Auf der Suche nach der kalifornischen Liebe

Derzeit wird in den USA viel zurück geblickt. Hier jene, die 50 Jahre nach dem “Summer of Love” darüber reden, was aus all dem geworden ist. Und dort die, die das weiße Amerika längst vergangener Tage als Idealbild betrachten. Doch es geht auch anders, wie eine Retro-Welle in Los Angeles zeigt. Musik, Tanz und Mode aus einer anderen Zeit feiert in der kalifornischen Megametropole, der Glanz- und Glitterstadt, der Traumfabrik ein Comeback.

Menschen aus aller Welt zieht es nach Los Angeles. Hier trifft man auf Stars und Sternchen, hier fahren werdende Schauspieler und Filmschaffende Taxi und erzählen ihren Mitfahrern, dass sie bald ganz groß rauskommen. Los Angeles lädt zum Träumen ein. Der Blick ist nach vorne gerichtet, die Zukunft gehört denen, die an sich glauben.

Und doch, derzeit geht der Blick auch wieder zurück auf eine Zeit, in der die Welt noch heil und Amerika “great” war – zumindest in der Erinnerung. Die 1950er Jahre und mit ihr der Rockabilly erleben in LA eine Wiedergeburt, wie die Musikerin und Sängerin Maureen Davis erklärt. „Es bringt uns zusammen. Es ist ein Flashback auf die glücklicheren Zeiten unserer Großeltern. Die Mode ist klassisch, wir reden hier von den Chanel Modellen, diesen Pencil Skirts, Mode, die immer wieder aktuell wird.“

Die aus Ohio stammende Maureen Davis lebt seit vielen Jahren in Los Angeles. Sie legt nun mit ihrer Band Mercury Five passend zum Retro-Trend in LA ein neues Album vor. “Gimme Mo!” heißt es, was für Maureens Spitzname “Mo” und gleichzeitig für die Kurzfassung von “More” steht. Also, in etwa “gib mir mehr Maureen”. Auf dem Cover ist die attraktive Sängerin im Stil eines 50er Jahre Cartoons abgebildet. Es ist ein Album, auf dem Davis viele musikalische Brücken schlägt: „Ich bin eine Tänzerin, ich liebe das Tanzen, Swing und Jitterbug…. Rockabilly war für mich eine Möglichkeit meine Country und Rock’n Roll Wurzeln mit meinem Tanzen zu verbinden. Rockabilly ist nicht nur die Zusammenführung von Hillbilly und Rock’n Roll. Da ist auch Latin Rockabilly. Ich liebe meine Cha Chas und meine Mambos, also musste ich “Mambo Joe” und “Mr. Love Love” schreiben, einen Cha Cha. Und dann sind da meine Mistreiter Scotty Lund und Sylvain Carton. Wie sie es produziert haben hat das alles zusammen gebracht.“

“Gimme Mo” hat die Leichtigkeit und Entspanntheit eines südkalifornischen Strandnachmittags. Sonne, Meeresrauschen, Kofferradio und dazu ein Eis am Stiel. Auf diesem Album nimmt Maureen Davis einen mit auf eine klangvolle und “happy” Zeitreise. „LA ist wunderbarer Ort dafür. Die Mode, eine Frau mit einer Blume im Haar, Kerle mit den Tattoos. Wir sind hier sehr offen. Man muss nur nach Swing Dance in Los Angeles suchen, dann findet man das. Es gibt da einen ganzen Kalender voll, wo man was in Los Angeles finden kann.“

Maureen Davis ist auf einer Mission. Sie will ihre Mitmenschen für den Retro-Sound gewinnen. Derzeit tanzt sie sich wieder durch das Nachtleben der Megacity. In 101 aufeinander folgenden Tagen erlebt sie die Stadt und ihre Clubs, manchmal tanzt sie auch einfach draussen zum Sound eines Radios. Dazu spielt sie mit ihrer Band live, unterrichtet und schreibt an neuen Songs. Viele davon sind wie auf “Gimme Mo!” persönlich gehalten: „Wenn du dir die Lyrics anhörst, dann merkst du schnell, dass ich immer auf der Suche nach Liebe bin. Die EP “What’s it gonna take” war sogar ein Heiratsantrag an meinen damaligen Freund. Und er sagte nein….der Bastard. (lacht). Ich wollte den Leuten einen menschlichen Blick auf die Musik geben. Viele dieser Rockabilly und Swing Songs sind einfach nur happy, happy und ein bisschen trauriges Cliché. Ich wollte mich als ehrliche, erwachsene Frau durch die Musik ausdrücken, und ich hoffe, das ist mir gelungen.“

Maureen and the Mercury 5, Gimme Mo!, ist bei Rock Star Records erschienen.

