Er regiert nur für sie

Man stelle sich vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel würde behaupten, ihre Unterstützer seien die klügsten, stärksten, am härtesten arbeitenden und loyalsten, die Deutschland je gesehen hätte. Wie lange würde es wohl dauern, bis ein Aufschrei durchs Land gehen würde?

Anders ist das in den USA. Es scheint, man hat sich an die Entgleisungen von Präsident Donald Trump schon gewöhnt, der in diesem Tweet mal wieder ganz deutlich macht, dass er nicht der Präsident aller Amerikaner ist, sondern vielmehr nur für seine politische Basis regiert. Und das sind nach wie vor rund 28 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Trump kann auf seine Unterstützer bauen, die seinen „MAGA“ und „America First“ Rufen blind folgen, seine Tweets als „präsidial“ verehren, keine Kritik an diesem eher unkonventionellen Präsidenten zulassen.

Amerika war schon lange gespalten, auch schon vor Donald Trump. Doch mit dem New Yorker Geschäftsmann und Selbstdarsteller in Amt und Würden haben sich die Gräben im Land noch weiter vertieft. Und nicht nur das, sie sind unüberbrückbar geworden. Warfen viele in der republikanischen Partei dem Amtsvorgänger Barack Obama Unerfahrenheit und Naivität vor, schwärmen sie nun von Trump davon, wie er unvorbereitet und ohne Feingefühl auf der internationalen Bühne agiert. Er gehöre nicht zum Washington Establishment, sei ein politischer Außenseiter, spreche die Sprache des Volkes (bitte welches Volkes?). So wird jedes Fettnäpfchen entschuldigt, in das Trump absichtlich hineinstapft.

Der Iran-Deal unter Obama war in den Augen Trumps und seiner Unterstützer der schlimmste Deal aller Zeiten, der Nordkorea Deal hingegen sei ein Meilenstein für den Weltfrieden. Trump huldigte in der vergangenen Woche Diktator Kim Jong-Un als „talentiert“, „klug“, „witzig“, als jemanden, der sein Land liebt. „Die großen Gewinner“ seines Deals, so Trump, seien die vielen Internierten in Nordkorea (!). Das ist schon sehr gewagt und zeigt nicht gerade geschichtliches oder diplomatisches Feingefühl. Der Handschlag mit Kim Jong-Un wurde gefeiert, als Obama Kubas Präsident Raúl Castro die Hand reichte, wetterten die Republikaner, Obama denke nicht an die vielen politischen Häftlinge und das Unrecht auf dem Inselstaat. Obamas Verbeugung vor Königen wurde angegriffen, Trumps Salut eines nordkoreanischen Generals verteidigt.

Trump ist genau das und macht genau das, was die Republikaner Obama vorwarfen. Doch nun wird eben genau das gefeiert, was zuvor noch angeprangert wurde. „Unsere Verbündeten trauen uns nicht, unsere Feinde fürchten uns nicht und die Welt weiß nicht, wo Amerika steht“. Dieser Satz könnte die aktuelle Situation um Donald Trump beschreiben, tut sie aber nicht. Vielmehr stammt dieser Satz  von Marco Rubio aus dem Jahr 2015 und sollte die Politik Obamas umschreiben. Von Rubio hat man bezüglich Trump bislang wenig gehört.

 

