Frontalangriff auf das Asylrecht

Während die Nation und die Welt nach Singapur blickt wird in den USA weiter am Asylrecht geschraubt. Justizminister Jeff Sessions gab am Montag bekannt, dass Frauen, die vor häuslicher Gewalt und vor Massenvergewaltigung fliehen, kein Anrecht mehr auf Asyl in den USA haben. Diese Auslegung des Gesetzes ist damit verpflichtend für die Immigrationsrichter im ganzen Land.

Foto: Reuters.

Sessions nimmt damit eine Entscheidung der Obama-Administration zurück, die vor allem Frauen aus mittelamerikanischen Ländern schützte, die vor der ausufernden Gewalt in El Salvador, Honduras, Guatemala und Mexiko flohen. Gewalt, die auch auf eine fehlgeleitete Politik der USA zurück geht. Denn Gangs, die hier in den USA gegründet wurden, etablierten sich erst viel später in jenen Ländern. Das beste Beispiel ist MS-13, jene Gang, die Donald Trump derzeit auf vielen Veranstaltungen als Krebsgeschwür beschreibt. Sie wurde in den 1980er Jahren in Los Angeles gegründet und breitete sich im ganzen Land, Kanada und südlich der Grenze aus. In El Salvador regiert MS-13 unzählige Nachbarschaften mit brutaler Hand. Und auch die Drogengewalt in Mexiko hat mit den USA zu tun. Der größte Drogenmarkt sind die USA, die Waffen für den Kartellkrieg kommen aus den USA.

Jeff Sessions erklärte in seiner Begründung, dass die polizeilichen Probleme in diesen Ländern nichts mit den USA zu tun haben, von daher sei man auch nicht verpflichtet, die Opfer dieser Gewalt aufzunehmen, ihnen Asyl zu gewähren. Betroffen von dieser Entscheidung werden Hunderttausende von Frauen und Kindern sein, die im Land der Immigraten keine sicheren Unterschlupf mehr finden werden. Wer nun Massenvergewaltigungen von Frauen und die häusliche Gewalt als Asylgrund streicht, und dabei durchaus die – zumindest teilweise – Verantwortung der USA leugnet, macht sich mitschuldig. Die Trump-Administration höhlt damit weiter eine wichtige Grundfeste Amerikas aus. Es erscheint wie Hohn, wenn man heute die Inschrift am Sockel der Freiheitsstatue, dem Symbol des Einwanderungslandes schlechthin liest:

Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!
Sende sie, die Heimatlosen, vom Sturm Gestoßenen zu mir.
Hoch halte ich meine Fackel am goldenen Tor.

Die Lage südlich der „Mauer“

      Feature - The Perfect Storm

Eine alltägliche Szene in Juarez.

2009 reiste ich zum ersten Mal nach Ciudad Juarez. Damals tobte ein Drogenkartellkrieg in der Nachbarstadt von El Paso, Texas. Tausende von Menschen wurden Opfer des brutalen Straßenkrieges. Die Touristen blieben aus, Restaurants, Kneipen, Läden machten dicht, wurden mit Brettern vernagelt. Juarez versank im Chaos, glich nachts einer Geisterstadt. Mit Maschinengewehren bewaffnete und vermummte Polizisten patroullierten auf Pick Up Wagen durch die Stadt. Das Sinaloa Kartell kämpfte gegen das Juarez Kartell um die wichtigen Drogenrouten in die USA.

Nach ein paar Jahren stabilisierte und beruhigte sich die Lage wieder, das Sinaloa Kartell hatte den Krieg gewonnen. Die Mordrate sank von über 3000 im Jahr 2009 auf rund 500. Ciudad Juarez rutschte auf der Weltrangliste der gefährlichsten Städte von Platz 1 ins Mittelfeld ab.

