Wo Geister und Erinnerungen wohnen.

Eines von vielen verlassenen Häusern in Winona.

Hier im hohen Norden von Michigan, auf der Keweenaw Peninsula, die vom „Lake Superior“ umgeben ist, braucht man nicht weit zu fahren, um auf „Ghost Towns“ zu treffen. Ehemalige Ansiedlungen, die sich die Natur über Jahrzehnte Stück um Stück zurückgeholt hat. Namen wie Winona, Donken, Gay stehen für vergessene Dörfer und Kleinstädte, die immer mehr vom Wald überwachsen werden.

Ein paar Leute leben noch dort, mähen und schneiden, hacken und holzen sich ihren Lebensraum frei. Jahr für Jahr ist es ein Kampf. Nach dem harten Winter, der hier im September beginnt und bis Mai andauern kann, werden Häuser hergerichtet und ausgebessert, um schließlich ein paar kurze Monate mit der schnell wachsenden und wuchernden Natur zu kämpfen.

Nichts weist in Winona noch darauf hin, dass hier einmal 2000 Menschen lebten, ein Kupferbergwerk Arbeitsplätze bot, es Läden, eine Tanzhalle, eine Post, einen Bahnhof gab. Heute leben noch 13 Menschen dort. Wie belebt Winona einmal war, kann man an den vielen Apfelbäumen ablesen, die hier zwischen all den Birken, Espen und Ahorn zu finden sind. Wo Apfelbäume wachsen, standen einst Häuser, wohnten Familien, gab es eine Gemeinschaft.

Viel ist davon nicht mehr übrig geblieben. Es wirkt verlassen, alte Herde stehen herum, Überreste von Hausrat verkommt, geparkte Autos aus der Vorkriegszeit rosten vor sich hin, auch diese teils wild überwuchert. Es ist faszinierend und bewegend durch diese vergessenen Gemeinden zu laufen, daran denkend, was hier einmal war, was sich hier ereignet hat, welche Geschichten hier zu erzählen wären. Michael Loukinen hat in seiner Dokumentation „Winona“ versucht die „history“ dieser Kleinstadt zu erzählen. Und das wirklich im letzten Augenblick. Der Großteil seiner Gesprächspartner ist nämlich mittlerweile gestorben, mit ihnen der Reichtum an Erinnerungen, Geschichten und Geschichte.

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Industriefriedhöfe

„Copper Country“ wird dieser Teil der Upper Peninsula von Michigan auch genannt. Hier findet man nämlich noch immer den reinsten Kupfer der Welt und das in Brocken die Kleinwagen groß sind. Doch gehoben wird dieser Schatz schon lange nicht mehr. Es lohnt sich nicht mehr, der Bergbau hat hier ausgedient, die Kumpel sind weitergezogen, haben umgeschult oder ganz mit der Maloche aufgehört.

Zurückgeblieben sind, wie auch im Ruhrgebiet, ausgediente Industrieanlagen. Doch anders als in Dortmund, Essen, Duisburg und Gelsenkirchen wurden aus den Zechen und Industrieanlagen keine Kulturzentren, Gallerien oder Auftrittsorte geschaffen. Hier wurde nach dem Ende der Fördermaßnahmen einfach „Schicht im Schacht“ ausgerufen, abgesperrt, mit weißer Farbe „Do Not Enter“ auf die Fassade gepinselt. Licht aus, das wars!

Obwohl hier schon seit 50 und mehr Jahren kein Kupfer mehr gefördert wird, stehen viele der alten Türme noch immer in der Landschaft herum. Sie sind Zeuge einer anderen Zeit, als diese Gegend wohlhabend und reich an Arbeitsplätzen war. Die Natur hat sich einiges zurück geholt, was eben ging. Aufräumarbeiten, eine umweltgerechte Sanierung und einen Abbau der Anlagen hat es nie gegeben. Das Geld fehlte am Ende. So waren lange Zeit viele der kleineren Ortschaften nach dem Aus mit den ungesicherten Anlagen und den Umweltschäden alleine gelassen. Heute findet man in dieser Region viele „Ghost Towns“, meist nur noch Fundamente in überwucherten Ortschaften, deren Namen man einzig auf alten Landkarten finden kann. Die Wälder hier sind voller Geschichten.

