Die Achse des Klanges

Darf ich als jemand mit amerikanischem Pass noch diese Platte hören, darüber schreiben, sie als eine der besten bezeichnen, die ich in diesem Jahr gehört habe? Immerhin ist Saba Alizadeh aus Teheran. Ein Iraner, der ein Soundtüftler ist, der klassische Instrumente aus Persien mit elektronischen Klangbildern vereint. Und das in einer wunderbar nahegehenden, mitreissenden, völlig einnehmenden Weise.

Saba Alizadeh „Scattered Memories“.

Scattered Memories“ heißt die LP, die bei Karl Records in Berlin erschienen ist. Eine Platte zum Zuhören, zum Eintauchen in diese klangliche Wunderwelt. Alizadeh ist wie ein Geschichtenerzähler, der sein Buch öffnet und von dieser anderen, für mich fremden, doch faszinierenden Welt berichtet. Die Lieder sind mal ganz zart, ganz leise, behutsam. Mal werden die Töne der traditionellen Kamanche verändert, erweitert, bereichert. „Scattered Memories“ ist eine beeindruckende Ambient Reise, die einen in eine Welt zwischen Tradition und Moderne führt. Klassik, Ambient, Drone, Electronic und Experimentell. Saba Alizadeh verbindet all das meisterlich auf diesem Album. Vor wenigen Jahren gründete er auch noch „Noise Works„, eine Plattform und ein Label für ungewöhnliche Konzerte und experimentelle Musiker im Iran, darunter Auftritte in ausgetrockneten Reservoirs, um auf die Wasserknappheit in einigen Gebieten des Irans hinzuweisen.

Der Iran ist eines dieser Länder, die ich gerne besuchen, gerne selbst erleben möchte. Diese Platte von Saba Alizadeh ist wie eine Postkarte von dort, ein einladend-tönender Bilderreigen, ein modernes Klangbuch aus 1001 Nacht. Es ist der Soundtrack aus einem – für mich – unbekannten Land, das es zu entdecken gilt.

„Ich will hingerichtet werden“

Am Mittwoch hatte ich ein Interview mit Mike Farrell, dem Präsidenten von „Death Penalty Focus“, einer Organisation in den USA die sich gegen die Todesstrafe einsetzt. Farrell ist bekannt für seine Rolle in der Hitfernsehserie „M.A.S.H.“ Ich sprach mit ihm für ein Feature über die Entscheidung des kalifornischen Gouverneurs, Gavin Newsom, alle Hinrichtungen im Bundesstaat auszusetzen. Newsom hatte vor wenigen Wochen verkündet, die neue Hinrichtungskammer abbauen zu lassen, keine Todesurteile mehr zu unterschreiben und auch seine Unterschrift nicht unter den geplanten, neuen Gift-Cocktail für Exekutionen zu setzen.

Ein neues Ausstellungsstück für das San Quentin Museum – Der Hinrichtungsstuhl. Foto: CDCR.

Mike Farrell ist begeistert von diesem mutigen, politischen Schritt, wie er sagt, denn noch ist eine kleine Mehrheit der Kalifornier für die Höchststrafe. Farrell meinte aber auch in dem Gespräch, dass nicht jeder auf „Death Row“ in San Quentin mit der Entscheidung des Gouverneurs einverstanden sei. Gestern nun war ich erneut in San Quentin, um Reno zu besuchen, der seit 1978 auf seine Hinrichtung wartet und wohl einer der ersten gewesen wäre, wenn Kalifornien wieder mit dem staatlichen Morden begonnen hätte. Er bestätigte das, was Mike Farrell andeutete. Es gibt Gefangene im Todestrakt, die Gavin Newsom verklagen wollen. Die ganz deutlich sagen: „Ich will hingerichtet werden“.