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Das Hinsehen wird nie alt

„Politics of Seeing“ heißt die neue Ausstellung im Oakland Museum of California. Gezeigt wird eine Auswahl an Fotos von Dorothea Lange, eine Ausnahmefotografin des 20. Jahrhunderts. Ihre Bilder sind Dokumente und beschreiben eine Zeit, die eigentlich schon lange hinter uns liegen sollte. Doch das, was in diesen Fotos zu sehen ist, beschäftigt uns noch immer und ist aktueller denn je: Immigration, Internierung, Armut. Viele der Augenblicke, die Dorothea Lange mit ihrer Kamera festgehalten hat, erlebte sie in den 1930er und 1940er Jahren. Doch die Zeit scheint still zu stehen. Es ist nie der Blick von jetzt nach damals, den man als Besucher dieser Ausstellung erlebt. Es ist vielmehr ein mittendrin im Jetzt, „Politics of Seeing“ ist eine brandaktuelle Bilderschau im Jahr 1 der Trump-Ära.

Dorothea Lange hatte dieses Auge für den Moment. Ihre Bilder sind Kunstwerke, ohne die Menschen und die Situationen künstlich erscheinen zu lassen. Die Zeit steht still, ein Ausschnitt des Lebens. Einfach und doch so kraftvoll. Es braucht keine Worte, um das wiederzugeben, was sie festhalten wollte. Viele ihrer ikonischen Fotos wurden zu zeitlosen und wichtigen Dokumenten, wie das Bild einer Migrantin, einer Mutter. In der Ausstellung kann man die Bilderserie sehen, die zu diesem Foto führte. Ein paar Zeilen daneben erzählen die Geschichte dazu und beschreiben auch den professionellen Fehler, der der Fotografin Dorothea Lange hier unterlief. Normalerweise nahm sie sich Zeit für die Menschen, die sie ablichtete, sprach mit ihnen, öffnete sie. Hier bei dieser Frau war das anders, es ging schnell, Lange war müde von einem langen Tag und nahm die Informationen falsch auf. Die Mutter war keine arme, weiße Migrantin, vielmehr war sie „Native-American“. Das Bild verfolgte die Mutter und ihre Kinder ein Leben lang. Für sie wurde es zum Fluch.

Lange hat mit ihrer Arbeit viele Fotografen beeinflusst. Auch das wird in der Ausstellung des Oakland Museum of California betont. Drei Fotografen wurden eingeladen, ein paar ihrer Bilder zu präsentieren. Und man sieht auch hier den Bogen von damals bis heute. Das Museum konnte für diese Präsentation aus dem reichen Fundus des eigenen Hauses auswählen, denn seit 50 Jahren ist das persönliche Archiv von Dorothea Lange mit 6000 Drucken und 25.000 Negativen, dazu Schriften und persönliche Gegenstände hier untergebracht. Die Ausstellung „Politics of Seeing“ ist noch bis zum 13. August zu sehen.

Alle Fotos Oakland Museum of California.

 

Jeder Penny zählt, koste es was es wolle!

Ich war beim Arzt. Nichts Ungewöhnliches, ich werde auch nicht jünger. Ein Spezialist puhlte da mit einer Nadel in meinem rechten Ellbogen rum und kratzte abgelagertes Calcium raus. Seitdem bekomme ich Rechnungen vom Arzt, der Praxis, in der der Arzt mich behandelte, vom Labor, vom Latexhandschuhlieferanten, von der Reinigungsfachkraft, die anschließend den sterilen Raum wieder flott machte. So ungefähr kommt mir die Flut an Rechnungen vor, die hier im Briefkasten liegen. Nicht alles wird von meiner Versicherung übernommen, anderes, sagt mir meine Versicherung, brauche ich auch nicht zahlen.

Nun kam ein Brief der Versicherung bei mir an, in dem es heißt, „California Sports and Orthopedic Insitute“ habe eine Rechnung über $0.03 eingereicht, also genau drei Cent. Die Versicherung schreibt dazu, man habe eine finanzielle Forderung von der Praxis erhalten – drei Cent – und darauf geantwortet, dass man für eine Begleichung des Betrags noch weitere Informationen benötige, u.a. eine genaue Auflistung der Behandlung. Als jemand, der schon ein paarmal bei Ärzten war, frage ich mich nun, was mit drei Cent bei einem Arzt und Spezialisten in Rechnung gestellt werden kann? Und nicht nur das, allein der Brief der Versicherung an mich, in dem mir lediglich mitgeteilt wird, dass man die drei Cent nicht einfach begleichen will, sondern erst noch weitere Informationen einholen muss, wurde mit 40 Cent frankiert.

