Lange Schlangen am Plattenladentag

Schlangestehen vor dem Plattenladen.

„Record Store Day“, seit zehn Jahren ist das ein Feiertag für alle Plattensammler. Viele Labels und Bands veröffentlichen an diesem Tag besondere Scheiben, um die lokalen Plattenläden zu unterstützen. Ich war heute gleich in drei Läden unterwegs, „1-2-3-4 Go! Records“ in Oakland, „Econo Jam Records“ in Oakland und „Amoeba Records“ in Berkeley. Und das dauerte Stunden, denn beim ersten Laden stand ich erst einmal eineinhalb Stunden vor der Tür in der Schlange. Doch das war gar nicht so schlimm, denn die Leute unterhielten sich über Platten, über bestimmte Deals, nach was sie suchten. Und ich bekam einige nette Kommentare zu meinem Kraftwerk/Autobahn T-Shirt.

Endlich drinnen im Record Store suchte ich nach den deutschen Sonderauflagen für diesen Tag, darunter Faust/Ulan Bator, Camera/Richard Pinhas und Peter Baumann/Conrad Schnitzler & Pyrolator/Schneider TM, dann noch Caspar Brötzmann/T.Raumschmiere, Klaus Dinger und schließlich noch die 45er von Peter Schillings „Major Tom“. Einges konnte ich finden, dazu noch Townes van Zandt, Art of Noise und die Compilation „Close to the noise floor“. Zumeist schräges Zeug, aber hey, ich werde eben alt, da ändern sich die musikalischen Vorlieben. Und nein, mit Klassik, Oper und Musicals kann ich noch immer nichts anfangen.

Völlig losgelöst…volle Plattentasche aus Jute.

„Record Store Day“ ist ein Erlebnis. In den Läden legen DJs auf oder spielen Bands live (letztes Jahr rockten Metallica bei Rasputin Records in Berkeley), es gibt Getränke, Geschenke und besondere Deals, gefeiert wird die gute alte Langspielplatte und die 45er Single. Das hätten sich vor einigen Jahren auch so einige nicht gedacht, dass Vinyl wieder so einen Durchstart hinlegt. Und die Leute, die sich in die Schlangen einreihen, erst vor den Läden und dann vor den Kassen, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, sind jung, sind alt, 80 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen, lieben von Rap bis Industrial, von Noise bis Classic Rock, von Jazz bis Soul einfach alles. Das spiegelt sich auch im umfangreichen Angebote an diesem Tag wieder. Es sind Sammler, die die besonderen Pressungen wollen, es sind Musikbegeisterte, die einfach den Klang einer Platte lieben und an diesem Samstag in ihrem Element sind. Man ist nicht alleine mit seiner Sammelleidenschaft und die Suche nach den Juwelen des Tages, den persönlichen Perlen, macht es aus. Die Platten sind limitiert, von einigen Veröffentlichungen kommen nur ein paar wenige Exemplare in die Läden und dann auch nicht in alle. Und am Ende hat man dann die Scheiben, die man haben will, oder auch nicht, vielleicht noch ein paar mehr…und Vinyl klingt einfach anders!

„Stefan Weber heißt das Schwein“

„McRonalds Massaker“ von Drahdiwaberl fiel gleich auf im Plattenladen neben Nena, UKW und Hubert Kah.

Zurück aus Somalia. Auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel neuer CDs und auch eine DVD mit dem Titel „Stefan Weber heißt das Schwein“. Es ist die Geschichte der österreichischen Provokateure Drahdiwaberl, zu denen auch mal Falco gehörte. Berühmt-berüchtigt wurden sie Anfang der 80er Jahre, als in den deutschen Landen alles veröffentlicht wurde, was auf Deutsch daher kam. Neben Nena, Markus und Frl. Menke wurden da auf einmal auch Bands wie die Einstürzenden Neubauten, DAF und eben Drahdiwaberl angesagt. Und die Österreicher um den Kunstprofessor Stefan Weber passten genausowenig in das Konzept des NDW-Plastikpops mit Zielrichtung ZDF-Hitparade, wie die Neubauten oder DAF.