Die Zustände im East-Block des ältesten Staatsgefängnisses von Kalifornien sind unzumutbar, unmenschlich und brutal. Wer dort depressiv wird, dem werden Psychopharmaka verschrieben, an den Umständen wird jedoch nichts verändert. Die meisten der Häftlinge vegetieren in ihren 2,40 mal 1,40 Meter grossen Zellen. 750 Todeskandidaten sind dort untergebracht und einige von ihnen wollen hingerichtet werden, ihrem Leben ein Ende setzen, sie haben genug von der Warterei, die Jahrzehnte dauern kann. Gavin Newsom hat mit seiner Entscheidung die Todesstrafe nicht verboten, das kann er nicht, er hat sie nur ausgesetzt. In seiner Amtszeit wird es also keine Hinrichtungen geben. Was das genau für die Häftlinge bedeutet ist noch unklar, denn die Todesstrafe ist nach wie vor in den kalifornischen Gesetzbüchern aufgeführt. Hinter den Kulissen, so auch Mike Farrell, wird nun daran gearbeitet, die Höchststrafe ganz abzuschaffen. Doch bis dahin wird es Klagen geben, von Befürwortern der Todesstrafe, von Opfergruppen und eben auch von Gefangenen selbst. Die allerdings werden ein Problem haben einen Anwalt zu finden, der sich ihrem Fall annimmt, denn die Frage ist, gibt es ein Recht auf die eigene Hinrichtung.

20 Jahre und nichts gelernt

Am 20. April 1999 feierten einige unverbesserliche Kleingeister den 110. Geburtstag von Adolf Hitler. Es war ein Dienstag, ein normaler Schultag an der High School in Columbine, Colorado. Normal, bis das passierte, für was Columbine noch heute bekannt ist. Das damals schlimmste Schulmassaker in der Geschichte der USA. 12 Schüler und ein Lehrer wurden getötet, 21 weitere Personen zum Teil schwer verletzt.

Ein Bild von der Überwachungskamera an der High School in Columbine. Es zeigt die zwei jugendlichen Täter.

Eric Harris und Dylan Klebold kamen um 11:20 mit halbautomatischen Schusswaffen, abgesägten Schrotflinten und Rohrbomben zur Schule, um ein Inferno zu entfachen. Glück in dieser Katastrophe war noch, dass einige der versteckten Bomben nicht zündeten. Die 18 und 17jährigen Täter gingen in die unrühmliche Geschichte Amerikas ein. Es war ein „Witch Hunt“, eine Hexenjagd, die folgte. Alles und jeder wurde angeklagt, mitschuldig gemacht. Sogar ich erhielt Anrufe und Emails, warum ich in meiner Sendung noch KMFDM und Rammstein spielen würde, wo diese Bands doch von den Columbine Tätern gehört und viel zitiert wurden. Das eigentliche Problem, der leichte Zugang zu Waffen, auch für Jugendliche in den USA, die Sinn- und Hoffnungslosigkeit von Eric Harris und Dylan Klebold, das Nichterkennen der Warnzeichen, all das wurde unter den Teppich gekehrt.

Die große Frage an diesem Jahrestag ist, was Amerika aus dem Columbine Massaker gelernt hat. Die traurige Antwort lautet, nicht viel. Zwar wurden die Sicherheitsvorkehrungen an Schulen im ganzen Land verbessert, Sicherheitspersonal eingestellt, Kameras installiert, Türen verschlossen, Besucher werden nun verstärkt kontrolliert, regelmäßig proben Schulen nun, was bei einer Schulschießerei zu tun ist. Und doch, trotz all der Vorkehrungsmaßnahmen seit den tödlichen Schüssen in Columbine sind in den USA 349 Menschen an Schulen erschossen worden. Darunter 26, zumeist Kleinkinder, an der Sandy Hook Grundschule in Newtown, Connecticut und 17 vor allem Schülerinnen und Schüler an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Die Frage seit Columbine ist also nicht mehr, ob eine Schulschießerei verhindert werden kann, sondern eher, wann es die nächste geben wird. 349 Kinder, Jugendliche, Lehrer, Betreuer starben seit dem Columbine Massaker durch Kugeln in amerikanischen Schulen!