Trump und sein „World Cup“

Die Spiele haben begonnen. Die Spiele können beginnen. Donald Trump hat es geschafft, die Fußballweltmeisterschaft 2026 in die USA zu holen. Und nach Mexiko. Und nach Kanada. Die Lobeshymnen für ihn kämen von überallher, meint Trump. Woher, kann nicht eindeutig mitgeteilt werden, denn darüber schweigt sich der Präsident aus. Aber das ist egal, wichtig ist, die Trump-Spiele 2026 können beginnen. Zuvor hatte der amerikanische Präsident, der „leader of the free world“, all jenen Ländern offen gedroht, die bei der Abstimmung zwischen Marokko und USA (kanada/mexiko) gegen die Vereinigten Staaten von Amerika votieren würden. Man werde, so Trump, genau hinsehen und danach Hilfszahlungen und Entwicklungsgelder gerade an afrikanische Länder neu bewerten. Eine klare Ansage, die nun zum Ergebnis geführt hat, dass dieser Wahl für den Austragungsort 2026 ein etwas bitterer Beigeschmack anhefte. Aber das scheint Donald Trump nicht zu interessieren, ausschlaggebend ist für ihn nur, dass er es geschafft hat: America First auch im Weltfußball!

Aus 1 mach 3

Dreigeteilt soll Kalifornien in Zukunft sein.

Im November geht es am Wahltag um einiges. Die große Frage in den USA wird sein, ob die republikanische Mehrheit im Abgeordnetenhaus und im Senat gehalten werden und damit Donald Trump für die nächsten zwei Jahre beruhigt weiter regieren kann. Die Demokraten hoffen auf ihre Chance, auf genügend Wählerinnen und Wähler, die genug haben von Donald Trump und seiner Art, seinem Ton, seinem Getweete.

Doch da steht noch viel mehr an am Wahltag, u.a. Gouverneurswahlen in einigen Bundesstaaten und viele Abstimmungen. Nun hat es in Kalifornien auch eine Initiative auf den Wahlzettel geschafft, die sich „Cal 3 Initiative“ nennt. Nahezu 400.000 Unterschriften wurden gesammelt, damit die Kalifornier darüber abstimmen können, ob aus ihrem Bundesstaat drei Bundesstaaten werden sollen: Nordkalifornien, Kalifornien und Südkalifornien.

Hinter der Aufspaltung des Sonnenstaates steckt der Investor Tim Draper, der mehrere Millionen Dollar in dieses Projekt investiert, und das nicht zum ersten Mal. Schon vor ein paar Jahren trat er an, um Kalifornien zu zerschlagen, damals noch in sechs Teile. Nun also drei, die für sich besser existieren sollen, so Draper, und vor allem besser regiert und repräsentiert werden sollen. Die Opposition formiert sich bereits und wischt das Anliegen des Multimillionärs vom Tisch. Denn mit einer Spaltung Kaliforniens würde der Sonnenstaat auch seine Machtrolle in den Vereinigten Staaten von Amerika verlieren. Es wird also zu einem heißen Kampf um die Einheit Kaliforniens kommen.

Tim Draper erhofft sich mit seiner Kampagne Zeichen für die USA und weltweit zu setzen. Was da am Pazifik passiert könnte also auch interessant für die fränkische Abspaltungsbewegung von Bayern sein. Wobei es hier keinen so großen kulturellen Unterschied zwischen den Nord-, Central- und Südkaliforniern gibt, wie er zwischen den Franken und den Bayern existiert.

Frontalangriff auf das Asylrecht

Während die Nation und die Welt nach Singapur blickt wird in den USA weiter am Asylrecht geschraubt. Justizminister Jeff Sessions gab am Montag bekannt, dass Frauen, die vor häuslicher Gewalt und vor Massenvergewaltigung fliehen, kein Anrecht mehr auf Asyl in den USA haben. Diese Auslegung des Gesetzes ist damit verpflichtend für die Immigrationsrichter im ganzen Land.

Foto: Reuters.