Drahdiwaberl schockierten allein schon mit Platten wie „McRonalds Massaker“, gegen das die amerikanische Burgerkette klagte. Ungeniert feierten sie sich schrill-schräg-schön auf der Bühne. Es waren aufufernde Happenings, in denen erlaubt war, was eigentlich nicht erlaubt war. Weber und seine Gefolgschaft führten das politische und kulturelle Establishment Österreichs vor. Daher auch der Satz „Stefan Weber heißt das Schwein“, irgendein FPÖ Politiker wird es schon gesagt haben. Drahdiwaberl und ihre Anhänger hatten in den „Freiheitlichen“ den idealen Gegner gefunden. Das ging soweit, dass ihr Label, Virgin, das Lied „Schulterschluss“ vom Album „Torte statt Worte“ schmiss, aus Angst, die FPÖ könnte klagen. Weber reagierte und ließ den Song kostenlos im Internet verbreiten. Kunst ist eben zensurfrei.

Ihre Platten waren alles andere als hitverdächtig und doch waren sie Meilensteine der Austro-Musikszene. Mit dieser DVD liegt nun ein weiterer Film vor, der, so wird betont, mit 0 Euro Budget gedreht wurde. Das sieht und hört man und dennoch wird hier die abgefahrene Webersche Welt dargestellt. Was fehlt ist die Musik, wahrscheinlich aus Rechtegründen, was auch fehlt sind alte Konzertmitschnitte. „Stefan Weber heißt das Schwein“ konzentriert sich mehr auf die späten 2000er Jahre, kurz bevor Weber mit Parkinson diagnostiziert und schließlich von der Bühne gehen mußte.

Wer die wahre Welt von Drahdiwaberl filmisch erleben möchte, sollte sich die DVD „Weltrevolution“ besorgen. Darin kann man die seltsame und verquerte Weltsicht des Ober-Provocateurs und Künstlers Stefan Weber erleben. Enthalten ist auch der legendäre New York Auftritt der Band in den 90er Jahren, als Drahdiwaberl auf einem internationalen Musikfestival als österreichischer Part eingeladen worden waren. Drahdiwaberl haben zweifellos Musikgeschichte geschrieben. Sie waren seinerzeit für mich eine der interessantesten NDW-Bands, eben weil sie nicht geradlinig und sich nicht in die poppigen Einheitsschablonen pressen ließen. Seitdem bin ich Fan und habe es nie bereut von Stefan Weber so versaut worden zu sein….Stefan Weber heißt das Schwein!

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Der Muskelmann erklärt die Welt

In den über 20 Jahren Radio Goethe habe ich viel Musik aus deutschen Landen gehört. Das reicht von Krautrock bis Techno, von Rock bis Pop, von Mittelalter bis Gothic und noch so einiges mehr. Vieles hat mich begeistert, anderes läuft so nebenher, etliches war dann doch nichts für mich. Aber Geschmack ist ja was sehr persönliches.

Und irgendwann lag da diese CD auf meinem Schreibtisch, die aus Europa, über den Großen Teich, quer über Nordamerika hinweg nach Oakland geschickt wurde. Darauf ein muskelbepackter, Oberkörper freier, Pfeifen rauchender Kerl, mit einer komischen Gummihornmütze: Rummelsnuff. Ich glaube, das Album wurde mir von Ray van Zeschau zugeschickt, der vor vielen Jahren gemeinsam mit Roger Baptist, so der bürgerliche Name vom Rummelkäpt’n, in der Dresdner Indie-Kultband „Freunde der italienischen Oper“ musizierte.

Rummelsnuff erinnert, bewußt oder unbewußt, an Popeye. Seine Lieder behandeln oftmals Arbeiterthemen, sind mal ganz einfach gestrickt, minimal, wie jene Hymnen des Dadada Trios, und werden so auf ihre Weise zu genialem Liedgut. Und es wird dennoch immer mal wieder eine unglaubliche musikalische und auch sprachliche Tiefe erreicht. Der Gesang ist so schräg-schön, dass er mitreißt. Seit dieser ersten Promo-CD verfolge ich die Karriere des singenden Kraftpakets und beschalle mit seinen Liedern gerne die durchaus gewillte Radio Goethe Gemeinde in aller Welt.

