John Lee Hooker im düsteren Gewand

Irgendwann sass ich mal an der Bar im „Boom Boom Room“ an der Ecke Fillmore and Geary in San Francisco. Bier, Blues und rauchfreie Luft in John Lee Hookers Club. Und der Besitzer und legendäre Musiker war an dem Abend da, griff auch mal zur Gitarre und spielte auf der kleinen Bühne ein paar seiner Songs. Ein unvergesslicher Abend.

John Lee Hooker verstarb im Juni 2001, seine Musik ist geblieben, so wie seine Bar. Einer der Großen des Blues hat sich unsterblich gemacht. Nun legen der Australier Hugo Race und der Italiener Michelangelo Russo ein Album vor, aufgenommen im Berliner Studio der Einstürzenden Neubauten, das die musikalische Welt von Hooker ganz neu interpretiert. Auf „John Lee Hooker’s World Today“ wird der Blues verdunkelt. Es ist ein eigenwilliger atmosphärischer Trip, der nicht viel von den eigentlichen Songs übrig lässt und dennoch eine Hommage an diesen unglaublichen Musiker ist. Die rauchige Stimme von Hugo Race, die verzerrten Gitarren, die Tiefe des Raums, die Monotonie, eingerahmt in das Fundament des Blues. Ambient trifft auf Avantgarde, vermischt sich mit Eletronica und das alles bluesig unterlegt.

All das ist möglich. Hugo Race ist für mich ein Meister des Düstersounds, der sich spielend über Genregrenzen hinweg bewegt. Seine Soloplatten, seine Kollaborationen mit anderen, zuletzt mit Catherine Graindorge für „Long Distance Operators“, sind herausragend auf dem weiten Independent Field. Das Album mit acht John Lee Hooker Songs ist ein brillantes Werk von Hugo Race und Michelangelo Russo. Es lädt zum verweilenden Zuhören ein. Gerade schallt es laut, sehr laut durch mein Haus, genau richtig für diesen schweren Sound, der sich so ganz langsam heranschleicht, einen umspielt, umfasst und hinabzieht in einen musikalischen Abgrund. „John Lee Hooker’s World Today“ ist ein ganz neuer Blick auf den Blues. Tragend, schwer, tief und unglaublich erfüllend. Wunderbar!

Hugo Race & Michelangelo Russo, John Lee Hooker’s World Today, Glitterhouse Records / Gusstaff Records.

 

 

Als mich Leni Riefenstahl anspuckte

Die Bühne gibt es eigentlich nicht. Ein paar Stuhlreihen links und rechts und dazwischen wird gespielt. Als Zuschauer sitzt man mittendrin, muss auch mal die Beine einziehen, wenn die Schauspielerinnen Stacy Ross und Martha Brigham an einem vorbeilaufen, Beleuchtungslampen durch die Gegend schieben. Und eben auch direkt vor einem sprechen. Theater zum Anfassen.

Stacy Ross in der Rolle der Leni Riefenstahl.

Der Zuschauer wird Teil dieser Produktion, wird Teil der Geschichte. Denn das Publikum ist gefragt, über Schuld, Nichtschuld, Teilschuld, Unschuld der wohl bekanntesten deutschen Filmemacherin zu urteilen. Alles dreht sich um ihre berühmt-berüchtigten Meisterwerke „Triumph des Willens“ und „Olympia“. Ist es „nur“ Kunst oder waren diese Filme aktive Unterstützung des nationalsozialistischen Weltbilds und damit ein wichtiger Teil des brutalen Unrechtsregimes?

Auf zwei Leinwänden werden Ausschnitte eingespielt. Szenen aus der Altstadt Nürnbergs in dem kleinen Aurora Theater in Downtown Berkeley. Adolf Hitler im offenen Wagen, Nürnberginnen und Nürnberger, die dem Führer begeistert zujubeln. Es ist etwas surreal und doch auch so aktuell. Denn in den USA findet in diesen Tagen, Wochen und Monaten, eigentlich schon seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001, eine Diskussion statt, in der die Rolle der Kunst und Kultur in einer modernen Gesellschaft hinterfragt wird. Einer Gesellschaft, die von Terroristen angegriffen wird, in der von manchen Patriotismus, Familienwerte und Moral eingefordert werden. Welche Verantwortung hat die Kunst?

