Aus 1 mach 3

Dreigeteilt soll Kalifornien in Zukunft sein.

Im November geht es am Wahltag um einiges. Die große Frage in den USA wird sein, ob die republikanische Mehrheit im Abgeordnetenhaus und im Senat gehalten werden und damit Donald Trump für die nächsten zwei Jahre beruhigt weiter regieren kann. Die Demokraten hoffen auf ihre Chance, auf genügend Wählerinnen und Wähler, die genug haben von Donald Trump und seiner Art, seinem Ton, seinem Getweete.

Doch da steht noch viel mehr an am Wahltag, u.a. Gouverneurswahlen in einigen Bundesstaaten und viele Abstimmungen. Nun hat es in Kalifornien auch eine Initiative auf den Wahlzettel geschafft, die sich „Cal 3 Initiative“ nennt. Nahezu 400.000 Unterschriften wurden gesammelt, damit die Kalifornier darüber abstimmen können, ob aus ihrem Bundesstaat drei Bundesstaaten werden sollen: Nordkalifornien, Kalifornien und Südkalifornien.

Hinter der Aufspaltung des Sonnenstaates steckt der Investor Tim Draper, der mehrere Millionen Dollar in dieses Projekt investiert, und das nicht zum ersten Mal. Schon vor ein paar Jahren trat er an, um Kalifornien zu zerschlagen, damals noch in sechs Teile. Nun also drei, die für sich besser existieren sollen, so Draper, und vor allem besser regiert und repräsentiert werden sollen. Die Opposition formiert sich bereits und wischt das Anliegen des Multimillionärs vom Tisch. Denn mit einer Spaltung Kaliforniens würde der Sonnenstaat auch seine Machtrolle in den Vereinigten Staaten von Amerika verlieren. Es wird also zu einem heißen Kampf um die Einheit Kaliforniens kommen.

Tim Draper erhofft sich mit seiner Kampagne Zeichen für die USA und weltweit zu setzen. Was da am Pazifik passiert könnte also auch interessant für die fränkische Abspaltungsbewegung von Bayern sein. Wobei es hier keinen so großen kulturellen Unterschied zwischen den Nord-, Central- und Südkaliforniern gibt, wie er zwischen den Franken und den Bayern existiert.

Die Gläubigen mischen sich ein

      Franklin Graham in Berkeley

Vor ein paar Monaten berichtete ich über eine neue Bewegung in den religiösen Gemeinschaften. Christen, Muslime und Juden fanden hier in der Bay Area zusammen, um sich gemeinsam in die Politik einzumischen. 50 Jahre nach dem Attentat auf Martin Luther King und mit einem Präsidenten Donald Trump im Weißen Haus, der vor allem für ein weißes Amerika spricht, sahen sich viele zum Handeln gezwungen. Vor allem in den schwarzen Communities und Kirchen beginnt der Aufstand, wie man das gut im Wahlkampf um den Senatsposten in Alabama sehen konnte.

Doch auch die andere Seite des Glaubensspektrums macht mobil. Vor ein paar Tagen beendete der Prediger Franklin Graham, Sohn des verstorbenen Billy Graham, seine Kalifornientour, die ihn durch zehn Kleinstädte im Sonnenstaat führte. Viele davon in republikanischen Gegenden, doch Graham kam auch nach Berkeley, der wohl liberalsten Stadt in den USA (Audiobeitrag oben). Hier lag 2016 Donald Trump mit gerade mal drei Prozentpunkten weit abgeschlagen hinter der Grünen Kandidatin Jill Stein.

Franklin Graham kam mit seiner Bustour in einen Park an der Bay und etwa 1500 Gläubige wollten ihn sehen. Ganz offen sagte er, dass ihm viele davon abgeraten hätten in Berkeley einen Stop seiner „Decision America“ Tour einzulegen, doch er wollte hier sein. Zahlreiche seiner Anhänger, mit denen ich an dem Abend sprach, meinten, in Berkeley regiere der Teufel, gerade hier sei das Wort von Franklin Graham wichtiger denn je.

Es war eine friedliche Veranstaltung mit Blick auf den Sonnenuntergang hinter dem Golden Gate. Ständig wurde mir gedankt, dass ich gekommen bin, hier ein Lächeln, da freundliche Worte. So etwas erlebt man selten als Journalist in den USA. Zwei Bands spielten auf, es wurde gemeinsam gesungen und gebetet für das Land und seine politischen Führungspersonen, die amerikanische Flagge wehte: God bless America. Nein, es sei keine politische Veranstaltung wurde mir immer wieder vergewissert. Klar, Graham möchte, dass man für christliche Politiker stimme, aber das sei ja ganz normal, hieß es. Gefeiert wurde die Gemeinschaft, die hier in der San Francisco Bay Area nicht oft die Gelegenheit hat so offen und so vereint zusammen zu kommen. Franklin Graham selbst hielt sich mit politischen Aussagen zurück, lediglich meinte er, die Abtreibung sei ein wichtiges Thema bei diesen anstehenden Wahlen. Der Schutz des Lebens sollte verteidigt werden. Ungewohnte Worte in Berkeley, doch damit war dieser Besuch eines erzkonservativen Predigers und der Vertreters der „Christian Right“ in den USA auch schon wieder vorbei. Noch ein paar Lieder der Band und dann zog die Karawane weiter. Die religiösen Gemeinschaften in den USA mischen sich wieder mehr ein, das tief gespaltene Land erlebt einen Glaubenskrieg um die Auslegung der heiligen Schrift.

Wer wählt da eigentlich?

Ich weiß, eigentlich sollte ich froh, glücklich und dankbar darüber sein, in den Vereinigten Staaten von Amerika leben zu dürfen, in „God’s Country“, dem auserwählten Land, dem Garten Eden auf Erden. Immer wieder schallt mir das von FOXNews entgegen, dass das hier „the best place on earth“, „the best country in the world“ sei. Allen voran hämmert es mir Präsident Trump in Tweets und Reden ein, dass kein Land, aber auch wirklich überhaupt kein anderes Land mit den USA mithalten kann…god bless America.

Und doch, in Sachen Demokratie könnten die USA etwas von anderen Ländern lernen. Am Dienstag waren in einigen Bundessstaaten Vorwahlen, darunter auch Kalifornien. Zum ersten Mal ging ich in ein Wahllokal, bislang hatte ich per Briefwahl abgestimmt. Im Wahllokal holte ich meinen Ausweis raus und wollte ihn vorlegen, doch mir wurde gesagt, den brauche man nicht. Auf der Liste wurde mein Name gefunden („Is that German?“), mir wurden die Wahlunterlagen ausgehändigt und dann durfte ich ins nächste Zimmer zur Linienziehung zwischen zwei Punkten.