Doch über die Musik soll es hier nicht gehen, vielmehr über das nun in der Eulenspiegel Verlagsgruppe erschienene „Rummelsnuff – Das Buch“. Darin erzählt Roger (Ostdeutsch ausgesprochen) Baptist seinen Werdegang. Mal näher und offen, mal nur andeutend und ausweichend. Ein Buch mit vielen Bildern bereichert, das sich um Musik, Kraftsport, Freundschaften, um Jobs aller Art und einen unendlichen Glauben an die eigene Schaffenskraft und Kreativität dreht. Rummelsnuff schreibt über sich in der dritten Person. So, als ob er auf sein Leben blickt und sich als Teilnehmer eines großen und unvollendeten Filmes wahrnimmt.

Den Mann und Musiker, der oftmals von Kritikern und Alltagsmenschen belächelt wird, bei dessen Anblick viele fragen, ob das alles nur Show ist, stellt sich hier in einer etwas anderen, unkonventionellen und dennoch lesenswerten Art vor. Unter den dicken Muskelbergen steckt ein sensibler Mann, der manchmal etwas umständlich die Dinge beschreibt, doch gerade das macht ihn aus. In seinen Liedtexten über Pumper, Harzer Käse, Seemänner, in seinen Interviews, in diesem Buch. Der Rummelkäpt’n ist schon seit Jahren für mich eine Bereicherung für die deutsche Musikszene und nun auch für das Regal: Musikerbiographien der etwas anderen Art.

Der kulturlose Präsident

Der geplante Kahlschlag in der amerikanischen Gesellschaft kommt nicht aus dem Nichts. Donald Trump ist nicht gerade bekannt dafür ein Fan von Kunst und Kultur zu sein. Von daher kann es auch nicht verwundern, dass er Förderprogramme und staatliche finanzielle Unterstützung für Museen, Bibliotheken, Galerien, Auftrittsmöglichkeiten, für Künstler und Musiker wahllos streicht. Trump hat keinen Plan davon, was er da mit dem Rotstift vernichtet.

Auch die Museen und Einrichtunges des Smithsonian in Washington DC wären massiv von den Kürzungen der Trump-Administration betroffen.

Es sind nicht nur Tausende Jobs, die in Gefahr sind, vom „greatest job president in American history“ (Trump Eigenwerbung) gestrichen zu werden. „Es geht um Genuss, um Inspiration, um Jobs, aber es geht auch um Menschlichkeit. Es geht um Amerika und wer wir als Nation sind“, so beschrieb die demokratische Abgeordnete Nancy Pelosi die Trumpschen Vorschläge.

Um ein Zeichen zu setzen kamen in dieser Woche 700 Vertreter von Kultureinrichtungen nach Washington, um gemeinsam am „Arts Advocacy Day“ für die Kulturnation USA zu werben. In Gesprächen mit Abgeordenten beider Parteien wurde versucht, das drohende Unheil abzuwenden. Ob die warnenden Stimmen gehört werden ist noch nicht bekannt. Klar ist nur, dass die Kultur und Kunst in den USA ein wichtiger Teil der amerikanischen Gesellschaft ist. Ein Kahlschlag, wie er nun vom Weißen Haus ins Gespräch gebracht wurde, um Gelder für das Militär und das Ministerium für Heimatschutz freizumachen, ist ein fataler Irrweg, der langfristige Konsequenzen für das Leben in den USA haben wird.

Trump will Geld einsparen und gleichzeitig wurde nun bekannt, dass der Secret Service für die Extraausgaben zum Schutz von Donald Trump und seiner Familie in New York und Florida weitere 50 Millionen Dollar pro Jahr beantragt hat. Auch das zeigt, wie Trump denkt und handelt. Hier den Rotstift ansetzen, dort ohne Probleme Millionenbeträge zum Fenster rauswerfen. So, Mister President“ machen sie nicht „America great again“.

 

Trump kommt mit dem Hackebeil

Präsident Donald Trump posaunt wo immer es geht: „Make America Great Again“. Damit meint er ein Amerika der Reichen, der Unternehmer, all jener, die auf der Sonnenseite dieser Nation stehen. Das wird nun ganz deutlich. Trump hat seinen Haushaltsplan vorgelegt, er gleicht einem inneramerikanischen Schlachthaus, einer Kriegserklärung an den Großteil der Amerikaner. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne nachzudenken, ohne die Konsequenzen vor Augen zu haben, wird da mit einer Machete drauflos geschlagen.

