Die Achse des Klanges

Darf ich als jemand mit amerikanischem Pass noch diese Platte hören, darüber schreiben, sie als eine der besten bezeichnen, die ich in diesem Jahr gehört habe? Immerhin ist Saba Alizadeh aus Teheran. Ein Iraner, der ein Soundtüftler ist, der klassische Instrumente aus Persien mit elektronischen Klangbildern vereint. Und das in einer wunderbar nahegehenden, mitreissenden, völlig einnehmenden Weise.

Saba Alizadeh „Scattered Memories“.

Scattered Memories“ heißt die LP, die bei Karl Records in Berlin erschienen ist. Eine Platte zum Zuhören, zum Eintauchen in diese klangliche Wunderwelt. Alizadeh ist wie ein Geschichtenerzähler, der sein Buch öffnet und von dieser anderen, für mich fremden, doch faszinierenden Welt berichtet. Die Lieder sind mal ganz zart, ganz leise, behutsam. Mal werden die Töne der traditionellen Kamanche verändert, erweitert, bereichert. „Scattered Memories“ ist eine beeindruckende Ambient Reise, die einen in eine Welt zwischen Tradition und Moderne führt. Klassik, Ambient, Drone, Electronic und Experimentell. Saba Alizadeh verbindet all das meisterlich auf diesem Album. Vor wenigen Jahren gründete er auch noch „Noise Works„, eine Plattform und ein Label für ungewöhnliche Konzerte und experimentelle Musiker im Iran, darunter Auftritte in ausgetrockneten Reservoirs, um auf die Wasserknappheit in einigen Gebieten des Irans hinzuweisen.

Der Iran ist eines dieser Länder, die ich gerne besuchen, gerne selbst erleben möchte. Diese Platte von Saba Alizadeh ist wie eine Postkarte von dort, ein einladend-tönender Bilderreigen, ein modernes Klangbuch aus 1001 Nacht. Es ist der Soundtrack aus einem – für mich – unbekannten Land, das es zu entdecken gilt.

Die Kraft der Musik

Im September will ich nach Somalia, in den Niger und in den Kongo reisen, um der Frage nachzugehen, welche Rolle und welche Bedeutung Musik in Krisen- und Konfliktgegenden hatte und hat. Auf meinen Reisen stieß ich immer wieder auf Musiker und Musikerinnen, auf Geschichten rund um die Musik, die mich faszinierten, die mir zeigten, welche Kraft in den Songs liegt, welche Bewegung durch ein Lied entstehen kann.

Nun liegt hier die jüngste Veröffentlichung von Smithsonian Folkways: „The Social Power Of Music„, eine vier CDs umfassende Box, in dem genau dieser Frage nachgegangen wird. Musik aus den USA, aus Nicaragua, dem Libanon, Vietnam, Angola, Chile, Südafrika und vielen anderen Ländern. Es ist eine bewegende Sammlung, die man hier hören kann. Dazu ein umfassendes Buch mit Hintergrundinformationen zu jedem einzelnen Lied, alles reich bebildert. Folkways kommt hier erneut dem eigenen Grundsatz sehr nahe: „Music of, by, and for the people“.

Für das Label scheint es ein leichtes Unterfangen zu sein, solch eine umfangreiche Box zusammen zu stellen. Das Archiv von Folkways ist ein Klangschatz sondergleichen, man kann aus dem Vollen schöpfen. Und doch, hier zeigt sich, welche Bedeutung dieses einzigartige Label hat, thematisch Musik vorzustellen, die Kraft und die Bedeutung der Lieder zu präsentieren. Songs der Civil Rights Bewegung, der Freiheitskämpfe rund um den Globus. Lieder, die mehr sind als nur ein Musikstück. Das spürt man beim Zuhören, oftmals bekommt man Gänsehaut bei dieser Klangreise.

