Zweieinhalb Stunden Käfig

Die Richmond-San Rafael Bridge führt direkt auf San Quentin zu.

Ein sonniger Sonntagmorgen in der San Francisco Bay Area. Um 7 Uhr fahre ich los, es ist kaum Verkehr auf den Straßen. Ziel ist mal wieder San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien. Noch ist der Parkplatz halb leer. Ich reihe mich rechts bei den Wartenden ein, hier sitzen die Besuche für den „East Block“, die Todeskandidaten auf Death Row.

Eine ältere Frau kommt nach mir, fragt mich mit einem Akzent, wann ich dran sei? 8 Uhr antworte ich, sie setzt sich mir gegenüber. Woher sind Sie? Aus der Schweiz, meint sie. Gerade sei sie auf einer Reise durch verschiedene Gefängnisse in den USA, um zum Tode und lebenslänglich Verurteilte zu besuchen. Sie war schon in Texas und Arizona und nun noch Kalifornien, am Dienstag ginge es zurück. Sie gehöre einer Schweizer Organisation an, die in Kontakt mit Gefangenen in den USA sei.

Es warten nur wenige Männer im Vorraum der Besucherschleuse. Viele Frauen sind da, teils stark geschminkt, enge Kleidung und Ausschnitte, hohe Hacken, die wohl so gerade noch erlaubt sind. Als ich dran bin, geht alles recht schnell. Meine Kleidung passt – helle Hose, graues T-Shirt, braunes Sweat-Shirt -, ich habe auch nur Eindollarnoten und Kleingeld dabei, Metall habe ich nicht am Körper. Dann noch einen Stempel auf den rechten Unterarm und ich darf Richtung „Bastille by the Bay“ laufen, dieses alte Gebäude, das an einen mittelalterlichen Kerkerbau erinnert.

Reno wartet schon im Käfig. Ich ziehe ein Sandwich, einen Schokokuchen, Popkorn und noch was Süßes aus dem Automaten, dazu die obligatorischen zwei Dosen Cola. Dann muss er sich aus seinem Rollstuhl erheben, eine Kette mit  Handschellen wird ihm durch einen Schlitz im Gitter um den Bauch gelegt, die Handschellen klicken und er darf sich wieder in den Rollstuhl setzen. Reno ist fast 74 Jahre alt, kann die Hände nicht mehr nach hinten strecken, deshalb die Bauchkette. Die Tür auf seiner Seite wird geöffnet, er wird rausgeschoben, die Tür schließt sich und wird mit einem Schloss gesichert. Erst dann wird auf meiner Seite die Gittertür geöffnet, ich darf in den etwa 1,50 x 2 Meter Käfig treten. Es knallt hinter mir, das Schloss klickt. Dann geht die Tür auf Renos Seite auf, er wird reingeschoben, muss sich wieder aus seinem Rollstuhl erheben und die Bauchkette mit den Schellen wird ihm abgenommen. Eine kurze Umarmung, der Besuch kann beginnen.

Wir sitzen da, plauschen über alles mögliche. Er isst, trinkt, lacht. Ich erzähle ihm von meiner Idee, ein Hörspiel über jemanden in San Quentin zu schreiben. Ob ich ihm dazu einige Fragen schicken könnte? Klar, meint er, schick einfach mal, aber gib mir etwas Zeit. Ich will mehr erfahren über das Leben auf Death Row, wie es sich anfühlt, wie es sich in den fast 40 Jahren verändert hat, seitdem er hier ist. Einiges habe ich ja von meiner Besucherrolle in den letzten 23 Jahren mitbekommen, aber es gibt noch immer viele Fragen, die ich habe. Ich bin gespannt auf seine Antworten und auf das, was ich hoffentlich daraus machen kann und werde.