Nun bin ich gespannt, wie diese kalifornische Krankenkassen-Posse weitergehen wird. Ob die Arztpraxis nun eine zufriedenstellende Auflistung der Serviceleistungen für drei Cent an die Versicherung weiterreichen, was darin enthalten sein wird und wer dann am Ende diesen Betrag von drei Cent übernehmen wird: die Arztpraxis, die Versicherung oder ich.

Hab‘ ich was verpasst?

Von Somalia zurück an meinem Schreibtisch in Oakland. Auf der Reise ans Horn von Afrika habe ich immer wieder Fragen nach Donald Trump beantworten müssen. Das geplante Einreiseverbot in die USA für Menschen mit somalischen Pass war genauso Thema, wie die geplanten Budgetkürzungen für die amerikanischen Entwicklungshilfeprogramme USAID, gerade in einer Zeit mit etlichen Hungerkatastrophen. Amerika unter Donald Trump wirft weite Schatten voraus.

Nun wieder hier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und ich frage mich, was ich verpasst habe? Ein paar Bombenangriffe, einen Sprecher des Weißen Hauses, der Konzentrationslager als „Holocaust Centers“ umschreibt, Dutzende von selbstverliebten und realitätsfernen Tweets, ein paar Skandale und Skandälchen….also nichts neues in den USA!

Heute findet in Berkeley (!), der wohl liberalsten und politisch progressivsten Stadt in den USA, eine weitere Pro-Trump Demonstration statt. Die erste vor ein paar Wochen artete aus, es kam zu Schlägereien, Verhaftungen, zahlreichen Verwundeten. Damit das ganze nicht wieder in einer wilden Rauferei endet, hat die Polizei schon mal vorab bekannt gegeben, was man nicht mitbringen sollte: Metal pipes, Baseball or softball bats, Lengths of lumber or wood of any size, Wooden dowels, Poles, Bricks, Rocks, Glass bottles, Pepper spray (OC spray), Mace, Knives or daggers, Shields, Axes, axe handles, or hatchets, Ice picks, Razor blades, Tasers, Eggs, Any other item that can be used as a weapon. Na, das ist eine Liste. Gebracht hat sie allerdings nicht viel, denn zur Stunde kloppen sie sich im „Martin Luther King Jr. Civic Center Park“ in Berkeley.

An der Golden Gate Bridge wird nun nach etlichen Jahren Diskussion und Planung ein Stahlnetz unterhalb der Brücke angebracht. Das 211 Millionen Dollar teure Projekt soll in Zukunft Selbstmörder vom Sprung abhalten oder sie zumindest nach dem Fall retten. Das Netz sei so konzipiert, dass es sich um einen Springenden legt. Ohne Hilfe, so heißt es, kann sich der Selbstmörder nicht befreien. Über die Jahrzehnte sind nahezu 2000 Menschen von der Brücke in den fast sicheren Freitod gesprungen. Notfalltelefone, Seelsorger und Wachpersonal haben kaum zu einer Verringerung der Selbstmorde geführt. Auf Druck von Hinterbliebenen und der wenigen Überlebenden wird nun das Netz unterhalb der Fahrbahn angebracht und damit das Bild der Brücke dauerhaft verändert.

Nix mit „law and order“

Donald Trump hat im Wahlkampf viel versprochen, darunter den Mauerbau, mehr Jobs und die Streichung von „Obamacare“. Trump präsentierte sich auch als „Law and Order“ Kandidat, der hart gegen Kriminelle durchgreifen wolle und deshalb versprach, den „Sanctuary Cities“ den Geldhahn zuzudrehen. „Sanctuary Cities“ sind Gemeinden und Städte in den USA, die sich weigern mit der Immigrationspolizei ICE zusammen zu arbeiten. Ein illegaler Aufenthalt in den USA ist für sie kein Grund zur Ausweisung.

Justizminister Jeff Sessions droht Städten wie Los Angeles, San Francisco und Oakland. Foto: AFP.