Aber ich dachte mir gleich, irgendwas ist hier falsch, wenn ich mich als Wähler noch nicht mal ausweisen muss. Ich weiss, in diesem Land gibt es eine heftige Debatte darum, ob das Wahlgesetz dahingehend verändert werden soll. Demokraten sagen nein, Republikaner wollen es. Wählen darf sowieso nur der- oder diejenige, die sich zuvor in Wählerlisten eingetragen hat. Ein automatisches Wahlrecht gibt es nicht. Demokraten und Republikaner haben nicht die Wahl als solche vor Augen, vielmehr wollen die Demokraten niemanden ausgrenzen, die Republikaner hingegen wollen mit ihrer Forderung Wähler ausgrenzen. Eine „ID“, einen Ausweis, hätten, so die Demokraten, gerade viele Menschen aus ärmeren Schichten nicht, sie sollten dennoch an der Wahl teilnehmen können. Die Republikaner, die immer wieder von Wahlbetrug sprechen, der nicht belegt werden kann, fordern das Ausweisen im Wahllokal, gerade um traditionelle demokratische Wählerschichten außen vor zu lassen. Und ich frage mich, warum ich beim Besuch einer Bar einen Ausweis vorlegen muss, damit mir jemand glaubt, dass ich 21 Jahre alt bin, aber bei einer Grundfeste der Demokratie wird einfach darauf vertraut, dass ich der bin, der ich angebe zu sein. Irrsinn!

Und dann die Wahl selbst. Hier in Kalifornien laufen die Vorwahlen so ab, dass die zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen bei der Wahl im November gegeneinander antreten. Was gut gemeint ist, ist leider schlecht durchdacht. Denn was dabei passieren kann ist, dass in einem demokratischen Wahlkreis, am Ende zwei Republikaner gegeneinander antreten. Und das geht so: Republikaner 1 erhält 20 Prozent der Stimmen, Republikaner 2 18 Prozent der Stimmen. Dazu kommen noch acht Demokraten auf dem Wahlzettel, die beim Votum alle weniger als 18 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können. Das würde dazu führen, dass sich am Ende in einem traditionell demokratischen Wahlkreis die Mehrheit der Wähler zwischen zwei Republikanern entscheiden muss, denn kein Demokrat hätte es auf den Stimmzettel im November geschafft. Das ist zum Glück am Dienstag nicht passiert, doch die Gefahr bestand und besteht bei jeder weiteren Wahl.

Auch das in vielen Kommunen durchgeführte „Rank Choice Voting“ ist ein gespielter Witz. Denn dort gewinnt nun oftmals der Kandidat mit weniger Erststimmen als ein anderer. Die Wähler sind nämlich dazu aufgefordert auch noch darüber abzustimmen, wen sie als zweiten oder dritten möglichen Kandidaten möchten. So geschehen in San Francisco am Dienstagabend im Bürgermeisterrennen. Am Wahlabend strahlte London Breed, die nahezu zehn Prozentpunkte vor dem zweiten im Rennen, Mark Leno, lag. Am Mittwochmorgen dann ein ganz anderes Bild. Leno hatte über die Zweit- und Drittwahl der Wähler die Führung übernommen und lag mit 255 Stimmen vor Breed. Eingeführt wurde das „Rank Choice Voting“, um eine Stichwahl zu verhindern, die allerdings macht mehr Sinn, als so ein undurchsichtiges Stimmengeschiebe.

Und zuallerletzt kritisiere ich hier das, für was man alles abstimmen muss. Nachrichten sind mein Geschäft, ich lese tagtäglich etliche Zeitungen, versuche informiert zu sein, über das was hier in meinem direkten Umfeld, national und international passiert. Doch dann kommt das Heft vor dem Wahltag in meinen Briefkasten geflattert und ich frage mich, was das soll. Da soll ich über bürokratische Positionen in der Stadt- und Bezirksverwaltung und der Regierung in Sacramento abstimmen, von denen ich überhaupt nicht gewußt habe, dass es sie gibt. Dann soll ich noch über Staatsanwälte, Richter, Sheriffs bestimmen, so, als ob ich im Wilden Westen lebe. Dazu kommen „Ballots“, Abstimmungen, über komplizierte politische Sachfragen, die keiner beantworten kann, der sich nicht mit viel Zeit damit auseinandersetzt. Es wird damit eine direkte Demokratie vorgetäuscht, die Wählerzahlen belegen jedoch, dass der Großteil der Amerikaner, nein, der in die Wahllisten eingetragenen Wählerinnen und Wähler, kein Interesse an dieser Form der Demokratie hat. Vielleicht ist da sogar die Überforderung des mündigen Bürgers zu sehen.

Nun geht es also auf November zu, auf den Wahltag für die wichtigen „Midterm Elections“. Und die Wahlen zum Abgeordnetenhaus sind sowas von undemokratisch. Alle zwei Jahre wird das amerikanische Parlament gewählt, die Abgeordneten sind im Dauerwahlkampf, die Minderheiten in einem Distrikt, und das können 49,9 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sein, werden nicht repräsentiert, denn „the winner takes all“. Was in Deutschland über die Listen ausgeglichen wird, passiert hier nicht. Kalifornien wird im November auch ins nationale Blickfeld rücken, denn hier hat es ein von Donald Trump unterstützter Republikaner in die Endausscheidung um den Gouverneursposten geschafft. Viel Geld und viel böses Blut wird fließen. Doch danach bekomme ich wieder meinen kleinen Aufkleber „I voted“ und darf stolz sein, an dieser Wahlshow teilgenommen zu haben.

Die wundersame Welt der Mona Caron

      Mona Caron

Die Schweizer Künstlerin Mona Caron coloriert die Städte.

San Francisco ist eine bunte Stadt, und das liegt nicht nur an dem erdigen Orangeton der Golden Gate Bridge oder der allseits präsenten Regenbogenfahne. Künstler, viele davon aus dem deutschsprachigen Raum, hat es seit jeher in die nordkalifornische Metropole gezogen. Das milde Klima, die kreative Atmosphäre, das gewachsene Mäzenatentum sind einzigartig. Unter den vielen die kamen und blieben ist auch eine Schweizer Künstlerin, die den öffentlichen Raum für ihre Kunstwerke nutzt. Und von San Francisco aus eine Weltkarriere gestartet hat.