Nach zweieinhalb Stunden ist der Besuch vorbei. Eine kurze Umarmung, dann erneut die gleiche Prozedur für ihn wie am Anfang. Man sieht ihm die Schmerzen in allen Gliedern an. Aber Regel ist Regel in San Quentin, keine Ausnahmen werden gemacht. Und wie immer atme ich tief durch, als die schwere Metalltür vor mir aufgeht und ich hinaus in die frische Luft, an die Sonne treten kann. Entlang der Bay geht es zurück zum Parkplatz und ich summe vor mich hin….“San Quentin, you’ve been living hell to me“.

Was für eine nationale Krise?

Die Frage eines Reporters traf es genau. Woher nimmt Präsident Donald Trump seine Zahlen, wenn er sagt, es gebe an der Grenze zu Mexiko eine humanitäre und sicherheitspolitische Krise. Drogen und Kriminelle kämen ungehindert ins Land, eine Mauer müsse gebaut werden. Denn, so der Reporter weiter, das FBI, die Grenzbehörde und auch das Justizministerium veröffentlichten ganz andere Zahlen. Demnach kämen 95 Prozent der Drogen über die legalen Grenzübergänge in die USA und auch die „Vergewaltiger, Mörder und Kriminelle“ ohne legale Papiere seien meist schon lange im Land.

Grenze zu Mexiko bei El Paso, Texas.

Trump reagierte, wie er eben immer reagiert. Er bekomme seine Zahlen und Fakten von vielen Seiten, vor allem vom Ministerium für Heimatschutz. Ausserdem verdrehten die Medien die veröffentlichten Zahlen, denn es gäbe tatsächlich eine große nationale Krise, ja, einen Notstand an der Grenze mit Mexiko. Was der Präsident nicht erwähnt ist, dass so einige konservative Talk Show Moderatoren, wie Rush Limbaugh und Sean Hannity, großen Einfluss auf das Denken von Donald Trump haben. Schon mehrmals schien es so, dass Trump auf Tweets oder auf Inhalte in den Sendungen dieser Rechtsaußenpopulisten reagierte. Hannity gilt deshalb auch als „Berater“ des Präsidenten.

Nun also ruft Donald Trump den nationalen Notstand aus, für etwas, was kein nationaler Notstand ist. Die Situation an der Grenze könnte ohne weiteres und parteiübergreifend gelöst werden, aber dazu lässt es Donald Trump nicht kommen. Er hatte seiner 25Prozent Basis im Wahlkampf eine Mauer versprochen, „from sea to shining sea“. Hoch, schön und unüberwindbar sollte sie sein. Und dieses Versprechen will er einlösen, auch wenn es nur teuer ist und keinen Sinn macht.

Trump allerdings übersieht die wahren Krisen im Land. Erst gestern war der erste Jahrestag des Schulmassakers von Parkland. Der Präsident sprach vor einem Jahr noch große Worte, er wolle den Zugang zu Waffen für Jugendliche beschränken, bestimmte Waffengattungen und -zusätze verbieten lassen. Geschehen ist nichts. Seit Parkland gab es 31 weitere Schulschießereien, das ist eine alle 12 Tage. Seit den tödlichen Schüssen an der „Marjory Stoneman Douglas High School“ wurden in den USA 429 weitere „Mass Shootings“ gezählt.

Mister President, das ist eine nationale Krise! Eine, die diese Bezeichnung verdient. Ich könnte nun auch noch vom Klimawandel anfangen, dessen Folgen schon jetzt in den USA zu spüren sind. Aber wir alle wissen ja, dass Donald Trump die Fakten der Wissenschaftler anzweifelt, sogar die seiner eigenen Angestellten in Bundesbehörden. Vielmehr lässt er Informationen streichen, verändern, abschwächen, um ja nicht handeln zu müssen. Donald Trump entwickelt sich durch sein Handeln und vor allem durch sein Nicht-Handeln mehr und mehr selbst zu einer nationalen Krise für die USA.

Neue Bürger braucht das Land

Eine nahegehende Einbürgerungsveranstaltung in Oakland bis Donald Trump sprach.