Doch die Ruhe in Mexiko war nur von kurzer Zeit, wie die jüngste Statistik der 50 gefährlichsten Städte der Welt zeigt. Hier werden die Morde pro Einwohnerzahl gemessen. 12 der Städte liegen in Mexiko, unter den Top Ten sind sogar fünf mexikanische Städte zu finden: Platz 1 Los Cabos, Platz 3 Acapulco, Platz 5 Tijuana, Platz 6 La Paz, Platz 8 Victoria. Und Ciudad Juarez liegt auf dem 20. Platz mit einer Entwicklung nach oben, sprich die 1000er Mordrate in diesem Jahr ist schon jetzt fast erreicht. Mexiko und gerade auch die Touristenziele Los Cabos und Acapulco versinken in einem Blutbad. Die Gewaltspirale dreht sich erneut beim südlichen Nachbarn der USA.

Doch wie einst George W. Bush sieht auch Donald Trump das Problem in Mexiko selbst. Für Trump gilt, der Mauerbau würde – zumindest für die USA – alles lösen. Den Drogenfluss von Süd nach Nord, den Waffenfluss von Nord nach Süd und schließlich auch nocht die mexikanischen „Bad Guys“, „Rapists“ und „Criminals“ draußen lassen. Mexiko solle sich gefälligst um die eigenen Probleme kümmern. Das ist die Logik, die schlichtweg falsch ist. Die Gewalt in Mexiko hängt nach wie vor eng mit dem größten Drogenmarkt und den liberalsten Waffengesetzen der Welt zusammen. Die USA sind gefordert mit Mexiko zusammen zu arbeiten, um die erneute Gewaltwelle unter Kontrolle zu bringen. Doch das ist Wunschdenken in einer Zeit, in der eine Hunderte Meilen lange Mauer als Lösung für nationale Probleme gesehen wird.

Der Kartellkrieg beginnt erneut

      Drogenkartellkrieg in Ciudad Juarez
Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Ein erneuter Drogenkartellkrieg beginnt in Juarez. Foto: Reuters

Es geht wieder los. 257 Morde in den ersten acht Monaten dieses Jahren, 47 davon allein im August, so viele in einem Monat, wie seit dem Dezember 2013 nicht mehr. Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez steht erneut vor einem Drogenkartellkrieg. Die Verhaftung von Joaquin ‚El Chapo‘ Guzmán, dem Boss des Sinaloa Kartells, hat zu einer Aufspaltung der eigenen Reihen und zu einem Erstarken verfeindeter Kartelle geführt. Nach dem brutalen Straßenkrieg vor ein paar Jahren (Audio-Feature oben) war die Nachbarstadt von El Paso fest in der Hand von Guzmáns Gruppe. Doch nun, nach dessen Festnahme, hat sich das Sinaloa Kartell gespalten, mehrere Fraktionen kämpfen um die Führungsrolle innerhalb des Drogenimperiums.

Und diese Bauchnabelschau nutzen andere Gruppen, um das Sinaloa Kartell herauszufordern. Allen voran das wiedererstarkte Juarez Kartell, das die wichtigen Wege in den größten Drogenmarkt der Welt, die USA, zurück gewinnen will. 47 Morde in einem Monat deuten auf den Beginn eines neuen Blutbades hin. Es geht um Macht, um Geld, um Einfluß. Und nichts wird die Gangs und Kartelle da aufhalten. Schwerbewaffnet suchen sie den Kampf mit ihren Kontrahenten und mit der Polizei. Die sieht sich derzeit einer Armee gegenüber, bestens ausgerüstet, bereit für einen erneuten Straßenkrieg. La Linea ist die Einsatztruppe des Juarez Kartells. Im April wurde eine Zelle der Bande ausgehoben, die Polizei fand zahlreiche Sturmgewehre und sogar eine Flugabwehrrakete. Seitdem sind die offiziellen Stellen in der Grenzstadt gewarnt.