Donald Trump macht Ernst. Foto: AFP.

Sozial Schwache, Arbeitslose, Kranke, Behinderte sind genauso betroffen wie die Kultur, die Kunst, die Infrastruktur in den USA. Insgesamt sind 19 Behörden betroffen, die nach Trumps Willen ganz verschwinden sollen. Ihr Gesamthaushalt macht gerade mal drei Prozent von dem aus, was Donald Trump dem Militär draufschlagen will. Drei Milliarden Dollar sollen eingespart werden, damit das Pentagon einen Zuschlag von 54 Milliarden Dollar bekommen kann. Und die Einsparungen haben enorme Folgen. Büchereien, die Kunstförderung, Förderprogramme für Schüler, Studenten Auszubildende, die Forschung, Museen, der öffentliche Rundfunk, Freiwilligenprogramme…die Liste ist lang und länger. Der superreiche Trump, der nur allzu gerne seine Anwälte auf jeden hetzt, der ihn hinterfragt, will sogar die öffentliche Rechtsberatung für sozial Schwache ersatzlos streichen. Dazu kommen unzählige Strukturprogramme für benachteiligte Regionen, die gekappt werden sollen.

Trump wickelt sein eigenes Land ab. Ein Sprecher des Weißen Hauses erklärte, dies sei ein „America First Budget“. Doch die Investitionen werden nicht im eigenen Land gemacht. Viel Geld ist für den unsäglichen Mauerbau eingeplant, von Infrastrukturmaßnahmen keine Spur. Und auch international will Trump Gelder kürzen. Die Entwicklungshilfe wird drastisch zusammen gestrichen, der Haushalt des Außenministeriums um 30 Prozent gekürzt. Der neue Außenminister, Rex Tillerson, meinte dazu lapidar zu seinen eigenen Mitarbeitern, das sei eben die Neuausrichtung Amerikas. Und das zu einer Zeit, in der die globalen Probleme wachsen, in einer Zeit, in der gleich vier Länder vor einer gewaltigen Hungerkatastrophe stehen. Der jetzige Verteidigungsminister, der frühere General James Mattis, sagte einst weitsichtig: „Wenn man das Außenministerium nicht voll finanziert, dann muß ich mehr Munition kaufen“. 54 Milliarden Dollar soll das Pentagon mehr bekommen, damit kann man wahrlich sehr, sehr viele Patronen kaufen.

 

 

 

Radio mittendrin und zwischen den Welten

In diesen Tagen der kritischen Medienbeschauung tut es gut, wenn man mal in einem Sendestudio sitzt, das so ganz anders ist. KKUP 91.5 fm in Cupertino ist eine Community Station, die seit fast 45 Jahren ohne Werbung und ohne Sponsoren auskommt. Nur die Hörer unterstützen diesen einzigartigen Sender im Herzen des Silicon Valleys. Und das spricht für die Qualität und die vielen Sendungen auf dieser Station. Nicht umsonst nennt sich KKUP auch „People’s Radio“.

Don hatte mich in seine Sendung „No Pigeonholes“ eingeladen („The longest running program of home tapes and small studio productions in the world. Send us your home recordings for airplay!“). Don ist vor allem auf KOWS Radio in Sonoma County aktiv, doch noch immer sendet er auf seiner alten Station. Dafür fährt er alle zwei Wochen zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, quer durch den Alptraumverkehr der Bay Area. Auf KOWS wird auch allwöchentlich Radio Goethe ausgestrahlt.