Sie kamen aus Togo, aus dem Jemen, aus Burma, Afghanistan und von den Fiji Inseln. 1126 Frauen und Männer aus 94 Nationen waren am Mittwochnachmittag ins historische Paramount Theatre nach Oakland gekommen, um hier eingebürgert zu werden. Es war eine bunte, multikulturelle Menschenansammlung, die in zig Sprachen durcheinander sprach. Manche hatten sich fein rausgeputzt für dieses Ereignis, auf das sie lange gewartet hatten, einigen war anzusehen, sie nahmen die Veranstaltung im Vorbeigehen mit.

Anfangs wurden von einem Chor bekannte amerikanische Lieder vorgetragen, darunter auch die alternative Nationalhymne „This land is your land“ von Woody Guthrie. Es war eine entspannte Stimmung, es wurde gelacht, es war teils nahegehend, „America is richer, because of you today“, hieß es. Der Moderator forderte alle Neubürger auf, sich umgehend als Wähler registrieren zu lassen. Wir haben Probleme in diesem Land, nun liegt es an Ihnen, diese mitzulösen, sagte er. Auch wies er daraufhin, dass keiner mehr eine Green Card mit sich herumtragen müsse, denn als Amerikaner habe man nun das Recht einem Polizisten, der einen kontrollieren will, zu sagen: „Officer, I’m an American, I don’t need to show you my immigration papers“.

Interessant wurde es, als ein Video von Präsident Donald Trump eingespielt wurde, in dem er die neuen amerikanischen Staatsbürger begrüsste.

     

Als ich 2013 die US Staatsbürgerschaft annahm, sprach noch Barack Obama zu den „Neuen“ im Land. Viele waren von seinen Worten angetan. Anders jedoch am Mittwoch. Als Trump auf der Leinwand erschien, ging lautes Buhen durch die Reihen. Das hielt während seiner eineinhalb minütigen Rede an. Als es kurz mal leiser wurde, schrie jemand „Fuck you“. Lachen im Saal. Präsident Trump hat sich mit seinem Anti-Immigrationskurs keine Freunde bei den neuen Staatsbürgern und damit Neuwählern gemacht. Jedes Jahr werden rund 750.000 rechtmäßige Immigranten in den USA eingebürgert. Sicherlich werden sich nicht alle als Wähler registrieren lassen, doch die Zeichen stehen für die Republikaner nicht gut. Wer sich so offen gegen Immigranten stellt, wie dieser Präsident, könnte schon bald eine deutliche Antwort darauf bekommen.

Community Radio – abseits des Mainstream

Heute ist es mal wieder so weit. Eine weitere Live-Sendung auf dem Community Sender KKUP in San Jose steht an. KKUP wird im Mai 47 Jahre alt, das heißt, 47 Jahre an Radioprogrammen, die nicht kommerziell sind, von Ehrenamtlichen moderiert und produziert werden, es keine Werbung gibt, der Sender vielmehr durch die Spenden der Hörerinnen und Hörer finanziert wird.

Das ist möglich und es macht einfach Spaß, mit einer Tasche voller CDs die gute Stunde von Oakland nach San Jose zu fahren, um Musik zu spielen, die man sonst wohl auf keiner anderen Station hören kann. Einige, die mich und meinen Musikgeschmack kennen werden sagen, das ist wohl auch gut so, dass man das nicht auf anderen Sendern hört, aber heute habe ich Lust auf eine elektronische Show zwischen Klaus Schulze, Bernd Kistenmacher, Adalbert von Deyen und so einiger wiederveröffentlichter Perlen auf Bureau-B Records. Und für diesen Sound gibt es durchaus viele Fans, gerade auch in der San Francisco Bay Area.

KKUP sendet im Großraum San Jose. Das Programm lässt sich bis runter nach Monterey, im Silicon Valley und hoch bis Oakland und South San Francisco hören, also ein riesiges Sendegebiet. Und ich werde von 15-17 Uhr (PST) „on-air“ sein, um den Sonntagnachmittag mit einer besonderen Musikmischung zu beschallen.