Ciudad Juarez hatte sich langsam vom blutigen Straßenkrieg der Kartelle zwischen 2009 und 2011 erholt. Damals starben nahezu 10.000 Menschen im Kampf um die Drogenwege Richtung Norden. Die einstige Party-Stadt Juarez wurde in dieser Zeit zur gefährlichsten Stadt der Welt. Touristen und Besucher blieben weg, Restaurants, Kneipen wurden geschlossen, das öffentliche Leben fand nicht mehr statt. Nach Einbruch der Dunkelheit glich Juarez einer Geisterstadt. Nach dem blutigen Sieg des Sinaloa Kartells nahmen auch die Morde ab. In den letzten Jahren erholte sich Juarez, die Menschen genossen in vollen Zügen den „Mexian Way of Life“. Damit scheint nun wieder Schluß zu sein. Die nächste Welle der nicht endenwollenden Gewalt rollt heran. Ausgang und Länge noch ungewiss.

High as a kite

      Rocky Mountain High

Vier Bundesstaaten erlauben es bereits. In 19 weiteren kann man es ganz legal machen, wenn man vom Arzt ein Rezept ausgestellt bekommt. Die Rede ist vom Kiffen oder dem Nutzen von Marihuana. Aber selbst hier in Kalifornien, wo man eine „Medical Marihuana License“ braucht, ist das Potrauchen weit verbreitet. Im Weinanbaugebiet von Sonoma und Napa gehört es genauso dazu, wie beim Sonnenbaden im Golden Gate Park von San Francisco. Die Gesetze in einigen Bundesstaaten widersprechen allerdings dem Bundesgesetz. Und das bedeutet, mit einem republikanischen Präsidenten nach der nächsten Wahl, könnte es mit dem Kiffen schon bald vorbei sein.

Dazu der aktuelle Audiobeitrag.

 

Amerika im Krieg

Die Polizeimarken getöteter Polizisten in den USA.

Die Polizeimarken getöteter Polizisten in den USA.

Es war kein gutes Jahr für die amerikanischen Polizeieinheiten. Ferguson, New York, Oakland, überall im Land gab es massive Zwischenfälle, die zeigten, in den Polizeireihen stimmt etwas nicht. Einige wenige machtbesessene und rassistische Cops, falsche Ausbildung, Überbelastung, fehlende Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Bürgern, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, um das Klima in den Städten und Gemeinden zu verbessern. Amerika hat ein Problem im Inneren. Länder wie Nordkorea, China und Iran zeigen mit Häme und ausgestreckten Fingern auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung scheinbar noch keine Gleichberechtigung kennt.

Und doch, da sind auch zwei Zahlen, die aufhorchen lassen, die verdeutlichen, dass all das nicht einfach nur ein Problem Polizei gegen Bürger ist. 126 Polizisten starben 2014 im Einsatz. 50 (!) davon wurden erschossen. Kaltblütig, eben weil sie Polizisten waren. Das ist eine Zahl, die viel aussagt über ein Land, in dem ein hohes Maß an Gewalt akzeptiert, toleriert, ja sogar unterstützt wird. Nach dem Amoklauf in der Sandy Hook Grundschule glaubten viele, jetzt würde sich was ändern, jetzt wäre Amerika bereit strengere Waffengesetze zu verabschieden, den Zugang zu Schußwaffen stärker zu reglementieren. Nichts geschah, nichts wird geschehen.

50 erschossene Polizisten im Jahr 2014 sind das Ergebnis einer stupiden Diskussion darüber, ob die Gründungsväter der amerikanischen Verfassung wirklich meinten, dass jeder Amerikaner ein Grundrecht auf Waffenbesitz hat. Was 1788 auf Papier ratifiziert wurde sah sicherlich nicht vor, dass mein Nachbar eine Wumme wie das Mitglied eines Spezialkommandos in Afghanistan im Schrank haben darf. Oder, dass es Stadtteile in den USA gibt, in denen herbeigerufene Polizisten schlichtweg „out powered“ sind, heißt, ihre Knarren sind nichts gegen die Maschinenpistolen und -gewehre in den Händen von skrupellosen Kriminellen.