Kann ein Lied etwas verändern? Viele meinen nein, einige meinen ja. Eine klare, eindeutige Antwort gibt es da wohl nicht. Aber Songs können bestärken, Mut machen, Hoffnung geben. Und sie vereinen über Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg. Musik als universelle Sprache ist ein etwas abgenutzter Begriff und doch, es stimmt wohl. Das lässt sich auch auf „The Social Power of Music“ deutlich hören. Lieder können Geschichten, Beschreibungen, Beobachtungen, Zeugnisse einer Epoche sein. All die hier aufgeführten Songs auf diesen vier CDs sind kraftvoll, stehen teils für eine unglaubliche soziale Sprengkraft. Viele der Sprachen, die gesungen werden, verstehe ich nicht und doch kann ich bei vielen diese ganz besondere Energie ausmachen. „The Social Power Of Music“ ist eine beeindruckende, tief bewegende Box, die mich neugierig auf das macht, was ich auf meinen kommenden Reisen finden werde.

Mauerbauer nicht erwünscht

Um es milde auszudrücken, Oaklands Bürgermeisterin, Libby Schaaf, wird kein Fan mehr von Präsident Donald Trump. Gerade in Fragen der Immigration liegen die beiden ganz weit auseinander. Schaaf erklärte Oakland zu einer „Sanctuary City“, in der es lokalen Behörden, darunter auch der Polizei, nicht erlaubt ist, mit der Immigrationspolizei ICE zusammen zu arbeiten. Und Trump mag solche Städte und solche PolitikerInnen gar nicht. Er hatte auch schon ganz offen mit der Verhaftung von Libby Schaaf gedroht.

Keine Mauerbauer aus Oakland.

Ganz besonders aufstossen wird Trump und seinen Immigrations-hardlinern, was Oakland nun macht. Jeder, der fortan einen Vertrag mit der Kommune abschliesst, muss unterschreiben, dass er nicht am Bau der Trumpschen Mauer an der Grenze zu Mexiko mitarbeitet. Direkt oder indirekt. Weder ein Maurer noch ein Architekt, weder ein Zulieferer noch ein Handwerker. Oakland unterstreicht damit, dass man „The Wall“ in keinster Weise unterstützen will und wird und dieses Bauprojekt als falsch und gegen die Grundwerte Oaklands gerichtet ansieht.

Nun muss jeder, der öffentliche Gelder der Kommune erhält, diesen Vertrag unterschreiben. Nicht nur Bauunternehmer und Handwerksbetriebe, auch Kindergärten, soziale Einrichtungen, Obdachlosenprojekte. Die Stadt geht damit erneut auf Konfrontationskurs mit der Trump-Administration, denn viele der Gelder, die über die Kommune verteilt werden, sind Bundesmittel. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Verträge unter Beschuss geraten. Am Ende werden wohl Gerichte darüber entscheiden müssen, ob Oakland diese Mauerbauerklärung von seinen Geschäftspartnern verlangen kann. Die USA sind also noch lange nicht zum Trump-Land verkommen, es gibt überall deutliche Proteste und Initiativen gegen die verstörende Politik dieses Präsidenten. Und ich kann sagen, ich bin froh, dass ich einer Stadt mit einer Bürgermeisterin lebe, die zumindest versucht deutliche Zeichen zu setzen und nicht einfach abwartet, bis dieser politische Alptraum zu Ende ist.

„Kurt Cobain is dead“

Kurt Cobain. Foto: Reuters.

Am 5. April 1994 arbeitete ich bei Radio Z in Nürnberg. Und da kam die Nachricht rein, dass sich Kurt Cobain, der Frontmann von Nirvana das Leben genommen hat. Nirvana, die damals gehörig das musikalische Establishment und auch die Modewelt durcheinander brachten. Seattle war die Stadt in Amerika, die wohl am meisten gefeiert wurde.