Trump meinte, damit müsse Schluß sein, denn die „Illegals“ würden morden, vergewaltigen, brandschatzen, und das „biggly“. Zahlen und Statistiken belegen dies zwar nicht, aber vom Lügenbaron Trump ist man nichts anderes gewohnt. Nun ist Trump im Oval Office, am Montag nun erklärte sein Justizminister Jeff Sessions, Bundesmittel für jene Bundesstaaten und Städte zu streichen, die sich weigerten, nicht mit ICE zu kooperieren. Kalifornien erhält pro Jahr 392 Millionen Dollar aus dem Budget des Sessions-Ministeriums. Viel Geld, das für zahlreiche Programme im Bereich der öffentlichen Sicherheit fest eingeplant ist. Eine Streichung würde bedeuten, dass Polizisten entlassen werden müssten, DNA Tests nicht weiter durchgeführt werden könnten, Programme mit „Body Cameras“ gestrichen, präventive Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung ersatzlos entfallen würden.

Donald Trump und sein Justizminister, sonst so „tough on crime“, würden damit genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie versprochen haben, für was sie angetreten sind. Sie würden die öffentliche Sicherheit in vielen Städten gefährden. Städte wie Los Angeles, San Francisco und Oakland wären direkt von dem Streichkonzert betroffen. Oakland kämpft sich gerade mit Hilfe von Bundesmitteln aus einem tiefen Finanzloch heraus, ist auf die Unterstützung aus Washington angewiesen, denn die Polizeibehörde muss mit kommunalen Mitteln finanziert werden. Die Stadt in der East Bay hat seit vielen Jahren Probleme mit einer hohen Gewaltstatistik. Unter der jetzigen Bürgermeisterin Libby Schaaf wendet sich ganz langsam das Blatt, die Mordrate sinkt, die Gewaltkriminalität geht zurück. Und nun kommen Trump und Session mit ihren Drohungen und wollen die ersten erfolgreichen Schritte aus der Krise zunichte machen.

„Law and order“ auf dem Rücken des politischen Gegners, in Oakland stimmten nur ein paar Prozent der Wähler für den Kandidaten Trump. „Wir helfen ja, aber nur, wenn ihr das macht, was wir wollen“, so die Aussage aus dem Weißen Haus. Eine klare Ansage aus Washington, die als Kriegserklärung an die Werte und die Ideale in dieser Region Amerikas gesehen wird. So eint man kein Land.

Der Abgang der Raiders

Oakland ist Raiders Nation. Das American Football Team ist fest verankert in der Stadt, seiner Geschichte, seiner Bewohner. Und die Raiders haben Tradition und eine Fankultur, die vielleicht vergleichbar ist mit der so einiger Traditionsvereine in der Fussballbundesliga. Die Fans strömen bunt verkleidet, teils martialisch zu den Spielen der Raiders. Doch das wird schon bald der Vergangenheit angehören.

Die Fans der Raiders setzten sich vergeblich für ihr Team in Oakland ein. Foto: AFP.

Die „National Football League“, NFL, hat nun fast einstimmig entschieden, dass die Raiders in die Glanz- und Glitzer Wüstenstadt Las Vegas umziehen dürfen. Eine mehr als umstrittene Entscheidung, denn Las Vegas lockt mit Steuermitteln, Oakland weigerte sich, einen Stadionneubau aus öffentlichen Geldern zu finanzieren. Bürgermeisterin Libby Schaaf wollte die Raiders halten und dafür Privatgelder anzapfen. Lediglich benötigte Infrastrukturmaßnahmen im Umfeld des geplanten, neuen Stadions sollten von der Stadt übernommen werden. Schaaf führte an, dass Oakland noch immer Millionen Dollar Schulden von der letzten Stadionsanierung in den frühen 90er Jahren abbezahlt. Geld, das eigentlich dringend an anderer Stelle im Stadthaushalt gebraucht würde.

Die NFL setzte also lieber auf das große Geld im Spielerparadies Las Vegas, als auf Tradition in der East Bay. Jeder der Besitzer eines NFL Teams erhält für den Umzug etwa 25 Millionen Dollar ausgehändigt. Für die Superreichen Sportmannschaftsbesitzer gab es also eigentlich keinen Grund, die Raiders in Oakland zu belassen. Geld regiert die Welt und schon sehr lange im professionellen Sport.

Mit den Raiders wandert nun ein zweites Profi-Team aus Oakland ab. Die Golden State Warriors werden zukünftig in San Francisco auf Körbejagd gehen. Nur die Oakland A’s bleiben als traditionsreiches, aber nicht gerade erfolgreiches Underdog Team meiner neuen Heimatstadt erhalten. Und das ist dann schon fast wieder wie in Nünberg….back to the roots!