An der Ecke Church und 14th Street in San Francisco, an der Außenmauer eines Corner Stores, findet man ein etwa zehn Meter mal drei Meter großes Mural, ein Wandbild. Gemalt von der Schweizer Künstlerin Mona Caron, die seit 1996 in San Francisco lebt und arbeitet. Dieses Mural ist eines von 12 in der nordkalifornischen Metropole, das die aus Lugano stammende Malerin fertiggestellt hat. Passanten laufen an dem Bild vorbei, ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm schaut genauer hin, deutet auf Personen und Einzelheiten im Bild. Hier treffe ich Mona Caron. Wir schlendern in eine Seitenstraße und setzen uns an diesem sonnigen Tag in San Francisco auf die Stufen eines viktorianischen Gebäudes. „Das Wandbild ist eine einzige Vogelperspektive von der Market Street in San Francisco. Es ist eine Art verschiedene Momente der Geschichte zu vergleichen, wie die Leute so den öffentlichen Raum gebraucht haben und wie sich das wahnsinnig geändert hat.“

Dieses Wandbild ist eines der frühen von Mona Caron. Damals als sie nach einem Studium an der Academy of Art in San Francisco hängenblieb, hier ein relativ günstiges Zimmer fand und einfach eintauchte in die kreative Schaffenswelt der “City by the Bay”. Sie nahm sich die Zeit, manchmal mehrere Monate, sprach mit Anwohnern über das, was in dem Quartier wichtig ist und verarbeitete all das in den riesigen Murals. Doch das ist lange her. Bekannt ist sie nun geworden – und das weltweit – durch ihre riesigen Wandbilder, die Unkräuter darstellen, die in den kleinsten Betonritzen wachsen. Mona Caron spricht von einer Metapher. Unkraut vergeht nicht. Und so sei es auch in einer Stadt wie San Francisco, in der die Gentrifizierung unbarmherzig voranschreitet. „Ich fing an diese Pflanzen zu malen, Zentimeter um Zentimeter, und davon habe ich Trickfilme, also Stop-Motion-Animation gemacht, wie sie da wachsen. Und das in einem visuellen Kontext, wo die plötzlich größer sind als die Stadt selbst, darum waren die Dächer perfekt, weil ich diese Pflanzen zeigen wollte, die Rückeroberung…das wollte ich illustrieren. Dann habe ich so einen kleinen Trickfilm auf youtube gestellt und ich hatte genau 17 followers, aber irgendwie ist das raus und ich weiss nicht, wer das gesehen hat, aber es ging durchs Internet und plötzlich habe ich aus der ganzen Welt Nachrichten von Leuten bekommen, die sagen, ich weiss genau wovon du sprichst.“

Sogar aus dem Kriegsgebiet im Irak erhielt sie Post. Auf ihrer Instagram Seite und auf youtube hat Mona Caron viele Bilder und Videos veröffentlicht, die ihre Kunstwerke und sie bei der Arbeit zeigen. Mittlerweile ist sie international gefragt, war u.a. in Mexiko, Brasilien, Taiwan, um grauen Beton in den Innenstädten unter ihren farbenfrohen Wandbildern verschwinden zu lassen. Und am Anfang, wenn sie vor der leeren Wand steht hat sie noch immer Bauchschmerzen. „Ich denke mir, das werde ich nie fertig bringen. Früher hatte ich manchmal Monate an einer Wand. Was wirklich wahnsinnig ist, ist, dass heutzutage sind nicht nur die Wände sehr groß, sondern man sagt, gut, du hast so 15 Tage…(lacht)…danke vielmals…ja Scheisse, was mach ich da.“

Aufhören kann und will sie dennoch nicht, die Wände ziehen sie weiter an. Ihre Unkräuter wachsen also auf grauem Beton weiter und nehmen sich den Platz zum Wuchern.

YouTube Preview Image

Die schöne Seite Amerikas

Am Freitag war ich zu einer Podiumsdiskussion über die Situation von Korrespondenten im Trump-Zeitalter eingeladen. Es war eine interessante Debatte, in der wir über das veränderte Klima in Washington und in den USA sprachen. Für mich hat sich da eigentlich nicht so viel geändert, denn seit meinen Anfängen als USA Korrespondent habe ich versucht, meine eigene kleine Nische zu finden. Ich habe weder Kontakte in Washington DC noch einen Zugang zum Silicon Valley gleich hier vor meiner Haustür. Von daher hatte ich unter George W. Bush keine Krise, unter Barack Obama keine Hoffnung und nun unter Donald Trump keine Kopfschmerzen. Alles bleibt beim Alten.

Was ich am Freitag allerdings betonte war, dass sich die Einstellung bei vielen Redaktionen in Deutschland geändert hat. Es geht meist nur noch um Trump, Sende- und Artikelplätze werden fast ausschließlich nur noch mit Nachrichten von und über den 45. Präsidenten gefüllt. Positive USA Berichterstattung, Beiträge über Kultur, Entwicklungen, Szenen, das Leben in den USA kommt kaum noch vor. Und ja, ich ertappe mich auch selbst dabei, wie ich nach jedem allmorgendlichen Twitter-Gewitter von „DT“ Themen anbiete oder einen Blogbeitrag schreibe.

Ein Ort zum Verweilen in Mendocino County.

Auf dem Rückflug von München nach San Franciso sass ich neben einem jungen Paar, die mich siezten und meinten, sie werden nun in zehn Tagen Kalifornien abfahren. Alles im Schnelldurchlauf: San Francisco, Highway 1, Santa Barbara, Los Angeles, dann rüber nach Las Vegas, von dort noch einen Abstecher zum Yosemite Nationalpark, bevor es von San Francisco wieder losgeht. Ich meinte nur, das wird stressig, man sollte sich aber auch mal Zeit für den Norden Kaliforniens nehmen. Allein das „Wine Country“ von Sonoma- und Napa Valley und die Küstenregion sind wunderschön, entspannend und sehr empfehlenswert.