Zehn Jahre danach reiste ich als Journalist nach Seattle, um mich auf die musikalische Spurensuche zu machen. Mittlerweile war ich von Nürnberg nach Oakland übergesiedelt. Und die Bay Area war eng mit der Musikszene in Seattle verbunden. Kurt Cobain wurde im Nordosten der USA noch immer gefeiert und dennoch spürte man auch den Schock, der noch nachhallte. Das Big Business war weitergezogen, das Blitzlichtgewitter erloschen, „Grunge“ war nur noch ein Schimpfwort.

Es war für mich spannend mit Wegbegleitern von Cobain zu sprechen, Zeitzeugen zuzuhören, an den Orten zu sein, an denen meine einstigen musikalischen Heroen spielten. Was damals Anfang der 90er Jahre aus Seattle kam – Green River, Nirvana, Pearl Jam, Mudhoney, Alice in Chains, Screaming Trees u.v.m. – war für mich ein Erwachen. Mit den LA-Hairbands der Spätachtziger konnte ich nicht viel anfangen, die klicke ich auch heute noch weg, wenn sie im Radio gespielt werden. Doch „Smells like teen spirit“, „Alive“, „Even Flow“ oder auch „Rape me“ drehe ich nach wie vor auf. Zeitlose Songs, die einfach die Kraft, die Energie, die Wut, genau diese seltsamen frühen 90er Jahre ausdrücken.

25 Jahre ist der Selbstmord von Kurt Cobain nun schon her. Es war für Seattle ein tiefer Einschnitt diesen Ausnahmemusiker zu verlieren. Das wurde mir immer wieder gesagt, das konnte man in den Gesprächen auch fühlen. Was da mal war, wird niemals mehr so sein, hieß es. Damals bei Radio Z spielten wir an dem Tag einiges von Nirvana, die rohe Gewalt der „Bleach“ und eben auch Songs aus diesem Meisterstück „Nevemind“.

Seattle und Nirvana     

 

Sorgen kann man teilen. 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 (Telefonseelsorge).

 

Terrorgefahr im Wüstensand

Wer nach Black Rock City fährt, lässt den Alltag hinter sich. Es ist ein einwöchiges Utopia, was da im Wüstensand von Nevada entsteht. Kunst, Kultur, Anderssein, Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung, ein Zusammensein, ein Miteinander ohne Geld, in dem geteilt und aufeinander zugegangen wird. Bislang, doch das soll sich ändern.

Natürlich gibt es auch Kritikpunkte am alljährlichen Burning Man Event, doch die Organisatoren haben endlich erkannt, das etwas getan werden muss, um dieses einzigartige Treffen der Burners in seiner Grundform und mit den gesetzten Werten zu erhalten.

Da passt so gar nicht rein, was nun in einem 372seitigen Umweltbericht des „Bureau of Land Management“ (BLM) veröffentlicht wurde. Die Behörde, die die Aufsicht über „Federal Land“ hat, damit also auch die Aufsicht über die Black Rock Desert in Nevada, wo das Burning Man Fest stattfindet, will nun unglaubliche Auflagen durchsetzen. Darunter auch die Terrorabwehr. Burning Man sei zu einem Ziel geworden, so heisst es. Die internationale Popularität, die mangelnde Kontrolle der Besucher, die fehlende Absicherung nach draussen, all das würde es leicht machen, dort einen Anschlag in welcher Form auch immer duchzuführen. Gefordert werden deshalb feste Zäune, die das riesige Areal umgrenzen, dazu eine eigene private Sicherheitsfirma, die jeden Besucher und jedes Vehikel genauestens kontrollieren soll. Die Kosten für Burning Man würden explodieren, die Ticketpreise noch weiter ansteigen.

