Der Ton macht die Musik

Seit dem Wahlkampf von Donald Trump hat sich der Ton in den USA verändert. Seit die AfD für deutsche Parlamente kandidiert, hat sich der Ton in Deutschland dramatisch verschärft. Seit Populisten in vielen EU Ländern auf dem Vormarsch sind, hat sich der europäische Ton verschlechtert. Wobei man das Wort „Populismus“ mehr als hinterfragen sollte, denn „auf der Seite des „einfachen Volkes““ stehen Populisten nicht, auch wenn sie das stets erklären. Ganz im Gegenteil, mit Hass und Wut, Übertreibungen und Lügen agitieren sie und spielen damit gefählich mit dem Feuer.

Donald Trump spielt mit dem Feuer. Foto: Reuters.

Donald Trump beschreibt Menschen aus Mexiko, aus Honduras, Guatemala, El Salvador als Vergewaltiger, Kriminelle, als Tiere. Von Flüchtlingen hält er nichts, will sie nun ohne Gerichtsverfahren in die Länder zurück schicken, aus denen sie gekommen sind. Das Asylrecht will er untergraben. Er verkennt die Immigrationsgeschichte seines eigenen Landes, denn aus Deutschland, Irland, Italien, China, Mexiko, Russland, Polen, Somalia, Indien, aus aller Herren Länder kamen über die Jahrhunderte nicht die besten der Besten, wie Trump es nun fordert. Aus all diesen Ländern kamen Flüchtlinge, Notleidende, Menschen auf der Suche nach Wohlstand, nach Sicherheit, nach einem besseren Leben. Familien, Abenteurer, daheim Gescheiterte, und all sie machten und machen Amerika heute aus. Wer diesen wichtigen Grundsatz Amerikas unterschlägt, verkennt, dass Immigranten Amerika groß gemacht haben. MAGA made by Immigrants!

Es ist nicht viel anders in Deutschland. Auch hier hat sich der Ton verändert. Was ich online in den sozialen Medien lese, was ich von der politischen Berichterstattung in den Fernseh- und Nachrichtensendungen höre und sehe, was ich in den Zeitungen und Magazinen mitbekomme und was ich auf den Straßen erfasse, auch hier werden von Brandstiftern Flüchtlinge und Asylsuchende mit Terroristen, Kriminellen, Verbrechern gleichgesetzt. Es gibt nach jeder schlimmen Straftat eine unsägliche Verallgemeinerung, die diesseits und jenseits des Atlantiks zur Tagesordnung geworden ist. Es ist eine gefährliche Entwicklung, die Menschen zu Schuldigen macht, die eigentlich nur Hilfe suchen, die „das einfache Volk“ gegen Andersaussehende, Anderssprechende, Andersdenkende ausspielen soll. Die Probleme einer Gesellschaft löst man aber nicht durch Spaltung und Ausgrenzung.

Was und wer ist amerikanisch? Was und wer ist deutsch? Vielleicht denke ich auch nur so, weil ich der Sohn eines Vertriebenen bin, der seinerzeit von Deutschen als Flüchtling bezeichnet und abgestempelt wurde. Vielleicht denke ich so, weil ich mich noch an den Mauerfall erinnern kann und daran, wie DDR Bürger Willkommen geheißen wurden, die Wiedervereinigung trotz der immensen Kosten für die Bundesbürger als Chance für Deutschland gesehen wurde. Vielleicht denke ich auch nur so, weil ich heute selbst Immigrant bin und daraus kein Geheimnis mache.

Die Mauern werden höher

Die Tour von Uli Jon Roth musste aufgrund von nicht ausgestellter Visa abgesagt werden.

Ok, er hat ziemlich lange Haare, aber das sollte eigentlich kein Grund dafür sein, dass der legendäre Gitarrist Uli Jon Roth und seine Band keine Einreise- und Arbeitsvisa für die USA erhalten. Der frühere Scorpions Gitarrist und weltweit bekannte Musiker ist das jüngste Opfer eines undurchschaubaren amerikanischen Künstleraustausches. Präsident Donald Trump geht nach seinen Mauerplänen, seinen Rufen nach Tarifen und Einfuhrzöllen nun wohl an die Bereinigung des amerikanichen Kulturangebotes: „America First“ auch für die Musikclubs im ganzen Land.

Die Tour von Uli Jon Roth stand schon fest, die Termine waren angekündigt, die Fans freuten sich auf eine sagenhafte Jubiläumstour, doch daraus wird nun vorerst nichts. Auf der Webseite erklärte Roth, dass man alles richtig gemacht habe, sich rechtzeitig um die Visa gekümmert hat, die höheren Gebühren für eine schnellere Behandlung der Anträge gezahlt habe, auch einen erfahrenen Anwalt für Immigrationsrecht eingeschaltet hatte. Doch am Ende half alles nichts.