Jedes Jahr sterben in den USA weit über 30.000 Menschen durch Schußwunden. Die Hälfte davon sind Morde, die andere Hälfte Selbstmorde. 50 erschossene Polizisten sind auf diesem Leichenberg nur eine geringe Zahl. Eine kleine Meldung in den Nachrichten. Doch man sollte diese Zahl vielleicht anders betrachten. Zwischen 2002 und 2014 sind beim Militäreinsatz in Afghanistan 54 deutsche Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen. In einem Kriegsgebiet mit Selbstmordattentätern, Sprengsätzen, Raketenangriffen, Hinterhälten. Man erwartet in einem Kampfeinsatz der Bundeswehr, dass Soldaten sterben werden. 54 Bundeswehrangehörige in 12 Jahren ist eine traurige Bilanz. 50 erschossene Polizisten in einem Jahr ist Krieg im eigenen Land. Wer das nicht sehen will betreibt Augenwischerei.

Alles beginnt und endet im Kentucky Club

Everything begins and ends at the Kentucky Club.

Nur die Santa Fe Bridge trennt El Paso in den USA von Ciudad Juarez in Mexiko. Früher war es ganz einfach und ganz normal über die Brücke zu gehen, um in der Nachbarstadt billiger einzukaufen, die Bars und Restaurants zu besuchen. Juarez war die Partymeile für die Amerikaner aus dem Norden. Dann begann 2008 ein blutiger Drogenkrieg zwischen dem Sinaloa und dem Juarez Kartell, Tausende von Menschen wurden umgebracht, es wurde zu gefährlich, um die paar Meter von El Paso nach Juarez zu gehen. Die Besucher, die Touristen, die Feiernden blieben weg. Juarez versank in einer Gewaltspirale, im Chaos. Dazu produzierte ich vor einigen Jahren das Feature „The perfect storm“.

Nur etwa 50 Meter hinter der Santa Fe Bridge, auf der rechten Seite liegt der Kentucky Club. Hier soll Elizabeth Taylor ihre Scheidung von Eddie Fisher mit Freidrinks gefeiert haben, hier trafen sich Musiker, Autoren, Künstler, Kulturschaffende, Trinker. Es ist eine einfache Kneipe. Eine lange Theke, weiter hinten eine kleine Küche, links Tische und Stühle. Seit der Gewalt auf den Straßen von Juarez kommen weitaus weniger Gringos hierher.

Benjamin Saenz lebt und arbeitet als Autor in El Paso. Er unterrichtet an der dortigen University of Texas. Er liebt den Kentucky Club: „Das ist wahrscheinlich die bekannteste Bar in Juarez. Sie ist legendär, denn sie repräsentiert irgendwie die Geschichte der Avenida Juarez und der Nachtclubszene, die es hier gab. Es zeigt noch etwas nostalgisch das, was Juarez einmal war, für was es stand und für was es noch immer steht.“

Alles beginnt und endet im Kentucky Club.

Sein jüngstes Buch heißt “Everything begins and ends at the Kentucky Club” und wurde mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Darin sieben Geschichten, die an irgendeinem Punkt im Kentucky Club ankommen. Die Shortstories drehen sich nicht um die Bar, nur die Handelnden kommen mal so ganz nebenbei vorbei, um einen Drink zu genießen. Man wartet beim Lesen richtig auf den Moment, an dem es passiert.

Saenz‘ Erzählungen in “Everything begins and ends at the Kentucky Club” sind traurige, teils düstere Lebensgeschichten. Es geht um Sucht und Liebe, um die Suche nach der Sinnfindung. Die Stories gehen nahe, sind teils brutal, emotional, schockierend. Und doch Saenz hat eine weiche, gefühlvolle Sprache gefunden, die den Leser erfasst. Seine Geschichten, so meint er selber, seien voller Tragik. Saenz macht aus der Gewalt in Juarez keine dramatischen Action Stories, es gibt keine Helden, keine Lösungsvorschläge. Der Autor beschreibt vielmehr das normale Leben der Menschen, diesseits und jenseits der Grenze, die gelernt haben, damit zu leben. Man wird als Leser zum Zuschauer, zum stillen Beobachter eines Alltags, der zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen so ganz anders ist, und doch eigentlich tagtäglich auch so in unserem Leben stattfindet. Wir wissen wenig über die Menschen, denen wir begegnen. Drogensucht, Kindesmißbrauch, Gefühlskälte, Gewalt, das findet man in Juarez, in El Paso, in Nürnberg.