Sessions nimmt damit eine Entscheidung der Obama-Administration zurück, die vor allem Frauen aus mittelamerikanischen Ländern schützte, die vor der ausufernden Gewalt in El Salvador, Honduras, Guatemala und Mexiko flohen. Gewalt, die auch auf eine fehlgeleitete Politik der USA zurück geht. Denn Gangs, die hier in den USA gegründet wurden, etablierten sich erst viel später in jenen Ländern. Das beste Beispiel ist MS-13, jene Gang, die Donald Trump derzeit auf vielen Veranstaltungen als Krebsgeschwür beschreibt. Sie wurde in den 1980er Jahren in Los Angeles gegründet und breitete sich im ganzen Land, Kanada und südlich der Grenze aus. In El Salvador regiert MS-13 unzählige Nachbarschaften mit brutaler Hand. Und auch die Drogengewalt in Mexiko hat mit den USA zu tun. Der größte Drogenmarkt sind die USA, die Waffen für den Kartellkrieg kommen aus den USA.

Jeff Sessions erklärte in seiner Begründung, dass die polizeilichen Probleme in diesen Ländern nichts mit den USA zu tun haben, von daher sei man auch nicht verpflichtet, die Opfer dieser Gewalt aufzunehmen, ihnen Asyl zu gewähren. Betroffen von dieser Entscheidung werden Hunderttausende von Frauen und Kindern sein, die im Land der Immigraten keine sicheren Unterschlupf mehr finden werden. Wer nun Massenvergewaltigungen von Frauen und die häusliche Gewalt als Asylgrund streicht, und dabei durchaus die – zumindest teilweise – Verantwortung der USA leugnet, macht sich mitschuldig. Die Trump-Administration höhlt damit weiter eine wichtige Grundfeste Amerikas aus. Es erscheint wie Hohn, wenn man heute die Inschrift am Sockel der Freiheitsstatue, dem Symbol des Einwanderungslandes schlechthin liest:

Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!
Sende sie, die Heimatlosen, vom Sturm Gestoßenen zu mir.
Hoch halte ich meine Fackel am goldenen Tor.

Die Mauern werden höher

Die Tour von Uli Jon Roth musste aufgrund von nicht ausgestellter Visa abgesagt werden.

Ok, er hat ziemlich lange Haare, aber das sollte eigentlich kein Grund dafür sein, dass der legendäre Gitarrist Uli Jon Roth und seine Band keine Einreise- und Arbeitsvisa für die USA erhalten. Der frühere Scorpions Gitarrist und weltweit bekannte Musiker ist das jüngste Opfer eines undurchschaubaren amerikanischen Künstleraustausches. Präsident Donald Trump geht nach seinen Mauerplänen, seinen Rufen nach Tarifen und Einfuhrzöllen nun wohl an die Bereinigung des amerikanichen Kulturangebotes: „America First“ auch für die Musikclubs im ganzen Land.

Die Tour von Uli Jon Roth stand schon fest, die Termine waren angekündigt, die Fans freuten sich auf eine sagenhafte Jubiläumstour, doch daraus wird nun vorerst nichts. Auf der Webseite erklärte Roth, dass man alles richtig gemacht habe, sich rechtzeitig um die Visa gekümmert hat, die höheren Gebühren für eine schnellere Behandlung der Anträge gezahlt habe, auch einen erfahrenen Anwalt für Immigrationsrecht eingeschaltet hatte. Doch am Ende half alles nichts.

Und das scheint nun mittlerweile Programm in Washington zu sein. In den 22 Jahren, in denen ich hier in den USA lebe und mit Musikern zu tun habe, gab es immer wieder Bands, die aufgrund von nicht rechtzeitig ausgestellten Visa ihre Tourneen absagen mussten, darunter auch solche bekannten Bands wie die Einstürzenden Neubauten. Doch mit dem Maurermeister und Kulturfeind Donald Trump im Weißen Haus scheint alles zu eskalieren. Uli Jon Roth, der in der Vergangenheit regelmäßig durch die Vereinigten Staaten tourte, erklärt auf seiner Webseite, dass „seit Februar dieses Jahres die Anzahl von nichtgenehmigten Arbeitsvisa in den USA um 1400 % (!!!) gestiegen ist“. Das ist eine klare Kriegserklärung an die globale Kunst- und Kulturszene.