Und das scheint nun mittlerweile Programm in Washington zu sein. In den 22 Jahren, in denen ich hier in den USA lebe und mit Musikern zu tun habe, gab es immer wieder Bands, die aufgrund von nicht rechtzeitig ausgestellten Visa ihre Tourneen absagen mussten, darunter auch solche bekannten Bands wie die Einstürzenden Neubauten. Doch mit dem Maurermeister und Kulturfeind Donald Trump im Weißen Haus scheint alles zu eskalieren. Uli Jon Roth, der in der Vergangenheit regelmäßig durch die Vereinigten Staaten tourte, erklärt auf seiner Webseite, dass „seit Februar dieses Jahres die Anzahl von nichtgenehmigten Arbeitsvisa in den USA um 1400 % (!!!) gestiegen ist“. Das ist eine klare Kriegserklärung an die globale Kunst- und Kulturszene.

Die Trump Administration, die sich bereits mehrfach für eine ersatzlose Streichung der staatlichen Kulturförderung in den USA, den sogenannten „Endowments“, einsetzte, geht nun an den internationalen Künstleraustausch. Anders kann diese deutliche Blockierung von Arbeitsvisa für hier auftretende MusikerInnen und KünstlerInnen aus dem Ausland nicht verstanden werden. „America First“ erhält damit einen ganz neuen Dreh, der so nur abgelehnt werden kann und muss.

Alarmierende Selbstmordzahlen

In dieser Woche nahmen sich die Modedesignerin Kate Spade und der Koch und Reisejournalist Anthony Bourdain das Leben. Zwei Selbstmorde, die viel Aufmerksamkeit erhielten, gerade weil beide erfolgreich und beliebt waren, für viele Außenstehende mitten im Leben standen.

Sogar Barack Obama erinnerte sich an sein Treffen mit Anthony Bourdain. Man beachte den Ton dieses Tweets des früheren Präsidenten.

Die USA haben ein Problem, das wird deutlich, wenn man sich den in dieser Woche vorgelegten Bericht des „Centers for Disease Control and Prevention“ durchliest. Im letzten Jahr starben 45.000 Menschen in den USA durch Suizid. Zwischen 1999 und 2016 stiegen in allen Bundesstaaten außer Nevada die Selbstmordraten. In North Dakota um bis zu 57 Prozent. In Montana liegt die Rate am höchsten im ganzen Land, auf 100.000 Einwohner kommen 29,2 Suizide, US weit liegt diese Zahl bei 13,4 auf 100.000 Einwohner. Nur in Nevada fiel die Selbstmordrate um ein Prozent.

Vor allem die Rocky Mountain Staaten und der Mittlere Westen sind von dieser Welle an Selbsttötungen betroffen. Dort war die Wirtschaftskrise der letzten zehn Jahre besonders zu spüren. Mit dem Verlust von Häusern, Jobs und Familientragödien aufgrund von wirtschaftlichen Problemen, wurde der Ausweg Selbstmord mehr und mehr gewählt. Und in vielen dieser zumeist ländlichen Gegenden gibt es keine Hilfseinrichtungen, Ansprechpartner, Unterstützung für Menschen in einer Krise. Interessanterweise waren die Betroffenen in weniger als der Hälfte der Fälle auffällig, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzten.

Die bevorzugte Methode sind Schusswaffen, mittlerweile greifen auch immer mehr Frauen zu einer Knarre, um sich – fast sicher – ins Jenseits zu befördern. Bislang brachten sich mehr Männer um, doch der Bericht des CDC zeigt, dass die Zahlen nun fast ausgelichen sind. Das liegt nicht daran, dass Männer weniger Selbstmorde begehen, sondern daran, dass die Rate der Frauen steigt.

Die Suizide von Kate Spade und Anthony Bourdain haben Amerika in dieser Woche erschüttert. Dazu der Bericht des „Centers for Disease Control“, der zeigt, dass die USA in einer tiefen Gesundheitskrise stecken, ein Ende scheint nicht in Sicht zu sein. In allen Medien wird darüber berichtet und immer wieder betont, dass Betroffene nicht allein sind. Die nationale Nummer der Suizidprävention wurde allernorts veröffentlicht: 1-800-273-TALK.In Deutschland ist die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 zu erreichen.

Die wundersame Welt der Mona Caron

      Mona Caron

Die Schweizer Künstlerin Mona Caron coloriert die Städte.

San Francisco ist eine bunte Stadt, und das liegt nicht nur an dem erdigen Orangeton der Golden Gate Bridge oder der allseits präsenten Regenbogenfahne. Künstler, viele davon aus dem deutschsprachigen Raum, hat es seit jeher in die nordkalifornische Metropole gezogen. Das milde Klima, die kreative Atmosphäre, das gewachsene Mäzenatentum sind einzigartig. Unter den vielen die kamen und blieben ist auch eine Schweizer Künstlerin, die den öffentlichen Raum für ihre Kunstwerke nutzt. Und von San Francisco aus eine Weltkarriere gestartet hat.