Benjamin Saenz Sprache ist persönlich und überzeugend, auch, wenn er betont, dass nichts davon ihn beschreibt. Doch trotz aller Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, der tiefen menschlichen Abgründe, die Saenz in diesen Geschichten aufzeigt, es ist immer auch Hoffnung, Nähe und ja, auch Wärme zu spüren. “Everything begins and ends at the Kentucky Club” ist ein lesenswertes Buch, im Original bei “Cinco Puntos Press” in El Paso erschienen. Seit September auch in deutscher Übersetzung im Ripperger & Kremers Verlag erhältlich.

 

Die Kriminalisierung von Minderheiten

1994 unterschrieb Präsident Bill Clinton den „Violent Crime Control Act“, ein Programm, das die eskalierende Gewalt auf den amerikanischen Straßen eindämmen sollte. In einer Feierstunde erklärte der achso viel gelobte demokratische Präsident: „Gangs und Drogen haben unsere Straßen übernommen und unsere Schulen unterwandert. Jeden Tag müssen wir davon lesen, dass jemand praktisch mit einem Mord davon gekommen ist“.

Deutliche Worte im Kampf gegen die Kriminalität. Parteiübergreifend setzte man sich für ein härteres Durchgreifen ein, Demokraten und Republikaner demonstrierten Einigkeit. 28 Bundesstaaten und der Distrikt von Columbia ließen sich von dem Bundesprogramm überzeugen und nahmen die Gelder aus Bundesmitteln für gezielte Aktionen an. Mehr und besser ausgerüstete Polizisten, lange Gefängnisstrafen, Neubau von Gefängnissen, Säuberungsaktionen auf den Straßen. Alles sah nach einem breiten Feldzug gegen Gangs, Kriminelle, Drogensüchtige und -dealer aus. Amerika sollte vom Übel gereinigt werden. „Tough on Crime“ hieß das Mantra. Von Präventionsmaßnahmen und sozialen Hilfsprogrammen war keine Rede. So etwas wurde nur als Verweichlichung und Unterhöhlung des eigentlichen Zieles angesehen.

Und nun, 20 Jahre danach, gibt es keinen Grund zum Feiern. Die Kriminalitätsraten sind nicht besonders gefallen, die Nachbarschaften sind nicht sicherer geworden, die Datenauswertung zeigt nur eines, der „Violent Crime Control Act“ richtet sich vor allem gegen Minderheiten. Wissenschaftler des Vera Instituts, einer Organisation zur Erforschung von Verbrechen und Verbrechensbekämpfung, kamen zu einem bedrückenden Ergebnis. Die Chancen für ein schwarzes Baby liegen heute bei 1:3. 1:3! Das bedeutet, jedes dritte schwarze Kind wird in seinem Leben eigene Erfahrungen im Gefängnis machen. Bei Latinos liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1:6. Weiße Kinder haben eine bessere Chance, nur jedes 17 Kind wird hinter Gittern enden. Eine Statistik, die erneut aufzeigt, wie rassistisch die amerikanische Gesellschaft nach wie vor ist. Was vor 20 Jahren als hartes Durchgreifen gegen gewalttätige Kriminelle gedacht war, hat sich als ein gezielter Schlag gegen Afro-Amerikaner und Latinos heraus gestellt. Beabsichtigt oder nicht, das sei dahingestellt. Erreicht wurde jedoch, dass weite Teile der amerikanischen Bevölkerung kriminalisiert und auf Jahrzehnte hinaus weiterhin benachteiligt wurden.

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Das Säbelrasseln beginnt

Präsident Barack Obama im Interview mit dem Fernsehsender NBC.

Präsident Barack Obama im Interview mit dem Fernsehsender NBC.

