Musik für dunkle Tage

„Das Buch der Klänge“ heißt die bereits 1984 erschienene Platte des Komponisten Hans Otte. Ich muss zugeben, bis vor einer Woche kannte ich diesen Mann nicht, und das, obwohl er deutsche Musikgeschichte geschrieben hat. Von 1959 bis 1984 war Hans Otte der Musikchef von Radio Bremen und entwickelte mit Weitsicht ein Programm, das einzigartig in der ARD war.

Otte war jedoch auch Komponist, der mit „Das Buch der Klänge“ auf den Spuren von John Cage wandelte, den er mit seiner Arbeit für Radio Bremen einem breiteren Publikum bekannt machte. Diese Solo Klavier Stücke wurden zwischen 1979 und 1982 geschrieben. In diesen zwölf Kapiteln führt er die Hörer auf eine ergreifende Klangreise, die einfach passend ist für den regnerischen Herbst, den kühlen Winter, der Melancholie zum Jahresende. Es ist das Herausfinden der ganzen Tiefe dieses Instruments. Einzelne Töne, die durch den Raum schweben, ein zärtlich, leises Wehen, wie der Wind, der den grauen Nebel um die Bäume waben lässt. Es ist die Stille, die hier erklingt, die den Raum mit wunderbaren Bildern erfüllt.

Das in Portland, Oregon, ansässige Label Beacon Sound bringt nun in einer Auflage von gerade mal 500 „Das Buch der Klänge“ erneut auf Vinyl heraus. „One of the 20th century’s most sublime pieces of music for piano“, heißt es auf der Webseite des Labels und diese Umschreibung scheint nicht übertrieben zu sein. Ein tief beeindruckendes, bewegendes und zeitloses Album. Perfekt für diese Jahreszeit voller Rückblicke, Gedankengängen, Aussichten. „Das Buch der Klänge“ von Hans Otte ist absolut empfehlenswert.

Der Abgesang des Undergrounds

1987 war ich zum ersten Mal in San Francisco und war begeistert. Seit 1992 habe ich vieles im Kunst-, Kultur- und Nachtleben am Golden Gate kennengelernt. Faszinierend war für mich als Nürnberger in der Weltstadt die vielen Clubs und Galerien, die Buchläden und Konzertorte, die so ganz anders waren, als das, was ich aus meiner Heimatstadt kannte. „Open Mic“ Abende mit Musikern, Schriftstellern, Künstlern, die immer anders endeten, als geplant. Konzerte und Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

Muss Apartments weichen, der Elbo Room auf der Valencia Street.

Nun lebe ich schon lange in der San Francisco Bay Area und beobachte, wie mehr und mehr Clubs und Auftrittsorte dicht machen, verschwinden, vergessen werden. Angefangen hat es mit dem ersten dot.com Boom Ende der 90er Jahre und nun weht erneut ein eiskalter Wind durch die Kulturlandschaft der Region. Viele, der einst bedeutenden und wichtigen Bühnen sind nicht mehr. Vor kurzem machte Hemlock Tavern auf Polk Street dicht. Der Elbo Room wird zum Jahresanfang verschwinden. Und im Oktober 2019 der feine Musikclub Mezzanine zwischen Market und Mission Street. „Developers“ erleben derzeit den neuen Gold Rush am Golden Gate. Mit Apartment Buildings, Lofts und Bürogebäuden kann man viel, sehr viel Geld machen.

Kulturschaffende werden ab- und rausgedrängt. War Oakland lange Zeit eine Alternative für Musiker, Künstler und Kunstschaffende, so sind auch die Mietpreise „across the Bay“ nach oben geschnellt. Erst gestern las ich von einem Studioapartment für 2850 Dollar in Oakland. Wer kann sich das noch leisten?

San Francisco und die gesamte Region verlieren derzeit ein Stück von dem, was die Bay Area immer ausmachte. Kultur wird teuer, für die, die es anbieten und für die, die es genießen wollen. Wohin der Weg geht, wie gegengesteuert werden kann, das ist mehr als fraglich. Ein Problem sicherlich nicht nur für San Francisco und die Bay Area. Überall fehlt Wohnraum, überall machen Grundstücksbesitzer, Mieteigentümer und „Developer“ Gewinn, wenn sie neue, zahlkräftige Mieter ansprechen. Und ja, jetzt klinge ich wie der alte Mann, der den alten Zeiten nachhängt. So ist es aber nicht, ich wünschte mir einfach nur, dass kulturelle und künstlerische Freiräume geschützt werden, denn gerade das macht das Leben in Städten wie San Francisco und Oakland ja auch aus. Finde ich!

Ein Kulturaustausch ist nicht länger erwünscht

Tourabsage durch Die Krupps.

Es war für eine ausländische Band noch nie leicht in den USA zu touren. Neben der genauen Planung, dem hohen finanziellen Aufwand, war da auch immer die kritische und unsichere Visafrage. Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 wurde es noch schwieriger ganz offiziell mit einem Künstlervisum einzureisen. Und nun haben wir den Diet Coke trinkenden und Big Mac essenden Donald Trump im Weißen Haus, der scheinbar nicht viel von einem kulturellen Austausch hält.

