Einmal quer durchs Land und zurück

Vier Wochen in Michigan liegen hinter mir. Montagmorgen Ortszeit ging es los, nach 42 Stunden im Auto war ich wieder in Oakland. Am Rande der langen Highways konnte ich etwas schlafen, während Käthe beide Augen und Ohren offen hielt und aufpasste, dass niemand dem Wagen zu nah kam. Sie ist die perfekte Wegbegleiterin.

Endlos geradeaus.

In Minnesota lief ein Bär vor mir über den Highway und verschwand im dichten Unterholz des Waldes. Auch ein Wolf, Rehe, ein paar Koyoten kreuzten meinen Weg…it’s a zoo out there! 3500 Kilometer quer durchs Land, über Highways und Freeways, durch endlose Wälder und Felder, vorbei an verschlafenen Ansiedlungen, Dörfern, Kleinstädten. Die wenigen größeren Städte auf dem Weg wie Duluth, St. Paul, Fargo, Bismarck und Reno ließ ich links oder rechts liegen. Einfach weiter, immer weiter. Hin und wieder eine halbe oder eine Stunde Schlaf. Tank- und Pinkelpausen für den Hund, kurz die Beine vertreten und weiter ging es. Tagsüber kletterte das Thermometer über 30 Grad, was längere Pausen mit einer haarig-pelzigen Vierbeinerin schwierig machte.

„Are we there yet?“

Amerika ist ein schönes, ein beeindruckendes, ein vielgesichtiges und vielseitiges Land. Die Weite des Landes, der Endlosblick beeindrucken mich noch immer nach all den Jahren. Ich kann mich daran nicht satt sehen, während ich Meile um Meile abfahre. Irgendwann einmal will ich vom Westen in den Osten fahren, mit viel Zeit und nur Highways benutzen, Landstraßen, die Freeways meiden, der Weg als Ziel. Wer weiß, vielleicht wäre das auch einmal ein schöner, klangvoller und eindrucksreicher Roadtrip.

Letzte Nacht, gerade als ich an Sacramento vorbeifuhr rief ein Radiosender an und fragte, ob ich etwas zum Mißbrauchsskandal in Pennsylvania machen könnte. An dem Punkt war das Ziel so nah, ich freute mich nur noch auf mein Bett und verneinte, was nicht oft vorkommt. Eine kurze Nacht liegt nun hinter mir, Käthe war fit und rastlos, sie hatte ja auf der Fahrt viel geschlafen. Nun geht der Blick voraus auf die kommenden Wochen, viele interessante Themen warten auf mich und im September geht es wieder nach Somalia. Das Leben bleibt spannend und schön.

Die Knarre muss leider draußen bleiben

In der San Francisco Bay Area tut man sich schwer einen Laden zu finden, in dem man eine Knarre kaufen kann. Den einzigen, den ich kannte, „Bullseye“ in San Rafael, hat schon vor einiger Zeit dicht gemacht. Dort konnte man sich ausführlich beraten lassen und auch auf dem hauseigenen Schießstand auf Zielscheiben oder angedeutete Terroristenbilder ballern. Doch der Druck in der liberalen Gegend wurde zu groß, „Bullseye“ machte dicht und verlagerte alle Geschäfte in den benachbarten und waffenfreundlicheren Bundesstaat Nevada.

Bierausschank nur für knarrenlose Trinker.

Hier oben in Michigan sieht das ganz anders aus. Knarren gehören hier im Land der Bären, Wölfe und Hirsche dazu. Aufkleber mit einem Wolf Konterfei, darunter „Smoke a pack a day“ sind zu sehen, Schußwaffen können auch beim lokalen Walmart erworben werden, auf großflächigen Billboards werben lokale „Gun Stores“ für ihre Produkte. Und an Kneipen (!) wird darauf hingewiesen, dass man sein Schießeisen nicht mit hinein bringen darf. Alkohol und die Wumme im Holster passen dann wohl doch nicht so gut zusammen.