Leni Riefenstahl (Stacy Ross) sagt auf der Bühne, ihre Arbeit werde heute überall kopiert, die Bilder des letzten US Wahlkampfes fallen einem gleich ein. Wo sei also ihre Schuld, wenn sie nur hinter der Kamera stand, am Schneidetisch viele Stunden Aufnahmen kommentarlos zusammen schnitt? Sie habe sich nie positioniert, war nie politisch aktiv. Auf die Frage aus ihrem Nachkriegsverhör, ob sie eine Liebes- und sexuelle Beziehung zu Hitler und Goebbels hatte, antwortet Leni entrüstet. Hier wird sie zum Opfer, denn diese sexistische Frage impliziert, dass sie als Frau niemals diesen Zugang zum Führer gehabt hätte, wenn sie nicht willig gewesen wäre.

„Leni“ von Sarah Greenman ist ein beeindruckendes Theaterstück, voller offener Fragen und wenigen Antworten. Es beschreibt eine Frau, eine Künstlerin, deren Namen wir alle kennen, doch die wir alle kaum kennen. „Leni“ wäre ein Schauspiel für Nürnberg, vielleicht sogar eines, das im Dokumentationszentrum am Dutzendteich aufgeführt werden sollte, dort, wo Leni Riefenstahl ihren „Triumph des Willens“, Fluch und Segen der Künstlerin, einst drehte.

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Das Hinsehen wird nie alt

„Politics of Seeing“ heißt die neue Ausstellung im Oakland Museum of California. Gezeigt wird eine Auswahl an Fotos von Dorothea Lange, eine Ausnahmefotografin des 20. Jahrhunderts. Ihre Bilder sind Dokumente und beschreiben eine Zeit, die eigentlich schon lange hinter uns liegen sollte. Doch das, was in diesen Fotos zu sehen ist, beschäftigt uns noch immer und ist aktueller denn je: Immigration, Internierung, Armut. Viele der Augenblicke, die Dorothea Lange mit ihrer Kamera festgehalten hat, erlebte sie in den 1930er und 1940er Jahren. Doch die Zeit scheint still zu stehen. Es ist nie der Blick von jetzt nach damals, den man als Besucher dieser Ausstellung erlebt. Es ist vielmehr ein mittendrin im Jetzt, „Politics of Seeing“ ist eine brandaktuelle Bilderschau im Jahr 1 der Trump-Ära.

Dorothea Lange hatte dieses Auge für den Moment. Ihre Bilder sind Kunstwerke, ohne die Menschen und die Situationen künstlich erscheinen zu lassen. Die Zeit steht still, ein Ausschnitt des Lebens. Einfach und doch so kraftvoll. Es braucht keine Worte, um das wiederzugeben, was sie festhalten wollte. Viele ihrer ikonischen Fotos wurden zu zeitlosen und wichtigen Dokumenten, wie das Bild einer Migrantin, einer Mutter. In der Ausstellung kann man die Bilderserie sehen, die zu diesem Foto führte. Ein paar Zeilen daneben erzählen die Geschichte dazu und beschreiben auch den professionellen Fehler, der der Fotografin Dorothea Lange hier unterlief. Normalerweise nahm sie sich Zeit für die Menschen, die sie ablichtete, sprach mit ihnen, öffnete sie. Hier bei dieser Frau war das anders, es ging schnell, Lange war müde von einem langen Tag und nahm die Informationen falsch auf. Die Mutter war keine arme, weiße Migrantin, vielmehr war sie „Native-American“. Das Bild verfolgte die Mutter und ihre Kinder ein Leben lang. Für sie wurde es zum Fluch.