Community Radio in den USA ist etwas Besonderes. Es ist ein wichtiger Teil des öffentlichen Rundfunks. Neben den NPR, den Pacifica und College Stationen, gibt es da auch noch diese Sender, die aus der Community heraus gewachsen sind, von der Community unterstützt werden und für die Community senden. Und da ist wirklich alles dabei, von Klassik bis Country, von Weltmusik bis Punk. Das Angebot ist grenzen- und genrelos und genau darauf kommt es an. Radio ohne Format, ohne einengende Playlist eines Musikchefs. Zu hören ist, was eben zu hören ist, was ein Moderator oder DJ eben an diesem Tag und für seine Show auswählt. Zu hören sind die vielen Stimmen der Menschen, die um uns herum leben, mit ihrem Hintergrund, ihrem Wissen, ihren Besonderheiten. Von daher, einfach mal reinhören, vielleicht heute Nachmittag/heute Nacht….von 00:00 – 2 Uhr deutscher Zeit KKUP einschalten.

Es gibt Tage…

 

Es gibt solche Tage, da bin ich froh, dass ich sehr nah an einem wunderbaren Waldgebiet lebe. Dass ich einen Hund habe, der mich tagtäglich dorthin führt. Dass ich die Möglichkeit habe, in der Nähe dieser gewaltigen und wunderschönen Redwood Bäume zu leben. Dass ich noch immer die Berge runter komme und es auch wieder rauf schaffe, zwar mit erhöhtem Puls und schwitzend, aber immerhin. Heute war so ein Tag. Nach zwei Stunden Auspowern fühlt sich das Leben leichter an.

Man weiß, man lebt auf einer politischen Insel…

…wenn man mit seinem Hund in der Nachbarschaft spazieren geht und ein Trump Männchen am Straßenrand vor einem Schild entdeckt, auf dem steht: Hunde pinkeln hier. Und gleich daneben ein Trump-Kopf der in Voodoo-Technik auf einem Holzstäbchen aufgespießt ist.

Mein Hund wollte dann doch nicht über dem Konterfei des Präsidenten das Bein heben oder in die Hocke gehen, auch, wenn das ein sehr einladendes Schildchen ist und ja gemunkelt wird, dass Trump auf … ach, lassen wir das.

Donald Trump hat hier in Oakland, aber auch in Berkeley, in San Francisco, in der gesamten Bay Area keinen guten Stand. In einigen Orten erhielt er bei der Wahl 2016 sogar weniger Stimmen als die Kandidatin der Grünen, Jill Stein. Und das sagt schon viel über diese Region aus, die traditionell links-demokratisch wählt. Es gibt in den USA ganz sicher viele Gegenden, in denen es anders aussieht, in denen „Lock her up“ und „Build the wall“ Schilder in den Fenstern und am Straßenrand zu sehen sind. Hier fällt mir schon auf, dass auf meiner täglichen Käthe-Pinkel-Tour jemand einen Aufkleber der NRA auf seinem SUV hat. Das ist ungewöhnlich, ja, das ist radikal auf dieser politischen Insel, auf der ich lebe. Aber mal ehrlich, ich glaube nicht, dass ich es fast 23 Jahre in einer „Redneck Area“ irgendwo in „Rural America“ ausgehalten hätte. Da sind mir solche kleinen Überraschungen am Wegesrand schon deutlich angenehmer.

 

Es war einmal eine kleine Hexe…

Otfried Preusslers kleine Hexe, Hänsel und Gretel und die böse Hexe im Wald und dann noch die „Wicked Witch“ im „Wizard of Oz“. Das waren so die Hexenbilder, mit denen ich aufgewachsen bin, die mein Hexenbild prägten. Warzen, Besen und ein brodelnder Kessel. Doch die Realität der Hexen hat so gar nichts mit diesen Bildern zu tun, wie ich jüngst feststellen konnte. Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum der Hexenbewegung und hier lernte ich weibliche und männliche Hexen kennen.