Auch das ist Amerika, leben mit Waffen. Es gehört in den USA einfach dazu, das wird einem an einem Ort wie der Upper Peninsula von Michigan ganz deutlich. Wer, wie ich, in Oakland und der San Francisco Bay Area lebt, lebt auf einer Insel, wo Waffenbesitz die Ausnahme oder zumindest nicht öffentlich ist. Doch auf diese Gegenden wie die UP mit ihren Menschen zielt Donald Trump mit seinen Tweets ab, wenn er sich derzeit in den Vorwahlkampf der Bundesstaaten einmischt und die verschiedensten republikanischen Kandidaten unterstützt. Immer wieder erklärt der Präsident die Demokraten wollten das „Second Amendment“, das vermeintliche Grundrecht eines jeden Amerikaners auf Waffenbesitz, abschaffen. Deshalb sollte man den Kandidaten oder die Kandidatin seines Vertrauens wählen, nur so werde auch weiterhin garantiert, dass Amerikaner bewaffnet sein dürfen.

Das ist natürlich totaler Humbug dieses Präsidenten, allerdings auch nicht neu von republikanischer Seite. So gut wie niemand bei den Demokraten fordert ein Totalverbot von Waffen in privater Hand. Es war, ist und wird politisch überhaupt nicht durchsetzbar sein. Das wissen die Demokraten, das wissen die Republikaner, das weiß auch Donald Trump. Aber er spielt mit der Angst davor, dass Polizisten in Nacht- und Nebelaktionen an den Häusern „ehrlicher Amerikaner“ klopfen, um ihre Schießeisen einzusammeln. Das wird in den USA nie passieren. Außerdem gibt es genügend Demokraten in Bundesstaaten wie Michigan, Wisconin, Minnesota, Oregon, Pennsylvania und anderen, die selbst Waffenbesitzer, Jäger, Hobbyschützen sind. Was manche auf der liberalen Insel SF Bay Area in Bezug auf Waffenbesitz denken und fordern, wird dahier nie „law of the land“ werden. Auch das ist eine Tatsache in Amerika.

Wieviel kostet das Klopapier?

1850 Dollar und 42 Cent sollte der Flug mit Swiss von Kalifornien über Zürich nach Nürnberg und zurück kosten. Wohlgemerkt Economy oder auch Holzklasse genannt. Dazu muss man natürlich noch einen Sitzplatz reservieren, sonst wird man auf einen Mittelplatz gesetzt, nicht ideal für jemanden der mehr als 120 Pfund wiegt und größer als 1,60 Meter ist. Kurz vor dem Buchen fiel mir dann noch auf, dass da „no baggage allowance“ stand, also kein Koffer erlaubt. Nun bin ich Vielflieger, was mich dann doch etwas wunderte. Also rief ich bei Swiss an.

Über den Wolken muss für die Freiheit bezahlt werden. Foto: Reuters.

Nach etwa 20 Minuten in der Warteschleife meldete sich eine nette Frau mit asiatischem Akzent. Ich schilderte ihr mein Anliegen und fragte, ob da was nicht stimme, denn bei dem Preis müsste doch ein Koffer aufzugeben sein. Nein, meinte die Dame, ich habe ja Klasse S, also den „Spartarif“ gewählt, von daher müsste ich für einen Koffer 60 Dollar extra zahlen. Pro Flug, also insgesamt 120 Dollar. Ich machte die Frau vom Swiss Kundentelefon darauf aufmerksam, dass ich ja seit rund 20 Jahren Kunde der Lufthansa Gruppe sei, dazu gehört auch Swiss, und seit vielen Jahren als „Frequent Flyer“ zwischen den Kontinenten hin und her jette. Eigentlich darf ich ja sogar zwei Koffer mitnehmen. Nein, meinte die Dame erneut, mit dieser Sparpreiskategorie ($1850,42) dürfe ich auch als „Frequent Flyer“ keinen Koffer mitnehmen und müsse für mein aufgegebenes Gepäck zahlen. Auf die Frage, was nun als nächstes kommt, ob ich dann demnächst auch fürs Klopapier zahlen müsse, falls ich über den Wolken mal ein menschliches Bedürfnis hätte, konnte oder wollte sie nichts sagen.

