Der Tag, an dem man Danke sagt

Eigentlich ist Thanksgiving ein schöner Feiertag. Die Läden schliessen, es wird ruhig auf den Straßen, man sitzt zusammen, isst, trinkt, teilt, geht ein bisschen in sich, blickt zurück und sagt Danke. Danke für das, was einen im ergangenen Jahr bewegt hat, was man richtig gemacht, was man überstanden hat, Danke an die, die bei einem waren, die zu einem gestanden haben. Und Thanksgiving an sich wurde nie kommerzialisiert, auch wenn gleich am nächsten Tag der größte Shopping Tag des Jahres ansteht – der Black Friday.

Ich schreibe eigentlich, denn nichts ist mehr so, wie es einmal war. Im Weißen Haus sitzt ein Präsident, der es sogar schafft, diesen Tag zu politisieren. Seine Tweets und seine Videobotschaft an diesem Donnerstag belegen dies. Trump kann nicht einfach mal ruhig sein oder eine Nachricht in die Welt schicken, die alle Amerikaner betrifft. Er muss immer etwas sagen, was ihn miteinbezieht, was polarisiert. Die klassische Weltsicht eines Egozentrikers.

In diesem Jahr ist viel passiert, vor allem auch hinterm Trump’schen Horizont. Aber das wird kaum wahrgenommen. Die Hungerkrise in Somalia, Südsudan, Nordnigeria und Jemen. Die verstörenden Bilder aus diesen Ländern, die Hoffnungslosigkeit der Menschen, das schiere Elend. Krieg, Hunger, Not. Die gewaltigen Naturkatastrophen rund um den Globus, die Flüchtlingskrisen auf allen Kontinenten. Und das alles vor diesem politischen Schmierentheater in Washington, in dem die Gesellschaft tief gespalten wird, Diktatoren hofiert und Hilfsgelder gekürzt werden, die politische Weitsicht zu einer sehr beschränkten Kurzsichtigkeit verkommt. Eine Nabelschau, die nur noch peinlich berührt.

Thanksgiving ist und bleibt einfach mehr, das sollte man an diesem Tag in den USA nicht vergessen. In diesem Sinne, ein „schönes Erntedankfest“ 2017!

Der 28 Prozent Präsident

Mit geballter Faust voran – Donald Trump. Foto: AFP.

Eigentlich ist die Selbstbeweihräucherung dieses Präsidenten ein Alltagsphänomen geworden. Doch diesmal hat sich Donald Trump in einem seiner jüngsten Tweets selbst als „your favorite President“ bezeichnet. Und das sagt eigentlich alles über den 45. amerikanischen Präsidenten aus. Er ist nicht Präsident der Amerikaner, will es auch gar nicht sein, er ist und bleibt nur der Präsident seiner Wählerinnen und Wähler. Und das waren gerade mal 28 Prozent der Wahlberechtigten. weiter lesen

A spin of the world

Während es in den USA, in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine immer stärkere und lautere, doch beengende nationalistische Bewegung gibt, öffnet sich mir eine ganz neue Welt. Gerade sitze ich da und höre das neue und atemberaubende Album der tunesischen Musikerin Emel Mathlouthi. Produziert wurde es von dem isländischen Komponisten und Musiker Valgeir Sigurdsson, dessen Label „Bedroom Community“ eine wahre Insel im rauenden Klangmeer ist.

Und während ich hier zuhöre, lese ich die Mail von SWP-Records, einem kleinen Indie-Label aus den Niederlanden. SWP feiert 30 jährigen Geburtstag und damit ein musikalisches Erbe sondergleichen. Neben vielen eigenen Produktionen hat Labelmacher Michael Baird auch die historischen Feldaufnahmen von Hugh Tracey in seinem Katalog. Baid schafft es mit seinen Veröffentlichungen, die Brücke zwischen diesem wegweisenden Soundpionier, der in Afrika nach den Ursprüngen der Musik suchte, und der Musik von heute zu schlagen. Er selbst spielt einen Mix aus afrikanischen Roots und Jazz. Und immer wieder veröffentlicht er eigene Feldaufnahmen von Reisen ins südliche Afrika.

Auch auf der jüngsten Strassenkreuzer CD des Nürnberger Sozialmagazins lassen sich kulturelle Perlen finden. „Oropa“ nennen Gottfried Rimmele und Musa Karaalioglus ihr Projekt, das offen für die Einflüsse beider Musiker ist. Allein dieses Lied auf der Strassenkreuzer „Dynasty“ zeigt, dass Nürnberg eine Stadt ist, die schon immer ihre Vielfalt und Offenheit feierte. Das geht nicht immer reibungslos, aber es war und ist eine Bereicherung für die Metropolregion, wenn Menschen verschiedenster Herkunft zueinander finden, und sei es nur musikalisch.