An der Ecke Church und 14th Street in San Francisco, an der Außenmauer eines Corner Stores, findet man ein etwa zehn Meter mal drei Meter großes Mural, ein Wandbild. Gemalt von der Schweizer Künstlerin Mona Caron, die seit 1996 in San Francisco lebt und arbeitet. Dieses Mural ist eines von 12 in der nordkalifornischen Metropole, das die aus Lugano stammende Malerin fertiggestellt hat. Passanten laufen an dem Bild vorbei, ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm schaut genauer hin, deutet auf Personen und Einzelheiten im Bild. Hier treffe ich Mona Caron. Wir schlendern in eine Seitenstraße und setzen uns an diesem sonnigen Tag in San Francisco auf die Stufen eines viktorianischen Gebäudes. „Das Wandbild ist eine einzige Vogelperspektive von der Market Street in San Francisco. Es ist eine Art verschiedene Momente der Geschichte zu vergleichen, wie die Leute so den öffentlichen Raum gebraucht haben und wie sich das wahnsinnig geändert hat.“

Dieses Wandbild ist eines der frühen von Mona Caron. Damals als sie nach einem Studium an der Academy of Art in San Francisco hängenblieb, hier ein relativ günstiges Zimmer fand und einfach eintauchte in die kreative Schaffenswelt der “City by the Bay”. Sie nahm sich die Zeit, manchmal mehrere Monate, sprach mit Anwohnern über das, was in dem Quartier wichtig ist und verarbeitete all das in den riesigen Murals. Doch das ist lange her. Bekannt ist sie nun geworden – und das weltweit – durch ihre riesigen Wandbilder, die Unkräuter darstellen, die in den kleinsten Betonritzen wachsen. Mona Caron spricht von einer Metapher. Unkraut vergeht nicht. Und so sei es auch in einer Stadt wie San Francisco, in der die Gentrifizierung unbarmherzig voranschreitet. „Ich fing an diese Pflanzen zu malen, Zentimeter um Zentimeter, und davon habe ich Trickfilme, also Stop-Motion-Animation gemacht, wie sie da wachsen. Und das in einem visuellen Kontext, wo die plötzlich größer sind als die Stadt selbst, darum waren die Dächer perfekt, weil ich diese Pflanzen zeigen wollte, die Rückeroberung…das wollte ich illustrieren. Dann habe ich so einen kleinen Trickfilm auf youtube gestellt und ich hatte genau 17 followers, aber irgendwie ist das raus und ich weiss nicht, wer das gesehen hat, aber es ging durchs Internet und plötzlich habe ich aus der ganzen Welt Nachrichten von Leuten bekommen, die sagen, ich weiss genau wovon du sprichst.“

Sogar aus dem Kriegsgebiet im Irak erhielt sie Post. Auf ihrer Instagram Seite und auf youtube hat Mona Caron viele Bilder und Videos veröffentlicht, die ihre Kunstwerke und sie bei der Arbeit zeigen. Mittlerweile ist sie international gefragt, war u.a. in Mexiko, Brasilien, Taiwan, um grauen Beton in den Innenstädten unter ihren farbenfrohen Wandbildern verschwinden zu lassen. Und am Anfang, wenn sie vor der leeren Wand steht hat sie noch immer Bauchschmerzen. „Ich denke mir, das werde ich nie fertig bringen. Früher hatte ich manchmal Monate an einer Wand. Was wirklich wahnsinnig ist, ist, dass heutzutage sind nicht nur die Wände sehr groß, sondern man sagt, gut, du hast so 15 Tage…(lacht)…danke vielmals…ja Scheisse, was mach ich da.“

Aufhören kann und will sie dennoch nicht, die Wände ziehen sie weiter an. Ihre Unkräuter wachsen also auf grauem Beton weiter und nehmen sich den Platz zum Wuchern.

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Die schöne Seite Amerikas

Am Freitag war ich zu einer Podiumsdiskussion über die Situation von Korrespondenten im Trump-Zeitalter eingeladen. Es war eine interessante Debatte, in der wir über das veränderte Klima in Washington und in den USA sprachen. Für mich hat sich da eigentlich nicht so viel geändert, denn seit meinen Anfängen als USA Korrespondent habe ich versucht, meine eigene kleine Nische zu finden. Ich habe weder Kontakte in Washington DC noch einen Zugang zum Silicon Valley gleich hier vor meiner Haustür. Von daher hatte ich unter George W. Bush keine Krise, unter Barack Obama keine Hoffnung und nun unter Donald Trump keine Kopfschmerzen. Alles bleibt beim Alten.

Was ich am Freitag allerdings betonte war, dass sich die Einstellung bei vielen Redaktionen in Deutschland geändert hat. Es geht meist nur noch um Trump, Sende- und Artikelplätze werden fast ausschließlich nur noch mit Nachrichten von und über den 45. Präsidenten gefüllt. Positive USA Berichterstattung, Beiträge über Kultur, Entwicklungen, Szenen, das Leben in den USA kommt kaum noch vor. Und ja, ich ertappe mich auch selbst dabei, wie ich nach jedem allmorgendlichen Twitter-Gewitter von „DT“ Themen anbiete oder einen Blogbeitrag schreibe.

Ein Ort zum Verweilen in Mendocino County.

Auf dem Rückflug von München nach San Franciso sass ich neben einem jungen Paar, die mich siezten und meinten, sie werden nun in zehn Tagen Kalifornien abfahren. Alles im Schnelldurchlauf: San Francisco, Highway 1, Santa Barbara, Los Angeles, dann rüber nach Las Vegas, von dort noch einen Abstecher zum Yosemite Nationalpark, bevor es von San Francisco wieder losgeht. Ich meinte nur, das wird stressig, man sollte sich aber auch mal Zeit für den Norden Kaliforniens nehmen. Allein das „Wine Country“ von Sonoma- und Napa Valley und die Küstenregion sind wunderschön, entspannend und sehr empfehlenswert.