Erst gestern war ich auf einer kleinen alljährlichen Feier auf einem Weingut in der Nähe von Hopland, Mendocino County. Ein traumhafter Ort, ein wunderbares Event und dazu die sehr bekömmlichen Tropfen von Topel, einem meiner Lieblingswinzer der Region. Es war leider eine Art „Goodbye Party“, ein Kapitel geht zu Ende, gefeiert wurde dennoch. Und zum Schluss nach einigen Danksagungen, Tränen und viel Beifall die Worte von Donnis Topel: „Let’s celebrate. Go Warriors. And Fuck Trump“. Auch das ist (mein) Kalifornien.

„Ocean Rising“ durch die vielen Steine

Es gibt im US Kongress einen Ausschuss, der nennt sich „House Committee on Science, Space and Technology“. Dort werden alle Fragen bezüglich der Wissenschaft behandelt. Experten werden zu wichtigen Themen eingeladen, befragt, Hintergründe erforscht. Nun war mal wieder das Thema Klimawandel an der Reihe. Vor den Mitgliedern der Kommission saß einer der führen Klimaforscher, Philip Duffy.

Der Klimawandel, die Steine und die Republikaner. Foto: Reuters.

Und Duffy nahm die Fragen der Politiker gelassen, auch wenn sie mehr als fragwürdig waren. Da wollte der republikanische Abgeordnete Mo Brooks aus Alabama wissen, ob der Anstieg der Weltmeere nicht viel mehr damit zu tun habe, dass immer wieder Steine und Felsen ins Meer abrutschen, reinfallen, reingeschmissen werden. „Denn damit ist weniger Platz in den Ozeanen, denn der Meeresboden steigt an“, so die Begründung von Brooks. Der Republikaner verwies auf die Felsen in Dover und Kalifornien, die immer mal wieder ins Meer absackten.

Philip Duffy reagierte gelassen: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass das einen unbedeutenden Effekt hat“. Brooks republikanischer Kollege aus Kalifornien, Dana Rohrabacher, meinte, er sei „verwirrt“, dass Wissenschaftler den Ausschussmitgliedern erklärten, die Frage ob der Klimahandel von Menschen gemacht sei, sei beantwortet. „Ich finde das sehr verstörend, dass uns das hier in diesem Wissenschaftsausschuss in die Köpfe gehämmert wird, obwohl wir doch eigentlich auch offen sein sollten für andere Sichtweisen“. Kleiner Ratschlag zum Schluß, bitte keine Steine mehr in Seen, Flüsse, Bäche und Meere werfen, damit nicht der Verdacht aufkommen kann, man wolle bewußt den Meerespiegel anheben oder Überschwemmungen verursachen. In die USA könnte man nämlich, wenn die politische Entwicklung so weitergeht, schon bald dafür verklagt werden.

 

 

 

 

 

Es wurde auch Zeit

In Kalifornien setzt man nun verstärkt auf die Solarenergie. Foto: Reuters.

Kalifornien ist für sich gesehen die fünftgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Die Wirtschaft boomt im Sonnenstaat am Pazifik. Von daher kann man die Entscheidung der „California Energy Commission“ als deutliches und weitreichendes Zeichen für erneuerbare Energiequellen werten. Ab dem Jahr 2020 wird nunmehr für den Neubau von Einfamilienhäusern und zweistöckigen Gebäuden die Einrichtung von Solaranlagen vorgeschrieben. Bislang liegt die Quote bei nur 20 Prozent für Neubauten. Solarunternehmen, wie Sunrun, Sungevity und Tesla, aber auch Baufirmen jubelten über den Beschluss. Man erwartet nun enge Kooperationen zwischen beiden Industriezweigen.

Damit erhofft man sich in Kalifornien Signalwirkung in den USA im Kampf gegen den Klimawandel zu erlangen und die heimische Solarindustrie zu stärken. Zeit war es für solch eine Entscheidung schon lange. Mir schien es immer so, als ob ich beim Durchfahren von Deutschland mehr Solaranlagen auf den Dächern dort sehen würde als hier in meiner Wahlheimat Kalifornien, wo es wirklich Sinn machen würde, dass diese Energiequelle mehr genutzt wird.

Nun also ist es endlich so weit, Kalifornien nimmt wieder die Vorreiterrolle in einem Land ein, in dem der Präsident verstärkt auf Kohle und Atomkraft setzen will. Kalifornien mit seinen fast 40 Millionen Einwohnern wird durch die Entscheidung der „California Energy Commission“ etwas grüner und vor allem stellt der Bundesstaat wichtige Weichen in die Zukunft der eigenen Energieversorgung.

Amerika und sein Rassismus

 

      Rassismus in den USA

 

„Racial Profiling“ bei der Verhaftung von zwei Schwarzen in einem Starbucks Cafe.

Anfang April wurden zwei afroamerikanische Männer in einem Starbucks in Philadelphia verhaftet. Sie hatten nichts getan, sie warteten nur auf einen Bekannten ohne etwas zu bestellen. Damit waren sie für den Geschäftsführer des Cafes auffällig, der die Polizei benachrichtigte. Die kam und nahm die beiden wegen “Trespassing”, unerlaubtem Betretens, fest. Wenige Stunden darauf wurden die beiden Schwarzen wieder entlassen, die Unternehmenszentrale von Starbucks wollte keine Strafanzeige stellen. Doch der Kaffeekonzern ist nun in einem PR-Alptraum, denn die Verhaftung der beiden Männer wurde von Anwesenden gefilmt, in den sozialen Medien geteilt und auf allen Nachrichtenkanälen verbreitet. Es ist das jüngste und vielbeachtete Beispiel von “Racial Profiling” in den USA.

Zachary Norris ist der Geschäftsführer des “Ella Baker Centers for Human Rights” mit Sitz in Oakland. Benannt nach einer fast unbekannten Bürgerrechtlerin, die an der Seite von Martin Luther King Jr. kämpfte. Norris zeigte sich nicht verwundert darüber, dass ihn in diesen Tagen ein internationaler Korrespondent zum Thema “racial profiling” interviewen wollte. Für ihn ist klar, dass Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe einen tagtäglichen Kampf in den USA austragen müssen. „Es gab diese Untersuchung entlang der Interstate 95, die die gesamte Ostküste der USA verbindet. Und sie fanden, dass 75 Prozent der Autofahrer zu schnell fuhren, aber dass 95 Prozent derjenigen, die angehalten wurden Schwarze waren. Und das zeigt, in welchem Ausmaß Polizisten besonders afroamerikanische Autofahrer stoppten…obwohl die große Mehrheit der Leute zu schnell fuhr.“