Radio mittendrin und zwischen den Welten

In diesen Tagen der kritischen Medienbeschauung tut es gut, wenn man mal in einem Sendestudio sitzt, das so ganz anders ist. KKUP 91.5 fm in Cupertino ist eine Community Station, die seit fast 45 Jahren ohne Werbung und ohne Sponsoren auskommt. Nur die Hörer unterstützen diesen einzigartigen Sender im Herzen des Silicon Valleys. Und das spricht für die Qualität und die vielen Sendungen auf dieser Station. Nicht umsonst nennt sich KKUP auch „People’s Radio“.

Don hatte mich in seine Sendung „No Pigeonholes“ eingeladen („The longest running program of home tapes and small studio productions in the world. Send us your home recordings for airplay!“). Don ist vor allem auf KOWS Radio in Sonoma County aktiv, doch noch immer sendet er auf seiner alten Station. Dafür fährt er alle zwei Wochen zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, quer durch den Alptraumverkehr der Bay Area. Auf KOWS wird auch allwöchentlich Radio Goethe ausgestrahlt.

Diese Art Community Radio ist eines der wichtigen Elemene der amerikanischen Medienlandschaft. Hier hört man Stimmen, Musik und Sichtweisen, die es sonst nirgends im streng formatierten Rundfunk (mehr) gibt. Es ist Handarbeit. Don kam mit einer Kiste CDs und Platten und Kassetten. Er spielt wahrlich Musik, die es sonst nirgends zu hören gibt. Musik aus Heimstudios, keine Coversachen, sondern eigene Songs. Und heute durfte ich das, mit einigen Sachen von mir anreichern, das reichte von Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten, über Faust und meine „Lieblinge“ Infamis bis hin zu Studio Shap Shap aus dem Niger. Wir ergänzten uns ganz gut und sowieso macht Live-Radio viel mehr Spaß, als eine vorproduzierte Sendung. Vor allem Live-Radio, bei dem man Zeit zum Atmen hat und die Musik selbst bestimmen kann, Geschichten dazu erzählt, Musik nicht nur als Gedudel im Hintergrund laufen läßt. Wetter, Verkehr und Pollenflug interessieren weder im Studio noch die Hörer vor dem Radio. KKUP hat eine starke Frenquenz in der South-Bay und kann auch übers Internet gehört. Einschalten lohnt sich garantiert!

Die Nürnberger San Quentin Connection

Die Welt ist kleiner geworden. Samstagmorgen kalifornischer Zeit und ich höre auf der Autofahrt nach San Quentin der Live–Übertragung der Fußballbundesliga auf B5 Aktuell zu. Vorbei an Downtown Oakland, Blick auf San Francisco und die Golden Gate Bridge, über die Richmond-San Rafael Bridge und schon bin ich auf dem Parkplatz des legendären und ältesten Gefängnisses von Kalifornien. Auf der anderen Seite der Bay liegen Tiburon und Belvedere, eine sündhaft teure Gegend in der Region. Hier lebten Steffi Graf und Andre Agassi, bis sie ihr Anwesen für etwas über 20 Millionen Dollar verkauften und nach Las Vegas zogen. Dort lebte auch Robin Williams bis zu seinem Freitod.

San Quentin hat eine Traumlage mit Blick auf die Bay, der Nebel, der durch das Golden Gate strömt, lässt das Staatsgefängnis oftmals links liegen. Das sehe ich auch wieder, als ich an diesem Morgen mit Reno in einem kleinen Stahlkäfig eingesperrt werde. Er ist braungebrannt vom vielen Scrabble Spiel auf dem Hof des „East-Blocks“, der Death Row in San Quentin. In aller Ruhe schmiert er sich Ketchup und Mayonnaise auf das Sandwich und den Burger aus den Automaten, die ich noch in der Mikrowelle aufgewärmt habe, dazu zwei Dosen Coca Cola, Popkorn und ein Milky Way, denn das gab es diesmal mit dunkler Schokolade.

Die Zellen im East-Block von San Quentin. Foto: Reuters.