Nach der Massenschiesserei auf ein Country Musikfestival in Las Vegas glaubt man bei BLM nun also auch sich im Wüstensand auf etwas vorbereiten zu müssen, was wohl im Jahr 2019 zur Normalität geworden ist. Alles und jeder ist zu einem Anschlagsziel geworden. Angst regiert das Leben. Ein Zaun und verstärkte Kontrollen sollen also die vermeintliche Sicherheit bieten, die es nicht gibt, nicht geben kann. Black Rock City soll also in eine Reihe mit Paris, London, Berlin, Madrid, New York und Las Vegas gestellt werden. Das Schild am Eingang von Burning Man „Welcome Home“ wird damit zum Rückspiegel zu den Orten, aus denen man kam. Ade Utopia! Dem Alltag unserer Zeit kann man damit auch für eine Woche nicht mehr entkommen.

Burning Man im Wandel

Ein tonnenschwerer Bär mit einem Fell aus Cent Stücken.

Viermal schon habe ich mich auf den langen Weg von Oakland nach Black Rock City gemacht. Es sind nicht nur die paar Hundert Meilen Freeway und dann ein schmaler Highway, der einen zu „Burning Man“ führt, es ist auch die Vorbereitung, der Ticketkauf, die Planung, die Platzsuche, das Aufbauen des Camps und die Teilnahme an diesem wohl einzigartigen Fest in der Wüste von Nevada, das diese Reise zu mehr als nur einer Autofahrt macht.

Angefangen hat alles Ende der 80er Jahre mit ein paar Dutzend Leuten an Baker Beach in San Francisco, bis der Park Service den Feiernden erklärte, dort dürfe das eigentlich nicht stattfinden. Also schaute man sich um und fand in der Nähe von Gerlach ein im Sommer ausgetrocknetes Seebett, das sich ideal für die Pläne dieser einwöchigen Community eignen würde. „Burning Man“ ist Geschichte. Aus den anfänglichen paar Dutzend Männern und Frauen wurde eine weltweite Bewegung. Heute unternehmen alljährlich bis zu 70.000 Menschen diesen langen Treck aus der Zivilisation in ein selbstgestaltetes Utopia im Wüstensand. „Burning Man“ ist Party, ist Anderssein und es ist auch, wie es mir einmal jemand beschrieben hat, die größte Galerie der Welt. Hier kann (fast) alles ausgelebt, dargestellt, verwirklicht werden.

Doch seit einigen Jahren gibt es die Vorwürfe, dass „Burning Man“ immer mehr Hipster, Techies, Reiche und „Influenzer“ (beklopptes Wort) anzieht, die auf der Playa eigentlich gegen die Grundprizipien der „Burning Man Culture“ arbeiten. Mit Gesichts- und Alterskontrolle bei Parties, Themencamps und auf „Mutant-Vehicles“, mit klimatisierten und eingezäunten Zelten, die von eigenem „Personal“ aufgebaut wurden. Mit Produktpräsentationen auf der Playa von sogenannten Youtube und Instagram „Influencern“. Der Höhepunkt der antiklimatischen BM Verhaltensweisen waren sicherlich Google Mitarbeiter, die sich per FedEx frischen Hummer einfliegen ließen.

In der Zentrale von BM hat man nun genug und will das ändern. Marian Goodell, die CEO der gemeinnützigen Organisation, hat nun erklärt, man wolle einiges ändern. Nachdem ihr Team einen 55seitigen Bericht mit Missständen vorlegte, war klar, etwas muss getan werden. Nun setzt man beim Ticketverkauf an, um sicherzugehen, dass wieder der eigentlich Geist von „Burning Man“ durch die Wüste weht. Wer kommen will, soll und, ja, muss teilnehmen, sich vorbereiten, planen, sein Camp aufbauen. Black Rock City soll eben nicht ein Freaky Las Vegas, ein Glitzer Hollywood, ein einwöchiges Fantasia werden. Vielmehr sollen die Wurzeln dieser eigenwilligen, eigenartigen und einmaligen Community bewahrt und gestärkt werden. Dieses Jahr wird es für mich nicht klappen, aber ich hoffe im nächsten Jahr wieder den langen Weg von Oakland nach Black Rock City antreten zu können.