Howard Pinderhughes ist Soziologie Professor und Vorsitzender der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der UC San Francisco. Er selbst ist Afro-Amerikaner. Auch für ihn ist das “racial profiling”, das illegale Verdächtigen, Kontrollieren und Verhaften allein auf Grund der Hautfarbe oder Herkunft nichts neues. Und, obwohl es gegen bestehende Gesetze in den USA verstößt, gehört es zum Alltag dazu. „Die meisten schwarzen Männer haben mindestens eine, wenn nicht sogar mehrere Geschichten, wie sie von der Polizei aufgrund ihrer Hautfarbe kontrolliert wurden. Es gibt tagtäglich kleine Dinge der Diskriminierung. Nicht unbedingt mit der Polizei, aber im persönlichen Kontakt zu anderen. Die Leute urteilen jeden Tag darüber, wer ich bin. Ich stehe im Aufzug und Frauen drücken sich in eine Ecke, halten ihre Handtasche ganz fest, und dass, obwohl ich 61 Jahre alt und Professor an einer Universität bin.“

Amerika und seine ungelöste Geschichtsaufarbeitung. Foto. Reuters.

Für Howard Pinderhughes ist deshalb klar, dass “racial profiling” vor allem etwas mit Angst zu tun hat. „Das ist die Interaktion, die ich jeden Tag erlebe. Und dann gibt es Polizisten, die auch so denken, aber sie sind bewaffnet und sind in einem sehr, sehr gefährlichen Beruf, haben selbst Angst. Jedesmal, wenn ich diese Videos von erschossenen, unbewaffneten afroamerikanischen Männern sehe, dann wird mir immer klar, welche Angst die Polizisten in dem Moment gehabt haben müssen. Racial Profiling” hat also viel mit der Angst zu tun, die sie jeden Tag verspüren.“

Howard Pinderhughes hat seine eigenen Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Er muss nicht lange nachdenken und beginnt zu erzählen: „Kurz nachdem ich nach San Francisco zog, kam ich eines Abends nach Hause, war nur noch wenige Meter von meiner Haustür entfernt, als von beiden Seiten Polizeiwagen mit Sirenen und Blaulicht angebraust kamen. Fünf Polizisten sprangen heraus, die Waffen gezogen, sie zielten auf mich und schrien: “Mit dem Gesicht auf den Boden legen”. Also machte ich das und einer fragte mich, ob ich mich ausweisen könne. Dabei zielten die Fünf noch immer auf mich. Und ich antwortete: “Officer, mein Ausweis ist in meinem Geldbeutel, aber ich hole den jetzt nicht raus. Sie können ihn aus meiner Jacke ziehen.” Er griff mir in die Tasche und nach meinem Portemonnaie, gab den Namen über Funk durch und gab mir danach meinen Geldbeutel zurück. Alles was er sagte war: “ok, den suchen wir nicht”. Und sie wollten weiter, aber ich fragte, warum sie mich kontrolliert haben. Der Officer meinte, ich hätte auf eine Beschreibung gepasst. Damit fuhren sie weg. Die Frage ist also, welche Beschreibung sie da hatten.“

Pinderhughes muss lachen, als ich ihn danach frage, ob es also gefährlicher ist, ein etwa ein Meter achtzig großer afroamerikanischer Mann zu sein, denn somit falle man ja wohl in die verdächtige Kategorie. „Wenn du schwarz, männlich bist, du musst nicht 1,80 sein. Interessant ist, wo die Beschreibung ein 1,90 grosser Schwarzer ist und sie einen 1,70 großen Mann stoppen….lacht….der dann wohl auf die Beschreibung passt.“

“Racial Profiling” passiert jeden Tag, und passiert überall im Land. Selbst in der als liberal und progressiv geltenden San Francisco Bay Area, mit ihren Städten, die sich für das Bleiberecht von illegalen Einwanderern einsetzen. Und manchmal sogar auch hier mit tödlichen Folgen, wie Zachary Norris vom “Ella Baker Center” erklärt: „Diese Form der Diskriminierung ist auch ganz alltäglich in der Bay Area. Wir hatten den Mord an Oscar Grand und kürzlich den Mord an Stephon Clark in Sacramento. Er war in seinem eigenen Haus und wurde von Polizisten erschossen, nur weil er ein Telefon in der Hand hatte. Es ist also ganz alltäglich und überall in den Vereinigten Staaten.“

Die tödlichen Schüsse auf Stephon Clark führten sie massiven Protesten in Sacramento.

Der Fall des am Neujahrstag 2009 erschossenen 22jährigen Oscar Grant wurde über die Grenzen der USA durch den Film “Fruitvale” von Regisseur Ryan Coogler bekannt. Coogler hatte jüngst mit “Black Panther” einen Milliarden Dollar Kinohit. Der ebenfalls 22jährige Stephon Clark wurde am 18. März dieses Jahres im Garten seiner Großmutter von acht Polizeikugeln tödlich getroffen, sechs davon in seinen Rücken. Die Polizei war auf der Suche nach einem Verdächtigen, der in der Nachbarschaft mehrere Scheiben eingeschmissen haben soll. Als die Polizeibeamten Clark im Garten entdeckten, rannte dieser weg. Die Polizisten eröffneten gleich das Feuer, denn sie hielten das Telefon in der Hand von Clark für eine Pistole.

Für den UCSF Professor Howard Pinderhughes haben die viel zu vielen tödlichen Schüsse von Polizisten auf unbewaffnete Schwarze zu einer Schlußfolgerung geführt: „Es gibt in der afroamerikanischen Community etwas, was zum Alltagswissen gehört. Und das ist, dass man mit seinem Sohn, seinem Neffen, unseren jungen schwarzen Männern irgendwann “DAS” Gespräch führt, wenn sie etwa acht Jahre alt sind. Und das Gespräch dreht sich dann darum, wie man am Leben bleiben kann, wenn sich Polizisten nähern, man von ihnen kontrolliert und festgehalten wird. Es wird auch gesagt, dass man das Recht hat Fragen zu stellen, das Recht hat seine Rechte einzufordern, das Recht hat all das respektvoll zu tun. Aber, dass es eben nicht immer gut für einen afroamerikanischen Mann oder Jungen ist, das auch zu tun. Denn das wird als aufsässig angesehen, als Eskalation in diesem Moment. Man muss also lernen, auf der Straße zu überleben, wenn man mit der Polizei in Kontakt kommt. Das garantiert nichts, aber es erhöht die Chancen.“