Die Trump Administration, die sich bereits mehrfach für eine ersatzlose Streichung der staatlichen Kulturförderung in den USA, den sogenannten „Endowments“, einsetzte, geht nun an den internationalen Künstleraustausch. Anders kann diese deutliche Blockierung von Arbeitsvisa für hier auftretende MusikerInnen und KünstlerInnen aus dem Ausland nicht verstanden werden. „America First“ erhält damit einen ganz neuen Dreh, der so nur abgelehnt werden kann und muss.

Alarmierende Selbstmordzahlen

In dieser Woche nahmen sich die Modedesignerin Kate Spade und der Koch und Reisejournalist Anthony Bourdain das Leben. Zwei Selbstmorde, die viel Aufmerksamkeit erhielten, gerade weil beide erfolgreich und beliebt waren, für viele Außenstehende mitten im Leben standen.

Sogar Barack Obama erinnerte sich an sein Treffen mit Anthony Bourdain. Man beachte den Ton dieses Tweets des früheren Präsidenten.

Die USA haben ein Problem, das wird deutlich, wenn man sich den in dieser Woche vorgelegten Bericht des „Centers for Disease Control and Prevention“ durchliest. Im letzten Jahr starben 45.000 Menschen in den USA durch Suizid. Zwischen 1999 und 2016 stiegen in allen Bundesstaaten außer Nevada die Selbstmordraten. In North Dakota um bis zu 57 Prozent. In Montana liegt die Rate am höchsten im ganzen Land, auf 100.000 Einwohner kommen 29,2 Suizide, US weit liegt diese Zahl bei 13,4 auf 100.000 Einwohner. Nur in Nevada fiel die Selbstmordrate um ein Prozent.

Vor allem die Rocky Mountain Staaten und der Mittlere Westen sind von dieser Welle an Selbsttötungen betroffen. Dort war die Wirtschaftskrise der letzten zehn Jahre besonders zu spüren. Mit dem Verlust von Häusern, Jobs und Familientragödien aufgrund von wirtschaftlichen Problemen, wurde der Ausweg Selbstmord mehr und mehr gewählt. Und in vielen dieser zumeist ländlichen Gegenden gibt es keine Hilfseinrichtungen, Ansprechpartner, Unterstützung für Menschen in einer Krise. Interessanterweise waren die Betroffenen in weniger als der Hälfte der Fälle auffällig, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzten.

Die bevorzugte Methode sind Schusswaffen, mittlerweile greifen auch immer mehr Frauen zu einer Knarre, um sich – fast sicher – ins Jenseits zu befördern. Bislang brachten sich mehr Männer um, doch der Bericht des CDC zeigt, dass die Zahlen nun fast ausgelichen sind. Das liegt nicht daran, dass Männer weniger Selbstmorde begehen, sondern daran, dass die Rate der Frauen steigt.

Die Suizide von Kate Spade und Anthony Bourdain haben Amerika in dieser Woche erschüttert. Dazu der Bericht des „Centers for Disease Control“, der zeigt, dass die USA in einer tiefen Gesundheitskrise stecken, ein Ende scheint nicht in Sicht zu sein. In allen Medien wird darüber berichtet und immer wieder betont, dass Betroffene nicht allein sind. Die nationale Nummer der Suizidprävention wurde allernorts veröffentlicht: 1-800-273-TALK.In Deutschland ist die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 zu erreichen.

Die Gläubigen mischen sich ein

      Franklin Graham in Berkeley

Vor ein paar Monaten berichtete ich über eine neue Bewegung in den religiösen Gemeinschaften. Christen, Muslime und Juden fanden hier in der Bay Area zusammen, um sich gemeinsam in die Politik einzumischen. 50 Jahre nach dem Attentat auf Martin Luther King und mit einem Präsidenten Donald Trump im Weißen Haus, der vor allem für ein weißes Amerika spricht, sahen sich viele zum Handeln gezwungen. Vor allem in den schwarzen Communities und Kirchen beginnt der Aufstand, wie man das gut im Wahlkampf um den Senatsposten in Alabama sehen konnte.