Ich blieb ruhig, sagte der Frau, ich wisse ja, sie könne nichts für die Preisgestaltung, aber es sei doch ein Unding, dass ein so teurer Flug als Spartarif ausgeschildert wird. Und das eben vor dem Hintergrund, dass die Lufthansa Gruppe im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren hat, 12 Prozent mehr als im vorausgegangenen Jahr. Ich verstehe auch durchaus die Preisstaffelung, für Geschäftsreisende auf nationalen Flügen oder auch internationalen macht es oftmals keinen Sinn ein Gepäckstück aufzugeben, von daher sollte diese Möglichkeit durchaus bestehen. Aber für jeden normalen Reisenden, der international unterwegs ist, gehört ein Koffer doch dazu. Früher durfte man zwei Koffer a 32 Kg mit sich führen, dann wurde das auf 2 Koffer a 23 Kg verringert. Heute ist es nur noch ein Koffer a 23 Kg und man muss für die Platzreservierung zahlen. Die Frage ist also, was kommt als nächstes? Öh Ha, die Antwort ist also, man muss für jedes Gepäckstück zahlen. Kundenservice sieht dennoch anders aus….schade, schade Ihr Lufthanseaten…

Nazis in San Francisco

An der Adresse 1960 Jackson Street in San Francisco, gleich gegenüber dem Haus der Schriftstellerin Danielle Steel, wehen heute friedlich die deutsche und die europäische Fahne. Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einem altehrwürdigen Gebäude, errichtet 1917 und erweitert 1924 von der Witwe des schwedischen Reeders William Matson.

Manfred Freiherr von Killinger 1934 im Staatstheater von Dresden gleich hinter Adolf Hitler.

Bis 1941 hatte das damalige Deutsche Reich sein Generalkonsulat im achten Stock 26 O’Farrell Street, direkt in Downtown San Francisco gelegen. Und hier hielt eine Zeitlang einer der verblendesten Nationalsozialisten die Fäden in der Hand. 1937 wurde Manfred Freiherr von Killinger als Generalkonsul an der amerikanischen Westküste eingesetzt. Der frühere NSDAP Reichstagspolitiker war kurzfristig sogar Ministerpräsident von Sachsen. Berüchtigt war er allerdings als  erklärter Anti-Semit und SA Mitglied, der 1921 direkt am Attentat auf den Zentrum-Politiker Matthias Erzberger beteiligt war. Nach dem Röhm-Putsch wechselte Killinger zunächst zum Volksgerichtshof, bevor er ins Auswärtige Amt berufen und am 14. Juni 1937 als neuer Generalkonsul nach San Francisco entsandt wurde.

Killinger sollte zwei Aufgaben erfüllen. Zum einen die Spionage Aktivitäten der Nazis an der Westküste ausweiten und koordinieren. Zum anderen den Versuch des Amerikadeutschen Volksbundes unterstützen, die deutschen Vereine in den USA auf einen einheitlichen Kurs Hitler-Deutschlands zu bringen. Die Aktivitäten des Generalkonsuls reichten von Seattle bis hinunter nach San Diego. Gewaltige Nazi-Aufmärsche im Cow Palace in South San Francisco waren das Ergebnis. Auch die Traumfabrik Hollywood in Los Angeles war ein Ziel der deutschen Diplomaten, wie ich schon vor ein paar Jahren in dem Audio-Beitrag über Ben Urwands Buch „The Collaboration – Hollywood’s Pact with Hitler“ darstellte.