Auf deutscher Spurensuche

Der „deutsche Friedhof“ außerhalb von Calumet.

In einem Antiquariat in Calumet fragte mich ein Mann, der mitbekommen hatte, dass ich nach Büchern über die deutsche Geschichte suchte, ob ich schon den „German cemetery“ besucht hätte. Einen deutschen Friedhof hier oben in der Upper Peninsula von Michigan? Ja, meinte er, nur ein paar Meilen nördlich auf dem Highway 41 und dort auf der linken Seite, der Friedhof sei total überwachsen.

Das wollte ich sehen, denn ich bin ja immer, egal wo ich bin, auf der Suche nach Spuren deutscher Einwanderer. Ich wusste davon, dass zahlreiche deutsche Emigranten in die Region kamen, um im Kupfer Bergbau zu arbeiten oder in den damals boomenden Gemeinden der Region Arbeit zu finden. Natürlich brachten die Deutschen auch ihre Kultur mit, deutsche Vereine und Brauereien, wie die „Bosch Brewing Company“ von Joseph Bosch wurden gegründet. Doch das ist alles lang her. Die UP von Michigan liegt seit nahezu 100 Jahren im Dornröschenschlaf. Seit der Schließung der Minen, dem Abzug der Industrie ziehen die meisten der jungen Leute irgendwann weg. Es bleiben die Alten und die Erinnerungen an eine Zeit, als Calumet eine „Boom Town“ mit Straßenbahn, Theatern und einem Nachtleben war. Beinahe wäre Calumet sogar Hauptstadt von Michigan geworden, aber nur eben beinahe. Wenn man heute durch die Straßen dieser Stadt läuft, kann man noch etwas vom einstigen Glanz Calumets an den Fassaden der Gebäude ablesen.

Gleich mehrmals fuhr ich an dem Friedhof vorbei, der auch auf keiner Karte verzeichnet ist. Schließlich fand ich ihn hinter einem weißen Zaun. Auf einem Schild stand „Schoolcraft Cemetery“, kein Wort davon, dass das hier ein „deutscher Friedhof“ sei. Und es war wirklich alles wild überwachsen, mannshohe Sträucher, Farne, Birken und Nadelbäume. Dazwischen Grabsteine, teils umgefallen. Und tatsächlich, auf etlichen standen deutsche Namen und Schriftzüge, wie auf dem von Katharina Messner, geboren 1850, gestorben 1890. „Hier ruht in Gott – Ruhe sanft in Frieden“.

Ein kleiner Friedhof am Rande einer einstigen Bergmannsgemeinde, vergessen von den Menschen und von der Natur zurückgeholt. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte, die man wohl nie wieder hören wird, die aber vielleicht von den harten Zeiten jener Immigranten erzählen würde, die ihre eigene Heimat verlassen haben, um im fernen Amerika Arbeit, ein neues Zuhause und eine bessere Zukunft zu finden. Einwanderer wie Katharina Messner haben dieses Land groß gemacht.

Nazis in San Francisco

An der Adresse 1960 Jackson Street in San Francisco, gleich gegenüber dem Haus der Schriftstellerin Danielle Steel, wehen heute friedlich die deutsche und die europäische Fahne. Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einem altehrwürdigen Gebäude, errichtet 1917 und erweitert 1924 von der Witwe des schwedischen Reeders William Matson.

Manfred Freiherr von Killinger 1934 im Staatstheater von Dresden gleich hinter Adolf Hitler.