Ich bezeichne das als eine nationale Krise, die jedoch in Washington nicht wahrgenommen wird. Weder vom Präsidenten, noch von den Republikanern und auch nicht von Teilen der Demokraten. Sie alle verteidigen dieses vermeintliche und schlichtweg dumme Grundrecht auf Waffenbesitz. Allein seit dem Schulmassaker an der Sandy Hook Grundschule im Dezember 2012, nach dem viele glaubten und auch hofften, dass ein Wendepunkt in dieser sinnlosen Gewaltspirale erreicht worden sei, gab es 2015 Massenschiessereien mit 2297 Toten und 8379 Verwundeten in den USA. Und dabei sind diese Massenschiessereien noch nicht einmal verantwortlich für den Großteil der Opfer. Offizielle Zahlen des „Centers for Disease Control“ (CDC) zeigen, dass allein im Jahr 2016 39.000 Menschen in den USA durch Schußverletzungen gestorben sind. An diese Zahlen sollte man an diesem Jahrestag des Schulmassakers von Columbine denken, wenn man die Gedenkveranstaltungen, die warmen Worte und Mitfühl-Tweets sieht, hört und liest. Amerika hat nichs aus Columbine gelernt.

Menschen zweiter Klasse

„She’s been very disrespectful to this country…she is somebody that doesn’t really understand life, real life…she’s got a way about her that’s very bad for our country…“

Das sind die Worte von Präsident Donald Trump während eines Interviews mit KSTP/TV in Minnesota, als er auf die demokratische Abgeordnete Ilhan Omar angesprochen wurde. Ilhan Omar ist eine 37jährige Abgeordnete, die im Kongress den 5. Distrikt von Minnesota vertritt. Omar wurde 1981 in Mogadischu geboren, mit dem Ausbruch des Krieges in Somalia floh die Familie ins benachbarte Kenia und lebte dort für vier Jahre in Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. 1992 kam die Familie in die USA, beantragte Asyl und lebt seit 1995 in Minneapolis. 2000 wurde Ilhan Omar amerikanische Staatsbürgerin.

Ilhan Omar ist für Donald Trump keine Amerikanerin. Foto: Reuters.

Die Lebensgeschichte der Abgeordneten ist sicherlich keine einfache gewesen, doch es ist auch irgendwie eine typisch amerikanische Immigrantengeschichte. Immerhin heißt es am Fuße der Freiheitsstatue: „Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free.“ Amerika das Land der Immigranten, das all jene einlädt hier den „American Dream“ zu leben. Und dann liest und hört man die Aussage von Donald Trump, der erklärt, dass Ilhan Omar das Leben nicht verstehe, das „wirkliche Leben“, wie er betont. Sie sei „respektlos gegenüber diesem Land“, so, als ob sie nicht dazu gehöre. Ihre Art sei „sehr schlecht für unser Land“, damit sagt der amerikanische Präsident, dass die USA nicht das Land der Asylsuchenden, der Immigrantin, der – zumindest auf dem Papier – Staatsbürgerin seit dem Jahr 2000 Ilhan Omar ist. Sie gehört nicht dazu, ist eine Ausländerin, eine Fremde, nicht eine von uns, so Trump.

Und gerade diese Aussage macht deutlich, wer und was Donald Trump ist: ein islamophober Rassist, der gegen Asylsuchende, gegen Immigranten, gegen Andersgläubige, Andersaussehende, Andersdenkende ist. Trumps Worte werden auf Twitter und in den sozialen Netzwerken geteilt. All jene, die einst mit Kapuzen Afro-Amerikaner aufknüpften und afro-amerikanische Kirchen in Brand steckten, die nach 9/11 Muslime beleidigten, bedrohten, verprügelten und durch die Straßen hetzten, sehen sich von diesem Mann bestärkt, immerhin ist er der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie brauchen keine Kapuzen mehr, Rassismus ist durch Donald Trump im Weißen Haus hoffähig geworden.

Bernie forever

Es ist noch ein bisschen hin zur Wahl im November 2020. Doch die Kandidaten kandidieren schon jetzt im Dauereinsatz. Bei den Demokraten wird die Liste der Frauen und Männer, die ins Weiße Haus wollen, lang und länger. Gerade in den „Battleground States“, wie Iowa und New Hampshire, treten sie sich quasi auf die Füße. In diesen beiden Kleinststaaten werden die Weichen gestellt. Wer da nicht in vorderster Reihe dabei ist, kann gleich aufgeben. Doch auch in Iowa und New Hampshire wird erst Anfang Februar 2020 abgestimmt.