Manfred Freiherr von Killinger erreichte sein Ziel nicht. In San Francisco organisierten sich, auch unter der Führung von deutschen Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitgliedern des einzigen Arbeiterbildungsvereins in den USA, die Mitglieder der Seeleute- und Hafenarbeitergewerkschaft, Maritime Union of the Pacific, gegen Killinger und erreichten schließlich die Abberufung des umstrittenen deutschen Generalkonsuls. Ende 1938 wurde der Diplomat nach Slowenien und Rumänien geschickt. In Bukarest machte er sich an der Verfolgung und Deportation von Juden mitschuldig. Als die Rote Armee in Bukarest einrückte, nahm sich der Freiherr am 2. September 1944 das Leben.

Auf diese Episode bin ich im Zuge meiner Recherchen zu einer Langen Nacht gestossen, die sich um die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und die Bay Area drehen wird. Die Sendung wird voraussichtlich Ende 2018 ausgestrahlt werden.

Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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Helmlos durch die Nacht

Aus Kalifornien kommen die Hells Angels. Und selbst die harten Jungs dieses umstrittenen Motorradclubs tragen im Pazifikstaat Motorradhelme, auch wenn viele Versionen eher an Stahlhelme aus dem Ersten Weltkrieg erinnern. Aber es ist Gesetz, von daher beugt man sich (zumindest hier) dem Gesetzgeber. Auf dem Weg von Kalifornien nach Michigan konnte ich auf den Highways und Freeways allerdings sehen, dass es in den USA keine allgemeine Helmpflicht gibt.

Eigentlich gab es die mal. 1967 wurde die allgemeine Helmpflicht für alle Bundesstaaten beschlossen. Wer die nicht durchsetzen wollte, dem wurden öffentliche Gelder im Bereich der Verkehrsprävention und des Straßenbaus entzogen. Anfang der 70er Jahre war deshalb die Helmpflicht „law of the land“. Doch das änderte sich nur wenige Jahre danach erneut. Etliche Bundesstaaten konnten sich im Kongress durch gezielte Lobbyarbeit mit ihrer Forderung durchsetzen, dass die Auszahlung von Geldern aus Washington nicht mit der Helmpflicht in den Bundesstaaten verknüpft werden sollte.

Seitdem gleicht die Landkarte der USA einem Schachbrett. 19 US Bundesstaaten haben allgemeine Helmpflichten für Motorradfahrer, 28 Bundesstaaten haben Teilgesetze, die besagen, dass junge Fahrer unter 17 bzw. unter 20 Jahren einen Helm tragen müssen. Über 20 scheint der Schädel so hart zu sein, dass nichts mehr passieren kann. Drei Bundesstaaten in den USA – Iowa, Illinois und New Hampshire – haben gar keine verpflichtende Helmpflicht. Da brettern im Mittleren Westen also die Bikers an einem mit Sonnenbrille und wehendem Haar vorbei, Easy Rider lässt auch nach 50 Jahren noch grüßen. America the land of the free!

America the beautiful

3500 Kilometer liegen hinter mir. Fast einmal quer durchs Land. Durch Nordkalifornien nach Nevada, den Bundesstaat von West nach Ost durchfahren, dann Richtung Norden durch Idaho, rüber nach Montana, entlang des Yellowstone National Parks. Montana durchkreuzt, den langen Freeway in North Dakota abgefahren, bei Fargo dann auf den Highway Richtung Minnesota eingeschwenkt. Bei Duluth nach Wisconsin rein, von dort noch weiter nördlich bis zur Upper Penninsula von Michigan. Das alles nur mit ein paar „Power Naps“ geschafft.

Eine Endlosfahrt durch Amerika.

Eine lange, endlos erscheinende Autofahrt durch ein Land, das mir auch noch nach 22 Jahren fremd und gleichzeitig neu ist und dennoch faszinierend bleibt. Amerika ist ein wunderschönes Land, in das es sich lohnt zu reisen. Nicht nur nach New York, Florida, Las Vegas und Kalifornien. Wer die USA verstehen lernen möchte, der muss ins Landesinnere fahren. Nach Elko, Bozeman, Bismarck, Duluth, Houghton und viele andere Kleinstädte auf dem Weg von West nach Ost.