Diese Art Community Radio ist eines der wichtigen Elemene der amerikanischen Medienlandschaft. Hier hört man Stimmen, Musik und Sichtweisen, die es sonst nirgends im streng formatierten Rundfunk (mehr) gibt. Es ist Handarbeit. Don kam mit einer Kiste CDs und Platten und Kassetten. Er spielt wahrlich Musik, die es sonst nirgends zu hören gibt. Musik aus Heimstudios, keine Coversachen, sondern eigene Songs. Und heute durfte ich das, mit einigen Sachen von mir anreichern, das reichte von Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten, über Faust und meine „Lieblinge“ Infamis bis hin zu Studio Shap Shap aus dem Niger. Wir ergänzten uns ganz gut und sowieso macht Live-Radio viel mehr Spaß, als eine vorproduzierte Sendung. Vor allem Live-Radio, bei dem man Zeit zum Atmen hat und die Musik selbst bestimmen kann, Geschichten dazu erzählt, Musik nicht nur als Gedudel im Hintergrund laufen läßt. Wetter, Verkehr und Pollenflug interessieren weder im Studio noch die Hörer vor dem Radio. KKUP hat eine starke Frenquenz in der South-Bay und kann auch übers Internet gehört. Einschalten lohnt sich garantiert!

Long Distance Operators zwischen Australien und Belgien

Der Name Hugo Race ist wahrscheinlich nicht vielen geläufig. Doch der Australier Hugo Race ist seit über 30 Jahren eine feste Größe im Independent Musik Bereich. In seinem jüngst erschienenen Buch „Road Series“ beschreibt er seine vielen Projekte und Kollaborationen in zahlreichen Ländern. Lange Zeit lebte und arbeitete Race auch in Berlin. Nun legt er ein neues Album vor, diesmal tat er sich mit der Belgierin Catherine Graindorge zusammen.

Long Distance Operators“ oder LDO heißt dieses neue Projekt des in Melbourne, Australien, lebenden Hugo Race. Race ist seit Mitte der 80er Jahre im Musikgeschäft, er war unter anderem Gründungsmitglied der Bad Seeds, der Band von Nick Cave. Doch schon nach einer Platte machte er sich selbständig, um seine musikalischen Ideen besser verwirklichen zu können.

„Ich habe eine Vielzahl von Projekten, die parallel existieren“, erklärt Hugo Race im Interview. „Da sind die Bands „True Spirit“ und „Dirtmusic“, die „Fatalists“ und „Sepiatone“. Ich kann oftmals in diesen Projekten Raum für neue Songs finden, die ich schreibe. Und dann habe ich aber auch immer mal wieder Ideen, die zu abstrakt sind, um in einer dieser etablierten Gruppen umgesetzt zu werden. Und diese Art von Ideen führen dann zu Außenprojekten, für die ich dann den richtigen Partner finde. Und „Long Distance Operators“ mit Catherine Graindorge ist so ein Beispiel. Keiner dieser Songs hätte für mich bei den anderen Projekten Sinn gemacht.“

„Long Distance Operators“ ist wahrlich so ganz anders, als das, was Hugo Race sonst macht. Die Lieder sind verspielter, mit Elektronik angereichert. Und doch klingt auch hier sein typischer Sound durch. Die Schwere und die Düsterheit, die Country und Western-Klangbilder und die melancholische Stimme von Race sind auch bei LDO tragend. Und Doch ging er für dieses Projekt ganz neue Wege:

„Ich war von den Streichquartetten von Komponisten wie Shostakovich und Beethoven fasziniert. Zum ersten Mal hörte ich diese Art von Musik und das an einem Punkt in meinem Leben, der für mich Sinn machte. Ich war davon begeistert und fragte mich, wie ich es anstellen könnte, damit etwas zu machen, denn ich wollte damit arbeiten. Aber ich wusste nicht genau wie. Und aus dem Nichts schickte mir Catherine Graindorge einige Lieder, an denen sie für eine Soloplatte arbeitete. Die Musik, die sie schickte, war vollklingend, wie diese Streichquartette, die ich hörte. Ich schrieb ihr zurück, denn ich kannte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich gerne mit ihr für einige Songs auf ihrer Platte zusammenarbeiten würde.“

Nach dieser Kollaboration merkten die beiden, dass sie durchaus gut miteinander arbeiten können. Die Idee für eine gemeinsame Platte war entstanden: „Der Aufnahmeprozess für Long Distance Operators fing damit an, dass mir Catherine ein Archiv an Samples und Loops schickte, die sie mit der Violine oder Viola gemacht hatte. Und ich setzte mich daran, diese Loops und Samples zu schneiden und ganz langsam daraus Songstrukturen zu fertigen. Dazu fand ich Wörter, die sich wie ein Umschlag um diese Arbeit legten. So arbeiteten wir eine zeitlang, das dauerte etwas, die Platte entstand in drei oder vier Jahren.“