Der Rassismus ist tief in der Geschichte der USA verwurzelt. Die Ureinwohner wurden ausgerottet, Afrikaner als Sklaven importiert und in der Verfassung als Dreifünftel Menschen bezeichnet. Eine geschichtliche, moralische, ethische und auch wirtschaftliche Aufarbeitung gab es in den USA nie, wie Zachary Norris erklärt: „Wir haben Versicherungsunternehmen in diesem Land, die schon Sklavenbesitzer versicherten, falls denen ihre Sklaven verloren gingen. Diese Unternehmen profitieren bis heute von diesem strukturellen Rassismus, in dem weißes und schwarzes Leben anders gewertet wird. Dieselben Versicherungen stehen heute hinter dem Kautionssystem in diesem Land. Sie profitieren also von der hohen Inhaftierungsrate, die eine Folge der Sklaverei ist. Wenn wir keinen Weg der Wahrheitsfindung und Reinvestition finden, bei dem diese Versicherungs- und andere Unternehmen, sich ihrer Verantwortung in der langen Geschichte des strukturellen Rassismus stellen, ich glaube, dann werden wir auch nicht den Wandel schaffen, den wir brauchen.“

Das illegale, doch weit verbreitete “Racial Profiling” in den USA drückt diesen tief verwurzelten Rassismus aus. Es ist der Alltag für Afro-Amerikaner, Latinos, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe. Der Wahlkampf und der Sieg von Donald Trump haben erneut tiefe Wunden in den USA aufgerissen. Unter Barack Obama war für Afroamerikaner und Latinos nicht alles perfekt, auch wenn er der erste schwarze Präsident war, auch wenn er mit viel “Hope” auf den “Change” ins Amt gewählt wurde. So wurden unter der Obama Administration mehr illegale Einwanderer aus Mexiko und Mittelamerika abgeschoben, als unter seinem Vorgänger George W. Bush. Aber unter Donald Trump hat sich die Lage in Bezug auf das Überwinden des Rassismus in den USA mehr als verschlimmert, meint Howard Pinderhughes von der UC San Francisco. „Das ist keine Frage, dass es so ist. Ich beschäftige mich sehr mit den Themen “Race” und Gewalt. Es gab diesen Prozess, in dem versucht wurde herauszufinden, wie die Polizei sich in den afroamerikanischen Nachbarschaften verhielt, gerade gegenüber schwarzen und farbigen Männern. Das geschah nach all den Videos von unbewaffneten Schwarzen, die von der Polizei erschossen wurden. Das Ergebnis war die Ausarbeitung von Richtlinien durch das Justizministerium der USA, um zu sehen und zu versuchen, ob man das nicht verringern könnte. In der jetzigen Administration wurde das wieder aufgehoben. Unter Justizminister Jeff Sessions wurde das gestrichen. Der Polizei wurde vielmehr gesagt, ihr könnt tun, was ihr wollt. Das ist ein riesiger Rückschritt. Das Konzept des “racial profiling” wurde nicht nur ausgehöhlt, es wurde von der Administration sogar entkräftet. Sie sagen einfach, das gibt es gar nicht. Sie behaupten, das Polizisten es als Möglichkeit für ihre Arbeit nutzen müssen, um so die Bösewichte zu finden.“

Es hat sich nicht nur der Ton in Washington unter Donald Trump verändert. Sein Justizminister Jeff Sessions hat Schritt für Schritt wichtige Reformen von Barack Obama rückgängig gemacht, wie die Finanzierung von Sensibilisierungs-Programmen bei Polizeieinheiten im ganzen Land gestrichen. Doch nach wie vor gibt es, gerade in demokratisch geführten Bundesstaaten wie Kalifornien, wichtige Ansätze in den Communities. In Watts, einem berüchtigten Stadtteil in Los Angeles, in dem es zuletzt 1992 die verheerenden Ausschreitungen nach dem Freispruch der weißen Polizisten im Rodney King Prozess kam, versucht die Polizei auf die zumeist afroamerikanische und Latino Community zuzugehen, von den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wichtige Ansätze, die durchaus langfristig Hoffnung geben, meint auch Howard Pinderhughes: „Man kann leicht das Gefühl bekommen, dass nichts voran geht. Es dauert zu lange, es geht nicht schnell genug. Das stimmt und ist richtig. Aber Tatsache ist auch, dass man im Kampf um ethnische und soziale Gleichberechtigung “geduldig ungeduldig” bleiben muss. Man muss kontinuierlich darauf drängen und sich nicht mit dem Unrecht abfinden. Aber man muss auch geduldig bleiben, mit dem Wissen, dass der Bogen der Geschichte lang ist, er sich aber der Gerechtigkeit zuneigt, wie es Martin Luther King sagte.“

Amerika und die neue Protestbewegung

“Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. “Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. “Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. Pastor Mike reibt sich mit einem kleinen Handtuch den Schweiß von der Stirn. Er hat sich in seiner fast 50minütigen Predigt verausgabt. Es ist Sonntagmorgen in Berkeley. Der “Christian Center The Way” liegt an der University Avenue, die die weltbekannte Universität mit der San Francisco Bay verbindet. Das Gebäude ist ein unscheinbarer Flachbau, doch wer an diesem Morgen hier vorbeiläuft kann trotz des Straßenlärms die lautstarke Band und den Gesang der Gläubigen hören. “Halleluja” heißt es immer wieder.

Pastor Mike bei seiner Predigt.

Pastor Mike, wie ihn hier alle nur nennen, ist kräftig gebaut, Afro-Amerikaner, Anfang 40. Er lacht viel, auch bei seiner Predigt, bei der er nicht einfach nur vorne steht und spricht, er bezieht seine Gemeinde mit ein. Er fordert ihre Reaktionen heraus, mal wohlwollend, mal entrüstet. Pastor Mike spricht über Gerechtigkeit, über Sieger und Zurückgelassene, über die aktuelle Situation im Land. Auf seine politische Predigt angesprochen, meint er anschließend: “Ich bin davon überzeugt, dass Kirche und Politik zusammen gehören. Ich glaube, immer wenn man über Systeme spricht, die mit dem Leben der Menschen zusammenhängen, dann muss man über einen moralischen Rahmen sprechen, den die Kirche und der Glauben bieten”.