Musik verbindet, öffnet Grenzen, schafft ein ganz anderes, ein viel tieferes Bild eines unbekannten Landes und Kulturraums. Was die Kleingeister unserer Zeit, ob gewählt oder auf den Straßen hier in den USA und auch in Deutschland, mit ihrem Abgrenzen, Ausgrenzen und Grenzsicherungen anrichten, ist mehr als fatal. Die Welt hört eben nicht bei Tijuana oder Garmisch Partenkirchen auf. Musik ist eine Weltsprache, die so viel mehr sein kann, als Unterhaltung, Berieselung, Beiwerk. Für mich ist Musik zu einer farbenprächtigen Untermalung meines Alltags geworden, die mir oftmals fremde Länder wie Somalia, Jemen, den Kongo oder auch Mexiko näherbrachte, verständlich machte. Die Welt ist so ein reicher Schatz an Klängen, man muss nur hin- und zuhören.

Trump und seine langfristigen Folgen

Präsident Trump schreibt Geschichte. Foto: Reuters.

Es ist die „ungeschriebene Geschichte“, wie es Präsident Donald Trump selbst beschreibt. Seine Anhänger werden es lieben, seine Gegner haben daran schwer zu kauen. Der Kulturkampf in den USA wird auf Jahrzehnte hinaus jetzt entschieden. Donald Trump verändert in Siebenmeilenstiefeln das Rechtssystem der USA. Kein Präsident vor ihm hat mehr weiße Männer für Richterposten nominiert. Amerika wird Donald Trump auch noch nach 40 Jahren spüren.

Trump sagt denn auch ganz offen: „Ein großer Teil der Gerichte wird von dieser Administration in einer sehr kurzen Zeit verändert werden“. Nichts Neues, denn Trump kündigte genau das bereits im Wahlkampf an und nun schafft er Tatsachen. Da die Republikaner im Senat im letzten Jahr von Barack Obama keine nominierten Richter mehr angenommen hatten, gab es für Donald Trump nach seiner Amtsübernahme viel zu tun. Nahezu 100 Stellen von Bundesrichtern müssen ersetzt werden, und die werden auf Lebzeiten ernannt. Trump wartete nicht und machte sich an die Arbeit.

Die demokratischen Präsidenten und auch George W. Bush hatten in den letzten Jahrzehnten darauf geachtet, dass die Auswahl der Richter der demografischen Situation und Entwicklung in den USA entspricht. Dazu wurden unter Barack Obama verstärkt Frauen nominiert, 42 Prozent. Der Anteil von weißen Männern lag bei nur 37 Prozent. Das ist nun vorbei, Donald Trump bezeichnete diese Vorkriterien als „Politisierung der Richterbank“. Seit er im Weißen Haus sitzt, nominierte Trump 58 Richter, davon 47 Männer und 11 Frauen. Davon waren 53 weiß, drei asiatischer Abstammung, ein Latino und ein afro-amerikanischer Kandidat. Dreizehn dieser Vorschläge wurden bereits vom Senat angenommen. Trump malt sich die Gerichte weiß.

Ganz deutlich wird dies, wenn man sich einige der Kandidaten genauer ansieht. Thomas Farr wurde im „Eastern District“ von North Carolina nominiert, einer Region, in der es zwar einen hohen schwarzen Bevölkerungsanteil gibt, aber es noch nie einen afro-amerikanischen Richter gegeben hat. Barack Obama hatte für die offene Stelle gleich zwei schwarze Juristinnen vorgeschlagen, doch der republikanisch dominierte US Senat wollte über die Kandidatinnen nicht abstimmen. Nun ist Trump am Zug und schlug Farr vor, einen Juristen, der in der Vergangenheit daran arbeitete die Wahlbezirke neu auszulegen und das Wählen an sich zu erschweren. Beides wird von Bürgerrechtsgruppen als Benachteiligung von Minderheiten in den USA kritisiert.

Den Vorwurf, dass der 45. Präsident die Uhren in den USA zurückdrehen wolle, lassen seine Mitarbeiter im Weißen Haus nicht gelten. Hogan Gidley, ein Sprecher der Administration, erklärte: „Der Präsident steht zu seinem Versprechen, die besten, qualifiziertesten Richter zu nominieren. Während frühere Präsidenten womöglich politisch motivierte Richter mit einem politischen Anspruch nominierten, hat Präsident Trum außergewöhnliche Juristen ausgewählt, die die US Verfassung respektieren.“ Es ist wohl wie immer eine Frage der Auslegung.

„America Alone“

„America First“ wird zum „America Alone“. Foto: Reuters.