Der Schaden wird immens sein

Alle reden von der Russlandaffäre. Die einen, dass der amerikanische Präsident dabei nicht entlastet wurde, die anderen, allen voran Trump selbst, dass alles geklärt und er vollkommen entlastet wurde. Der Schaden ist jedoch gemacht, die Demokratie und ihre Institutionen untergraben. Ob bewusst oder unbewusst, Trump freut es, er fühlt sich bestätigt und gräbt weiter am amerikanischen Grab.

Donald Trump zerlegt Amerika. Foto: Reuters.

Doch bei all dem Getöse und Gezeter, den Streitereien und Beschuldigungen wird übersehen, dass die Trumpsche Politik massive Auswirkungen hat. Und nur noch selten wird darüber berichtet. Es ist schlichtweg kaum noch Platz in der Berichterstattung. Die Anzahl der eingesetzten erzkonservativen Richter, Staatsanwälte, Ministeriumsmitarbeiter, Diplomaten, Berater, Stiftungsangehörigen, Aufsichtsräten und vieler anderer Vertreter im öffentlichen Dienst ist erheblich. Sie alle sind Trumps Fusssoldaten, die sein Werk im ganzen Land voranbringen, vorantreiben. Und das mit mittel- und langfristigen Folgen.

Gerade lese ich über den Ausbau der XL Keystone Pipeline. Eigentlich wurde das Projekt quer durchs Land von Kanada runter zum Golf von Mexiko von Amtsvorgänger Barack Obama gestoppt, doch Trump hat mit einer Unterschrift alles wieder in Gang gebracht. Die Pipeline wird gebaut, die Umweltfolgen nicht absehbar. Nationalparks wird das Geld und das Land entzogen, im Yellowstone National Park dürfen Wölfe wieder gejagt werden. Abtreibungsgesetze im ganzen Land werden verschärft oder sind unter Beschuss. Grundrechte für die LGBTQ Bewegung ausgehöhlt. Das Krankenversicherungsnetz, auch Obamacare genannt, wird eliminiert, Arbeitsschutzrechte verringert, der Umweltschutz außer Kraft gesetzt. Sozial-, Schul- und Bildungsprogramme beendet, beschnitten, entsorgt. Die Liste kann problemlos weiter geführt werden.

International trampeln Trump und seine Bürokraten über das weite Feld der Diplomatie. Zum einen ohne Diplomaten vor Ort, zum anderen sind viele der Stellen mit Spendern Trumps besetzt worden, die sich einfach den Botschaftertitel erkauften. Verträge wurden aufgekündigt. Einstige Partner und Freunde verprellt, Diktatoren und brutale Herrscher umworben und als „Freunde“ bezeichnet. Weltweit wurden Gelder für Klimawandelprojekte ausgesetzt, Familienplanungsgelder erheblich beschnitten, die USA ziehen sich aus ihrer internationalen Verantwortung zurück und verlagern die Außenpolitik vom State Department auf das Pentagon und die Christliche Rechte. Alles in Trumps Namen und mit seinem Segen.

Die Folgen werden verheerend sein und nicht einfach rückgängig zu machen, wenn überhaupt. Trump hat nicht nur dem Land seinen Stempel aufgedrückt, es tiefgreifend verändert. Seine Politik wird noch lange nachhallen, der Ruf Amerikas ist schon jetzt nachhaltig zerstört.