Es geht wieder los. Seit Wochen schon warnen republikanische Scharfmacher vor einer nicht näher identifizierten Terrorzelle in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. Dort würden, in Zusammenarbeit mit den Drogenkartellen, gezielte Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen vorbereitet. Präsident Barack Obama erklärte am Wochenende in einem Interview mit dem Fernsehsender NBC erneut, dass keine direkte Gefahr von der Terrororganistation „Islamischer Staat“ auf die USA ausgehe. Das heißt, den Geheimdiensten liegen derzeit, so der Präsident, keine Anhaltspunkte vor, dass „IS“ schon an der Santa Fe Bridge lauert.

Obama allerdings kommt der Jahrestag der Terroranschläge zum 11. September sehr gelegen. Am Dienstag wird er sich mit Vertretern des Abgeordnetenhauses und des Senats zusammen setzen, um über die weitere Strategie im Kampf gegen die „IS“ Milizen zu reden. Einen Tag später, am Vorabend von 9/11, wendet er sich an die Fernsehnation. Der von seinem Vorgänger ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ geht in die dritte Runde, quasi „War on Terror 2.1“. Was Bush im Irak verbockt hat, muß nun Obama richten. Dabei sollte man nicht übersehen, dass Barack Obama selbst an der jetzigen Situation in Syrien und im Irak eine heftige Mitschuld trägt. Zu lange konzentrierte er sich lediglich auf einen Abzug der US Streitkräfte aus dem Irak. Dabei wurde übersehen, dass sich ein Machtvakuum in der Region bildete, in das die Extremisten nur zu gerne vorstießen. Die katastrophale Situation im Irak ist also schon lange nicht mehr „nur“ George W. Bush unterzuschieben. Der Friedensnobelpreisträger Obama wird ebenfalls als Kriegspräsident in die Geschichtsbücher der USA eingehen.

Barack Obama hat in den letzten Wochen keine gute Figur im Umgang mit den „IS“ Terroristen abgegeben. Sein langes hin und her, ob und wie und überhaupt, wurde von den Republikanern und von Teilen seiner eigenen Partei als Planlosigkeit ausgelegt. Und dann sein Golfspiel nur wenige Minuten nachdem er Stellung zur Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley bezogen hatte. Die Bilder des lachenden Präsidenten auf dem Grün stießen vielen auf. Im NBC Interview entschuldigte sich Obama für diese Fotos.

Nun also will Obama wieder das Ruder übernehmen, ganz den Kapitän in der stürmischen Außenpolitik spielen. Seine Aussagen sind jedoch weiterhin nebelig. „No boots on the ground“, gezielte Luftangriffe auf Stellungen der „IS“ Milizen im Irak, eventuell werden diese noch ausgeweitet auf syrisches Gebiet. Und Obama will nicht alleine losziehen. Es ist mal wieder die Rede von einer „Koalition der Willigen“. Mit Spannung kann man also auf die Rede am Mittwochabend warten, vor allem darauf, ob Obama, anders als Vorgänger George W. Bush, neben den Marshall Islands auch noch schlagkräftigere Koalitionspartner für seinen neuen „Krieg gegen den Terror“ überzeugen konnte.

America Under Attack!

In knapp zehn Wochen wird in den USA gewählt. Das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Teil des Senats werden neu besetzt. Die Republikaner erhoffen sich, einen deutlichen Sieg einzufahren, ihre Mehrheit im „House“ auszubauen und gleichzeitig die Kontrolle über den Senat zu übernehmen. Damit würde Präsident Obama in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit endgültig ausgebremst werden und die GOP könnte bereits jetzt mit der Beseitigung des „politischen Flurschadens“ beginnen, wie sie die Politik Obamas sehen. Alles ist möglich am 4. November. Um sicher zu gehen, dass die republikanischen Wähler auch ihre Stimme abgeben, wird nun – mal wieder – ein Wahlkampf voller Angst vom Zaun gebrochen. Und im Angstschüren sind die Republikaner Weltmeister.