Am Anfang stand die Webseite des “Covenant of the Goddess”, eines Hexenbundes. Mehr durch Zufall stieß ich darauf und dachte mir, das könnte eine schöne Geschichte für die Religionssendung eines bundesweit ausgestrahlten Radiosenders sein. Ich schrieb an die Email Adresse des Covenant, ob es möglich wäre, ein Interview zu führen und an einem Treffen teilzunehmen. Die Antwort kam, ob ich zu einem Telefoninterview bereit wäre. War ich. An einem Dienstag rief mich eine Vertreterin des „Northern California Chapter“ an und interviewte mich. Warum, weshalb, wieso….Hexen sind etwas zurückhaltend.

Nach einigen Tagen meldete sich „Macha“ bei mir. Sie wäre zu einem Interview bereit und ja, ich könnte bei ihr Zuhause vorbeikommen. Gespannt fuhr ich in die Nord-Bay. In einem unscheinbaren Haus wohnte die Hexe. Für eine Stunde sprachen wir über „Witches“ und Wicca, die Mysterienreligion. „Macha“ berichtete, dass sie sogar regelmäßig als Priesterin im Staatsgefängnis von San Quentin sei, um sich dort mit Angehörigen des Wicca Glaubens auszutauschen und eine Zeremonie zu feiern. Zum Schluss fragte ich, ob Macha auch einen Besen habe. Sie lachte und meinte, ich solle ihr folgen. Und da standen sie, gleich mehrere Besen in der Abstellkammer.

Eine Woche später erhielt ich wieder eine Mail. Don Frew und Anna Korn würden mich gerne kennenlernen. Sie leiten die “Adocentyn Research Library”, eine Bücherei des Paganismus. Ein unscheinbares Haus mit einer Ladenfront in einer Seitenstraße in Albany, einer Kleinstadt gleich neben Berkeley. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier eine Bibliothek der etwas anderen Art befindet. Don und Anna warteten schon, sie wirken wie Alt-Hippies, nahmen sich für den Besucher viel Zeit, um über Wicca und das Hexentum zu sprechen. Der “Covenant of the Goddess” sei ein Netzwerk von Hexen, erzählte Don Frew. „Es ist keine Kirche. Gegründet wurde der Covenant 1975, um Hexen dieselben religiösen Rechte und Sicherheiten einzuräumen, wie anderen religiösen Organisationen. Dieser Hexen Verbund hat sich von Kalifornien aus in den gesamten Vereinigten Staaten ausgebreitet.“

Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum dieser spirituellen Bewegung in den USA. Der liberale Geist, die damals noch billigen Mieten, der Aktionismus zog viele in den 1960er und 1970er Jahren ans Golden Gate. Hier lebten, hier arbeiteten sie und trafen Gleichgesinnte. Mit der erstarkenden Frauenbewegung in Berkeley, Oakland und San Francisco entwickelte sich auch die Suche nach der Weiblichkeit im Glauben. Und man fand es in der Natur, der Umwelt, der Mutter Erde, wie der 58jährige Hexer Don Frew erklärt: „Es bedeutet, dass ich daran glaube, dass sich das Göttliche in und durch die natürliche Welt manifestiert. Ja, es gibt eine übernatürliche Gottheit, aber ich fühle mich mehr mit einem Baum verbunden, mit der Sonne über uns, mit diesem Tisch hier. All das drückt das Göttliche aus. Und ich versuche mein Leben in Harmonie damit auszurichten. Meine Rituale damit abzustimmen, mit den Gesichtern des Mondes, mit den Jahreszeiten, mit dem Lauf des Lebens. Das alles ist der Weg hin zu einem harmonischen Leben.“