Lange hat mit ihrer Arbeit viele Fotografen beeinflusst. Auch das wird in der Ausstellung des Oakland Museum of California betont. Drei Fotografen wurden eingeladen, ein paar ihrer Bilder zu präsentieren. Und man sieht auch hier den Bogen von damals bis heute. Das Museum konnte für diese Präsentation aus dem reichen Fundus des eigenen Hauses auswählen, denn seit 50 Jahren ist das persönliche Archiv von Dorothea Lange mit 6000 Drucken und 25.000 Negativen, dazu Schriften und persönliche Gegenstände hier untergebracht. Die Ausstellung „Politics of Seeing“ ist noch bis zum 13. August zu sehen.

Alle Fotos Oakland Museum of California.

 

Musik für den freien Fall

Es muss im Herbst 1992 gewesen sein, da sah ich Oxbow zum ersten Mal in einem kleinen Club oben an der Haight Street in San Francisco. Damals war eine Kollegin aus dem Burt Children’s Center mit dem Gitarristen der Band, Niko Wenner, zusammen. Sie meinte, komm mit zum Konzert, könnte dir gefallen. Für mich war San Francisco damals noch ein offenes Buch. Jeder Tag war voller neuer Entdeckungen. Und Oxbow war eine prägende Erfahrung. In diesem kleinen Club zu später Stunde schrammelte sich die Band durch den Abend. Niko, sonst eher einer ruhiger, zurückhaltender, ja, schüchterner Zeitgenosse, der mit leiser Stimme sprach, wirbelte wie ein Derwisch über die kleine Bühne, beackerte seine Gitarre, hieb drauf, entlockte ihr die alptraumhaftesten Töne. Der Lautstärkepegel war kurz vor dem Dach-Abflug-Level. Und dann war da ihr Sänger Eugene Robinson. Ein Muskelpaket, der sich schon früh im schweisstreibenden Kneipendunst sein Hemd vom Leib riss und mal grölte, mal schrie, mal ganz gefühlvoll ins Mikro hauchte. Seine Augen rollten herum, so als ob er kurz vor der Ekstase war.

25 Jahre später legen Oxbow „Thin Black Duke“ vor. Ein Album, das auf den ersten Hörtrip ruhiger, gemäßigter wirkt, so, als ob Oxbow in die Jahre gekommen sind. Doch das täuscht. Daniel Adams, Gregory Davis, Eugene Robinson und Niko Wenner sind noch immer so schön schräg schrill wie eh und je. Da sind Dissonanzen in der Musik, da passiert etwas im Hintergrund, was da so nicht hingehört und dennoch zum komplexen Klangbild der Band passt. „Thin Black Duke“ ist eine musikalische Herausforderung, die es in sich hat. Kein gerader Weg, kein Lalala, keine Untermalung im Alltag. Dieses Album hat Tiefe, Ecken und Kanten, Ausbuchtungen, dunkle Seiten, die man als Hörer mutig und bereitwillig entdecken muß, entdecken sollte. Diese Platte ist ein Meisterwerk der Band, ohne Kompromisse zu machen sind Oxbow durch die Jahre marschiert. Zum 50. Jubiläum des „Summer of Love“ mit all seinen Hippie Klängen, spielt hier eine Band auf, die fest verankert ist in der Weltstadt San Francisco. Irgendwie kommt auf diesem Album alles zusammen, Vergangenheit und Zukunft und eine volle Breitseite Gegenwart. In was für einer Welt leben wir? Hier ist der Soundtrack dazu.

„A needy, whiny baby“

„A needy whiny baby“, „A moral midget“, „I’m sad for America tonight“, das sind einige der Kommentare nach der Rede von Donald Trump. Trump reiste nach Pennsylvania, um sich am 100. Tag seiner Amtszeit feiern zu lassen. Er kam, sah und lieferte genau das, was seine Fans hören wollten. Ersteinmal ging es zehn Minuten gegen die Medien, die „Fake News“, wie der amerikanische Präsident sie nennt. Allein das ist ein Armutszeugnis für diesen Mann. CNN, MSNBC, die New York Times bekamen besonders ihr Fett ab. Trump hat damit gezeigt, dass er noch immer kein Interesse daran hat, sich vom Wahlkämpfer zum Präsidenten zu wandeln. Auch andere Präsidenten vor ihm hatten ihre Kämpfe und ihre Meinungsverschiedenheiten mit der Presse. Aber alle, egal ob Reagan, Bush, Clinton, Bush, Obama waren sich einig in dem, was Barack Obama am Ende seiner Amtszeit zu den Korrespondenten des Weißen Hauses sagte: „America needs you and democracy needs you“. Das ist eine unumstößliche Wertschätzung!

