nur eine logistische Herausforderung ist. Eine Organisation, die aber auch meine Arbeit unterstützt, mir Zugang verschafft, die mich nicht kontrolliert und mich nicht beeinflussen will, die mir in durchaus schwierigen Situationen zur Seite steht, auch wenn es nicht direkt um die Arbeit von CARE geht. Und dabei kann ich objektiv bleiben.

CARE hat nun zwei Videos veröffentlicht, die ich hier teilen möchte, die wichtig sind, gesehen zu werden. Es geht um die Arbeit der NGO, darum, was wir alle nur zu gerne übersehen…vergessene Katastrophen, die jetzt passieren. In Mosambik, im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik, im Niger, in Äthiopien, im Tschad, auf den Philippinen, in der Demokratischen Republik Kongo, auf Madagaskar, auf Haiti.

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Das Trumpsche Zeitalter

Gerade hat Präsident Donald Trump seine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen beendet. Er sprach langsam, damit auch jedes Wort von ihm klar und deutlich genug übersetzt werden konnte. Und die Message kam an. Amerika unter Donald Trump ist nicht mehr das Amerika, was es war.

Donald Trump vor den Vereinten Nationen. Foto: AFP.

Trump brüstete sich mit seinen Scheinerfolgen, mit seiner starken Armee, redet von neuen und fairen Deals, die da bedeuten, wenn die USA Produkte im Wert von 100 Dollar importieren, dann müssen die USA auch Produkte im Wert von 100 Dollar exportieren. Eine Milchmädchenrechnung, die allerdings nicht aufgehen kann. Man denke nur an afrikanische Länder, die dringend Absatzmärkte für ihre Produkte brauchen und ganz und gar nicht von US Importen geflutet werden müssen. Aber genau das will Trump. Sein „America First“ ist kurzsichtig, denkt nur an seine Basis, nicht an die internationale Verantwortung und Rolle der USA.

Donald Trump hat an diesem Dienstagvormittag in New York klar gemacht, wohin die Reise geht. Amerika ist sich seiner starken Rolle bewusst und mit ihm als Präsidenten drohen die USA ganz offen anderen Ländern. Darunter Feindstaaten wie Iran und Venezuela, aber auch langjährigen Verbündeten wie Deutschland und Saudi Arabien. Trump macht da keinen Unterschied, wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, der wird bekämpft. Das ist die Verschärfung der Bush-Doktrin, das ist der neue amerikanische Extremismus.

Es kann einem nur angst und bang werden. Trump wendet sich von den internationalen Organisationen, wie der UN und dem internationalen Gerichtshof genauso ab, wie von wichtigen internationalen Verträgen, wie dem Iran Nuklear Deal oder dem Pariser Klimavertrag. Die USA unter seiner Administration wollen weltweites Vorbild, Leitfigur, ja, Leitkultur sein und gleichzeitig werden sie somit zu einem leuchtenden Beispiel dafür, wie es eben nicht sein sollte. Warum sollte ein mordender und vergewaltigender Milizionär im Ost-Kongo noch Angst vor dem ICC haben, wenn er sieht, dass dieser Gerichtshof nur ein Papiertiger ist? Warum sollte sich ein Land wie Saudi Arabien bei Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung im Jemen zurückhalten, wenn es keinen Einhalt aus den USA gibt und diese sogar noch die Kampflugzeuge der Saudis in der Luft betanken? Warum sollte sich Nordkorea um Menschenrechte im eigenen Land kümmern, wenn ein Donald Trump den „verehrten Vorsitzenden Kim“ lobt und preist für einen Deal, der nicht existiert?

Trump hat sich eine eigene Realität erschaffen. Was man bislang nur auf der nationalen Ebene deutlich sehen konnte, wurde heute auf der internationalen Bühne durchgespielt. Die Amerikaner unter diesem Präsidenten sind zu einer Gefahr geworden, denn sein überpatriotisches „America First“ Getue wird weitreichende Folgen für das Vertrauen, für den Austausch, für das Miteinander der Staatengemeinschaft haben. Die Wahl Donald Trumps wird für die Welt dramatischere Folgen als die Terrorangriffe des 11. Septembers 2001 haben. Mit seiner heutigen Rede vor der UN machte Trump unmissverständlich klar, dass die USA ein neues Zeitalter eingeläutet haben.

Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

Trump und seine Afrikapolitik

Die Überschrift ist eigentlich falsch, denn Donald Trump hat keine Afrikapolitik. Das hat er nun auch in einem Tweet belegt. Zum ersten Mal überhaupt in seiner Amtszeit hat Trump das Wort „Africa“ benutzt. Und natürlich war der Grund dafür, dass der amerikanische Präsident von seinem Lieblingssender FoxNews „beraten“ wurde. In der Sendung hatte der Moderator Tucker Carlson über die Bestrebungen in Südafrika berichtet, weißen Farmern würden ihre Ländereien beschlagnahmt werden und es käme zu Morden an weißen Landbesitzern.

Der US Präsident übernahm einfach, ohne Prüfung und ohne Absprache mit seinem eigenen Außenministerium, die Worte von Carlson und tweetete das in die Welt hinaus. Sehr zum Gefallen von rechten Gruppierungen, darunter auch die AfD in Deutschland, die ja vor kurzem selbst einen dementsprechenden Antrag im Bundestag eingereicht hatte. Deren Mitglied im Auswärtigen Ausschusses und des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Anton Friesen, meinte dazu: „In Südafrika findet beinahe unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit eine gezielte Verfolgung einer ethnischen Minderheit statt. Die weißen Südafrikaner werden dort diskriminiert, vertrieben und getötet. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten sind über 70.000 weiße Südafrikaner umgebracht worden. Hundertausende sind mittlerweile aus ihrer Heimat geflohen.“ Es verwundert nicht, dass diese Zahlen nicht belegbar sind und genauso wie bei FoxNews und Donald Trump von einer rechts-nationalen Gruppierung in Südafrika stammen.

Das war also das erste Mal, dass Trump überhaupt von Afrika sprach. Zuvor waren es nur die „Shithole Countries“, aus denen Flüchtlinge kommen. Ansonsten überlässt Donald Trump dem Militär und der Christlichen Rechte im Land das weite Feld Afrika. In nahezu allen Ländern des afrikanischen Kontinents sind ohne großes Aufsehen und Wissen der amerikanischen Bevölkerung US Militärbasen installiert worden. Die Christliche Rechte dagegen bestimmt die Außen- und Entwicklungspolitik der USA in Afrika.

So wurden mit der erneut eingeführten „Mexico City Policy“, auch als „Global Gag Rule“ bekannt, Hilfsorganisationen (NGO) unter Druck gesetzt. Die MCP besagt, dass eine NGO, die amerikanische Steuergelder erhält, weder Abtreibungen durchführen, dafür werben oder Frauen an andere Einrichtungen, die Abtreibungen durchführen, verweisen darf. Wer das dennoch tut, bekommt kein Geld mehr aus den USA. Betroffen sind davon unzählige von Gesundheitskliniken und -zentren in zahlreichen afrikanischen Ländern, die u.a. auch im Bereich der HIV Prävention und Behandlung von Aids Patienten, in der Malaria Prävention und in der Versorgung von Kranken arbeiten. Wie es von verschiedenen Organisationen heißt, mussten bereits etliche Kliniken zwischen Mosambik und Kenia die Türen schließen, weil NGOs nicht die MCP unterschreiben wollten, damit Gelder für Kliniken aus den USA gekappt wurden. Betroffen davon vor allem internationale Hilfsorganisationen.

Doch all das geht an Präsident Donald Trump vorbei. „America First“ heißt für ihn ausschließlich den Blick auf die USA zu legen. Die amerikanischen Interessen in Afrika sind nicht unbedingt seine Interessen, von daher überlässt er diese gerne anderen in seinem Umfeld. Der Schaden der Trumpschen Politik in Afrika, in jenen „Shithole Countries“ wird daher erheblich sein.

Schwitzende Klogänger sind verdächtig

Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 setzten die USA sogenannte „Sky Marshals“ auf inneramerikanische Flüge. Mit dieser Polizeieinheit über den Wolken sollten fortan solche Anschläge verhindert werden. Die Marshals sind bewaffnet und sollen im Ernstfall schnell und tatkräftig reagieren können.

Über den Wolken…reist „Big Brother“ mit Dir. Foto: Reuters.

Wie die Tageszeitung Boston Globe nun berichtet haben die Polizisten in 30.000 Fuss Höhe auch noch eine andere Aufgabe, als nur Filme schauend und lecker Airplane Food essend auf den Ernstfall zu warten. Bekannt wurde, dass die Marshals ihre Umgebung genauestens im Auge behalten sollen und das aufgrund einer ausgedruckten Passagierliste. Wer also Kontakte zu jemanden auf der sogenannten und strenggeheimen „No Fly“-Liste hat, wer immer mal wieder in zweifelhafte Gegenden, wie Syrien, Afghanistan, Somalia, Irak und andere „Terrornester“ fliegt, dessen Name wird auf der Passagierliste mit Leuchtstift markiert.