Für viele Musikerinnen und Musiker ist eine US Tour noch immer ein großer Traum. Langfristige Planungen und finanzielle Risiken werden dafür eingegangen. Doch selbst das garantiert nicht, dass man am Ende ein Visum für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhält. Schon gar nicht in dieser Zeit. Allein in der kommenden Woche fallen gleich zwei Konzerttouren aus, weil die Visa nicht rechtzeitig ausgestellt wurden. Die legendäre Düsseldorfer Band Die Krupps, um den in Austin lebenden Jürgen Engler, mussten nun in letzter Minute ihre geplanten Konzerte in den USA absagen, darunter auch ein für Freitag angesetzter Gig im „Elbo Room“ von San Francisco. Der Grund, die US Botschaft schaffte es nicht „on time“ die Visa für die Deutschen auszustellen. Auch für die Schwedin Anna von Hausswolff wird es nichts mit ihrer geplanten Tournee durch die Vereinigten Staaten. Sie sollte in der kommenden Woche u.a. in „The Chapel“ in San Francisco spielen. Auch hier machten US Bürokraten in der Botschaft keine Anstalten, zeitnah die nötigen Einreisepapiere auszustellen.

Tourabsage durch Anna von Hausswolff.

Das sind nur zwei aktuelle Beispiele von sicherlich vielen. Diese beiden habe ich aus persönlichem Interesse mitbekommen. Ein Kulturaustausch ist anscheinend nicht mehr erwünscht zwischen den Trumpschen USA und anderen Ländern. Beide Gruppen, Die Krupps und Anna von Hausswolff, hätten sicherlich kein Interesse länger als erlaubt in den USA zu bleiben, würden hier auch nicht unerlaubt nebenbei arbeiten oder versuchen den Präsidenten zu stürzen. Warum also werden Visa verweigert? Vor allem sind diese „Last Minute“ Entscheidungen und Visavergabeverzögerungen durch die US Botschaften ein teurer Spaß für Kulturschaffende, die kurz vor dem Abflug Flüge und Hotels, Transportmittel und Equipment Anmietungen stornieren müssen. Ganz zu schweigen von den Clubs, die kurzfristig keinen Ersatz finden und Geld in Werbung investiert hatten.

Ein aktiver Kulturaustausch ist ein wichtiger Brückenschlag, der gerade in kritischen Zeiten mehr als notwendig ist. Und in solchen befinden wir uns, in denen Lügen und Halbwahrheiten zu Realitäten erkoren werden. Es trifft nicht nur Bands, Musikerinnen und Musiker, die hier touren wollen. Genauso sind davon andere Kulturschaffende und Kultureinrichtungen, wie Museen und Theater betroffen. Kultur ist grenzenlos. Doch was soll man erwarten von einem selbstverliebten, kleingeistigen und kulturlosen Präsidenten, der am liebsten mit seinen goldenen Palästen protzt, auf dem auch noch sein Name in großen Lettern zu lesen ist. Amerika durchlebt wahrlich düstere Zeiten.

Kraft(Kunst)Werk

Kraftwerk sind Kult. So richtig habe ich die Düsseldorfer Band erst nach meinen Radio Goethe Anfängen auf KUSF in San Francisco kennen-, schätzen- und liebengelernt. Mit ein paar eigenen CDs hatte ich die Sendung begonnen und dann gezielt im umfangreichen Plattenarchiv des Senders nach weiteren deutschen Bands gesucht. Und da standen unter anderem auch die frühen Vinyl Scheiben von Kraftwerk. Klar, ich kannte Kraftwerk, aber so richtig hatte ich bis dahin nicht zugehört, doch das änderte sich schnell. Kraftwerk öffneten mir eine ganz neue Klangwelt, zeigten mir auf, welchen Einfluss das Kling Klang Sounduniversum auf andere Gruppen und Musikrichtungen hatte.

Konzerte, alle Platten, Bücher und Interviews mit Karl Bartos folgten. Der Sound von Kraftwerk, die Geschichte und die musikalischen und künstlerischen Visionen waren für mich und auch meine Sendung prägend. Und nun dieses Buch hier: „Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“, eine umfangreiche Studie zur Musik, der Vision, der Kunst der Düsseldorfer Formation, herausgegeben von Uwe Schütte. Jede Platte wird für sich analysiert, zerlegt, auf die kleinsten Teilchen und Tönchen hin begutachtet und durchgehört. Das Kraftwerk Imperium in seiner ganzen Macht und Schönheit.

Es ist beeindruckend, was die 15 Autorinnen und Autoren hier an Informationen, Genauigkeiten, Hintergründen, Geschichte und Geschichten zusammengetragen haben. Kraftwerk waren ihrer Zeit weit voraus, haben andere Musikerinnen und Musiker, Künstlerinnen und Künstler, ja, ganze Genres maßgeblich mit ihrem teils minimalistischen Kling Klang Sound beeinflusst. Sie experimentierten mit Tönen und Technik, kreierten so eine unvergleichliche und einzigartige Klanglandschaft, eine musikalische Vision, die immer wieder in irgendeiner Form mit der auftauchenden Mensch-Maschine zu tun hatte. Kraftwerk haben sich von den nicht verstandenen Soundtüftlern aus dem Düsseldorfer Hinterhof zu weltweit gefeierten Kulturschaffenden gewandelt, die heute wochenlang und problemlos die Hochkulturtempel dieser realen Welt füllen.

„Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“ ist nicht nur ein Buch für Kraftwerker, für Sammler, für Liebhaber des deutschen Sounds. Es ist auch ein Buch über eine Zeit, in der junge deutsche Musiker auszogen, um ihre eigene Identität zu finden, ohne dabei die deutsche Geschichte zu übersehen. Kraftwerk wurden so zu unglaublich wichtigen Kulturbotschaftern eines Landes, in dem man schlichtweg zu lange den eigenen musikalischen und künstlerischen Weg übersah, verhöhnte, klein redete. Von daher war es höchste Zeit für diese genaue Betrachtung des Gesamtkunstwerks Kraftwerk.

Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk, C.W. Leske Verlag, 24,90 Euro.