Die Rede tat weh, zeitweise tat sie sogar sehr weh. Nicht nur, weil da ein Mann im Weißen Haus sitzt, den ich bei meiner ersten US Präsidentenwahl nicht gewählt habe. Es tat vor allem weh, weil da jemand das Amt des Präsidenten innehat, der bislang keinen Versuch unternommen hat dieses Land zu einen. Es geht noch nicht einmal um den politischen Graben, der in keiner Amtszeit überwunden werden kann. Das war so unter Bill Clinton, unter George W. Bush, unter Barack Obama und nun auch unter Donald Trump. Politisch wird man nie überein stimmen. Doch der Ton, den Donald Trump befeuert, die Stimmung, die er anheizt ist alles andere als die eines präsidialen Staatsmannes. Ich habe George W. Bush nicht gemocht, ich habe auch Ronald Reagan nicht gemocht, aber keiner der beiden Republikaner hätte jemals solch ein Rede gehalten, wie sie Donald Trump heute Abend gehalten hat: hasserfüllt, nachtretend, anstachelnd und voller bewußter Falschausssagen.

Trump ist ein narzistischer Selbstdarsteller, der solche Auftritte liebt. So füttert er sein krankhaftes Ego, wenn ihm die ausgewählte Masse zujubelt. Egal was er sagt, Trump wird von seinen Fans als Heilsbringer angehimmelt. „Lock her up“ und „Build the wall“, Trump lächelt nur zu diesen bescheuerten Rufen. Seine Wähler stehen nach wie vor zu ihm, sie sehen ihn als Washington-Außenseiter, als jemanden mit provokanten Forderungen, als jemand, der ihnen aus der Seele spricht. Jobs, Ausländer, Terrorangst. Ein bißchen Rassismus darf ruhig sein, auch das liefert Trump.

Diese Rede zeigt den kritischen Punkt, den Amerika heute erreicht hat. 100 Tage Donald Trump sind nicht Anlass zum Rückblick, auf das, was Trump bislang schon alles gemacht, erreicht und angerichtet hat. Diese 100 Tage Marke ist für mich mehr ein Grund sorgenvoll nach vorne zu blicken. Denn was da noch auf uns zukommen wird – auf Amerikaner und die internationale Gemeinschaft – verspricht nach diesem Samstagabend nichts Gutes.

100 Tage Präsident Donald Trump

Viel wird derzeit über diese ersten 100 Tage der Trump Adminstration gesprochen. Keine Nachrichten-, keine Diskussionssendung vergeht, wo nicht über diesen künstlichen Zeitrahmen gesprochen wird. Trump selbst sagt von sich, er habe in dieser Zeit so viel erreicht wie noch kein Präsident vor ihm. Allerdings sieht die Realität anders aus. Donald Trump hat zumindest nicht das geschafft, was er großspurig in seinem „Contract with the American Voter“ angekündigt hatte. Sein „100-day action plan to Make America Great Again“ ist bislang alles andere als aktionsreich verlaufen. Trump tweetet und stellt sich wie eh und je selbst dar. Selbstverliebt und realitätsfern ging er durch die ersten 100 Tage „on the job“.

Nun haben die Produzenten der Simpsons ein passendes Bild des neuen Präsidenten gezeichnet. Anlass sind die ersten abgelaufenen 100 Tage von Donald Trump im Weißen Haus. Der Videoclip macht derzeit die Runde online. Interessanterweise werden die Simpsons auf FOX ausgestrahlt, dem Rupert Murdoch-Sender, zu dem auch FOXNews gehört, der (in)offizielle Propagandasender der Trump Administration.