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

In irgendeinem Hinterzimmer der Parteizentrale muß sich folgendes zugetragen haben. Ein paar kluge Köpfe überlegten sich, wie man am besten die Emotionen der Wähler bedienen kann. Einer meinte, man müsse im Wahlkampf mehr auf die Grenzsituation eingehen, denn die sei ja löchrig wie ein Schweizer Käse. All die Illegalen kommen so ins Land, nehmen den hartarbeitenden Amerikanern die Jobs weg, plünderten das Sozialnetz und sowieso seien viele von ihnen auch noch Schwerkriminelle und Bandenmitglieder. Die anderen nickten wohlwollend. Toller Plan.

Der neben ihm saß meinte nur, vielleicht sollte man auch noch die mexikanischen Drogenkartelle mit in dieses Szenario aufnehmen, denn die seien ja wie die Mafia, unkalkulierbar, das schüre Ängste. Alle nickten, guter Plan.

Der Dritte im Bunde überlegte etwas und erklärte dann, die größte Gefahr bliebe dennoch der internationale Terrorismus. ISIS und Al-Qaida, das seien Dauerbrenner. Und sowieso habe die GOP schon mehrere Wahlkämpfe mit diesen Schreckgespenstern des Terrors gewonnen.

Und dann meldete sich der Vierte im Raum. Warum verbinde man nicht all diese Szenarien, das wäre doch dann der SuperGAU des Angstschürens: Die Kämpfer von ISIS, eigentlich im Irak und Syrien aktiv, sind schon in Mexiko gelandet, haben sogar schon eine Terrorzelle in der Grenzstadt Ciudad Juarez aufgebaut. Natürlich ging das nur mit Zustimmung der dort aktiven Drogenkartelle. Nicht genannte Mitarbeiter der Geheimdienste hätten Telefonate, Emails und SMS Botschaften abgehört und abgefangen, in denen ganz deutlich würde, dass ISIS, Ortsgruppe Juarez, Bombenanschläge auf Grenzposten und Einrichtungen im Grenzbereich auf amerikanischer Seite durchführen will. Die Grenzen sind ja durchlässig, von daher ein Klacks für die Islamisten und ihre Kumpels von den Kartellen. America Under Attack!

Ich weiß nun nicht, ob dieses Hinterzimmergespräch tatsächlich so stattgefunden hat. Denkbar wäre es, denn das Horrorszenario, das hier beschrieben wird, ist tatsächlich die Wahlkampfstrategie der Republikaner. Genau so und in dieser Deutlichkeit. In den konservativen Medien von FOXNews und Breitbart bis hin zu Kommentatoren, wie Allen B. West, wird dieser Terrorplan Tag für Tag Zuschauern, Zuhörern und Lesern dargeboten und nimmt immer haarsträubendere Formen an. Ich denke, bis zum Wahltag werden die ISIS Kämpfer auch noch mit nordkoreanischen oder pakistanischen Nuklearwaffen bewaffnet sein. Es sind ja noch knapp zehn Wochen. Alles ist möglich, man muß es nur glauben.

 

Auf „La Bestia“ ins gelobte Land

Poster der US Kampagne

Poster der US Kampagne zum Schutz von Minderjährigen.

Zehntausende von Kindern und Jugendlichen aus Guatemala, El Salvador und Honduras sind in den letzten Monaten illegal in die USA gekommen. Ihre Familien haben bis zu 7000 Dollar an Schlepper gezahlt, die die Minderjährigen ins gelobte Land bringen sollen.

Der Weg ist lang, beschwerlich und gefährlich. Gangs kontrollieren die Routen, rauben die Migranten aus, vergewaltigen Mädchen, rekrutieren auf dem Weg neue Gangmitglieder. Die Kinder reisen auf Güterzügen durch Mexiko, auf „La Bestia“, Richtung Norden.

Hungrig, halb verdustet und ausgemergelt kommen sie meist in den USA an, um dort von der Grenzpolizei aufgegriffen zu werden. Die versprochene Aufenthaltsgenehmigung erhalten sie nicht. Die USA haben nun eine Kampagne gestartet, Radio- und Fernsehspots und ein Ohrwurm, mit denen man die Familien in Mittelamerika erreichen will. Die Botschaft ist eindeutig: Schickt nicht Eure Kinder.

Dazu der aktuelle Audiobeitrag.