Der Mann in der Wüste brennt bald wieder

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Das „Burning Man“ Festival hat wieder begonnen. Seit letzte Nacht sind die Tore geöffnet, Zehntausende zieht es in die Wüste von Nevada, nordöstlich von Reno. Und gleich am ersten Tag gab es einen „White Out“, einen Sandsturm, der über Stunden anhielt, den feinen Staub auf der Playa aufwirbelte und alles einstaubte. Die Folge war, dass nichts mehr ging auf dem Gelände, das Eingangstor geschlossen werden musste und sich eine Endlosschlange von Burnern bildete.

BMIR – Burning Man Information Radio

Wie in jedem Jahr gibt es eine Webcam (siehe oben), die rund um die Uhr Live-Bilder vom Festival übermittelt. Gerade nachts sehr beeindruckend, was da in dieser einen Woche im Wüstensand vor sich geht. Dazu gibt es Radiostationen nur für diese sieben Tage, die live von der Playa senden. Und das sind Piratensender, die sich nicht an Regeln und Gesetze der Aufsichtsbehörde FCC halten müssen. Sie senden und sprechen über und spielen was sie wollen…das was zu höre ist, ist meist sehr unterhaltsam. Hier ist beispielsweise Burning Man Information Radio, BMIR, das Programm gibt einen guten Eindruck, wie schräg, schrill, schön „Burning Man“ sein kann. Ein 24 Stunden Informations- und Unterhaltungsprogramm für Burner vor Ort und weltweit vom Rande der Playa.

 

Der Funke Hoffnung heißt „Das Ich“

Seit nahezu 30 Jahren existiert Das Ich, das Duo um Bruno Kramm und Stefan Ackermann. In den 90ern gehörten sie zu den führenden Bands im Gothic Bereich, tourten weltweit und wurden auch in den USA zu einem festen Bestandteil der schwarzen Szene. Nun waren Das Ich wieder auf einer größeren US Tournee von der Ost- zur Westküste. Am Rande ihres Konzertes in San Francisco sprach ich mit Bruno Kramm und Stefan Ackermann:

NZ: Ihr habt schon lange nicht mehr in den USA getourt. Nun sitzen wir hier in San Francisco, Präsident ist Donald Trump, warum seid Ihr ausgerechnet jetzt auf USA Tour?

Bruno Kramm: Es gab ja sogar mal einen Zeitpunkt, wo wir uns gesagt haben, so lange wie jemand wie Donald Trump an der Macht ist, kommen wir gar nicht mehr in die USA. Wir haben das Versprechen nicht lange gehalten, wir waren dann zwischendrin in Los Angeles auf einem Festival. Dass es so lange gedauert hat, lag natürlich an verschiedenen Dingen. Zum einen an Stefans Krankheit, den Schlaganfall, den Stefan hatte. Der sich ja auch regelrecht ins Leben zurück gekämpft hat. Dann zum anderen bei mir, ich war politisch sehr aktiv, war in der Piraten Partei engagiert, habe mir quasi 5 Jahre Sabbatical von der Musik gegönnt. Normalerweise ist es ja andersrum, Sabbatical macht man mal auf Band und kehrt dann wieder zur Politik zurück. Bei mir wars andersrum. Aber jetzt haben wir wieder diese Kraft geschöpft und sind auch dabei neue Songs zu schreiben, stellen fest, dass wir glücklicherweise auch gerade so reingerutscht sind in so ein 90s Revival. D.h. plötzlich wollen einen auch auf einmal alle großen Festivals, du bist überall dabei. Das macht es dann natürlich auch viel leichter, wir haben extrem viele internationale Konzertanfragen. Wir waren im November erst auf Südamerikatournee, wir haben viele Festivals, jetzt kommt bald wieder Russland, wir machen gerade das Album fertig. USA war für uns auch so ein Stück weit, ja, mal wieder zu kucken, wie hier die Basis in der Szene ausschaut, weil die sich natürlich…ja, man spricht ja immer so von vier Jahren Generationswechsel in der Szene, da ist natürlich hier auch viel passiert in der Zwischenzeit.

NZ: Ihr seid ja schon öfters durch die USA getourt, wie hat sich das für Euch hier verändert? Seht Ihr einen Unterschied, was hier vor zehn, fünfzehn Jahren war?

Stefan Ackermann: Um ganz ehrlich zu sein, nicht wirklich. Es ist immer noch das Kaugummimäßige, was hier so ist, also nichts wirklich greifbares und sehr fadenscheinig bleiben. Lieber auf Sicherheit machen und nicht wirklich mal Tacheles reden, das geht hier so gut wie gar nicht. Alle sagen schnell “hey friend”, aber es ist nicht so gemeint, das nervt ein bißchen, aber es ist ok. Das ist eben das Land, das ist die Mentalität, da kann man nichts machen. Wir sind keine Weltveränderer.

Bruno Kramm: Nice to meet you…gut, so eine Szene ist auch nie geschützt davor, die eigene regionale Mentalität inne zu haben. Das ist nun mal sehr, sehr amerikanisch.

NZ: Wir haben schon Trump erwähnt, merkt Ihr da einen Unterschied. Ihr seid ja eine Band, die schon sehr “outspoken” ist, Bruno, Du warst ja lange Zeit politisch sehr aktiv, Ihr bringt das ja auch in Eure Musik ein…

Bruno Kramm: Da merkst Du schon, dass es so einen kleinen Change gab, dahingehend, dass sich bestimmte rechte Strömungen jetzt viel offener nach vorne wagen, in der Vergangenheit doch eher so in Deckung blieben, weil es einfach zum liberalen, multikulturellen Amerika nicht gepasst hat und die jetzt ziemlich offen dazu stehen. Das merkst Du vor allem, wie es halt so üblich ist, im “Bible Belt”, in den Südstaaten. In Georgia war ich teilweise schon schockiert, wie die Leute ganz offen mit ihren “Trump 2020” Stickern rumrennen. Und auch diese Spaltung der Gesellschaft, die schon immer da war zwischen Arm und Reich und schwarzen Menschen und weißer Supremacy, die ja ganz stark ausgeprägt ist, das ist noch krasser geworden. Du merkst das natürlich nicht so in der Szene. Die ist prinzipiell viel liberaler, viel mehr auf Diversität, auf Toleranz aufgebaut, aber im normalen Leben definitiv. Und wenn ich mir dann auch die soziale Situation von vielen Freunden aus der Szene anschaue, die man auch schon seit Jahrzehnten kennt, die sich eher zum Schlechten gewendet hat. Und wenn man dann auch ein bisschen hinterfragt, wie so generell die Zukunftsperspektive ist, dann wird einem schon ein bisschen Angst.