Doch auch die andere Seite des Glaubensspektrums macht mobil. Vor ein paar Tagen beendete der Prediger Franklin Graham, Sohn des verstorbenen Billy Graham, seine Kalifornientour, die ihn durch zehn Kleinstädte im Sonnenstaat führte. Viele davon in republikanischen Gegenden, doch Graham kam auch nach Berkeley, der wohl liberalsten Stadt in den USA (Audiobeitrag oben). Hier lag 2016 Donald Trump mit gerade mal drei Prozentpunkten weit abgeschlagen hinter der Grünen Kandidatin Jill Stein.

Franklin Graham kam mit seiner Bustour in einen Park an der Bay und etwa 1500 Gläubige wollten ihn sehen. Ganz offen sagte er, dass ihm viele davon abgeraten hätten in Berkeley einen Stop seiner „Decision America“ Tour einzulegen, doch er wollte hier sein. Zahlreiche seiner Anhänger, mit denen ich an dem Abend sprach, meinten, in Berkeley regiere der Teufel, gerade hier sei das Wort von Franklin Graham wichtiger denn je.

Es war eine friedliche Veranstaltung mit Blick auf den Sonnenuntergang hinter dem Golden Gate. Ständig wurde mir gedankt, dass ich gekommen bin, hier ein Lächeln, da freundliche Worte. So etwas erlebt man selten als Journalist in den USA. Zwei Bands spielten auf, es wurde gemeinsam gesungen und gebetet für das Land und seine politischen Führungspersonen, die amerikanische Flagge wehte: God bless America. Nein, es sei keine politische Veranstaltung wurde mir immer wieder vergewissert. Klar, Graham möchte, dass man für christliche Politiker stimme, aber das sei ja ganz normal, hieß es. Gefeiert wurde die Gemeinschaft, die hier in der San Francisco Bay Area nicht oft die Gelegenheit hat so offen und so vereint zusammen zu kommen. Franklin Graham selbst hielt sich mit politischen Aussagen zurück, lediglich meinte er, die Abtreibung sei ein wichtiges Thema bei diesen anstehenden Wahlen. Der Schutz des Lebens sollte verteidigt werden. Ungewohnte Worte in Berkeley, doch damit war dieser Besuch eines erzkonservativen Predigers und der Vertreters der „Christian Right“ in den USA auch schon wieder vorbei. Noch ein paar Lieder der Band und dann zog die Karawane weiter. Die religiösen Gemeinschaften in den USA mischen sich wieder mehr ein, das tief gespaltene Land erlebt einen Glaubenskrieg um die Auslegung der heiligen Schrift.

Wer wählt da eigentlich?

Ich weiß, eigentlich sollte ich froh, glücklich und dankbar darüber sein, in den Vereinigten Staaten von Amerika leben zu dürfen, in „God’s Country“, dem auserwählten Land, dem Garten Eden auf Erden. Immer wieder schallt mir das von FOXNews entgegen, dass das hier „the best place on earth“, „the best country in the world“ sei. Allen voran hämmert es mir Präsident Trump in Tweets und Reden ein, dass kein Land, aber auch wirklich überhaupt kein anderes Land mit den USA mithalten kann…god bless America.

Und doch, in Sachen Demokratie könnten die USA etwas von anderen Ländern lernen. Am Dienstag waren in einigen Bundessstaaten Vorwahlen, darunter auch Kalifornien. Zum ersten Mal ging ich in ein Wahllokal, bislang hatte ich per Briefwahl abgestimmt. Im Wahllokal holte ich meinen Ausweis raus und wollte ihn vorlegen, doch mir wurde gesagt, den brauche man nicht. Auf der Liste wurde mein Name gefunden („Is that German?“), mir wurden die Wahlunterlagen ausgehändigt und dann durfte ich ins nächste Zimmer zur Linienziehung zwischen zwei Punkten.