Ein Besuch wie so viele zuvor. Im Käfig gegenüber ein Mitglied der Aryan Nation. Glatzkopf, langer weißer Bart, ein eindeutiges Tattoo am Hals. Der Mittfünfziger beobachtet uns mit ernstem Blick. Er wartet und wartet und wartet. Nach 50 Minuten wird er wieder mit Handschellen und Kette um den Bauch in seine Zelle zurück gebracht, sein angekündigter Besucher kam nicht. In den weiteren Käfigen Gefangene und Frauen, die sie besuchen. Sowieso fällt man hier als männlicher Besucher auf. Es gibt wohl eine Faszination von Frauen für Häftlinge mit einer aussichtslosen Haftstrafe. Und die hier ist noch härter als lebenslang, denn im normalen Strafvollzug kann man „private“ Besuche mit der Frau oder Freundin bekommen. Auf Death Row ist gerade mal ein Begrüßungs- und Abschiedskuss erlaubt. Während des Besuches müssen die Hände sichtbar, also auf der Tischplatte sein. Und doch all diese Einschränkungen und Aussichten schrecken Frauen nicht ab, ernsthafte Beziehungen mit Todeskandidaten einzugehen. Eine davon lebt sogar in Nürnberg. Sie hat einen „Death Row Inmate“ in San Quentin geheiratet. Nach einer Brieffreundschaft ging man den Bund der Ehe ein. Nun ist es eine Fernbeziehung zwischen Nürnberg und San Quentin. Ein paar Besuche im Jahr, Briefe und fast tägliche Telefonanrufe um die halbe Welt.

Ich sitze mit Reno fast zwei Stunden an diesem Tisch, draußen fliegen die Möwen vorbei, die Fenster sind mit einem Stahlgitter ausbruchssicher gemacht. Wir reden über alles mögliche, klar, auch der neue Präsident ist ein Gesprächsthema. „Ich schalte immer gleich weg, wenn er im Fernsehen kommt“, meint Reno. In seiner 1,20 x 2,60 Meter kleinen Zelle schaut er lieber Motorrennsport und träumt von alten Zeiten, als er in den 60er und frühen 70er Jahren auf seiner Harley durch die Gegend tuckerte. Lang ist es her. 1978 wurde er verhaftet, 1980 zum Tode verurteilt. Seitdem ist viel Wasser durchs Golden Gate rein und wieder raus geflossen. Ebbe und Flut kommen und gehen, in San Quentin ist ein Tag wie der andere. Der fast 72jährige ist schon über die Hälfte seines Lebens hinter Gittern. Im Hochsicherheitstrakt der „Death Row“ mit strengen Regeln und Abläufen sind Besuche mehr als willkommene Abwechslungen. Sie sind, trotz der offensichtlichen Umstände, ein stückweit normales Leben. Eine Umarmung, relativ schmackhaftes Essen von draußen, Lachen, Geschichten von der Außenwelt. Nicht viele der etwa 750 Todeskandidaten haben diese Möglichkeit. Die meisten von ihnen sind mit ihrer aussichtslosen Verurteilung und über die Jahre vergessen worden.

Auf dem Weg nach draußen und zurück zum Parkplatz treffe ich den Pressesprecher von San Quentin. Mit ihm war ich mehrere Male im Gefängnis unterwegs, verbrachte viele Stunden mit ihm. „Hey, how you’re doing? Good to see you.“ „Doing well, how yourself?“ Ein bißchen Smalltalk am Rande der Bay. Ein neues, größeres Thema schwirrt mir durch den Kopf, Arbeitstitel: 24 Stunden auf Death Row. Die Genehmigung könne er mir nicht erteilen. Das müsse ganz oben im kalifornischen Justizministerium entschieden werden und das würde dauern. Zeit, das habe ich über die Jahre gelernt, ist nicht das Problem, wenn man sich mit der Todesstrafe und der Death Row in San Quentin beschäftigt.

„I see dead people“

An der Ecke Franklin und Clay Street in San Francisco, unweit des Deutschen Generalkonsulats gelegen, steht ein Haus, das da so gar nicht mehr hinpasst. 1895 für Margaret Crocker erbaut, fällt dieses Herrenhaus umgeben von Wohnsilos selbst beim Vorbeifahren auf der vielbefahrenen Franklin Street auf.

Golden Gate Spiritualist Church.

In diesem für San Francisco alten Gebäude ist seit 1924 die “Golden Gate Spiritualist Church” untergebracht. Am vergangenen Mittwochabend besuchte ich erneut die Kirche. Beim Eintreten hat man gleich das Gefühl in eine andere Zeitepoche, wenn nicht sogar in eine andere Dimension zu schreiten. Die Welt da draußen ist weit weg, nur ganz entfernt kann man den Lärm des Alltags wahrnehmen. An den Wänden selbstgemalte Bilder, die ihre eigene Geschichte haben, wie mir später Reverend Delaney Lauderback und auch die Pianistin Carla Gee erklären. Die Gemälde wurden nämlich nicht in dieser Welt gemalt. Sie hängen an den Wänden, die noch zum Teil die Originaltapete aus den Gründungsjahren aufweist.