NZ: Aber warum tourt Ihr jetzt gerade durch die USA? Die neue Platte kommt ja erst, was hat Euch hierher gezogen?

Stefan Ackermann: Wir haben einen neuen Song, den spielen wir heute schon. Und das ist auch für Amerika eine Besonderheit, weil die Amerikaner natürlich weltweit die ersten sind, America First…(beide lachen)…ein bisschen Ironie dabei. Aber wie wir jetzt darauf gekommen sind. Na ja, es wurde gefragt, der Bruno macht ja das ganze Booking, er ist ein supertoller Manager, geht nicht besser. Und er hat halt drei, vier, acht Termine gehabt, dann haben die anderen Veranstalter das mitbekommen und dann kam eine Show nach der anderen dazu. Am Ende sind es 16 geworden.

Bruno Kramm: Es war eigentlich auch nicht geplant, dass es so eine große Tournee wird. Ich wollte eigentlich drei, vier Konzerte machen, wir wollten ein, zwei neue Songs ausprobieren und mal schauen, wie die so funktionieren. Doch dann hat sich noch relativ viel dazu eingereiht und plötzlich war es dann doch eine Tour, die fast einen Monat lang geht. Aber es hat, denke ich, auch schon viel damit zu tun, dass dieses 90s Revival auch in den USA stattfindet, New Wave als solches, gerade der späten 80er, Anfang der 90er ist wieder extrem im Kommen. Dann dachten wir uns, jetzt sind wir eh schon da…also, ursprünglich hieß es eine Woche. Dann wurden plötzlich zwei Wochen draus, dann wurden plötzlich drei Wochen draus. Und dann hieß es, jetzt kommt noch Detroit dazu, dann noch Richmond und Providence, das wurde dann irgendwie so eingeflochten und dann war es auf einmal eine Riesentour. Jetzt sieht es so aus, wie eine Tournee, wir neues Album, große Tournee, aber so war das nicht gedacht, es hat sich einfach so ergeben. Im Nachhinein muss ich sagen, es wäre vielleicht besser gewesen, ein paar Shows weniger zu machen, weil es extrem anstrengend ist. Wir haben so ein straffes Programm, dass nach acht Tagen jeden Tag Konzert dann mal ein Off-Day ist. Und dann wieder acht Tage, dazu dann noch die Strecken, die teilweise riesengroß sind. An der Westküste fliegen wir alles, das is ok, aber an der Ostküste sind wir halt sehr viel gefahren. Das sind dann so Strecken, du spielst in Tampa, fährst dann am nächsten Morgen nach Atlanta, um da zu spielen, um dann am nächsten Morgen nach West-Palm Beach zu fahren, um da zu spielen…das ist schon arg und das hätten wir uns auch ein bißchen leichter machen können.

NZ: Wie einfach war es für Euch hier zu touren, denn in der jüngsten Vergangenheit habe ich mehrmals mitbekommen, dass Bands Touren im letzten Moment absagen mussten, weil sie keine Visa oder erst verspätet bekommen haben?

Bruno Kramm: Also, niemals mit Visa machen, das ist eigentlich der wichtigste Punkt. Ich kann das jeder Band nur so empfehlen, ich empfehle es auch jeder Band im Moment so, eigentlich machen das auch alle so. Ich habe es zuletzt gesehen bei einer deutschen Band, Lord of the Lost, die wollten eine komplette Tour machen, die haben ein Dreivierteljahr vorher offiziell Visa beantragt, den ganzen Prozess mit diversen Agenturen durchgegangen. Sind knapp 5000 Euro losgeworden dabei, mit dem Resultat, dass es dann doch nicht geklappt hat. Das Risiko ist mir zu groß, letzten Endes machen wir es so, wie wir es immer gemacht haben, als Touristen einreisen und dann unsere Konzerte spielen. Ist vielleicht nicht ganz legal, aber die meisten Bands machen es so und anders lässt es sich nicht machen. Wenn du es versuchst regulär zu machen ist das Risiko nicht nur für dich selber, sondern auch für die örtlichen Veranstalter so groß, wenn das ganze “failed”, dass du das nicht eingehen kannst. Ich glaube, das hat auch viel mit dem aktuellen Klima zu tun, dieses sich abschotten in den USA, dass es eigentlich gar nicht mehr so angesagt ist…Man hat ja selber so viel zu bieten, dass man das vielleicht ein Stück weit von außen beeinflusst, was ja eigentlich immer ganz wichtig für die USA war, dass das gar nicht mehr so stattfindet, was sehr schade ist.

NZ: Jetzt würde ich gerne was zur neuen Platte wissen, wie sie zustande gekommen ist, der Prozess, was man vielleicht auch hören wird?

Stefan Ackermann: Schwierig da was zu erzählen, weil das alles ja erst im Entstehen ist. Ein Song ist fertig, den wir heute auch präsentieren, also, einfach anhören und selber entscheiden.