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Lange Schlangen am Plattenladentag

Schlangestehen vor dem Plattenladen.

„Record Store Day“, seit zehn Jahren ist das ein Feiertag für alle Plattensammler. Viele Labels und Bands veröffentlichen an diesem Tag besondere Scheiben, um die lokalen Plattenläden zu unterstützen. Ich war heute gleich in drei Läden unterwegs, „1-2-3-4 Go! Records“ in Oakland, „Econo Jam Records“ in Oakland und „Amoeba Records“ in Berkeley. Und das dauerte Stunden, denn beim ersten Laden stand ich erst einmal eineinhalb Stunden vor der Tür in der Schlange. Doch das war gar nicht so schlimm, denn die Leute unterhielten sich über Platten, über bestimmte Deals, nach was sie suchten. Und ich bekam einige nette Kommentare zu meinem Kraftwerk/Autobahn T-Shirt.

Endlich drinnen im Record Store suchte ich nach den deutschen Sonderauflagen für diesen Tag, darunter Faust/Ulan Bator, Camera/Richard Pinhas und Peter Baumann/Conrad Schnitzler & Pyrolator/Schneider TM, dann noch Caspar Brötzmann/T.Raumschmiere, Klaus Dinger und schließlich noch die 45er von Peter Schillings „Major Tom“. Einges konnte ich finden, dazu noch Townes van Zandt, Art of Noise und die Compilation „Close to the noise floor“. Zumeist schräges Zeug, aber hey, ich werde eben alt, da ändern sich die musikalischen Vorlieben. Und nein, mit Klassik, Oper und Musicals kann ich noch immer nichts anfangen.

Völlig losgelöst…volle Plattentasche aus Jute.

„Record Store Day“ ist ein Erlebnis. In den Läden legen DJs auf oder spielen Bands live (letztes Jahr rockten Metallica bei Rasputin Records in Berkeley), es gibt Getränke, Geschenke und besondere Deals, gefeiert wird die gute alte Langspielplatte und die 45er Single. Das hätten sich vor einigen Jahren auch so einige nicht gedacht, dass Vinyl wieder so einen Durchstart hinlegt. Und die Leute, die sich in die Schlangen einreihen, erst vor den Läden und dann vor den Kassen, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, sind jung, sind alt, 80 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen, lieben von Rap bis Industrial, von Noise bis Classic Rock, von Jazz bis Soul einfach alles. Das spiegelt sich auch im umfangreichen Angebote an diesem Tag wieder. Es sind Sammler, die die besonderen Pressungen wollen, es sind Musikbegeisterte, die einfach den Klang einer Platte lieben und an diesem Samstag in ihrem Element sind. Man ist nicht alleine mit seiner Sammelleidenschaft und die Suche nach den Juwelen des Tages, den persönlichen Perlen, macht es aus. Die Platten sind limitiert, von einigen Veröffentlichungen kommen nur ein paar wenige Exemplare in die Läden und dann auch nicht in alle. Und am Ende hat man dann die Scheiben, die man haben will, oder auch nicht, vielleicht noch ein paar mehr…und Vinyl klingt einfach anders!

„Stefan Weber heißt das Schwein“

„McRonalds Massaker“ von Drahdiwaberl fiel gleich auf im Plattenladen neben Nena, UKW und Hubert Kah.

Zurück aus Somalia. Auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel neuer CDs und auch eine DVD mit dem Titel „Stefan Weber heißt das Schwein“. Es ist die Geschichte der österreichischen Provokateure Drahdiwaberl, zu denen auch mal Falco gehörte. Berühmt-berüchtigt wurden sie Anfang der 80er Jahre, als in den deutschen Landen alles veröffentlicht wurde, was auf Deutsch daher kam. Neben Nena, Markus und Frl. Menke wurden da auf einmal auch Bands wie die Einstürzenden Neubauten, DAF und eben Drahdiwaberl angesagt. Und die Österreicher um den Kunstprofessor Stefan Weber passten genausowenig in das Konzept des NDW-Plastikpops mit Zielrichtung ZDF-Hitparade, wie die Neubauten oder DAF.