Auf dieser Fahrt durch die unvereinigten Staaten von Amerika hörte ich B5 Aktuell, Deutschlandfunk, NPR, Al Jazeera, BBC, das Smartphone macht es möglich. Und alle berichteten von Donald Trump und seinem Treffen mit Vladimir Putin in Helsinki. Berichte, Analysen, Reaktionen. Donald Trump der seltsame, selbstverliebte, unkonventionelle, rüpelhafte Präsident der USA. Und dann diese Bilder von diesem weiten, offenen, wunderschönen Land. Menschen, an allen Tank- und „Dog Business“ Stopps, die freundlich, interessiert, humorvoll waren. Ich war überrascht, dass ich im Landesinneren nicht auf Unmegen an Trump Aufkleber und MAGA-Hüten stieß. Diese Fahrt durch Amerika führte mir auch wieder mal vor Augen, warum ich dieses Land auch nach 22 Jahren noch liebe.

Ein bißchen Aloha für die Seele

      Paul Page Pacific Paradise

Musik aus Hawaii und Polynesien erlebt derzeit in den USA ein (zumindest kleines) Revival. Auf Festivals und in Bars treten Bands auf, alte Songs werden wiederentdeckt und neu aufgenommen, man kann sagen, ein bißchen Aloha tut der amerikanischen Gesellschaft in diesen stürmischen Zeiten ganz gut. Und nun kommt auch ein Album heraus, das einen der ganz großen Musiker und Bandleader dieses Genres präsentiert. Einen Musiker, der kaum bekannt ist und ganz in Vergessenheit geraten ist, doch bei dem es sich lohnt genauer hinzuhören. Paul Page steht für jene Zeiten, in denen die Tiki Bars in Südkalifornien mehr als angesagt waren. „Pacific Paradise“ heißt die Platte, die nun bei Subliminal Sounds erscheint. Dazu der obige Audiobeitrag.

Die Gewalt nimmt zu

Hat Donald Trump Tür und Tor für Extremisten und Radikale geöffnet? Sind seine Beleidigungen, Verunglimpfungen, Herabsetzungen, Drohungen der Grund für eine neue Welle an Gewalt gegen Ausländer, Muslime, Juden, Homosexuelle? Die Fragen müssen erlaubt sein, wenn man sich die jüngsten Statistiken des kalifornischen Justizministeriums ansieht.

Die Gesamtzahl an sogenannten „Hate Crimes“, Verbrechen aus Hass, stieg von 2016 auf 2017 in Kalifornien um 17 Prozent. Insgesamt registrierten die kalifornischen Polizeieinheiten 1093 „Hate Crimes“. Den größten Anstieg hatten Straftaten gegen Muslime, Juden, islamlische und jüdische Einrichtungen. 21 Prozent mehr Delikte wurden registriert. Es gab im vergangenen Jahr 19 Prozent mehr Verbrechen gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Rassistische Übergriffe gegen Latinos und Afro-Amerikaner nahmen um 16 Prozent zu.

Der 91jährige Rodolfo Rodriguez musste mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Foto: Erik Mendoza.

Erst vor ein paar Tagen machte in Los Angeles der brutale Angriff auf einen 91jährigen mexikanischen Mann mit legalem Aufenthaltsstatus in den USA Schlagzeilen. Die 30jährige Laquisha Jones, schlug mit einem Stein auf Rodolfo Rodriguez ein, nachdem dieser auf einem Fußgängerweg in ihre Tochter gelaufen war. Während des Angriffs rief die Frau „go back to your country“.  Damit nicht genug, eine Gruppe junger Männer kam vorbei, dachte Rodriguez hätte die Tochter von Jones unsittlich angefasst und schlug und trat auf dem am Boden liegenden 91jährigen ein. Laquisha Jones wurde mittlerweile verhaftet, von den Männern fehlt noch jede Spur.