Dazu kommen die Rundmails der Kandidatinnen und Kandidaten, die alle um Geld bitten. Fünf, zehn und mehr Dollar sollen und können es sein. Kein Tag vergeht, an dem ich keine Mail mit der Spendenaufforderung in meiner Mailbox habe. Irgendwann muss ich in das Datennetz der Demokraten gekommen sein. Allerdings kriege ich auch regelmäßig Post von konservativen und sogar von christlich-fundamentalistischen Gruppen, die alle bereits im Wahlkampffieber sind. Woher die nun meinen Namen und meine Adresse haben, ist mir schleierhaft.

Meine Nachbarin ist bereits in Wahlkampfstimmung.

In meiner Nachbarschaft sieht man auch schon die ersten Anzeichen für den Wahlkampf. Allen voran Bernie Sanders, dessen Anhänger auch jetzt wieder früh auftreten. Klar, Oakland und die San Francisco Bay Area war für Sanders und seine politischen Forderungen schon immer offen. Wenn er hier als Redner auftritt kommen Zehntausende, um ihn zu sehen. Mit der kalifornischen Senatorin Kamala Harris hat er allerdings in diesem Wahlkampf eine Konkurrentin, die lokal sehr verwurzelt ist. Harris kommt aus Oakland, war Staatsanwältin in San Francisco und danach die Justizministerin in Kalifornien. Sie hat enge Verbindungen zu Gouverneur Gavin Newsom und der gesamten kalifornischen Führungsriege der Demokraten. Das wird nicht leicht für Bernie Sanders werden.

Donald Trump gibt sich gelassen beim demokratischen Kandidatenlauf. Er ist sich sicher, dass er jede und jeden von ihnen problemlos schlagen kann. Doch auch bei den Republikanern gibt es weitere Kandidaten, die genug haben von diesem Präsidenten, der für sie nicht die republikanische Partei repräsentiert. Noch halten sich einige zurück, doch man kann davon ausgehen, dass Trump ebenfalls einen Vorwahlkampf ausfechten muss. Die Frage dabei ist, wer von den Republikanern im Kongress sich vorwagt, und sich offen gegen Trump aussprechen, einen anderen Kandidaten unterstützen wird.

Die Kraft der Musik

Im September will ich nach Somalia, in den Niger und in den Kongo reisen, um der Frage nachzugehen, welche Rolle und welche Bedeutung Musik in Krisen- und Konfliktgegenden hatte und hat. Auf meinen Reisen stieß ich immer wieder auf Musiker und Musikerinnen, auf Geschichten rund um die Musik, die mich faszinierten, die mir zeigten, welche Kraft in den Songs liegt, welche Bewegung durch ein Lied entstehen kann.

Nun liegt hier die jüngste Veröffentlichung von Smithsonian Folkways: „The Social Power Of Music„, eine vier CDs umfassende Box, in dem genau dieser Frage nachgegangen wird. Musik aus den USA, aus Nicaragua, dem Libanon, Vietnam, Angola, Chile, Südafrika und vielen anderen Ländern. Es ist eine bewegende Sammlung, die man hier hören kann. Dazu ein umfassendes Buch mit Hintergrundinformationen zu jedem einzelnen Lied, alles reich bebildert. Folkways kommt hier erneut dem eigenen Grundsatz sehr nahe: „Music of, by, and for the people“.

Für das Label scheint es ein leichtes Unterfangen zu sein, solch eine umfangreiche Box zusammen zu stellen. Das Archiv von Folkways ist ein Klangschatz sondergleichen, man kann aus dem Vollen schöpfen. Und doch, hier zeigt sich, welche Bedeutung dieses einzigartige Label hat, thematisch Musik vorzustellen, die Kraft und die Bedeutung der Lieder zu präsentieren. Songs der Civil Rights Bewegung, der Freiheitskämpfe rund um den Globus. Lieder, die mehr sind als nur ein Musikstück. Das spürt man beim Zuhören, oftmals bekommt man Gänsehaut bei dieser Klangreise.