Aber ich dachte mir gleich, irgendwas ist hier falsch, wenn ich mich als Wähler noch nicht mal ausweisen muss. Ich weiss, in diesem Land gibt es eine heftige Debatte darum, ob das Wahlgesetz dahingehend verändert werden soll. Demokraten sagen nein, Republikaner wollen es. Wählen darf sowieso nur der- oder diejenige, die sich zuvor in Wählerlisten eingetragen hat. Ein automatisches Wahlrecht gibt es nicht. Demokraten und Republikaner haben nicht die Wahl als solche vor Augen, vielmehr wollen die Demokraten niemanden ausgrenzen, die Republikaner hingegen wollen mit ihrer Forderung Wähler ausgrenzen. Eine „ID“, einen Ausweis, hätten, so die Demokraten, gerade viele Menschen aus ärmeren Schichten nicht, sie sollten dennoch an der Wahl teilnehmen können. Die Republikaner, die immer wieder von Wahlbetrug sprechen, der nicht belegt werden kann, fordern das Ausweisen im Wahllokal, gerade um traditionelle demokratische Wählerschichten außen vor zu lassen. Und ich frage mich, warum ich beim Besuch einer Bar einen Ausweis vorlegen muss, damit mir jemand glaubt, dass ich 21 Jahre alt bin, aber bei einer Grundfeste der Demokratie wird einfach darauf vertraut, dass ich der bin, der ich angebe zu sein. Irrsinn!

Und dann die Wahl selbst. Hier in Kalifornien laufen die Vorwahlen so ab, dass die zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen bei der Wahl im November gegeneinander antreten. Was gut gemeint ist, ist leider schlecht durchdacht. Denn was dabei passieren kann ist, dass in einem demokratischen Wahlkreis, am Ende zwei Republikaner gegeneinander antreten. Und das geht so: Republikaner 1 erhält 20 Prozent der Stimmen, Republikaner 2 18 Prozent der Stimmen. Dazu kommen noch acht Demokraten auf dem Wahlzettel, die beim Votum alle weniger als 18 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können. Das würde dazu führen, dass sich am Ende in einem traditionell demokratischen Wahlkreis die Mehrheit der Wähler zwischen zwei Republikanern entscheiden muss, denn kein Demokrat hätte es auf den Stimmzettel im November geschafft. Das ist zum Glück am Dienstag nicht passiert, doch die Gefahr bestand und besteht bei jeder weiteren Wahl.

Auch das in vielen Kommunen durchgeführte „Rank Choice Voting“ ist ein gespielter Witz. Denn dort gewinnt nun oftmals der Kandidat mit weniger Erststimmen als ein anderer. Die Wähler sind nämlich dazu aufgefordert auch noch darüber abzustimmen, wen sie als zweiten oder dritten möglichen Kandidaten möchten. So geschehen in San Francisco am Dienstagabend im Bürgermeisterrennen. Am Wahlabend strahlte London Breed, die nahezu zehn Prozentpunkte vor dem zweiten im Rennen, Mark Leno, lag. Am Mittwochmorgen dann ein ganz anderes Bild. Leno hatte über die Zweit- und Drittwahl der Wähler die Führung übernommen und lag mit 255 Stimmen vor Breed. Eingeführt wurde das „Rank Choice Voting“, um eine Stichwahl zu verhindern, die allerdings macht mehr Sinn, als so ein undurchsichtiges Stimmengeschiebe.