Auf meine Bitte und mein Drängen doch an einem Treffen teilnehmen zu können, erhielt ich immer wieder Absagen. Einige Mitglieder wären dazu nicht bereit, ich könnte mir stattdessen ein Video ansehen, hieß es. Und dann kam die Einladung zu einem „Spiral Dance“. Nur wenige Meilen von der Pagan-Bücherei entfernt liegt Richmond. Und dort in einem alten Fabrikgelände, direkt an der San Francisco Bay gelegen, trafen sich an einem Samstagabend mehrere Hundert Hexen und Gläubige des Paganismus zu einem “Spiral Dance”, einem Gruppentanz, der Gemeinschaft und Wiedergeburt ausdrücken soll.

Die Einladung kam von Starhawk, der Organisatorin dieses Treffens. Sie ist eine ältere Frau und die wohl bekannteste Hexe in den USA ist. Sie hat unzählige Bücher über die Bewegung, den Wicca Glauben, die Wiedergeburt des Hexentums geschrieben. Man kennt sie, bevor wir ein ruhiges Plätzchen für ein Interview finden konnten, umarmten etliche Frauen und Männer die 67jährige, wechselten ein paar Worte mit ihr, sagten ihr, wie sehr sie sich auf den Abend freuten. „Eine Hexe zu sein bedeutet für mich“, so Starhawk, „sich den alten in der Natur basierenden Traditionen aus Europa und dem Nahen Osten zu verpflichten Sie gründen sich in dem Glauben, dass die Erde heilig ist, dass jeder von uns heilig ist und den göttlichen Geist verkörpert, der in allem lebt. Und das greift auf die alten Traditionen der Kräuterkunde und der Verbindung zur Natur zurück.“

Starhawk schreibt unter anderem auch für die Religionsbeilage der Washington Post, ist Kommentatorin auf mehreren einschlägigen Online Plattformen und begeherte Rednerin in den USA und Europa. „Einige Leute wollen sich nicht als Hexe bezeichnen. Ich laufe auch nicht mit einem Schild herum, auf dem steht “Hallo, ich bin eine Hexe’. Aber für mich ist es wichtig, dieses Wort zurück zu bekommen, denn damit konfrontiert man die gesamte Geschichte. Dieses Wort und für was es steht, für die Idee einer Frau als Heilerin, eine mächtige Frau, die als gefährlich und angstvoll gesehen wird. Wenn wir uns dem stellen, dann gehen wir dagegen an, dann beginnen wir mit einem Wandel tief verborgener Unterstellungen in unserer Kultur, die für mich die Ungleichheit der Geschlechter bestärken.“

Als es draussen dunkel wurde, begann in dem alten Fabrikgebäude die Zeremonie. Über Lautsprecher wurde bekannt gegeben, dass ein deutscher Radiojournalist anwesend sei, der aber niemanden in seinen Aufnahmen erkennbar machen werde. Hexen wollen nicht so einfach erkannt werden. In einem riesigen Kreis saßen etwa 600 Menschen zusammen, sangen, lachten, weinten gemeinsam. Die Namen von Verstorbenenen wurden vorgetragen. Reden und Gesang folgten. Und dann begann der eigentliche “Spiral Dance” mit Trommelschlag und Gesang. Zwei endlos wirkende Menschenschlangen bewegten sich im Kreis und kamen sich dabei immer näher. Eine positive und durchaus mitreißende Energie machte sich in der Halle breit, die Community lebte auf und rückte zusammen. Vieles wirkte wie in Trance.

In den USA leben nach Starhakws Aussagen etwa 3-4 Millionen Menschen, die sich als Hexen bekennen, die dem Wicca Glauben angehören. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Doch eins wurde an diesem Abend in Richmond deutlich, die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum von Wicca, Hexen, dem Glauben an die Natur, an die Weiblichkeit in der Religion. Die Hexen, die ich kennenlernte durfte, haben so gar nichts mit dem gruseligen Bild aus Kindertagen zu tun. Es geht um Harmonie, um ein Miteinander, darum, gemeinsam und bewußt zu leben. In diesen Zeiten ist das durchaus eine Bereicherung.