Bruno Kramm: Also, wir sind gerade mitten im Prozess. Ich habe ganz viele neue Songs auf der Festplatte, an denen gerade gearbeitet wird. Wir sind natürlich auch am überlegen, was für ein Format wollen wir überhaupt fahren. Macht es überhaupt noch Sinn in der heutigen Zeit eine feste CD zu veröffentlichen, da machst du eine Mörder Promo, die läuft dann genau einen Monat und danach ist wieder alles vorbei. Oder teilst du es nicht lieber in einzelne Happen auf und versuchst eine Story draus zu entwickeln. Das sind so Geschichten, wo wir noch immer dabei sind, aber kommen wird sie auf alle Fälle. Die Songs sind schon alle sehr, sehr weit, aber wie wir das ganze dann veröffentlichen. Ich will da auch noch nicht zu viel zu sagen, weil es alles noch in der Planung ist, aber neue Songs ausprobieren war natürlich hier schon so ein Fokus.

NZ: Und wann soll die Platte kommen?

Bruno Kramm: Nächstes Jahr auf alle Fälle..

Stefan Ackermann: Jedes Mal, wenn wir was gesagt haben, haben wir uns um Jahre verschätzt…

Bruno Kramm: Es ist wirklich so das wesentliche, dass du dich als Band fragen musst, willst du eigentlich klassisch, ein normales Album veröffentlichen. Da gibt es zwei Überlegungen. Einmal, hat das Album-Format in einer Zeit wie heute überhaupt noch eine Daseinsberechtigung, wie kannst du das vermarkten, wie kannst du mit Social Media arbeiten. Und auf der anderen Seite sehe ich mir viele Kollegen an, die da auch ein bisschen an ihrem Anachronismus hängen geblieben sind, ganz stur sagen, “ja, ich will genau so das Album, das ist meine Kunstform.” Für uns war es auch immer wichtig die Gegenwart zu reflektieren. Eine Reflexion der Gegenwart, finde ich, kann mit einem klassischen Albumkonzept alleine nicht so funktionieren. Deswegen sind wir da ein bisschen am Grübeln, wie man das alles zu so einem Fluss verbinden können. Vielleicht eben dann regelmäßig was veröffentlichen mit viel Coverage, die dann auf Social Media Kanälen stattfindet. Ist halt erst recht viel zu planen, weil man dann nicht nur eine Albumproduktion hat, sondern eben auch noch den „surrounding content“.

NZ: Ihr seid nun mit Das Ich seit über 30 Jahren im Geschäft. Was reizt Euch noch immer als Das Ich aufzutreten, Musik zu machen, live zu spielen?

Stefan Ackermann: Jeder einzelne Gast der kommt, die Welt bereisen, das Tourleben an sich, das ist wundervoll. Ich meine, andere Menschen müssen dafür bezahlen mal an die Copacabana zu kommen oder nach Südamerika. Die müssen richtig viel Geld zahlen, und wir werden eingeladen und kriegen auch noch Geld dafür. Das ist doch schön, einen besseren Job gibt es nicht. Das wird auch jeder Musiker bestätigen. Und der, der sagt es ist nicht so, der lügt.

Bruno Kramm: Was uns gerade auch reizt, gerade in solchen Ländern, wie den USA, ist, unsere Sichtweise auch ein bisschen so rüberbringen, die Menschen zu unterstützen, gerade auch von der Szene, die so ein bisschen aus der normalen, angepassten Gesellschaft, rausfallen. Die aber für eine Vielfalt stehen, die heute gar nicht mehr so erwünscht ist. Ein Stückchen weit ist es auch so, wenn du an die Geschichte denkst, wie, gerade in der dunkelsten Zeit Deutschlands, die USA gekommen ist, in Europa und in Deutschland eine Kultur von Vielfalt, von Demokratie verankert und neu aufgebaut hat, ist es für uns jetzt eben wichtig, auch ein Stück weit zu kommen und zu sagen, hey, es gibt immer noch diesen Funken von Hoffnung. Also, Hoffnung ist eine ganz, ganz wichtige Geschichte und gerade in der Szene, das eben zu verbreiten und zu zeigen, ja, wir müssen für diese Werte kämpfen jeden Tag. Vielfalt feiern ist eine Sache, die aber zu leben und anderen Menschen zu vermitteln, gerade in einer Zeit, die geprägt von Hass und Ausgrenzung ist, ist, finde ich, so wahnsinnig wichtig. Gerade das können Menschen in der Szene mit diesem visuellen Aspekt, der ja so nach außen trägt, sehr viel besser in der Gesellschaft auch verkörpern. Ich glaube, das ist auch so ein Aspekt, in dem wie wir sind, wie wir uns darstellen, wofür wir stehen, was unsere Inhalte musikalisch sind, dass wir versuchen können, da ein kleines Fünkchen zu sein. Weißt Du, ich sehe Hoffnung immer ein bisschen so…in Kalifornien ist es ja meistens so extrem heiß, dass fast alles anfängt von selbst zu brennen und da reicht oft ein kleiner Funke. Und wir sind auch nur ein ganz kleiner Funke, aber in der Hoffnung hier ein Feuer wieder zu entfachen für die Werte, die Amerika irgendwann einmal groß gemacht haben. Für Vielfalt zu stehen, für Toleranz zu stehen, für Offenheit zu stehen. Gerade in einem Land, das so sehr davon gelebt hat, dass es all die aufgenommen hat, die in anderen Teilen der Welt nicht leben konnten, aus welchen Gründen auch immer. Und gemeinsam hier eine Gesellschaft, die fundiert ist auf Toleranz und Mitgefühl und Miteinander aufzubauen und dafür eben zu werben, ihre eigenen Ideale eben wieder anzustacheln. Sie haben eben nunmal eine geile Constitution, in der das auch so drin steht. Ganz ehrlich, wenn wir in Russland auf Tournee gehen, wenn du in der Szene bist, da bist du ja erst recht so ein ausgrenzten Wesen, aber wie wichtig ist es für diese Werte zu stehen, diese Fahne hochzuhalten. Das ist eben nicht nur, ich feiere mich in meinem Outfit, sondern eben auch für was Inneres zu stehen, für die Toleranz, für die Vielfalt. Das ist ganz wichtig. Und ich glaube, diesen Wert brauchen wir heute umso mehr, als je zuvor in den letzten Jahrzehnten und dafür stehen wir als Das Ich.