Bis 1941 hatte das damalige Deutsche Reich sein Generalkonsulat im achten Stock 26 O’Farrell Street, direkt in Downtown San Francisco gelegen. Und hier hielt eine Zeitlang einer der verblendesten Nationalsozialisten die Fäden in der Hand. 1937 wurde Manfred Freiherr von Killinger als Generalkonsul an der amerikanischen Westküste eingesetzt. Der frühere NSDAP Reichstagspolitiker war kurzfristig sogar Ministerpräsident von Sachsen. Berüchtigt war er allerdings als  erklärter Anti-Semit und SA Mitglied, der 1921 direkt am Attentat auf den Zentrum-Politiker Matthias Erzberger beteiligt war. Nach dem Röhm-Putsch wechselte Killinger zunächst zum Volksgerichtshof, bevor er ins Auswärtige Amt berufen und am 14. Juni 1937 als neuer Generalkonsul nach San Francisco entsandt wurde.

Killinger sollte zwei Aufgaben erfüllen. Zum einen die Spionage Aktivitäten der Nazis an der Westküste ausweiten und koordinieren. Zum anderen den Versuch des Amerikadeutschen Volksbundes unterstützen, die deutschen Vereine in den USA auf einen einheitlichen Kurs Hitler-Deutschlands zu bringen. Die Aktivitäten des Generalkonsuls reichten von Seattle bis hinunter nach San Diego. Gewaltige Nazi-Aufmärsche im Cow Palace in South San Francisco waren das Ergebnis. Auch die Traumfabrik Hollywood in Los Angeles war ein Ziel der deutschen Diplomaten, wie ich schon vor ein paar Jahren in dem Audio-Beitrag über Ben Urwands Buch „The Collaboration – Hollywood’s Pact with Hitler“ darstellte.

Manfred Freiherr von Killinger erreichte sein Ziel nicht. In San Francisco organisierten sich, auch unter der Führung von deutschen Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitgliedern des einzigen Arbeiterbildungsvereins in den USA, die Mitglieder der Seeleute- und Hafenarbeitergewerkschaft, Maritime Union of the Pacific, gegen Killinger und erreichten schließlich die Abberufung des umstrittenen deutschen Generalkonsuls. Ende 1938 wurde der Diplomat nach Slowenien und Rumänien geschickt. In Bukarest machte er sich an der Verfolgung und Deportation von Juden mitschuldig. Als die Rote Armee in Bukarest einrückte, nahm sich der Freiherr am 2. September 1944 das Leben.

Auf diese Episode bin ich im Zuge meiner Recherchen zu einer Langen Nacht gestossen, die sich um die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und die Bay Area drehen wird. Die Sendung wird voraussichtlich Ende 2018 ausgestrahlt werden.

Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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Geschichtssuche im hohen Norden

Calumet in der Keweenaw Peninsula.

Calumet ist eine Kleinstadt ganz oben in der Upper Peninsula, der Keweenaw Peninsula, von Michigan. Eigentlich hätte Calumet sogar die Hauptstadt von Michigan sein sollen, doch dazu kam es dann doch nicht. Das war damals vor mehr als 100 Jahren, als die Kupferminenstadt eine wahre „Boom Town“ war. Theater, Kinos, Straßenbahnen, Tanzveranstaltungsorte, Immigranten aus aller Welt zog es hierher, vor allem Finnen, Italiener, Deutsche und Iren, die sich unter Tage ihren harten Broterwerb verdienten. In der UP lässt sich der weltweit reinste Kupfer finden, noch immer gibt es unglaubliche Vorkommen, doch gefördert wird hier nichts mehr.

Calumet wurde über die Grenzen der UP hinaus auch durch den Song „1913 Massacre“ von Woody Guthrie bekannt, der in dem Lied ein tödliches Feuer während eines Arbeiterstreiks besingt. Veröffentlicht wurde es 1941, doch nach wie hat es nichts an seiner Kraft und Energie verloren.