Erst gestern war ich auf einer kleinen alljährlichen Feier auf einem Weingut in der Nähe von Hopland, Mendocino County. Ein traumhafter Ort, ein wunderbares Event und dazu die sehr bekömmlichen Tropfen von Topel, einem meiner Lieblingswinzer der Region. Es war leider eine Art „Goodbye Party“, ein Kapitel geht zu Ende, gefeiert wurde dennoch. Und zum Schluss nach einigen Danksagungen, Tränen und viel Beifall die Worte von Donnis Topel: „Let’s celebrate. Go Warriors. And Fuck Trump“. Auch das ist (mein) Kalifornien.

Die Faszination des Klanges

Zwei Bücher liegen hier vor mir, die sicherlich keine Bestseller sind. Sie kommen mit Begleit-Cds, auf denen es rauscht und knistert, manches ist nur schwer verständlich und doch es sind historische Tondokumente. Beide Bücher drehen sich um Wachszylinder Aufnahmen. „Waxing the Gospel – Mass Evangelism & The Phonograph“ und „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm-Archiv“ sind außergewöhnliche Bücher, die über die frühen Jahre der Tonaufzeichnung berichten.

Es waren Stimmen, die festgehalten wurden. Doch vor allem Musik der verschiedensten Kulturen, hier der amerikanische Gospel, dort die ethnologischen Aufnahmen von weitreisenden Forschern, die in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika ihre Geräte aufstellten. Es war eine Entdeckerzeit, eine neue Technologie wurde eingeführt und getestet. Beeindruckend vor allem die Feldaufnahmen mit „mobilen“ Aufnahmegeräten. Und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand die Ethnologen betrieben, um vor Ort im tiefsten Afrika Musik von unbekannten Stämmen auf Wachszylinder aufzuzeichnen.

Erstaunlich ist, dass all diese Tondokumente über die lange Zeit erhalten blieben und heute per mp3 File und auf CD für jeden zugänglich sind, der denn wirklich Hinhören will. Beide Bücher erzählen die Geschichten hinter den Aufnahmen und den Aufnehmenden, den Plattenfirmen, die hier frühzeitig einen Markt entdeckten. Sowohl „Waxing the Gospel“ wie auch „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm Archiv“ sind reich bebildert, bieten einen unglaublichen Einblick in diese kulturellen Schätze, die sicherlich lange Zeit vor sich hin gammelten und verstaubten. Diese Bücher sind eine Wertschätzung sondergleichen. Mit diesen Veröffentlichungen hauchen Archeophone Records und das Ethnologische Museum in Berlin den uralten Aufnahmen neues Leben ein. Es sind keine wissenschaftlich gehaltenen Texte, vielmehr ein interessanter Streifzug durch die Anfangszeiten der „Recording Industry“. Zwei sehr empfehlenswerte und klangreiche Bücher.

Happy Birthday Folkways

Vor 70 Jahren, am 1. Mai 1948, gründete Moses Asch Folkways Records. Seine Vision war „people’s music, spoken word, instruction, and sounds from around the world“ zu dokumentieren. Über all die Jahre ist ein Katalog von über 70.000 Tracks zusammen gekommen. Ich schreibe bewußt Tracks, denn es sind nicht nur Lieder, die noch immer alle veröffentlicht sind. Es sind oftmals Sounds, Tiergeräusche, Field Recordings und eben der unermessliche Schatz an Musik aus aller Herren Länder.

Nach dem Tod von Moses Asch 1987 wurde Folkways Teil des Smithsonian Institution Centers for Folklife and Cultural Heritage in Washington D.C. Die Zusage, die die Erben von Asch verlangten, war, dass alle Aufnahmen auch in Zukunft verfügbar waren, nicht nur die Perlen von Woody Guthrie oder Pete Seeger. Smithsonian stimmte zu und deshalb kann man auch noch heute die seltsamsten Aufnahmen aus dem reichen Schatz des Folkways Archivs erwerben, als Mp3 File oder als CD on demand. Auch andere Labels gingen so in das neue Smithsonian Folkways Recordings Label auf, darunter auch Arhoolie Records, gegründet von Chris Strachwitz, der 1947 aus Schlesien in die USA kam.

Vinyl, CDs, Mp3 Files. Folkways ist ein unglaublich reicher Klangschatz, ein tönendes Vermächtnis der Kulturen, das jedem offen steht. Eine hörbare Weltreise und ein Roadtrip durch die USA. Musik aus allen Teilen dieses Landes und von allen Einwanderern, die hier ihr neues Glück suchten. Hier wird die ganze Größe der Vereinigten Staaten von Amerika deutlich. Man kann dieses Label gar nicht genug loben, für mich gehört Folkways zu einer unglaublichen Bereicherung meines Musikverständnisses und meines Alltags. Oft sitze ich hier und höre mich durch die vielen Aufnahmen auf der Webseite des Labels, klicke von einer alten Platte zur nächsten und stoße dabei immer wieder auf faszinierende neue-alte Musik und ihre Geschichte.