Für Pastor Mike ist dieser moralische Rahmen nicht nur auf seine Gemeinde beschränkt, er engagiert sich in einem US weiten Netzwerk, zu dem sich in den letzten Jahren zahlreiche schwarze Gemeinden zusammen geschlossen haben. “Black Church PAC” – PAC steht für “Political Action Committee” – ist Teil der Initiative “New Nation Rising”. Es ist eine schnell wachsende Bewegung in den USA, die von dem neuen politischen Ton im Land befeuert wird. Zum einen soll damit mehr politischer Einfluss erlangt werden und zum anderen soll ein Gegenpart zur christlich-fundamentalistischen Rechten im Land geschaffen werden.

Dem stimmt Ben McBride zu, er ist der Co-Direktor von “Pico California” einem glaubenbasiertem Netzwerk in Kalifornien mit Sitz in Oakland. “Wir sind Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und auch solche, die sich keiner organisierten Religion anschließen wollen, die aber für ethnische und soziale Gleichberechtigung eintreten.” Seit mehr als 20 Jahren wächst dieses Graswurzelnetzwerk von den Redwoods im Norden des Bundesstaates bis hinunter zur mexikanischen Grenze. “Wir sehen uns nicht unbedingt als eine Antwort auf jene, die Dr. King einmal “unsere kranken weißen Brüder in den Südstaaten und im Bibelgürtel” nannte . Jene, die die Vision einer Gemeinschaft für alle verloren haben”. McBride betont, dass er vielmehr die religiösen Fundamentalisten im Land als Gegenstück zu ihren Bemühungen einer sozial gerechten Gesellschaft sieht.

“Pico California”, “New Nation Rising” und andere Zusammenschlüsse religiöser Gruppen in den USA sind Beispiele für eine Neuausrichtung der außerparlamentarischen Opposition, die aus der Mitte der schwarzen Gemeinden kommt. Und das nicht ohne Grund. Ben McBride zitiert einen Satz von Martin Luther King Jr., den dieser 1967 in einem NBC Interview sagte: Ich befürchte, dass mein Traum zu einem Alptraum geworden ist. Für Ben McBride steht fest, dass die Afro-Amerikaner in den USA einen großen Fehler gemacht haben. “Wir verlangten nach Integration, stattdessen hätten wir zuerst unsere Gemeinschaft stärken sollen.”

Und darum geht es nun. Für McBride und auch für Pastor Mike von “The Way” in Berkeley waren die Ausschreitungen von Ferguson, Missouri, und die Gründung der “Black Lives Matter” Bewegung ein Wendepunkt, ja ein “Aufwachen” in den Glaubensgemeinschaften der USA. Mit der Wahl von Barack Obama als ersten farbigen Präsidenten des Landes, verbanden viele die Hoffnung auf bessere Zeiten. “Hope” und “Change”, die Rufe jener Tage sind jedoch verhallt, gerade auch weil unter Obama mehr illegale Einwanderer als je zuvor abgeschoben wurden, Mike Brown, Treyvon Martin und andere von Polizisten erschossen wurden.

„Dieses Land braucht immer einen „Nigger““, meint Ben McBride.

Der Ernüchterung unter Obama folgte der Schock mit der Wahl von Donald Trump. Viele Communities im Land verfielen in eine Starre, denn da war auf einmal ein Präsident im Amt, der das weiße Amerika längst vergangener Tage umwarb und Afro-Amerikaner gegen Latinos aufhetzte. Trump betonte erst kürzlich wieder, dass unter ihm die Arbeitslosigkeit von Schwarzen verringert wurde, auch weil mehr und mehr illegale Einwanderer aus dem Süden abgeschoben wurden. “Für uns gibt es da nichts zu feiern”, erklärt Ben McBride. “Am Ende des Tages glauben wir Farbige, die 400 Jahre lang unter dem amerikanischen Imperium gelitten haben, dass es heißen muss, alle oder keiner. Man macht den schwarzen Nachbarschaften keine Versprechen und bezieht unsere muslimischen, unsere Latino Nachbarn und Brüder, auch südlich der Grenze nicht mit ein. Wir sind hier lange genug, um zu wissen, dass dieses Land immer einen “Nigger” braucht. Sei es mit schwarzer Hautfarbe, roter oder brauner, diese Gesellschaft funktioniert nicht ohne.”

Deutliche Worte eines “Community Leaders”, der mit am Tisch von Barack Obama sass und der nun von Donald Trump und seiner Administration gemieden wird. Pastor Mike sieht das, für was Donald Trump steht und was dieser sagt als “Geschenk” an. “Ich bin davon überzeugt, dass wir den “Trumpismus” besiegen werden”.

Organisiert wird auf der lokalen Ebene, Netzwerke gebildet, die nicht mehr übersehen werden können. Die ersten Erfolge sind sichtbar und haben das Weiße Haus und viele Republikaner im Kongress alarmiert. Bei der Wahl um den freigewordenen Senatsposten in Alabama im vergangenen Dezember konnte mit einem massiven Kräfteeinsatz die Wahl des republikanischen Rechtsaußenkandidaten Roy Moore verhindert werden. Pastor Mike war einer von mehreren Glaubensführern aus der San Francisco Bay Area, die sich im Wahlkampf engagierten. “Ich war für mehrere Wochen vor Ort. Wir haben Kirchen und Gemeinden organisiert, wir haben an Hunderten von Türen geklopft und mit Tausenden Menschen gesprochen und das alles in weniger als einem Monat.” Wähler wurden registriert und informiert. Das Ergebnis war der Wahlsieg des demokratischen Kandidaten Doug Jones in einem traditionell republikanischen Bundesstaat. Der Erfolg gezielter Basisarbeit. Ein Model für die kommenden Wahlkämpfe in diesem Jahr und 2020.

Cayman Amiri ist der Vorsitzende des “Islamischen Kultur Center in Nordkalifornien” (ICCNC). Ein altes Freimaurer Gebäude beherbergt seit über 20 Jahren die stetig wachsende islamische Gemeinde in Oakland. Amiri sieht seine Aufgabe in diesen Tagen nicht nur darin für die muslimische Gemeinde der Region da zu sein, sondern das Center öffnet seine Türen auch für einen interreligiösen Austausch. Zum ersten Mal überhaupt in den USA hat im vergangenen Dezember die Bürgermeisterin einer Metropole ihre “State of the City” Rede im islamischen Kulturzentrum gehalten. Libby Schaaf, Bürgermeisterin von Oakland, wollte damit ein deutliches Signal in stürmischen politischen Zeiten setzen. Die musikalische Untermalung lieferte eine Gruppe, die schon seit längerem im Center probt. Mitglieder von Aswat sind Menschen aus jenen Ländern, die unter Donald Trump mit einem Einreiseverbot belegt wurden.