Drahdiwaberl schockierten allein schon mit Platten wie „McRonalds Massaker“, gegen das die amerikanische Burgerkette klagte. Ungeniert feierten sie sich schrill-schräg-schön auf der Bühne. Es waren aufufernde Happenings, in denen erlaubt war, was eigentlich nicht erlaubt war. Weber und seine Gefolgschaft führten das politische und kulturelle Establishment Österreichs vor. Daher auch der Satz „Stefan Weber heißt das Schwein“, irgendein FPÖ Politiker wird es schon gesagt haben. Drahdiwaberl und ihre Anhänger hatten in den „Freiheitlichen“ den idealen Gegner gefunden. Das ging soweit, dass ihr Label, Virgin, das Lied „Schulterschluss“ vom Album „Torte statt Worte“ schmiss, aus Angst, die FPÖ könnte klagen. Weber reagierte und ließ den Song kostenlos im Internet verbreiten. Kunst ist eben zensurfrei.

Ihre Platten waren alles andere als hitverdächtig und doch waren sie Meilensteine der Austro-Musikszene. Mit dieser DVD liegt nun ein weiterer Film vor, der, so wird betont, mit 0 Euro Budget gedreht wurde. Das sieht und hört man und dennoch wird hier die abgefahrene Webersche Welt dargestellt. Was fehlt ist die Musik, wahrscheinlich aus Rechtegründen, was auch fehlt sind alte Konzertmitschnitte. „Stefan Weber heißt das Schwein“ konzentriert sich mehr auf die späten 2000er Jahre, kurz bevor Weber mit Parkinson diagnostiziert und schließlich von der Bühne gehen mußte.

Wer die wahre Welt von Drahdiwaberl filmisch erleben möchte, sollte sich die DVD „Weltrevolution“ besorgen. Darin kann man die seltsame und verquerte Weltsicht des Ober-Provocateurs und Künstlers Stefan Weber erleben. Enthalten ist auch der legendäre New York Auftritt der Band in den 90er Jahren, als Drahdiwaberl auf einem internationalen Musikfestival als österreichischer Part eingeladen worden waren. Drahdiwaberl haben zweifellos Musikgeschichte geschrieben. Sie waren seinerzeit für mich eine der interessantesten NDW-Bands, eben weil sie nicht geradlinig und sich nicht in die poppigen Einheitsschablonen pressen ließen. Seitdem bin ich Fan und habe es nie bereut von Stefan Weber so versaut worden zu sein….Stefan Weber heißt das Schwein!

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Der Muskelmann erklärt die Welt

In den über 20 Jahren Radio Goethe habe ich viel Musik aus deutschen Landen gehört. Das reicht von Krautrock bis Techno, von Rock bis Pop, von Mittelalter bis Gothic und noch so einiges mehr. Vieles hat mich begeistert, anderes läuft so nebenher, etliches war dann doch nichts für mich. Aber Geschmack ist ja was sehr persönliches.

Und irgendwann lag da diese CD auf meinem Schreibtisch, die aus Europa, über den Großen Teich, quer über Nordamerika hinweg nach Oakland geschickt wurde. Darauf ein muskelbepackter, Oberkörper freier, Pfeifen rauchender Kerl, mit einer komischen Gummihornmütze: Rummelsnuff. Ich glaube, das Album wurde mir von Ray van Zeschau zugeschickt, der vor vielen Jahren gemeinsam mit Roger Baptist, so der bürgerliche Name vom Rummelkäpt’n, in der Dresdner Indie-Kultband „Freunde der italienischen Oper“ musizierte.

Rummelsnuff erinnert, bewußt oder unbewußt, an Popeye. Seine Lieder behandeln oftmals Arbeiterthemen, sind mal ganz einfach gestrickt, minimal, wie jene Hymnen des Dadada Trios, und werden so auf ihre Weise zu genialem Liedgut. Und es wird dennoch immer mal wieder eine unglaubliche musikalische und auch sprachliche Tiefe erreicht. Der Gesang ist so schräg-schön, dass er mitreißt. Seit dieser ersten Promo-CD verfolge ich die Karriere des singenden Kraftpakets und beschalle mit seinen Liedern gerne die durchaus gewillte Radio Goethe Gemeinde in aller Welt.