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Heute war ich etwas in Calumet unterwegs. Die Stadt ist überschaubaur, ein paar alte Gebäude erinnern an die ruhmreichen Zeiten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute tut man sich schwer. Die Industrie fehlt, nur wenige Touristen finden den Weg in diese abgelegene Landzunge inmitten des Lake Superior, des Oberen Sees. Der Winter ist brutal, hart und lang, im September beginnt es zu schneien und Schnee liegt hier oben meist bis Mitte Mai. Und nicht ein paar Zentimeter, hier spricht man von Metern. In den wenigen Sommermonaten blüht alles auf. Auch in Calumet, der einstigen „Boom Town“ spürt man dieses Aufatmen, dieses Sonnentanken.

Meine heutigen „Fundstücke“: Heintje singt auf Englisch und ein Buch über Baron von Steuben.

Mich hatte es wieder in den alten Buchladen „Artis Books“ gezogen, den ich in der Vergangenheit schon öfters besucht habe. Ein unglaublich reichhaltiger und vollgestopfter „used bookstore“. Ich bin dort immer auf der Suche nach alten deutschen Büchern, nach der Geschichte der Deutschen in der Keweenaw Peninsula. Und die gab es, am bekanntesten ist wohl die, des Bierbrauers Joseph Bosch, der 1874 seine „Bosch Brewing Company“ eröffnete. Ein Bierchen für die Kumpel nach einer langen Schicht im Schacht. Heute erfuhr ich von einem deutschen Friedhof in der Region nördlich von Calumet, den ich auch noch in den kommenden Tagen besuchen will.

Calumet und die Keweenaw Peninsula erinnern an Skandinavien. Vielleicht gerade deshalb zog es so viele Finnen, Norweger und Schweden hierher, die neben der Arbeit auch eine vertraute neue/alte Heimat finden wollten. Die Gegend wirkt vergessen, ja, an vielen Stellen verlassen. „Ghost towns“ kann man überall entdecken, man muss nur nach den Apfelbäumen suchen, dann stößt man auf Häuser und Ansiedlungen, von denen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Und doch, hier oben im Norden kann man sich wohl fühlen, zumindest eine Zeitlang Ruhe, Entspannung und einen inneren Ort der Entschleunigung finden.

Von Gott gesandt

      Christliche Fundamentalisten und Trump

Ein ruhiger Sonntagmorgen. Ich stehe in der Küche, mache Kaffee, schaue nach draußen, der Morgennebel verzieht sich so langsam. Mein Nachbar, ein älterer Mann, tritt im Anzug und Krawatte vor die Tür, steigt wie jeden Sonntagmorgen in seinen in die Jahre gekommenden Plymouth, klappt seine Brille nach oben und fährt zur nahegelegenen Kirche.

In der San Francisco Bay Area kann man davon ausgehen, dass in den Gottesdiensten über Nächstenliebe, den Schutz von Flüchtenden, die Hilfe für Notleidende gesprochen und für sie gebetet wird. In anderen Teilen der USA klingt das wahrscheinlich ganz anders, denn noch immer sind 3/4 der Southern Baptist Gläubigen davon überzeugt, dass Donald Trump „von Gott gesandt wurde“, dass der 45. Präsident auf der „rechten Seite Gottes“ steht. Die christlichen Fundamentalisten im Land waren für den Wahlerfolg Donald Trumps ausschlaggebend. Keine Skandale, keine Lügen, keine Beschimpfungen konnten sie davon abbringen für ihn zu stimmen. Und noch immer halten sie zu ihrem Präsidenten, dessen Fehler sie zwar sehen, aber der für sie dennoch einen höheren Auftrag hat, als nur der amerikanischer Präsident zu sein.

Mit der Bibel in der Hand zur Wahlurne. Foto: Reuters.