Auch das ein politisches Signal und dennoch Cayman Amiri gibt sich bescheiden. “Wir feiern den Islam durch Kunst und Kultur, und die Musik ist Teil dieser Kunst. Es kann durchaus sein, dass es einen politischen Unterton hat, aber unsere Aufgabe liegt nicht darin, politisch aktiv, für oder gegen eine bestimmte Politik zu sein. Wir sind vielmehr für Gerechtigkeit. Das heisst, nur weil ein paar Terroristen aus bestimmten Ländern kommen, heisst das nicht, dass jeder von dort ein Terrorist ist, dass eine ganze Religion terroristisch ist. Wir bieten den Menschen an, sich zu bilden über die Kultur, die Religion, unsere Herkunft. Das sollte eigentlich jede Organisation machen.” Dieser Ansatz wird im breiten Angebot des islamischen Kulturzentrums deutlich. Eng arbeitet Payman mit der “Kehilla Synagoge” und der “Montclair Presbytarian Church” zusammen. Es geht um Armenspeisung, um Hilfen für Obdachlose, um Schutz für Flüchtlinge, aber auch um gemeinsame Kunst- und Kulturveranstaltungen. “Wir machen auch immer wieder deutlich, wie wichtig es für Muslime ist zu wählen. Es ist die Verantwortung von jedem sich zu registrieren und wählen zu gehen.” Politik von unten, darauf bauen mehr und mehr religiöse Gruppen.

Am “American Baptist Seminary of the West”, einer Bildungseinrichtung direkt am “People’s Park” in Berkeley gelegen, werden die Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit groß geschrieben. Seit diesem Jahr wird auf Drängen der Studierenden und auch einiger Dozenten die Kursreihe “Public Theological Program” angeboten. “Der Kernpunkt dabei ist, dass wir die Teilnehmer dahingehend ausbilden, ihren Glauben auf die Straße zu bringen, weg von nur einem Pastor und der Kanzel”, umschreibt es LeAnn Flesher, die Dekanin des “American Baptist Seminary of the West”. “Es geht auch darum, wie wir diese Botschaft verpacken können, um sie in der Öffentlichkeit erfolgreich anbieten zu können.” Schon länger habe man über solch ein Angebot nachgedacht, meint Flesher. Der Wahlkampf von Donald Trump und seine Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten habe jedoch “das Feuer gehörig angefacht”.

In den Gemeinden der USA wird mehr und mehr von “social justice” und “equality”, von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit gesprochen. Pastoren, Imame, Rabbiner rufen die Gläubigen dazu auf, aktiv am demokratischen Prozess teilzunehmen, sich einzumischen, nicht mehr wegzusehen, sich als Wähler registrieren zu lassen und schließlich zur Wahl zu gehen. Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, wurde Martin Luther King Jr. ermordet. Dieser Tag scheint im Rückblick wie das Ende der Bürgerrechtsbewegung zu sein. LeAnn Flesher vergleicht die heutige Bewegung in den Kirchen mit der damaligen um den charismatischen Baptistenpastor und Bürgerrechtler. “Einer der großen Unterschiede ist für mich, dass sie nicht um eine Person wie Martin Luther King Jr. aufgebaut ist. Wir sehen heute viele Führungspersonen und unzählige von Gruppen, die im ganzen Land entstehen, die sich für dieses Ziel der sozialen Gerechtigkeit einsetzen”. Und die sich vernetzen, wie das Ben McBride mit “Pico California” versucht. “Für mich ist das keine schnelle Sache. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, ich weiss nicht, ob ich das je erleben werde. Aber ich weiss, dass ich und andere es tun müssen, damit hoffentlich meine Enkel zu Lebzeiten ein Amerika erleben werden, in dem es zu einer wirklichen Versöhnung kommen kann.”

Leben auf und mit der Zeitbombe

Die Hayward Spalte (rot) ist die aktivste in den USA. Ich lebe in unmittelbarer Nähe. Foto: USGS.

Wer hier lebt weiß es, aber denkt kaum daran. Das nächste große Erdbeben kommt bestimmt. Gerade mal einen Kilometer von meinem Haus entfernt verläuft die Hayward Spalte, die noch aktiver und wohl auch gefährlicher ist als die bekanntere „San Andreas Fault“. Nun hat das USGS (U.S. Geological Survey) einen neuen Bericht vorgelegt, der alles andere als beruhigend ist.

Ein „major earthquake“ auf der zweitgrößten Spalte in Nordkalifornien hätte katastrophale Folgen. Bei einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala, so die Wissenschaftler des USGS, würden mehr als 800 Menschen sterben und ein Schaden von etwa 100 Milliarden Dollar entstehen. Nahezu 55.000 Häuser würden zerstört werden, die Infrastruktur in der East Bay auf lange Zeit hinaus beschädigt sein. Das sind lediglich Schätzungen.

Die Hayward Spalte zieht sich 52 Meilen weit von der Süd Bay bis weit hinauf nach Berkeley und gilt als eine der aktivsten Spalten in den USA. Wenn ein Beben dieser Größenordnung kommen würde, hätte das massive Auswirkungen auf die sieben Millionen Einwohner der gesamten San Francisco Bay Area. Die wichtigen Verkehrsknotenpunkte und Brücken wären betroffen, ein Verkehrschaos sondergleichen wäre die Folge. Immer wieder heißt es, die Bewohner sollten sich darauf einrichten, sich mehrere Tage mit Wasser und Nahrungsmitteln selbst versorgen zu können, doch die Wissenschaftler des USGS erklären dagegen, dass die gesamte Infrastruktur im Falle eines Bebens zusammenbrechen könnte. Man solle sich also nicht nur auf ein paar Tage der Selbstversorgung einrichten.

Das letzte große Hayward-Beben war 1868. Messungen an der Erdspalte ergaben, dass in den letzten 1900 Jahren zwölf gewaltige Erdbeben von der „Hayward Fault“ ausgingen; alle 150 – 160 Jahre. Es ist also wieder höchste Zeit, die Spannung steigt. Ich sollte mich mal wieder um mein „Earthquake Kit“ kümmern, zumindest die Wasservorräte und das Hundefutter für Käthe auswechseln.