NZ: Bruno, Du warst politisch aktiv bei den Grünen und auch bei der Piraten Partei. Siehst Du Dich auch als Künstler eher politisch und, ja, in der Verantwortung Dinge auf der Bühne und in Deiner Musik anzusprechen, anzugehen?

Bruno Kramm: Weißt Du, ich bin eh der Meinung, Musik ist per se politisch, auch im Sinne von Adorno. Und wenn Musik nicht politisch sein will, wie eine Helene Fischer, dann ist sie ja auch politisch, weil sie letztendlich einen Status Quo zementiert und damit politisch einen ganz wichtigen Aspekt des Mainstreams wahrnimmt. Also insofern ist Kultur, Musik per se immer politisch. Musik und Kultur ist so eigentlich das einzig gute, was friedlich eine Revolution bringen und gestalterisch eine Gesellschaft verändern kann. Denn sie trägt die Inhalte und kann über diese Metaebene der Musik der Emotion viel mehr erreichen. Für mich war das so, dass ich in den Jahren, in denen ich Politik gemacht habe eigentlich erst recht wieder kapiert habe, warum ich eigentlich immer Underground Musik gemacht habe. Weil, wir kamen nun mal aus dieser New Wave Punk Szene, die durch und durch politisch war, die emanzipatorisch war. Deswegen bin ich dann auch bei emanzipatorischen Parteien gelandet, aber ich habe dann auch festgestellt beim Politik machen, dass ich doch immer sehr emotional geredet habe und gemerkt, das kommt wahrscheinlich von meinem musikalischen Background. Um dann irgendwann über die Jahre festzustellen, was die Glaubwürdigkeit betrifft kannst du als Musiker politisch viel mehr erreichen, als als Politiker, der eben per se immer mit der Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat. Und ich muss auch sagen, egal wie idealistisch du an die Politik herangehst, irgendwann wirst du immer in diese Systematik, in dieses seltsame Kompromisse und Deals schließen reingezogen. Das habe ich sogar in meinen fünf Jahren gemerkt, um dann irgendwann festzustellen, würdest du es länger machen, würdest du auch so ein Politiker werden, der alle möglichen Kompromisse eingeht und irgendwann plötzlich nicht mehr merkt, dass er sich selbst verloren hat. Und deswegen war für mich dieser Sprung zurück in die Musik und auch festzustellen, wir sind politisch in dem was wir tun, ein ganz wichtiger und dadurch ein ganzheitlicher, wo du auch noch merkst im Rückblick, alles ist ein Weg irgendwie für dich selber.

Der Funken zum großen Feuer

Vor mehr als 30 Jahren wurde Das Ich im oberfränkischen Bayreuth gegründet. Aus der Wagnerstadt zog das Duo hinaus in die Welt, um mit ihrem eigenwilligen Sound, ihrer schockierenden Bühnenpräsenz und ihren deutschen Texten zu ganz besonderen Kulturbotschaftern zu werden. „Das Ich besucht AmerikA“ heißt die aktuelle Tour, die Bruno Kramm und Stefan Ackermann durch 16 amerikanische Städte führt.

Man sei schon etwas geschockt gewesen, als man im Süden der USA die „Trump 2020“ Aufkleber auf den Pickups sah, meint Bruno Kramm im Gespräch. Viele seiner Musikerkollegen in Deutschland meiden mittlerweile die USA, sie wollen vielmehr abwarten, bis Donald Trump aus dem Amt ist. Doch davon hält Kramm gar nichts. Musik sei politisch, er finde es wichtig auch hier deutlich Stellung zu beziehen, an die Grundwerte Amerikas zu appelieren. Auf der Bühne findet der 51jährige durchaus deutliche Worte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ohne ihn beim Namen zu nennen: „Send him to space, he is a f…. illegal earthling“. Im Gespräch mit ihm und Stefan Ackermann klingt das ganz anders. Er sieht Das Ich als kleinen Funken, der vielleicht mithelfen könnte, den dringend notwendigen Flächenbrand in den USA zu entfachen.

Das Ich meldet sich mit dieser USA Tour brachial zurück. Neun Jahre lang herrschte nahezu Funkstille. Das lag an einer schweren Erkrankung von Sänger Stefan Ackermann und das lag auch an den politischen Ambitionen von Bruno Kramm, der von Bündnis90/Die Grünen zur Piratenpartei wechselte und sich in Berlin in die Landespolitik einmischte. Schließlich klagte er noch erfolgreich gegen die GEMA.

Doch nun steht wieder die Musik im Vordergrund. Erst die Tour, an einer neuen Platte wird gearbeitet, ganz im Sinne von „America First“ präsentierte Das Ich schon neue Songs in den Live-Konzerten. In der gutbesuchten DNA-Lounge auf der 11. Street in San Francisco kamen die alten und neuen Songs gut an. Auf der Bühne tobten die drei Gestalten (der Dritte im Live-Bund ist Damian Hrunka) wie Berserker. Bruno Kramm der Alptraum-Priester, Stefan Ackermann mit roter Haut wie ein Derwisch, Damian Hrunka als Schlächter im Vorhof zur Hölle. Es war ein schräg-schrill-schönes Konzert, mitreißend, lautstark, eine ganz besondere Dröhnung. Das Ich als Kultur- und Sprachbotschafter Deutschlands, nicht ganz offiziell, aber dafür umso einprägender. Wie sagte der eine am Ende dees Konzerts neben mir: „Those Germans, they’re crazy, but we need them“.