Was macht Bernie?

Wenn man sich die Aktivitäten von Bernie Sanders in den sozialen Medien ansieht, dann kann man den Eindruck bekommen, dass der 77jährige noch einmal in den Präsidentschaftswahlkampf eingreifen will. Er mischt sich ein, fordert, wie in diesem Tweet, dazu auf, gemeinsam für die Sache zu kämpfen, dann könne man auch gewinnen. Das lässt sich nun so oder so lesen. Fakt ist, Bernie Sanders spielt erneut mit dem Gedanken zu kandidieren. Aus dem Sanders Umfeld heißt es, eine Entscheidung stehe kurz bevor.

Doch kann der am Wahltag 2020 79jährige noch einmal die Menschen in den USA so begeistern, wie er das im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton geschafft hat? Und dann sind da auch noch etliche andere, vor allem Kandidatinnen, wie Kamala Harris, die eigentlich Sanders politisches Erbe antreten wollen. Harris hat am Sonntag vor 20.000 Menschen in Oakland gezeigt, dass sie durchaus in der Lage ist, eine breite Bewegung gegen die Wiederwahl von Donald Trump aufzubauen. Und das mit einer klaren eigenen politischen Agenda, die durchaus an Bernie Sanders Wahlkampf 2016 erinnert.

Bernie Sanders ist nach wie vor bei seiner Basis beliebt. Viele hoffen darauf, dass er noch einmal kandidiert, dass er mit seinen für die USA progressiven Forderungen Donald Trump aus dem Weißen Haus jagt. Doch Sanders sollte nicht mehr in den Ring steigen, vielmehr geht es darum, eine geeinte demokratische Partei in den Wahlkampf zu führen mit einer Kandidatin, die am Ende gewinnen kann. Bernie Sanders wäre der richtige Kandidat 2016 gewesen, doch Hillary Clinton setzte sich mit unfairen Mitteln im eigenen Lager durch, um dann kläglich gegen den Populisten Trump zu scheitern. Die Zeit ist nun reif für eine Frau, die es schaffen kann. Sanders ist wichtig im Senat und für die demokratische Kandidatin, die gegen Trump antreten wird, denn, „when we stand together, we can win“.

„Kamala Harris for President“

Kamala Harris kandidiert     

Sie wurde in Oakland geboren und hier verkündete sie am Sonntagnachmittag ganz offiziell ihre Kandidatur für das PräsidentInnenamt. 20.000 Menschen kamen, um diese Worte zu hören. Weit über 200 Medienvertreter waren anwesend, um über die Ankündigung zu berichten. Die 54jährige Kamala Harris will für die Demokraten gegen Donald Trump antreten.

Sie ist nicht die einzige im demokratischen Lager, die in den politischen Zweikampf mit Trump ziehen wird. Doch Harris hat durchaus Chancen, sich in der eigenen Partei durchzusetzen. Das zeigte auch der Auftritt am Sonntag vor dem Rathaus in Oakland. Sie wurde gefeiert und mit „Kamala, Kamala“ Rufen angefeuert. Der Name Donald Trump fiel kein einziges Mal und doch drehte sich viel in Harris‘ Rede um ihn. Es war eine durchaus patriotische Rede. Die US Senatorin erklärte, sie liebe dieses Land, die vielen verschiedenen Gesichter, die Offenheit, die multikulturelle Vielfalt. Allein das grenzt sie schon von einem „America First“ rufenden Mauerpräsidenten ab.

Zuvor trug ein Oakland Gospel Chor die Nationalhymne vor, eine Schülerin sprach die „Pledge of Allegiance“, den Fahneneid und nicht gerade wenige US-Flaggen waren am Rathaus angebracht. Dazu noch die Fahnen aller 50 Bundesstaaten. Es war auch und gerade eine Veranstaltung für die Fernsehnation, Harris wollte damit zeigen, dass sie nicht nur eine Kandidatin aus der liberalen Bay Area ist, sondern eine Kandidatin für ganz Amerika sein will.