Der Name „Long Distance Operators“ lässt vermuten, dass die beiden, hier in Melbourne, dort in Brüssel, mehr telefonisch miteinander verbunden waren und diese Platte voneinander getrennt entstehen ließen. Eigentlich hätte es so sein können, doch dann trafen sie sich in Brüssel: „Wir entschieden uns, den groben Rahmen, die Grundideen der Songs, die ich mit ihren Aufnahmen gemacht hatte, im Studio noch einmal komplett neu aufzunehmen. Die „Long Distance Operators“ sind also in Wahrheit direkt und an einem Ort eingespielt worden. Einen Großteil der Nachproduktion machte ich in meinem Studio in Australien. Gemischt wurde es dann in den Sono Studios in Prag von Milan Cimfe, mit dem ich schon viel für Dirtmusic gearbeitet habe. So ist das alles entstanden.“

„Long Distance Operators“ ist ein beeindruckendes Album. Es ist ein Wechselspiel zwischen den Weiten des Westens, die Hugo Race auf seiner Gitarre musikalisch entstehen läßt und den emotionalen Streich- und Streicheleinheiten von Catherine Graindorge. Dazu die Zwischentöne, die diese Musik zu einem ganz persönlichen Klangspiel werden lassen, das man als Hörer in aller Ruhe und mit Zeit genießen sollte.

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Die Zukunft des Journalismus

Auf die Medien und die Journalisten wird ja in diesen Wochen und Monaten gerne eingeprügelt. Nicht nur Donald Trump hat seine Sündenböcke gefunden, die er unter dem Jubel seiner Anhänger beschimpft, verunglimpft und verbal bespuckt, auch die seltsame deutsche Bürgerbewegung Pegida und die sogenannte „Alternative für Deutschland“ sprechen gerne von der „Lügenpresse“.

Heute war ich auf Einladung einer alten Kollegin von KUSF, die für den Nachfolgesender „San Francisco Community Radio“ Medienarbeit an Schulen unterrichtet, am „Lycée Français de San Francisco„. Ihn ihrer Klasse waren zehn junge Schüler, die mich interviewten, Fragen stellten zu meiner Arbeit, meinem Werdegang und wie das so ist, Journalist zu sein. Sie hatten zuvor mit Farinaz Agharabi Fragen vorbereitet und die reichten von in welchen Ländern ich schon war, wie lange ich schon als Journalist arbeite, wie es dazu überhaupt kam als Journalist zu arbeiten, bis hin ob es auch mal gefährlich werde. Eine Frage jedoch ließ mich selbst nachdenken: ob ich gerne Journalist bin?

Ja, bin ich. Ich glaube, es ist der richtige Beruf für mich. Und das sagte ich ihnen auch. Ich bin neugierig und meistens bekommt man als Journalist auf seine Fragen Antworten. Ich reise viel und an Orte, die keine Urlaubsziele sind. Treffe Menschen, die ich wohl nie treffen würde, wenn ich nicht Journalist wäre. Viele von ihnen erzählen mir aus ihrem Leben. Oftmals sind es schlimme Erlebnisse, Erfahrungen und Umstände, von denen mir berichtet wird. Und doch sind da auch viele schöne Augenblicke, die ich nicht missen möchte. Im umkämpften Osten des Kongos gab es einmal einen Besuch in einem entlegenen Dorf, das immer wieder von Milizen angegriffen wurde. Das Dorf wurde geplündert, Frauen vergewaltigt, Männer brutalst zusammen geschlagen, erniedrigt, auch getötet. Als wir damals in dieses Dorf fuhren, wartete die evangelische Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf an der Straße, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus und gingen gemeinsam mit ihnen, tanzend und singend, zu der kleinen Kirche aus Holzstöcken und Stroh. Und dort berichteten sie von den Schrecken ihres Alltags. Sie wußten, dass ich „nur“ ein Journalist bin, und doch war da jemand, der einfach mal zuhörte, Interesse zeigte.

Irgendwo in Ruanda liegt ein Fußballplatz.

In Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, spielte ich mit jungen Männern Fußball. Draußen standen unsere „Bewacher“ mit ihren Maschinengewehren und ich zog mir die kurze Hose an, schnürte die Turnschuhe und wartete auf meinen Einsatz. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und die jungen Kerle kurvten um diesen alten Sack aus Nürnberg problemlos herum, doch es war ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Normalität in einem geplagten Alltag. Fußball war auch in Ruanda so ein Erlebnis für mich. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kigali und Gisenyi fuhren wir an einem Feld vorbei, auf dem ein gutes Dutzend Kinder in Fetzen bekleidet und barfuss Fußball spielte. Ihr Ball war nicht aus Leder, sondern aus Bananenblättern. Hart und dennoch rund. Damit spielten sie. Anfangs waren sie überrascht, als ich mitspielen wollte, doch dann lachten sie und spielten einfach weiter mit mir.

Und dann war da der Niger. In irgendeinem Dorf im Süden des Landes. Ich war mit CARE unterwegs, wir sprachen über die Auswirkungen des „Global Warming“ – Dürre und Hunger. Und dann saßen wir mit einer Frau und ihrem Sohn in ihrer Hütte. Einfach und kahl und lachten. Oder im Tschad, in einem Flüchtlingslager für Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, die viel, die sehr viel Schlimmes auf der Flucht erlebt hatten. Es war erst 10 Uhr morgens, doch schon sehr heiß und drückend. Ein Termin führte uns zu einem Brunnen, der von CARE gebohrt wurde. Auch dort wartete schon eine Gruppe von Frauen, Männern und Jugendlichen auf uns. Sie zeigten uns den Brunnen, wie er funktioniert und instand gehalten wird. Doch dann wurden Lieder gesungen, es wurde ausgelassen getanzt, die Besucher so willkommen geheißen.

Viele solcher kleinen, doch für mich großen Momente, machen den Job als Journalist aus. Und sie sind zahlreich. Die Menschen, mit denen ich spreche, die Orte, die ich sehe, die vielen Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Die reichen von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und Hilfsorganisationen bis hin zu Musikern und sogar einer Bundestagsabgeordneten. Journalist sein bedeutet hinzusehen und hinzuhören. Und es war schön, dieses Interesse heute im „Lycée Français de San Francisco“ zu sehen. Mädchen und Jungen, die Fragen hatten, die Antworten verlangten, die neugierig waren. Der Journalismus hat eine Zukunft, wenn man junge Menschen an die Tiefe und auch an die Schönheit dieses Berufes heranführt.

 

 

Donald Trump zeigt mir die Welt

Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass ich mal ein gutes Wörtchen für diesen Präsidenten finden werde. Aber der Nationalist und „America First“ Verfechter Donald Trump zeigt mir die Welt. Zumindest musikalisch. Mir fällt auf, dass ich seit Trumps amerikanischem Isolationismus verstärkt Musik aus den verschiedensten Ländern und Regionen anhöre. Aus Afrika und dem Nahen Osten, aus Vietnam, Afghanistan und Japan. Und da ist kaum Musik aus den USA dabei, und wenn, dann sind es alte Aufnahmen, die ich sehr schätze.

Gerade liegen die CDs der Box „Voices of forgotten worlds“ im CD-Spieler. Ja, ich höre noch CDs und auch Vinyl. Mit mp3 Files konnte ich mich nach all den Jahren noch immer nicht anfreunden. Ich brauche was in der Hand, will in einem Booklet blättern, Musik halten. Was ich bislang an Liedern als mp3 gekauft habe, kann ich wohl an einer Hand abzählen. Und wenn, waren es auch nur dringend benötigte Songs für eine Radioproduktion. „Voices of forgotten worlds“ präsentiert eine musikalische Welt, so ganz fernab von Pop und Glanz und Glimmer. Nix mit Grammy und MTV Awards, keine Stars und keine Sternchen.