Die transatlantische Federzeichnung

Alexander Hacke sass im vergangenen Dezember in meiner Küche hier in Oakland und erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit David Eugene Edwards. Ich war von dieser Aussicht mehr als begeistert, denn Alexander Hacke ist nicht nur ein wichtiger Teil der Einstürzenden Neubauten, er hat darüberhinaus über die Jahrzehnte unglaubliche Klangkreationen als Solokünstler und gemeinsam mit seiner Frau Danielle de Picciotto entstehen lassen. Dazu hat er zahlreiche andere Bands und Musiker produziert und beeinflusst. Ich war gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen auf diese deutsch-amerikanische Kollaboration.

Nun liegt das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Musikerpartnerschaft mit David Eugene Edwards vor, einem Musiker, dem ich ebenfalls schon sehr lange musikalisch folge. Seine Americana-Veröffentlichungen mit 16 Horsepower, danach Wovenhand und mehrere Nebenprojekte ließen mich jedesmal aufhorchen. In den zehn Jahren, in denen ich die Country/Folk/Americana Sendung auf der Lufthansa produzieren und moderieren durfte, war David zig mal mit seiner Musik in meiner Playlist vertreten. Seine mystisch, philosophisch-religiösen Texte bereiteten meinem Redakteur in Berlin immer wieder Kopfschmerzen, denn er musste alles vor Abnahme durchhören, ob sich da nicht irgendeine geheime Botschaft versteckte, die einen Fluggast über den Wolken zum Ausrasten bringen könnte. 16 Horsepowers „American Wheeze“ ist noch immer für mich einer meiner Lieblingssongs.

Und nun kommen Alexander und David für „Risha“ (Arabisch für Feder) zusammen und es ist alles andere als ein federleichtes Unterfangen. Hier treffen musikalische Welten und Biographien aufeinander, die sich dennoch auf wundersame Weise vereinen. Hier die geschwungene Klangwelt zwischen Industrial und Ambient von Hacke, die auf diesen tiefdüsteren, teils kratzigen Gothic-Americana Sound von Edwards trifft. Und dazu jene Texte, für die der Mann aus Colorado bekannt ist. Seine besondere Mikrofonarbeit ergänzt sich perfekt mit dem Droneteppich des Berliner Tonkünstlers.

Die Zusammenarbeit erfolgte, so erzählte es mir Alexander Hacke, nicht einfach so an einem Ort, in einem Studio, zu einem Zeitpunkt. Seit langem sind die beiden befreundet und tauschten sich immer wieder aus. So auch diesmal, Files wurden hin und her geschickt. Alexander, der mit seiner privaten und künstlerischen Lebenspartnerin Danielle de Picciotto die Welt bereist – beide verstehen sich als „Gypsies“ – arbeitete von unterwegs. Bei David Eugene Edwards, der in Colorado lebt, aber in Europa mehr erfolgreich ist, war es nicht viel anders. „Risha“ ist ein Album unterwegs, „on the road“ geworden, irgendwie hört man das auch. Offen für Eindrücke, Erfahrungen, Einflüsse. Es ist diese Bewegung, dieser Fluss, dieses niemals Ankommen, der Weg ist das Ziel, was hier durchschlägt. In den zehn Songs überschreiten die beiden Musiker problemlos unzählige Genres, lassen sich nicht einengen, bieten den Hörern vielmehr eine grenzenlos-klangvolle Weltsicht.

„Risha“ ist genau das, was ich im Dezember in meiner Küche erhofft hatte. Eine wunderbare Zusammenarbeit und Ergänzung von zwei von mir sehr geschätzten Musikern, die mich immer wieder überraschen und tief berühren. „Risha“ ist auf Glitterhouse Records als Vinyl, CD und Download erschienen.

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Die Mauern werden höher

Die Tour von Uli Jon Roth musste aufgrund von nicht ausgestellter Visa abgesagt werden.

Ok, er hat ziemlich lange Haare, aber das sollte eigentlich kein Grund dafür sein, dass der legendäre Gitarrist Uli Jon Roth und seine Band keine Einreise- und Arbeitsvisa für die USA erhalten. Der frühere Scorpions Gitarrist und weltweit bekannte Musiker ist das jüngste Opfer eines undurchschaubaren amerikanischen Künstleraustausches. Präsident Donald Trump geht nach seinen Mauerplänen, seinen Rufen nach Tarifen und Einfuhrzöllen nun wohl an die Bereinigung des amerikanichen Kulturangebotes: „America First“ auch für die Musikclubs im ganzen Land.

Die Tour von Uli Jon Roth stand schon fest, die Termine waren angekündigt, die Fans freuten sich auf eine sagenhafte Jubiläumstour, doch daraus wird nun vorerst nichts. Auf der Webseite erklärte Roth, dass man alles richtig gemacht habe, sich rechtzeitig um die Visa gekümmert hat, die höheren Gebühren für eine schnellere Behandlung der Anträge gezahlt habe, auch einen erfahrenen Anwalt für Immigrationsrecht eingeschaltet hatte. Doch am Ende half alles nichts.