Und zuallerletzt kritisiere ich hier das, für was man alles abstimmen muss. Nachrichten sind mein Geschäft, ich lese tagtäglich etliche Zeitungen, versuche informiert zu sein, über das was hier in meinem direkten Umfeld, national und international passiert. Doch dann kommt das Heft vor dem Wahltag in meinen Briefkasten geflattert und ich frage mich, was das soll. Da soll ich über bürokratische Positionen in der Stadt- und Bezirksverwaltung und der Regierung in Sacramento abstimmen, von denen ich überhaupt nicht gewußt habe, dass es sie gibt. Dann soll ich noch über Staatsanwälte, Richter, Sheriffs bestimmen, so, als ob ich im Wilden Westen lebe. Dazu kommen „Ballots“, Abstimmungen, über komplizierte politische Sachfragen, die keiner beantworten kann, der sich nicht mit viel Zeit damit auseinandersetzt. Es wird damit eine direkte Demokratie vorgetäuscht, die Wählerzahlen belegen jedoch, dass der Großteil der Amerikaner, nein, der in die Wahllisten eingetragenen Wählerinnen und Wähler, kein Interesse an dieser Form der Demokratie hat. Vielleicht ist da sogar die Überforderung des mündigen Bürgers zu sehen.

Nun geht es also auf November zu, auf den Wahltag für die wichtigen „Midterm Elections“. Und die Wahlen zum Abgeordnetenhaus sind sowas von undemokratisch. Alle zwei Jahre wird das amerikanische Parlament gewählt, die Abgeordneten sind im Dauerwahlkampf, die Minderheiten in einem Distrikt, und das können 49,9 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sein, werden nicht repräsentiert, denn „the winner takes all“. Was in Deutschland über die Listen ausgeglichen wird, passiert hier nicht. Kalifornien wird im November auch ins nationale Blickfeld rücken, denn hier hat es ein von Donald Trump unterstützter Republikaner in die Endausscheidung um den Gouverneursposten geschafft. Viel Geld und viel böses Blut wird fließen. Doch danach bekomme ich wieder meinen kleinen Aufkleber „I voted“ und darf stolz sein, an dieser Wahlshow teilgenommen zu haben.

Immer wieder Bumm-Bumm

Nun also Texas. Mal wieder griff ein Jugendlicher zur Knarre und ballerte in einer High School um sich. Zehn Tote sind die Folge, zahlreiche Verletzte, Hunderte von geschockten Schülerinnen und Schülern. Der Präsident, der Gouverneur und ziemlich viele Politiker drücken ihr Bedauern aus, so, als ob es eine Einzeltat gewesen sei. Amerika wird mal wieder aufgefordert für die Opfer zu beten.

Foto: Reuters.

Doch ändern wird sich nichts. Präsident Donald Trump, der nach dem Schulmassaker von Parkland, Florida, noch erklärte, man müsse etwas tun, war vor zwei Wochen erst auf der Jahrestagung der NRA und meinte dort, so lange er im Amt sei, werde nicht am Grundrecht auf Waffenbesitz gerüttelt. Und der Vize-Gouverneur von Texas betonte nach den tödlichen Schüssen von Santa Fe, er selbst sei „stolzer Waffenbesitzer“, man müsse nun endlich die Lehrer bewaffnen, um auf solche Ereignisse vorbereitet zu sein. Was die Waffenlobby NRA von sich gab, brauche ich gar nicht zu erwähnen, es war der gleiche zynische, gallige Brei, wie er jedesmal nach Massenschiessereien und Amokläufen verbreitet wird.

Die Vorschläge, die von den Waffenfetischisten im Land kamen, zeigen das ganze Ausmaß dieser Debatte. Lehrer müssen bewaffnet werden, die Schulen mehr Sicherheitspersonal bekommen, die Ein- und Ausgänge müssen geändert, Schüler besser kontrolliert werden. Bildungseinrichtungen sollten abgesperrte Hochsicherheitstrakte sein. Von den stolzen Waffenbesitzern im Politzirkus zitiert keiner jene Statistiken, die zumindest ein paar Fragen aufwerfen könnten. Seit 2009 gab es in den USA 288 (!) Schiessereien an Schulen. Im Land der Vergewaltiger, Mörder, Drogenhändler und Kriminellen – Mexiko – gab es im gleichen Zeitraum 8. Im Land des nördlichen Nachbarn Kanada zwei. In Deutschland eine und in Australien und Großbritannien überhaupt keine. Aber Zahlen scheinen in einer wissenschaftsfeindlichen Administration nicht zu gelten.