Kann ein Lied etwas verändern? Viele meinen nein, einige meinen ja. Eine klare, eindeutige Antwort gibt es da wohl nicht. Aber Songs können bestärken, Mut machen, Hoffnung geben. Und sie vereinen über Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg. Musik als universelle Sprache ist ein etwas abgenutzter Begriff und doch, es stimmt wohl. Das lässt sich auch auf „The Social Power of Music“ deutlich hören. Lieder können Geschichten, Beschreibungen, Beobachtungen, Zeugnisse einer Epoche sein. All die hier aufgeführten Songs auf diesen vier CDs sind kraftvoll, stehen teils für eine unglaubliche soziale Sprengkraft. Viele der Sprachen, die gesungen werden, verstehe ich nicht und doch kann ich bei vielen diese ganz besondere Energie ausmachen. „The Social Power Of Music“ ist eine beeindruckende, tief bewegende Box, die mich neugierig auf das macht, was ich auf meinen kommenden Reisen finden werde.

Tod den Demokraten

Präsident Donald Trump bezeichnet also Demokraten, die gegen seine Grenzpläne und seinen Mauerbau sind, als Landes- und Hochverräter. Zu bestrafen wäre das mit lebenslänglicher Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung oder mit dem Tod. In leichteren Fällen ginge auch eine Gefängnisstrafe von mindestens fünf Jahren. Was aber wohl vor allem wichtig für Trump ist, die Verurteilten dürften kein öffentliches Amt in den USA mehr einnehmen.

Als Journalist in den USA ist man es mittlerweile gewöhnt, vom amerikanischen Präsidenten als Volksfeind bezeichnet zu werden. Wer nicht zum Hofberichterstatter für El Presidente verkommen will, der wird als „Enemy of the people“ bezeichnet. Wenn aber nun auch die politische Opposition öffentlich als Landesverräter beschimpft wird, dann grenzt das immer mehr an all jene, die Trump so gerne hofiert. Diktatoren und Machthaber, Trumps „Freunde“, in Saudi Arabien, Nord-Korea, Ägypten usw.

Mit seinem Landesverrat Tweet hat Trump eine Grenze überschritten. Denn hier macht er ganz deutlich, was er von der amerikanischen Demokratie hällt. Sicherlich, es ist nicht neu, denn bislang hat er Wahlen angezweifelt, die gegen ihn ausfielen, sprach von Wahlbetrug. Er unterhöhlt die demokratischen Instanzen in den USA, wie die Gerichte, das FBI, Ministerien, den Kongress. Und nur aus dem Grund, weil er nicht so schalten und walten kann, wie er will. Aber all jene des Hochverrats zu bezeichnen, die politisch andere Lösungen der Grenzkrise verfolgen, ist die Sprache Riads und Pjönjangs.

Nein, niemand wird des Landesverrats angeklagt, aber darum geht es auch nicht. Vielmehr spricht Trump mit seinen Tweets zu seinen Anhängern, die Hillary Clinton im Knast sehen, die der muslimischen Abgeordneten Ilhan Omar ihre Staatsbürgerschaft entziehen wollen, die von einem bewaffneten Kampf sprechen, wenn Trump die Wiederwahl nicht gewinnt, denn sie sei ja „rigged“, also „gefälscht. Und was sagen die Republikaner zu ihrem „Commander in Chief“? Nichts! Das ist der Zustand der USA 2019. Angeheizt von einem Präsidenten, der ein gefährliches Spiel betreibt, von dem sich das Land auf absehbare Zeit nicht erholen wird.

„Kurt Cobain is dead“

Kurt Cobain. Foto: Reuters.

Am 5. April 1994 arbeitete ich bei Radio Z in Nürnberg. Und da kam die Nachricht rein, dass sich Kurt Cobain, der Frontmann von Nirvana das Leben genommen hat. Nirvana, die damals gehörig das musikalische Establishment und auch die Modewelt durcheinander brachten. Seattle war die Stadt in Amerika, die wohl am meisten gefeiert wurde.

Zehn Jahre danach reiste ich als Journalist nach Seattle, um mich auf die musikalische Spurensuche zu machen. Mittlerweile war ich von Nürnberg nach Oakland übergesiedelt. Und die Bay Area war eng mit der Musikszene in Seattle verbunden. Kurt Cobain wurde im Nordosten der USA noch immer gefeiert und dennoch spürte man auch den Schock, der noch nachhallte. Das Big Business war weitergezogen, das Blitzlichtgewitter erloschen, „Grunge“ war nur noch ein Schimpfwort.