Partei ergreifen

Was darf und soll man als Journalist tun und unterlassen? Über was darf und soll man berichten? In diesen Zeiten von konstanter Medienschelte, „Fake News“ und überhetzter Berichterstattung wird man sogar dafür kritisiert, dass man mit einer Hilfsorganisation unterwegs ist und über ihre Arbeit berichtet. Man könne es nicht mehr objektiv bewerten, wie diese Nothilfe und längerfristige Hilfsmaßnahmen einzuschätzen sind. Man sei zu nahe dran, beeinflusst und voreingenommen. Dem widerspreche ich, gerade aufgrund meiner Erfahrungen über all die Jahre. Ich kann sehr wohl sehen und bewerten, was eine Organisation vor Ort tut, für was sie Gelder ausgibt, wie sie verwurzelt und verankert ist, welche Projekte wo und wie umgesetzt werden. Auch und gerade wenn ich mit einer Organisation reise, die mir den uneingeschränkten Zugang zu einer Story und damit zu den Menschen in anderen Ländern und Kulturen ermöglicht.

Die Situation in Mosambik ist verheerend. Foto: CARE.

Eine Organisation, mit der ich durchaus nur gute Erfahrungen gemacht habe ist CARE, deren Arbeit ich im Kongo, im Tschad, im Niger, in Somaliland und Puntland beobachten, deren vielseitigen Projekte ich besuchen konnte. Ja, ich ergreife Partei für eine Organisation, die sich einsetzt, die hilft, die Probleme vor Ort erkennt und sie lösen will, die auch noch da ist, wenn die Fernsehkameras nach einer großen Katastrophe abgeschaltet wurden, der Blick woanders hin fällt. Die vor Ort in Ländern ist, in denen vieles mehr als nur eine logistische Herausforderung ist. Eine Organisation, die aber auch meine Arbeit unterstützt, mir Zugang verschafft, die mich nicht kontrolliert und mich nicht beeinflussen will, die mir in durchaus schwierigen Situationen zur Seite steht, auch wenn es nicht direkt um die Arbeit von CARE geht. Und dabei kann ich objektiv bleiben.

CARE hat nun zwei Videos veröffentlicht, die ich hier teilen möchte, die wichtig sind, gesehen zu werden. Es geht um die Arbeit der NGO, darum, was wir alle nur zu gerne übersehen…vergessene Katastrophen, die jetzt passieren. In Mosambik, im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik, im Niger, in Äthiopien, im Tschad, auf den Philippinen, in der Demokratischen Republik Kongo, auf Madagaskar, auf Haiti.

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Trump der Rassist?

Der Ton macht die Musik. Foto: Reuters.

In den USA wird seit den Anschlägen in Christchurch, Neuseeland, wieder heftigst darüber diskutiert, ob Präsident Donald Trump ein Rassist ist? Mitarbeiter des Weißen Hauses wiesen diesen Vorwurf in den Politsendungen am Sonntag weit von sich, Trump sei kein Rassist, hieß es. Auch seine Basis verteidigt den Präsidenten vehement, allen voran die Moderatoren im Talk Radio und auf FOXNews. Und Trump selbst erklärt, der Attentäter von Christchurch sei eine gestörte Persönlichkeit gewesen, allerdings sehe er nicht, dass „White Supremacy“ weltweit auf dem Vormarsch sei.

Und doch, mit Trump ist jemand im Weißen Haus, der zumindest das Wohlwollen der rechten, nationalistischen und rassistischen Szene in den USA hat. Vor gut einem Jahr produzierte ich ein Feature über die Militia Bewegung in den USA. Und diese bewaffneten, zumeist, Rechtsaußen Gruppen fühlen sich durch Donald Trump in Amt und Würden bestätigt. Selbst der Ku Klux Klan in den USA hat Gefallen an Donald Trump gefunden.