Die USA hatten schon immer eine etwas verdrehte Selbstwahrnehmung. Man denke nur an Äußerungen von amerikanischen Politikern, die von „God’s country“, von der „greatest nation on earth“ sprechen. Manchmal hat man das Gefühl, dass die, die da so lauthals von der Größe Amerikas schreien, noch nie auch nur einen anderen Teil der Welt bereist, erlebt, entdeckt haben. Und sie vergessen dabei auch, dass dieses Land ein Land der Immigranten ist. Viele kamen freiwillig, andere wurden aus ihren Herkunftsländern vertrieben und fanden in den USA eine vorübergehende Unterkunft. Doch fast alle Immigranten tragen auch weiterhin ihre Wurzeln im Herzen. „God’s country“ bleibt für sie das Land, in dem sie geboren wurden, auch wenn die USA noch so ein beeindruckendes Land sind. weiter lesen

Mehr Waffen braucht das Land

Amerika hat ein Waffenproblem. Daran wird sich nichts ändern, das weiß man einfach, das sieht man an den Reaktionen nach jedem Amoklauf, nach veröffentlichten Statistiken über Mordraten, Selbstmorden und Unfällen mit Schußwaffen. Es ist einfach so, wie es ist. Die Deutschen haben ihr ungebremstes Fahrvergnügen, die Amerikaner ihr vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz. weiter lesen

Folkways rappt die Geschichte

Es ist ein gewaltiges Unterfangen, aber was anderes erwartet man auch nicht von Smithsonian Folkways. Auf 9 CDs und in einem 300 Seiten umfassenden Buch soll die Geschichte des Hip-Hop und Rap nacherzählt werden. Nach den umfangreichen Folk und Jazz Boxen, geht Folkways nun ganz neue Wege. Neben Woody Guthrie, Pete Seeger, Duke Ellington, Louis Armstrong, Weltmusik, Folklore, Bigband, Brass und Dixieland, nun also auch Grandmaster Flash, Queen Latifah, Hip Hop und Rap.

Für dieses Projekt hat eines der bedeutendsten Plattenlabels überhaupt eine Kickstarter Kampagne gestartet. Der Grund, die Kosten und damit der Endpreis sollen so niedrig wie möglich gehalten werden. 250.000 Dollar sind das Startkapital, um diese „Anthology“ zu verwirklichen. Man kann sich nur wundern und fragen, ob diese Vorauskasse der Musikfans nicht auch etwas mit den Kürzungsplänen der Trump Administration zu tun hat, denn der Milliarden Dollar schwere Präsident hatte ja angekündigt im Kulturhaushalt der USA den Rotstift tanzen zu lassen, und das wohl nicht während ein fetter Beat durchs Oval Office wummert. Folkways ist Teil des staatlichen Smithsonian Netzwerkes.

Die Philosophie dieses Plattenlabels drückt es ganz deutlich aus, etwas, was in diesen Tagen im Weißen Haus wohl nicht gerne gelesen wird, aber umso wichtiger für Musikliebhaber wie mich ist: „We are dedicated to supporting cultural diversity and increased understanding among peoples through the documentation, preservation, and dissemination of sound. We believe that musical and cultural diversity contributes to the vitality and quality of life throughout the world. Through the dissemination of audio recordings and educational materials we seek to strengthen people’s engagement with their own cultural heritage and to enhance their awareness and appreciation of the cultural heritage of others.“

Die nun angekündigte „Smithsonian Anthology of Hip-Hop and Rap“ ist ein mehr als unterstützenswertes Projekt. Am Ende werde ich etwas dazu lernen. Musik ist voller Geschichten und die höre ich mir gerne an, auch wenn Hip-Hop eigentlich so gar nicht mein Ding ist. Aber dieses Genre ist Teil der heutigen Kultur, ein wichtiger Soundtrack in den Städten Amerikas. Und Folkways Recordings ist das Label, dass Hip-Hop in den richtigen Rahmen fassen wird.

Das Ende einer sinnlosen Debatte

Sturmgewehr der Marke Ruger.

Und wieder starben Menschen an einem Sonntagmorgen im Kugelhagel. Diesmal waren es mindestens 26 Mitglieder einer kleinen Baptistengemeinde im texanischen Sutherland Springs. Der 26jährige Devin Kelley kam mit einem Sturmgewehr der Marke Ruger in die Kirche und schoss um sich, so, als ob es das normalste an einem sonnigen Vormittag sei. weiter lesen

Das ist einfach „oakländisch“

Wenn sie das wüssten! Donald Trump würde gemeinsam mit den IS Kämpfern die Augen rollen. Solch ein Zeichen der Vielfalt, Gemeinsamkeit und des Miteinanders lehnen sie nämlich grundsätzlich ab. Im islamischen Kulturzentrum von Nordkalifornien hielt Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf ihre jährliche „State of the City“ Rede. Und sie war ein Erfolg. weiter lesen

Ein Kraftwerker packt aus

Eigentlich will Karl Bartos gar nicht mehr groß darüber reden. Immerhin ist er schon seit über 25 Jahren nicht mehr Teil einer der wohl bedeutendsten Gruppen überhaupt. Und doch, alles, was er heute musikalisch und visuell macht, wird mit dem „Output“ seiner einstigen Band verglichen. Kraftwerk wurde für Karl Bartos zum Segen und zum Fluch. Nach 25 Jahren Ausstieg aus der legendären Gruppe legt er nun seine Autobiografie vor, die eine umfangreiche Klangbiografie geworden ist. Eine wahrhafte Spurensuche in der Hörwelt. weiter lesen