Es war für mich spannend mit Wegbegleitern von Cobain zu sprechen, Zeitzeugen zuzuhören, an den Orten zu sein, an denen meine einstigen musikalischen Heroen spielten. Was damals Anfang der 90er Jahre aus Seattle kam – Green River, Nirvana, Pearl Jam, Mudhoney, Alice in Chains, Screaming Trees u.v.m. – war für mich ein Erwachen. Mit den LA-Hairbands der Spätachtziger konnte ich nicht viel anfangen, die klicke ich auch heute noch weg, wenn sie im Radio gespielt werden. Doch „Smells like teen spirit“, „Alive“, „Even Flow“ oder auch „Rape me“ drehe ich nach wie vor auf. Zeitlose Songs, die einfach die Kraft, die Energie, die Wut, genau diese seltsamen frühen 90er Jahre ausdrücken.

25 Jahre ist der Selbstmord von Kurt Cobain nun schon her. Es war für Seattle ein tiefer Einschnitt diesen Ausnahmemusiker zu verlieren. Das wurde mir immer wieder gesagt, das konnte man in den Gesprächen auch fühlen. Was da mal war, wird niemals mehr so sein, hieß es. Damals bei Radio Z spielten wir an dem Tag einiges von Nirvana, die rohe Gewalt der „Bleach“ und eben auch Songs aus diesem Meisterstück „Nevemind“.

Seattle und Nirvana     

 

Sorgen kann man teilen. 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 (Telefonseelsorge).

 

Dass es knallte, bekam man mit

“Die systematische Vorbereitung des Völkermordes, für die es seit 1992 Hinweise gab, kommt in den Botschaftsinformationen…nicht vor. Den ominösen Namen Interahamwe haben die Gutachter in einem Schriftstück der Botschaft Kigali zum erstenmal am 6. April 1994 (!) in einer Mitteilung über einen Überfall auf den Fahrer des Botschafters gefunden. … Noch in einem Schriftstück vom Herbst 1993, wenige Monate vor dem Beginn des Völkermordes, wird, im Widerspruch zu den durch eine Fülle von Zeugnissen und Untersuchungen auch schon zur damaligen Zeit belegten Tatsachen behauptet, der Wahrung der Menschenrechte werde zunehmende Bedeutung beigemessen, auch politisch befinde sich das Land auf dem Weg zu wesentlichen Elementen einer westlichen Demokratie.”

Am 6. April 1994 wurde zum ersten Mal in einem Bericht der deutschen Botschaft die ruandische Miliz „Interahamwe“ erwähnt.

Dieser Absatz aus einem vertraulichen Bericht für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung drückt genau das aus, was im Vorfeld des Genozids in Ruanda von Seiten deutscher Behörden, darunter deutsche Botschaft, GTZ, DED, Deutsche Welle, Bundeswehr und Partnerschaftsbüro Ruanda-Rheinland-Pfalz, schief gelaufen ist. Die Anzeichen lagen vor, die Warnungen vor einer Eskalation der angespannten Lage kamen zuhauf, doch die Schaltstellen in Kigali, in Bonn, in Eschborn und Mainz reagierten nicht. Man sprach vielmehr von Panikmache oder reagierte gar nicht auf die Berichte der verschiedensten Mitarbeiter in Ruanda.