Und dann pflegt Folkways nicht nur den geschichtlichen Schatz, sondern blickt auch nach vorne, veröffentlicht ganz neue Musik, immer aber unter dem Aspekt des kulturellen Wertes. Bestes Beispiel die Alben von Rahim Alhaj, einem Einwanderer aus dem Irak. Vor einigen Jahren besuchte ich das Label, um ein Interview mit Atesh Sonneborn zu führen. Er führte mich anschließend durch die Räumlichkeiten und in das Archiv von Folkways. Es war wie der Zugang in eine Schatzkammer. Die daraus resultierende Sendung, können Sie am Ende dieses Beitrags hören.

Smithsonian Folkways ist nun 70 Jahre alt und versucht seinen Platz in einer Musikwelt zu finden, in der sich die Hörgewohnheiten dramatisch verändert haben. Für vieles, was man auf Folkways veröffentlicht finden kann, braucht man Zeit, Ruhe und den Willen sich mit Musik und den kulturellen Wurzeln zu beschäftigen. Musik, das wird mir immer wieder klar, ist eine Sprache, die verbindend ist, wenn man sie denn wirklich hören will. Dieser globale Gedanke ist das wahre Vermächtnis von Moses Asch und seinen Folkways Records. Happy Birthday Smithsonian Folkways Recordings!

      Smithsonian Folkways 1

      Smithsonian Folkways 2

Am Ende wird alles zu Asche

      Das Burning Man Festival

Larry Harvey ist tot. Der Gründer und „Chief Philosophical Officer“ des alljährlichen Kreativfestivals „Burning Man“ in der Wüste von Nevada starb am Samstag in San Francisco. Am 4. April erlitt er einen massiven Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Harvey wurde 70 Jahre alt.

1986 hatte alles zur Sonnwendfeier an Baker Beach in San Francisco begonnen. Damals wurde der erste „Man“ aus Holz verbrannt, eine 2,70 Meter hohe Figur. Nach ein paar Jahren musste man umziehen, da Baker Beach zum Golden Gate Nationalpark gehört und die Park Ranger das Feuer und die immer größer werdende Menschenmenge nicht so toll fanden. In der Black Rock Desert von Nevada fand man eine neue Heimat, eine weitläufige, nicht endenwollende, raue Landschaft, offen und leer wie eine zu füllende Leinwand. Mir sagte mal jemand, Burning Man sei die größte Galeriefläche der Welt, und die zu füllen ist jedes Jahr eine neue Aufgabe, wenn die Zeit gekommen ist.

An Larry Harvey wird m diesjährigen Tempel gedacht werden.

Die Vision dafür hatte Larry Harvey, der aus einer Schnapsidee ein nichtkommerzielles 30 Millionen Dollar Unternehmen formte, eine Stiftung zur Unterstützung von öffentlicher Kunst gründete und die zumeist Native American Gemeinden um die Black Rock Desert herum unterstützte. „Burning Man“ ist ein einzigartiges Fest. Ja, es hat sich über die Jahre verändert. Viel wurde über die hohen Ticketpreise und die mittlerweile abgetrennten Superreichencamps mit klimatisierten Zelten, privaten Sterneköchen und Luxus im Wüstensand geschrieben. Und doch, „Burning Man“ hat dank der Gründungsriege um Larry Harvey immer auch den Grundgedanken, die Grundprinzipien beibehalten. Community und Kreativität standen und stehen an vorderster Stelle.

Mit Larry Harvey verliert „Burning Man“ den Über-Burner. In diesem Jahr wird es sicherlich am Festival einiges geben, was an ihn erinnern wird. Ganz sicher im Tempel. Dieser religiöse, dieser spirituelle Ort am Rande des riesigen Areals ist etwas ganz besonderes. Dort findet man einen Ruhepunkt, geniesst die Stille, leise Musik, Gebete, Gesänge, sieht die Fotos, liest die vielen, vielen Anekdoten, Berichte, Beschreibungen von Verstorbenden – Menschen und Tieren. Einer davon ist nun Larry Harvey. Am Ende der Woche wird auch der Tempel in einem gewaltigen Feuer aufgehen. In den Flammen, so hofft man, werden auch die Trauer und der Schmerz vergehen. Zurück bleiben sollen Erinnerungen. Auf dem Message Board der „Burning Man“ Seite schrieb heute eine Frau ein paar sehr passende Worte zum Abschied: Thank you Larry and safe journey…

Amerika und sein Rassismus

 

      Rassismus in den USA

 

„Racial Profiling“ bei der Verhaftung von zwei Schwarzen in einem Starbucks Cafe.

Anfang April wurden zwei afroamerikanische Männer in einem Starbucks in Philadelphia verhaftet. Sie hatten nichts getan, sie warteten nur auf einen Bekannten ohne etwas zu bestellen. Damit waren sie für den Geschäftsführer des Cafes auffällig, der die Polizei benachrichtigte. Die kam und nahm die beiden wegen “Trespassing”, unerlaubtem Betretens, fest. Wenige Stunden darauf wurden die beiden Schwarzen wieder entlassen, die Unternehmenszentrale von Starbucks wollte keine Strafanzeige stellen. Doch der Kaffeekonzern ist nun in einem PR-Alptraum, denn die Verhaftung der beiden Männer wurde von Anwesenden gefilmt, in den sozialen Medien geteilt und auf allen Nachrichtenkanälen verbreitet. Es ist das jüngste und vielbeachtete Beispiel von “Racial Profiling” in den USA.