Im Erdgeschoss befindet sich der Versammlungsraum der Kirche, ein kleines Nebenzimmer dient als “Chapel”, als Kapelle. Das Licht gedämpft, alte Stühle an einer Wand, in mehreren Vitrinen sind etwa 800 Elefantenfiguren aufgereiht. Ein religiöses Symbol für die Spiritualisten. In dieser Kapelle finden die “Healing Sessions” vor dem eigentlichen “Church Service” statt, wie der Pastor der 95 Mitglieder starken Gemeinde, der 81jährige Reverend Delaney Lauderback, erklärt: „Wir praktizieren hier Heilung durch Handauflegen, nichts Spektakuläres. Einige von uns haben das Glück diese heilende Kraft zu kanalisieren. Wir lassen die Personen in der Geisterwelt, die diese Heilkraft haben, sie durch uns an Menschen weitergeben, die sie brauchen.“

Die Mitglieder der “Spiritualist Church” glauben an einen Austausch zwischen dieser und der Welt der Verstorbenen. Etwa 180.000 Mitglieder zählt diese Glaubensgemeinschaft in den USA. „Es ist anders und doch ist es eine Kirche, die auf Gott basiert“, so der Pastor. „Der erste Grundsatz des Spiritualismus lautet, dass wir an die endlose Intelligenz glauben, dass Gott keine Person irgendwo auf einem Thron ist. Er ist endlos gegenwärtig, endlos bewußt, endlos überall und wir alle sind ein Teil darin. Wir haben eine Seele, die ein Funken in dieser Gotteskraft ist.“

Nach dem Heilen, dem Handauflegen, für einige der Gekommenen findet im größeren Versammlungsraum der “Service”, die Messe, statt. Nach einigen Liedern und Gemeindehinweisen treten nacheinander zwei Männer an das Rednerpult, die beide Medium sind. Sie deuten scheinbar wahllos auf Männer und Frauen in den Sitzreihen und fragen, ob sie zu ihnen kommen dürfen. Dann berichten sie von “Spirits”, von Geistern, die sie neben den Personen sehen, beschreiben, was diese ihnen erzählen und versuchen das mit Fragen zu deuten. Aufzeichnen darf ich den Service mit einem Aufnahmegerät nicht. Nicht die Geister haben damit ein Problem, sondern es sind eher weltliche Gründe, wie Pastor Lauderback mit einem Lachen meint: „Das ist keine gute Idee. Ich glaube es gibt Gründe der Vertraulichkeit für die Leute, die hier sind. Ich meine ganz legale.“

Eine die regelmäßig hier ist, ist Marilyn Lander. Seit fast einem Jahr kommt sie Woche für Woche zur Kirche. Meist schon vor dem eigentlichen Beginn des Service, um noch etwas in den spirituellen Büchern in den Wandschränken zu schmökern. „Ich war schon immer vom Austausch mit Geistern fasziniert. Als beide meiner Eltern starben, entschied ich mich, ich schau mal, was es damit auf sich hat. Und seit dem ersten Mal, seitdem ich hierher kam, fühlte ich mich willkommen. Plus, ich bekam Beweise, die mir zeigten, dass meine Eltern und andere die verstarben in der Geisterwelt sind. Es ist unglaublich und die Gemeinschaft hier ist sehr nett.“

Carla Gee sitzt jeden Mittwoch und Sonntag am Flügel gleich neben der kleinen Bühne und begleitet die Lieder. „Ich glaube an die Philosophie der Kirche. Ich mag sie, sie ist wunderschön. Sie besagt, dass wir nicht sterben, wenn der physische Körper stirbt, die Seele besteht weiter. Das ist der Grund unserer Kirche, daran glauben wir und versuchen Leute das verständlich zu machen.“

Auf der anderen Seite der San Francisco Bay findet man das American Baptist Seminary of the West. LeAnn Flesher ist die Dekanin und Professorin für das Alte Testament. Sie sieht die “Spiritualist Church” kritisch, und dennoch weiß sie, dass dieser Glaube auch im Christentum zu finden ist. „Als erstes fällt mir etwas aus dem Alten Testament ein, als King Saul Samuel von den Toten beschwören will. Er geht zu einem Medium und fragt Samuel, ob er eine bestimmte Schlacht gewinnen wird. Und Samuel bestraft ihn hart dafür, dass er ihn von den Toten beschworen hat. In diesem bestimmten Text sieht man ein deutlich negatives Beispiel, das nicht gebilligt wird. Aber das es überhaupt da ist legt nahe, dass es praktiziert wurde.“