Und das scheint nun mittlerweile Programm in Washington zu sein. In den 22 Jahren, in denen ich hier in den USA lebe und mit Musikern zu tun habe, gab es immer wieder Bands, die aufgrund von nicht rechtzeitig ausgestellten Visa ihre Tourneen absagen mussten, darunter auch solche bekannten Bands wie die Einstürzenden Neubauten. Doch mit dem Maurermeister und Kulturfeind Donald Trump im Weißen Haus scheint alles zu eskalieren. Uli Jon Roth, der in der Vergangenheit regelmäßig durch die Vereinigten Staaten tourte, erklärt auf seiner Webseite, dass „seit Februar dieses Jahres die Anzahl von nichtgenehmigten Arbeitsvisa in den USA um 1400 % (!!!) gestiegen ist“. Das ist eine klare Kriegserklärung an die globale Kunst- und Kulturszene.

Die Trump Administration, die sich bereits mehrfach für eine ersatzlose Streichung der staatlichen Kulturförderung in den USA, den sogenannten „Endowments“, einsetzte, geht nun an den internationalen Künstleraustausch. Anders kann diese deutliche Blockierung von Arbeitsvisa für hier auftretende MusikerInnen und KünstlerInnen aus dem Ausland nicht verstanden werden. „America First“ erhält damit einen ganz neuen Dreh, der so nur abgelehnt werden kann und muss.

Die wundersame Welt der Mona Caron

      Mona Caron

Die Schweizer Künstlerin Mona Caron coloriert die Städte.

San Francisco ist eine bunte Stadt, und das liegt nicht nur an dem erdigen Orangeton der Golden Gate Bridge oder der allseits präsenten Regenbogenfahne. Künstler, viele davon aus dem deutschsprachigen Raum, hat es seit jeher in die nordkalifornische Metropole gezogen. Das milde Klima, die kreative Atmosphäre, das gewachsene Mäzenatentum sind einzigartig. Unter den vielen die kamen und blieben ist auch eine Schweizer Künstlerin, die den öffentlichen Raum für ihre Kunstwerke nutzt. Und von San Francisco aus eine Weltkarriere gestartet hat.

An der Ecke Church und 14th Street in San Francisco, an der Außenmauer eines Corner Stores, findet man ein etwa zehn Meter mal drei Meter großes Mural, ein Wandbild. Gemalt von der Schweizer Künstlerin Mona Caron, die seit 1996 in San Francisco lebt und arbeitet. Dieses Mural ist eines von 12 in der nordkalifornischen Metropole, das die aus Lugano stammende Malerin fertiggestellt hat. Passanten laufen an dem Bild vorbei, ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm schaut genauer hin, deutet auf Personen und Einzelheiten im Bild. Hier treffe ich Mona Caron. Wir schlendern in eine Seitenstraße und setzen uns an diesem sonnigen Tag in San Francisco auf die Stufen eines viktorianischen Gebäudes. „Das Wandbild ist eine einzige Vogelperspektive von der Market Street in San Francisco. Es ist eine Art verschiedene Momente der Geschichte zu vergleichen, wie die Leute so den öffentlichen Raum gebraucht haben und wie sich das wahnsinnig geändert hat.“

Dieses Wandbild ist eines der frühen von Mona Caron. Damals als sie nach einem Studium an der Academy of Art in San Francisco hängenblieb, hier ein relativ günstiges Zimmer fand und einfach eintauchte in die kreative Schaffenswelt der “City by the Bay”. Sie nahm sich die Zeit, manchmal mehrere Monate, sprach mit Anwohnern über das, was in dem Quartier wichtig ist und verarbeitete all das in den riesigen Murals. Doch das ist lange her. Bekannt ist sie nun geworden – und das weltweit – durch ihre riesigen Wandbilder, die Unkräuter darstellen, die in den kleinsten Betonritzen wachsen. Mona Caron spricht von einer Metapher. Unkraut vergeht nicht. Und so sei es auch in einer Stadt wie San Francisco, in der die Gentrifizierung unbarmherzig voranschreitet. „Ich fing an diese Pflanzen zu malen, Zentimeter um Zentimeter, und davon habe ich Trickfilme, also Stop-Motion-Animation gemacht, wie sie da wachsen. Und das in einem visuellen Kontext, wo die plötzlich größer sind als die Stadt selbst, darum waren die Dächer perfekt, weil ich diese Pflanzen zeigen wollte, die Rückeroberung…das wollte ich illustrieren. Dann habe ich so einen kleinen Trickfilm auf youtube gestellt und ich hatte genau 17 followers, aber irgendwie ist das raus und ich weiss nicht, wer das gesehen hat, aber es ging durchs Internet und plötzlich habe ich aus der ganzen Welt Nachrichten von Leuten bekommen, die sagen, ich weiss genau wovon du sprichst.“

Sogar aus dem Kriegsgebiet im Irak erhielt sie Post. Auf ihrer Instagram Seite und auf youtube hat Mona Caron viele Bilder und Videos veröffentlicht, die ihre Kunstwerke und sie bei der Arbeit zeigen. Mittlerweile ist sie international gefragt, war u.a. in Mexiko, Brasilien, Taiwan, um grauen Beton in den Innenstädten unter ihren farbenfrohen Wandbildern verschwinden zu lassen. Und am Anfang, wenn sie vor der leeren Wand steht hat sie noch immer Bauchschmerzen. „Ich denke mir, das werde ich nie fertig bringen. Früher hatte ich manchmal Monate an einer Wand. Was wirklich wahnsinnig ist, ist, dass heutzutage sind nicht nur die Wände sehr groß, sondern man sagt, gut, du hast so 15 Tage…(lacht)…danke vielmals…ja Scheisse, was mach ich da.“

Aufhören kann und will sie dennoch nicht, die Wände ziehen sie weiter an. Ihre Unkräuter wachsen also auf grauem Beton weiter und nehmen sich den Platz zum Wuchern.

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