Militias in den USA     

Doch das ist nicht alles, was auffällig ist. Der Aufmarsch rechter, rassistischer und nationalistischer Gruppen in Charlottesville, Virginia. Das Attentat auf Gläubige in Charleston, South Carolina. Die tödlichen Schüsse in der Synagoge in Pittsburgh, Pennsylvania und schliesslich der Terroranschlag in Christchurch, Neuseeland. Dazwischen liegen noch weitere Angriffe, Anschläge, Schießereien, mit Toten und vielen Verletzten, die alle einen rechten Hintergrund haben. Sie alle verbindet, dass sich die Täter von der Wahl Donald Trumps bestärkt und in ihrer Tat bestätigt fühlten. Seine „America First“ Kampagne wurde am rechten politischen Rand deutlich wahrgenommen. Denn für sie gilt, das weiße, christliche Amerika wird von Sozialisten, Islamisten, Andersdenkenden angegriffen und muss deshalb verteidigt werden. Der Kampfruf „America First“ passt da genau dazu.

Donald Trump ist sicherlich kein direkter Unterstützer dieser Rechtsaußenbewegung. Diese Gruppen gab es schon immer, hier in den USA genauso wie in anderen westlichen Ländern. Doch Trump hat mit seinen Aktionen, seiner Wortwahl, seiner offenen Hetze, seinem rassistischen Unterton gegen Mexikaner, Latinos und Muslime den Boden für ein Wiedererstarken dieser Bewegung bereitet. Indirekt ist er damit zu einem Förderer gewaltbereiter und verblendeter Gruppierungen geworden. Irgendwas muss doch selbst seinen Unterstützern auffallen, wenn sich der Ku Klux Klan, marschierende Nazis in Charlottesville, Attentäter in Charleston und Pittsburgh und nun auch in Christchurch auf Donald Trump berufen. Seine Worte werden gehört, nicht nur die, dass Amerika wieder mehr im eigenen Land produzieren soll, sondern eben auch die eines weißen Amerikas, in dem Andersdenkende, Andersgläubige und Andersaussehende gestoppt werden müssen. „America First“ ist zum Schlachtruf der Rechten weltweit geworden.

Wann ist Terror Terrorismus?

Eines ist auffällig. Donald Trump nutzt gerne das Wort Terrorismus. Dann wenn es um seinen Mauerbau geht und er behauptet, Terroristen kämen ungehindert über die südliche Grenze ins Land. Im Wahlkampf 2016 verbreitete er sogar die Falschmeldung, dass es in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez eine Zelle der Terrororganisation „Islamischer Staat“ gebe. Deshalb, so Trump, müsse man auch einen Anti-Terror Wall errichten. Und der amerikanische Präsident spricht regelmäßig von terroristischen Anschlägen, wenn radikale Islamisten dahinter stecken.

Doch dann ist da auch die andere Seite. Trump tweetete über das „schreckliche Massaker“ in Christchurch. Auch die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, schrieb, die Vereinigten Staaten „verurteilen die Angriffe“. Vize-Präsident, Mike Pence, sprach von den „schrecklichen Moscheen Schießereien“.

Man kann das nun als Kleinigkeit und Wortklauberei abtun, wenn da eben nicht diese andere Seite wäre. Das Team-Trump spricht nur allzugerne über Terror, Terroristen, terroristische Anschläge, die Terrorgefahr. Und die kommt aus Sicht des amerikanichen Präsidenten und seiner Mitstreiter eben – scheinbar – nur aus der islamischen Ecke. Wenn Rassisten und Neo-Nazis gegen Muslime, Migranten, Homosexuelle, Andersdenkende vorgehen, Anschläge verüben, dann scheint das zwar „brutal“ und „schrecklich“ zu sein, aber es ist nach Trumpscher Definition kein terroristischer Akt.

Die Frage muss leider auch gestellt werden, wie Donald Trump den Anschlag von Christchurch gewertet hätte, wenn der Attentäter in einer christlichen Kirche um sich geschossen hätte. Wäre es dann in den Augen des amerikanischen Präsidenten ein „Terroranschlag“ gewesen? Spielt also die Religion und auch die Hautfarbe eines Terroristen und der Opfer eine Rolle beim Bewerten einer Tat? Allein, dass diese Fragen überhaupt auftauchen, zeigen, in welch kritischen und, ja, gefährlichen Zeiten wir leben.