Erstaunlich ist auch, dass die deutsche Botschaft zum allerersten Mal genau an dem Tag von den marodierenden und gewaltbereiten Jugendgruppen der „Interahamwe“ berichtete, als der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana beim Landeanflug auf den Flughafen Kigali abgeschossen wurde. Dies wurde zum Anlass für das massenhafte Abschlachten der Tutsi Bevölkerungsgruppe und liberal eingestellter Hutu genommen. Doch schon lange zuvor warnten in Ruanda lebende Deutsche, wie Pfarrer Jörg Zimmermann, regelmäßig vor einer Eskalation. „Also zunächst mal, dass es knallte bekam man mit, insbesondere wenn man in einem Stadtviertel wohnte, wo es auch etwas rustikaler zuging“, meint er im Rückblick und erklärt, er habe mehrmals in der Botschaft vorgesprochen und vor den dramatischen Entwicklungen in Ruanda gewarnt. Zimmermann sprach die Landessprache Kinyarwanda, las die ruandischen Zeitungen, auch die Hetzblätter, wie „Kangura“, und war durch seine Arbeit in der Gemeinde ganz nah an der ruandischen Bevölkerung dran. Doch Botschafter Dieter Hölscher winkte ab, er erklärte mir im Interview in seinem Haus in Bonn: „Sehen konnte man das nicht, das war immer fern von der Hauptstadt, meistens, und dann hörte man von rebellischen Vorfällen, da gabs zwei, drei Tote, was weiss ich, aber nicht im größeren Maße, so wie es dann später war.  Ja gut, das waren aber alles eigentlich Einzelfälle, schlimm genug, aber Einzelfälle und bis zu diesem 6. April gab es nichts im größeren Maße.“

In dem vertraulichen Bericht an das BMwZ heisst es weiter: „Die Bundeswehrberatergruppe hatte dienstlich enge Kontakte zur ruandischen Armee und insofern auch Kenntnisstand über die Interahamwe. Es war bekannt, dass die mörderischen Milizen in bestimmten Lagern indoktriniert und ausgebildet wurden. Aus der Gruppe wurden derartige Warnungen an die Botschaft mit allen Details weitergeleitet; die Botschaft nahm diese Informationen zur Kenntnis.“

Professor Jürgen Wolff ist einer der Autoren dieses Untersuchungsberichtes, der nie veröffentlicht und nur im Keller des Ministeriums abgelegt wurde. Wolff bewertet das Verhalten des Botschafters folgendermassen: „Diplomaten werden dafür bezahlt, dass sie Ärger vermeiden. Wenn ein deutscher Militär zum Botschafter geht und sagt: “Herr Botschafter schauen sie mal, ich habe hier eine Karte von Ruanda und da ist der Wald von Niungwe, da gibt es ein Lager der Interahamwe, die trainieren da Massaker und wenn es mal los geht, dann sag ich ihnen zwischen 10.000 – 30.000 Toten voraus.” So, laut Aussage dieses Militärs. Ja, dann ist die Reaktion des Botschafters, jedenfalls nach dessen Aussage, der Aussage des Militärs, das ist ein Oberst gewesen: “Verrückt. Militär denkt nur an Leichen”. Das ist eine Bewertung, die kann er natürlich vornehmen, die soll er auch vornehmen, dafür ist er ja auch als politischer Analytiker dahin geschickt. Nur das Ding dann einfach, und jetzt kann ich Ihnen versichern, das Ding dann einfach unter den Tisch zu kehren und nicht einmal in seinem Vierteljahresbericht zu erwähnen, das sollte er eigentlich nicht. Mit anderen Worten, es hat Blockaden auf der lokalen Ebene gegeben. Es hat dann Blockaden unterhalb, zwischen den respektiven Zentralen gegeben.“

Man sah nicht, was man nicht sehen wollte. Auch wenn die Anzeichen für die drohende Gewaltwelle, das Abschlachten von nahezu einer Million Menschen in 100 Tagen sichtbar waren. Warnrufe kamen von allen Seiten. Von Pfarrern und Schwestern, von Bundeswehrangehörigen und Mitarbeitern der „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“, des „Deutschen Entwicklungsdienstes“, der „Deutschen Welle“, aus den Projekten des Partnerschaftsbüros Ruanda-Rheinland-Pfalz. Die besorgten Stimmen kamen aus allen Landesteilen und aus der Hauptstadt Kigali. Doch Botschafter Hölscher gab die Informationen nicht weiter und blockierte wohl auch, dass seine Mitarbeiter darüber berichteten. Inwieweit das Auswärtige Amt in Bonn dennoch von den Zuständen und der Gefahr in Ruanda wusste, ist unklar. In den deutschen Zentralen einiger Ministerien und verschiedener staatlichen Organisationen, wie GTZ, DED oder auch DW lagen allerdings deutliche Berichte vor, die jedoch nicht geteilt und/oder beachtet wurden.