In der San Francisco Bay Area gibt es viele verschiedene Religionen, Glaubensgemeinschaften, die hier friedlich nebeneinader existieren können. LeAnn Flesher, Expertin des Alten Testaments, sieht deshalb auch die “Golden Gate Spiritual Church” gelassen. Sie versteht sogar, zumindest ein bisschen, woher die Faszination für diesen Glauben kommt. „Ich denke, dass Wissenschaft und Religion uns davon zurückhält, all das zu erfahren, was es zu erfahren gibt. Es gibt da Dinge im Universum, in unserer Welt, in bestimmten Bereichen, die wir nicht kennen oder nicht hunderprozentig erklären können. Und wir glauben, durch die Wissenschaft alles verstehen zu können. Und wenn es nicht konkret und nachweisbar ist, dann existiert es nicht. Das hält uns zurück. Und gleichzeitig sind da bestimmte Leute,  die den Glauben an einen bestimmten Punkt bringen wollen, an dem die Wissenschaft überflüssig ist. Und auch das hält uns zurück, denn sie gehen in eine ganz andere Richtung. Die Frage ist also, wenn da nun Leute zu mir kommen und mir sagen, sie sehen Geister um mich rum, die da einiges veranstalten, glaube ich daran, dass das so ist? Nein, ganz sicher nicht.“

Nach dem Service am Mittwochabend kommt einer der Männer von der Bühne auf mich zu. Ich hatte bemerkt, dass er mich, während der andere sprach, ständig anblickte. Er lächelt mich an, gibt mir die Hand und sagt: „Da war eine junge Frau neben Dir, die Dich die ganze Zeit umarmt hat. So wie eine Schwester.“ 

 

Passend. Zeitgemäß. Aktuell.

50 Jahre Black Panthers in Oakland.

Im „Oakland Museum of California“ läuft gerade eine sehr aktuelle Ausstellung: All Power to the People – Black Panthers at 50. Von damals den Blick nach vorne gerichtet. Was ist aus dieser Protestbewegung geworden, die weltweit beachtet wurde.

Hier in Oakland hat alles begonnen, als sich zur Hochzeit der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Huey P. Newton und Bobby Seale trafen, zwei Männer, die nach dem Attentat auf Malcom X eine „explizit linke Organisation der Afroamerikaner und eine Schutztruppe unserer Gemeinden gegen rassistische Übergriffe der Polizei“ aufbauen wollten.

Die San Francisco Bay Area war schon immer eine Region der Protestbewegung. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten sich hier viele Afro-Amerikaner, um sich gemeinsam gegen Diskrimierung und soziale Ungerechtigkeit zu wenden. Sie bekamen in der liberalen Bay Area Unterstützung von vielen. Als die „Civil Rights“ Bewegung in den Südstaaten immer mehr an Fahrt aufnahm, reisten viele von hier dorthin, um Wählerinnen und Wähler zu registrieren, um an Protestmärschen teilzunehmen.

Im Vietnamkrieg starben mehr Afro-Amerikaner als Weiße.

Mitte der 60er Jahre entstand dann in Oakland die „Black Panther Party“, die sich rasch im ganzen Land ausbreitete, Dutzende von lokalen Gruppen wurden gegründet. Die Black Panthers provozierten alleine schon durch ihr Auftreten. Militant, gut organisiert und bewaffnet. Das weiße Amerika und das FBI sahen einen Bürgerkrieg heraufziehen und wollten nicht wahrhaben, was die Panthers in den Kommunen und „Inner Cities“ auch taten. Sie schulten Kinder, halfen Alten, organisierten Essensausgaben, veröffentlichten eine Zeitung mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren. Und die politischen Forderungen waren nicht auf Hass gegen andere aufgebaut, Bobby Seale formulierte es vielmehr so: „We don’t hate nobody because of their color. We hate oppression“

Die San Francisco Bay Area war und ist ein Ort der Protestbewegung. Hier entstand die „Free Speech Movement“, hier wurde gegen den Vietnamkrieg, den Golfkrieg, für die Occupy Bewegung, Black Lives Matter und gegen Donald Trump protestiert. Die Ausstellung im „Oakland Museum of California“ war schon lange geplant, doch hat nun mit dem Wahlsieg Donald Trumps einen ganz aktuellen Bezug gefunden. Dazu auch der folgende Beitrag auf Deutschlandradio Kultur über die liberale Bay Area nach dem Wahlsieg Trumps:

      Das liberale Amerika