Zachary Norris ist der Geschäftsführer des “Ella Baker Centers for Human Rights” mit Sitz in Oakland. Benannt nach einer fast unbekannten Bürgerrechtlerin, die an der Seite von Martin Luther King Jr. kämpfte. Norris zeigte sich nicht verwundert darüber, dass ihn in diesen Tagen ein internationaler Korrespondent zum Thema “racial profiling” interviewen wollte. Für ihn ist klar, dass Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe einen tagtäglichen Kampf in den USA austragen müssen. „Es gab diese Untersuchung entlang der Interstate 95, die die gesamte Ostküste der USA verbindet. Und sie fanden, dass 75 Prozent der Autofahrer zu schnell fuhren, aber dass 95 Prozent derjenigen, die angehalten wurden Schwarze waren. Und das zeigt, in welchem Ausmaß Polizisten besonders afroamerikanische Autofahrer stoppten…obwohl die große Mehrheit der Leute zu schnell fuhr.“

Howard Pinderhughes ist Soziologie Professor und Vorsitzender der sozialwissenschaftlichen Fakultät an der UC San Francisco. Er selbst ist Afro-Amerikaner. Auch für ihn ist das “racial profiling”, das illegale Verdächtigen, Kontrollieren und Verhaften allein auf Grund der Hautfarbe oder Herkunft nichts neues. Und, obwohl es gegen bestehende Gesetze in den USA verstößt, gehört es zum Alltag dazu. „Die meisten schwarzen Männer haben mindestens eine, wenn nicht sogar mehrere Geschichten, wie sie von der Polizei aufgrund ihrer Hautfarbe kontrolliert wurden. Es gibt tagtäglich kleine Dinge der Diskriminierung. Nicht unbedingt mit der Polizei, aber im persönlichen Kontakt zu anderen. Die Leute urteilen jeden Tag darüber, wer ich bin. Ich stehe im Aufzug und Frauen drücken sich in eine Ecke, halten ihre Handtasche ganz fest, und dass, obwohl ich 61 Jahre alt und Professor an einer Universität bin.“

Amerika und seine ungelöste Geschichtsaufarbeitung. Foto. Reuters.

Für Howard Pinderhughes ist deshalb klar, dass “racial profiling” vor allem etwas mit Angst zu tun hat. „Das ist die Interaktion, die ich jeden Tag erlebe. Und dann gibt es Polizisten, die auch so denken, aber sie sind bewaffnet und sind in einem sehr, sehr gefährlichen Beruf, haben selbst Angst. Jedesmal, wenn ich diese Videos von erschossenen, unbewaffneten afroamerikanischen Männern sehe, dann wird mir immer klar, welche Angst die Polizisten in dem Moment gehabt haben müssen. Racial Profiling” hat also viel mit der Angst zu tun, die sie jeden Tag verspüren.“

Howard Pinderhughes hat seine eigenen Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Er muss nicht lange nachdenken und beginnt zu erzählen: „Kurz nachdem ich nach San Francisco zog, kam ich eines Abends nach Hause, war nur noch wenige Meter von meiner Haustür entfernt, als von beiden Seiten Polizeiwagen mit Sirenen und Blaulicht angebraust kamen. Fünf Polizisten sprangen heraus, die Waffen gezogen, sie zielten auf mich und schrien: “Mit dem Gesicht auf den Boden legen”. Also machte ich das und einer fragte mich, ob ich mich ausweisen könne. Dabei zielten die Fünf noch immer auf mich. Und ich antwortete: “Officer, mein Ausweis ist in meinem Geldbeutel, aber ich hole den jetzt nicht raus. Sie können ihn aus meiner Jacke ziehen.” Er griff mir in die Tasche und nach meinem Portemonnaie, gab den Namen über Funk durch und gab mir danach meinen Geldbeutel zurück. Alles was er sagte war: “ok, den suchen wir nicht”. Und sie wollten weiter, aber ich fragte, warum sie mich kontrolliert haben. Der Officer meinte, ich hätte auf eine Beschreibung gepasst. Damit fuhren sie weg. Die Frage ist also, welche Beschreibung sie da hatten.“

Pinderhughes muss lachen, als ich ihn danach frage, ob es also gefährlicher ist, ein etwa ein Meter achtzig großer afroamerikanischer Mann zu sein, denn somit falle man ja wohl in die verdächtige Kategorie. „Wenn du schwarz, männlich bist, du musst nicht 1,80 sein. Interessant ist, wo die Beschreibung ein 1,90 grosser Schwarzer ist und sie einen 1,70 großen Mann stoppen….lacht….der dann wohl auf die Beschreibung passt.“

“Racial Profiling” passiert jeden Tag, und passiert überall im Land. Selbst in der als liberal und progressiv geltenden San Francisco Bay Area, mit ihren Städten, die sich für das Bleiberecht von illegalen Einwanderern einsetzen. Und manchmal sogar auch hier mit tödlichen Folgen, wie Zachary Norris vom “Ella Baker Center” erklärt: „Diese Form der Diskriminierung ist auch ganz alltäglich in der Bay Area. Wir hatten den Mord an Oscar Grand und kürzlich den Mord an Stephon Clark in Sacramento. Er war in seinem eigenen Haus und wurde von Polizisten erschossen, nur weil er ein Telefon in der Hand hatte. Es ist also ganz alltäglich und überall in den Vereinigten Staaten.“

Die tödlichen Schüsse auf Stephon Clark führten sie massiven Protesten in Sacramento.