Und dann schreiten die Bundespolizisten zur Tat. Ganz genau wird beobachtet, was der- oder diejenige an Bord so machen. Schlafen sie oder schauen sie sich im Flugzeug um. Lesen sie in aller Ruhe oder schwitzen sie auffällig vor sich hin. Strecken sie die Beine am Sitzplatz aus oder gehen sie öfters auf die Toilette. Alles wird notiert und festgehalten. Und selbst wenn sich die Person auf dem Flug nicht als Terrorist entpuppt, wird anschließend ein schriftlicher Bericht abgegeben und archiviert. Man kann ja nie wissen.

Bürgerrechtler sehen diese nicht richterlich abgesegnete Beobachtung als eine Verletzung der Verfassung an, denn einfach so jemanden zu observieren sei nicht erlaubt. Die TSA, die „Transportation Security Administration“, die das reisende amerikanische Volk überwacht, sieht das ganz anders. Die Marshals machten eigentlich nur das, heißt es, was auch der Cop an der Straßenecke tut, er beobachtet und macht sich Notizen über auffälliges Verhalten von Passanten. Ich kann also nur froh sein, dass ich als leicht schwitzender Passagier mit Studentenblase und Zielort Krisengebiete problemlos im Flieger einschlafen kann. Ansonsten hätte ich wohl für die Flugdauer das wachsame Auge eines Federal Marshals auf mir…„I’m watching you!“

Amerikas Kriege und die Folgekosten

Mehr Milliarden Dollar und Euro für die Verteidigung. Die Militärhaushalte der 29 NATO Länder sollen drastisch nach oben geschraubt werden, das verlangt der amerikanische Präsident Donald Trump. Sein Ziel sei es, die Verteidigungshaushalte aller NATO Länder auf vier Prozent des BIP aufzustocken. Die USA, so Trump, würden schon jetzt weit über vier Prozent für das eigenen Militär aufbringen.

Was Trump allerdings nicht erwähnt und auch in den Medienberichten kaum auftaucht, die USA haben nicht nur eine der größten und teuersten Armeen, die Amerikaner sind auch in unzähligen Ländern aktiv, wo man sich fragen muss, was sie da eigentlich machen. Praktisch in jedem afrikanischen Land sind amerikanische Soldaten stationiert, größtenteils sind das streng geheime Aktionen und Programme. Doch in allen Ländern Afrikas, in denen ich schon unterwegs war, von Ruanda, Kongo, Tschad, Niger bis nach Somalia, überall habe ich amerikanische Militärangehörige getroffen. Hinzu kommen Länder mit US amerikanischer Militärpräsenz in denen die USA in der Vergangenheit größeren Schaden angerichtet oder für Unruhe gesorgt haben.

So marschierten die USA im März 2003 gegen den Willen einiger NATO Partner, darunter auch Deutschland, im Irak ein. Der damalige Präsident George W. Bush und seine Administration wollten der Weltgemeinschaft weismachen, dass Saddam Hussein Giftgas herstelle und lagere und der Einmarsch Teil des „War on Terror“ sei. Auch würden die Iraker die Amerikaner mit Freudenstürmen empfangen, denn sie brächten Freiheit, Demokratie und ein Ende der Tyrannei. Der Plan, dass die Iraker die Eroberung von Bagdad mit wehenden amerikanischen Fähnchen feiern würden, musste schließlich aufgegeben werden. Der Irak und die gesamte Region bis hinunter in den Jemen brennen seitdem lichterloh.

Kein Wunder also, dass die amerikanischen Militärausgaben weitaus höher sind als die von Deutschland und vielen anderen NATO Ländern. Wenn Donald Trump davon spricht, dass die höheren Ausgaben seines Landes im Vergleich zu anderen NATO Partnern ungerecht gegenüber dem amerikanischen Steuerzahler seien, dann sollte er vielleicht zuerst einmal den amerikanischen Steuerzahler darüber aufklären, warum amerikanische Soldaten in Ländern wie Niger, Zentralafrikanische Republik, Äthiopien, Somalia und etlichen anderen Ländern rund um den Globus präsent sind. Denn davon wissen nur wenigsten in den USA.