Was diese Rede auch bemerkenswert machte, ist, dass Harris nicht einfach nur auf Amtsinhaber Trump einschlug. Das wäre an diesem Nachmittag, an diesem Ort einfach gewesen. Nein, Kamala Harris betonte auch, für was sie kämpfen will. Für eine allegemeine Krankenversicherung, für ein Grundrecht auf bezahlbare Bildung, für die Stärkung von Frauen, für eine Anhebung des allgemeinen Einkommens, für die Wiederherstellung der internationalen Rolle Amerikas, für „Science Facts“ und gegen „Science Fiction“ im Kampf gegen den Klimawandel. Harris ist nicht einfach eine Anti-Trump Kandidatin. Hier sprach eine Politikerin, die einen langen, beschwerlichen und teuren Weg vor sich hat. Sie appellierte an die Menschen mit ihr zu kämpfen, denn nur gemeinsam habe man eine Chance. Allein der Ton dieser Rede ließ aufhorchen. Harris versprach, einen respektvollen Wahlkampf zu führen…auch wenn das nicht leicht werden wird. Ihre Worte erinnerten an die von Michelle Obama: „When they go low, we go high“. Auf Kamala Harris sollte man in den kommenen Monaten achten, sie hat durchaus eine Chance, die erste amerikanische Präsidentin zu werden.

„The Female Barack Obama“

„The Female Barack Obama“

Kamala Harris ist eben nicht einfach „nur“ der weibliche Barack Obama. Eigentlich ist die Behauptung, die nun durch die Presse geistert, rassistisch und sexistisch zugleich. Denn sie beschränkt Harris auf die gleiche Hautfarbe wie Obama- sie ist die Tocher einer Inderin und eines Jamaikaners – und mindert ihre durchaus beeindruckende Karriere als Juristin und Politikerin.

Die kalifornische Senatorin Kamala Harris will Präsidentin werden. Foto: Reuters.

Nun also kandidiert sie offiziell. In einem Fernsehinterview am Martin-Luther-King-Day gab sie ihre Kandidatur bekannt. Am kommenden Sonntag soll eine große Kick-off Veranstaltung in Oakland folgen. Hier in Oakland, in ihrem Heimatstaat, wird es ein Büro für ihren Wahlkampf geben. Die Headquarters werden in Baltimore, dem „East-Oakland“ sein.

Kamala Harris beobachte ich schon länger. Sie ist eine erklärte Todesstrafengegnerin, die auch unter erheblichem Druck zu ihrer Überzeugung steht. Als Staatsanwältin von San Francisco musste sie 2004 einen Mann anklagen, der zuvor einen Polizisten erschossen hatte. Es ist üblich, dass bei Polizistenmord die Todesstrafe verlangt wird. Doch Harris blieb bei ihrer Haltung, bei dem, was sie im Wahlkampf für den Posten des „District Attorneys“ gesagt hatte: Sie werde keine Todesstrafe fordern. Der Druck in San Franciso war groß, auch und vor allem von Seiten der Polizeieinheiten, der „Peace Officers“. Kamala Harris verlangte hingegen eine lebenslängliche Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung für David Hill.

Dieser Fall stoppte nicht ihre Karriere. Harris wurde gewählte Justizministerin von Kalifornien und schließlich US-Senatorin. Nun will sie den nächsten Schritt gehen und wirft ihren Hut in den Ring. Kamala Harris hat sich entschieden, an diesem „blutigen Kampf“, wie sie es in einem Interview beschrieb, teilzunehmen. Es wird brutal, hässlich und teuer werden. Doch die 54jährige ist bereit und hat schon jetzt eine beeindruckende Gruppe an Unterstützern um sich gesammelt. Es wird spannend….