Der Blick über den Tellerrand fehlt bei dieser Diskussion ganz. Weder die NRA noch ihre republikanischen Marionetten sehen den Zusammenhang zwischen einem leichten Zugang zu Waffen in den USA und den fast alltäglichen amerikanischen Blutbädern. Zu viel Geld ist im Spiel, hier die Gewinne der Industrie, dort die Wahlkampfunterstützungsschecks. Diese Logik kann und werde ich wohl nie verstehen. Es scheint, die Amerikaner haben sich damit abgefunden mit dem Terror im eigenen Land zu leben. Anders lässt es sich nicht mehr umschreiben. Jede Schule und Bildungseinrichtung könnte die nächste sein. Man kann nur hoffen, dass man niemanden von den Opfern kennt. Das ist zynisch, aber das ist die amerikanische Realität.

Die schöne Seite Amerikas

Am Freitag war ich zu einer Podiumsdiskussion über die Situation von Korrespondenten im Trump-Zeitalter eingeladen. Es war eine interessante Debatte, in der wir über das veränderte Klima in Washington und in den USA sprachen. Für mich hat sich da eigentlich nicht so viel geändert, denn seit meinen Anfängen als USA Korrespondent habe ich versucht, meine eigene kleine Nische zu finden. Ich habe weder Kontakte in Washington DC noch einen Zugang zum Silicon Valley gleich hier vor meiner Haustür. Von daher hatte ich unter George W. Bush keine Krise, unter Barack Obama keine Hoffnung und nun unter Donald Trump keine Kopfschmerzen. Alles bleibt beim Alten.

Was ich am Freitag allerdings betonte war, dass sich die Einstellung bei vielen Redaktionen in Deutschland geändert hat. Es geht meist nur noch um Trump, Sende- und Artikelplätze werden fast ausschließlich nur noch mit Nachrichten von und über den 45. Präsidenten gefüllt. Positive USA Berichterstattung, Beiträge über Kultur, Entwicklungen, Szenen, das Leben in den USA kommt kaum noch vor. Und ja, ich ertappe mich auch selbst dabei, wie ich nach jedem allmorgendlichen Twitter-Gewitter von „DT“ Themen anbiete oder einen Blogbeitrag schreibe.

Ein Ort zum Verweilen in Mendocino County.

Auf dem Rückflug von München nach San Franciso sass ich neben einem jungen Paar, die mich siezten und meinten, sie werden nun in zehn Tagen Kalifornien abfahren. Alles im Schnelldurchlauf: San Francisco, Highway 1, Santa Barbara, Los Angeles, dann rüber nach Las Vegas, von dort noch einen Abstecher zum Yosemite Nationalpark, bevor es von San Francisco wieder losgeht. Ich meinte nur, das wird stressig, man sollte sich aber auch mal Zeit für den Norden Kaliforniens nehmen. Allein das „Wine Country“ von Sonoma- und Napa Valley und die Küstenregion sind wunderschön, entspannend und sehr empfehlenswert.

Erst gestern war ich auf einer kleinen alljährlichen Feier auf einem Weingut in der Nähe von Hopland, Mendocino County. Ein traumhafter Ort, ein wunderbares Event und dazu die sehr bekömmlichen Tropfen von Topel, einem meiner Lieblingswinzer der Region. Es war leider eine Art „Goodbye Party“, ein Kapitel geht zu Ende, gefeiert wurde dennoch. Und zum Schluss nach einigen Danksagungen, Tränen und viel Beifall die Worte von Donnis Topel: „Let’s celebrate. Go Warriors. And Fuck Trump“. Auch das ist (mein) Kalifornien.