Nächstenliebe heißt für viele der Southern Baptist Gläubigen, liebe Deinen amerikanischen Nachbarn. Dem Fremden auf der Durchreise Schutz bieten, ja, aber nur dann, wenn er legal im Land ist. Den Armen in der Gesellschaft helfen, auch das, doch er soll Amerikaner sein. „God and Country“, Gott und Nation, das ist für die christlichen Fundamentalisten eng miteinander verbunden. Der Patriotismus in Glaubensfragen äußert sich auch durch die amerikanische Fahne im Gotteshaus. Da ist kein Platz für Menschen aus anderen Ländern. Das Bekenntnis zu Gott ist ein Bekenntnis zu Amerika, zu „God’s Country“, dem auserwählten Land.

Donald Trump steht für all das. Er sagte im Wahlkampf, das Christentum sei in Gefahr, dass die Bibel sein Lieblingsbuch sei und das er als Präsident nur Richter für das Verfassungsgericht auswählen werde, die sich gegen die Abtreibung aussprechen. Das kam gut an, Trump war ihr Mann, hier sprach einer, der zwar mit Sünden beladen war, aber dennoch von Gott gesandt war, um dieses Land, ihr gelobtes Land zu retten. Obama, so meinen noch immer viele, sei ein Muslim, der einen Koran in der Jackentasche mit sich führt. Und Hillary Clinton ist sowieso die Ausgeburt des Teufels.

Mehr als Zweidrittel der christlichen Fundamentalisten stehen nach wie vor zu Donald Trump. Nichts konnte bislang an ihrer Unterstützung für diesen Präsidenten ändern. Sie sehen ihn und das Land auf dem richtigen Weg, in dem Gott und Amerika wieder an vorderster Stelle stehen. Was die liberale Lügenpresse, die „Fake News“ über Donald Trump, seine Administration und seine Politik berichten, kommt im „Bible Belt“ der USA nicht an. Trump hat seine eigenen Kommunikationskanäle geschaffen – Twitter und die Kanzeln in den unzähligen fundamentalistischen Kirchengemeinden der USA. Der nächste Wahlausgang ist hier bereits entschieden.

Helmlos durch die Nacht

Aus Kalifornien kommen die Hells Angels. Und selbst die harten Jungs dieses umstrittenen Motorradclubs tragen im Pazifikstaat Motorradhelme, auch wenn viele Versionen eher an Stahlhelme aus dem Ersten Weltkrieg erinnern. Aber es ist Gesetz, von daher beugt man sich (zumindest hier) dem Gesetzgeber. Auf dem Weg von Kalifornien nach Michigan konnte ich auf den Highways und Freeways allerdings sehen, dass es in den USA keine allgemeine Helmpflicht gibt.

Eigentlich gab es die mal. 1967 wurde die allgemeine Helmpflicht für alle Bundesstaaten beschlossen. Wer die nicht durchsetzen wollte, dem wurden öffentliche Gelder im Bereich der Verkehrsprävention und des Straßenbaus entzogen. Anfang der 70er Jahre war deshalb die Helmpflicht „law of the land“. Doch das änderte sich nur wenige Jahre danach erneut. Etliche Bundesstaaten konnten sich im Kongress durch gezielte Lobbyarbeit mit ihrer Forderung durchsetzen, dass die Auszahlung von Geldern aus Washington nicht mit der Helmpflicht in den Bundesstaaten verknüpft werden sollte.

Seitdem gleicht die Landkarte der USA einem Schachbrett. 19 US Bundesstaaten haben allgemeine Helmpflichten für Motorradfahrer, 28 Bundesstaaten haben Teilgesetze, die besagen, dass junge Fahrer unter 17 bzw. unter 20 Jahren einen Helm tragen müssen. Über 20 scheint der Schädel so hart zu sein, dass nichts mehr passieren kann. Drei Bundesstaaten in den USA – Iowa, Illinois und New Hampshire – haben gar keine verpflichtende Helmpflicht. Da brettern im Mittleren Westen also die Bikers an einem mit Sonnenbrille und wehendem Haar vorbei, Easy Rider lässt auch nach 50 Jahren noch grüßen. America the land of the free!