Der Fall des am Neujahrstag 2009 erschossenen 22jährigen Oscar Grant wurde über die Grenzen der USA durch den Film “Fruitvale” von Regisseur Ryan Coogler bekannt. Coogler hatte jüngst mit “Black Panther” einen Milliarden Dollar Kinohit. Der ebenfalls 22jährige Stephon Clark wurde am 18. März dieses Jahres im Garten seiner Großmutter von acht Polizeikugeln tödlich getroffen, sechs davon in seinen Rücken. Die Polizei war auf der Suche nach einem Verdächtigen, der in der Nachbarschaft mehrere Scheiben eingeschmissen haben soll. Als die Polizeibeamten Clark im Garten entdeckten, rannte dieser weg. Die Polizisten eröffneten gleich das Feuer, denn sie hielten das Telefon in der Hand von Clark für eine Pistole.

Für den UCSF Professor Howard Pinderhughes haben die viel zu vielen tödlichen Schüsse von Polizisten auf unbewaffnete Schwarze zu einer Schlußfolgerung geführt: „Es gibt in der afroamerikanischen Community etwas, was zum Alltagswissen gehört. Und das ist, dass man mit seinem Sohn, seinem Neffen, unseren jungen schwarzen Männern irgendwann “DAS” Gespräch führt, wenn sie etwa acht Jahre alt sind. Und das Gespräch dreht sich dann darum, wie man am Leben bleiben kann, wenn sich Polizisten nähern, man von ihnen kontrolliert und festgehalten wird. Es wird auch gesagt, dass man das Recht hat Fragen zu stellen, das Recht hat seine Rechte einzufordern, das Recht hat all das respektvoll zu tun. Aber, dass es eben nicht immer gut für einen afroamerikanischen Mann oder Jungen ist, das auch zu tun. Denn das wird als aufsässig angesehen, als Eskalation in diesem Moment. Man muss also lernen, auf der Straße zu überleben, wenn man mit der Polizei in Kontakt kommt. Das garantiert nichts, aber es erhöht die Chancen.“

Der Rassismus ist tief in der Geschichte der USA verwurzelt. Die Ureinwohner wurden ausgerottet, Afrikaner als Sklaven importiert und in der Verfassung als Dreifünftel Menschen bezeichnet. Eine geschichtliche, moralische, ethische und auch wirtschaftliche Aufarbeitung gab es in den USA nie, wie Zachary Norris erklärt: „Wir haben Versicherungsunternehmen in diesem Land, die schon Sklavenbesitzer versicherten, falls denen ihre Sklaven verloren gingen. Diese Unternehmen profitieren bis heute von diesem strukturellen Rassismus, in dem weißes und schwarzes Leben anders gewertet wird. Dieselben Versicherungen stehen heute hinter dem Kautionssystem in diesem Land. Sie profitieren also von der hohen Inhaftierungsrate, die eine Folge der Sklaverei ist. Wenn wir keinen Weg der Wahrheitsfindung und Reinvestition finden, bei dem diese Versicherungs- und andere Unternehmen, sich ihrer Verantwortung in der langen Geschichte des strukturellen Rassismus stellen, ich glaube, dann werden wir auch nicht den Wandel schaffen, den wir brauchen.“

Das illegale, doch weit verbreitete “Racial Profiling” in den USA drückt diesen tief verwurzelten Rassismus aus. Es ist der Alltag für Afro-Amerikaner, Latinos, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe. Der Wahlkampf und der Sieg von Donald Trump haben erneut tiefe Wunden in den USA aufgerissen. Unter Barack Obama war für Afroamerikaner und Latinos nicht alles perfekt, auch wenn er der erste schwarze Präsident war, auch wenn er mit viel “Hope” auf den “Change” ins Amt gewählt wurde. So wurden unter der Obama Administration mehr illegale Einwanderer aus Mexiko und Mittelamerika abgeschoben, als unter seinem Vorgänger George W. Bush. Aber unter Donald Trump hat sich die Lage in Bezug auf das Überwinden des Rassismus in den USA mehr als verschlimmert, meint Howard Pinderhughes von der UC San Francisco. „Das ist keine Frage, dass es so ist. Ich beschäftige mich sehr mit den Themen “Race” und Gewalt. Es gab diesen Prozess, in dem versucht wurde herauszufinden, wie die Polizei sich in den afroamerikanischen Nachbarschaften verhielt, gerade gegenüber schwarzen und farbigen Männern. Das geschah nach all den Videos von unbewaffneten Schwarzen, die von der Polizei erschossen wurden. Das Ergebnis war die Ausarbeitung von Richtlinien durch das Justizministerium der USA, um zu sehen und zu versuchen, ob man das nicht verringern könnte. In der jetzigen Administration wurde das wieder aufgehoben. Unter Justizminister Jeff Sessions wurde das gestrichen. Der Polizei wurde vielmehr gesagt, ihr könnt tun, was ihr wollt. Das ist ein riesiger Rückschritt. Das Konzept des “racial profiling” wurde nicht nur ausgehöhlt, es wurde von der Administration sogar entkräftet. Sie sagen einfach, das gibt es gar nicht. Sie behaupten, das Polizisten es als Möglichkeit für ihre Arbeit nutzen müssen, um so die Bösewichte zu finden.“