Es sind zumeist Feldaufnahmen aus Regionen wie Grönland, Nepal, Papua-Neuguina, Zentralafrika, Eritrea oder den indianischen Nationen in den USA und Kanada. Ein „spin around the world“, Musik, die Sprachen, Kulturen und Länder präsentiert. Auch ein Lied der „Bad Dudes“ aus dem Iran ist auf dieser Box vertreten, die mit einem umfangreichen Begleitbuch erschienen ist. Es wird gesungen in allen möglichen Variationen, getrommelt und auf Instrumenten gespielt, die man in unseren Breitengraden nicht kennt. Doch diese Musik, wie fremd und anders sie auch klingen mag, verbindet, macht Lust auf mehr, auf den Blick jenseits der großen Wasser links und rechts der USA.

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Trumps sinnloses Einreiseverbot für Menschen aus dem Iran, Irak, Syrien, Libyen, dem Sudan, Jemen und Somalia hat mir auch schon schöne Arbeit gebracht. Als nächstes bespreche ich die neue Platte von Rahim Alhaj, einem Iraker, der seit 2002 in den USA lebt. „Letters from Iraq“ ist nun ganz unbeabsichtigt zu einer politischen Aufnahme geworden. Ein wunderschönes Album, das diesen Meister auf der Oud präsentiert, der musikalisch von seiner alten Heimat, einem geschundenen Land und seinen Menschen erzählt. Auch das schafft Trump, die Politisierung der Kunst, der Kultur. Nicht nur die Veröffentlichung von Musik aus diesen Ländern ist da eine klare Botschaft, sondern auch das bewußte Hin- und Zuhören. Musik kennt wahrlich keine Grenzen, keine Visa und keine Mauern.

 

 

Passend. Zeitgemäß. Aktuell.

50 Jahre Black Panthers in Oakland.

Im „Oakland Museum of California“ läuft gerade eine sehr aktuelle Ausstellung: All Power to the People – Black Panthers at 50. Von damals den Blick nach vorne gerichtet. Was ist aus dieser Protestbewegung geworden, die weltweit beachtet wurde.

Hier in Oakland hat alles begonnen, als sich zur Hochzeit der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Huey P. Newton und Bobby Seale trafen, zwei Männer, die nach dem Attentat auf Malcom X eine „explizit linke Organisation der Afroamerikaner und eine Schutztruppe unserer Gemeinden gegen rassistische Übergriffe der Polizei“ aufbauen wollten.

Die San Francisco Bay Area war schon immer eine Region der Protestbewegung. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten sich hier viele Afro-Amerikaner, um sich gemeinsam gegen Diskrimierung und soziale Ungerechtigkeit zu wenden. Sie bekamen in der liberalen Bay Area Unterstützung von vielen. Als die „Civil Rights“ Bewegung in den Südstaaten immer mehr an Fahrt aufnahm, reisten viele von hier dorthin, um Wählerinnen und Wähler zu registrieren, um an Protestmärschen teilzunehmen.

Im Vietnamkrieg starben mehr Afro-Amerikaner als Weiße.

Mitte der 60er Jahre entstand dann in Oakland die „Black Panther Party“, die sich rasch im ganzen Land ausbreitete, Dutzende von lokalen Gruppen wurden gegründet. Die Black Panthers provozierten alleine schon durch ihr Auftreten. Militant, gut organisiert und bewaffnet. Das weiße Amerika und das FBI sahen einen Bürgerkrieg heraufziehen und wollten nicht wahrhaben, was die Panthers in den Kommunen und „Inner Cities“ auch taten. Sie schulten Kinder, halfen Alten, organisierten Essensausgaben, veröffentlichten eine Zeitung mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren. Und die politischen Forderungen waren nicht auf Hass gegen andere aufgebaut, Bobby Seale formulierte es vielmehr so: „We don’t hate nobody because of their color. We hate oppression“

Die San Francisco Bay Area war und ist ein Ort der Protestbewegung. Hier entstand die „Free Speech Movement“, hier wurde gegen den Vietnamkrieg, den Golfkrieg, für die Occupy Bewegung, Black Lives Matter und gegen Donald Trump protestiert. Die Ausstellung im „Oakland Museum of California“ war schon lange geplant, doch hat nun mit dem Wahlsieg Donald Trumps einen ganz aktuellen Bezug gefunden. Dazu auch der folgende Beitrag auf Deutschlandradio Kultur über die liberale Bay Area nach dem Wahlsieg Trumps:

      Das liberale Amerika