Ein bißchen Aloha für die Seele

      Paul Page Pacific Paradise

Musik aus Hawaii und Polynesien erlebt derzeit in den USA ein (zumindest kleines) Revival. Auf Festivals und in Bars treten Bands auf, alte Songs werden wiederentdeckt und neu aufgenommen, man kann sagen, ein bißchen Aloha tut der amerikanischen Gesellschaft in diesen stürmischen Zeiten ganz gut. Und nun kommt auch ein Album heraus, das einen der ganz großen Musiker und Bandleader dieses Genres präsentiert. Einen Musiker, der kaum bekannt ist und ganz in Vergessenheit geraten ist, doch bei dem es sich lohnt genauer hinzuhören. Paul Page steht für jene Zeiten, in denen die Tiki Bars in Südkalifornien mehr als angesagt waren. „Pacific Paradise“ heißt die Platte, die nun bei Subliminal Sounds erscheint. Dazu der obige Audiobeitrag.

Der Funken zum großen Feuer

Vor mehr als 30 Jahren wurde Das Ich im oberfränkischen Bayreuth gegründet. Aus der Wagnerstadt zog das Duo hinaus in die Welt, um mit ihrem eigenwilligen Sound, ihrer schockierenden Bühnenpräsenz und ihren deutschen Texten zu ganz besonderen Kulturbotschaftern zu werden. „Das Ich besucht AmerikA“ heißt die aktuelle Tour, die Bruno Kramm und Stefan Ackermann durch 16 amerikanische Städte führt.

Man sei schon etwas geschockt gewesen, als man im Süden der USA die „Trump 2020“ Aufkleber auf den Pickups sah, meint Bruno Kramm im Gespräch. Viele seiner Musikerkollegen in Deutschland meiden mittlerweile die USA, sie wollen vielmehr abwarten, bis Donald Trump aus dem Amt ist. Doch davon hält Kramm gar nichts. Musik sei politisch, er finde es wichtig auch hier deutlich Stellung zu beziehen, an die Grundwerte Amerikas zu appelieren. Auf der Bühne findet der 51jährige durchaus deutliche Worte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ohne ihn beim Namen zu nennen: „Send him to space, he is a f…. illegal earthling“. Im Gespräch mit ihm und Stefan Ackermann klingt das ganz anders. Er sieht Das Ich als kleinen Funken, der vielleicht mithelfen könnte, den dringend notwendigen Flächenbrand in den USA zu entfachen.

Das Ich meldet sich mit dieser USA Tour brachial zurück. Neun Jahre lang herrschte nahezu Funkstille. Das lag an einer schweren Erkrankung von Sänger Stefan Ackermann und das lag auch an den politischen Ambitionen von Bruno Kramm, der von Bündnis90/Die Grünen zur Piratenpartei wechselte und sich in Berlin in die Landespolitik einmischte. Schließlich klagte er noch erfolgreich gegen die GEMA.

Doch nun steht wieder die Musik im Vordergrund. Erst die Tour, an einer neuen Platte wird gearbeitet, ganz im Sinne von „America First“ präsentierte Das Ich schon neue Songs in den Live-Konzerten. In der gutbesuchten DNA-Lounge auf der 11. Street in San Francisco kamen die alten und neuen Songs gut an. Auf der Bühne tobten die drei Gestalten (der Dritte im Live-Bund ist Damian Hrunka) wie Berserker. Bruno Kramm der Alptraum-Priester, Stefan Ackermann mit roter Haut wie ein Derwisch, Damian Hrunka als Schlächter im Vorhof zur Hölle. Es war ein schräg-schrill-schönes Konzert, mitreißend, lautstark, eine ganz besondere Dröhnung. Das Ich als Kultur- und Sprachbotschafter Deutschlands, nicht ganz offiziell, aber dafür umso einprägender. Wie sagte der eine am Ende dees Konzerts neben mir: „Those Germans, they’re crazy, but we need them“.