Doch über die Musik soll es hier nicht gehen, vielmehr über das nun in der Eulenspiegel Verlagsgruppe erschienene „Rummelsnuff – Das Buch“. Darin erzählt Roger (Ostdeutsch ausgesprochen) Baptist seinen Werdegang. Mal näher und offen, mal nur andeutend und ausweichend. Ein Buch mit vielen Bildern bereichert, das sich um Musik, Kraftsport, Freundschaften, um Jobs aller Art und einen unendlichen Glauben an die eigene Schaffenskraft und Kreativität dreht. Rummelsnuff schreibt über sich in der dritten Person. So, als ob er auf sein Leben blickt und sich als Teilnehmer eines großen und unvollendeten Filmes wahrnimmt.

Den Mann und Musiker, der oftmals von Kritikern und Alltagsmenschen belächelt wird, bei dessen Anblick viele fragen, ob das alles nur Show ist, stellt sich hier in einer etwas anderen, unkonventionellen und dennoch lesenswerten Art vor. Unter den dicken Muskelbergen steckt ein sensibler Mann, der manchmal etwas umständlich die Dinge beschreibt, doch gerade das macht ihn aus. In seinen Liedtexten über Pumper, Harzer Käse, Seemänner, in seinen Interviews, in diesem Buch. Der Rummelkäpt’n ist schon seit Jahren für mich eine Bereicherung für die deutsche Musikszene und nun auch für das Regal: Musikerbiographien der etwas anderen Art.

Der kulturlose Präsident

Der geplante Kahlschlag in der amerikanischen Gesellschaft kommt nicht aus dem Nichts. Donald Trump ist nicht gerade bekannt dafür ein Fan von Kunst und Kultur zu sein. Von daher kann es auch nicht verwundern, dass er Förderprogramme und staatliche finanzielle Unterstützung für Museen, Bibliotheken, Galerien, Auftrittsmöglichkeiten, für Künstler und Musiker wahllos streicht. Trump hat keinen Plan davon, was er da mit dem Rotstift vernichtet.

Auch die Museen und Einrichtunges des Smithsonian in Washington DC wären massiv von den Kürzungen der Trump-Administration betroffen.

Es sind nicht nur Tausende Jobs, die in Gefahr sind, vom „greatest job president in American history“ (Trump Eigenwerbung) gestrichen zu werden. „Es geht um Genuss, um Inspiration, um Jobs, aber es geht auch um Menschlichkeit. Es geht um Amerika und wer wir als Nation sind“, so beschrieb die demokratische Abgeordnete Nancy Pelosi die Trumpschen Vorschläge.

Um ein Zeichen zu setzen kamen in dieser Woche 700 Vertreter von Kultureinrichtungen nach Washington, um gemeinsam am „Arts Advocacy Day“ für die Kulturnation USA zu werben. In Gesprächen mit Abgeordenten beider Parteien wurde versucht, das drohende Unheil abzuwenden. Ob die warnenden Stimmen gehört werden ist noch nicht bekannt. Klar ist nur, dass die Kultur und Kunst in den USA ein wichtiger Teil der amerikanischen Gesellschaft ist. Ein Kahlschlag, wie er nun vom Weißen Haus ins Gespräch gebracht wurde, um Gelder für das Militär und das Ministerium für Heimatschutz freizumachen, ist ein fataler Irrweg, der langfristige Konsequenzen für das Leben in den USA haben wird.

Trump will Geld einsparen und gleichzeitig wurde nun bekannt, dass der Secret Service für die Extraausgaben zum Schutz von Donald Trump und seiner Familie in New York und Florida weitere 50 Millionen Dollar pro Jahr beantragt hat. Auch das zeigt, wie Trump denkt und handelt. Hier den Rotstift ansetzen, dort ohne Probleme Millionenbeträge zum Fenster rauswerfen. So, Mister President“ machen sie nicht „America great again“.