„Hate Crimes“ haben in den letzten Jahren im ganzen Land zugenommen. Es scheint, es wurden Hemmschwellen niedergerissen. Extremisten wie Skinhead Gruppen, Nazi-Organisationen und rechtsradikale Milizen sehen sich auf dem Vormarsch. Eine Bestätigung finden sie in Donald Trump, dessen Worte nach den Ausschreitungen von Charlottesville aufhorchen ließ. Trump meinte nach dem Aufmarsch von Neonazi Gruppen und den Straßenschlachten mit Gegendemonstranten, dass es auf beiden Seiten „fine people“ gegeben habe und verteidigte sogar die Aktion der „White Supremacists“, die nach Charlottesville gekommen waren, um gegen die Umbenennung eines Parks zu protestieren.

Der Funken zum großen Feuer

Vor mehr als 30 Jahren wurde Das Ich im oberfränkischen Bayreuth gegründet. Aus der Wagnerstadt zog das Duo hinaus in die Welt, um mit ihrem eigenwilligen Sound, ihrer schockierenden Bühnenpräsenz und ihren deutschen Texten zu ganz besonderen Kulturbotschaftern zu werden. „Das Ich besucht AmerikA“ heißt die aktuelle Tour, die Bruno Kramm und Stefan Ackermann durch 16 amerikanische Städte führt.

Man sei schon etwas geschockt gewesen, als man im Süden der USA die „Trump 2020“ Aufkleber auf den Pickups sah, meint Bruno Kramm im Gespräch. Viele seiner Musikerkollegen in Deutschland meiden mittlerweile die USA, sie wollen vielmehr abwarten, bis Donald Trump aus dem Amt ist. Doch davon hält Kramm gar nichts. Musik sei politisch, er finde es wichtig auch hier deutlich Stellung zu beziehen, an die Grundwerte Amerikas zu appelieren. Auf der Bühne findet der 51jährige durchaus deutliche Worte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ohne ihn beim Namen zu nennen: „Send him to space, he is a f…. illegal earthling“. Im Gespräch mit ihm und Stefan Ackermann klingt das ganz anders. Er sieht Das Ich als kleinen Funken, der vielleicht mithelfen könnte, den dringend notwendigen Flächenbrand in den USA zu entfachen.

Das Ich meldet sich mit dieser USA Tour brachial zurück. Neun Jahre lang herrschte nahezu Funkstille. Das lag an einer schweren Erkrankung von Sänger Stefan Ackermann und das lag auch an den politischen Ambitionen von Bruno Kramm, der von Bündnis90/Die Grünen zur Piratenpartei wechselte und sich in Berlin in die Landespolitik einmischte. Schließlich klagte er noch erfolgreich gegen die GEMA.

Doch nun steht wieder die Musik im Vordergrund. Erst die Tour, an einer neuen Platte wird gearbeitet, ganz im Sinne von „America First“ präsentierte Das Ich schon neue Songs in den Live-Konzerten. In der gutbesuchten DNA-Lounge auf der 11. Street in San Francisco kamen die alten und neuen Songs gut an. Auf der Bühne tobten die drei Gestalten (der Dritte im Live-Bund ist Damian Hrunka) wie Berserker. Bruno Kramm der Alptraum-Priester, Stefan Ackermann mit roter Haut wie ein Derwisch, Damian Hrunka als Schlächter im Vorhof zur Hölle. Es war ein schräg-schrill-schönes Konzert, mitreißend, lautstark, eine ganz besondere Dröhnung. Das Ich als Kultur- und Sprachbotschafter Deutschlands, nicht ganz offiziell, aber dafür umso einprägender. Wie sagte der eine am Ende dees Konzerts neben mir: „Those Germans, they’re crazy, but we need them“.