25 Jahre nach dem Beginn des Massenmordes in Ruanda hat Deutschland noch immer nicht seine Rolle in dieser von der internationlen Gemeinschaft mitverursachten Katastrophe aufgearbeitet. Das politische Archiv des Auswärtigen Amtes ist nach wie vor verschlossen. Im Verteidigungsministerium, im BMwZ, bei der Nachfolgeorganisation von GTZ und DED, der „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“, GIZ, sind die damaligen Unterlagen nicht mehr aufzufinden, wie es heißt. Hat man aus den Erfahrungen von Ruanda 1994 gelernt?

Weiterführende Links:

Feature Text: „Dass es knallte, bekam man mit“

Feature zum Hören:

Burning Man im Wandel

Ein tonnenschwerer Bär mit einem Fell aus Cent Stücken.

Viermal schon habe ich mich auf den langen Weg von Oakland nach Black Rock City gemacht. Es sind nicht nur die paar Hundert Meilen Freeway und dann ein schmaler Highway, der einen zu „Burning Man“ führt, es ist auch die Vorbereitung, der Ticketkauf, die Planung, die Platzsuche, das Aufbauen des Camps und die Teilnahme an diesem wohl einzigartigen Fest in der Wüste von Nevada, das diese Reise zu mehr als nur einer Autofahrt macht.

Angefangen hat alles Ende der 80er Jahre mit ein paar Dutzend Leuten an Baker Beach in San Francisco, bis der Park Service den Feiernden erklärte, dort dürfe das eigentlich nicht stattfinden. Also schaute man sich um und fand in der Nähe von Gerlach ein im Sommer ausgetrocknetes Seebett, das sich ideal für die Pläne dieser einwöchigen Community eignen würde. „Burning Man“ ist Geschichte. Aus den anfänglichen paar Dutzend Männern und Frauen wurde eine weltweite Bewegung. Heute unternehmen alljährlich bis zu 70.000 Menschen diesen langen Treck aus der Zivilisation in ein selbstgestaltetes Utopia im Wüstensand. „Burning Man“ ist Party, ist Anderssein und es ist auch, wie es mir einmal jemand beschrieben hat, die größte Galerie der Welt. Hier kann (fast) alles ausgelebt, dargestellt, verwirklicht werden.

Doch seit einigen Jahren gibt es die Vorwürfe, dass „Burning Man“ immer mehr Hipster, Techies, Reiche und „Influenzer“ (beklopptes Wort) anzieht, die auf der Playa eigentlich gegen die Grundprizipien der „Burning Man Culture“ arbeiten. Mit Gesichts- und Alterskontrolle bei Parties, Themencamps und auf „Mutant-Vehicles“, mit klimatisierten und eingezäunten Zelten, die von eigenem „Personal“ aufgebaut wurden. Mit Produktpräsentationen auf der Playa von sogenannten Youtube und Instagram „Influencern“. Der Höhepunkt der antiklimatischen BM Verhaltensweisen waren sicherlich Google Mitarbeiter, die sich per FedEx frischen Hummer einfliegen ließen.

In der Zentrale von BM hat man nun genug und will das ändern. Marian Goodell, die CEO der gemeinnützigen Organisation, hat nun erklärt, man wolle einiges ändern. Nachdem ihr Team einen 55seitigen Bericht mit Missständen vorlegte, war klar, etwas muss getan werden. Nun setzt man beim Ticketverkauf an, um sicherzugehen, dass wieder der eigentlich Geist von „Burning Man“ durch die Wüste weht. Wer kommen will, soll und, ja, muss teilnehmen, sich vorbereiten, planen, sein Camp aufbauen. Black Rock City soll eben nicht ein Freaky Las Vegas, ein Glitzer Hollywood, ein einwöchiges Fantasia werden. Vielmehr sollen die Wurzeln dieser eigenwilligen, eigenartigen und einmaligen Community bewahrt und gestärkt werden. Dieses Jahr wird es für mich nicht klappen, aber ich hoffe im nächsten Jahr wieder den langen Weg von Oakland nach Black Rock City antreten zu können.