Es hat sich nicht nur der Ton in Washington unter Donald Trump verändert. Sein Justizminister Jeff Sessions hat Schritt für Schritt wichtige Reformen von Barack Obama rückgängig gemacht, wie die Finanzierung von Sensibilisierungs-Programmen bei Polizeieinheiten im ganzen Land gestrichen. Doch nach wie vor gibt es, gerade in demokratisch geführten Bundesstaaten wie Kalifornien, wichtige Ansätze in den Communities. In Watts, einem berüchtigten Stadtteil in Los Angeles, in dem es zuletzt 1992 die verheerenden Ausschreitungen nach dem Freispruch der weißen Polizisten im Rodney King Prozess kam, versucht die Polizei auf die zumeist afroamerikanische und Latino Community zuzugehen, von den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wichtige Ansätze, die durchaus langfristig Hoffnung geben, meint auch Howard Pinderhughes: „Man kann leicht das Gefühl bekommen, dass nichts voran geht. Es dauert zu lange, es geht nicht schnell genug. Das stimmt und ist richtig. Aber Tatsache ist auch, dass man im Kampf um ethnische und soziale Gleichberechtigung “geduldig ungeduldig” bleiben muss. Man muss kontinuierlich darauf drängen und sich nicht mit dem Unrecht abfinden. Aber man muss auch geduldig bleiben, mit dem Wissen, dass der Bogen der Geschichte lang ist, er sich aber der Gerechtigkeit zuneigt, wie es Martin Luther King sagte.“

Die Lage südlich der „Mauer“

      Feature - The Perfect Storm

Eine alltägliche Szene in Juarez.

2009 reiste ich zum ersten Mal nach Ciudad Juarez. Damals tobte ein Drogenkartellkrieg in der Nachbarstadt von El Paso, Texas. Tausende von Menschen wurden Opfer des brutalen Straßenkrieges. Die Touristen blieben aus, Restaurants, Kneipen, Läden machten dicht, wurden mit Brettern vernagelt. Juarez versank im Chaos, glich nachts einer Geisterstadt. Mit Maschinengewehren bewaffnete und vermummte Polizisten patroullierten auf Pick Up Wagen durch die Stadt. Das Sinaloa Kartell kämpfte gegen das Juarez Kartell um die wichtigen Drogenrouten in die USA.

Nach ein paar Jahren stabilisierte und beruhigte sich die Lage wieder, das Sinaloa Kartell hatte den Krieg gewonnen. Die Mordrate sank von über 3000 im Jahr 2009 auf rund 500. Ciudad Juarez rutschte auf der Weltrangliste der gefährlichsten Städte von Platz 1 ins Mittelfeld ab.

Doch die Ruhe in Mexiko war nur von kurzer Zeit, wie die jüngste Statistik der 50 gefährlichsten Städte der Welt zeigt. Hier werden die Morde pro Einwohnerzahl gemessen. 12 der Städte liegen in Mexiko, unter den Top Ten sind sogar fünf mexikanische Städte zu finden: Platz 1 Los Cabos, Platz 3 Acapulco, Platz 5 Tijuana, Platz 6 La Paz, Platz 8 Victoria. Und Ciudad Juarez liegt auf dem 20. Platz mit einer Entwicklung nach oben, sprich die 1000er Mordrate in diesem Jahr ist schon jetzt fast erreicht. Mexiko und gerade auch die Touristenziele Los Cabos und Acapulco versinken in einem Blutbad. Die Gewaltspirale dreht sich erneut beim südlichen Nachbarn der USA.

Doch wie einst George W. Bush sieht auch Donald Trump das Problem in Mexiko selbst. Für Trump gilt, der Mauerbau würde – zumindest für die USA – alles lösen. Den Drogenfluss von Süd nach Nord, den Waffenfluss von Nord nach Süd und schließlich auch nocht die mexikanischen „Bad Guys“, „Rapists“ und „Criminals“ draußen lassen. Mexiko solle sich gefälligst um die eigenen Probleme kümmern. Das ist die Logik, die schlichtweg falsch ist. Die Gewalt in Mexiko hängt nach wie vor eng mit dem größten Drogenmarkt und den liberalsten Waffengesetzen der Welt zusammen. Die USA sind gefordert mit Mexiko zusammen zu arbeiten, um die erneute Gewaltwelle unter Kontrolle zu bringen. Doch das ist Wunschdenken in einer Zeit, in der eine Hunderte Meilen lange Mauer als Lösung für nationale Probleme gesehen wird.